Aus den Akten des Frankfurter Auschwitz-Prozesses, Teil 6

Von Germar Rudolf

Arbeitsunfähig in Auschwitz[1]

"Da ich doch nun nicht mehr arbeitsfähig war, hatte ich Angst, daß ich vergast werden würde. Es war inzwischen allgemein bekannt geworden, daß alle nicht Arbeitsfähigen vergast wurden."

Dies entstammt der Aussage der Zeugin Rajzla Sadowska (Bl. 657), die damit der üblichen Ansicht folgt. Frau Sadowska hatte sich als Häftling in Auschwitz bei einem Arbeitsunfall verletzt, wurde jedoch nach ihrer Aussortierung ("Selektion") nicht etwa vergast, sondern ins Lagerkrankenhaus eingewiesen, wo sie gesundgepflegt wurde. Nach sieben Tagen wurde sie erneut aussortiert, diesmal vom berüchtigten Dr. Mengele. Dieser soll dann an Frau Sadowska verschiedene mitunter sehr schmerzhafte Versuche durchgeführt haben. Obwohl sie danach ein menschliches Wrack gewesen sein will - von einer gerichtsmedizinischen Überprüfung dieser Behauptungen findet sich in den Akten keine Spur - wurde sie anschließend als jemand, der weder für Arbeiten noch als "Versuchskaninchen" tauglich war, nicht etwa vergast, sondern wiederum gesundgepflegt (Bl. 684). Trotz dieser grausamen Erfahrungen in Deutschland zog es Frau Sadowska bei Kriegsende vor, sich letztlich in Deutschland niederzulassen, da sie das Klima in Israel nicht ertrug (S. 676).

In das gleiche Schema paßt eine "Selektion", die Frau Sadowska gleich zu Anfang ihrer Einlieferung ins Lager erlebt haben will: Drei Monate hielt man Frau Sadowska und alle anderen Häftlinge, die mit ihrem Transport neu ins Lager gekommen waren, in Quarantäne fest. Nachdem dieser Aufwand von der SS geleistet worden war, um sicherzustellen, daß alle Gefangenen gesund sind, wurden alle arbeitsunfähigen Frauen aussortiert, in andere Baracken verlegt und sodann per LKW abtransportiert, wobei die Damen ein "letztes Lied" gesungen haben sollen. Frau Sadowska schloß daraus und aus der Tatsache, daß sie die Frauen nicht wieder sah, daß diese Frauen getötet wurden (Bl. 678f.). Wenn die Arbeitsunfähigen tatsächlich zur Tötung vorgesehen gewesen wären, dann hätte man es sich freilich erspart, sie erst noch drei Monate nutzlose durch die Quarantänezeit zu füttern.

Ähnlich paradox ist eine Aussage des Zeugen Hugo Breiden, der während seiner zweiten Vernehmung behauptete, einem elfjährigen jüdischen Jungen - der entgegen der herrschenden Auffassung trotz seines geringen Alters bei Einlieferung in das Lager offenbar nicht vergast wurde - sei ermöglicht worden, eine Typhuserkrankung auszuheilen, nur um danach doch aussortiert zu werden - angeblich für eine tödliche Injektion (Bl. 701).

Hugo Breiden die Zweite

Was von der Glaubwürdigkeit des Zeugen Breiden zu halten ist, ergibt sich schon aus der Tatsache, daß er während dieser zweiten Aussage behauptet, er sei wegen abfälligen Anmerkungen gegen den Bau des Westwalls verhaftet worden, sei also ein politisch Verfolgter des NS-Regimes, wohingegen sich aus den Akten ergibt, daß Breiden seit 1928 laufend straffällig geworden war und damals zuletzt wegen krimineller Zuhälterei zu 18 Monaten Zuchthaus und drei Jahren Ehrverlust verurteilt worden war.[2] Während er bei seiner ersten Aussage noch den Eindruck machte, selbst zu wissen, welche Tätigkeiten der Häftling Jakob bei Erschießungen an der berüchtigten "Schwarzen Wand" durchführte, heißt es in seiner zweiten Aussage nun:

"Seine Tätigkeit kann ich nicht beschreiben. Es wurde jedoch erzählt [...]." (Bl. 695)

Da gehen also wieder einmal Wissen und Hörensagen wild durcheinander. Was soll man dann also von Breidens Geschichten halten, die SS habe einen Mann

"veranlaßt, auf eine hohe Tanne zu steigen. Anschliessend mussten die zwei Söhne [des Mannes] den Baum umsägen, so dass der Vater mit diesem umstürzte." (Bl. 698)

Eine wahrlich zeit- und materialraubende Art, jemanden umzubringen. Auf die Weise wäre die SS noch heute dabei, ihr "Soll" von sechs Millionen unter Entwaldung ganz Europas zu erledigen; und Zeit und Material zur Kriegführung und für Rüstungsarbeiten wäre ihr dann auch nicht geblieben...

Oder wie wäre es mit der Rundfunksängerin aus Sofia, die laut Breiden gezwungen worden sein soll, in einem Teich schwimmen zu gehen, wo ihr ein Hund eine Brust zerfleischte (als ob schwimmende Hunde dazu fähig wären), gefolgt von einem steinewerfenden SS-Mann, der die Frau schließlich erfolgreich versenkte (Bl. 689f.). Solche Geschichten nennt man Holo-Pornographie.

Rögner und sein Freund

Auf Blatt 703-732 der Akten befindet sich eine weitere Vernehmungsniederschrift des Zeugen Adolf Rögner, den ich bereits zuvor als "größten Lügner im ganzen Land" charakterisiert habe.[3] In dieser Vernehmung zählt Rögner über 50[4] angebliche Verbrechen auf, die er selbst erlebt haben will und über die er behauptet, detailliert aussagen zu können. Ich erspare mir hier, die Lügengespinste dieses Zeugen zu analysieren, darf aber darauf hinweisen, daß hier weniger Adolf Rögner das Problem ist als vielmehr die Zentrale Stelle der Justizverwaltungen, die diesen Zeugen erneut verhörte, ohne bei dieser Vernehmung auch nur im geringsten irgendwelche Ansätze von Kritikfähigkeit zu zeigen.

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Aussage des Zeugen Emil Behr, der am 21.3.1959 ausführte, er habe in Auschwitz unter dem Kapo Adolf Rögner im Elektrikerkommando gearbeitet. Er führt aus:

"Nachdem mir einige Vorfälle genannt worden sind, die der Pol.-Abt. und zum Teil auch Boger zur Last gelegt werden, kann ich Näheres nicht sagen. Ich habe von diesen Vorgängen nichts gehört.

[...] Nachdem mir gesagt wird, daß in diesem Block 10 die Versuche an den Frauen vorgenommen worden sind, muß ich sagen, daß ich das nicht gewusst habe.

Es war lagerbekannt, daß an der schwarzen Wand in großem Umfange und fast täglich Erschießungen durch die Pol.-Abt. vorgenommen worden sind. Näheres hierüber weiß ich jedoch nicht. Einzelne Vorgänge sind mir nicht bekannt. [...]

[...] habe ich wohl oft gesehen, wie Häftlinge von SS-Leuten mißhandelt worden sind." (Bl. 756)

"An offensichtliche Tötungen kann ich mich jedoch nicht erinnern. Ich weiß auch nicht bestimmte Fälle, wo Häftlinge nach der Mißhandlung durch einen SS-Angehörigen verstorben sind." (Bl. 756f.)

"Bei Selektionen neu angekommener Transporte war ich nie zugegen. Ich habe nur gehört und nehme das auch an, daß Selektionen bei allen Transporten vorgenommen wurden. Die Krematorien und die Gaskammern habe ich nie gesehen. Ich weiß auch nicht, welche SS-Leute dort Dienst versahen." (Bl. 758)

Hier haben wir also einen Zeugen, der einen ähnlichen Erlebnishorizont hatte wie der mit ihm im gleichen Arbeitskommando beschäftigte Zeuge Rögner. Im Gegensatz zu Rögner jedoch war Behr in der unmittelbaren Nachkriegszeit kein "Berufszeuge", hat nicht für Häftlingsorganisationen gearbeitet, hat keine Akten und Literatur über die KLs angehäuft und ist auch nicht für meineidige Falschaussagen vorbestraft. Dementsprechend weiß der Zeuge zwar von gelegentlich schlechter Behandlung von Häftlingen, alles andere jedoch ist ihm entweder völlig unbekannt oder nur vom Hörensagen her geläufig ("lagerbekannt", "nur gehört"). Etwas über das Ziel schießt er allerdings hinaus, wenn er behauptet, er habe die Krematorien nie gesehen, denn diese waren im Lager wahrlich nicht zu übersehen. Er mag allerdings gemeint haben, daß er sie nie von innen gesehen hat.

Ein solches Maß an Unwissenheit muß denn auch die entsprechende Reaktion des vernehmenden Beamten zur Folge gehabt haben, der von anderen Zeugen wesentlich bessere Vorführungen gewöhnt ist, denn Behr verteidigt sich sodann wie folgt:

"Ich muß zugeben, daß es fast unglaubhaft erscheint, daß ich an und für sich so wenig sagen kann, obwohl ich doch gerade als Elektriker ziemlich unabhängig war und viel im Lager herumgekommen bin. Hierzu muß ich sagen, daß wir nur innerhalb des Hauptlagers ohne Bewachung herumlaufen konnten." (Bl. 758)

Das gilt freilich auch für Rögner, dem das allerdings kein Hindernis war, sich an alles und jeden zu "erinnern". Alles in allem ist die Niederlegung der Aussage Emil Behrs eine klassische Regiepanne, zeigt sie doch auf glasklare Weise den Unterschied zwischen einem unbeeinflußten Zeugen auf, der sich nach 20 Jahren an bestimmte Ereignisse erinnern soll, und einem, der 20 Jahre lang auf geradezu pathologische Weise sein eigenes Gedächtnis manipuliert hat.[5]

Bogers Geständnisse

Am 8.4.1959 wurde Wilhelm Boger ein zweites Mal von der bundesdeutschen Justiz vernommen. Einige der interessanten Punkte seiner Aussage seien hier summarisch und stichwortartig aufgeführt:

- Alle jemals ins Lager aufgenommenen Häftlinge wurden durch die politische Abteilung registriert und in Karteien aufgenommen. Lediglich nicht-deutsche Häftlinge bekamen ihre Häftlingsnummer eintätowiert (Bl. 790).

- Jeder SS-Angehörige mußte eine ehrenwörtliche Verpflichtung ablegen, die es ihm untersagte, sich an Häftlingen körperlich zu vergreifen (Bl. 796). Boger führte Ermittlungen gegen SS-Leute und Häftlinge durch, die sich an Häftlingen vergingen oder sonst straffällig wurden; darunter auch ein Fall, bei dem ein SSler einen Hund auf einen Häftling hetzte (Bl. 787, 791, 794f.).

- Die Bestrafung von Häftlingen erfolgte mit Prügelstrafe (bis zu 25 Hiebe), Arrest (einfach, verschärft, Sonderarbeitskommando, Stehbunker), Strafversetzung (vom WVHA anzuordnen). Verschärfte Vernehmungen (Folter) war vom RSHA zu genehmigen/anzuordnen. Sie erfolgten durch Schlagen mit Rute oder Peitsche, z.T. auf der "Schaukel", deren Effekt von Boger und Broad an Selbstversuchen ausprobiert wurde:

"Rottenführer Perry B r o a d und i c h haben uns selbst einmal auf die Schaukel gehängt und das blosse Hängen nicht als besondere Tortur empfunden." (Bl. 798).[6]

Zu blutenden Verletzungen oder Todesfällen sei es dabei nicht gekommen. Auch seien andere Mißhandlungen nicht vorgekommen. (Bl. 796ff.)

- Tötungen erfolgten niemals willkürlich, sondern a) bei Fluchtversuchen, b) auf gerichtliche Urteile, c) auf höheren Befehl (zumeist RSHA). Hinrichtungen wurden teils durch Genickschüsse mit einem Mauser Kleinkalibergewehr an der "Schwarzen Wand" durchgeführt (Todesurteile aufgrund nicht im Lager begangener Verbrechen) oder aber durch den Strang (im Lager begangene Verbrechen). (Bl. 798-801.)

- Auschwitz war die Vollstreckungsstätte aller im Generalgouvernement verhängten Todesurteile. Die Verurteilten wurden ins Lager verlegt, aber erst hingerichtet, nachdem der volle Rechtsweg einschließlich Gnadengesuch bei Generalgouverneur Frank abgeschlossen war, so daß Häftlinge oft über ein Jahr im Lager waren, bevor sie hingerichtet wurden. Mithäftlingen, die vom Todesurteil nichts wußten, mögen diese Hinrichtungen als willkürlich erschienen sein (Bl. 809).

- SS-Angehörige konnten das Lager nur mit Sonderausweisen betreten (Bl. 795). Boger hatte keine Erlaubnis zum Betreten der Krematorien (Bl. 803).

Von besonderem Interesse sind freilich Bogers Aussagen über die Gaskammern, die ich hier ausführlich zitieren darf:

"Als ich etwa 4 - 6 Wochen bei der Politischen Abteilung in Auschwitz war, habe ich erstmals davon gehört, daß Vergasungen durchgeführt werden. Diese Vergasungen müssen entweder im kleinen Krematorium und in Birkenau durchgeführt worden sein. Genaues hierüber weiß ich nicht, da ich selbst nie bei einer Vergasung mitgewirkt habe. Daß auch im Block 11 Vergasungen bzw. Vergasungsversuche durchgeführt worden sein sollen, habe ich erstmals durch einen Zeitungsartikel erfahren. Dies war im Dezember 1958, als im Zusammenhang mit meinem Verfahren über die Aufzeichnungen von Hoess berichtet wurde.

Grundsätzlich mußten die Häftlinge arbeiten. Wer zufolge Krankheit, Unterernährung u.dgl. nicht mehr arbeiten konnte, kam in den Häftlingskrankenbau. Was dann mit ihnen geschehen ist, weiß ich nicht. Jedenfalls ist mir nichts davon bekannt, daß Häftlinge aus dem Lager lediglich ihrer Arbeitsunfähigkeit wegen in die Gaskammer geschickt wurden. Freilich kamen viele nach Birkenau, doch hatte dies darin seinen Grund, daß der Häftlingskrankenbau in Birkenau viel größer war, als derjenige im Stammlager." (Bl. 801)

"Die Arbeitsfähigen kamen ins Lager, die Nichtarbeitsfähigen wurden nach Birkenau gebracht, und ich nehme an, daß sie dort sofort vergast wurden. Sicher weiß ich das nicht, weil ich niemals dabei war. [...] Frauen mit Kindern kamen m.W. sofort zur Vergasung. [...] Ich selbst bin niemals mit an der Rampe zur Vergasung bestimmten Häftlingen zu der Gaskammer gegangen. Ich weiß deshalb auch nicht aus eigenem Wissen, was dann dort vorging. Es war jedoch bei den Häftlingen und auch mir bekannt, daß die zur Vergasung bestimmten Häftlinge sich ausziehen mußten, angeblich um gebadet und entlaust zu werden, daß sie dann in einem Raum, der als Duschraum eingerichtet war, gehen mußten, daß dieser dann dicht gemacht wurde. Um was für ein Gas es sich gehandelt hat, weiß ich nicht. Zu jedem Krematorium, zuletzt waren es vier - waren die entsprechenden Gasräume vorhanden. [...]" (Bl. 802)

"Ganz genaue Einzelheiten über die Vorgänge kann ich nicht angeben, da die Krematorien samt den Gasräumen für sich umzäunt und besonders bewacht waren und da dieses Gelände auch von uns SS-Angehörigen nicht betreten werden durfte. Selbst mein Sonderausweis hat mich nicht berechtigt, das Krematorium zu betreten."

Bevor wir nun diese Ausführungen analysieren, sei zunächst darauf hingewiesen, daß Boger in Erwiderung der Aussagen des Zeugen Filip Müller, Boger habe Exekutionen in den Krematorien II und III von Birkenau angeordnet bzw. beigewohnt,[7] meint:

"In Birkenau wurden keine Exekutionen durchgeführt" (Bl. 806)

Da wird man wohl die Frage stellen dürfen, als was man denn Massenvergasungen zu bezeichnen hat, die Boger wenige Seiten zuvor als wahr annimmt?

Sodann soll hier die Aussage Bogers untersucht werden, die dieser amerikanischen Besatzungsbehörden gegenüber am 5.7.1945 in Ludwigsburg gemacht hat. Boger war am 19.6.1945 von den Amerikanern verhaftet und über mehrere Zwischenstationen schließlich nach Dachau verbracht worden, von wo aus er am 22.11.1946 an Polen ausgeliefert werden sollte. Boger gelang es jedoch zu fliehen (Bl. 786). Es ist mir nicht bekannt, ob Boger während der von den Amerikanern inszenierten Dachauer Schauprozesse als Angeklagter und/oder Zeuge auftrat, doch dürfte es wahrscheinlich sein, daß Boger als ehemaliger in Auschwitz tätiger Gestapo-Beamter von den Amerikanern nicht viel besser behandelt wurde als eine Vielzahl anderer in diesen Mahlstrom amerikanischer Folterungen geratener Deutscher.

Sein Verhörprotokoll vom Juli 1945 ist aus mehreren Gründen interessant: erstens nennt er darin einen seiner damaligen Häftlingsschreiber als Entlastungszeugen (Bl. 823); zweitens berichtet er etwas unsystematisch:

"Als das Massensterben von Au. im Herbst 1943 über das ahnungslose deutsche Volk - die Auschwitzer SS-Besatzung hatte selbst, angeblich wegen Seuchen, in Wirklichkeit aber aus durchsichtigen Gründen, über 11/2 Jahre Lagersperre! Die grauen Gefangenen vor dem Draht! - hinaus drang in die Welt, wurden plötzlich Umbesetzungen in den Führerstellen im Lager und bei der Stapo Kattowitz (Kripo) vom RKPA, im Auftrag des Obersten SS- und Polizeigerichts, auf Befehl RF-SS Himmler eine Untersuchung eingeleitet! Ein lächerliches Theater, das auch dementsprechenden Erfolg hatte! Unter strengster Geheimhaltung [...] war die Sonderkommission des berüchtigten Obersten z.b.V. Richters und Anklage-Vertreters, SS-Stubaf. Dr. Morgen mit 6-8 Bemanten [sic...] 4 Monate in Au. tätig um ‚Korruption und Mordfälle' zu untersuchen." (Bl. 824)

Boger berichtet, daß am 13. und 14.10.1944 dem Leiter der Politischen Abteilung Auschwitz, Grabner, wegen Mordes an Häftlingen der Prozeß gemacht wurde, wozu Boger als Zeuge im Sinne der Anklage ausgesagt habe (Bl. 825).

Bezüglich Vergasungen meinte Boger damals nur summarisch:

"Die Gesamtzahl der in Au durch Vergasung, Erschiessung, Strang, und Seuchen getöteten Häftlinge und auch SS-Angehörigen wird nie mehr genau zu ermitteln sein, übertrifft aber sicher nach vorsichtiger Schätzungsgraden [sic] in der ‚Aufnehme' [sic] tätigen SS-Oberscharführer Erber (früher Houstek) weit vier (4) Millionen!"

Kaum zwei Wochen nach seiner Gefangennahme durch die Amerikaner plappert Boger also die von den Alliierten seit Jahresbeginn 1945 verbreiteten Propagandalügen nach. Was ist also von der Unabhängigkeit und Glaubhaftigkeit eines solchen Zeugen zu halten? Und was von den Methoden seiner Vernehmer?

Halten wir fest: Nach Bogers Aussage war seine Abteilung zuständig für die Erfassung aller eingelieferten Häftlinge; an diesen durfte man sich nicht willkürlich vergreifen; Strafen und insbesondere Tötungen erfolgten nur auf Anweisung von oben, und sie wurden von Bogers Abteilung umgesetzt; Boger war verantwortlich, Verstöße gegen Regeln und Gesetze im Lager zu untersuchen.

Da stellt sich die Frage, wie er ernsthaft behaupten kann, er habe von Vergasungen, also von Massenhinrichtungen entweder nichts gewußt oder nur vom Hörensagen davon erfahren? Wie das Frankfurter Gericht diese Frage beantwortet hat, wissen wir: Boger sagte nicht wahrheitsgemäß aus, denn er habe mehr über die Vergasungen gewußt als er zugab. Auch ich meine, daß Boger nicht wahrheitsgemäß aussagte, allerdings in umgekehrter Richtung: Aus seiner ersten Vernehmung kurz nach dem Kriege geht deutlich hervor, daß er von den Amerikanern einer Behandlung unterzogen worden war, nach der er die Lüge von den vier Millionen willig nachplapperte, eine Zahl, die heute allgemein als Greuelpropaganda verworfen wird. Seine ganze Aussage des Jahres 1945 liest sich, als sei sie von einem Außenstehenden geschrieben worden, der Gestapo und SS fürchterlicher Verbrechen bezichtigt, so als wäre er selbst nicht einer davon gewesen! Der dramatisch-theatralische Anklagestil gegen sich selbst in dritter Person ist typisch für "Geständnisse" von Angeklagten in stalinistischen Schauprozessen.

Dermaßen gehirngewaschen gelang es Boger zwar, sich aus den Fängen seiner Häscher zu befreien, die beständige, sich mit den Jahren steigernde Berieselung mit Holocaust-Propaganda ohne jedes Gegengift jedoch wird zur Folge gehabt haben, daß er so manches, was er 1945-1946 eingeflüstert bekam, seither als eigenes Wissen vereinnahmt hat. Doch wie unterscheiden wir eigenes Wissen von fremdem Wissen?

Da ist zunächst die innere Kohärenz von Bogers Aussage, die sich zudem dokumentarisch belegen läßt: Als Gestapo-Beamter untersuchter er Verbrechen (was auch immer darunter damals verstanden wurde); er folterte, bestrafte und ließ auf Geheiß hinrichten; er beschreibt die Struktur seiner Behörde akkurat, die Namen, Ränge und Verantwortlichkeiten von Vorgesetzten, Kollegen und Untergebenen korrekt; er beschreibt die Behandlung Kranker und Arbeitsunfähiger und berichtet von der grauenerregenden Typhus-Epidemie mit folgender Lagersperre. All dies ist dokumentarisch nachprüfbar und ergibt ein konsistentes Bild.

Das einzige, was nicht in dieses Bild paßt, sind jene ominösen Gaskammern, die er nie gesehen haben und über die er nichts Genaues wissen will, obwohl seine Behörde für Hinrichtungen zuständig war, für Ermittlungen von Vergehen, für die Registrierung von Häftlingen, und obwohl das Konzept der Vergasung Arbeitsunfähiger seinen (belegbaren) Angaben über die Behandlung Arbeitsunfähiger im großen Krankenrevier von Birkenau widerspricht.

Was ist Wahrheit? Sie liegt zum Greifen nahe, doch die Frankfurter Richter waren offenbar blind.

Pery S. Broad

Einer der am häufigsten zitierten Zeugen für angebliche Menschenvergasungen im alten Krematorium im Stammlager Auschwitz ist Pery S. Broad. Broad war Bogers rechte Hand (Bl. 791) und wurde von verschiedenen Zeugen ähnlicher Untaten bezichtigt, wie sie von Boger selbst begangen worden waren.[8] J.-C. Pressac hat darauf hingewiesen, daß Broads "Geständnis", das er im Juli 1945 angeblich freiwillig den britischen Besatzungstruppen übergab, noch weit mehr von theatralischen Anklageposen gegen die SS - also gegen sich selbst - strotzt als Bogers "Geständnis".[9] Dieser Umstand allein spricht bereits Bände. Broad selbst war offenbar wegen seiner Handlangerdienste als "Hilfsankläger" nach dem Krieg nicht angeklagt worden, landete jedoch - womöglich als Folge seiner eigenen damaligen Ausführungen - 1959 in Untersuchungshaft und sodann vor den Frankfurter Richtern. (Wie war das doch gleich noch? Frankfurt liebt den Verrat, aber nicht den Verräter?) Wir werden in einer späteren Folge noch detaillierter auf Broad eingehen.


Anmerkungen

[1]Falls nicht anders angegeben, beziehen sich sämtliche Band- und Seitenangaben auf: Staatsanwaltschaft beim LG Frankfurt (Main), Strafsache beim Schwurgericht Frankfurt (Main) gegen Baer und Andere wegen Mordes, Az. 4 Js 444/59; Bd. 5, S. 651-835, und Bd. 6, S. 836-986.
[2]Aktennotiz des vernehmenden Beamten Haug, Bd. 2, Bl. 221; zur ersten Vernehmung des H. Breiden vgl. VffG 7(1) (2003), S. 96f.
[3]VffG 7(1) (2003), S. 98.
[4]Die Akten sind nur auf den ersten 19 Seiten (bis S. 721) leserlich (52 Fälle bis dahin), so daß die vollen 30 Seiten durchaus etwa 75 Fälle enthalten können.
[5]Eine ähnlich unglaubwürdige Zeugin wurde am 18.3.1959 in der deutschen Botschaft in Paris vernommen: Zlata Dounia Wassersztrom. In ihrer Aussage weist sie wiederholt daraufhin, daß sie ihre Erkenntnisse vom Hörensagen, aus "Erlebnisliteratur" und durch Kontakte mit Häftlingsvereinigungen hat, Bl. 762, 763-767, bes. 767. Anstatt genauer nachzufragen, um Selbsterlebtes vom Hörensagen zu trennen, machte Legationsrat Knatz genau das Gegenteil:"Die Botschaft hat absichtlich davon abgesehen, sie nach weiteren Einzelheiten [...] zu fragen, da die Zeugin sichtlich nur mit Mühe ihre Erregung beherrschen konnte. Sie dürfte das Wesentliche schon in ihren Veröffentlichungen dargestellt haben und verwies immer wieder auf das Material des Internationalen Auschwitz Komitees [...]" (Bl. 762)
[6]Boger beschreibt sie erneut wie bereits zuvor, vgl. VffG 7(1) (2003), S. 95.
[7]Bd. 4, Bl. 496.
[8]Z.B. Hugo Breiden, Bl. 699; Adolf Rögner, Bl. 705.
[9]Jean-Claude Pressac, Auschwitz: Technique and Operation of the Gaschambers, Beate-Klarsfeld-Foundation, New York 1989, S. 128; Pery Broad, "Erinnerungen", in: Auschwitz in den Augen der SS, Krajowa Agencja Wydawniczna, Katowitz, 1981.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 8(1) (2004), S. 114-118.


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