Die deutsche Atombombe – entschärft

Von Patricia Willms

Nachdem die Lokal- und Hobbyforschern die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen und so eine breite Schneise geschlagen haben, hat sich nun auch ein promovierter Historiker daran gemacht – allein dies zeigt schon, daß Fleisch an diesem Knochen ist.

Rainer Karlsch, Hitlers Bombe, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2005, 416 S., €24.90

Dieses Werk eines promovierten Historikers hebt sich in mehrfacher Weise von den oben besprochenen Büchern ab: einerseits durch den Verzicht auf allzu fragwürdige Zeugenaussagen und Spekulationen, andererseits durch das Fehlen von offen gegen den Zeitgeist gerichteten Bemerkungen. Statt dessen stößt man immer wieder auf Bekundungen der alleinseligmachenden Dogmen bundesrepublikanischer Wissenschaft, vom »Überfall auf Polen« bis »Gaskammern«. Der Vorteil, Historiker zu sein, hält sich natürlich in engen Grenzen, wenn man nur in vorgegebenen Bahnen denkt. Das weckt beim kritischen Leser Zweifel, ob der Verfasser überhaupt die Souveränität besitzt, um zu unorthodoxen Forschungsergebnissen zu gelangen, bzw. in welchem Maß er sich dies getraut – denn nur in diesem Umfang kann man seine Ergebnisse auch als verläßlich ansehen. Denkbar ist aber auch, daß der Verfasser solche Glaubensbekenntnisse als Absicherung benutzt, um einem gesellschaftlich induzierten Selbstmord vorzubeugen – wer in der einen Hand eine Stange Dynamit hält, braucht nicht in der anderen auch noch eine brennende Fackel zu schwenken.

Die bisherige Version der Zeitgeschichte geht dahin, daß das Deutsche Reich weit davon entfernt war, eine Atombombe zu bauen, und Hitlers Bombe enthält auch in der entschärften Form genügend Zündstoff, wie man aus manch wütender Rezension ersehen kann. Das Buch hat »heftige Entrüstung« ausgelöst. Karlsch wird gar das Zitieren der falschen Werke vorgeworfen (m.a.W.: das Nichtanlegen von Scheuklappen), etwa weil er die »anerkannt fragwürdigen Erinnerungen des italienischen Journalisten Luigi Romersa« anführt, der berichtet, wie er nach einem Besuch bei Goebbels und Hitler am 12. Oktober 1944 dem ersten deutschen Atomwaffentest beiwohnte (auf der Halbinsel Bug auf Rügen) – wobei Karlsch im italienischen Staatsarchiv bestätigt fand, daß Romersa tatsächlich im Auftrag Mussolinis nach Deutschland reiste, um mehr über die deutschen Wunderwaffen zu erfahren.

Selbst systemtreue Rezensenten müssen eingestehen, daß Karlsch manch sensationelles Dokument aus bislang unzugänglichen russischen Archiven gefunden hat, z.B. eine Patentanmeldung aus dem Jahr 1941 von Carl Friedrich von Weizsäcker, in der zum ersten Mal das Prinzip einer Plutoniumbombe beschrieben wird.

Landläufig gilt Heisenberg als der Kopf der deutschen Kernforschung, Karlsch zeigt jedoch auf, daß daneben eine Reihe anderer Forschungsgruppen arbeiteten – die Entwicklung der Atombombe im Dritten Reich war dreigleisig erfolgt: ab Sommer 1939 arbeiteten das Referat für Kernphysik in der Forschungsabteilung des Heereswaffenamtes (HWA) unter der Leitung von Dr. Kurt Diebner, der schon 1943 mit seinen Reaktorversuchen weitaus bessere Resultate als die Heisenberg-Gruppe 1944/45 in Haigerloch erzielte. Diebner hat seine Versuche durchaus nicht schon im Frühjahr 1944 eingestellte, sondern experimentierte noch im November 1944 erfolgreich. Um die Jahreswende 1944/45 wurde im Dorf Gottow bei Kummersdorf südlich von Berlin ein Kernreaktor zum Laufen gebracht. Außerdem hat es Bemühungen gegeben, Fusionsreaktionen – wie sie in Wasserstoffbombenexplosionen stattfinden und dort mit Atombomben gezündet werden – durch sogenannte Hohlladungen auszulösen. Die heutige Bewertung Diebners beruht auf einer wohlüberlegten Strategie, die deutschen Kernphysiker säuberlich einzuteilen in fähige, aber unpolitische Wissenschaftler (Heisenberg), und andererseits zweitklassige »Naziforscher« (Gerlach, Diebner).

Auch das Waffenamt der SS und die Forschungsanstalt der Deutschen Reichspost waren in die Forschung eingebunden. Letzteres regte Hitler zu der launigen Bemerkung an, daß ihm jetzt wohl der Reichspostminister Ohnesorge neben den Briefmarken auch noch die Wunderwaffen beistellen werde.

Der Münchner Ordinarius Walther Gerlach war seit 1944 offizieller Leiter der deutschen Kernforschung.

Die Verpackung macht’s

Wie macht man nun kontroverse und spektakuläre Ergebnisse möglichst unscheinbar? Karlsch kommt zu der Einschätzung: nun ja, es gab eine deutsche Atombombe, aber nur eine klitzekleine. Und überhaupt:

»die deutschen Wissenschaftler verfügten nicht über eine den amerikanischen und sowjetischen Wasserstoffbomben der 50er Jahre vergleichbare Waffe, [da es um 1944/45 geht, ist das wohl auch kaum die Frage] sie wußten jedoch in allgemeinen Zügen, wie eine solche funktionierte [wiederum: 1944/45!] und waren in der Lage, mit der von ihnen perfektionierten Hohlladungstechnik nukleare Anfangsreaktionen auszulösen. Ob dies Fusions- oder Spaltreaktionen waren, oder eine Kombination der beiden Prozesse, müßte noch geklärt werden. [...]

Im Ergebnis ihrer Forschungen hatten die deutschen Wissenschaftler, wenn man es modern ausdrückt [weil die Amerikaner und Sowjets so etwas erst später hatten!] eine taktische Kernwaffe [1944!] entwickelt.«

Anders ausgedrückt: die deutschen Wissenschaftler waren 1944/45 mit ihrem Wissen in vielem den Amerikanern und Sowjets um Jahre voraus. Die Entwicklung taktischer Kernwaffen ist eine Weiterentwicklung für den Fronteinsatz, der von den Deutschen bevorzugte Weg – während die »Große Bombe« nur für wahllosen Terror gegen zivile Ziele taugt.

Außer dem von Romersa geschilderten Kernwaffenversuch nennt Karlsch zwei weitere deutsche Atomtests:

Am 4. März 1945 um 21,30 Uhr wurde auf dem Truppenübungsplatz nahe der Stadt Ohrdruf (Bezirk Erfurt) eine deutsche Atombombe gezündet. Obwohl nur eine geringe Menge Kernsprengstoff verwendet wurde, war die Bombe weit wirkungsvoller, als die Erprober angenommen hatten. Viele an dem Versuch Beteiligte – Häftlinge wie auch SS-Mannschaft – wurden von der Hitze und der Initialstrahlung des Atomblitzes getötet.

Ein zweiter Versuch erfolgte am 12. März 1945. Diese beiden Atomtests werden dokumentarisch bestätigt durch einen sowjetischen Geheimdienstbericht vom 23. März 1945, der zwei starken Explosionen in Thüringen nennt und eine »Entwicklung hoher Temperaturen« sowie einen »starken radioaktiven Effekt« vermerkt.

Die immer wieder angekündigten »Wunderwaffen« gab es also. Aber in Hinblick auf den Kriegsverlauf zu spät.

Hitler hatte noch am 5. August 1944 dem rumänischen Staatsführer Antonescu ganz konkret die V3 geschildert, die in ihrer Wirkung so gewaltig sein würde, daß »alles Leben in einem Umkreis von 3 bis 4 km vernichtet werde«. Erstaunlich nuanciert konstatiert Karlsch diesbezüglich, daß Hitler »seine Lektion gelernt« habe und sich darüber klar war, daß der Einsatz

neuer Waffen nur dann sinnvoll ist, wenn damit der Krieg mit einem Schlag beendet werden kann, weil sonst nur eine Spirale der Vernichtung losgetreten wird. Der rücksichtslose Diktator Hitler hat damit mehr Skrupel und Verantwortungsgefühl an den Tag gelegt als der demokratische Präsident der USA, der keine Hemmungen hatte, Atombomben über japanischen Zivilisten zu zünden, um Japan so die von ihm erstrebte Staatsform aufzuzwingen.

1949, drei bzw. vier Jahre vor dem Test der amerikanischen und sowjetischen Wasserstoffbombe, beschrieb der für Atomforschung zuständige Leiter beim HWA, Prof. Erich Schumann, deren allgemeine Bauprinzipien und Funktionsweise. Das zur Publikation vorgesehene Manuskript wurde aber vor der Veröffentlichung zurückgezogen, da Deutschland immer noch unter Besatzungsstatut stand.

In bezug auf den Streit, ob die 10 Kisten mit der Aufschrift »U235« vom U-Boot 234 Uranverbindungen, metallisches Uran oder angereichertes Uran enthalten haben, hält Karlsch letzteres – ohne Begründung – für unglaubwürdig. Andererseits berichtet er, daß die Sowjets u.a. 250–300 Tonnen Uranverbindungen und sieben Tonnen metallisches Uran aus Deutschland mitnahmen.

Karlsch führt auch an, daß das Manhattan-Projekt wegen fehlender Zünder zu scheitern drohte – läßt aber offen, ob den Amerikanern dann die deutschen Infrarotzünder aus der Verlegenheit halfen, die ihnen mit für Japan gedachten U-234 in die Hände fielen. Bemerkenswerterweise sind die Akten hierzu immer noch gesperrt.

Karlschs Feststellung, daß »noch nicht alle Fragen« im Zusammenhang mit der deutschen Kernforschung geklärt seien, ist gelinde gesagt eine Untertreibung – es ist noch nicht einmal aufgeklärt, wie viele und welche deutsche Wissenschaftler in diesem Bereich arbeiteten. Auch ist überhaupt nicht bekannt, nach welchen Prinzipien die deutschen Kernwaffen arbeiteten – ob mit Fission oder ob gar schon das Prinzip der Kernfusionen benutzt wurde. Letzteres wäre durchaus nicht so fantastisch, wie es auf den ersten Blick scheinen mag, denn Voraussetzung für die Lösung des Fusionsproblems ist ein richtiges Atommodell. Hier gibt es noch einiges aufzudecken. Für Karlsch ist es nur eine Anmerkung wert, daß z.B. eine »Randfigur im deutschen Forschungskontext«, Ronald Richter, der sich mit Fusionsforschung befaßt hatte, nach dem Krieg nach Argentinien ging, wo er im Auftrag Perons einen Fusionsreaktor bauen sollte, mit dem auch spaltbares Material für Bomben hätte erzeugt werden können. Eine entsprechende Ankündigung Perons alarmierte 1951 Amerikaner und Sowjets. Ob das Projekt scheiterte oder aus politischen Gründen eingestellt wurde, erfährt der Leser nicht.

Daß die deutsche Forschung nicht so rückständig war, wie es bisher verlautete, ergibt sich allein schon aus der amerikanischen ALSOS-Mission, die mit dem Unternehmen Paperclip nach dem Krieg Jagd auf die deutschen Atomwissenschaftler und ihre Unterlagen machte.

Königliches Sonderrecht?

Obwohl die deutschen Atomwissenschaftler Zivilisten waren, wurden sie interniert. Zehn von ihnen in westlichem Gewahrsam wurden in England (Farm Hall) gefangen gehalten. Einen Hinweis, daß die Internierung von Zivilisten völkerrechtswidrig ist, gibt Karlsch nicht, sondern führt an, daß sich der britische Geheimdienstes

zur Rechtfertigung auf das Kriegsrecht berief, demzufolge Gefangene »nach dem Ermessen seiner Majestät« als »Gäste« für maximal 6 Monate festgehalten werden dürften.

Das bisherige Bild der fortschrittlichen Alliierten und des rückständigen Dritten Reiches ist also auch auf dem Gebiet der Atomforschung nicht mehr haltbar. Dieses Eingeständnis ist deshalb besonders peinlich, weil sich daraus die Notwendigkeit ergibt, das Problem »jüdische Physik kontra deutsche [=klassische] Physik« neu zu überdenken. Ein Historiker ist damit allerdings überfordert.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 9(1) (2005), S. 103-105.


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