Bücherschau

Der Streit um die deutsche Atombombe

Von Robert Holzner

Die deutsche Forschung hatte während des Dritten Reiches in fast allen technischen Bereichen eine führende Stellung inne – warum versagte dann die deutsche Atomforschung anscheinend vollständig? Bis vor kurzem war das von den Massenmedien verbreitete Klischee unbestritten, demzufolge Deutschland seine Atomwaffenentwicklung 1942 so gut wie eingestellt habe, weil Hitler kein Verständnis für die Kernforschung gehabt und die Kernphysik abgelehnt habe. Außerdem seien so gut wie alle qualifizierten Kernphysiker aufgrund ihrer jüdischen Herkunft aus Deutschlands emigriert, und abgesehen von der Grundlagenforschung habe Deutschland auch nicht genug bombenfähiges Material wie Uran-235 oder Plutonium-239 gehabt, um auch nur eine einzige Bombe bauen zu können.

Die Autoren Edgar Mayer & Thomas Mehner hinterfragen diese Grundthese. Mayer & Mehner sind weder die einzigen noch die ersten, die sich kritisch mit dieser Thematik befassen, aber sie verschafften mit ihrer Buchreihe einer anderen Sichtweise Aufmerksamkeit. Inzwischen sahen sich verschiedene Fernsehsender veranlaßt, das Thema aufzugreifen – um »klarzustellen«, daß die Behauptung von deutschen Atomwaffen nur als Spinnereien von Außenseitern einzustufen sei. Dies wiederum wird Lügen gestraft, seit sich sogar ein »Systemhistoriker«, mit dem Thema ein bißchen kontrovers befaßt.

I) Edgar Mayer & Thomas Mehner, Das Geheimnis der deutschen Atombombe – Gewannen Hitlers Wissenschaftler den nuklearen Wettlauf doch?, Kopp Verlag, Rottenburg, 2001, 2. Aufl. 2003, 288 S., € 19,90

II) Diess., Hitler und die »Bombe« – welchen Stand erreichte die deutsche Atomforschung und Geheimwaffenentwicklung wirklich?, Kopp Verlag, Rottenburg 2002, 230 S., € 29,90

III) Diess., Geheime Reichssache: Thüringen und die deutsche Atombombe, Kopp Verlag, Rottenburg, 2002, 256 S., € 19,90

IV) Diess., Die Atombombe und das Dritte Reich – Das Geheimnis des Dreiecks Arnstadt-Wechmar-Ohrdruf, Kopp Verlag, Rottenburg, 2. überarb. Aufl. 2004, 288 S., €19,90

V) Gerulf von Schwarzenbeck, Verschwörung Jonastal – Sensationelle neue Erkenntnisse zu Ereignissen und zur Lage unterirdischer Objekte im AWO-Gebiet sowie zur Technologie der deutschen Atombombe, Kopp Verlag, Rottenburg 2005, 256 S., € 19,90

I) Mit dem Buch Das Geheimnis der deutschen Atombombe meldete sich das Autorenduo im Jahr 2001 zum ersten Mal zu Wort. Anhand von alliierten Presseberichten und Dokumenten gehen sie den Widersprüchen und Seltsamkeiten nach, die offiziell über die deutsche Atomforschung verbreitet werden. Sie zeigen auf, daß die Deutschen die Entwicklung einer Atombombe durchaus nicht 1942 auf Eis gelegt haben und neben Heisenberg auch andere Gruppen an der Entwicklung der Atombombe gearbeitet haben: das Heereswaffenamt (Diebner und Gerlach in Berlin und später in Stadtilm), die Reichspost unter Ohnesorge mit Manfred von Ardenne sowie die SS. Die Forschungsgruppen und -standorte sind noch gar nicht alle bekannt.

Die Verfasser stellen Aussagen von Augenzeugen vor – darunter dem italienische Kriegsberichterstatter Luigi Romersa –, die deutsche Atombombentests gesehen oder auch daran mitgewirkt haben.

Seit 1945 gingen in Mitteldeutschland Gerüchte um, daß sich in Thüringen riesige unterirdische Anlagen des Dritten Reiches zur Produktion von Geheimwaffen befinden. Nach der »Wende« und der Öffnung östlicher Archive gab es eine neue Basis, sich damit zu beschäftigen. Die Autoren liefern verschiedene Indizien, daß sich im Dreieck Arnstadt/Wechmar/Ohrdruf (»AWO«) auch das Zentrum der deutschen Atomforschung befand. (Nach der offiziellen Version sollte dort ein Führerhauptquartier eingerichtet werden.)

Das Buch beschäftigt sich außerdem mit der deutschen Raketenentwicklung bei Skoda in der Nähe von Prag, wo eine knapp 27 m hohe dreistufige V4 Interkontinentalrakete gebaut worden sein soll. Als Leiter dieses Projekts wie auch der Atomtests wird ein unseren Lesern durchaus nicht Unbekannter genannt: SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS Dr. Ing. Hans Kammler.

Ein weiteres Kapitel ist dem deutschen U-Boot U-234 gewidmet, das am 16.4.1945 von Norwegen mit Ziel Japan ausgelaufen war. Es war eines der größten deutschen U-Boote überhaupt (Typ XB). Sein Kapitän ergab sich am 13.5.1945 den Amerikanern, die den Kanadiern die Beute vor der Nase wegschnappten. An Bord befanden sich nicht nur ein vollständiger (zerlegter) Düsenjäger Me 262, sondern Unmengen von Konstruktionsplänen sowie zehn Behälter mit der Beschriftung U-235, die nach offizieller Lesart nur Uranoxid enthielten. Die Verfasser legen jedoch gewichtige Argumente vor, daß es sich bei der Ladung um angereichertes Material, also U-235, handelte.

II) Das großformatige Buch Hitler und die Bombe geht nochmals auf dieses Thema ein und bringt außerdem zahlreiche Faksimiles von Zitaten, Berichten, technischen Unterlagen und anderen Einzelheiten, die das bisherige Ergebnis der Verfasser unterstreichen. Zugleich werden auch viele neue Informationen vorgelegt und erörtert, u.a. der Einsatz taktischer Atomwaffen und ob eine Atomwaffe mit nur 100 g Kernsprengstoff die kritische Masse überschreiten kann – nach landläufiger Auffassung bzw. mit der Anreicherung, die die Amerikaner bewerkstelligen konnten, mußte die kritische Masse bei Plutonium 10 und bei Uran 50 kg überschreiten. Zum Abschluß wird die Frage nach der Zensur dieses Themas aufgeworfen.

III) Die Atombombe und das Dritte Reich beschreibt das sog. AWO-Dreieck und die dort gelegenen unterirdischen Strukturen, in denen durch u.a. die SS (Kammler) Kernforschung betrieben und Nuklearwaffen hergestellt worden sein sollen. Nach Auffassung der Autoren wurde dort die deutsche Atombombe fertiggestellt und am 4. März 1945 auf dem Truppenübungsplatz Ohrdruf getestet, wobei mehrere hundert Menschen ums Leben gekommen sind. Kaum zwei Wochen später, am 16. März 1945, soll dort auch ein Prototyp der V-3 Interkontinentalrakete gestartet sein.

Auch die Stasi hat sich mit den Gerüchten über die Geheimwaffenproduktion in Thüringen befaßt und dazu in den 60er Jahren zahlreiche Personen befragt. Einige Kernpunkte der Befragungen werden präsentiert. Bemerkenswert ist auch, daß die Gegend um den Truppenübungsplatz Ohrdruf mit den dortigen Anlagen bis 1991 von den Russen benutzt wurde auch heute noch militärisches Sperrgebiet ist.

Schließlich präsentieren die Autoren ihre Theorie, warum diese Wunderwaffen in den letzten Kriegswochen nicht mehr zum Einsatz kamen.

IV) In Geheime Reichssache: Thüringen und die deutsche Atombombe werden mehr Einzelheiten hierzu geliefert: unter dem Codewort »Operation Avalon« sollen Kammler und Rüstungsminister Speer mit Hitler gebrochen und die deutschen Atomwaffen zurückgehalten haben – als Trumpfkarte zur Gründung eines »Vierten Reiches« in Zusammenarbeit mit dem Adel und ohne Hitler, Himmler, Göring und Goebbels. Für diese Theorie gibt es nur Zeugenaussagen, noch dazu meist anonyme, und unsere Leser wissen, was von Derlei zu halten ist. Die Verwunderung der Autoren ist natürlich verständlich, warum die vorhandenen Waffen nicht eingesetzt wurden.

Weniger spekulativ sind die Berichte über die Einnahme des AWO-Gebietes im März 1945 durch die Amerikaner, die alles daransetzten, um den Russen dort zuvorzukommen. Sie inspizierten als erste die Stollen, die im Jonastal noch zugänglich waren, (die Deutschen hatten einige zugesprengt) und nahmen auch sonst überall mit, was ihnen an neuen deutschen Entwicklungen in die Hände fiel – etwa Prototypen des Horten-Nurflügel-Flugzeugs mit der deutschen Stealth-Technik.

V.) G. v Schwarzenbeck knüpft mit seinem Buch Verschwörung Jonastal an die Veröffentlichungen von Meyer & Mehner an und bringt ein Interview mit Thomas Mehner. Ein Gutteil des Buches besteht aus weiteren Zeugenaussagen zu den Geschehnissen in und um die Stollen und sonstigen unterirdischen Anlagen im Gebiet des Jonastals. Demnach soll es im Frühjahr 1945 umfassende Transporte mit wichtiger Technologie nach Süden (Innsbruck – Obersalzberg?) zu anderen Zentren der deutschen Geheimwaffenforschung gegeben haben.

Nach der Lektüre dieser Bücher ist man nicht darüber im Zweifel, daß die deutsche Kernforschung viel weiter fortgeschritten war als bisher offiziell zugestanden wird. Es erscheint auch völlig unglaubwürdig, daß Deutschland nach der Besetzung von Frankreich, Dänemark und später der Sowjetunion nicht einmal von den dort vorgefundenen Anlagen wie Reaktoren, Zyklotronen usw. Gebrauch machen konnte. Wenn – wie offiziell dargestellt – die Deutschen keine Kernforschung betrieben und keine Anlagen dazu existierten, warum gründeten dann die Amerikaner die ALSOS-Gruppe und machte mit dem Unternehmen Paperclip Jagd auf die deutschen Atom-Wissenschaftler?

Und warum sind die Dokumentensammlungen sowohl über die US-Atombomben über Japan wie auch über die Funde in Deutschland immer noch gesperrt?

Amerikanischen Berichten zufolge war das amerikanische Manhattan-Projekt zum Bau einer Atombombe Anfang 1945 kurz vor dem Scheitern – die Amerikaner hatten selbst zu wenig bombenfähiges Material und hätten mindestens bis Herbst/Winter 1945 gebraucht, um eine eigene Bombe bauen zu können. Wurde das Projekt nur dadurch gerettet, daß den USA mit der Niederlage Deutschlands plötzlich fertige Bomben deutscher Herstellung bzw. spaltbares Material (etwa Uran 235 von U-234!) zur Verfügung standen? Die Verfasser gehen auch diesem Gerücht nach, und stellten fest, daß der als Quelle hierfür angegebene Oppenheimer nicht Robert Oppenheimer, der Leiter des Manhattan-Projekts war, sondern ein Erwin K. Oppenheimer ist, der Verfasser eines französischen Buches, der als deutscher Wissenschaftler an der V-2 mitgewirkt und nach 1945 in den USA gearbeitet haben soll.

Auch wenn endgültige Beweise fehlen – die diesbezüglichen Akten sind wie erwähnt immer noch unter Verschluß –, so halten es die Verfasser für möglich bzw. wahrscheinlich, daß die Hiroschima-Bombe deutscher Herkunft war. Die zwei von den USA über Japan abgeworfenen Bomben waren zwei vollständig unterschiedliche Typen (Uran-235 und Plutonium), und nur den einen Typ hatten die Amerikaner vorher erprobt. G. V. Schwarzenbeck und Mehner erörtern das Wagnis, eine »unerprobte« Atombombe über Japan abzuwerfen: wenn die Bombe nicht gezündet hätte, dann wären die

Japaner in die Lage versetzt worden, das kostbare radioaktive Material »neuverpackt« an die Amerikaner »zurückzuschicken«. Selbst wenn die Japaner das Material nicht in einem Kernprozeß zur Sprengung bringen konnten, hätten sie es mittels konventioneller Sprengladungen als »schmutzige Bombe« immer noch über ein weites Gebiet verstreuen und dieses somit radioaktiv verseuchen können.

Auch das Problem der Zündung hatten die Amerikaner nicht gelöst, als sie in den Besitz des deutschen U-Bootes kamen Und U-234 hatte brauchbare Infrarot-Zünder an Bord – und sogar den zugehörigen Fachmann, der dann ganz schnell und unkompliziert die US-Staatsbürgerschaft erhielt.

Zweifellos sind die Verfasser auf einem richtigen Weg. Sie zeigen eigenständiges Denken und lehnen viele der verbreiteten Klischees ab – bis hin zu einer gewissen Aufmüpfigkeit gegen die Obrigkeit – eine Eigenschaft, die in Mitteldeutschland offenbar stärker ausgeprägt ist als im Westen.

Eine Schwäche der Argumentation ist jedoch, wenn man sich einerseits auf Zeitungsberichte beruft, andererseits aber die richtige Erfahrung wiedergibt, daß Journalisten selten eine Ahnung haben von den Dingen, über die sie schreiben, und oftmals nur von Sensationsgier geleitet werden, wenn sie nicht überhaupt Bestellarbeit leisten.

Das Erscheinen des ersten Buches hat zu vielen Zuschriften mit weiteren Berichten und Hinweisen geführt.. Allerdings wirkt dabei für den Leser irritierend, daß ihm ein abschließendes eigenes Urteil hierzu nicht ermöglicht wird, da die Verfasser bewußt Informationen zurückhalten, die man besonders zur Einschätzung von Zeugenaussagen benötigt. Unbefriedigend erscheint auch, wie die Autoren mit der Problematik von Zeugenaussagen insgesamt umgehen, noch dazu, wenn diese anonym sind. Zuschriften, die sich anscheinend gegenseitig bestätigen, bedeuten durchaus keinen Beweis für die Richtigkeit des Inhalts: denn man weiß ja nicht, ob sie nicht doch von der gleichen Quelle gespeist werden. Da erscheint es eher verdächtig, wenn sie auf gleiche – ganz belanglose – Details abheben, aber in leicht geänderter Wortwahl. Auch viele dieser »Zeugen« spielen kein offenes Spiel, indem sie Details verweigern, die eine Überprüfung ihrer Angaben ermöglichten, wobei sie sich hinter einem Eid zu schweigen verschanzen, den sie dann aber doch nicht konsequent einhalten. Auch muß man davon ausgehen, daß sich die verschiedensten Nachrichtendienste nach wie vor für das Thema interessieren und gezielte Desinformation betreiben.

So erscheint mehr Skepsis angebracht, wenn etwa ein angeblicher ehemaliger deutscher Atomforscher aus Israel schreibt und mit »Schalom« grüßt, noch dazu, wenn er angibt, heute einen anderen Namen zu führen – und andere Zuschriften auf diese Person bezug nehmen, und ihr schon zu Vorkriegszeiten verschiedene Aliasse zuschreiben. Was nützt ein anderer Name, wenn man als »Person mit mehreren Namen« bekannt ist? Statt sich gegenseitig zu bestätigen, disqualifizieren sich solche aufeinander bezugnehmenden Aussagen.

Das Fehlen von Beweise kann auch nicht durch Propaganda-Erklärungen beschönigt werden: etwa daß, um Zeugen loszuwerden, Häftlinge einfach »beseitigt« wurden. Die Verfasser liefern selbst den Gegenbeweis: Ein Häftling wie Fritz Schörnig, der während der Dritten Reiches Mitglied der KPD war und als Häftling in einer der Anlagen im Jonastal arbeitete, wurde eben nicht erschossen, sondern betrieb nach Kriegsende den Wiederaufbau der KPD in Thüringen und wurde schließlich Militärattaché in der CSSR. Er behielt zeitlebens sein Interesse für die Objekte im AWO-Gebiet und dürfte seinen Aufstieg z.T. diesbezüglichen Informationen verdanken, die er an die Sowjets weitergeben konnte.

Ebenso unglaubwürdig erscheinen Berichte über einen »Atom-Test bei Auschwitz«, für den eigens eine jüdische Stadt mit 20.000 Einwohnern errichtet worden sei, die danach einfach »spurlos weg« war. Hier vereinen sich zwei anonyme Aussagen mit den Anschuldigungen von Richter Jackson vor dem IMT:

»Mit Hilfe dieses neu erfundenen Zerstörungsstoffes wurden diese 20.000 Menschen fast augenblicklich vernichtet, und zwar derartig, daß auch nicht das Geringste von ihnen übrig blieb...«

Abrakadabra möchte man noch hinzufügen – und Speers Dementi »das hätte mit zu Ohren kommen müssen« kann eben nicht als »Beweis« uminterpretiert werden.

Es kann und soll hier keine abschließende Beurteilung erfolgen. Die Verfasser versuchen, sich in der Unzahl von Mythen, Hirngespinsten, fantasievollen Behauptungen und wahrheitsgemäßen Aussagen zurechtzufinden. Es gelingt ihnen, das Brauchbare und Beweisbare herauszukristallisieren und mit den »amtlich« zugänglichen Informationen zu vergleichen. Auch sind sie in der Lage einzugestehen, wo sie sich noch auf schwankendem Grund befinden. Die spannend geschriebenen Bücher geben, wenn man sie kritisch liest, einige Denkanstöße – und haben auf jeden Fall das Verdienst, die Historikerzunft auf ein Thema gestoßen zu haben, das bisher als längst abgehakt galt, wo aber ein Umdenken erforderlich ist.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 9(1) (2005), S. 99-102.


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