Aus der Forschung

Aus den Akten des Frankfurter Auschwitz-Prozesses

Von Germar Rudolf

Wie es anfing…

Am 1.3.1958 erstattete der im Gefängnis Bruchsal einsitzende Adolf Rögner eine Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen einen Oberscharführer Wilhelm Boger, dem er Mißhandlung und Massenmord an verschiedenen Häftlingen im Konzentrationslager Auschwitz vorwarf. In seiner Anzeige wies er darauf hin, daß nicht nur er Zeugen und andere Beweismittel benennen könne:

»[…] zugleich stellt das Internationale Auschwitz Komitee, Wien X, Weigandhof 5, sowie der Zentralrat der deutschen Juden Düsseldorf-Benrath, sicherlich auch sämtliches Beweismaterial zur Verfügung, nachdem [unleserlich] d. K-Z Museum Auschwitz ganze Bände u. Unterlagen hat, Direktor ist d. ehem. poln. KZ-Kamerad Franz Pargosch, v. Auschwitz-Komitee Wien, ist Hermann Langbein d. geschäftsführende Mann auch ein ehem. KZ-M.« (S. 2*)

In einem Aktenvermerk vom 13.5.58 bezeichnet der mit der Sache in Stuttgart befaßte Staatsanwalt Weber den Anzeigeerstatter Rögner als »geltungssüchtigen Psychopat [sic].« (S. 7)

In seinem »Bericht über die Vernehmung des Strafgefangenen Adolf Rögner« vom 6.5.1958 schreibt Gerichts-Referendar Wasserloos:

»Bericht über die Vernehmung des Strafgefangenen

Adolf Rögner

Rögner machte zunächst den Eindruck eines ruhigen, sachlich denkenden Mannes. Das änderte sich jedoch schlagartig, als seiner wiederholt geäußerten Bitte, ihm Lichtbilder des Beschuldigten zu zeigen, nicht entsprochen werden konnte. Auf die Äußerung des Unterzeichneten die Vorlage eines Lichtbildes werde im gegenwärtigen Stadium des Ermittlungsverfahrens noch nicht für erforderlich erachtet; Rögner möge sich stattdessen bemühen, eine möglichst genaue Beschreibung der Person des Beschuldigten, seiner Tätigkeit und seines strafbaren Verhaltens zu geben, zeigte er sich stark gekränkt. Er reagiert darauf in einer eigenartigen Weise: zunächst blieb er verstockt, gab nur kurze, zum Teil unvollständige Antworten; als dann weiter in ihn gedrungen wurde, wechselte er in immer stärker werdender Erregung das Thema, indem er plötzlich von unhaltbaren und menschenunwürdigen Zuständen in den Strafanstalten sprach, die Beamten, insbesondere die Ärzte, beschimpfte und sie bezichtigte, ihn zu mißhandeln. Das geschehe, um ihn mundtot zu machen, deshalb lasse man ihn dahinsiechen. In seine Beschuldigungen bezog er auch die Staatsanwaltschaft ein: bei ihr herrsche derselbe Geist wie in den Strafanstalten; sie wende Gestapo- und Kz-Methoden an und lasse ihn nicht zu Wort kommen, weil sie mit den Leuten sympathisiere, über die er eine Menge zu sagen wisse.

Nach diesen Excessen[sic] konnte Rögner nur mühsam zum Thema zurückgeführt werden. Er ließ sich grollend auf die an ihn gerichteten Fragen ein, wobei er mehrmals damit drohte, die Behandlungsweise der Behörden in der Bundesrepublik an geeigneter Stelle anzuprangern. In diesem Zusammenhang nannte er sich einen Mann, der seit jeher der KPD angehört habe und ihr auch stets angehören werde.

Bemerkenswert war seine genaue Kenntnis einzelner Vorgänge und Örtlichkeiten, die er mit minutiöser Genauigkeit zu beschreiben vermochte. Auf Anhieb nannte er die zumeist vier- und fünfstelligen Lagernummern der von ihm erwähnten Mitgefangenen. Die dem Protokoll beigefügten Skizzen fertigte er, ohne daß er hierzu einer Überlegung bedurfte. Ganz im Gegensatz dazu steht sein Bestreben, sich auf keine Zeit festzulegen. Die hierauf bezogenen Fragen beantwortete er in fast allen Fällen negativ. Seine umfangreichen und detaillierten Kenntnisse über die Vorgänge im Konzentrationslager Auschwitz erklären sich möglicherweise aus der Tatsache, daß er - wie durch den Anstaltsvorstand in Erfahrung gebracht werden konnte - hierüber erhebliches Material in Händen hat, mit dem er sich während seiner Strafhaft unablässig beschäftigt. Er brachte zur Vernehmung mehrere Aktenbände und zahlreiche Fotografien, die sich auf das Konzentrationslager Auschwitz beziehen, mit, in die jedoch kein Einblick genommen wurde, um die Vernehmung nicht über Gebühr auszudehnen, insbesondere auch um den Zeugen bei seinen Aussagen möglichst auf das zu verweisen, was er aus eigener Wissenschaft bekunden kann. Nach Mitteilung des Anstaltsvorstandes führte Rögner eine Anzahl Bücher über Kriegsverbrecherprozesse und Erlebnisse in den Konzentrationslagern mit sich, die ihm schließlich nicht länger zur Verfügung gestellt wurden, weil sich Anzeigen Rögners gegen Angehörige der ehemaligen SS in einem solchen Maße häuften, daß angenommen werden mußte, Rögner beziehe sein Wissen aus seiner Lektüre, gebe es aber dann bei den Strafverfolgungsbehörden als eigene Erkenntnisse an. Wie weiterhin in Erfahrung gebracht wurde, unterhält Rögner einen regen Schriftverkehr mit dem Internationalen Auschwitz-Komitee in Wien. Es konnte allerdings nicht festgestellt werden, ob er von dort regelmäßig Material bezieht. In einem neuerdings verfaßten Schreiben an das Bundesverfassungsgericht beschwert Rögner sich über die Einschränkung seiner Korrespondenz mit dem Auschwitz-Komitee.

Adolf Rögner, vom kommunistisch gelenkten Auschwitz-Komitee „instruiert"

Aus dem Verhalten Rögners gewann der Unterzeichnete den Eindruck, daß sein ganzes Sinnen und Trachten darauf ausgeht, durch sein vermeintliches oder wirkliches Wissen die Strafverfolgungsbehörden zu beschäftigen. Bei diesem Bestreben scheint er Befriedigung zu finden. Er erklärte wiederholt, er sei Kronzeuge in zahlreichen künftigen Strafprozessen. Das Bundeskriminalamt schenke ihm besondere Beachtung; der Oberstaatsanwalt von Waldshut sei selbst zu ihm gekommen, da er in nächster Zeit als Kronzeuge in einem dort anhängigen Verfahren gegen mehrere SS-Angehörige auftreten werde. Insbesondere war es aber die folgende Erklärung, die die Ansicht des Unterzeichneten begründet: Rögner erwiderte auf die Ermahnung, sich der Wahrheit zu befleißigen, er habe diese Ermahnung nicht nötig. Dazu sei er in diesen Dingen viel zu sehr erfahren. Er habe sechs Jahre bei der amerikanischen Militärpolizei erfolgreich als „Identifizierer" gearbeitet. Wörtlich sagte er: „Sie können mir schon glauben, daß durch meine Aussage schon mancher Nazi hingerichtet worden ist."

Die Einstellung des Zeugen, die aus dieser Äußerung erhellt, entspricht durchaus seinem Charakter. Sie ist nicht persönlichkeitsfremd. Die zahllosen Querelen, die vielfachen unsachlichen Anzeigen, mit denen Rögner Vollstreckungs- und Verfolgungsbehörden in letzter Zeit beschäftigt hat, zeigen dies deutlich.« (S. 8f.)

Am 9.5.1958 erhielt die mit dieser Sache betraute Staatsanwaltschaft Stuttgart ein Schreiben des Comité International d’Auschwitz aus Wien, unterzeichnet von dessen Vorsitzenden Hermann Langbein, mit dem Angebot, in der Ermittlungssache Bogner Beweismaterial zur Verfügung zu stellen. Neben dem Einleitungssatz Langbeins »Uns wurde mitgeteilt, dass bei Ihnen ein Verfahren gegen SS-Oberscharführer Boger läuft« notierte einer der mit dem Fall befaßten Beamten handschriftlich: »Rögner!« (S. 22a.). Offenbar wußte man in Stuttgart sofort, daß Rögner Langbein von seiner Strafanzeige und der sich daran anschließenden Vernehmung durch Wasserloos informiert hatte. Langbein selbst hat dies später zugegeben (Der Auschwitz-Prozeß, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt/Main 1965, Band l, Seite 21f.)

Weitere Schreiben Langbeins erfolgten am 29.5. und 9. & 27.7.1958 (S. 31, 34, 36f.), in denen er forderte, erst müsse Bogner verhaftet werden, bevor sein Komitee Zeugen benennen und Beweise vorlegen werde.

Mit Schreiben vom 8.5.1958 informierte die Landesstrafanstalt Bruchsal die StA Stuttgart, daß gegen Rögner ein Verfahren wegen falscher uneidlicher Aussage und Meineids anhänig sei, begangen während eines KZ-Prozesses in München. (S. 23)

Mit Schreiben vom 9. 4.1958 berichtet die Landesstrafanstalt Bruchsal der Oberstaatsanwaltschaft München I über den Häftling Rögner wie folgt: (S. 24-26)

a) Rögner verbüßte eine Freiheitsstrafe wegen zweifachen Betrugs und versuchten Betrugs;

b) er war wegen krimineller Delikte in Dritten Reich in Haft, verbüßt zum Teil in KL-Lagern;

c) er erhebt »zahlreiche, unbegründete Beschwerden« gegen Behörden, ist »querulatorisch veranlagt«, ist »östlich eingestellt« und will nach seiner Haftentlassung nach Polen auswandern, sieht sich als »Kronzeuge in einer Reihe gr. KZ Prozesse«;

d) er lehnte sich gegen Anstaltsordnungen auf, forderte stets Ausnahmen für sich, versucht seine gewonnenen Kenntnisse über KLs für Hafterleichterungen einzusetzen, und verfolgt »undurchsichtige Ziele«.

Am 14.8.1958 schreibt StA Schabel an den baden-württembergischen Justizminister mit Bezug auf die Abschrift des Urteils des LG München 1: (S. 39)

»aus der sich ergibt, dass R ö g n e r als Belastungszeuge in Verfahren gegen KZ-Personal offensichtlich Lügen aus Hass und Rachsucht vorgetragen hat.

Rögner ist deshalb – wenn auch noch nicht rechtskräftig – wegen falscher Anschuldigung, uneidlicher Falschaussage und Meineid zu einer Zuchthausstrafe von 3 Jahren und 6 Monaten verurteilt worden. […] Zugleich wurde Rögner für dauernd die Fähigkeit aberkannt, als Zeuge oder Sachverständiger eidlich vernommen zu werden.«

Zur Aussage Rögners

Während seiner Vernehmung beantwortete Rögner die meisten Fragen mit »Weiß ich nicht«. Er konnte weder den beschuldigten Boger beschreiben noch irgendwelche Angaben über Zeiten oder andere Umstände angeblich beobachteter Taten bzw. Vorgänge machen. Seine exakten Angaben zu Zeugen und anderen angeblichen Tätern, inklusive deren Häftlingsnummern, sind nur dadurch zu erklären, daß er mit „Informationen" gefüttert wurde. Über eine Selektion in Auschwitz berichtet er folgendes:

Adolf Rögner: meinediger Lügner, rachsüchtiger Denunziant

»Fr.: Woran erkannten Sie die Juden?

Antw.: An den weißen Schildern, die sie an der Brust trugen. Von den SS-Leuten wurden zunächst die Kleinstkinder aus dem Güterwagen geholt. Sie wurden auf einen Haufen geworfen. Von dort wurden sie sofort mit 2 LKW abtransportiert und vergast. Dann holte man die größeren Kinder heraus und sortierte sie nach Jungen und Mädchen. Dann kamen die Frauen heraus, die in zwei Gruppen eingeteilt wurden. Die eine Gruppe ging ins Lager, die andere wurde zu den Krematorien gebracht. Schließlich holte man die Männer heraus, auch sie wurden ähnlich wie die Frauen in 2 Gruppen aufgeteilt.« (S. 12)

Wenn die ankommenden Juden überhaupt gekennzeichnet waren, dann mit gelben Sternen, aber bestimmt nicht mit weißen Schildern. Seine Schilderung der angeblichen beobachteten Selektion ist auch reiner Unsinn: die ankommenden Transporte wurden immer komplett ausgeladen – das Ausladen bestimmter Altersgruppen und Geschlechter wäre auch organisatorisch unmöglich gewesen. Aussortiert wurden schließlich alle Häftlinge zur gleichen Zeit, nicht eine Gruppe nach der anderen. »Kleinstkinder […] wurden auf einen Haufen geworfen« Solch einen Humbug hat die Welt zuvor noch nicht gehört! Schon diese Passage zeigt, das der Berufslügner Rögner auch hier log, daß sich die Balken bogen!

Weise Einsicht

Mit nichts weiter in der Hand als den Ausführungen von Bernd Naumann in dessen Buch Auschwitz (Athenäum, Frankfurt/Main 1968) und den Selbstzeugnissen von Hermann Langbein schrieb Dr. Wilhelm Stäglich schon 1979 in seinem Auschwitz Mythos (Grabert, Tübingen, S. 297):

»Der […] Auschwitz-Prozeß entwickelte sich aus einer fast banal zu nennenden Episode. Am 1. März 1958 erstattete ein ehemaliger Auschwitz-Häftling namens Adolf Rögner, der damals in der Strafanstalt Bruchsal einsaß, Strafanzeige gegen den früheren SS-Oberscharführer Wilhelm Boger wegen angeblich im KL Auschwitz begangener Verbrechen gegen die Menschlichkeit. […] Langbein […] bemerkt lediglich, der Auschwitz-Prozeß sei also nur „durch einen Zufall ausgelöst" worden.

[…] es gibt Anhaltspunkte dafür, daß gewisse Mächte im Hintergrund, die aus verschiedenen Gründen ein erhebliches Interesse an einer andauernden und möglichst sogar noch erweiterten Verfolgung sog. NS-Gewaltverbrechen hatten, Rögner als ehemaligen Auschwitz-Häftling zu seiner Anzeige veranlaßten.«

Anschließend diskutiert Stäglich Passagen aus Rögners Anzeige, die er als Indizien wertet, daß Rögner von Langbeins Organisation benutzt worden ist. Konnte man Stäglich bis heute noch vorwerfen, er habe wild spekuliert, so belegen die Ermittlungsakten, daß er nicht nur Recht hatte, sondern daß die ganze Angelegenheit noch weitaus schlimmer ist: Rögner war Kommunist, Berufsdenunziant, geltungssüchtiger Psychopath, meineidiger Lügner, Betrüger, sah sich als „Nazi-Jäger" und war vom Auschwitz-Komitee mit Literatur und Informationen abgerichtet und zur Anzeige aufgestachelt worden.


* Sämtliche Seitenangaben beziehen sich auf: Staatsanwaltschaft beim LG Frankfurt (Main), Strafsache beim Schwurgericht Frankfurt (Main) gegen Baer und Andere wegen Mordes, Az. 4 Js 444/59, Band I


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 6(3) (2002), S. 343-346.


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