Aus der Forschung

Aus den Akten des Frankfurter Auschwitz-Prozesses, Teil 2

Von Germar Rudolf

Berufsdenunziant, Berufszeuge, Berufsverbrecher

Wie in Teil 1 dieser Serie im letzten Heft berichtet, wurden die Ermittlungen bezüglich im KL Auschwitz begangener Verbrechen Anfang 1958 durch die Anzeige des in Haft befindlichen Adolf Rögner ins Rollen gebracht,[1] der vom mit der Sache befaßten Stuttgarter Staatsanwalt Weber mehrfach als »kontradiktorischer und psychopathischer Berufsverbrecher« bezeichnet wurde (S. 106r, ähnlich 85r)[2]

Bei ihren Ermittlungen gegen Wilhelm Boger, dem Rögner vorwarf, als Angehöriger der Gestapo in Auschwitz gemordet und gefoltert zu haben, tappte die Staatsanwaltschaft zunächst im dunkeln. Auch dem Zentralrat der Juden war über Boger zunächst nichts bekannt, man bot sich aber an, bei den jüdischen Gemeinden per Rundschreiben nachzufragen, falls sich die Staatsanwaltschaft in der Lage sähe, über Boger Näheres zu berichten (Schreiben vom 25.8.58, S. 46). Dieses Schreiben wurde von StA Weber am 29.8.58 mit detaillierten Angaben über die gegen Boger und andere SS-Männer erhobenen Vorwürfe beantwortet (S. 58). In Schreiben an andere Staatsanwaltschaften und Polizeidienststellen wies StA Weber grundsätzlich darauf hin, daß alle Zeugen erst allgemein verhört werden sollten, bevor irgendwelche Namen genannt würden (z.B. S. 73f., 78-83, 109, 117f.). Gegenüber dem Zentralrat vergaß er dies geflissentlich, was nicht gerade von investigativer Feinfühligkeit spricht, denn etwaige Zeugen sollen sich schließlich aus eigenem Gedächtnis erinnern, und nicht durch eine detaillierte Darlegung durch Dritte suggestiv beeinflußt werden. Der anschließend wohl ergangene Aufruf des Zentralrats mit den Angaben über die vermeintlichen Verbrechen des Wilhelm Boger liegt den Akten nicht bei. Es kann aber wohl davon ausgegangen werden, daß darin die von StA Weber dargelegten Details wiedergegeben wurden, womit eine frühe Zeugenbeeinflussung begangen wurde.

Ein weiterer interessanter Aspekt der Persönlichkeit und Biographie des anfänglichen Anzeigenerstatters Rögner ist dessen Tätigkeit bei den berühmt-berüchtigten Schauprozessen, die die Amerikaner anno 1946 in Dachau abhielten.[3] In einem handschriftlichen Brief vom 30.3.58 an die Staatsanwaltschaft am LG Stuttgart führte er zu diesen Schauprozessen aus (S. 53r):[4]

»In den 3 Jahren wo ich bei verschiedenen Militärgerichten als Identifizierer u. Berichterstatter etc., sowie CIC arbeitete, habe ich Feststellungen gemacht, die mich ins Gesicht schlugen, z. B.: Camp 29 - Dachau, die sog. "Berufszeugen", die jahrelang im Camp wohnten, Unterkunft, prima amerikanische Verpflegung, täglich Zigaretten u. 20.- RM bekamen, 10.- vom Ami u. 10.- vom damaligen Präsidenten Auerbach d. "[???] München"; es waren in d. Hauptsache "slawische Juden" (Polen, Tschechen, Ungarn, Jugoslawen etc.); die schworen Meineide auf Meineide, alles Hass u. Rachsucht (nebenbei auch Arbeitsscheu). [?Jeden] Tag schworen sie Meineide u. gaben Lügenprotokolle ab, identifizierten bewußt falsch etc.«

Rögner selbst wurde am 20.8.58 intensiv vernommen. Er sagte u.a. aus (S. 48r):

»Am 20.6.1945 wurde ich in Laufen von Amerikanern festgenommen und kam in automatischen Arrest, weil ich in den verschiedenen KZ-Lagern als Kapo eingesetzt war.«

Aus ungezählten Zeugenberichten der verschiedenen Lager geht hervor, daß sich die Kapos - Häftlinge mit Leitungsfunktion - in den Lagern vieler Vergehen gegen ihre Mithäftlinge schuldig gemacht hatten, insbesondere wenn es sich um Berufskriminelle handelte.[5] Rögner war einer dieser Kapos. Womöglich sah er sich vor die Wahl gestellt, entweder selbst auf der Anklagebank der Dachauer Schauprozesse zu landen oder aber den Amerikanern zu Diensten zu stehen. Jedenfalls wurde er anschließend aus dem automatischen Arrest entlassen und arbeitete sodann für den amerikanischen CIC (Counter Intelligence Corps, Abwehr der US Armee) als »Identifizierer und Aufklärer« bei den Dachauer und später den Nürnberger Prozessen. Er gab auch zu, diese Tätigkeit gegen Bezahlung (Spesen, Wohnung, Verpflegung) bis 1948 ausgeführt zu haben (ebd.). Mit anderen Worten: Was Rögner in seiner handschriftlichen Aufzeichnung anderen vorwarf, nämlich gegen wenig Geld und Naturalien denunziert zu haben, war genau das, was er selbst drei Jahre lang gemacht hatte. Rögner war somit nicht nur ein Berufsverbrecher, sondern obendrein einer jener Berufsdenunzianten bzw. Berufszeugen, die den Amis bei den Dachauer Lynchprozessen halfen.

Während seiner Vernehmung bestätigte Rögners auch, daß jenes Material, welches er 1958 dazu benutze, um den Auschwitz-Prozeß in Gang zu bringen, im wesentlichen aus jenen Schauprozessen stammte (S. 49):

»Während dieser Zeit [seiner Tätigkeit für den CIC] habe ich für mich zum Zwecke meiner jeweiligen Auswertung Akten und Unterlagen über die früheren KZ angelegt.«

Wenngleich er sofort dementiert (ebd.):

»Ich will damit sagen, daß ich in den Unterlagen nur meine ureigensten Beobachtungen notiert und ausgearbeitet habe und nichts aufnahm, was ich nicht selbst gesehen hatte.«

Offen bleibt allerdings, aus welcher Zeit seine »ureigensten Beobachtungen« stammen: von 1940-1945, oder von 1946-1948. Jedenfalls kann ausgeschlossen werden, daß Rögner während seiner Haft in Auschwitz in der Lage war, Akten über dort tätige SS-Leute im Umfang von über einem Zentner anzulegen (so seine eigenen Worte, S. 55r), so daß man davon ausgehen muß, daß er sein Material in Dachau und Nürnberg sowie der Zeit danach zusammengestellt hat. So verweist er z.B. in einem Fall darauf, die »alliierten War-Crimes Listen« zu besitzen sowie die »polnischen original Anklageakten v. Auschwitz I u. II« (55rf.).

Sowohl auf Anfrage während seiner Vernehmung als auch in seinen schriftlichen Unterlagen legte Rögner dann auch tatsächlich lange Listen über angebliche Missetäter sowie ehemalige KL-Kameraden und mögliche Zeugen über Auschwitz sowie allerlei persönliche Details vor (S. 49r-50r, 55-56r, 87-101). In seinem handschriftlichen Schreiben sind fast alle angeblichen Verbrecher der SS »Massen-/Mörder der schlimmsten Sorte«. Diese stereotype Anschuldigung weist ebenfalls daraufhin, daß seine Informationen aus stereotyper Quelle stammen, sprich aus den Dachauer Schauprozessen.

Oben: Die ersten zwei Seiten des Vernehmungsprotokolls von Adolf Rögner: Als Kapo landete er erst in Automatischen Arrest, jedoch erkaufte er sich dann seine Freiheit und die Sicherung seines Lebensunterhalts als Berufsdenunziant für die Amerikaner bei den Dachauer und Nürnberger Schauprozessen. (Zum Vergrößern anklicken)

Oben: Propagandaschrift der kommunistischen Auschwitzer Lagerpartisanen. (Zum Vergrößern anklicken)

Oben: Die ersten drei Seiten des Vernehmungsprotokolls des Paul Leo Scheidel.. (Zum Vergrößern anklicken)

In seiner Stellungnahme zur Vernehmung Rögners schrieb Kriminalkommissar Brunk (S. 51b):

»Der Anzeigenerstatter Adolf Rögner ist hier aktenbekannt. Er wurde bis zum Jahr 1935 insgesamt vierzehnmal wegen Diebstahls, Betrugs, Urkundenfälschung und Betrugs i.R., [...] mit einer Gesamtstrafe von 5 Jahren Zuchthaus bestraft. Anschließend wurde er als Vorbeugehäftling in ein KZ eingewiesen, wo er bald zum Kapo avancierte.«

Auch Brunk zeigte sich skeptisch hinsichtlich Rögners Versicherung, alle seine Angaben beruhten auf eigenem Erleben (ebd.):

»Vielmehr ist anzunehmen, daß er seine Kenntnisse weitgehend aus den Prozessen, die er z.T. als Zeuge miterlebte, erlangt hat. Es ist anzunehmen, daß sein angebliches Material, das er gegen die von ihm benannten Personen zusammengestellt hat, auch auf diese Weise entstanden ist.«

Daß Rögner neben seiner politischen kommunistischen Neigung noch andere, zeitweise womöglich weitaus wichtigere Motive für sein Handeln hatte, zeigen seine Worte in einem handschriftlichen Brief an die StA Stuttgart vom 31.8.58. Darin knüpft er die Übergabe seiner Unterlagen an die Staatsanwaltschaft an eine Bedingung, nämlich seine Überstellung vom Zuchthaus Bruchsal in ein Gefängnis in Stuttgart (S. 67r):

»Es liegt nun an Ihnen, H. St. A. in Stuttgart muss ich aber menschlich untergebracht werden, nicht in diesen "dreckigen, stinkigen Transportzellen, welche von Ungeziefer strotzen"! Bei der Ausarbeitung und Auswertung der Listen, muss ich dabei sein, denn es sind einige tausend Namen allein zu bearbeiten u.s.w. In Bruchsal mache ich das nicht, da ich hier dieser Sache wegen die größten Schwierigkeiten mit d. Direktion habe. [...]«

Auch der Rest des Briefes zeigt deutlich, daß Rögner geneigt war alles zu tun, um aus Bruchsal rauszukommen: für einige Tage zu jenem Prozeß nach München als Zeuge, für viele Wochen nach Stuttgart zur Dokumentenauswertung usw.

Kommunistische Propaganda

Wiederholt hat Rögner angegeben, daß er sich in die Ostzone des besetzten Deutschlands absetzen wolle, sobald er aus der Haft entlassen worden sei (S. 25):

»Ich bin 100 % östlich eingestellt u. fahre nach m. Entlassung sofort nach Krakow, was mein ständiges Domizil wird.«

Aus genau diesem Grund sah sich StA Weber veranlaßt, die von Rögner in seiner Haftzelle aufbewahrten Dokumente zeitweilig zu beschlagnahmen, da Rögner aus Furcht, diese Unterlagen zu verlieren, sie nicht freiwillig übergeben wollte (S. 67r., 106r):

»Ich bemerke, dass die Beschlagnahme vorgenommen werden mußte, weil insofern Gefahr in Verzug bestand, als der Anzeigeerstatter Rögner, ein kontradiktorischer und psychopathischer Berufsverbrecher, angedroht hat, er werde seine Unterlagen in die Ostzone versenden.«

Das vorwiegend von ehemaligen politischen KL-Häftlingen, sprich Kommunisten, geleitete Comité International d'Auschwitz übersandte mit Schreiben vom 30.8.58 eine Broschüre an die Staatsanwaltschaft am LG Stuttgart, die am 16.9.1944 von der »internationalen Widerstandsorganisation im KZ Auschwitz nach Krakau gesandt wurde« (S. 59)

Es ist wohlbekannt, daß viele Kommunisten und Sozialisten während der NS-Zeit in deutschen Konzentrationslagern einsaßen. Es darf als sicher angesehen werden, daß sich diese Personen im Lager organisierten und mit Gruppen zusammenarbeiteten, die außerhalb des Lagers im Untergrund tätig waren. Einer dieser auf jene Weise tätigen kommunistischen Häftlinge war Bruno Baum, der nach dem Krieg in Büchern und Zeitungsartikeln der DDR seine und seiner Freunde Propagandatätigkeit offenherzig zugab.[6] Zu den kommunistischen Lagerpartisanen zählten neben Baum auch der spätere Vorsitzende des Auschwitz-Komitees Hermann Langbein sowie so bekannte Autoren, "Holocaust-Überlebende" und Berufszeugen wie Ota Kraus, Erich Schön-Kulka,[7] Rudolf Vrba und Alfred Wetzler,[8] Filip Müller,[9] Stanislaw Jankowski,[10] Ella Lingens-Reiner[11] und der langjährige Direktor des Auschwitz-Museums Kazimierz Smolen.[12] Bruno Baum schrieb:

»Die ganze Propaganda, die dann im Ausland um Auschwitz einsetzte, war von uns, mit Hilfe unserer polnischen Kameraden, entfacht«[13]

»Ich glaube, es ist keine Übertreibung, wenn ich sage, daß der größte Teil der Auschwitzpropaganda, die um diese Zeit in der Welt verbreitet wurde, von uns im Lager selbst geschrieben worden ist.«[14]

»Diese Propaganda in der Weltöffentlichkeit führten wir bis zum letzten Tage unseres Auschwitzer Aufenthaltes durch.«[15]

Vor diesem Hintergrund und angesichts der Ende August 1944 durch die Sowjets gestarteten massiven Propagandakampagne gegen Deutschland anläßlich der Besetzung des Lagers Lublin-Majdanek darf gefragt werden, welchen Wert wohl eine von den oben genannten Propagandisten im September 1944 verfaßte Broschüre über das KL Auschwitz haben kann? Die den Akten beigefügte Übersetzung dieser polnischen Schrift strotzt dementsprechend von Darstellungen angeblicher Greueltaten. Was sie wert sind, zeigen zwei Beispiele auf krasse Weise (S. 69):

»In seinem persönlichen Verhalten liess er [Lagerkommandant Rudolf Höß] sich hinreissen zu geschlechtlichen Ausschreitungen an Frauen, die im Bunker sassen, wodurch auch Schwangerschaften verursacht wurden, zu deren Unterbrechung[sic] die Häftlingsärzte gezwungen wurden.« (Hervorhebung im Original)

Soviel Unmoral man Höß auch immer vorwarf, derartige Exzesse sind sonst in der Literatur völlig unbekannt. Doch es kommt noch krasser (S. 65):

»Unterscharführer Quackernack Walter [...] - wendete bei den Untersuchungen vor allem die Foltern der Kreuzigung, des Stechens mit Stahlnadeln in die Hoden und die Verbrennung von Tampons in der Scheide an.«

Derartige Perversitäten sind meines Wissens sonst nirgends in der Literatur zu finden und wurden noch nie von irgendeinem Zeugen behauptet. Angesichts solchen blühenden Unsinns darf man sich nicht wundern, wenn Staatsanwalt Dr. Beck meinte, bei einer von Langbein an die Staatsanwaltschaft Stuttgart gesandten tschechischen Druckschrift könnte es sich um »staatsgefährdende Druckschriften aus der Sowjetzone« gehandelt haben (S. 71). Doch der geneigte Leser hofft falsch, denn gleich anschließend offenbart Dr. Beck mangelndes Kritikvermögen, wenn er sich angesichts der für ihn in einer unverständlichen Sprache verfaßten Druckschrift fragt:

»ob es sich nur um eine Schilderung von nationalsozialistischen Verbrechen handelt oder ob die Druckschrift auch Propaganda beinhaltet.«

Wieso oder? Beides ging doch seit 1933 Hand in Hand! Daß es Dr. Beck gar nicht darum ging, staatsgefährdende Propaganda zu unterdrücken, machte er anschließend deutlich:

»Sofern man die Sendung als eine der üblichen Massensendungen behandeln würde, wäre formell ein Ermittlungsverfahren gegen Hermann Langbein einzuleiten und dann formularmässig einzustellen.«

Hier spricht der formgerecht handelnde deutsche Zensor! Ach, wie schön wäre es doch, wenn die Staatsanwaltschaft auch einmal gegen revisionistische Massenaussendungen lediglich formell ein Ermittlungsverfahren einleitete und es dann gleich wieder einstellte!

Interesse von ganz oben

Ganz zu Anbeginn der Ermittlungen in Stuttgart war man sich bei der Staatsanwaltschaft bewußt, daß dieses Ermittlungsverfahren die Aufmerksamkeit von höchster Stelle genoß. So erwähnt z.B. Hermann Langbein in einer am 30.8.58 verfaßten schriftlichen Ergänzung zu einer Aussage, die er am 29.5.58 bei der StA am LG Stuttgart gemacht hatte (S. 62):

»Auf Grund einer Bemerkung in einem Schreiben des Justizministeriums Baden-Württemberg vom 7.8.1958 ergänze ich diese Aussage [...]

StA Weber kam offenbar mit Herrn Langbein nicht sehr gut aus, denn in einem Aktenvermerk vom 11.9.59 schreibt er (S. 76):

»Langbein erging sich in unsachlicher Kritik an den Ermittlungsmassnahmen, die ich in gebührender Weise zurückwies. Offenbar hat er sich anschließend beschwerdeführend an das Ministerium gewandt.«

Was daraufhin deutet, daß diese Beschwerde Langbeins beim Justizministerium bei StA Weber ankam. Zwei Tage später schreibt Weber (S. 102r):

»Da es sich um eine wichtige Ermittlungssache handelt, an der das Justizministerium sehr interessiert ist, [...]«

Das Baden-Württembergische Justizministerium befand sich damals fest in der Hand der damals sehr konservativen CDU-Regierung. Es darf daher angenommen werden, daß dieses große Interesse an den Ermittlungsverfahren nicht durch Sympathien für Langbeins kommunistische Vorfeldorganisation verursacht worden war, sondern durch das Interesse höherer Stellen andernorts.

Die zweite Zeugenaussage

Einige der von Rögner benannten Zeugen konnten sich nicht an das erinnern, was dieser über die angeblichen Untaten von Wilhelm Boger behauptet hatte (S. 110, 116, 119). Mit Paul Leo Scheidel jedoch wurde man am 24.9.58 fündig. Während seiner Vernehmung berichtete Scheidel u.a., es sei seine Aufgabe gewesen, während der Hinrichtungen an der "Schwarzen Wand" im Stammlager Auschwitz dafür zu sorgen, daß seine Mithäftlinge sich in Stuben begaben, deren Fenster keinen Einblick in die Vorgänge im Hof mit der Schwarzen Wand erlaubten, damit sie nicht Zeugen der Hinrichtungen würden. Er selbst jedoch habe sich zum Fenster begeben und die Hinrichtungen des Wilhelm Boger beobachtet. (S. 111f.) Wie er da seine Mithäftlinge hätte zurückhalten können, mit ihm zu schauen, bleibt ein Rätsel. Es ist jedoch ein anderes Faktum, das Scheidel der Falschaussage überführt: Es gibt keinen Zweifel daran, daß es in Auschwitz jede Menge Hinrichtungen gab, und zwar sowohl durch Erschießen als auch durch den Strang. Meldungen darüber wurden von der SS regelmäßig nach Berlin gesandt und von den Briten abgefangen.[16] Auschwitz diente als Vollstreckungsort auch für Todesurteile, die gegen Delinquenten gefällt wurden, die keine Insassen des Lagers waren. Es ist allerdings falsch anzunehmen, die Lagerleitung hätte irgend etwas unternommen, um die Hinrichtungen im Lager geheim zu halten. Immerhin waren diese Todesurteile ja nach dem Rechtsverständnis des Dritten Reiches gefällt worden und dienten auch als Abschreckung für andere potentielle Missetäter. Hätte man die Vollstreckung der Urteile geheimhalten wollen, hätten die Hinrichtungen bestimmt nicht inmitten des Lagers stattgefunden, sondern in irgendwelchen abgelegenen Wäldern à la Katyn. Der Bericht Scheidels von seiner Pflicht, die Mithäftlinge davor zu bewahren, Zeugen des Vorgehens zu werden, ist daher falsch.

Kurz darauf berichtet Scheidel über die später berühmt gewordene, aber niemals eindeutig beschriebene sogenannte "Boger-Schaukel", mit der Wilhelm Boger ungezählte Gefangene gefoltert haben soll (S. 112):

»Nach geraumer Zeit ließ mich Boger [...] fesseln und an die im Lager allgemein bekannte und gefürchtete Boger-Schaukel (sieht aus wie ein Turnreck) hängen. Diese Schaukel wurde von Boger selbst erfunden; daher der Name Boger-Schaukel. Beide Hände wurden eng aneinander gefesselt und über meine Knie gezogen. Zwischen den Unterarmen und den Kniegelenken (Kniehölen[sic]) lief die Querstange der sogenannten Schaukel durch.«

Die Folter soll dann darin bestanden haben, daß Boger das nackte Gesäß des derart kopfüber hängenden Häftlings mit einem Knüppel malträtiert haben soll. Ein Versuch hat bestätigt, daß man jemanden tatsächlich derart an ein Reck hängen kann, ohne daß er sich befreien kann. Allerdings bedarf es dafür eines stabil verankerten Recks sowie der Kooperation des Häftlings. Man kann nämlich jemanden nur dann derart an ein Reck hängen, wenn er sich mit den Kniehöhlen ans Reck hängt, seinen Oberkörper hochzieht und mit den Armen unter die Reckstange hindurch um seine Knie greift - ein recht athletischer Akt -, wo ihm dann Fesseln anlegt werden. Scheidels Beschreibung, er sei zunächst gefesselt und dann an die Schaukel gehängt worden, kann daher nicht stimmen. Es scheint auch ausgeschlossen, daß die Gestapo für solche Zwecke extra ein stabil verankertes Reck hat installieren lassen - das Prügeln eines sich am Reck krümmenden Häftlings hätte eine feste Bodenverankerung sowie Spannseile notwendig gemacht, wie sie Turnrecks auch besitzen -, zumal man einen Häftling ja auch ohne ein solches Reck mit einem Knüppel hätte verprügeln können.

Wenig später gibt Scheidel dann folgendes zum Besten (S. 113):

»Mit dem Steißbein mußte ich mich auf die Stuhlkante setzen, so daß eine Hälfte des Gesäßes auf dem Stuhl war und die andere Hälfte schräg nach unten hing. Beide Arme und die Beine mußte ich in die Luft strecken und unter Anwendung der gesamten Kräfte in diesem Zustand die Balance halten. Ich verspürte an dem Steißbeinknochen unheimliche Schmerzen. Ich bettelte Boger darum, aufstehen zu dürfen.«

Noch eine Szene also, wo der böse Gestapomann dem Häftling mittels Akrobatik Schmerzen zufügt. Scheidel hat gewiß eine recht rege Phantasie, aber zu glauben, ein zur Folter geneigter Gestapomann hätte zu diesem Zwecke mit der athletischen Kooperation seiner Opfer rechnen können, ist ja wohl nur noch komisch.

Übrigens erkrankte Scheidel 1943 an Fleckfieber und wurde, wie alle anderen arbeitsunfähigen Auschwitzhäftlinge auch, nicht etwa vergast oder von Boger zur Exekution "selektiert", wie Scheidel und seine Gesinnungsgenossen uns immer wieder weismachen wollen, sondern er wurde nach Birkenau ins Krankenlager verlegt und gesundgepflegt (so seine eigene Aussage, S. 113). Soviel zu Scheidels Ammenmärchen vom Folter- und Vernichtungslager Auschwitz.

Mit anderen Worten: Der nach Adolf Rögner zweite zur Aussage bereite ehemalige Auschwitz-Insasse Paul Leo Scheidel ist ein Lügner.


Anmerkungen

[1]Rögner war dazu vom Comité International d'Auschwitz (Langbein) ermuntert und vom Zentralrat der Juden in Deutschland bzw. vom Staatlichen Museum in Auschwitz unterstützt worden, siehe aaO. (Anm. 2), S. 49, 53r, 57.
[2]Sämtliche Seitenangaben im Text beziehen sich auf: Staatsanwaltschaft beim LG Frankfurt (Main), Strafsache beim Schwurgericht Frankfurt (Main) gegen Baer und Andere wegen Mordes, Az. 4 Js 444/59, Band I.
[3]Vgl. zusammenfassend Manfred Köhler, »Der Wert von Aussagen und Geständnissen zum Holocaust«, in E. Gauss (Hg.), Grundlagen zur Zeitgeschichte, Grabert, Tübingen 1994, S. 141-168.
[4]Rögner erwähnt zudem, daß es den bei den alliierten Prozessen auftretenden Zeugen bis zum 7.2.1947 verboten war, deutsche Angeklagte zu entlasten, S. 54.
[5]Die verläßlichste Quelle in diesem Zusammenhang dürfte wohl Paul Rassiniers Die Lüge des Odysseus sein, K.-H. Priester, Wiesbaden 1959.
[6]Z.B.: Bruno Baum, Widerstand in Auschwitz, Kongress-Verlag, Berlin 1957; Nachlaß Langbeins im DÖW, Wien: Unveröffentlichtes Manuskript Baums »Bericht über die Tätigkeit der KP im Konzentrationslager Auschwitz« vom Juni 1945 bei Wien; B. Baum »Wir funken aus der Hölle« in Deutsche Volkszeitung - Zentralorgan der KPD, Berlin 31.7.1945.
[7]Ota Kraus, Erich Schön-Kulka, Továrna na Smrt, Cin, Prague 1946, S. 121f.
[8]Autoren des berühmtem War Refugee Board Report, siehe "German Extermination Camps - Auschwitz and Birkenau" in David P. Wyman (Hg.), America and the Holocaust, Bd. 12, Garland, New York/London 1990. Vgl. auch R. Vrba, I Cannot Forgive, Bantam Books, Toronto 1964.
[9]Filip Müller, Sonderbehandlung, Steinhausen, 1979.
[10]Hefte von Auschwitz, Sonderheft 1, »Handschriften von Mitgliedern des Sonderkommandos«, Verlag Staatliches Auschwitz-Museum, 1972, S. 42ff.
[11]Ella Lingens, Eine Frau im Konzentrationslager, Europa Verl., Wien-Frankfurt-Zürich 1966; H. G. Adler, H. Langbein,E. Lingens-Reiner(Hg.), Auschwitz, Europäische Verlagsanstalt, Köln 31984.
[12]Er war vor der Wende im Ostblock Direktor des Museums im KZ Auschwitz; siehe Bruno Baum, Widerstand in Auschwitz, Kongress-Verlag, Ost-Berlin 1957, Kapitel »Erfolg der Propaganda«, S. 97; vgl. Kazimierz Smolen, Auschwitz 1940 - 1945, Staatliches Museum, Auschwitz 1961.
[13]»Wir funken aus der Hölle«, Deutsche Volkszeitung 31.7.1945.
[14]Bruno Baum, Widerstand in Auschwitz, aaO. (Anm. 7), 1949, S. 34.
[15]Ebenda, S. 35.
[16]F.H. Hinsley, British Intelligence in the Second World War, Her Majesty's Stationary Office, London 21990, Band 2, S. 673.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 6(4) (2002), S. 473-478.


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