Das Ghetto von Lodz in der Holocaust-Propaganda

Die Evakuierung des Lodzer Ghettos und die Deportationen nach Auschwitz (August 1944)

Von Carlo Mattogno

1. Das Ghetto von Lodz

Das Ghetto von Lodz (deutscher Name: Litzmannstadt) war nach dem von Warschau das zweitgrößte jüdische Ghetto in Polen während des Zweiten Weltkriegs. Es wurde im Februar 1940 errichtet und zählte bis Ende jenes Jahres bereits 160.000 Bewohner. Aufgrund der dort hergestellten enormen Mengen von Gebrauchsgegenständen jeder Art, insbesondere Textilien, wurde das Ghetto für die deutsche Wirtschaft bald zu einem hochbedeutenden Produktionszentrum.

Der Prozentsatz an zum Arbeitseinsatz herangezogenen Juden war stets sehr hoch: Beispielsweise arbeiteten im Zeitraum vom 6. bis zum 12. Oktober 1942 in 137 Abteilungen und Arbeits-Ressorts des Ghettos insgesamt 74.735 Juden (32.571 Männer und 42.164 Frauen),[1] was bei einer Gesamtbevölkerung von ca. 89.200 Personen[2] fast 84% entspricht. Wegen seiner großen wirtschaftlichen Wichtigkeit überlebte das Ghetto bis 1944 und wurde erst im Sommer jenes Jahres angesichts des drohenden sowjetischen Vormarsches geräumt.

Die letzte bekannte Statistik über die Bevölkerung des Ghettos stammt vom 1. März 1944. Damals lebten dort insgesamt 77.679 Juden, die sich in folgende Altersklassen aufgliederten:[3]

Alter

Knaben/Männer

Mädchen/Frauen

Insgesamt

Bis 8

2.248

2.247

4.495

9 - 14

3.373

3.313

6.686

15 - 20

5.670

6.308

11.978

21 - 30

5.811

11.181

16.992

31 - 40

7.620

10.344

17.964

41 - 50

4.443

5.950

10.393

51 - 60

2.663

3.705

6.368

61 - 70

881

1.530

2.411

71 - 80

127

242

369

81 - 86

5

18

23

 

32.841

44.838

77.679

Wie aus den Berichten der Statistischen Abteilung des Ghettos von Lodz hervorgeht, gehörten die in den Arbeitsprozeß eingegliederten Jugendlichen den Altersklassen von 9 bis 17 Jahren an (Geburtsjahre 1927-1935). Beispielsweise beschäftigte die Hut-Abteilung insgesamt 337 Jugendliche, davon 33 Knaben und 304 Mädchen, unter ihnen sechs Knaben und 71 Mädchen von neun Jahren.[4] In der Metall-Abteilung waren 400 Jugendliche eingesetzt, 397 Jungen und drei Mädchen, darunter drei Jungen und drei Mädchen von neun Jahren.[5]

Laut der offiziellen Geschichtsschreibung erfolgte die Evakuierung des Lodzer Ghettos an zwei genau definierte Orte: Zunächst in das angebliche Vernichtungslager Chelmno (deutsch: Kulmhof), wo mehr als 7.000 Juden in Gaswagen ermordet worden sein sollen, und dann in das angebliche Vernichtungslager Auschwitz, wohin die restlichen noch im Ghetto lebenden Juden deportiert worden und wo sie angeblich größtenteils in Gaskammern umgebracht worden sein sollen.

2. Die angeblichen Transporte nach Kulmhof

Untersuchen wir zunächst die angeblichen Transporte nach Kulmhof. Diesbezüglich schreibt die Enzyklopädie des Holocaust:[6]

»Im Frühjahr 1944 entschlossen sich die Deutschen zur Auflösung des Ghettos. Zu diesem Zweck reaktivierten sie das Vernichtungslager Chelmno (Kulmhof). Am 23. Juni 1944 wurden die Deportationen dorthin unter dem Vorwand wiederaufgenommen, es handle sich lediglich um Transporte zur Zwangsarbeit nach Deutschland. [...] Bis zum 15. Juli 1944 wurden 7.176 Personen nach Chelmno deportiert und dort ermordet.«

Worauf stützen sich diese Behauptungen? Eine offizielle Publikation des Staatlichen Museums von Lodz hilft uns, das Rätsel zu lösen. Dort heißt es, vom 23. Juni bis zum 14. Juli 1944 seien zehn Transporte aus dem Lodzer Ghetto nach Kulmhof abgegangen und dort ermordet worden.[7] Eine Quelle dafür wird nicht angegeben, doch sind auf Seite 97 zwei Listen mit folgender Legende abgebildet: »Names of 526 people deported to Chelmno in this transport« (Namen von 526 mit diesem Transport nach Chelmno deportierten Menschen). Bei der darüber stehenden, fragmentarischen Liste handelt es sich um eine in alphabetischer Reihenfolge verfaßte Aufzählung von 39 Namen mit folgender Überschrift: »Zur Arbeit aus Litzmannstadt-Getto am 23. Juni 1944«. In Wirklichkeit hat diese Liste nichts mit der darunter stehenden zu tun, da letztere Bestandteil einer ganz anderen Dokumentengruppe bildet und die erste von zehn Listen mit Namen von aus dem Lodzer Ghetto überstellten Juden darstellt. Diese Listen sind jeweils alphabetisch geordnet, und jede Seite (oder Seitengruppe) entspricht einem einzigen Anfangsbuchstaben. Bei der oben stehenden Liste handelt es sich hingegen um ein Verzeichnis von Namen, die wohl alphabetisch geordnet sind, jedoch alle auf derselben Seite stehen: Der erste Name beginnt mit "A", der letzte, neununddreißigste, mit "R", so daß das komplette Verzeichnis kaum mehr als sechzig Namen umfaßt haben kann. Außerdem steht keiner der dort aufgeführten Namen in der vollständigen Liste, zu welcher das unten stehende Dokument gehört.

Die erwähnten zehn Namenslisten beziehen sich auf zehn Transporte von Juden - Männern und Frauen - aus dem Ghetto von Lodz im Zeitraum zwischen dem 23. Juni und dem 14. Juli 1944.[8] Folgende Tabelle verdeutlicht dies:

Transport

Datum

Anzahl Deportierte

1

23.6.1944

562

2

26.6.1944

912

3

28.6.1944

799

4

30.6.1944

700

5

3.7.1944

699

6

5.7.1944

699

7

7.7.1944

700

8

10.7.1944

700

9

12.7.1944

700

10

14.7.1944

699

 

Insgesamt

 

Es handelt sich somit vorgeblich um Judentransporte aus Lodz nach Kulmhof, doch welche Beweise werden dafür erbracht, daß die betreffenden Juden tatsächlich in jenes Lager kamen? Absolut keine! Bezeichnenderweise schrieb der polnisch-jüdische Historiker Artur Eisenbach 1946 in seiner bekannten Sammlung von Dokumenten über das Ghetto von Lodz hinsichtlich dessen Evakuierung folgendes:[9]

»Das Lager Chelmno war bereits liquidiert worden, weshalb die Juden nach Auschwitz sowie in andere Lager geschickt wurden.«

In diesem Zusammenhang erwähnt Eisenbach die ersten drei Transporte der oben erwähnten Tabelle.[9] Es ist somit klar, daß er, der die im Besitz der Zentralen Historischen Jüdischen Kommission befindlichen Dokumentation gründlich studiert hatte, noch nicht einmal über ein vages Indiz dafür verfügte, daß die betreffenden zehn Judentransporte nach Chelmno geschickt worden waren.

In der Tat existiert kein diesbezügliches Dokument, und den Listen ist bloß zu entnehmen, daß die Deportierten »zur Arbeit aus Litzmannstadt-Getto ausgereist« waren.

Schon zuvor waren andere Juden »zur Arbeit nach außerhalb des Ghettos« von Lodz verbracht worden: 750 am 4. und 850 am 16. März 1944.[10] Wie uns A. Eisenbach anhand der im Archiv des Historischen Jüdischen Instituts von Warschau aufbewahrten Dokumente informiert, wurden diese 1.600 Juden in die Rüstungsfabriken von Skarzysko-Kamienna geschickt, eine Ortschaft ca. 45 Kilometer südwestlich von Radom.[11]

Kehren wir zu den 7.170 zwischen dem 23. Juni und dem 14. Juli transferierten Juden zurück. Die Namenslisten sind hier von fundamentaler Bedeutung zur Klärung der Frage, ob diese Juden tatsächlich »zur Arbeit« deportiert worden sind. Auf ihnen wird nämlich bei 6.763 Personen das Geburtsdatum angegeben. Zwar reicht das Alter der Betreffenden von 6 bis 70 Jahren, doch handelt es sich bei den Jüngsten und den Ältesten um untypische Ausnahmen:

Kinder von sechs Jahren gab es nur drei, Kinder von sieben Jahren vier, Kinder von acht Jahren sieben, Kinder von neun Jahren acht und Kinder von zehn Jahren neun. Andererseits befand sich unter den Überstellten je ein einziger Mann von 70, 69 und 66 Jahren, zwei Männer von 65 Jahren, sechs Männer von 64 Jahren, zwei Männer von 63 Jahren, sieben Männer von 62 Jahren, vier Männer von 61 Jahren sowie siebzehn Männer von 60 Jahren. Folgende Tabelle veranschaulicht die Verteilung der Altersklassen der Deportierten:

Alter

Deportierte

Bis 8 Jahre

14

Von 9 bis 14 Jahre

181

Von 15 bis 20 Jahre

1.660

Von 21 bis 30 Jahre

2.290

Von 31 bis 40 Jahre

1.338

Von 41 bis 50 Jahre

915

Von 51 bis 60 Jahre

341

Von 61 bis 70 Jahre

24

Insgesamt

 

Somit ist vollkommen klar, daß die überwältigende Mehrheit dieser Deportierten aus Menschen im arbeitsfähigen Alter bestand, die größtenteils in den verschiedenen Betrieben des Ghettos eingesetzt gewesen waren. Zahlreiche Dokumente erhärten in der Tat, daß am jeweiligen Tag einer Deportation die Ghettoverwaltung den einzelnen Betrieben jeweils den durch die Überstellungen entstandenen Verlust an Arbeitskräften mitteilte.[12] Wenn man von der Hypothese einer Ausrottungspolitik gegenüber den arbeitsunfähigen Juden ausgeht, wäre es natürlich blanker Irrsinn gewesen, 7.170 größtenteils arbeitstaugliche Juden zu ermorden; sehr viel logischer wäre es gewesen, die fast 11.200 Kinder unter neun Jahren und rund 2.800 alten Menschen von über 60 in das vermeintliche Vernichtungslager Kulmhof zu schicken.

Ein anderer wichtiger Umstand hilft uns, zu verstehen, weswegen es in den Transporten auch Kleinkinder gab: Die Deportierten wurden nicht, oder jedenfalls nicht ausschließlich, nach ihrem Alter ausgesucht, sondern teilweise auch nach ihrer Familienzugehörigkeit. Dies geht aus den Namen sowie den Adressen der Betroffenen hervor. Beispielsweise wurde eines der drei sechsjährigen Kinder, Johanna Dahl, geboren im Jahre 1938, im dritten Transport zusammen mit Greta Dahl, geboren 1912, deportiert, bei der es sich fast mit Sicherheit um die Mutter gehandelt haben dürfte: Beide hatten dieselbe Adresse, Kräter 25.[13] Das zweite anno 1938 geborene Kind, Dora Gerstel, wurde mit dem zweiten Transport zusammen mit Edith Gerstel, Geburtsdatum 1904, deportiert; beide wohnten in Siegfried 14.[14] Schließlich wurde das dritte neunjährige Kind, Moniet Sztycki, im vierten Transport zusammen mit der 1900 geborenen Gela Sztycki transportiert; beide wohnten in Hohensteiner 13.[15]

Die Schlußfolgerung fällt nunmehr leicht: Die zehn erwähnten Judentransporte gingen nicht zur Vergasung nach Kulmhof ab, sondern »zur Arbeit« in Konzentrationslager.

3. Die Transporte nach Auschwitz

Der zweite, bedeutend größere Strom von Transporten aus dem Ghetto von Lodz wurde laut der offiziellen Geschichtsschreibung nach Auschwitz geleitet.

In seiner Studie über die Zahl der Opfer jenes Lagers behauptet Franciszek Piper, 1944 seien aus dem Lodzer Ghetto 60.000 bis 70.000 Juden nach Auschwitz deportiert worden.[16] In einer Tabelle mit der Überschrift »Die Transporte mit Juden aus Polen (in den Vorkriegsgrenzen) nach Auschwitz« zählt er die - Danuta Czechs Kalendarium entnommenen - Judentransporte aus Lodz auf und schätzt die Gesamtziffer auf 55.000 bis 65.000 Deportierte.[17]

Das Dokument, auf das sich D. Czech abstützt, ist die Liste der Judentransporte,[18] eine Kopie von Originaldokumenten, die heimlich von Häftlingen angefertigt wurden und in denen Datum, Registriernummern sowie Herkunftsort der in den Nummernserien A und B registrierten Judentransporte vermerkt sind. In bezug auf »Litzmannstadt« werden folgende Registrierungen vermeldet:

 

Datum

Registrierte

Reg.-Nr

1

15.8.1944

244

B-6210-6453

2

16.8.1944

400

B-6454-6853

3

17.8.1944

270

B-6889-7158

4

21.8.1944

131

B-7566-7696

5

22.8.1944

64

B-7697-7760

6

24.8.1944

10

B-7860-7869

7

24.8.1944

7

B-7870-7876

8

24.8.1944

222

B-7905-8126

9

30.8.1944

75

B-8129-8203

10

2.9.1944

393

B-8210-8602

11

2.9.1944

500

B-8603-9102

12

7.9.1944

247

B-9372-9616

13

8.9.1944

50

B-9767-9816

14

8.9.1944

216

B-9817-10032

15

15.9.1944

97

B-10173-10269

16

18.9.1944

150

B-10270-10419

Insgesamt

 

 

Die Registrierungen beziehen sich ausschließlich auf männliche Häftlinge. Die am 15. September registrierten 97 Juden, welche die Nummern B-10173-B-10269 erhalten hatten, wurden in die Ölraffinerie von Trzebinia geschickt.[19] Dies ist die einzige bekannte Liste registrierter Häftlinge aus Lodz.

In der ersten deutschen Ausgabe ihres Kalendariums schrieb Danuta Czech bei Hinweisen auf das Ghetto von Lodz mit monotoner Regelmäßigkeit, nachdem sie die Zahl der in Auschwitz registrierten Juden angegeben hatte: Die übrigen wurden vergast.[21] Unter dem Datum des 23. August spricht sie außerdem von einem Transport von vierzig Waggons, deren Insassen ausnahmslos vergast worden sein sollen. Die Quelle ist hier eine Meldung der Widerstandsbewegung des Lagers,[22] die freilich keine chronologischen Angaben enthält; eine anschließend hinzugefügte Anmerkung Czechs behauptet willkürlich, die Information gehe auf den 22. August zurück, weil der Verweis auf die vierzig Waggons sich auf den an jenem Tag in Auschwitz eingetroffenen Transport beziehe.[23]

In einer später erschienenen Zusammenfassung ihres Kalendariums sprach D. Czech von 70.000 Juden aus dem Lodzer Ghetto, die »zur Ausrottung in Auschwitz bestimmt« worden seien;[24] somit wären von diesen rund 66.900 vergast worden.

Der Gewährsmann, mit dessen Aussagen dieser angebliche, riesenhafte Massenmord bewiesen werden soll, ist allem Anschein nach der selbsternannte "Augenzeuge" Dr. Miklos Nyiszli, der in seinen 1946 auf ungarisch erschienenen und später in mehrere Sprachen übersetzten Memoiren geschrieben hatte, aus dem Ghetto von Lodz seien 70.000 Juden nach Auschwitz gekommen, von denen 95% - 66.500 Personen - vergast worden seien.[25]

In der zweiten deutschen Ausgabe ihres Kalendariums nahm D. Czech zwei wichtige Korrekturen vor. Erstens waren nach der neuen Version die nicht registrierten Juden nicht alle vergast worden; ein Teil davon war unregistriert ins Durchgangslager von Birkenau geschickt worden. Diese neue Deutung spiegelte sich in neuen Formulierungen wider: »Die als arbeitsunfähig eingestuften Juden werden in den Gaskammern getötet. Junge und Gesunde behält man wahrscheinlich als "Depot-Häftlinge" im Lager zurück«, oder: »Ein Teil der Jungen und Gesunden wird wahrscheinlich als sog. "Depot-Häftlinge" in Birkenau zurückgehalten«.[26]

 Näherei im Ghetto Lodz

 

Oben: Mittagspause im Ghetto Lodz

Räumung des Ghettos Lodz[20]

Zweitens wurden die Transporte vom 7. bis zum 18. September von D. Czech nun nicht mehr als tatsächliche Transporte aus dem Ghetto von Lodz betrachtet, sondern als Einlieferung und Registrierung von zuvor im Durchgangslager von Birkenau internierten Lodzer Juden. Beispielsweise vermerkte sie unter dem Datum des 7. September 1944:[27]

»Die Nummern B-9372 bis B-9618 erhalten 247 Juden aus dem Ghetto in Lodz, die als sog. "Depot-Häftlinge" im Durchgangslager in Birkenau festgehalten worden sind.«

Der Anlaß für diese Korrekturen läßt sich unschwer begreifen. Bereits 1988 - ein Jahr vor der Veröffentlichung der zweiten deutschen Kalendarium-Ausgabe - hatte die vom Stutthof-Museum publizierte, offizielle Geschichte des KL Stutthof bekanntgegeben, daß am 28. August 1944 ein Transport mit 2.800 Juden aus dem Ghetto von Lodz in Stutthof angekommen und ein zweiter Transport mit 1.750 Jüdinnen am 1. September dort eingetroffen war.[28] Außerdem hatte D. Czech inzwischen entdeckt, daß die Evakuierung des Ghettos von Lodz zwischen dem 9. und dem 29. September 1944 stattgefunden hatte[29] (laut der Enzyklopädie des Holocaust[30] vom 7. bis zum 30. August, laut A. Eisenbach vom 2. bis zum 30. August[31]). Andererseits gibt Szmuel Krakowski die Anzahl der Überlebenden unter den nach Auschwitz deportierten Lodzer Juden mit 5.000 bis 7.000 an, während Arnold Mostowicz von 12.000 bis 15.000 Überlebenden spricht.[29]

In Anbetracht dieser Umstände ist es unmöglich, daß alle nicht registrierten Deportierten vergast wurden, und es ist ebenso unmöglich, daß die Deportationen nach Auschwitz nach dem 30. August 1944 weitergingen. Doch hinderte dies D. Czech nicht daran, den Ankunft eines Transports mit 2.500 Juden aus Lodz am 18. September 1944 zu registrieren, also 19 Tage nach dem Ende der Deportationen! Bei ihrer Quelle handelt es sich um eine - offensichtlich falsche - Information der Widerstandsbewegung im Lager,[32] die wie folgt lautet:[33]

»Gegenwärtig (obecnie) sind aus dem Lager (z obozu) Birkenau 2.500 aus dem Ghetto von Lodz deportierte Juden vergast worden, von denen 80% zwischen 13 und 16 Jahre alt waren.«

Angesichts der Tatsache, daß die Deportationen im August begonnen hatten - der erste Transport traf am 15. August in Auschwitz ein -, ist klar, daß die zwischen dem 10. und dem 14. August aus Lodz abgegangenen Transporte als Bestimmungsort nicht Auschwitz, sondern andere Lager hatten. Da die Distanz zwischen Lodz und Auschwitz recht gering ist - etwas über 200 km -, wird die Fahrt unter keinen Umständen länger als einen Tag gedauert haben.

Nicht minder klar ist, daß der letzte in Auschwitz angelangte Transport jener vom 30. August 1944 war, weshalb alle späteren Registrierungen, die auf der »Liste der Judentransporte« erscheinen, schlicht und einfach die Aufnahme zuvor unregistrierter Häftlinge aus dem Durchgangslager in den regulären Lagerbestand widerspiegeln. Die Anzahl der effektiv stattgefundenen Transporte beläuft sich somit auf neun, und zwar die neun ersten auf der erwähnten Liste verzeichneten. Der angebliche Transport vom 23. August sowie der angebliche Transport vom 18. September entsprechen mit Sicherheit zweien dieser neun Transporte.

Ehe wir feststellen können, wieviele Juden aus dem Ghetto von Lodz unregistriert ins Durchgangslager eingewiesen worden sind, müssen wir ein anderes Problem lösen: Wieviele Juden wurden aus dem Lodzer Ghetto nach Auschwitz gesandt?

Es sei vor allem hervorgehoben, daß das Staatliche Archiv von Lodz,[34] das eine ungeheure Menge von Dokumenten über das Ghetto besitzt, einschließlich Hunderter und Aberhunderter von Einwohnerstatistiken und Transportlisten, merkwürdigerweise nicht über eine einzige Statistik über den August 1944 zu verfügen scheint (die letzte bekannte Statistik ist die zuvor erwähnte vom 1. März 1944), vor allem aber nicht mit einer einzigen Namensliste von Transporten im August 1944 aufwarten kann (die letzten solchen Listen sind die bereits erörterten aus dem Zeitraum vom 23. Juni bis zum 14. Juli). Über die Deportationen vom August 1944 liegt kein einziges Dokument vor.

Am 1. März 1944 lebten im Ghetto 77.679 Menschen. Bis zur endgültigen Evakuierung waren 2.778 Todesfälle zu verzeichnen;[35] im Januar 1944 gab es 267 Todesfälle und 35 Geburten,[36] im Februar ungefähr 250 Todesfälle.[37] Für den Zeitraum von März bis August kann man eine Höchstzahl von (35×6=) 210 Geburten ansetzen. Somit betrug der Sterbeüberschuß etwa 2.500 Personen.

Wie bereits gesehen, wurden 1.600 Juden am 4. und 16. März sowie weitere 7.170 zwischen dem 23. Juni und dem 14. Juli aus dem Ghetto überstellt. Schließlich wurden »in zwei Sammellagern 1200 Juden zurückgelassen[38] Dementsprechend können im Ghetto zu Beginn der Evakuierung höchstens (77.679-2.500-1.600-7.170 =) 66.409 Juden gelebt haben.

Zu den vorher erwähnten »zur Arbeit« überstellten muß man außerdem noch 90 am 4. Mai abtransportierte,[39] 50 am 17. Mai deportierte,[40] 30 am 27. Mai ausgesiedelte[41] sowie 60 am 30. Mai überstellte[42] Juden hinzuzählen, insgesamt also 230 Personen. Ob es noch weitere Überstellungen kleiner Judengruppen gegeben hat, wissen wir nicht.

Die sich aufdrängende Schlußfolgerung ist, daß die Zahl der aus dem Lodzer Ghetto deportierten Juden 65.000 nicht überstiegen haben kann.

Am 15. August 1944 sandte der Chef der Amtsgruppe DIV (KL Verwaltung) des SS-WVHA, SS-Sturmbannführer Burger, dem Chef der Amtsgruppe B, SS-Gruppenführer Lörner, einen Brief, in dem es um »Häftlingsmeldung« und »Häftlingsbekleidung« ging. Darin heißt es, am 1. August habe die Stärke der Konzentrationslager 379.167 männliche sowie 145.119 weibliche Häftlinge betragen, zu denen als »angekündigte Neuzugänge« u.a. 60.000 Häftlinge »in Litzmannstadt (Polizeigefängnis und Ghetto)« stoßen sollten. Die Aufzählung der insgesamt erwarteten »Neuzugänge« - 612.000 Häftlinge! - schloß mit folgendem Satz:[43]

»Ein Großteil der Häftlinge befindet sich bereits im Anrollen und gelangt in den nächsten Tagen zur Einlieferung in die Konzentrationslager.«

Burger erklärte, es gebe nicht genügend Kleidung für die 612.000 erwarteten Neuzugänge, und forderte deswegen die Zuteilung von »Sonderkontingenten für Spinnstoff«. In der Tat war das Amt DIV/4 für die Bekleidung zuständig. Dies beweist, daß das SS-WVHA tatsächlich mit dem Eintreffen dieser Häftlinge in den Konzentrationslagern rechnete, darunter mit jenem der 60.000 Juden aus dem Ghetto von Lodz, deren Evakuierung in die Konzentrationslager am 15. August bereits seit ein paar Tagen in vollem Gang war.

Gerald Reitlinger kommentiert obiges Dokument so:[44]

»Es ist ganz klar, daß nicht annähernd eine solche Zahl von Menschen bis nach Deutschland gekommen ist, aber die Schätzungen Überlebender in bezug auf die Massenvergasungen von Lodzer Juden müssen mit üblicher Vorsicht bewertet werden.«

Reitlinger fügt hinzu, daß »viele tausend Lodzer Juden in der letzten Tragödie in Belsen ihren Untergang gefunden« hätten[44] und spricht von Deportationen »nach Auschwitz und nach anderen Lagern«.[44]

In seiner Ansprache vom 7. August 1944, erklärte Hans Biebow, Verwalter des Lodzer Ghettos, u.a.:[45]

»Jetzt im Kriege, wo Deutschland um sein Letztes ringt, ist es nötig, die Arbeitskräfte zu verlagern, da auf Grund der Anordnung Himmlers Tausende Deutsche aus den Betrieben an die Front geschickt werden; diese müssen ersetzt werden. [...] Bei Siemens A.G. Union, Schuchert Werken, überall, wo Munition gemacht wird, braucht man Arbeiter. In Czenstochau, wo die Arbeiter in den Munitionsfabriken arbeiten,[46] sind sie sehr zufrieden, und auch die Gestapo ist mit ihren Leistungen sehr zufrieden. [...] Es wird dafür gesorgt, daß Lebensmittel in die Waggons kommen, die Fahrt wird ca. 10-16 Stunden dauern. Gepäck nehmen Sie bis 20 kg. mit. [...]

Kommen Sie mit Ihren Familien, nehmen Sie Töpfe, Trinkgefäße und Eßbestecke, solche haben wir in Deutschland nicht, da sie an die Bombenbeschädigten verteilt werden.«

Es gibt keinen Anlaß, an der Wahrheit dieser Ausführungen zu zweifeln, um so mehr, als die ersten Transporte aus dem Ghetto - bis zum 14. August 1944 - sicherlich ins Altreich geleitet wurden, doch läßt sich nicht ausschließen, daß auch später noch Transporte gleichzeitig mit den nach Auschwitz abgegangenen dorthin gelangten. Aus diesem Grund darf man die Anmerkungen auf der »Liste der Judentransporte« nicht als kumulative Registrierungen mehrerer Transporte auffassen wie jene über die ungarischen Juden, sondern sie beziehen sich auf einzelne Transporte.

Wenn man also annimmt, daß jeder Transport 2.500 Personen umfaßte,[47] wurde das Ghetto in 26 Transporten evakuiert, von denen nur neun (=22.500 Personen) nach Auschwitz gingen.

Die deutsche Übersetzung der offiziellen Geschichte des KL Stutthof bestätigt, daß am 28. August 1944 aus Auschwitz 2.800 Juden eintrafen, die zuvor im Ghetto von Lodz gelebt hatten; weitere 1.750 kamen am 10. September dort an.[48] Doch in einem 1990 erschienenen Artikel hatte Danuta Drywa, eine Historikerin des Stutthof-Museums, geschrieben, das Lager habe 11.464 Jüdinnen aus dem Lodzer Ghetto aufgenommen.[49] Die Transporte, die am 3. sowie am 27. September 1944 aus Auschwitz eintrafen (der erste mit 2.405, der zweite mit 4.501 weiblichen Häftlingen), bestanden zum allergrößten Teil aus polnischen Jüdinnen,[50] so daß die von Danuta Drywa genannte Zahl der Größenordnung nach völlig einleuchtend ist. Übrigens gab es im Transport vom 3. September 1944[51] unter den Deportierten auch einige Jüdinnen aus dem Protektorat Böhmen und Mähren, die aus dem Ghetto von Theresienstadt Ende 1941 nach Lodz deportiert worden waren,[52] darunter die folgenden:

Lfd. Nr.

Nachname

Vorname

Reg.-Nr. in Stutthof

Nach Lodz deportiert am

1445

Wertheimer

Irene

83412

21.10.1941

1446

Wertheimer

Judith Maria

83413

21.10.1941

1447

Wertheimer

Hana

83414

21.10.1941

1490

Neumann

Regina

83461

16.10.1941

1494

Ganz-Pick

Regina

83465

16.10.1944

1652

Salomonowicz

Dora

83619

3.11.1941

Auch im Transport vom 27. September 1944[53] befanden sich einige Dutzend Jüdinnen aus dem Protektorat, die aus Lodz gekommen waren,[54] darunter:

Lfd. Nr.

Nachname

Vorname

Reg.-Nr. in Stutthof

Nach Lodz deportiert am

23

Aussenberg

Amanda

87834

16.10.1941

24

Aussenberg

Gerda

87835

16.10.1941

54

Beck

Rita

87865

16.10.1941

103

Fleischmann

Ilse

87914

21.10.1941

267

Lampl

Margerete

88078

21.10.1941

268

Lampl

Mia Ruth

88079

21.10.1941

490

Winter

Vera

88301

31.10.1941

558

Alexander

Anna

88369

21.10.1941

1977

Krauss

Olga

89788

31.10.1941

2173

Weisbard

Anna

89934

26.10.1941

2202

Zimmermann

Ruth

90013

21.10.1941

2331

Bloch

Edith

90142

31.10.1941

2384

Gottlieb

Netti

90195

21.10.1941

Die Ziffer von rund 11.500 aus dem Ghetto von Lodz stammenden, zunächst nach Auschwitz und von dort aus nach Stutthof deportierten Jüdinnen paßt sehr gut zu der oben postulierten Gesamtzahl von ungefähr 22.500 von Lodz nach Auschwitz Geschickten, entspricht sie doch rund 51% der Deportierten. Somit müssen etwa (22.500 - 11.500 =) 11.000 männliche Juden von Lodz nach Auschwitz gesandt worden sein, von denen ca. 3.100 dort registriert wurden. Was war das Schicksal der restlichen 7.900?

4. Die Kinder in Auschwitz: "Selektionen für die Gaskammer"?

Im Transport vom 3. September 1944 befanden sich rund 40 Kinder zwischen 6 Monaten und 14 Jahren, die nach exterminationistischer Logik dem Tod in den "Gaskammern" geweiht waren, jedoch in Wirklichkeit mit ihren Müttern nach Stutthof gesandt und dort regulär immatrikuliert wurden, siehe nebenstehende Tabelle.

Bei all diesen Kinder handelte es sich um polnische Juden, ausgenommen die beiden Brüder Salomowicz, die zusammen mit ihrer Mutter Dora Salomowicz (geboren am 28. August 1904, Nummer 1652 der Transportliste, in Stutthof mit Nummer 83619 registriert) am 3. November 1941 aus dem Protektorat Böhmen und Mähren ins Lodzer Ghetto geschickt worden waren. Alle drei überlebten den Krieg.[55] Michael und Josef waren demnach zum Zeitpunkt ihrer Deportation nach Lodz 8 bzw. 3 Jahre alt gewesen und überlebten trotzdem sowohl die "Selektionen" zur "Ausrottung" in Chelmno als auch jene zur "Ausrottung" in Auschwitz! Es unterliegt keinem Zweifel, daß auch die übrigen polnisch-jüdischen Kinder aus Lodz gekommen waren. Die Überstellung dieser Kinder beweist, daß die aus dem Ghetto von Lodz eingetroffenen Juden keinesfalls durch "Selektionen für die Gaskammer" dezimiert wurden, denn sonst hätte man die Kinder gewiß nicht am Leben gelassen!

Laut Helena Kubica, einer Forscherin des Auschwitz-Museums, geht aus den Dokumenten hervor, daß ca. 19.000 Kinder und Minderjährige im Lager registriert worden sind.[56] Für ein "Vernichtungslager", in dem Kinder und Minderjährige angeblich sogleich nach ihrer Ankunft getötet wurden, ist dies eine enorm hohe Zahl, und da die erhaltene Dokumentation unvollständig ist, dürfte die wirkliche Ziffer noch bedeutend höher gelegen haben.

Lfd. Nr.

Nachname

Vorname

Geboren am

Reg.-Nr. in Stutthof

1588

Baude

Golda

12.9.1937

83555

1590

Brin

Hala

23.4.1937

83557

1592

Darl

Dina Sissel

30.6.1938

83559

1594

Borenstein

Lotte

14.6.1934

83561

1595

Borenstein

Eva

14.11.1939

83562

1597

Brijmann

Lilianna

14.7.1938

83564

1599

Chimonovits

Josef

22.11.1935

83566

1600

Chimonovits

Mejer

2.11.1936

83567

1601

Chimonovits

Izak

19.10.1943

83568

1603

Chimowicz

Eugenia

6.11.1935

83570

1604

Chirug

Zila

9.9.1941

83571

1606

Chirug

Ruth

21.4.1937

83573

1608

Czariska

Sara

30.6.1932

83575

1610

Danziger

Arjela

19.3.1937

83577

1811

Feinsilber

Eva

4.1.1940

83578

1614

Fürstenberg

Abram M.

9.2.1932

83581

1616

Gutmann

Dora

17.1.1937

83583

1618

Glückmann

Schmul

24.3.1935

83585

1619

Glückmann

Chaja

12.8.1930

83586

1621

Jacob

Gittel

6.3.1944

83588

1623

Jalanowicz

Felga

10.1.1940

83590

1627

Kupferschmidt

Abraham

29.10.1938

83594

1629

Kasz

Bronia

21.2.1930

83596

1631

Frantz

Noemi

2.11.1937

83598

1633

Lachmann

Kazimierz

1.3.1937

83600

1635

Neuberg

Lila

10.10.1936

83602

1637

Potok

Trunseb

24.2.1944

83604

1638

Rosenblum

Bronka

27.12.1931

83605

1641

Rotstein

Regina

12.8.1932

83608

1942

Rotstein

Sala

3.10.1938

83609

1643

Richer

Tela

14.6.1932

83610

1645

Reingold

Elchanan

12.12.1937

83612

1646

Steier

Frema

25.7.1942

83613

1648

Stelowicka

Ruchla

1.4.1936

83615

1650

Szyper

Adam

6.12.1939

83617

1653

Salomonowicz

Michael

6.10.1933

83620

1654

Salomonowicz

Josef

1.7.1938

83621

1656

Skura

Estera

27.12.1933

83623

1657

Tabackschmeker

Jochwet

25.3.1930

83624

1660

Wolman

Kristina

25.9.1930

83627

1735

Wolf

Helga

2.7.1935

83702

1944 hielten sich in Birkenau im Schnitt rund 1.000 Kinder von unter 14 Jahren auf, ferner einige hundert Invalide. Ihre Anwesenheit wurde in den einschlägigen Lagerformularen ordnungsgemäß verzeichnet; in diesen gibt es die Rubriken »Invaliden« (in Maschinenschrift war »und Alte über 60 Jahre« hinzugefügt) sowie »Jugendliche unter 14 Jahren« oder »Knaben bis 14 Jahre«. Am 31. Januar 1944 gab es im Männerlager von Birkenau 278 Invalide und Alte sowie 2.249 Kinder bis 14 Jahre, einschließlich der Zigeunerkinder sowie der Judenkinder aus Theresienstadt.[57]

Am 15. Mai 1944 zählte man im Männerlager von Birkenau 50 Invalide sowie 210 Kinder bis 14 Jahre;[58] im Frauenlager belief sich die Anzahl der Invaliden (sowie der über 60 Jahre Alten) auf 222 und jene der Kinder auf 945.[59] Daraus ergibt sich, daß es allein in Birkenau 272 Invalide und Alte sowie 1.155 Kinder gab. Dazu kamen noch 425 Judenkinder aus Theresienstadt (210 Knaben und 215 Mädchen). Am 30. Juni 1944 hielten sich im Frauenlager 233 Invalide und Alte sowie 985 Kinder auf, zu denen noch 432 "Jugendliche aus Theresienstadt" zu zählen waren.[60]

Vom 17. bis zum 21. August 1944 stieg die Zahl der Knaben bis 14 Jahre im Männerlager von 459[61] auf 726[62] an. Dies ist sehr bezeichnend, auch wenn sich nicht beweisen läst, daß die Neuankömmlinge aus dem Ghetto von Lodz stammten. Am 21. August betrug die Anzahl der Invaliden 133.[62]

Aus den erhaltenen, fragmentarischen Dokumenten geht hervor, daß am 6. Juni 1944 folgende holländisch-jüdische Kinder registriert wurden:[63]

Familienname

Vorname

Geburtsdatum

Reg.-Nr.

Jacobson

Heinie

19.12.1935

188930

Noach

Hans

4.6.1933

188932

Slager

Jack

4.6.1933

188932

Viskoper

Jack Robert

20.4.1938

188934

Die Gesamtziffer der damals registrierten Kinder belief sich auf 17, von denen die jüngsten zwei Jahre alt waren.[64]

Laut einer von Helena Kubica veröffentlichten Liste wurden wenigstens 106 jüdische Zwillinge zwischen 2 und 14 Jahren »befreit im KL Auschwitz 27.10.1945«.[65] In der Tat fanden die Sowjets in Birkenau trotz der kurz vor dem Abzug der Deutschen erfolgten Massenevakuierungen noch 180 meist jüdische Kinder vor,[66] die folgenden Altersklassen angehörten:[67]

0-6 Monate

1

8 Jahre

10

6-12 Monate

4

9 Jahre

9

2 Jahre

0

10 Jahre

17

3 Jahre

5

11 Jahre

20

4 Jahre

11

12 Jahre

15

5 Jahre

7

13 Jahre

15

6 Jahre

7

14 Jahre

21

7 Jahre

17

15 Jahre

21

Insgesamt

 

Die Registrierung der Zwillinge besaß offenbar eine spezifische Bedeutung, die für die anderen Kinder nicht galt.[68] Wichtig ist jedoch die Tatsache, daß sie nicht nur die "Experimente" des Dr. med. Josef Mengele überlebten, sondern auch danach am Leben gelassen wurden - in einem angeblichen Vernichtungslager!

Man braucht kaum zu betonen, daß all dies in keiner Hinsicht zu der angeblichen Politik der Ausrottung von Arbeitsunfähigen, und insbesondere Kindern, in Auschwitz paßt. Wer von der Realität einer solchen Politik ausgeht, dem sei entgegengehalten, daß es keinen einzigen Beweis für die Vergasung auch nur eines Kindes in Auschwitz gibt, während jedes Kind, welches das Lager überlebt hat, einen Gegenbeweis gegen diese Behauptung darstellt.

Abkürzungen

AGK:

Archiwum Głównej Komisji Badania Zbrodni Przeciwko Narodowi Polskiemu Instytutu Pamięci Narodowej (Archiv der Hauptkommission zur Erforschung der Verbrechen gegen das polnische Volk, Institut des nationalen Gedenkens), Warschau.

APL:

Archiwum Państwowe w Lodzi (Staatl. Archiv Lodz)

AMS:

Archiwum Muzeum Stutthof (Archiv des Museums Stutthof)

APMO:

Archiwum Państwowego Muzeum Oświęcim-Brzezinka (Archiv des staatl. Museums Auschwitz-Birkenau)

GARF:

Gosudarstvenni Archiv Rossiiskoi Federatsii (Staatl. Archiv der Russischen Föderation, Moskau)


Anmerkungen

Aus dem Italienischen übersetzt von Jürgen Graf.

[1]APL. PSZ, 180, S. 75-78.
[2]Die Bevölkerung des Ghettos schwankte im erwähnten Zeitraum zwischen 89.279 (7.10.1942) und 89.163 (12.10.1942) Personen. D. Dabrowska, L. Dobroszycki, Kronika Getta Lódzkiego, Wydawnictwo Lódzkie, 1965, Bd. II, S. 485, 491.
[3]Aufteilung der Ghetto-Bevölkerung per 1. März 1944. APL, PSZ, 184, S. 13.
[4]Statistische Abteilung. Bericht für Monat Mai 1944. Stand der Jugendlichen am Monatsultimo. Arbeits-Ressort, Hut-Abteilung. APL, PSZ, 885, S. 2.
[5]Statistische Abteilung für Monat Mai 1944. Stand der Jugendlichen am Monatsultimo. Arbeits-Ressort, Metall-Abteilung. APL, PSZ, 885, S. 1.
[6]Eberhard Jäckel, Peter Longerich, Julius Schoeps (Hg.), Enzyklopädie des Holocaust. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden. Argon Verlag, Berlin 1993, Bd. II, S. 898.
[7]Julian Baranowski, The Lodz Ghetto 1940- 1944. Vademecum. Archiwum Państwowe w Lodzi. Bilbo, Lodz 1999 (zweisprachige Ausgabe in englischer und polnischer Sprache), S. 94, 99ff.
[8]APL, PSZ, 1309, S. 1-225.
[9]A. Eisenbach (Hg.), Dokumenty do dziejów okupacji niemieckiej w Polsce. Tom III: Getto Lódzkie, Warschau-Lodz-Krakau 1946, S. 265.
[10]APL, PSZ, 1223, S. 60-73 und 13-59 (Namenslisten der Transporte).
[11]A. Eisenbach, Hitlerowska polityka zagłady Żydów, Książka i Wiezda, Lodz 1961, S. 568.
[12]APL, PSZ, 1302 (Namenslisten).
[13]APL, PSZ, 1309, S. 58, Nummern 136 und 137 der Liste.
[14]APL, PSZ, S. 70, Nummern 223 und 224 der Liste.
[15]APL, PSZ, S. 201, Nummern 589 und 590 der Liste.
[16]F. Piper, Die Zahl der Opfer von Auschwitz. Verlag Staatliches Museum Auschwitz, 1993, S. 127.
[17]Ebenda. S. 186.
[18]APMO, Ruch oporu, t. XXc Sygn. D-RO/123, Liste der Judentransporte, S. 17-19.
[19]AGK, NTN, 145, S. 95-99, Namensliste.
[20]Bildquelle: http://www.zwoje.com/shoah/lodz.html
[21]D. Czech, Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, in: Hefte von Auschwitz. Verlag Staatliches Museum Auschwitz, 1964, S. 58-68.
[22]Ebenda, S. 60.
[23]AGK, NTN, 155, S. 117.
[24]D. Czech, Les événements les plus importants dans le camp de concentration Auschwitz-Birkenau; Verschiedene Autoren, Contribution à l'histoire du KL-Auschwitz. Edition du Musée d'Etat à Auschwitz, Krakau 1968, S. 209.
[25]M. Nyiszli, Im Jenseits der Menschlichkeit. Ein Gerichtsmediziner in Auschwitz. Dietz Verlag, Berlin 1992, S. 122.
[26]D. Czech, Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939-1945, Rowohlt-Verlag, Reinbek bei Hamburg 1989, S. 851-867.
[27]Ebenda, S. 871; siehe auch S. 873 und 878.
[28]Stutthof hitlerowski obóz koncentracyjny. Wydawnictwo Interpress, Warschau 1988, S. 328.
[29]J. Baranowski, The Lodz Ghetto, aaO. (Anm. ), S. 100f.
[30]Enzyklopädie des Holocaust, aaO. (Anm. ), Bd. II, S. 898.
[31]A. Eisenbach, Dokumenty..., aaO. (Anm. ), S. 266.
[32]D. Czech, Kalendarium..., aaO. (Anm. ), S. 882.
[33]APMO, Ruch Oporu, t. II, S. 167. Sygn. D-RO/85.
[34]Dieses Archiv wurde im Februar 2000 von Jürgen Graf aufgesucht, der die in diesem Artikel zitierten Dokumente fotokopiert und mir zur Verfügung gestellt hat.
[35]J. Baranowski, The Lodz Ghetto, aaO. (Anm. ), S. 86f.
[36]APL, PSZ, 174, S, 1130.
[37]Diese Ziffer läßt sich zwei Listen mit insgesamt ca. 115 Todesfällen entnehmen, die in die Zeiträume vom 1.-6. sowie vom 14.-20. Februar 1944 fielen. APL, PSZ, 1925, S. 160-163.
[38]Enzyklopädie des Holocaust, aaO. (Anm. ), Bd. II, S. 898.
[39]APL, PSZ, 1223, S. 11f., Namensliste.
[40]APL, PSZ, 1223, S. 9, Namensliste.
[41]APL, PSZ, 1223, S. 10, Namensliste.
[42]APL, PSZ, 1223, S. 5f., Namensliste.
[43]PS-1166.
[44]G. Reitlinger, Die Endösung. Hitlersversuch der Ausrottung der Juden Europas 1939-1945. Colloquium Verlag, Berlin 1992, S. 342.
[45]A. Eisenbach (Hg.), Dokumenty..., aaO. (Anm. ), S. 267f.
[46]In Tschenstochau gab es verschiedene Arbeitslager für Juden: Judenlager Hasag-Apparatenbau, Hasag-Rakow, Hasag-Pelzery, Hasag-Warta, Hasag-Częstochowianka. (Obozy hitlerowskie na ziemią polskiej. Państwowe Wydawnictwo Naukowe, Warschau 1979, S. 146f.)
[47]Wie bereits unterstrichen, existiert kein einziges Dokument über die Evakuierung von Lodz. Vom rein numerischen Standpunkt läßt sich die Zahl von 2.500 Personen pro Zug mit den 40 Waggons in Übereinklang bringen, die von der Widerstandsbewegung des Lagers erwähnt wird (2.500: 40 = 62 Personen pro Waggon mit 20 kg Gepäck pro Person), ebenfalls mit dem diesbezüglichen Eintrag Otto Wolkens über die Aufnahme von 61 Juden aus Lodz (Registriernummern B-7697-B-7758) ins Quarantänelager B am 22. August 1944; die übrigen Männer - 1.202 an der Zahl - seien vergast worden. (Quarantäne-Liste. GARF, 7021-108-50, S. 66). Somit hätten die 1.263 männlichen Deportierten 50,5% eines Transport von 2.500 Menschen entsprochen.
[48]Stutthof. Das Konzentrationslager, Wydawnictwo Marpress, Danzig 1996, S. 3.
[49]D. Drywa, »Ruch transportów między KL Stutthof a innymi obozami«, in: Stutthof, Zeszyty Muzeum, 9, 1990, S. 17.
[50]Die Nationalität der am 28. Oktober 1944 aus Auschwitz in Stutthof angelangten 1.500 Jüdinnen ist mir nicht bekannt.
[51]AMS, I-IIB12, Namensliste des Transports.
[52]Die Namen dieser weiblichen Häftlinge stehen im offiziellen Buch der nach und aus Theresienstadt Deportierten (Terezinská Pamĕtni kníha, Terezinská Iniziativa, Melantrich 1995, Band I, S. 85, 98, 101).
[53]AMS, I-IIB12, Namensliste.
[54]Terezinská...,aaO. (Anm. ), Band I, S. 80, 91, 93f., 97, 101, 113, 117, 122, 125.
[55]Terezínská...,aaO. (Anm. ), Band I, S. 138.
[56]Helena Kubica, »I bambini e i giovani nel KL Auschwitz«, in: Verschiedene Autoren, Auschwitz il campo nazista della morte, Edizioni del Museo Statale di Auschwitz-Birkenau, 1997, S. 112.
[57]APMO, D-f/402, S. 128, Übersicht über Anzahl und Einsatz der Häftlinge des Konzentrationslager Auschwitz II.
[58]AMPO, D-AuI-3a/1a, Auschwitz II. Arbeitseinsatz für 15. Mai 1944.
[59]GARF, 7021-108-33, S. 147.
[60]GARF, 7021-108-33, S. 159.
[61]APMO, D-AuII-3a/34, Auschwitz II. Arbeitseinsatz für 17. August 1944.
[62]APMO, D-AuII-3a/34, Auschwitz II. Arbeitseinsatz für 21. August 1944.
[63]AGK, NTN, 156, S. 175.
[64]Helena Kubica, aaO. (Anm. ), S. 113.
[65]H. Kubica, »Dr. Mengele und seine Verbrechen im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau«, in: Hefte von Auschwitz, Verlag Staatliches Auschwitz-Museum, 1997, S. 437-455.
[66]Mindestens 54 dieser Kinder waren erst im November 1944 registriert worden.
[67]GARF, 7021-108-23, S. 179-215.
[68]Einige wurden aber einzeln registriert, wie zum Beispiel der Italiener Luigi Ferri - geboren in Mailand am 9. September 1932, nach Auschwitz deportiert im August 1944 und registriert mit der Nummer B-7525; er wurde von den Sowjets befreit.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 7(1) (2003), S. 30-36.


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