Aus der Forschung

Gab es Gaskammern im Altreich?

Vom Ende einer revisionistischen Illusion

Von Reinhold Schwertfeger


Abbildung 1, links: Leserbrief von Martin Broszat in Die Zeit vom 19.8.1960 (zum Vergrößern anklicken)
Abbildung 2, rechts: Leserbrief von Simon Wiesenthal (zum Vergrößern anklicken)

In Ausgabe 2/2001 der Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung behauptet Prof. Dr. Robert Faurisson folgendes (S. 149):

»Es ist eine gute Sache, daß die Exterminationisten letztlich praktisch die auf "Aussagen" basierende Anschuldigung aufgegeben haben, daß es Hinrichtungs-Gaskammern in den Lagern Ravensbrück, Oranienburg-Sachsenhausen, Mauthausen, Hartheim, Struthof-Natzweiler, Stutthof-Danzig, Bergen-Belsen... gegeben habe«

Schon 1993 haben Mark Weber und Greg Raven Ähnliches behauptet:[1]

»Solche offiziellen Behauptungen von Vernichtung und Vergasung in Lagern des Altreiches hielten sich bis August 1960, als Dr. Martin Broszat von Deutschlands halb-offiziellem Institut für Zeitgeschichte in einem in der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit veröffentlichten Leserbrief zugestand, daß derartige Behauptungen nicht wahr sind.«

Anlaß für diesen Artikel war ein Leserbrief Simon Wiesenthals, veröffentlicht in der US-Zeitschrift The Starts and Stripes vom 24.1.1993, der als Bestätigung von Broszats Aussage interpretiert wurde - vgl. Abbildungen 1 und 2.

Abbildung 3: Erinnerungsplakette am angeblichen Standort der "Gaskammer" im KL Ravensbrück

Abbildung 4: Denkmal im KL Ravensbrück:

»VIELE TAUSENDE WURDEN VERGAST ODER STARBEN AN ERSCHÖPFUNG«

Wenn man sich beide Briefe jedoch genau durchliest, so stellt man fest, daß in keinem behauptet wird, es habe in Lagern des Altreiches (also in den Grenzen von 1937) keine Vergasungen gegeben, sondern lediglich, es habe dort keine »Massenvergasungen wie diejenigen, die in Auschwitz, Treblinka und anderen Orten stattfanden« (Wiesenthal) bzw. »Massenvernichtung der Juden durch Vergasungen« (Broszat) gegeben. Diese Aussagen schließen "einzelne" Vergasungen von Juden oder gar Massentötungen von Nichtjuden in Lagern des Altreiches durchaus nicht aus.

Erich Kern hat die Ereignisse detailliert beschrieben, die Martin Broszat zu seinem Leserbrief veranlaßten: Da damals jemand die Existenz von Gaskammern in Dachau öffentlich bestritten hatte, ergab sich ein medialer und politischer Sturm der Entrüstung, einschließlich dem Ruf nach dem Strafrichter. Aufgrund der mehr als dünnen und offenbar unhaltbaren Beweislage bezüglich einer Gaskammer in Dachau machten Medien und Justiz dann aber einen Rückzieher.[2]

Seit Erscheinen dieses Leserbriefes wird dieser von Revisionisten als Beweis dafür vorgetragen, es habe in den Lagern des Altreiches keine Vergasungen oder sogar keine Gaskammern gegeben, obwohl schon das eine Überinterpretation seines Inhalts ist.

Ein Blick in die Literatur zeigt tatsächlich, daß die Behauptungen von Gaskammern und Vergasungen in den Lagern des Altreiches von Holocaust-Establishment niemals aufgegeben wurde. Eines der zentralen Werke zum Holocaust, das Buch Nationalsozialistische Massentötungen durch Giftgas,[3] beschäftigt sich auf den Seiten 245-280 mit Gaskammern und Vergasungen in den Lagern Mauthausen, Sachsenhausen, Ravensbrück, Stutthof, Neuengamme, Natzweiler und Dachau. Als Beweise für das Dargelegte wird verwiesen auf: Akten der alliierten Nachkriegstribunale, Veröffentlichungen ehemaliger Häftlinge; Aktenbestände der Zentralen Erfassungsstelle Ludwigsburg sowie auf frühere kommunistische Veröffentlichungen aus der SBZ (DDR). Im Kapitel zu Dachau zum Beispiel wird zum Beweis der Existenz der Gaskammern der Zeuge Dr. Blaha zitiert, ohne aber auf dessen aberwitzigen Aussagen einzugehen, wie etwa, daß in Dachau über 200.000 vergast worden seien.

Im 1990 erstmals erschienenen und zuletzt 1996 aufgelegten Taschenbuch Legenden, Lügen, Vorurteile listet Hellmuth Auerbach vom Institut für Zeitgeschichte die Lager wie folgt auf:[4]

Mauthausen:

4.000 Opfer (Zyklon B, Gaswagen CO)

Neuengamme:

450 Opfer (Zyklon B)

Sachsenhausen:

mehrere Tausend Opfer (Zyklon B)

Natzweiler:

120 bis 200 Opfer (Zyklon B)

Stutthof:

mehr als tausend Opfer (Zyklon B)

Ravensbrück:

mindestens 2.300 Opfer (Zyklon B)

Dachau wird in dieser Liste nicht aufgeführt. Auerbach bezieht sich auf drei Quellen der Sekundärliteratur, und zwar primär das oben erwähnte Buch Massentötungen..., einem in dieser Hinsicht recht oberflächlichen Beitrag von Ino Arndt und Wolfgang Scheffler[5] sowie auf ein Werk des seinerzeitigen Leiters der zentralen Erfassungsstelle in Ludwigsburg, das sich allerdings primär mit den sogenannten Vernichtungslagern beschäftigt.[6] Letztlich bleibt also als Nachweis nur das, was im Werk Massentötungen...angeführt wird.

Ein Besuch in der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Ravensbrück ergab, daß es dort sowohl einen Gedenkstein am angeblichen Standort der ehemaligen "Gaskammer" gibt, vgl. Abbildung 3, sowie einen weiteren Gedenkstein, mit dem der vergasten Frauen gedacht wird, Abbildung 4 (aufgenommen im Jahr 2000).

Eine Anfrage beim Institut für Zeitgeschichte zu diesem Komplex ergab die in Abbildung 5 wiedergegebene Antwort von Dr. Dieter Pohl, der in den 90er Jahren über Themen des Holocaust promovierte.[7] Demnach hat sich die Opferzahl von Ravensbrück von 2.300 auf 3.000 erhöht.

Auch Yehuda Bauer, Direktor des Internationalen Holocaust-Forschungsinstituts in Jerusalem, schließt sich der Meinung von Dr. Pohl an, Abbildung 6.

Auch der Ministerpräsident des Landes Brandenburg, in dessen Land sich die Gedenkstätte des ehemaligen Lagers Sachsenhausen befindet, schließt sich den beiden Holocaust-Historikern an, wobei er auf die zwei von uns bereits oben zitierten Quellen verweist. Damit nicht genug, krönt er seinen Brief sogar mit der Feststellung, aus »historischen Quellen« gehe »eindeutig hervor«, daß die SS Schrumpfköpfe als »Geschenkartikel« aus ermordeten Häftlingen herstellte, Abbildung 7. Seine eindeutigen Quellen gibt er aber nicht preis, denn die dürfte es wohl nicht geben. Es sei hier auch auf den Erlebnisbericht von Gerhard Schirmer hingewiesen, der persönlich an der Errichtung der "Gaskammer" in Sachsenhausen beteiligt war - nach dem Krieg als Kriegsgefangener und im Auftrag der Sowjets.[8]


Abbildung 5, oben: Schreiben Dr. Dieter Pohl, IfZ (zum Vergrößern anklicken)

Abbildung 7, rechts: Schreiben Ministerpräsident Brandenburg (zwei Seiten, zum Vergrößern anklicken)

Abbildung 6: Schreiben Prof. Dr. Yehuda Bauer, Yad Vashem (zum Vergrößern anklicken)

Überhaupt sind die auf die diversen Anfragen erhaltenen Antworten mehr als dünn. Am peinlichsten ist die des deutschen Jung-Holocausters Dr. Pohl, der doch ernsthaft meint, die Lagerleitung des Frauen-KL Ravensbrück sei im März 1945 noch organisatorisch in der Lage gewesen, irgendwelche Baumaterialien und Giftgase zusammenzubekommen, um daraus eine Gaskammer zu bauen und in Betrieb zu setzen. Zu jener Zeit ging in Deutschland schon lange nichts mehr. In allen Lagern war die Infrastruktur völlig zusammengebrochen. Weder Lebensmittel noch medizinische Versorgung kam zu den Lagern durch, geschweige denn irgendwelche für eine Gaskammer notwendigen Baumaterialien oder größere Mengen Giftgas. Es ist auch völlig unglaubhaft, daß die Lagerleitung im März 1945 noch in der Lage gewesen wäre - oder auch nur einen Gedanken darauf verschwendet hätte -, irgendeine Personengruppe für einen organisierten, langfristig zu planenden Massenmord herauszusuchen.

Angesicht solcher fieberwahnartiger Phantastereien muß man sich ernsthaft fragen, nach welchen Kriterien das IfZ eigentlich seine Mitarbeiter aussucht.

Festzuhalten ist, daß die Legende von Gaskammern und Vergasungen im Altreich alles andere als tot ist. Sie ist so lebendig wie nie zuvor, und in der heutigen Zeit der Offenkundigkeit, wo jede Kritik und Widerrede, jedes Zweifeln und Aufmucken mit Gefängnisstrafen verfolgt wird, ist wohl auch nicht damit zu rechnen, daß sich daran in absehbarer Zeit etwas ändern wird bzw. kann.

Andererseits ist aber auch klar, daß es mit der Beweisgrundlage für diese Legende wirklich nicht weit her ist. Die revisionistische Forschung hat in den letzten Jahrzehnten viele Mosaiksteine zusammengetragen, die dieser Legende schwer zugesetzt haben. Es schadet der wahrheitsgetreuen Geschichtsschreibung aber, wenn man wider die Tatsachen behauptet, die Hofhistoriker hätten diese Legende bereits aufgegeben. Dazu müssen sie erst noch gezwungen werden, etwa durch eine revisionistische Monographie, die sich ausschließlich mit Vergasungsbehauptungen in diesen Lagern beschäftigt.

Es wäre in der Tat an der Zeit, diese bereits gesammelten revisionistischen Mosaiksteine nun zu einem großen Ganzen zusammenzusetzen und die fehlenden Stücke zu finden und ebenfalls einzusetzen. Ein erster Schritt dazu war der unter Federführung von Prof. Faurisson zusammengestellte sogenannte Dritte Leuchter-Bericht.[9] Dieser müßte ausgebaut und auf eine breitere Grundlage gestellt werden.


Anmerkungen

[1]»Wiesenthal Re-Confirmes: "No Extermination Camps on German Soil"«, The Journal of Historical Review, 13(3), S. 9-12, hier S. 10.
[2]E. Kern, Meineid gegen Deutschland, K. W. Schütz Verlag, Göttingen 1968, S. 91-100.
[3]E. Kogon, H. Langbein, A. Rückerl et al., Nationalsozialistische Massentötungen durch Giftgas, S. Fischer Verlag, Frankfurt 1983.
[4]Wolfgang Benz, Legenden Lügen Vorurteile, dtv, München 1992, 1993, 1995, 1996, S. 200-203. Das Buch erschien zuerst 1990 bei Moos, München.
[5]I. Arndt, W. Scheffler, »Organisierter Massenmord an Juden in nationalsozialistischen Vernichtungslagern«VfZ 24 (1976) S. 105-135.
[6]Adalbert Rückerl, NS-Vernichtungslager im Spiegel deutscher Strafprozesse, dtv, München 1977.
[7]Dieter Pohl, Nationalsozialistische Judenverfolgung in Ostgalizien 1941 - 1944: Organisation und Durchführung eines staatlichen Massenverbrechens, Oldenbourg, München 1996; ders., Von der "Judenpolitik" zum Judenmord: der Distrikt Lublin des Generalgouvernements 1939 - 1944, Lang, Frankfurt am Main 1993.
[8]G. Schirmer, Sachsenhausen - Workuta, Grabert, Tübingen 1992.
[9]Frederick A. Leuchter , The third Leuchter Report, Samisdat Publishers, Toronto 1990.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 5(4) (2001), S. 446-449.


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