Aus der Forschung

Die Versenkung des Schlachtschiffes Bismarck

Von Wolfgang Pfitzner

Schlachtschiff Bismarck

Zu seiner Zeit war das deutsche Schlachtschiff Bismarck das modernste und meist gefürchtetste Kriegsschiff, das die Welt je gesehen hatte. Es war eine Superwaffe, dazu gebaut, um die britischen Versorgungslinien über den Atlantik abzuschneiden. Als die Bismarck daher am 19. Mai 1941 auf ihre erste Feindfahrt ging, starteten die Briten die größte Jagd, die je auf ein einziges Schiff gemacht wurde. Großbritanniens bestes Schiff, das Schlachtschiff HMS Hood, griff als erstes die Bismarck an, sank jedoch recht rasch, nachdem seine Munitionskammer einen Volltreffer erlangte, womöglich durch einen Schuß des die Bismarck begleitenden schweren Kreuzers Prinz Eugen. Nur 3 Mann der 1.415 Mann starken Besatzung überlebten. »Versenkt die Bismarck!« war sodann der Schlachtruf der Briten. England sandte eine komplette Flotte aus, um die Bismarck zu versenken. Die Briten umzingelten die Bismarck schnell, da sie recht früh einen Ruderschaden erlitten hatte aufgrund eines von einem englischen Flugzeug abgeworfenen Torpedos. Die teilweise manövrierunfähige Bismarck wurde daraufhin ununterbrochen von Kanonen und Torpedos unter Beschuß genommen. Es dauerte daher nur wenige Tage, bis die Bismarck am 27. Mai schließlich sank, 1.000 Kilometer vor der französischen Küste. Nur 115 der 2.200 Mann Besatzung überlebten, da die Briten die Gegend umgehend verließen, angeblich aus Furcht vor deutschen U-Booten.

Der britische Sieg wurde von der angelsächsischen Propagandamaschinerie in Büchern, Filmen und im Fernsehen weidlich ausgenutzt.

Das einzige Problem an dieser Geschichte ist, daß sie wahrscheinlich nicht wahr ist. Überlebende der Bismarck haben seit jeher behauptet, daß sie das Schiff selbst versenkt hätten, um zu verhindern, daß es in feindliche Hände fiel, wobei sie deutscher Marinetradition folgten. Demnach sollen Sprengladungen an Fluttoren sowie an anderen Schwachstellen nahe dem Schiffskiel angebracht worden sein. Den deutschen Überlebenden zufolge sank das Schiff etwa 30 Minuten nach Zündung dieser Sprengladungen, die somit der eigentliche Grund für den Untergang der Bismarck seien.

Die britische Admiralität selbst nahm in einem während des Krieges verfaßten Bericht an, daß deutsche Sprengladungen einer der Gründe dafür gewesen sein können, warum das Schiff so schnell sank, aber britische Fanatiker haben diese Version seit jeher abgelehnt.

Dr. Robert D. Ballard war der erste, der das Wrack der Bismarck 1989 entdeckte, anderthalb Kilometer entfernt von der Stelle, wo sie sank, da sie einen Unterwasserberg hinunter rutschte. (Vgl. sein Buch The Discovery of the Bismarck, Warner Books, NY 1990.) Da das Schiff im wesentlichen intakt ist, schloß er, daß die Selbstversenkung sehr wirksam gewesen sein muß. Denn wenn ein Schiffsrumpf während einer Selbstversenkung nur unvollständig durchlöchert wird, bilden sich im Rumpf Luftblasen, die unter hohen Druck geraten, wenn das Schiff sinkt, so daß der Rumpf an diesen Stellen aufgerissen wird, wie man es am Heck der Titanic sehen kann. Aber nichts dergleichen ist bei der Bismarck zu erkennen.

Derartige Behauptungen habe die Briten natürlich fürchterlich aufgeregt, die solche Forschungsergebnisse als »revisionistischen Klimbim« verunglimpft haben. Im Jahr 2001 organisierten sie daher ihre eigene Forschungsreise und behaupteten danach, große Löcher im Rumpf entdeckt zu haben, so daß eine Selbstversenkung das Schicksal der Bismarck nicht habe beschleunigen können.

Im Jahr 2002 fanden nun zwei weitere Expeditionen statt, wobei die erste im Mai und Juni von einem Team amerikanischer und kanadischer Experten mit Hilfe eines russischen Mir-U-Bootes vom P. P. Shirshov Institut für Ozeanologie in Moskau durchgeführt wurde. Dieses U-Boot kann kleine ferngesteuerte Roboter aussetzen, mit denen man in Regionen Vordringen kann, die das große Mutterschiff nicht erreichen kann. Bisher hat dieses Team nicht viele öffentliche Verlautbarungen zu seinen Ergebnissen gemacht, aber das, was es mitgeteilt hat, weist darauf hin, daß der Rumpf der Bismarck keine großen Einschlaglöcher unterhalb der Wasserlinie aufweist, die ihren Untergang hervorgerufen haben könnten, und keinen einzigen Torpedo-Durchschlag.

Der einzige Rumpfschaden, der für das Schiff tödlich gewesen wäre, entstand erst als Folge des Aufschlags auf dem Meeresgrund. Ein geflutetes Schiff, daß auf den Grund aufschlägt verhält sich ähnlich wie ein mit Wasser gefüllte Ballon: Die Stahlarmierung platzt unter solchen Bedingungen an Schwachstellen auf, hier insbesondere an der Unterseite des Rumpfes, während das Schiff den Abhang hinunterglitt.

Die Aufnahmen der Miniroboter bestätigten zudem, daß der doppelte Rumpf der Bismarck niemals von einem Torpedo durchschlagen worden war. Die deutschen Ingenieure bauten den Rumpf dieses Schiffes mit zwei Panzerungsschichten und plazierten Wasser- und Treibstofftanks zwischen die beiden Schichten. Torpedos, die die erste Panzerung durchschlugen, explodierten in den Wasser- und Treibstofftanks, drangen aber nie durch die zweite Panzerung hindurch, so daß das Innere des Schiffes trocken blieb.

HMS Hood

Im Juli und August 2002 erfolgte eine weitere Expedition unter der Leitung von Dr. Alfred S. McLaren, einem ehemaligen Dozenten an der US-Marinehochschule (United States Naval War College). Dabei wurde dieselbe Technologie verwendet wie bei der Expedition im Vormonat, deren Ergebnisse vollauf bestätigt wurden. Nach einer ausführlichen Untersuchung des gesammelten Beweismaterials der letzten Expedition meinte Dr. McLaren:

»Wir haben unwiderlegbar bewiesen, daß die Briten dieses Schiff auf keinen Fall versenkt haben. Es wurde selbstversenkt.« 


Quelle: William J. Broad, »Visiting Bismarck, Explorers Revise Its Story«, The New York Times, 12.12.2002,

www.nytimes.com/2002/12/03/science/03BISM.html?ex=1040197450&ei=1&en=8c3cc69139ca8dec


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 7(2) (2003), S. 223f.


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