Bücherschau

Richtigstellungen zur Legende vom Kinder-KZ

Gustav Süßmann, Das Polizeiliche Jugendschutzlager Moringen, Selbstverlag, Staufenberg 1994, 254 S. geb., €10,-

Am 7.11.1994 erschienen in der Mündener Allgemeinen Zeitung zwei Artikel unter den Überschriften »KZ-Gedenkstätte Moringen« und »Es hat hier angefangen«. Darin wurde auf eine Ausstellung im Rathaus von Hann. Münden über ehemalige Konzentrationslager in Niedersachsen hingewiesen. Für die "Aufarbeitung" dieses Themas hatte der niedersächsische Landtag seit 1990 jährlich DM 400.000,- bereitgestellt. Auch das ehemalige Polizeiliche Jugendschutzlager Moringen soll nach Auffassung der Initiatoren zu diesen »KZs« gehört haben. Als Beweis für den Charakter als Konzentrationslager ist die Geschichte eines ehemaligen Zöglings, Wolfgang Grunewald, wie folgt dargestellt:

»Biographie: Wolfgang Grunewald

Wolfgang Grunewald wird am 17.07.1922 in Dresden geboren. Nach der Volksschule absolviert er eine Druckerlehre. Seit 1931 ist der Schüler Mitglied in der Evangelischen Jungschar Dresden. Den Übertritt der christlichen Jugendgruppe in die Hitlerjugend lehnt der Junge innerlich wegen des militärischen Drills ab und bleibt immer häufiger dem HJ-Dienst fern.

Nach einem Streit im Elternhaus flieht Wolfgang von zu Hause und entnimmt dabei Bargeld aus der Börse seiner Mutter. Da seine Mutter daraufhin die Vormundschaft niederlegt, bringt ihn das Jugendamt in einem Erziehungsheim unter. Wolfgang rebelliert gegen die strengen Regeln im Heim, ihm gelingt mehrfach die Flucht. Zeitweise lebt er auf der Straße und ernährt sich durch kleinere Diebstähle. Durch seine letzte Flucht versäumt er den Einberufungstermin zum Reichsarbeitsdienst.

1940 wird er wegen "Unerziehbarkeit" und "Entziehung von der Arbeitsdienstpflicht" in das Jugend-KZ Moringen eingesperrt. 1943 wird Wolfgang Grunewald "zur Bewährung an die Ostfront" überstellt und gerät 1945 nach seiner Desertion in Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft baut sich Wolfgang Grunewald eine eigene Existenz auf und wird später Betriebsratsvorsitzender in einem großen Chemiekonzern in Frankfurt/Main. 1991 stirbt er an einer Herzerkrankung.«

Grunewald hat man offensichtlich ausgesucht, um darzustellen, daß ein ganz normaler Junge, der nur ab und zu mal klaute, doch nicht in so ein barbarisches Lager eingesperrt gehört. Im Mitteilungsblatt des Reichskriminalpolizeiamtes vom Dezember 1944 liest sich das jedoch ganz anders. Auf Seite 195f. des hier behandelten Buches ist die Vita eines Wolfgang G. sehr viel ausführlicher dargestellt, und es wird dargelegt, daß sich gerade bei diesem Mann der Aufenthalt in Moringen als segensreich erwiesen haben soll. Ob Wolfgang Grunewald und Wolfgang G. identisch sind, vermag nicht mit letzter Sicherheit geklärt zu werden, allerdings sind Name, Geburtsort und -datum identisch.

Elf Jahre lang hat der Autor an diesem Werk in den örtlichen und überregionalen Archiven und Aktenbeständen geforscht, um die wirkliche Geschichte des Polizeilichen Jugendschutzlager Moringen schreiben zu können. Man kann nicht umhin, von seiner Arbeit beeindruckt zu sein. Dies fängt bereits mit seinen allgemeinen Ausführungen über die Definition von Kriminalität und der Kriminalitätsentwicklung in Deutschland über die verschiedenen Systeme hinweg an. Mit offenkundig tiefgreifender Kenntnis der Materie untersucht Süßmann nicht nur die Geschichte des Lagers, sondern zudem viele Einzelaspekte, wie etwas die gesetzlichen Regelungen, denen es unterworfen war, die Gründe für die Einlieferung von Häftlingen und der dabei angewandten Verfahrensweisen sowie die mit dem Lager befaßten Personengruppen: Einsatzkräfte, Polizei, Kommandant, Erzieher, Bewacher. Süßmann behandelt weiterhin die Verwaltung des Lagers, den Arbeitseinsatz der Häftlinge, ihre Leistung und Entlohung, ihre ärztliche Betreuung, Verpflegung und Gesundheit, Besuchsregelungen, Postempfang, Dienstpläne, Schulung, Kriminalität und Sexualität im Lager, Bestrafungen, Sterilisierungen, Todesraten und Todesgründe sowie schließlich Entlassungen. Zusammenfassend ist festzustellen, daß Süßmann die Legende vom Unrechts-KZ Moringen in bester Tradition der Primärquellenforschung zerlegt und widerlegt. Die heutige Gesellschaft mag mit der damaligen, allgemein üblichen Vorstellungen von Kriminalität und wie man mit ihr umzugehen habe nicht mehr übereinstimmen. Das ändert allerdings nichts an der Tatsache, daß die Vorgänge im und um das Jugendschutzlager Moringen rechtmäßiger Bestandteil der ganz alltäglichen Kriminalitätsbekämpfung waren.

In seiner Sachlichkeit, Ausführlichkeit und Allumfassendheit ist dieses Werk ein glänzendes Vorbild für jedes Buch, das sich mit ähnlichen Themen befaßt. Und dabei ist zu beachten, daß Süßmann kein Historiker des Dritten Reiches ist. Er ist ein Leser wie Sie und ich. Mit seinem Wissensdurst und seinem Willen zur Wahrheit, die ihn als Laien dazu trieben, elf Jahre lang zu forschen und dieses Buch schließlich selbst zu veröffentlichen, ist er ein Vorbild für uns alle.


Das Buch kann beim Autor bestellt werden: G. Süßmann, Fasanenweg 1, D-34355 Staufenberg.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 6(4) (2002), S. 481f.


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