Norman Finkelstein über Juden, Antisemitismus und Israel

Von Angela Schneider

Das Interesse am Holocaust und den damit zusammenhängenden politischen und finanziellen Manipulationen und Machtkämpfen ist in den letzten Jahren in der arabischen Welt sprunghaft angestiegen. Dieses Interesse gilt nicht nur dem Holocaust-Revisionismus, der erstmals durch die französische Affäre um den katholischen Abt Abbé Pierre und den früheren kommunistischen Intellektuellen und jetzigen Vorkämpfer des Islams Roger Garaudy hohe Wellen schlug (vgl. VffG 1/97, S. 9-18). Auch die etwas weniger umstrittene Kritik am Shoah-Business bzw. der Holocaust-Industrie wird im Nahen Osten aufmerksam verfolgt.

Die in Beirut erscheinende libanesische Tageszeitung The Daily Star veröffentlichte am 3. Juli 2001 eine Rezension des Buches Die Holocaust Industrie des US-Politologen Prof. Dr. Norman Finkelstein (vgl. dazu die Rezension in VffG 3&4/2000, S. 435-438). Gefolgt wird diese Rezension von einem Interview des Samia Nassar Melki mit Prof. Finkelstein, in dem sich einige erstaunliche und klare Aussagen befinden, die den Lesern der VffG nicht vorenthalten werden sollten. Nachfolgend werden die wesentlichen Passagen dieses Interviews daher wiedergegeben (S = Samia, F = Finkelstein):

Norman G. Finkelstein

Norman Finkelstein nimmt
kein Blatt vor den Mund

Samia Nassar Melki spricht mit dem freimütigen Autor

Norman G. Finkelstein lehrt Internationale Beziehungen und Politische Theorie an der City University von New York. Er machte einen Abschluß in Politologie an der Princeton Universität und schrieb eine Dissertation über den Zionismus. Er ist Autor einiger Bücher: Image and Reality of the Israel-Palestine conflict (Abbild und Wirklichkeit des israelisch-palästinensischen Konflikts), The Rise and Fall of Palestine: A Personal Account of the Intifada Years (Aufstieg und Fall Palästinas: Ein persönlicher Bericht der Jahre der Intifada) sowie A Nation on Trial (Eine Nation vor Gericht), das er zusammen mit Ruth Bettina Birn verfaßte [vgl. VffG 4/98, S. 311ff.]. Sein letztes und umstrittenstes Buch, Die Holocaust-Industrie, ist zur Zeit ein Nummer 1 Bestseller überall in Europa, wird aber in den Vereinigten Staaten mit Schweigen übergangen. In diesem Interview, das in Finkelsteins Haus in New York geführt wurde, sprach Samia Nassar Melki mit dem Autor über sein Buch, dessen Auswirkungen und den Nahen Osten. (S = Samia; F = Finkelstein)

S:

Wie kommen Sie mit dieser ganzen Kontroverse zurecht?

F:

Für mich findet diese Kontroverse in einer fremden Welt statt, weil es in den Vereinigten Staaten nichts dergleichen gibt! Gestern rief mich eine frühere Mitarbeiterin aus Belgien an und sagte mir, sie sei in einen Buchladen gegangen und habe mein Buch dort in hervorgehobener Weise ausgestellt gesehen. Hier in den Vereinigten Staaten kann man das Buch nicht finden. Das ganze Theater findet also in einer fremden Welt statt. Ich komme mir hier nicht wie ein Prominenter vor, das gibt es hier nicht.

S:

Amerika ist wie eine Wand des Schweigens. Wie bleiben Sie mit dem Nahen Osten in Verbindung, mit der Kontroverse, die Ihr Buch in Europa verursacht, und mit dem, was die Industrie vorhat?

F:

Im wesentlichen durch das Internet, Email, Korrespondenz. Die USA sind der Firmensitz der Holocaust-Industrie; jeden Tag ist hier etwas los. Es gibt zur Zeit tatsächlich keine einzige Ausgabe der New York Times, die keinen Artikel über den Nazi-Holocaust enthält. Das einzige Thema, das intensiver behandelt wird, ist das Wetter! Das ist wahr. Es gibt keine einzige Ausgabe des Sunday Book Review [größtes US-Buch-Rezensionsmagazin], die kein Buch über den Holocaust enthält. Wenn man heute veröffentlicht werden will, dann am besten, indem man über den Holocaust schreibt.

S:

In Ihrem Buch "Die Holocaust Industrie" sagen Sie, die amerikanischen Juden benutzten den Holocaust und Israel, um eine hohe Position in der Gesellschaft zu erreichen. Nun sind sie ja an der Spitze der Gesellschaft. Doch was kommt jetzt?

F:

Es dient sehr nützlichen Zwecken. Die amerikanischen Juden sind in der wirklich phänomenalen Lage, die wirtschaftlich erfolgreichste ethnische Gruppe in den USA zu sein, und es ist da sehr nützlich zu behaupten, man sei ein Opfer. Dies wird von dieser Gruppe dazu benützt, um sich vor jeder Art der Kritik zu immunisieren. Das ist genau das gleiche, was Israel tut. Israel ist die viert- oder fünftgrößte Militärmacht der Welt und behauptet fortwährend "ich Armer, ich werde angegriffen." Dies ist eine wundervolle ideologische Waffe, und sie werden diese bestimmt nicht aufgeben.

S:

Aber wenn der Holocaust ein Mittel zu einem Zweck ist, und dieser Zweck letztlich erreicht wurde, was passiert als nächstes?

F:

Richtig, aber das amerikanische Judentum ist wirtschaftlich und politisch so mächtig, daß sie den Holocaust immer noch nötig haben, um Kritik abzuwehren, denn diese Kritik wäre andernfalls recht massiv.

F:

Denken Sie, die Kritik wäre berechtigt?

 

F:

Ja, in einigen Fällen natürlich! Das betrifft die Einstellung der amerikanischen jüdischen Elite zu allen möglichen Themen, von erzwungener Gleichberechtigung ["Affirmative Action"] bis hin zu kritikloser Unterstützung Israels und der Demilitarisierung der Palästinenser. Selbstverständlich wäre Kritik berechtigt, und sie sollte geäußert werden.

S:

Was glauben Sie, was es mit echtem Antisemitismus auf sich hat?

F:

Ich habe darüber lange nachgedacht und glaube nicht, daß es darauf eine einfache Antwort gibt. Ich bin allerdings gegen die übliche Holocaust-Formulierung, jede Form des Antisemitismus sei irrational; es sei lediglich dieser völlig irrationale Haß der Nichtjuden gegen die Juden, und Juden würden niemals eine Verantwortung tragen für das ihnen gegenüber geäußerte Verhalten anderer. Ich denke, daß diese Formulierung ausschließlich egoistische und ideologische Gründe hat. Ich denke dies ist absurd. Man wende es nur einmal praktisch an: Kann irgend jemand ernsthaft behaupten, der Haß, den viele Palästinenser oder meinetwegen auch Libanesen gegen die Juden empfinden, habe nichts mit dem zu tun, was die Juden getan haben?

 

Dies ist der Zweck der Holocaust-Ideologie, denn eine zentrale Eigenschaft der ganzen Holocaust-Ideologie ist, daß die Vernichtung der Juden völlig irrational war. Sie sagen immer, jeder Völkermord, jeder andere Mord habe ein rationales Motiv: Land, Eigentum, Wohlstand. Es gebe immer einen Grund, wohingegen dieser Mord einzigartig sei, weil er irrational sei. Der zweite Schritt ist dann das Argument, der Holocaust sei die Zuspitzung des Antisemitismus der Nichtjuden, weshalb die Schlußfolgerung sei, aller Antisemitismus sei völlig irrational. das ist ein sehr nützlicher Trick.

S:

Ich denke, Ihr Buch ist eigentlich eine sehr pro-jüdisches Buch. Es ist zumindest ein ehrliches, das den Juden mitteilt, sie müssen aufpassen.

F:

Damit bin ich einverstanden. Am Ende des Buches schrieb ich, daß das amerikanische Judentum und Israel eine strukturelle Symmetrie aufweisen. Durch ihre Arroganz und ihr Herumwuchern mit ihrem politischen und wirtschaftlichen Gewicht haben sie sich in eine Ecke hineinmanövriert, wo ihr Überleben nun wirklich völlig von der herrschenden US-Elite abhängt. Ich denke nicht, daß dies für ein zahlenmäßig so kleines Volk eine gute Strategie ist. Ich denke, sie ist verrückt. Nun, man kann die Zukunft nicht voraussagen, aber das alles wird noch auf die Urheber zurückfallen. Auf wen kann sich Israel denn heute noch verlassen? Auf niemanden. Jeder verabscheut Israel, auch wenn sie anderes vorgeben, aber wir wissen, was sie wirklich denken, nicht weil sie irrationale Antisemiten sind, sondern in Wahrheit, weil Israel die große Menge guten Willens, den es bei seiner Gründung aufgrund des Nazi-Holocaust mit auf den Weg bekam, inzwischen verspielt hat.

S:

Mein Eindruck ist, daß die USA für die amerikanischen Juden im Prinzip ihr Zuhause sind, während Israel eine Art ausländisches Projekt darstellt. Sie scheinen sich nicht klar darüber zu sein, daß sie einem anderen Volk seine Heimat streitig machen.

F:

Ich denke nicht, daß sie das wirklich bekümmert. Der Rassismus ist bei amerikanischen Juden tief verwurzelt.

S:

Rassismus gegen die Araber?

F:

Gegen Araber, gegen Schwarze, offen gesagt gegen jeden. "Alle wollen die Juden ermorden. Alle sind neidisch, weil wir so viel besser sind."

S:

Und jetzt haben wir eine neue Generation von Juden, deren Identität diese Opferrolle ist.

F:

Diese Behauptung der Juden, sie seien Opfer, ist sehr sonderbar. Es ist dies eine ganz besondere Art von "Opfer". Es ist nicht die Art "wir sind Opfer, wir leiden." Ein bißchen davon ist freilich darin enthalten, weil die Juden es lieben zu glauben, sie würden immer leiden, aber es ist tatsächlich eher das Opfer vom Typ "wir sind Opfer, warum greifst du uns an?" oder "wir sind Opfer, weil sie uns angreifen, und sie greifen uns an, weil wir so viel besser sind."

 

Es gibt sicher andere Gruppen, die als Opfer angesprochen werden können. Aber die Juden sind keine Opfer. Sie sind die erfolgreichste Gruppe in den USA. Das ist eine falsche Wahrnehmung. Warum nennt sich die erfolgreichste Gruppe wohl selbst ein Opfer?

 

Wenn sie wirklich Opfer wären, so würden sie sich nicht beschweren, wie sie es jüngst in einem Artikel in der New York Times taten, daß nur 40% aller Studenten im Grundstudium an der Princeton Universität jüdische seien! Juden haben nur einen Anteil von 1,5 Prozent an der amerikanischen Bevölkerung! Das ist das Thema, das untersucht werden müßte.

S:

Merken die Amerikaner, was vor sich geht?

F:

Die amerikanischen Juden haben keine Vorstellung davon. Die Nichtjuden dagegen schon. Wenn man mit einem Nichtjuden spricht, so wird er gelegentlich so etwas sagen wie "meinen Sie nicht, daß es zu viele Holocaust-Museen gibt?" Dieser Chauvinismus, diese übertriebene Unterstützung für alles Jüdische verblendet, und ich denke, daß dies ein Problem ist.

S:

Ja, aber dieser Chauvinismus für alles Jüdische verwandelt sich im Nahen Osten in eine Menge Toter.

F:

Nichts könnte denen mehr egal sein. Die einzigen, die deren Aufmerksamkeit erlangten, waren die Kämpfer von Hisbollha [bei der fluchtartigen Räumung des Südlibanon im Herbst 2000]. Hisbollah hat genau das Richtige getan: Keine Verhandlungen, keine Zeitverschwendung mit Verhandlungen. Es gibt nur eine Sache, über die verhandelt wird: wann ihr abzieht. Verhandelt wird, nachdem ihr Euch zurückgezogen habt; davor gibt es nichts zu verhandeln. Das ist der richtige Weg. Das ist die einzige Sprache, die sie verstehen.

S:

Denken Sie, daß für die Palästinenser ein Ende in Sicht ist?

F:

Nein. Ich meine, daß die Palästinenser die Israelis besiegen können, ich glaube dies wirklich. Der Begriff Intifada bedeutet "abschütteln", wie ein Hund seine Flöhe abschüttelt, aber dieses Abschütteln war bisher ziemlich oberflächlich. Sie brauchen eine neue Führung, die wirklich engagiert und schlau ist. Die Palästinenser könnten Israel richtiggehend herumhetzen. Sie taten dies in den ersten zwei Jahren, 1988 und 1989. Israel hatte damals wirklich hart gegen sie zu kämpfen, aber es war hoffnungslos, sobald die alte Führungsriege um Yassir Arafat zurückkehrte.

S:

Für die voraussehbare Zukunft wird es also so bleiben wie es ist.

F:

Es wird schlimmer werden. Israel wird die Palästinenser in die Unterwerfung prügeln. Ich bin überhaupt nicht optimistisch. Revolten ergeben sich schlicht aus Frustrationen, und sie können nur eine bestimmte Zeit anhalten. Es gibt keine strategische Vision, kein taktisches Konzept, kein Gefühl dafür, wann man die Zügel anziehen und wann gehen lassen muß. Es wird daher nicht lange anhalten. Das Volk gibt auf. Ich bin daher sehr pessimistisch. Die sogenannte Führung der Palästinenser hat keine Vision.

S:

Was ist Sharons Strategie?

F:

Im Prinzip war es eine Strategie von Zuckerbrot und Peitsche. Barak hatte das Zuckerbrot, was bedeutet, daß er ihnen bestimmte Zugeständnisse machte, hoffend, daß die Palästinenser diese annehmen würden, da sie sich auf dem Papier gut ausmachten, und Arafat war immer nur auf Papierzugeständnisse aus. Sie dachten, daß dies funktionieren würde, und als es nicht klappte, kam Sharon ins Spiel. Aber man erinnere sich, daß es nicht Sharon ist, sondern Sharon-Peres. Es ist die gleiche Führung. Sie brachten also Sharon ins Spiel, aber Peres ist immer noch an seiner Seite. Jetzt versuchen sie es mit der Peitsche, indem sie die Palästinenser dazu prügeln wollen, die israelischen Bedingungen zu akzeptieren.

S:

Ja, aber Israel kann die 4,5 Millionen Palästinenser doch nicht ignorieren.

F:

Nun, das Konzept ist schlicht ein südafrikanisches, sprich die Errichtung von Bantu-Staaten, um ihnen dann in diesen Staaten ihre Unabhängigkeit zu geben.

S:

Was wollen die Israelis erreichen?

F:

Sie wollen erreichen, was sie immer wollten. Sie wollen den Nahen Osten dominieren und so viel eigene physische Macht und Ressourcen sicherstellen, wie sie irgend können, was bedeutet, daß sie alles Mögliche in dieser Region in Besitz nehmen, vom Mittelmeer bis zum Jordan, um dann den Rest der Region durch die Ausübung bloßen Terrors unter Kontrolle zu halten.

S:

Wenn Sie ein Kind hätten, was würden sie ihm sagen?

F:

Ich würde hoffentlich sagen: "Finde heraus, was Du im Leben erreichen willst, wie auch ich es tat." Meine Eltern haben mir wirklich keine Werte aufgezwungen, weder religiöse noch intellektuelle. Sie waren schlicht gute Eltern. Es gibt da ein gutes Sprichwort von Edward Said, der Aime Cesaire zu zitieren pflegte: "Beim Rendezvous mit dem Sieg gibt's Platz für jeden." Ich mag das.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 5(3) (2001), S. 250-252.


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