Aus der Forschung

Wie die USA den Vietnamkrieg vom Zaune brachen

Von Wolfgang Pfitzner

Am 4. August 1964 unterbrachen die Fernseh- und Radiosender in den USA gegen Mitternacht Ostküstenzeit ihre Berichterstattung, um dem U.S.-Präsidenten Lyndon B. Johnson Gelegenheit zu geben, die Nation darüber aufzuklären, daß zwei US-Kriegsschiffe, die USS Maddox und ihr Schwesterschiff USS C. Turner Joy, am gleichen Tage im Golf von Tonkin (Nordvietnam) von nordvietnamesischen Torpedobooten angegriffen worden seien. Schon zwei Tage zuvor soll die USS Maddox von einem nordvietnamesischen Kanonenboot angegriffen worden sein, was man allerdings noch nicht zum Anlaß einer Gegenreaktion nahm.

Als Antwort auf diese zweite angebliche »offene Aggression auf offener See« befahl Johnson Luftangriffe gegen Ziele in Nordvietnam. Dies war der Anfang eines Krieges, der für die USA zu einem traumatischen Erlebnis werden sollte und in dessen Verlauf die USA über 58.000 Soldaten, die Vietnamesen aber über eine Million Menschenleben verloren, die meisten davon Zivilisten. Dieser Krieg war zudem der Ursprung jener antiautoritären, linken Flower-Power und Hippie-Bewegung, die von da an die Gesellschaften des Westens spalten und insbesondere in Deutschland zur radikalen Umformung der Gesellschaft führen sollte.

Seit Jahren wird darüber spekuliert, ob die beiden US-Kriegsschiffe in jener Nacht tatsächlich angegriffen wurden oder ob die Regierung unter Präsident Johnson diesen gesamten Vorfall provoziert oder gar erfunden hatte, um einen Vorwand für offene Feindseligkeiten gegen Nordvietnam zu haben.

Neulich freigegebene Tonbandaufzeichnungen des Weißen Hauses aus jener Zeit legen nun nahe, daß die US-Kriegsschiffe niemals angegriffen wurden. Die Bänder wurden jüngst von der Lyndon B. Johnson Bibliothek der Universität Texas in Austin freigegeben, worunter sich auch 51 Telephongespräche vom 4. und 5. August befinden, in denen der Tonkin-Vorfall Gesprächsthema ist.

Die freigegebenen Bänder geben zwar keine letzte Klarheit über das, was damals im Golf von Tonkin tatsächlich passierte, aber sie weisen zumindest daraufhin, daß die Seemänner an Bord dieser Schiffe vorgaben bzw. selbst glaubten, in jener Konfliktregion angegriffen worden zu sein. So lautet eine der Funksprüche der Maddox:

»Angriff durch Torpedoboote. Torpedos im Wasser. Feuern auf den Feind mit Hauptgeschützen.«

Tatsächlich verfeuerte die Maddox in jener Nacht 249 12,7 cm Geschosse, 123 7,6 cm Geschosse und vier oder fünf Wasserbomben, so zumindest die Akten der US-Navy.

Der Vietnamkrieg kostete die USA mehr als 150 Mrd US-Dollar. Aber anstatt diesen militärischen Wahnsinn zu beenden, entschloß sich die US-Regierung Anfang der 70er Jahre statt dessen, das von Wernher von Braun initiierte bemannte Raumfahrtprogramm praktisch einzustellen, da es wegen seiner Kosten von mehreren zig Mrd. Dollar unter Beschuß geraten war. Von der technologischen Grundlagenforschung, die durch die Raumfahrt erforderlich gewordenen war (Mikroprozessoren, Robotik, Leichtbaumaterialien), profitieren die USA noch heute, von der Investition in den Vietnamkrieg aber ohne Zweifel nicht.

Viele der in jener Nacht aufgezeichneten Gespräche fanden zwischen dem US-„Verteidigungs"-Minister Robert McNamara und Admiral Grant Sharp statt, dem damaligen Oberbefehlshaber der US-Pazifikflotte. McNamara versuchte, bei diesen Gesprächen (tatsächlich oder vorgeblich) herauszufinden, was genau in Vietnam vor sich ging, da er Johnson für dessen Fernsehansprache unterrichten mußte.

Sharp ließ McNamara „Information" zukommen in der Hoffnung, schon vor der Fernsehansprache des Präsidenten Luftstreitkräfte für Gegenschläge aufsteigen lassen zu dürfen, offenbar um die Nation vor vollendete Tatsachen zu stellen: Am 4.8.1964 sagte Sharp gegen Mittag:

»Wenn die Jagd auf die Jungs freigegeben ist, was ich mal annehme, dann werden wir loslegen.«

Später dann, gegen zwei Uhr nachmittags, äußerte sich Sharp gegenüber Generalleutnant David Burchinal der US-Luftwaffe beim Oberkommando der US-Armee zurückhaltender:

»Viele der berichteten Kontakte und Torpedoangriffe scheinen zweifelhaft zu sein.«

Er beschuldigte dafür »übereifrige Sonarmänner« sowie »Schlechtwetterreflexe auf dem Radar.«

Burchinal frug daraufhin:

»Sind sie sich sicher, daß es einen Torpedoangriff gab«

»Daran gibt es keinen Zweifel, denke ich«, so Sharp.

Um 20:39 Ostküstenzeit frug McNamara, der Johnson für die Fernsehansprache vorbereitete, Sharp, warum der Vergeltungs-Luftangriff aufgeschoben worden sei. Sharp wies auf schlechtes Wetter hin, woraufhin der erregte McNamara antwortete:

»Der Präsident muß dem Volk eine Erklärung abgegeben, und ich halte ihn davon zurück!«

Eine halbe Stunde später berichtet Sharp, der Angriff sei weitere 50 Minuten verschoben worden.

»Oh mein Gott!« war daraufhin McNamaras Reaktion. Man erkennt daran, wie erpicht der Verteidigungsminister darauf war, das Land in den Krieg zu drängen und die Nation vor vollendete Tatsachen zu stellen.

Erst kurz nach 11 Uhr nachts stieg das Vergeltungs-Geschwader vom Flugzeugträger USS auf, woraufhin Johnson seine bekannte Fernsehansprache machte, in der er verkündete, die USA würden alles tun, um »Freiheit und Frieden in Südostasien zu unterstützen.«

Laut James Stockdale jedoch, einem Marineflieger, der als Reaktion auf die „Angriffe" auf die Maddox und Turner Joy aufstieg, ist das alles Unsinn. Stockdale wurde später über Vietnam abgeschossen und verbrachte acht Jahre in nordvietnamesischen Kriegsgefangenenlagern. 1992 war er Ross Perots Kandidat als Vizepräsident bei dessen Wahlkampf um die US-Präsidentschaft. In seinem 1984 erschienenen Buh In Love and War (Harper & Row, New York) schrieb Stockdale:

»Ich hatte den besten Sitzplatz in jenem Gebäude, um dieses Ereignis anzuschauen, und unsere Zerstörer schossen bloß auf Phantomziele – da waren keine Torpedoboote. Da war nichts weiter als schwarzes Wasser und amerikanische Feuerkraft.«

Der US-Kongreß aber folgte Johnsons Ruf zu den Waffen und gab ihm einen Blankoscheck zur Führung eines Krieges.

Während die US-Reaktion vom 4. August 1964 eher ein Fehler war als ein abgekartetes Spiel, so legen es zumindest die freigegebenen Bände nahe, so gibt es aber eine Fülle von Beweisen, daß die USA 1964 nicht etwa ein unschuldiger Zuschauer waren, sondern ein Provokateur. Schon Anfang 1964 hatte die Regierung Johnson verdeckte Land- und See-Operationen von US-Streitkräften genehmigt, den sogenannten Op Plan 34-A.

Am Montag, dem 3. August 1964, einen Tag nach dem angeblichen ersten Angriff auf die USS Maddox durch ein nordvietnamesisches Kanonenboot, sagte Präsident Johnson laut den Tonbandaufzeichnungen folgendes:

»Es hat da einige verdeckte Aktionen in dieser [Tonkin] Gegend gegeben, die wir durchgeführt haben – ein paar Brücken, Straßen und ähnliche Dinge sprengen, und so fort. Ich kann mir also vorstellen sie [die Nordvietnamesen] wollten dem einen Riegel vorschieben.«

Etwas später am gleichen Tag beschwerte sich Johnson über Hubert Humphrey, den er als seinen Vizepräsidentschaftskandidaten für die Ende 1964 stattfindenden Präsidentschaftswahlen vorschlagen wollte:

»Unser Freund Hubert zerstört sich mit seinem großen Mundwerk gerade selbst.«

Denn Humphrey hatte den Medien nach einer Geheimdienstsitzung mitgeteilt, amerikanische Kriegsschiffe würden im Golf von Tonkin verdeckte Operationen durchführen – »genau das, was wir ja getan haben«, so Johnson.

Bereits zwei Monate vor dem Tonkin-„Vorfall" hatte der US-Vizeaußenminister George Ball, der ein Mitglied jenes Komitees war, das die Operation 34-A überwachte, eine Resolution für den Kongreß vorbereitet, mit der »alle Maßnahmen, einschließlich der Anwendung von Gewalt«, gutgeheißen wurden, um Südvietnam und Laos zu verteidigen, also eine Sprache, wie sie sich dann in der Tonkin-Resolution des US-Kongresses von Anfang August 1964 wiederfand. Am 24. Mai empfahl der US-Sicherheitsrat (National Security Council), diese Resolution erst nach der Annahme des neuen Bürgerrechtsgesetzes einzubringen, was im Juli 1964 der Fall war. Die dann Anfang August vom Kongreß angenommene Tonkin-Resolution war also mitnichten eine Reaktion auf den Tonkin-„Vorfall".

Laut McNamara in seinem 1995 erschienen Schuldbekenntnis In Retrospect (Times Books, New York) soll Ball später gesagt haben:

»Viele jener Leute, die mit dem Krieg in Zusammenhang standen, suchten nach jedem beliebigen Vorwand, um Bomben zu schmeißen.«

Laut der gleichen Quelle soll William Bundy, damals enger Berater Johnsons, aber gesagt haben, der Tonkin-„Vorfall" sei nicht gestellt gewesen.

Obwohl der angegebene Grund für die Tonkin-Resolution unbekannt oder gar falsch war, passierte sie den Kongreß am 7. August 1964 einstimmig. Im US-Senat gab es nur zwei Gegenstimmen.

Professor Edwin Moise, Vietnam-Experte an der Clemson Universität, hält die Tatsache, daß die US-Marine am Abend des 4. August nicht zu einem sofortigen Vergeltungsschlag bereit war, für ein Indiz dafür, daß der Zwischenfall nicht erfunden war. Für Professor David Crockett von der Trinity-Universität war der Tonkin-Zwischenfall ein Unfall. Das eigentliche Problem habe darin gelegen, daß sowohl der Kongreß als auch der Senat Johnson ohne jeden Widerstand eine Blankovollmacht für einen Krieg gaben.

Es war daher blanker Zynismus, daß Johnson seinen republikanischen Widersacher Goldwater während des Präsidentschaftswahlkampfes von 1964 als Kriegstreiber bezeichnete. Johnson versprach damals auch – entgegen den Tatsachen –, er würde keine US-Soldaten in den asiatischen Krieg schicken. An derartige Lügen von US-Präsidenten ist man ja schon gewöhnt.


Quelle: http://news.mysanantonio.com/story.cfm?xla=saen&xlb=190&xlc=775859&xld=190


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 6(3) (2002), S. 341-343.


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