Auschwitz-Opferzahl: Das Zahlen-Roulette dreht sich weiter

In der Ausgabe 3/1999 veröffentlichten die Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung zwei Artikel zur Entwicklung und zum politischen Mißbrauch der Opferzahlen des KL Auschwitz.[1] Daraus wird deutlich, daß die offiziell verlautbarte Opferzahl des größten NS-Konzentrationslagers mit der Zeit immer weiter absank und daß inzwischen allgemein zugegeben wird, der Grund für die frühere massive Übertreibung dieser Opferzahl liege in der politischen Propaganda sowjetischer, antifaschistischer, linker oder einfach auch nur polnisch-nationalistischer Provenienz. Die bis vor kurzem letzten Verringerungen der Opferzahlen erfolgten anno 1993/94 durch Jean-Claude Pressac.[2] Im Mai 2002 druckte das von der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Rita Süssmuth herausgegebene Periodikum Osteuropa einen Artikel des leitenden Spiegel-Redakteurs Fritjof Meyer ab, in dem diese Opferzahl weiter abgesenkt wurde. Zumal diese Zeitschrift nur eine geringe Auflage hat, wurde er in der Öffentlichkeit kaum beachtet. Sven Felix Kellerhoff meinte am 28.8.2002 in der Welt über Meyer: »Die Holocaust-Leugner und Auschwitz-Relativierer haben einen neuen Kronzeugen«. Kellerhoff kritisiert anschließend die dünne Beweislage, auf der Meyer seine Berechnungen ausführe, und ferner, daß er viele Belege selektiv nicht wahrnehme, die nicht in sein Argumentationsschema paßten. Es wirkt schon komisch, wenn Kellerhoff den Revisionisten sodann vorwirft: »Charakteristisch für Holocaust-Leugner ist ihre selektive Wahrnehmung. Sie lesen stets nur jene Belege, die in ihr Weltbild passen«. Wohlgemerkt: Kellerhoff nennt den linksliberalen Fritjof Meyer einen »ehrenwerten Mann«, dessen Artikel zwar »an sich gut gemeint war«, der nun aber »Beifall von der falschen Seite«, von »Ewiggestrigen und den Neonazis« erhalte, die Meyer »nun vereinnahmen«. Im Gegensatz zur Welt verfing sich Das Ostpreußenblatt in einem Beitrag von Jochen Arp (27.7.2002, S. 20) weniger in Widersprüchen. Dieses konservative Blatt wunderte sich lediglich, warum neuere Forschungsergebnisse zum Holocaust-Thema, das als »Detail« zu bezeichnen in Deutschland und Frankreich ein strafbares Delikt ist, so behandelt werden, als handele es sich bei dem Thema eben nur um ein Detail: »Es verwundert daher, wenn neuere Forschungen über die Anzahl der in Auschwitz ermordeten Juden lediglich in einer Fachzeitschrift erscheinen, die von der Öffentlichkeit nur am Rande wahrgenommen wird, und das zumal, wenn der Wissenschaftler, der zu den neuen Erkenntnissen gelangt ist, von Berufs wegen Zugang hätte zu einer der einflußreichsten Publikumszeitschriften in Deutschland.« Eine andere Zeitung schrieb zum Thema: »Ob im entsetzlichen NS-Todes- und Marterlagerkomplex Auschwitz (im Juni 1940 begründet, im Januar 1945 von der Roten Armee erobert) 9 Millionen Menschen umkamen, 4 Millionen, 1,1 Millionen, um die 700.000 oder die Zahl der Gemordeten "nur" (welches "Nur" eigentlich in noch mehr Anführungsstriche gehört) bei rund 500.000 lag: Es ist für die Verurteilung der entsetzlichen Untaten, die dort geschahen, egal.« Solche emotional überladenen Sätze enthalten keinerlei Information. Dies erschien in Dr. Freys Nationalzeitung. Ansonsten wurden in diesem Artikel die Feststellungen Meyers nur unkritisch wiedergegeben.[3] Die nachfolgenden Beiträge der kritischen Auseinandersetzung mit Meyers Beitrag strafen Kellerhoff Lügen: Es sind nicht die Revisionisten, die unter selektiver Wahrnehmung leiden und vorschnell nur das akzeptieren, was in ihr angebliches Weltbild paßt.


Vorsichtiger Spiegel-Revisionimus

Von Germar Rudolf

1. Politisch-psychologische Betrachtungen

»Die Zahl der Opfer von Auschwitz - Neue Erkenntnisse durch neue Archivfunde«

So übertitelte Fritjof Meyer seinen Beitrag, der im Mai in der Zeitschrift Osteuropa erschien.[4] Nach Angaben dieses Artikels ist der 1932 geborene Meyer »Dipl. DHP, Dipl.-Politologe, Dipl.-Kameralist«. Es fragt sich wirklich, warum Meyer als Leitender Redakteur des Spiegel seinen Beitrag nicht dort unterbrachte oder zumindest eine Kurzfassung davon.

Nachfolgend möchte ich Meyers Artikel zunächst unter politischen und psychologischen Geschichtspunkten betrachten. Daran anschließen wird sich eine Analyse einiger Sachaussagen Meyers, welche die hier gemachten Feststellungen noch weiter untermauern werden.

In der Zusammenfassung von Meyers Beitrag liest man:

»Vier Millionen Opfer im nationalsozialistischen Arbeits- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau zählte 1945 die sowjetische Untersuchungskommission, ein Produkt der Kriegspropaganda. Lagerkommandant Höß nannte unter Druck drei Millionen und widerrief. Wie viele Menschen wirklich diesem singulären Massenmord zum Opfer fielen, ließ sich bislang nur schätzen. Der erste Holocaust-Historiker Gerald Reitlinger vermutete eine Million, der letzte Forschungsstand bezifferte mehrere Hunderttausend weniger. Zwei neue Belege zur Kapazität der Krematorien bestätigen jetzt die vorhandenen Unterlagen über Einlieferungen ins Lager. Damit rückt die Dimension des Zivilisationsbruchs endlich in den Bereich des Vorstellbaren und wird so erst zum überzeugenden Menetekel für die Nachgeborenen.« (S. 631)

Im letzten Satz spricht Meyer in der Funktion des Diplom-Politologen, der Auschwitz als drohendes Lehrstück für alle Deutschen (oder gar alle Menschen) herausstellt, beruhend auf dem dort angeblich stattgefunden Zivilisationsbruch, einen Begriff, den Meyer nicht weiter definiert. War es ein Zivilisationsbruch, daß es in Auschwitz Chöre gab, Orchester, Kindergärten, eine Zahnarztstation, Großküche, Mikrowellen-Entlausungsanlage,[5] ein Krankenhaus, Schwimmbad,[6] einen Fußballplatz? Ich zitiere aus der des Antisemitismus sicher nicht verdächtigen Zeitung Jerusalem Post vom 25.1.1995, S. 7:

»Knabenchor von Auschwitz-Birkenau. [...] Ich war Mitglied dieses Chors. [...] Ich erinnere mich noch an mein erstes Engagement in Kultur, Geschichte und Musik - in diesem Lager. [...] Im März 1944 war ich schwer an Diphtherie erkrankt und wurde daher in die Krankenbaracken verlegt. Meine Mutter bat, daß auch sie überstellt wird, um bei mir im Krankenhaus zu bleiben. [...] Die Krankenschwester, Doktoren und Patienten überlebten. [...] Einer der Jugendführer unserer Gruppe [...] bat, ein Erziehungszentrum für die Kinder einrichten zu dürfen. Es wurde ihm erlaubt, und in kurzer Zeit wurde das Erziehungszentrum ein geistiges und soziales Zentrum im Familienlager. Es war die Seele des Lagers. Musicals, Theatervorführungen, einschließlich einer Kinderoper, wurden in diesem Zentrum vorgeführt. Es gab dort Diskussionen über verschiedene Ideologien - Zionismus, Sozialismus, Tschechischer Nationalismus. [...] Dort war auch ein Dirigent namens Imre, [...] (der) einen Kinderchor aufstellte. Die Proben wurden in einer großen Waschhalle durchgeführt [...]«

Selbstverständlich meint Meyer etwas anderes, nämlich die industrielle Massenvernichtung unschuldiger Menschen. Daß diese im grotesken, ja unüberwindlichen Gegensatz zu oben angeführten, unwiderlegt bewiesenen Fakten steht, das erkennt Meyer nicht, will er nicht erkennen. Für ihn tragen Fakten, die nicht in sein Bild passen, »einen rein propagandistischen Charakter«.[7]

Man muß sich nur geschichtlich in den westlichen alliierten Nachkriegslagern des Automatic Arrest und den Rheinwiesenlagern umsehen oder in Hiroshima, Nagasaki, Dresden, Nemmersdorf und wie die anderen ungezählten Orte alliierter Holocausts heißen, um zu erkennen, wo die tatsächliche geographische Lage des Zivilisationsbruches war. Und er wurde nicht von Deutschen begangen, sondern an Deutschen (und deren Verbündeten).

Es ist für mich auch nicht nachvollziehbar, was an der behaupteten Ermordung und Einäscherung von etwa einer halben Million Menschen vorstellbarer und überzeugender sein soll als an der gleichen Behandlung von einer oder mehreren Millionen. Unvorstellbar sind dem Normalbürger schon solche Massenmörder, die "nur" etwa zehn Menschen umbringen.

Anschließend lobt Meyer den jüdisch-niederländischen Professor für Architekturgeschichte Robert Jan van Pelt für einen »Durchbruch«. Er verschweigt freilich, daß van Pelt eben kein Architekt und mithin kein Fachmann der von ihm behandelten Fragen ist. Im Zusammenhang mit van Pelts Auftritt als Sachverständiger während David Irvings Verleumdungsklage gegen Deborah Lipstadt[8] schreibt Meyer über Irving:

»Irving verlor den Prozeß, und zwar verdient, da der als erfolgreicher Rechercheur ausgewiesene Autor Irving, der sich zunehmend den wirren Ansichten seiner NS-Gesprächspartner angeschlossen hat, auch vor Gericht auf dem unsinnigen Standpunkt beharrte, es habe in Auschwitz-Birkenau keine Gaskammern zur Menschentötung gegeben.« (S. 631f.)

Ich gebe Meyer recht, daß das, was Irving vor Gericht darbot, zu nicht unerheblichem Teil wirre Ansichten waren, es ist mir allerdings unerfindlich, wie er Irvings mangelnde Kompetenz in dieser Sache auf dessen Gesprächspartner abwälzen kann - ganz abgesehen davon, daß Meyer den Boden der sachlichen Geschichtsschreibung in dem Augenblick verließ, als er Irvings Gesprächspartner, also auch mich, als Nationalsozialisten etikettierte, was dem üblichen Wertverständnis nach ja im Prinzip einer Gleichsetzung mit dem Teufel gleichkommt. Meyer bleibt auch jede Erklärung schuldig, wieso ein anderer Standpunkt als der seine per se »unsinnig« ist.

Diese Art der unwissenschaftlichen Pauschalverunglimpfung und argumentationslosen Verdächtigung taucht ansonsten nur noch in zwei Fußnoten auf, und zwar in recht interessantem Zusammenhang:

»5 [...] NS-Apologeten ("Revisionisten") bezweifeln, daß es dieses Gebäude [Vergasungsbunker] überhaupt gegeben habe: Jürgen Graf: Auschwitz. Würenlos 1994, S. 236.« (S. 632)

»19 Carlo Mattogno/Franco Deana: Die Krematoriumsöfen von Auschwitz, in dem ansonsten unzumutbaren Pamphlet von Ernst Gauss (Hrsg.): Grundlagen zur Zeitgeschichte. Tübingen 1994, S. 310. - Da die Geschichtsforschung aus einsehbaren, aber unzulässigen Gründen das Thema Auschwitz als Forschungsobjekt nicht akzeptiert hat, drängte sich die Propaganda auf das unbestellte Feld; jene sowjetischer Observanz beherrscht noch immer weithin die Öffentliche Meinung, zum Beispiel mit der Totenzahl von vier Millionen, dem Mord an über 400 000 aus Ungarn Deportierten oder auch dem massenhaften Gasmord in den Krematoriumskellern. Von der anderen Seite haben "Revisionisten" sehr emsig Details gesammelt, wobei ihnen die in dieser Studie vorgetragenen Gesichtspunkte aber entgangen sind. Ihre Fundsachen vermochten den respektablen Geschichtsphilosophen Ernst Nolte und auch David Irving zu verwirren, wurden sonst aber von Historikern als Denkanstoß, gar Herausforderung ignoriert. Dabei hat der Jurist Ernst [sic] Stäglich ("Der Auschwitz-Mythos"), ein wohl kaum verhüllter Antisemit, immerhin als erster berechtigte Zweifel an manchen Passagen der in der Haft verfaßten Niederschriften von Höß geweckt. Nicht nur die Geschichte, sondern auch ihre Wahrheitsfindung muß sich gelegentlich unwürdiger Werkzeuge bedienen. Sehr spät sind zwei gründliche, noch immer nicht ganz befriedigende Auseinandersetzungen mit den "Revisionisten" erschienen: John C. Zimmermann: Holocaust Denial. Lanham 2000, und Richard J. Evans: Der Geschichtsfälscher. Frankfurt a.M. 2001.« (S. 635)

Wieder werden Skeptiker und Andersmeinende von Meyer als Apologeten des Teuflischen hingestellt. Er kommt aber nicht umhin, die Werke der Revisionisten zu verwenden, ja er stützt sich bei seinen Betrachtungen über die Betriebsdauer der Auschwitz/Birkenauer Krematorien in nicht unerheblichem Maße auf revisionistische Quellen, wie die oben zitierte Fußnote 19 zeigt. "Was tun?", muß sich der Hüter der politischen Moral gefragt haben, und die Lösung ist simpel: Alle anderen Beiträge im von mir herausgegebenen Sammelband Grundlagen zur Zeitgeschichte sind »unzumutbar«, »Pamphlet«-haft, »unwürdig«. Nur der Beitrag von Carlo Mattogno und Franco Deana ist eine Ausnahme. All das braucht Meyer natürlich weder zu begründen noch zu belegen. Er entscheidet es einfach ex cathedra. Entweder es ist ihm ernst damit, anderen Wissenschaftlern die Würdigkeit bzw. Würde abzusprechen, was einen verblendeten politischen Extremismus offenbart. Schließlich gehört Meyer ja zu jenen Journalisten, die in der Mehrzahl auch noch applaudiert, wenn man uns »unzumutbare«, "teuflische", »unwürdige« Kreaturen in Gefängnisse sperrt. Oder aber er weiß, wes' Lied er singen muß, damit er mit seinen immerhin nicht unbedeutenden Teilrevisionen (="Teilleugnungen") nicht den politisch-öffentlichen Schandgerichten zum Opfer fällt. Hätte Meyer für ein anderes Thema andere Argumente gebraucht, etwa bezüglich der Fraglichkeit von Massenmorden mit Dieselabgasen, so hätte er womöglich den Beitrag von Fritz Berg im gleichen Buch zitiert, und alle anderen als unzumutbar, pamphlethaft, unwürdig abgetan. Auf diese Weise wird Wissenschaft zur Beliebigkeit.

Meyer hat recht mit seiner Feststellung, daß die von ihm als solche anerkannte, also nicht-revisionistische Geschichtswissenschaft Auschwitz nicht als Forschungsthema akzeptiert hat, doch hätte ich es gerne ausformuliert gesehen, was er daran für »einsehbar« hält. Ich befürchte ja, daß wir zwei uns bereits uneinig darüber sind, was denn das Kriterium wäre, an dem man feststellen kann, ob die Geschichtswissenschaft ein Thema als Forschungsgegenstand akzeptiert hat. Ich darf daher hier etwas Grundsätzliches ausführen. Forschung ist die Tätigkeit menschlichen Geistes, die den Schein nicht kritiklos als Sein akzeptiert, sondern kritisch hinterfragt. Geforscht wird dort, wo die Ergebnisse am Anfang der Forschung offen sind, wo prinzipiell jedes Forschungsergebnis möglich ist und wo alle Forschungsergebnisse öffentlicher Kritik ausgesetzt werden können und werden. Herr Meyer weiß sehr genau, daß dies in Sachen Holocaust in vielen Ländern Europas aus strafrechtlichen Gründen kaum möglich ist, und er weiß auch, daß es praktisch in allen Ländern, in denen das Thema überhaupt behandelt wird, sozial und wirtschaftlich ruinös ist, andere Ansichten zu haben als die, die als etabliert gelten. Es darf angenommen werden, daß Meyer aufgrund seines Artikels nicht unerheblichen Ärger bekommen hat. Es darf ferner angenommen werden, daß er auch weiß, was passiert wäre, wenn er sich noch weiter aus dem Fenster gelehnt hätte.

Mit anderen Worten: Aus politischen Gründen ist es der institutionalisierten Geschichtswissenschaft im herkömmlichen Sinne überhaupt nicht möglich, Auschwitz bzw. den Holocaust zum ergebnisoffenen Forschungsthema zu machen. Das Interessante ist nun, daß Meyer selbst zu denen zählt, die dieses politische Forschungsverbot unterstützen: Er grenzt all jene, die in entscheidenden Punkten seine Meinung nicht teilen, mit politischen Totschlagvokabeln aus, ja er spricht ihnen die Würde ab. Meyer selbst hat also entweder die Grundregeln der Wissenschaft nicht verstanden, oder er hat gar kein Interesse an der Wissenschaft.

Bezüglich der in seiner Fußnote 5 angesprochenen Existenz oder Nichtexistenz der Gebäude, die oft als "Vergasungsbunker" bezeichnet werden, wäre angebracht gewesen, darauf hinzuweisen, daß Grafs Aussage in seinem 1994 erschienenen Buch so von ihm heute nicht mehr getragen wird und von anderen Revisionisten noch nie mitgetragen wurde.[9] Meyers »NS-Apologeten ("Revisionisten") bezweifeln« ist also nicht nur polemisch, sondern zudem auch eine unzulässige Verallgemeinerung. Der eigentliche Streit dreht sich hier darum, welchen Verwendungszweck jene(s) Gebäude hatte(n).

Nach so viel Schelte ist nun auch einmal die Zeit gekommen, Fritjof Meyer zu loben. Er ist der erste, der eine revisionistische Quelle nicht nur zitiert, sondern mit deren Aussage zumindest teilweise übereinstimmt (er zitiert Mattogno noch einmal in seiner Fußnote 32, S. 637.) Er anerkennt, daß die Revisionisten »sehr emsig Details gesammelt« haben, wenngleich er unsere Arbeit auf eine Stufe stellt mit den sowjetischen Propagandisten à la Ilja Ehrenburg. Ob Meyer wohl je gemerkt hat, daß Ehrenburg kein einziges Detail gesammelt hat und daß die Revisionisten nie zum Massenmord aufriefen und auch keine Folterorganisation à la NKWD oder SMERSCH unterhalten, um zu ihren Forschungsergebnissen zu kommen? Meinen Sie nicht, Herr Meyer, daß es einen qualitativen Unterschied gibt zwischen revisionistischer Forschung und sowjetischer Propaganda?

Meyers Eingeständnis der Detailkenntnisse der Revisionisten impliziert übrigens noch ein weiteres Eingeständnis, nämlich daß er mit der revisionistischen Literatur vertraut ist. Es darf angenommen werden, daß Meyer seit vielen Jahren die Publikationen der Revisionisten sammelt oder doch zumindest zur Kenntnis nimmt. Das nehme ich nun im nächsten Abschnitt zum Anlaß, einige von Meyers sachlichen Aussagen einmal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.

2. Meyers methodische Schwächen

Ganz zu Anfang macht Meyer folgende Aussage:

»Ein Schlüsseldokument, das Auskunft gibt über die Kapazität der Krematorien von Auschwitz-Birkenau, ist jetzt aufgefunden worden. Zu deren Nutzungsdauer ist zugleich eine Aussage des Lagerkommandanten Höß ans Licht gekommen.« (S. 631)

Der Begriff Schlüsseldokument läßt aufhorchen und auf einen Schlüssel zu einer zentralen Erkenntnis hoffen. Später dann führt Meyer dazu aus:

»Demnach wurde im Archiv der Krematoriumsfirma Topf & Söhne (jetzt: Erfurter Mälzerei und Speicherbau), Ordner 241, ein Brief des zum Bau in Auschwitz eingesetzten Oberingenieurs Kurt Prüfer aufgefunden, der mit dem 8. September 1942 datiert ist, also neun Wochen nach Bischoffs Schreiben [28.6.1943, sic!] und nach Fertigstellung der Krematorien, mithin aufgrund der ersten Betriebsergebnisse. Laut Prüfer verbrannte jedes der beiden Krematorien I und II täglich 800, jedes der beiden kleineren III und IV 400 Körper, insgesamt 2400.« (S. 634)

Anschließend zitiert Meyer zur Abstützung seiner Feststellungen »Die Verbrennungszeit betrug anderthalb Stunden13 in einer Muffel« folgende Quelle:

»13 Auschwitz-Flüchtling Alfred Wetzler in WRB-Report v. 25.11.1944, Franklin Delano Roosevelt Library New York, S. 12, Eine Fassung ist abgedruckt in: Sandor Szenes/Frank Baron: Von Ungarn nach Auschwitz. Münster 1994, S. 126. - Tauber in: Pressac, Technique [Fn. 3], S.483. - Vgl. die Aussagen der Ingenieure Prüfer, Schultze und Sander von der Fa. Topf und Söhne am 5. und 7.3.1946 vor Hauptmann Schatunovski und Major Morudshenko von der Smersch-Abteilung der 8. Armee auf die Frage nach der stündlichen Kapazität (Zentralarchiv KGB der UdSSR, Akte 17/9, 19).«

Und zur Aussage von Höß zur Nutzungsdauer der Krematorien führt Meyer aus:

»Eine zweite überraschende Information liefert van Pelt nun mit der Veröffentlichung einer Aussage von Höß im Kreuzverhör vor dem Krakauer Gericht 1947: "Nach acht oder zehn Stunden Betrieb waren die Krematorien für eine weitere Benutzung unbrauchbar. Es war unmöglich, sie fortlaufend in Betrieb zu halten."« (S. 635f.)

Die Frage, ob die Feststellungen Meyers richtig sind oder nicht, werde ich hier nicht behandeln, da sich dazu Carlo Mattogno im anschließenden Beitrag äußert. Ich darf hier aber einige methodische Anmerkungen machen.

Zunächst zur Frage des »Schlüsseldokuments«. Meyer benutzt es, um mit ihm zu beweisen, daß ein anderes, sonst von der Forschung oft zitiertes »Schlüsseldokument« zur Kremierungskapazität in Auschwitz falsche, überhöhte Zahlen enthält.[10] Er zitiert dazu J.-C. Pressacs Aussage, der dieses letzte Dokument mit seinen extrem übertriebenen Zahlen zur Kremierungskapazität als »eine interne Propagandalüge« der SS bezeichnet hatte.[11] Die Frage stellt sich freilich, wie Meyer sicherstellen will, daß Prüfers Brief nicht ebenso eine »Propagandalüge« des Chefingenieurs der Fa. Topf & Söhne ist?

Bezüglich Meyers Versuch, die tatsächliche Kremierungskapazität der Krematorien festzustellen, darf ich mich doch sehr über dessen Vorgehensweise wundern, die leider nur allzu typisch ist für das, was Robert Faurisson "Papierhistoriker" genannt hat. Wieso greift Meyer zur Feststellung von Kremierungskapazitäten auf die Aussagen ehemaliger Auschwitz-Häftlinge und auf Aussagen zurück, die bei Verhören durch sowjetische GULag-Folterknechte abgegeben wurden? Warum begibt er sich nicht zu Kremierungsfachleuten oder besucht zumindest das nächstgelegene Hamburger Krematorium? Es mutet auch seltsam an, daß er sich in dieser Sache nicht auf Carlo Mattogno und Franco Deana bezieht, auf die er sonst doch recht große Stücke hält. Er zitiert sie zwar in anderem Zusammenhang, nicht aber hinsichtlich der Krematoriumskapazitäten.

Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang immer gerne an ein Ereignis während eines Mitarbeiterseminars der Abteilung meines damaligen Doktorvaters Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Georg von Schnering am Max-Planck-Institut für Festkörperforschung in Stuttgart, an dem ich anno 1990 bis 1993 meine Doktorarbeit anfertigte. Am 20.1.1993 hielt dort ein gewisser Dr. Harald Hillebrecht einen Vortrag über physikalische Messungen, die er durchgeführt hatte. An einer Stelle seines Vortrages gab er eine bestimmte physikalische Größe an, die meinem Doktorvater so unwahrscheinlich erschien, daß er nachfrug, woher Dr. Hillebrecht denn diesen Wert habe. Als dieser daraufhin antwortete, dies sei ihm von einem kompetenten Physiker-Kollegen mündlich mitgeteilt worden, antwortete Prof. von Schnering darauf:

»Das darfst Du überhaupt nicht glauben! Jeder verwendet hier seine persönliche Latrinenparole!« (20.1.1993, 9:48 Uhr, Raum 4D2)

Meyers Vorgehensweise läßt sich damit durchaus vergleichen, ja sie ist sogar noch schlimmer, denn Meyer griff zur Feststellung physikalisch-technischer Werte nicht auf die freiwillig gemachten mündlichen Aussagen kompetenter Experten zurück, sondern er verwendete Aussagen von Leuten, die entweder keine Experten in Kremierungstechnologien waren (die Zeugen Höß, Wetzler, Tauber, Schultze), und/oder deren Aussage in Situationen des Zwangs zustande kamen (Höß, Sander, Prüfer, Schultze). Das ist keine Verfahrensweise, die das Etikett "wissenschaftlich" verdient. Da hilft es auch nicht, wenn sich Meyer damit verteidigt, Carlo Mattogno habe die Aussagen der vom KGB verhörten Topf-Ingenieure ja auch zitiert.[7] Man kann die unter zweifelhaften Umständen entstandenen Aussagen von Experten durchaus zitieren, um damit anderweitig erworbene, zuverlässige wissenschaftliche Erkenntnisse zu unterstreichen, wie es Mattogno tut. Man kann sie aber eben nicht isoliert als verläßlichen Beweis für irgend etwas herausstellen.

Aber damit hören Meyers methodische Schwächen noch nicht auf. Gleich zu Anfang seines Artikels schreibt er:

»Hier kann nicht vertieft werden, daß die vorhandenen Belege, nämlich Dokumente über eine Nachrüstung der ursprünglich dafür nicht errichteten Bauten (zum Beispiel mit Einwurfschächten und Gasprüfgeräten) zum "Vergasungskeller" sowie die einschlägigen Zeugenaussagen eher auf Versuche im März/April 1943 deuten, die Leichenkeller nach Fertigstellung der Krematorien im Frühsommer 1943 für den Massenmord einzusetzen. Das mißlang offenbar, weil die Ventilation kontraproduktiv war3 und die erwarteten Massen an Opfern in den folgenden elf Monaten nicht eintrafen.4 Der tatsächlich begangene Genozid fand wahrscheinlich überwiegend in den beiden umgebauten Bauernhäusern außerhalb des Lagers statt « (S. 632)

Henryk Tauber

Diese drei Sätze lesen sich so, als meine Meyer, Dokumente und die einschlägigen Zeugen würden darauf hindeuten, es habe lediglich Versuche gegeben, die Leichenkeller der Krematorien als "Gaskammern" umzurüsten, der Ort des Schreckens sei aber tatsächlich woanders gewesen. Einen Beweis dafür führt er ausdrücklich nicht an. Erst in seiner Email an mich verweist er pauschal auf »jene "kriminellen Spuren" Pressacs«, wobei ihm offenbar entgangen ist, daß diese "kriminellen Spuren" gar nicht beweisen, was er und Pressac damit behaupten wollen.[12] Tatsächlich widerspricht er mit seiner Angabe so zentralen und berühmten Zeugen von Auschwitz wie z.B. Henryk Tauber, Miklos Nyiszli und Filip Müller.

Erst in seiner Reaktion auf eine Vorfassung dieses Artikels meint Meyer, seine Behauptungen würden durch »die Beobachtungen des wichtigsten Zeugen Henryk Tauber« gestützt, gibt aber nicht an, welche Beobachtung Taubers er meint.[7] Tatsächlich berichtet Tauber jedoch zum Beispiel davon, daß die angebliche Gaskammer im Krematorium II im Sommer und Herbst 1943 in regem Betrieb war.[13] Tauber berichtet auch von einer ununterbrochenen Vernichtungsaktivität bis zum Herbst 1944 und natürlich von den üblichen insgesamt vier Millionen Opfern.[14] Nichts in Taubers Aussage weist darauf hin, die angeblichen Vergasungen in den Krematorien seien nach anfänglichen Versuchen aufgegeben worden.

Daß Taubers Aussage technisch Unmögliches berichtet - bis zu acht Leichen pro Muffel, flammenschlagende Kamine, selbstbrennende Leichen, Frauenleichen zum Anzünden anderer Leichen, Ansammlungen kochenden Menschenfetts -, steht auf einem ganz anderen Blatt und beweist, daß dieser Zeuge bezüglich seiner Angaben zur angeblichen Massenvernichtung nichts weiter ist als ein vulgärer Lügner, mit dessen Aussagen man für sich alleine betrachtet gar nichts beweisen kann, auch nicht irgend welche Meyerschen Thesen.

Zu den zwei anderen von mir angeführten Zeugen läßt Meyer in seiner Antwort Erstaunliches verlautbaren, hält er doch Miklos Nyiszlis Buch mit seinen »extremen Angaben« für »offenkundig redigiert« und Filip Müllers Bericht für einen »Roman« - was freilich die Glaubhaftigkeit von Aussagen, die diese Zeugen anderweitig machten (IMT, Frankfurter Auschwitz-Prozeß), in Meyers Augen nicht verringert.[7] Warum veröffentlicht er solche immensen Eingeständnisse nicht in seinem Artikel, sondern in Emails, die abzudrucken er dann verbietet?

Hinsichtlich der Zeugenaussagen kann sich Meyer ja nun wirklich nicht auf Unwissen zurückziehen, zumal er Jürgen Grafs Buch über die wichtigsten Auschwitz-Zeugen selbst zitiert hat. In seiner Email an mich listete er dann auch eine ganze Reihe von Zeugen auf, auf die er sich stützt (ohne Quellenangabe),[15] was darauf hinweist, daß er weiß, wovon er schreibt. Aber warum zitierte er seine Beweise nicht da, wo sie vonnöten gewesen wären, nämlich in seinem Artikel? Sie in einer privaten, nicht publizierbaren Liste zu verstecken, hilft niemandem.

3. Meyers inhaltliche Schwächen

Meyers naive Akzeptanz Tauberscher Absurditäten, die Meyers Thesen eben nicht stützen, habe ich bereits angeschnitten. Einen weiteren sachlichen Fehler begeht Meyer, wenn er als Argument für das Scheitern der Umrüstung der Leichenkeller in Fußnote 3 anführt:

»3 Die Entlüftungsöffnungen lagen in Bodenhöhe, während das Zyklon-Gas nach oben steigt, wo sich die Belüftungsschächte befanden; Jean-Claude Pressac in: Beate Klarsfeld Foundation (Hrsg.): Auschwitz -- Technique and operation of the gas chambers. New York 1989. S. 288f.« (S. 632)

Hier hat ein naturwissenschaftlich-technisch Unwissender vom anderen abgeschrieben. Seit 1993 habe ich immer wieder - offenbar erfolglos - darauf hingewiesen, daß der Dichteunterschied zwischen Luft und Blausäuredämpfen vernachlässigbar ist.[16] Aber selbst wenn es wahr wäre, ist Meyers Argument ein bißchen dünn, um zu begründen, daß die bisherigen Hauptmordstätten des Holocaust - »das absolute Zentrum« in der »Geographie der Grausamkeiten«, wie Prof. van Pelt es ausdrückte[17] - nunmehr zum alten Eisen gelegt werden. Meint er wirklich, die SS hätte sich angesichts der sicherheitstechnischen Probleme, die der fließbandartige Massenmord mit Blausäure mit sich gebracht hätte, mit der Frage befaßt, ob die giftgasschwangere Luft unten oder oben im Raum abgesaugt werden soll? Doch damit noch nicht genug. Meyer fährt fort:

»Der tatsächlich begangene Genozid fand wahrscheinlich überwiegend in den beiden umgebauten Bauernhäusern außerhalb des Lagers statt; von dem ersten, dem "Weißen Haus" oder "Bunker I", wurden erst jüngst die Fundamente entdeckt.5«

Kann mir jemand verraten, warum die angeblichen Bunker für den Massenmord besser geeignet gewesen sein sollen als die Leichenkeller der Krematorien II und III mit ihrer angeblich falsch herum eingebauten Lüftung, obwohl die Bunker nach dokumentarischer Beweislage und den Zeugen zufolge überhaupt keine Lüftungsanlage besaßen?

In seiner Antwort meint Meyer, laut Aussage des ehemaligen Lagerkommandanten Aumeier habe es im Bunker II sehr wohl eine Lüftungsanlage gegeben.[7] Wenn die revisionistische These korrekt ist, daß es sich bei dem (oder den) Bunker(n) um Entlausungsanlagen gehandelt hat,[18] so wäre eine solche Entlüftungsanlage in der Tat unumgänglich gewesen. Allerdings ist damit Meyers These immer noch nicht bewiesen, man habe aufgrund einer falschen Lüftungsrichtung die Krematorien aufgegeben und sei statt dessen auf die Bunker ausgewichen.

Objektiv betrachtet ist Meyer aber wohl nicht völlig auf dem Holzweg. Tatsächlich waren die Lüftungsanlagen in den Krematorien II und III lediglich für Leichenkeller geeignet, nicht aber für Giftgasmassenvergasungskeller - und auch nicht für Entlausungen. Der Grund dafür ist allerdings nicht ihre falsche Lüftungsrichtung, sondern schlicht und einfach ihre zu geringe Leistungsfähigkeit.[19] Aufgrund der Gefährlichkeit von Blausäure ist es zudem nur allzu wahrscheinlich, daß deren Anwendung nach Möglichkeit in Gebäude verlegt wurde, die Außerhalb des Lagers selbst lagen, eben in jene sogenannte Bunker.[20] Das wäre die korrekte Art der Argumentation gewesen, ob man nun über Menschenvergasungen spricht oder Entlausungen.

Als Belege für die Existenz der "Vergasungsbunker" zitiert Meyer anschließend die bereits weiter oben zitierte Fußnote fünf. Und welche wissenschaftlichen Untersuchungen zitiert er dafür?

»Corriere della Sera, 20.11.2001. - Le Monde, 20.11. 2001. - dpa. 19.11.2001«

Hinzufügen könnte man noch die Bild Zeitung vom 20.11.2001, die die gleiche Meldung veröffentlichte. Methodisch betrachtet ist äußerst fragwürdig, sich überhaupt auf Meldungen in Tageszeitungen zu stützen, zumal Journalisten häufig recht oberflächlich und verzerrt berichten. Man stelle sich nur vor, was alles als wahr zu gelten hätte, wenn man alles, was in der Bild-Zeitung geschrieben steht, ernst nähme!

Über Fundamente dessen, was Meyer als »Bunker I« bezeichnet, wird in den von ihm zitierten Zeitungsartikeln aber gar nicht berichtet, sondern über ein bestehendes Wohnhaus, das ein Forscher des Mailänder Zeitgenössischen Jüdischen Dokumentationszentrums als den ehemaligen "Bunker I" identifiziert haben will - fälschlich, wie Carlo Mattogno in einer detaillierten Studie nachgewiesen hat.[21] Meyer hat hier offenbar etwas verwechselt, denn eine Abbildung von Fundamenten eines außerhalb des Lagers Birkenau gelegenen ehemaligen Gebäudes mit zur Zeit unbekannter Geschichte wurde bereits 1989 von J.-C. Pressac veröffentlicht. Pressac hält diese Fundamente allerdings für Überreste des sogenannten Bunker II, nicht des Bunker I.[22] Es bleibt daher festzustellen, daß es weiterhin vom Bunker I keine materiellen Spuren gibt, was freilich nicht bedeutet, daß es ein derartiges Gebäude mit zunächst unbekanntem Verwendungszweck nicht gegeben hat.

Ein weiterer inhaltlich interessanter Aspekt von Meyers Artikel ist der Umstand, daß in ihm kein Wort erwähnt wird über die von den Augenzeugen genannten Freilufteinäscherungen in tiefen Gruben bei den von Meyer so hochgeschätzten Bunkern. Meyer erwähnt lediglich nebenbei:

»Laut Höß wurden 107 000 Leichen aus den Massengräbern bis Ende November 1942 auf Scheiterhaufen verbrannt.21 Pressac bestreitet diese Zahl, er zählt 50 000.22

Da bislang ungeklärt, nicht einmal als Problem erkannt ist, wo die Opfer des besonders exzessiven Gasmords im Winter 1942/43 bis zur Inbetriebnahme der Krematorien verblieben sind, kann mit Fug angenommen werden, auch 57 000 der 100 000 vom Dezember 1942 bis März 1943 in Auschwitz angekommenen Opfer ohne Registrierung seien unter freiem Himmel verbrannt worden und Höß habe sie in seine Angabe einbezogen.

Ohne die (auf Scheiterhaufen verbrannten) Opfer der Ungarn-Aktion [...]« (S. 636)

Meyer hat recht: Die Frage, wo denn die Opfer der angeblichen, vor der Fertigstellung der Krematorien und während der "Ungarn-Aktion" begangenen Morde eingeäschert worden sind, wurde von der etablierten Geschichtsschreibung als Problem bisher noch nicht erkannt, aber Meyer erkennt dieses Problem ebenso wenig. Tatsache ist eben, daß die Zeugen von tiefen Verbrennungsgruben berichten, und daß dies wegen des hohen Grundwasserstandes in Birkenau eben technisch unmöglich war.[23] Zudem hat John Ball schon 1992 anhand alliierter Luftbilder nachgewiesen, daß es während der sogenannten "Ungarn-Aktion" eben keine derartige Freiluftverbrennungen gab - weder auf Scheiterhaufen noch in Gruben.[24] Meyers Verlagerung des Massenmordes in die sogenannten Bunker macht das von ihm benannte Problem nur noch größer. Zu dessen Lösung aber trägt Meyer nichts bei, im Gegenteil: Er verschleiert das Problem, indem er wieder einmal die Quellen inhaltswidrig darstellt: aus Verbrennungsgruben macht er Scheiterhaufen.

Auch zur heiß umstrittenen Frage der angeblich in der Decke der Leichenkeller 1 der Krematorien II und III vorhanden gewesenen Zyklon B-Einwurflöcher macht Meyer eine ebenso dogmatische wie unfundierte Behauptung:

Verschiedene von offiziellen Stellen und Historikern genannte Opferzahlen des KL Auschwitz: Zweite Säule von rechts: Meyers neuester Beitrag zur Diskussion. Ganz rechts: Maximalzahl nach revisionistischer Ansicht (ca. 150.000). Sie haben die freie Auswahl! Höchstens eine dieser Zahlen kann richtig sein, alle anderen sind auf die eine oder andere Weise volksverhetzend und können in Deutschland strafbar sein. Es wird vor allem vorschnell als strafbar angesehen, überhaupt derartige Aufstellungen zu machen![25]

»Dann verbissen sich die beiden [Irving und van Pelt] in die Frage, ob die im Zuge der Umrüstung des Leichenkellers nachträglich in dessen Decke geschlagenen Öffnungen zum Einwurf von Zyklon-B heute noch sichtbar seien oder nicht (sie sind es, was van Pelt noch nicht wußte). « (S. 633)

Diese Frage ist von derart zentraler und zugleich materieller, das heißt durch Sachargumente lösbarer Natur, daß sie eines der Hauptthemen Meyers hätte sein müssen, wenn er an Fakten interessiert wäre. Aber nein, Meyer stellt dazu lediglich eine Behauptung in Klammern auf. Es kann daher nicht wundern, daß Meyer mit seiner Behauptung völlig falsch liegt.[26] Wäre es anders, hätte man wohl Argumente erwarten können.

4. Die Opferzahlen

In einem 1998 erschienenen kurzen Beitrag über die Entwicklung der Opferzahlen von Auschwitz hat Thomas Ryder die weitere Senkung dieser Zahl in naher Zukunft vorausgesagt.[27] Er mag zwar bezüglich der Geschwindigkeit dieser Reduzierung etwas zu optimistisch gewesen sein, aber in der Tendenz hatte er sicher recht, denn Meyer kommt in seinem Beitrag zu folgender Aussage:

»Diese Überlegungen führen hier zu dem Ergebnis, daß in Auschwitz eine halbe Million Menschen ermordet wurden, davon etwa 356 000 im Gas.37«

Nach einem kurzen Hinweis, daß die bei Kriegsende propagierte 4-Millionen-Zahl ihren Ursprung in sowjetischer Propaganda hatte, geht Meyer detailliert auf die Aussagen Rudolf Höß' ein, dem ehemaligen Kommandanten von Auschwitz. Über dessen Behandlung durch seine britischen Gefängniswärter berichtet Meyer:

»Nach drei Tagen Schlafentzug,41 gefoltert, nach jeder Antwort verprügelt, nackt und zwangsweise alkoholisiert,42 war die erste Vernehmung "unter schlagenden Beweisen" zustande gekommen. so berichtete auch Höß selbst: "Was in dem Protokoll drin steht, weiß ich nicht, obwohl ich es unterschrieben habe. Doch Alkohol und Peitsche waren auch für mich zuviel."43 Er zeichnete um 2.30 Uhr nachts mit angestrengter Unterschrift diese Sätze:

In Auschwitz selbst sind meiner Schätzung nach cca [sic] 3 000 000 Menschen ums Leben gekommen. Schätzungsweise nehme ich an das [sic] davon 2 500 000 vergast worden sind.44« (S. 639f.)

Anschließend geht Meyer detailliert auf die diversen Foltern ein, denen Höß ausgesetzt war, und weist nach, daß die von Höß angegebenen Zahlen unmöglich stimmen können. Es wäre anständig gewesen, wenn Herr Meyer diejenigen, die zuerst über die Folter von Höß und die Unmöglichkeit seiner Angaben berichtet haben, korrekt zitiert hätte. Das gebietet die wissenschaftliche Redlichkeit. Nur weil man A.R. Butz, W. Stäglich und R. Faurisson nicht leiden kann, hat man noch lange nicht das Recht, akademische Gepflogenheiten zu mißachten.[28]

Ganz im Stile seines Beitrages beendet Meyer seinen Artikel auch wieder mit einer politischen Parole:

»Dieses Ergebnis relativiert nicht die Barbarei, sondern verifiziert sie - eine erhärtete Warnung vor neuem Zivilisationsbruch.«

Verifiziert hat Meyer nicht die NS-Barbarei, sondern die in Sachen Auschwitz herrschende Historiker-Barbarei, die wissenschaftliche Grundregeln nach Kräften mißachtet. Auch dieser Zivilisationsbruch muß erst noch überwunden werden.

5. Zusammenfassung

In seinem Beitrag hat Meyer die Auschwitz-Opferzahlen erneut reduziert und im Prinzip die Krematorien von Birkenau als Massenmordstätten aufgegeben. Er hat erstmals revisionistische Quellen zitiert und als zumindest teilweise richtig anerkannt. Darüber hinaus hat er die Tatsache, daß Auschwitz-Kommandant Höß gefoltert wurde, öffentlich als richtig anerkannt und dessen offensichtlich falsche Angaben in Zweifel gezogen. In seinem privaten Schreiben hat er zudem die hochgerühmten Bücher der oft als "Kronzeugen" zitierten Miklos Nyiszli und Filip Müller als überarbeitet bzw. als Roman charakterisiert und die Arbeiten von Mattogno erneut als annehmbar bezeichnet. Für die Zukunft darf man also hoffen. Es bewegt sich doch!

Angesichts der vielen methodischen wie inhaltlichen Mängel wirkt es allerdings schon komisch, wenn Meyer uns Revisionisten in seiner Fußnote 19 vorwirft, uns seien »die in dieser [seiner] Studie vorgetragenen Gesichtspunkte aber entgangen [...]«.[29]

Beitrag C. Mattogno | Beitrag J. Hille, H.J. Nowak | Beitrag W. Strauss


Anmerkungen

[1]Werner Rademacher, »Die Wandlungen der Totenzahl von Auschwitz«, VffG, 3(3) (1999), S. 256-267 und Robert Faurisson, »Wieviele Tote gab es im KL Auschwitz?«, ebenda, S. 268-272.
[2]Jean-Claude Pressac, Les Crématoires d'Auschwitz. La Machinerie du meurtre de masse, Éditions du CNRS, Paris 1993, S. 148: »Gesamtzahl der Toten: 775.000 [aber diese Zahl] könnte Lücken in sich bergen. Deswegen sollte eigentlich die Gesamtzahl von 800.000 Opfern festgehalten werden.«; ders., Die Krematorien von Auschwitz. Die Technik des Massenmordes, Piper, München 1994, S. 202: »Gesamtzahl der Toten: 631.000 - 711.000; [...] man bewertet die Zahl der Opfer auf 630.000 bis 710.000.«
[3]19.07.2002, www.dsz-verlag.de/Artikel/NZ30/NZ30_1.html. Der NZ-Online-Artikel macht keine Angaben darüber, in welcher Ausgabe er erschien.
[4]Osteuropa. Zeitschrift für Gegenwartsfragen des Ostens, Nr. 5, Mai 2002, S. 631-641. Der Artikel ist online erhältlich unter www.vho.org/D/Beitraege/FritjofMeyerOsteuropa.html.
[5]Jürgen Nowak, »Kurzwellen-Entlausungsanlagen in Auschwitz«, VffG 2(2) (1998), S. 87-105; Hans Lamker, »Die Kurzwellen-Entlausungsanlagen in Auschwitz, Teil 2«, VffG 2(4) (1998), S. 261-273.
[6]Robert Faurisson, »Das Schwimmbad im Stammlager Auschwitz«, VffG 5(3) (2001), S. 254f
[7]Email von. F. Meyer and G. Rudolf, 8.11.2002:
»[...] Ihrer Zeitschrift, die einen rein propagandistischen Charakter trägt [...]«
[8]Vgl. dazu VffG 4(1) (2000), S. 2-50.
[9]Vgl. R. Kammerer, A. Solms, Das Rudolf Gutachten, Cromwell Press, London 1993, S. 32; ders., Das Rudolf Gutachten, Castle Hill Publishers, Hastings 2001, S. 97f.
[10]Manfred Gerner, »"Schlüsseldokument" ist Fälschung«, VffG, , 2(3) (1998), S. 166-174; vgl. dazu C. Mattogno, »"Schlüsseldokument" - eine alternative Interpretation«, VffG, 4(1) (2000), S. 51-56;
[11]J.-C. Pressac, Die Krematorien von Auschwitz, aaO. (Anm. 2), S. 103.
[12]Zusammenfassend: G. Rudolf, Das Rudolf Gutachten, aaO., Castle Hill Publishers, Hastings 2001, mit weiteren Verweisen.
[13]»At the end of 1943, the has chamber was divided in two [...]«; »These fittings [Bänke, Kleiderhaken, falsche Duschköpfe] were not installed until autumn 1943«, J.-C. Pressac, Auschwitz: Technique and Operation of the Gas Chambers, The Beate Klarsfeld Foundation, New York 1989, S. 484.
[14]Ebenda, S. 500f.
[15]»Brüder Dragon, Feinsilber, Langfuss, Lewental, Buki, Benroubi, Brüder Gabarz, Tabeau, Lettich, Nyiszli, Gulba, Wisorka, Wohlfahrt, Puchala, Bila, Wolken, Plastura, Porebski, Paisikovic, Eisenschmidt, Rozin, Schellekes, Hejblum; SS: Höß, Aumeier, Kremer, Münch, Broad, Böck, Hölblinger, Lorenz, Hradil, Kaduk«. Jürgen Graf wird auf diese Meyerschen Beweis-Aussagen später zurückkommen.
[16]Zuletzt in der Neuausgabe meines Gutachtens, G. Rudolf, Das Rudolf Gutachten, Castle Hill Publishers, Hastings 2001, S. 105; vgl. die Erstausgabe: R. Kammerer, A. Solms, Das Rudolf Gutachten, Cromwell Press, London 1993, S. 37f.
[17]Aussagen van Pelts in Errol Morris' Dokumentarfilm über Fred Leuchter, uraufgeführt im Januar 1999 während des Sundance Film-Festivals in Park City (Utah, USA): »Mr. Death: The Rise and Fall of Fred A. Leuchter, Jr.«, 1:00:00.
[18]TCIDK 520-1-24-77, 30.11.42; 520-1-24-33, 3.12.42; 520-1-332-46a, 9.1.43; 520-1-26-66, 9.4.43; 502-1-238-10, 30.9.43.
[19]C. Mattogno, Auschwitz: Das Ende einer Legende, in: Herbert Verbeke (Hg.), Auschwitz: Nackte Fakten. Eine Erwiderung an Jean-Claude Pressac, Vrij Historisch Onderzoek, Berchem 1995, S. 133-135.
[20]Erstmalig angesprochen von H.J. Nowak, »Kurzwellen-Entlausungsanlagen in Auschwitz«, VffG 2(2) (1998), S. 87-105.
[21]Carlo Mattogno, »Die "Entdeckung" des "Bunkers 1" von Birkenau:
alte und neue Betrügereien«, VffG
6(2) (2002), S. 139-145.
[22]AaO. (Anm. 13), S. 176.
[23]Vgl. dazu Michael Gärtner, Werner Rademacher, »Grundwasser im Gelände des KGL«, VffG , 2(1) (März 1998) S. 2-12, sowie den Beitrag von Carlo Mattogno, »"Verbrennungsgruben" und Grundwasserstand in Birkenau« in diesem Heft.
[24]J. Ball, Air Photo Evidence, Auschwitz, Treblinka, Majdanek, Sobibor, Bergen Belsen, Belzec, Babi Yar, Katyn Forest, Ball Resource Service Ltd., Delta, B.C., Canada 1992 (online: www.air-photo.com).
[25]Vgl. dazu die näheren Angaben von Robert Faurisson, aaO. (Anm. 1).
[26]Da hilft es auch nichts, daß er in seiner Email an mich meint, »Die Löcher in der Betondecke sind nun einmal sichtbar«. Vgl. dazu z.B. die Neuauflage meines Gutachtens, aaO. (Anm. 9), S. 78-93; neuer die Diskussion von C. Mattogno, »"Keine Löcher, keine Gaskammer(n)"«, VffG 6(3) (2002), S. 284-304.
[27]»Die Formel der Wahrheit«, VffG 2(3) (1998), S. 204f.
[28]Meyer erwähnt zwar Stäglichs Skeptizismus in Sachen Höß - er nennt ihn fälschlich Ernst Stäglich - sowie den Titel seines Buches, jedoch ohne die üblichen Quellenangaben (Ort, Jahr, Seite). Butz und Faurisson werden gar nicht erwähnt.
[29]Nach Lektüre der Vorfassung dieses Beitrages meint er gar, ich sei verständlicherweise zornig, da die Nationalzeitung seine »Studie zur "Wahrheit" erklärt und damit den Revisionisten eine Niederlage bereitet« habe (aaO. Anm. 7). LOL.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 6(4) (2002), S. 371-378.


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