Aus der Forschung

Aus den Akten des Frankfurter Auschwitz-Prozesses, Teil 4

Von Germar Rudolf

Ende 1958 und Anfang 1959 bekommt Staatsanwalt Weber bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart eine größere Anzahl von Zeugenaussagen auf den Tisch, die im wesentlichen aus Vorwürfen gegen den sich in Untersuchungshaft befindenden Wilhelm Bogner bestehen.[1] Einige dieser Aussagen sollen nachstehend näher betrachtet werden.

1. Unkenntnis = Unglaubwürdig?

Gerhard Grande war zwischen Ostern 1943 und April 1944 im Stammlager Auschwitz inhaftiert und als Rapportschreiber eingesetzt. In dieser Funktion unterstanden ihm etwa 80 Häftlings-Schreibkräfte in der Verwaltung des Lagers. Er befand sich damit ohne Zweifel in einer hervorragenden Position, um zu wissen, was sich im Lager zutrug. Grande weiß zu berichten, W. Boger habe zwar als roh gegolten, jedoch wisse er persönlich lediglich von einem Fall körperlicher Züchtigung: Anfang 1944 sei der Häftling Osterloh wegen Diebstahls von einem Paar Schuhe auf dem »Schwingbogen« mit Stockschlägen bestraft worden:[2]

»O s t e r l o h hat jedoch durch diese Mißhandlungen, soviel ich weiß, keine körperlichen Schäden zurückbehalten.« (S. 358R)

Außerdem erinnert sich Grande, im Herbst 1943 seien einige Häftlinge eines Außenkommandos hingerichtet worden, weil sie einen ihrer Bewacher ermordet hatten. Zudem seien danach noch etwa 20 polnische Häftlinge als Repressalie hingerichtet worden. Insgesamt beruft sich Grande darauf, sich aufgrund der inzwischen verflossenen Zeit nicht mehr an Einzelheiten erinnern zu können, zumal, wie er angibt, »solche Delikte an der Tagesordnung« gewesen seien (S. 359R). In einem Vermerk am Ende des Vernehmungsprotokolls schrieb der vernehmende Kriminalbeamte Schubert, Grande könne sich an nichts konkret erinnern (ebd.).

Auffallend ist, daß Grande nur zu Vergehen Bogers befragt wurde, obwohl er als Rapportsschreiber doch in der Lage gewesen sein mußte, ungemein mehr über das Lager, seine Organisation und die üblichen Verwaltungsabläufe und Vorgänge zu berichten. Aber an einem Verständnis der damaligen Zustände und Vorgänge scheint zum damaligen Zeitpunkt noch keiner ein Interesse gehabt zu haben.

Enthielt sich der vernehmende Beamte bei Grande noch des Kommentars, so war die Lage gänzlich anders beim Zeugen Jakob Fries, der in Auschwitz zum Arbeitseinsatz strafversetzt worden war. Fries war 1952 wegen verschiedener nicht näher erläuterter Verbrechen zu 14 Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Im Gegensatz zum professionellen Lügner Rögner zeigte sich Fries allerdings wenig kooperativ. Da er nichts Belastendes beitragen konnte, sah der vernehmende Beamte schlicht davon ab, seine Aussage protokollarisch aufzuzeichnen:

»Fries machte keinen sehr glaubwürdigen und aussagefreudigen Eindruck. Es konnte der Eindruck gewonnen werden, daß er nicht bemüht ist, dieser Klärung des Sachverhalts beizutragen. Im Übrigen machte er nur allgemeine Angaben, weshalb auf eine protokollarische Vernehmung verzichtet wurde.« (S. 437)

Wir sind daher auf das angewiesen, was der vernehmende Beamte Weida zusammenfassend berichtet. Demnach war Fries Arbeitsdienstführer für die gesamten Arbeitskommandos der Häftlinge im Stammlager Auschwitz gewesen. Zu den angeblichen Verbrechen führte Fries laut Weida aus:

»In Auschwitz habe er nichts von Erschießungen gesehen oder gehört. [...] Er erinnere sich lediglich daran, daß in Auschwitz Erschießungen von Häftlingen durch Wachposten erfolgt seien, die versucht hätten, über den Zaun zu klettern. Auch von sonstigen Verbrechen gegen Häftlinge will er nichts gehört haben. Erst nach 1945 habe er durch Presse-Mitteilungen zur Kenntnis genommen, was in Auschwitz und insbesondere in Birkenau vorgegangen sei.« (S. 437R)

Hier haben wir einen Zeugen, der entweder genau zwischen dem unterscheiden konnte, was er selbst erlebt hatte, und dem, was er lediglich von anderen bzw. nach dem Krieg erfahren hatte, oder aber einen Zeugen, der als einer der Hauptverantwortlichen der Organisation der Zwangsarbeit selbst dermaßen viel Dreck am Stecken hatte, daß er sich aus taktischen Gründen an nichts erinnern wollte. Der vernehmende Beamte wird wohl von letzterem ausgegangen sein. Tatsächlich kann ausgeschlossen werden, daß Fries nichts von dem erfahren hat, was in Auschwitz vor sich ging, zumal er als direkten Vorgesetzten Hauptsturmführer Aumeier über sich hatte, den Schutzhaftlagerführer und stellvertretenden Kommandanten von Auschwitz. Leider hat uns der vernehmende Beamte nicht mitgeteilt, warum er Fries für nicht sehr glaubwürdig hält. Sein Mangel an konkreter Erinnerung an Verbrechen kann an sich kein Grund sein, denn wenn der vernehmende Beamte nur solche Aussagen für glaubhaft hält, die einen vorgegebenen Sachverhalt bestätigen, dann beweist diese Tatsache schon für sich, daß der vernehmende Beamte nicht objektiv und sein Untersuchungsverfahren somit unseriös ist.

2. Gerüchte und Hörensagen

»Es sollen sich da aber, wie ich hörte, grausige Sachen abgespielt haben.« (S. 393)[3]

Dies ist wohl eine der zentralen Charakteristiken einer ganzen Serie von Aussagen, die durch die Wiedergabe zahlreicher Details über verschiedene angebliche Vorkommnisse im Lager Auschwitz glänzen, bei denen aber absolut nicht klar wird, woher die Zeugen ihr Wissen denn nun eigentlich haben. So unergiebig und unbefriedigend die Aussagen der Zeugen Grande und Fries auch sein mögen, so sind diese Zeugen doch immerhin in dem Grade ehrlich, daß sie nichts hinzuerfinden oder als eigene Erkenntnis deklarieren, was sie vom Hörensagen aus undefinierten Quellen schöpfen, während sich die anderen Zeugenaussagen aus diesem Aktenband mehr wie Schauermärchen lesen. Es erscheint unglaubwürdig, daß sich irgend jemand nach 15 Jahren noch in solcher Detailtreue erinnern kann.

Besonders erhellend ist in diesem Zusammenhang die Aussage des ehemaligen SS-Mannes Emil Theodor Gehri, der in der Häftlingsgeldverwaltung eingesetzt war, die den Häftlingen einmal monatlich Geld auszahlte. Gehri erinnert sich daran, daß im Laufe der Zeit größere Mengen Münzen und Wertsachen nach Berlin abgingen. Von Mißhandlungen durch SS-Angehörige kann er kein Zeugnis ablegen (S. 433, 435R), jedoch:

»Selbstverständlich ist mir bekannt, daß ab 1942 wesentliche Teile der neuangekommenen Transporte sofort vergast wurden.« (S. 434R)

Woher ihm dies bekannt ist, erfährt man allerdings nicht aus dem Protokoll, zumal er energisch behauptet, nie selbst dabei anwesend oder ein Zeuge dessen gewesen zu sein:

»Ich selbst war nie bei einer Vergasung dabei [...]. Uns war bei strengster Strafandrohung verboten, die Krematorien zu betreten und das dazugehörige Gelände.« (S. 433)

Eine mögliche Quelle seiner "Kenntnis" ergibt sich allerdings aus anderem Zusammenhang, denn zu Beginn seiner Vernehmung erwähnt er, daß er nach dem Krieg in Krakau vor Gericht stand und dort zu 8 Jahren Haft wegen seiner Tätigkeit in Auschwitz verurteilt worden war (S. 432). Eine Seite später berichtet er dann zur Quelle seiner Kenntnis:

»Es hieß, daß die Nichtarbeitsfähigen sofort ausgeschieden wurden und nach Birkenau kamen, wo sie vergast wurden.«

Es hieß, oder mit anderen Worten: es wurde behauptet, man munkelte...

Gehri berichtet aber sehr wohl Entlastendes, und zwar mehr aus Zufall und wohl, ohne daß es ihm und dem vernehmenden Staatsanwalt überhaupt bewußt wurde: Er beschreibt, wie er als Verwalter der Häftlingsbank bei Todesfällen seine Häftlingslisten immer mit denen der politischen Abteilung abgleichen mußte, wobei ihm die Sterbeursachen der Häftlinge bekannt wurden (S. 433R). Dazu weiß er weiter auszuführen:

Systematische Zeugenbeeinflussung
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»Angestiegen ist die Todeszahl lediglich, als im Jahre 1942 und auch sonst noch einige Male im Lager das Fleckfieber ausgebrochen war. Jeweils nach Abebben dieser Krankheit ging auch die Todeszahl wieder zurück.« (S. 434R)

Von der Bogerschaukel weiß Gehri genauso wenig wie von der "schwarzen Wand" (S. 434R), aber er erwähnt ganz nebenbei Boxkämpfe (S. 435).

Ein besonders krasses Beispiel einer Aussage vom Hörensagen gibt der Zeuge Jakob Sebastian Kronauer. Die wirklich dramatischen Teile seiner Aussage lesen sich wie folgt:

»Innerhalb des Lagers wurde dann bei den Häftlingen bekannt, dass die Angehörigen des Entflohenen durch den SS-Oberscharführer P a l i t z s c h exekutiert worden seien. Das 3jährige Kind soll dabei noch unschuldig gefragt haben, was da getan werde. Den Säugling soll Palitzsch bei den Beinen erfaßt und an die Wand geschlagen haben mit der Bemerkung: "So etwas wird bei uns nicht erschossen!" Im Lager war es damals offenes Geheimnis, dass das Geschilderte unter der Regie von B o g e r geschah. [...]

Auch zu diesem Fall muß ich erklären, dass ich B o g e r bei irgendwelchen Roheitsakten oder bei den Erschießungen der Angehörigen des Entflohenen nicht selbst gesehen habe. Ich weiß das nur aus den Erzählungen der Mitgefangenen und aus der allgemeinen Stimmung und Ansicht, dass Boger für diese Dinge mindestens verantwortlich war« (S. 489)

In einem Vermerk zu Kronauer schrieb der vernehmende Beamte Matthäus:

»K r o n a u e r machte seine Angaben in freier Rede und hat wiederholt daraufhingewiesen, daß die Vorkommnisse teilweise auch in der Schrift "Mützen ab" von Zenon Rozanski - Eine Reportage aus der Strafkompanie des KZ.Auschwitz - herausgegeben 1948 vom Verlag "Das andere Deutschland", Inh. Fritz Küster, in Hannover, enthalten sind. Kronauer ist im Besitz der Schrift. [...]

Im September 1958 wurde Jakob K r o n a u e r kurzfristig in die Heil- und Pflegeanstalt Heppenheim eingewiesen, da er infolge eines Nervenzusammenbruchs Selbstmordabsichten äußerte [...].

Kronauer ist am 24.11.45 erstmals über seine Haftzeit vernommen worden und hat dabei etwa gleichlautende Angaben wie in der vorstehenden Vernehmung gemacht, ohne irgendwelche Einzelheiten über das Verhalten der Wachmannschaften vorzubringen. Die Vernehmung betraf damals nur die zeitliche Inhaftierung auf Anfrage des Hilfswerkes für ehemalige politische Gefangene in Hessen.

Am 24.6.46 hat der damalige Vermieter, bei dem Kronauer wohnte, der inzwischen verstorbene Jakob K l i n g, Sedanstrasse 36, auf Anfrage mitgeteilt, Kronauer sei im Lager Auschwitz "Kapo" gewesen. Da Kronauer seit zwei Tagen verschwunden war, nahm er an, die damals in Lampertheim wohnhaften DP's könnten ihn erkannt und seine Verhaftung veranlasst haben. Am 26.6.46 meldete sich dann Kronauer bei der hiesigen Polizei und teilte mit, dass er zwei Tage zur Vernehmung in Bensheim, gewesen sei und dann auf freien Fuß gesetzt wurde.« (S. 493f.)

Ich zitiere hier so ausführlich, weil aus diesen Ausführungen vier Dinge hervorgehen:

  1. Kronauer hat, wie er ja selbst zugibt, offensichtlich nicht aus eigenem Erleben berichtet, sondern das wiedergegeben, was er anderswo gelesen hat.
  2. Kronauer war offenbar nervlich instabil, mithin wahrscheinlich anfällig für die suggestive, gedächtnisverformende Kraft ergreifender Berichte.
  3. In einer Vernehmung nur zehn Monate nach dem Kriege sah er sich nicht veranlaßt, über irgendwelches Fehlverhalten der Wachmannschaften zu berichten, obwohl seine Erinnerung damals noch recht frisch war und obwohl die Häftlingshilfsorganisationen sicher offen für derartige Berichte waren.
  4. "Kapos" oder Häftlingsaufseher waren oft die Hauptschuldigen an Grausamkeiten, die in den deutschen KLs begangen wurden. Es ist daher möglich, daß Kronauer selbst kein reines Gewissen hatte, sprich, daß er also ein Interesse daran hatte, andere zu belasten, um von sich abzulenken und um sich die Gunst der damaligen Mithäftlinge und ihrer Häftlingsorganisationen zu sichern.

3. Getürkte Aussagen durch das Auschwitz-Komitee

Der Einfluß des kommunistisch geprägten Auschwitz-Komitees unter der Führung des ehemaligen Auschwitz-Häftlings und langjährigen Kommunisten Hermann Langbein läßt sich in diesem Band an zwei Stellen nachweisen:

Staatsanwalt Weber schreibt am 21.1.1958 über die Lage des Beschuldigten:

»Es ist nicht zu verkennen, dass die Verteidigungssituation des Beschuldigten ungünstig ist, weil die Beschuldigungen systematisch von dem in Krakau seinen Sitz habenden Auschwitz_Comité in das Verfahren eingeführt werden, wobei u.a. als Belastungsmaterial schriftliche Äusserungen von Personen aus den Ostblockstaaten fungieren, die weder erreichbar noch überprüfbar sind.« (S. 477)

Eine Organisation konnte in den fünfziger Jahren in Polen nur dann ansässig sein, wenn sie stalinistisch und radikal anti-deutsch war, oder mit anderen Worten: wenn sie willens war, die während des Zweiten Weltkriegs gestartete anti-deutsche Greuelpropaganda im Stile eines Ilja Ehrenburg weiterzuführen. Daß die vom Auschwitz-Komitee abgelieferten Aussagen tatsächlich nicht ganz astrein sind, läßt sich durch die Gegenüberstellung von zweien dieser schriftlich an die StA Stuttgart gesandten Aussagen beweisen:

»Henryk Wysoczynski [...]

Am 28. Februar 1943 mit 400 anderen Häftlingen aus dem Gestapo-Gefängnis in Lodz kam ich in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Von diesen 400 haben nur 7 Personen die Hölle von Auschwitz überlebt.

Ich wurde verdächtigt, der Widerstandsbewegung anzugehören und wurde zur schweren Arbeit im Kommando "Fischteiche" gezwungen. Nach der Quarantäne im Monat Mai habe ich im Kommando "Fischteiche Raysko" bis zum 5. Mai 1943 gearbeitet. [...]

Im August 1944 sind die Soldaten der Sowjetarmee, die als Häftlinge in Birkenau waren, geflüchtet. Vier von diesen wurden festgenommen und nach Birkenau zurückgeführt, wo sie hingerichtet werden sollten. Eine Tages (an das genaue Datum erinnere ich mich nicht) sollten sie nach dem Lagerappell aufgehenkt werden.

In Begleitung von SS-Männern wurden sich in Lager geführt [sic]. Vor der Exekution, die vor der Küche stattfinden sollte, warf sich einer von ihnen auf den SS-Oberscharführer Boger. Die SS-Männer haben den Häftling auf den Boden geworfen und SS-Oberscharführer Boger hat ihn geschlagen und ihn mit Füssen getreten. Dann hat Boger allen viern die Schlinge um den Hals gelegt und sie gehenkt. Das haben ich gesehen und alle Kameraden mussten bei der Exekution zuschauen.

In Auschwitz war ich bis zum 18. Januar 1945 und ich hatte dort die Häftlingsnummer 97.640« (S. 425)

»[...] Windyslaw[4] [...]

In das Konzentrationslager Auschwitz bin ich am 28. Februar 1943 gekommen und zwar aus dem Gestapo-Gefängnis Lodz mit 400 anderen Häftlingen. Als politischer Häftling hatte ich die Häftlingsnummer 97.673. Ich wurde dem Arbeitskommando "Küche" in Auschwitz-Birkenau zugeteilt.

In Auschwitz war ich vom 28. Februar bis zum 18. Januar 1945, d.h. bis zur Evakuierung der Häftlinge.

in diesem Lager waren auch die gefangenen Soldaten der Sowjetarmee. Im Monat August 1944 sind einige von diesen Gefangenen aus dem Lager geflüchtet. In kurzer Zeit sind 4 von diesen wieder von der SS gefangengenommen und nach Birkenau zurückgeführt worden. Sie sollten mit dem Tode bestraft werden.

Die Galgen wurden vor der Küche aufgerichtet und nach dem Appell, das Datum des Tages habe ich vergessen, sollten die Soldaten durch Erhängen hingerichtet werden.

SS-Männer haben die mit Draht gefesselten Soldaten nach dem Appell [unleserlich...] geführt. Als sie schon vor dem Galgen standen, riss sich einer der Soldaten los und warf sich auf Boger. SS-Männer haben [unleserlich...] Soldaten niedergeworfen und Boger schlug [unleserlich...] und er trat ihn mit Füssen.

[unleserlich...] alle vier Soldaten aufgehenkt [unleserlich...]« (S. 426)

Beide Zeugen wohnten im selben Ort, haben ihre Aussage am gleichen Tag verfaßt und haben diese etwa im gleichen Zeitrahmen wie andere polnische Zeugen auch nach Stuttgart gesandt, ganz offensichtlich auf Anregung des Auschwitz-Komitees hin. Wie sich leicht erkennen läßt, sind sowohl der Stil als auch der Inhalt beider Aussagen so ähnlich, daß man entweder von einer Absprache ausgehen muß oder gar davon, daß sie vom Komitee instruiert wurden.

4. Böck und Rögner: zwei Falschzeugen

Ein Teil der während der Voruntersuchungen zum Auschwitzprozeß angelegten Zeugenaussage des Richard Böck wird von Revisionisten mitunter zitiert und als Beweis für die Unglaubhaftigkeit dieser und ähnlicher Aussagen angeführt.[5] Die dabei untersuchte Passage von Böcks Aussage wurde am 2.11.1960 abgelegt. Böck ist jedoch schon am 5. Februar 1959 ein erstes Mal verhört worden.

Böck war Kraftfahrer in der Fahrbereitschaft Auschwitz, wo er in erster Linie mit der Beschaffung von Verpflegung für das Lager betraut war.[6] Aus Inhalt und Stil seiner Aussage geht deutlich hervor, daß er sich zumindest in der Nachkriegszeit wesentlich mehr mit den Häftlingen im Lager identifizierte als mit seinen Kameraden von der SS. So gibt er an, für die Häftlinge über einen längeren Zeitraum hinweg Post aus dem Lager und ins Lager hinein geschmuggelt zu haben (S. 447, 461, 463). Zwar kam es deswegen zu einer Untersuchung gegen ihn durch die politische Abteilung, jedoch hatte dies für ihn weiter keine Folgen (S. 449-451). Obwohl er in diesem Zusammenhang selbst für kurze Zeit in Untersuchungshaft war und verhört wurde, will er von der "Bogerschaukel" nie etwas gehört haben (S. 450). Seine komödienhafte Darstellung seiner Widerstandstätigkeit ist ein klarer Hinweis darauf, daß seine Heldengeschichten entweder nicht stimmen oder daß die Gestapo in Auschwitz harmlos war.

Durch seinen intensiven Kontakt mit den Häftlingen ist Böck auch wiederholt mit Adolf Rögner in Kontakt gekommen, der laut Böck Kapo in Auschwitz war und dem sogenannten Lageruntergrund angehörte, der sogar über einen Radiosender verfügte (S. 446). Womöglich gehörte also Rögner jenem Kreis von Häftlingen an, von denen Bruno Baum einst schrieb, sie seien stolz darauf, die nun weltweit in Umlauf befindliche Propaganda über Auschwitz in die Welt gesetzt zu haben.[7] Rögner war es auch, der als Mitglied einer »Häftlingsuntersuchungskommission« nach dem Krieg Böck aus alliierter Haft befreite, indem er eine Reihe eidesstattlicher Erklärungen ehemaliger Häftlinge für Böck organisierte, die sich für ihn aussprachen (S. 443, 459-465). In seiner zweiten Aussage führte Böck weiter aus, Rögner sei in Auschwitz in der Elektroabteilung der Fahrbereitschaft eingesetzt gewesen (S. 6879). Mit anderen Worten: Böck und Rögner waren offenbar Freunde. Anders läßt sich auch kaum erklären, warum Böck in seiner Aussage Rögner immer wieder erwähnt, ohne daß es dazu irgendeinen Anlaß gab.

Über den meineidigen Lügner und Berufsdenunzianten Rögner wurde bereits in den ersten drei Teilen dieser Serie berichtet.[8] Böcks Beziehung zu Rögner kann daher den Verdacht aufkommen lassen, daß ähnlich wie bei Rögner so auch hinter Böcks Aussage etwas anderes steckt als Wahrheitsliebe. Wir wollen daher etwas detaillierter auf Böcks Aussagen eingehen.

Während seiner ersten Aussage gab Böck an, er habe eine Vergasung »einmal selbst mit angesehen. Dies muß im Sommer 1943 gewesen sein.« (S. 453) Bei seiner zweiten Vernehmung fand diese Vergasung dann »im Winter 1942/43« statt (S. 6881). Obwohl ihm als unautorisierter Person die Anwesenheit »streng verboten war«, gelang es ihm problemlos, als Beifahrer in einem Sanitätskastenwagen zur Gaskammer zu fahren (ebenda). Dem ähnlich ist eine Passage in seiner ersten Aussage, wo er der insgeheim in einer Kiesgrube stattfindenden Exekution dadurch beiwohnte, daß er der Kolonne der Delinquenten und deren SS-Bewacher »in einigen Metern Abstand gefolgt« ist (S. 451). Das Kommando zur Erschießung der Häftlinge habe dann, so Böck, »Achtung, fertig, los« geheißen (S. 452).

Es ergeben sich hier drei Möglichkeiten: a) die Vergasungen/Erschießungen waren nicht geheim; b) die SS bestand aus tumben Toren, die die primitivsten Sicherheitsvorkehrungen nicht einhielten und selbst dann nicht merkten, daß sie ausspioniert wurden, wenn ihnen jemand in einigen Metern zur Kiesgrube folgte, oder c) Böck lügt. Da eine Erschießung kein 100-Meter-Lauf ist - Exekutionskommandos lauten »Anlegen, Zielen, Feuer!« - kann man sich zusammenreimen, welcher Fall bei Böck vorliegt.

Dazu paßt seine Behauptung, er sei eines Tages angewiesen worden, mit einem Laster voll mit belegten Broten nach Birkenau zu einer Selektion an die Rampe zu fahren, sei jedoch unverrichteter Dinge wieder zurückgeschickt worden (S. 6884). Laut Böck soll dies aus guten Gründen gemacht worden sein:

»Man rechnete nämlich immer damit, daß eine Kommission aus der Schweiz kommt, um sich die "Judenumsiedlung" anzusehen.« (S. 6883)

Mit den Butterbroten, so spekuliert Böck, habe man dem Roten Kreuz vorgaukeln wollen, daß die Häftlinge gut verpflegt würden. Zur Tarnung sei auch ein Rot-Kreuz-Symbol auf dem Kastenwagen aufgemalt gewesen, mit dem das Zyklon B zur Gaskammer gebracht worden sei (ebenda). Als ob die allmächtige SS nicht kontrollieren konnte, wann eine Rot-Kreuz-Delegation ins Lager kam und wann nicht, und als ob irgend jemand ernsthaft geglaubt hätte, mit Butterbroten die angeblich grauenhaften Zustände im Lager tarnen zu können.

Auf den Seiten 6882f. befinden sich jene weithin zitierten Passagen, die bisher schon als Indiz einer Falschaussage interpretiert wurden:

»Anschließend kam ein SS-Mann, ich glaube es war ein Rottenführer, zu unserem Sanka und holte eine Gasbüchse heraus. Mit dieser Gasbüchse ging er zu einer Leiter, die vom Tor aus gesehen an der Rechten Seite des Gebäudes stand. Dabei bemerkte ich, daß er beim Besteigen der Leiter eine Gasmaske aufhatte. Als er am Ende der Leiter angekommen war, öffnete er eine kreisrunde Blechklappe und schüttete den Inhalt der Büchse in die Öffnung. Ich hörte noch deutlich das Klappern der Büchse gegen die Mauer, als er beim Ausschütteln dagegenstieß. Gleichzeitig sah ich,wie ein bräunlicher Staub aus der Maueröffnung hochstieg. Als der das Türchen wieder geschlossen hatte, setzte ein unbeschreibliches Schreien in dem Raum ein. Ich kann einfach nicht beschreiben, wie diese Menschen geschrien haben. Das dauerte etwa 8 - 10 Minuten und dann war alles still. Kurze Zeit später wurde das Tor von Häftlingen geöffnet, und man konnte noch einen bläulichen Nebel über einem riesigen Knäuel Leichen schweben sehen.« (S. 6882)

Auszüge aus der völlig unglaubhaften Zeugenaussage des Richard Böck (Zum Vergrößern anklicken)

»Allerdings habe ich mich gewundert, daß das Häftlingskommando, das zum Wegschaffen der Leichen bestimmt war, den Raum ohne Gasmasken betrat, obwohl dieser blaue Dunst über den Leichen schwebte, von dem ich annahm, daß es sich um Gas handelte.« (S. 6883)

Da Zyklon B beim Ausschütten keinen bräunlichen Staub verursacht, Blausäuregas farblos ist und das Häftlingskommando nicht gegen das Giftgas immun gewesen sein kann, das die Opfer in wenigen Minuten tötete, ist offenkundig, daß Böck nicht gesehen haben kann, was er behauptet.

Doch damit nicht genug. Im Herbst 1941 will Böck so nebenbei noch miterlebt haben, wie 60 Gefangene im Krematorium I im Stammlager vergast worden seien:

»Im Herbst 1941 habe ich eines Abends nach dem Dienst in der Fahrbereitschaft beobachten können, wie vor dem Alten Krematorium a, Stammlager, der Ustuf. G r a b n e r mit ca. 60 männl. Juden aus Richtung Bahnhof Auschwitz haltmachte. Er befahl ihnen, sich nackt auszuziehen. Anschließend trieb er sie in das Krematorium, indem er ihnen dies befahl. Als alle Juden hineingegangen waren, sah ich, wie ein anderer SS-Mann auf das Krematorium stieg und dort irgendeine Klappe öffnete. Gleichzeitig hörte ich es furchtbar schreien, was jedoch nur kurze Zeit andauerte. Dann war es ruhig.« (S. 6886)

Diese Aussage ist aus mehreren Gründen problematisch:

  1. Nach Ansicht der offiziellen Geschichtsschreibung hat es im Herbst 1941 nur eine Vergasung gegeben, und zwar angeblich durchgeführt an mehreren hundert russischen Kriegsgefangenen im Keller des Gebäudeblocks 11.[9] Die Leichenhalle des alten Krematoriums im Stammlager soll erst ab 1942 für Vergasungen hergerichtet worden sein, konnte daher also nach allgemeiner Auffassung im Herbst 1941 gar nicht als Gaskammer dienen.
  2. Die angebliche Gaskammer des alten Krematoriums war konstruktionsmäßig eine recht geräumige Leichenhalle. Laut etablierter Geschichtsschreibung wurden darin jeweils einige Hundert Häftlinge ermordet, nicht aber lediglich 60.
  3. Böck gibt selbst an - und liefert eine Skizze -, daß sich das Gebäude der Fahrbereitschaft, in der er über Jahre tagein, tagaus tätig war, auf der anderen Straßenseite, also in unmittelbarer Nähe zum alten Krematorium befand (S. 6887, Skizze S. 458). Wie kommt es, daß er von den dort laut orthodoxer Geschichtsauffassung stattgefundenen regelmäßigen Massenvergasungen in den Jahren 1942/43 nie etwas erlebt oder erfahren hat?

Seine allgemeine Unkenntnis über das, was sich auf der anderen Straßenseite zutrug, versucht Böck durch folgende behauptete beobachtung wettzumachen:

»Jedenfalls habe ich während meiner gesamten Zeit in Auschwitz beobachten können, daß im alten Krematorium Häftlingsleichen verbrannt wurden. Erst Ende des Jahres 1944 ließ dies etwas nach. Täglich konnte ich sehen, wie die Flammen 2 Meter hoch aus dem Schornstein schlugen. Außerdem roch es immer stark nach verbranntem Fleisch.«

Dazu ist zu sagen:

  1. Das alte Krematorium im Stammlager wurde mit Inbetriebnahme der Krematorien in Birkenau im Frühjahr 1943 außer Betrieb genommen und im Frühjahr 1944 in einen Luftschtuzbunker umgewandelt. Böck kann daher unmöglich bis Ende 1944 Kremierungen darin gesehen haben.
  2. Krematoriumskamine speien aus technischen Gründen keine Flammen. Böck lügt, litt unter Halluzinationen oder hat sich selbst etwas eingeredet.
  3. Krematoriumskamine mögen den Geruch von verbranntem Koks verbreiten, doch bestimmt nicht den Geruch verbrannten Fleisches.

Ein widerkehrendes Schema ist die Behauptung, SS-Leute hätten sich deswegen für Selektionen und Massenvergasungen hergegeben, weil als Belohnung eine Ration Schnaps gewunken habe (S. 393, Böck, S. 6884). Zusatzrationen an Essen und Genußmitteln für schwierige Aufgaben mag es ja gegeben haben, aber die Unterstellung, bei der SS habe es sich um eine Ansammlung von Trunkenbolden gehandelt, läßt den Verdacht aufkommen, daß die Quelle dieses Klischees polnische Propagandisten und Wodka-Liebhaber gewesen sind, die von sich auf andere schlossen.

Nur nebenbei sei erwähnt, daß Böck den Bau der Birkenauer Rampe fälschlich ins Jahr 1943 verlegt (S. 6880) - sie wurde im Mai 1944 errichtet. Aber da mag er sich ausnahmsweise einmal einfach nur geirrt haben. Der Rest von Böcks Aussage ist aber ein ziemlicher - ich kann es mir ja doch nicht verkneifen, so möge man es mir nachsehen - Böckmist. J

Anmerkungen


[1]Vgl. VffG 6(3) (2002), S. 343-346; 6(4) (2002), S. 473-478; 7(1) (2003), S. 95-101.
[2]Sämtliche Band- und Seitenangaben beziehen sich auf: Staatsanwaltschaft beim LG Frankfurt (Main), Strafsache beim Schwurgericht Frankfurt (Main) gegen Baer und Andere wegen Mordes, Az. 4 Js 444/59; Bd. 3, S. 325-494, Bd. 29, S. 6677-6903.
[3]Die ersten 17 Seiten dieses Vernehmungsprotokolls sind unleserlich, so daß der Name des Zeugen nicht ersichtlich ist.
[4]Name kaum leserlich.
[5]Vgl. G. Rudolf, Das Rudolf Gutachten, 2. Aufl., Castle Hill Publishers, Hastings 2001, S. 127f.; J. Graf, Auschwitz - Tätergestandnisse und Augenzeugen des Holocaust, Neue Visionen Verlag, Würenlos 1994, S. 213-218.
[6]In diesem Zusammenhang erwähnt Böck übrigens, daß der von ihm gefahrene Lastwagen ein »Holzvergaßer«(sic) war, also ein Giftgas-Lastwagen, S. 442.
[7]B. Baum, Widerstand in Auschwitz, Ostberlin 1949, S. 34.
[8]Die Verurteilung Adolf Rögners wegen meineidlicher Falschaussage und Betrugs wurde rechtskräftig, ebenda, S. 401.
[9]Vgl. dazu Carlo Mattogno, Auschwitz: La prima gasazione, Edizioni di Ar, Salerno 1992

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 7(2) (2003), S. 224-229.


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