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Ich muß darauf verzichten, in diesem Kapitel genauere Lebensabrisse oder gar gründliche Charakterbilder der hier vorkommenden zionistischen Führer zu geben oder zu zeichnen; das würde den Rahmen des Buches sprengen. Gewiß wäre es auch lohnend, das Lebenswerk und das positiv gerundete Endergebnis der Wirksamkeit jedes einzelnen dieser jüdischen Aktivisten von allen Seiten zu beleuchten und damit zu erhellen; doch ich muß mich an mein Thema halten, das den Zionismus als einen der kräftigsten, wenn nicht gar als den heftigsten Schuld-Diktator in unserer gar so anklagefreudigen Zeit darzustellen hat - im Dienste der Wahrheitsfindung und der menschlichen Gerechtigkeit, der ich mich bemühe zu dienen.
Hier steht nun, schon rein altersmäßig, an vorderster Stelle der mit 78 Jahren verstorbene
(1874-1952), der als Forscher und Chemiker begann, im Jahr 1900 als Privatdozent in Genf, 1903 als Lektor für Biochemie in Manchester tätig war, den Professortitel erwarb und als einer der frühesten Schüler von Theodor Herzl für den Zionismus eintrat; im Jahr 1917 war er als einer der aktivsten Vorkämpfer für die Abfassung der Balfour-Declaration tätig, die 1920 von der Pforte in ihrem Friedensvertrag anerkannt wurde, worauf Weizmann zum Führer des Weltzionismus gewählt wurde und 1929, wie schon berichtet, als Präsident der Jewish Agency die politische Leitung des gesamten Weltjudentums übernahm, ein Jahr später aber, angesichts der gefährlichen Araber-Unruhen in Palästina, der englischen Regierung die offene Verletzung ihrer Mandatspflichten vorwarf und von seinem Posten zurücktrat. Damals wandelte er sich vom legalen Organisator zum illegalen Widerstandskämpfer für die jüdische Einwanderung in Palästina, deren Durchführung nunmehr seine eigentliche Lebensaufgabe wurde, und die er mit allen, auch den fragwürdigsten Mitteln zu fördern suchte - leider zum schwersten Schaden des europäischen Judentums, wie er schon bald unter Beweis stellte.
Die Balfour-Declaration vom November 1917 hatte ursprünglich in einem dienstlichen Schreiben des britischen Außenministers an den jüdischen Privatmann Lord Walter Rothschild bestanden, und schon damals, lange bevor diese Deklaration in den Friedensvertrag mit der Türkei eingebaut wurde, hatte Chaim Weizmann erklärt: "Durch
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die jüdische Einwanderung wird Palästina genau so jüdisch werden, wie England englisch ist!" Das war ein kühner Ausspruch, und schon die ersten Anläufe zu seiner Verwirklichung sollten zu einem Blutvergießen führen, das hinter den alttestamentarischen Bruderkämpfen zwischen Israel und Juda unter König Ahas nicht zurückstand.
Nachdem die Türkei im Frieden von Sèvres (August 1920) so gut wie alle ihre Landgebiete außer Anatolien verloren und Palästina an England als Mandatarmacht abgetreten hatte, schickte man aus London dorthin Sir Herbert Samuel als ersten Hochkommissar. Dieser gebürtige Jude wurde am Jordan von den Zionisten begeistert empfangen; doch vermochte er in einem Lande, das von seiner Regierung an mehrere Liebhaber gleichzeitig verschenkt worden war, keine bleibende Ordnung zu schaffen; seine zionistischen Freunde warfen ihm Araberhörigkeit vor, und die Araber beschuldigten ihn der Juden-Parteilichkeit. Fünf Jahre lang versuchte er, das undankbare Amt zu meistern; dann trat er ratlos-resigniert von seinem Posten zurück -- mit der Erklärung, er sei bestrebt gewesen, im Mandatsgebiet die Gerechtigkeit walten zu lassen; daran sei er gescheitert.
Gleichzeitig mit Sir Herbert waren im Jahr 1920 zwei führende Zionisten in maßgebende Stellungen gelangt: Professor Chaim Weizmann war zum Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation gewählt worden, und der in Rußland geschulte Wladimir Jabotinski (1880-1940) als Führer einer starken, auf Revision bedachten Bewegung. Während Weizmann seine große Organisation von London oder New York aus leitete, ging Jabotinski nach Palästina, wo er alsbald einen bewaffneten jüdischen Selbstschutz in Form einer Legion aufstellte, um den Kampf mit den Arabern aufzunehmen. Das widersprach indes nicht nur den britischen Interessen, sondern auch den Bestrebungen der ferngesteuerten Weizmann-Gruppe: Jabotinski mußte sich vor den britischen Gerichten verantworten und wurde für Lebenszeit aus Palästina ausgewiesen; damit war Weizmann zum ideologischen Alleinbeherrscher des Heimstätten-Zionismus geworden.
Die Weltenuhr stand indes nicht still: in den Jahren 1933/34 hatten unterm drohend spürbar werdenden Druck des Dritten Reiches die Juden mit der Auswanderung aus Deutschland begonnen, und auch in England befaßte man sich jetzt notgedrungen mit dem jüdischen Problem: im Oktober 1934 war der englische Colonel Meinertzhagen, wie berichtet, zu Besprechungen nach Berlin gefahren, und seine Verhandlungen hatten sich günstig für die jüdische Auswanderung angelassen; doch Chaim Weizmann, bei dem die letzte Entscheidung lag, hatte den groß angelegten Plan in wohlberechneter Weise
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durch überspitzte Forderungen an die Deutsche Regierung zu Fall gebracht. - Schon damals, erst recht aber während der nächsten Jahre hat der Professor sein hohes Ansehen bei der englischen Judenschaft dafür eingesetzt, diese starke Gruppe weitestgehend für seine zionistische Ideologie zu gewinnen und dahin gefügig zu machen, daß sie ihre finanzielle und moralische Unterstützung nur palästinafreudigen Juden angedeihen ließ und durch diese Ausschließlichkeit sich an der späteren Katastrophe ihrer europäischen Rassebrüder mitschuldig machte. Das war erst recht der Fall, als im Dezember 1938 der deutsche Reichsbankpräsident Schacht in London über die Lösung des Judenproblems verhandelte: auch damals war es Chaim Weizmann, der den wirklich genialen Schacht-Plan bewußt sabotierte, wie ich in einem früheren Kapitel genau ausgeführt habe.
Wie erklärt sich diese, dem gesunden Menschenverstand unvorstellbare Denk- und Handlungsweise? Offenbar ist der Professor Weizmann auf die für viele Professoren typische "Rutschbahn des Geistes" geraten, die von der Höhe einer reinen Idee in die Tiefe einer unreinen Ideologie geführt hat, führt und weiter führen wird: mit Blindheit geschlagen für das Walten gesunder Vernunft, verbohrt in eine illusionäre Dogmatik, opferte er seinem Palästina-Wunschtraum das Leben und die Zukunft ungezählter, unzählbarer Glaubensbrüder zu einem Zeitpunkt, wo es noch möglich gewesen wäre, diese zu retten! Weizmann war damals immerhin ein Mann von 60 bis 65 Jahren, doch offenbar ohne jede Altersweisheit! Ist schon seine wütende Reaktion auf Meinertzhagens Vorschläge geradezu ungeheuerlich, so erst recht seine Einstellung zu Schachts Vorschlägen vier Jahre später - angesichts der düsteren Zukunft der deutschen Juden, denen die Auswanderung in jedes Land der weiten Welt willkommen sein mußte, solange England ihnen die Einwanderung nach Palästina versperrte! Ober diese Zusammenhänge schweigen sich die zionistischen Historiker seit vielen Jahren völlig aus; mit Scheuklappen rechts und links neben ihren angeblich objektiv forschenden Augen starren sie stur auf den Schuldkomplex des Dritten Reiches und auf die "Schuld" des toten Pius ! - Noch vor zwei Jahren hat der Zionist Nathanson "Jeden angeklagt, dem das Mal seines Umgangs mit den Nazis auf die Stirne gebrannt ist, und er empört sich darüber, daß der "Nazischurke" Schacht z. Zt. in Nürnberg, zum Unterschied von den anderen, mit dem Leben davonkam!" ("Dinge der Zeit", Juni 1963, Heft 30, S. 98.) - So haßvoll und rachetoll verrannt vermag noch jetzt ein Zionist anzugeifern gegen den Christen Schacht, der sich für die Rettung ungezählter Juden selbstlos einsetzte und an dieser Rettung verhindert wurde - durch wen??
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Wenn ich den Professor Weizmann in diesem Kapitel unter den zionistischen Schuld-Diktatoren anführe, so soll das nicht besagen, daß er selber sich ausdrücklich an den Schuld-Diktaten seiner Mitkämpfer beteiligt hat. Er brauchte das auch nicht zu tun; denn seine strafwürdigen Unterlassungssünden haben recht eigentlich die große Katastrophe des Judentums mit heraufbeschworen und dadurch den Grund gelegt für den endlosen Strom von Anklagen, die sich seit 1945 gegen Deutschland wie gegen den Papst Pius erhoben haben und sich zu einem sehr wesentlichen Teil gegen ihn selber richten müßten, wenn die großen Tabus nicht wären!
Weizmann schlug im Jahr 1940 Winston Churchill die Aufstellung einer jüdischen Legion vor, die aber vorerst nicht zustande kam, obgleich sich 50 000 Zionisten in Palästina zum Kampf gegen Deutschland gemeldet haben sollten. Immerhin kämpften ein Jahr später die ersten jüdischen Freiwilligen im Rahmen der britischen Armee in Griechenland gegen deutsche Einheiten. Erst 1944 wurde eine rein jüdische Brigade aufgestellt, die unter der Zionsfahne in der britischen Armee ihren Dienst tat. Auch inarmierte damals die Mapai (Sozialistische Partei) eiligst die Hagana (jüdische Miliz) in Palästina, die von den Engländern zwar nicht offiziell anerkannt, doch stillschweigend geduldet wurde.
Während der letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs mochte Chaim Weizmann fühlen, daß seine frühere Weltmachtstellung im Schwinden begriffen war, und er scheint damals sein Gewissen befragt zu haben, ob seine bisherige Politik für und in Palästina überhaupt durchführbar war? Jedenfalls trat er eines Tages für die Bildung eines übernationalen Staates Israel ein, in welchem die eingesessenen Araber gleichberechtigt sein sollten. Das war im Jahr 1947. 1948 als die junge, kampfbegeisterte Hagana im südlichen Teil des Landes, im Negev, gegen die Ägypter siegreich vorging und diesen die wichtige Stadt Beerseba (arabisch: Bir es Saba) entriß: jetzt war man weniger denn je vorher gesonnen, das Land Palästina, die so schwer erkämpfte Heimstätte, mit den Arabern gemeinsam zu regieren! Weizmann fühlte sich von der Entwicklung überspielt, und auf dem letzten Zionistischen Weltkongreß, der im Frühjahr 1948 stattfand, kandidierte er nicht mehr für den Präsidentenposten; dieser wurde nunmehr durch ein Triumvirat ersetzt, und einer der drei gewählten Männer war David Ben Gurion aus Palästina.
Dieser proklamierte am 14. Mai 1948 in Tel Aviv die Gründung des Staates Israel, und nicht nur die nächsten Nachbarn, sondern auch die Groß- und anderen Mächte in der weiten Welt fanden sich mit dieser sie überrumpelnden Tatsache ab, so verworren sie sich zu-
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nächst auch darstellte. Im Lauf der nächsten Wochen wurde Israel von sechzehn Staaten anerkannt, obgleich der junge Staatstorso noch gar keinen Staatspräsidenten vorzeigen konnte; schließlich besann man sich auf Chaim Weizmann und trug ihm die Präsidentenwürde an. Der Professor nahm sie an und übersiedelte auf seine alten Tage nach Israel; doch konnte er sich nicht entschließen, den Namen, den er bei seiner Geburt in Pinsk - also im Galuth - erhalten hatte, gegen einen hebräischen Neunamen einzutauschen: er blieb Chaim Weizmann bin zu seinem Tode im Jahr 1952.
zwölf Jahre jünger als Weizmann, war kein Gelehrter wie dieser; er kam aus der Gewerkschaftsbewegung und war im Sozialismus erzogen worden. Schon seit 1906 lebte er in Palästina, wo er seinen angestammten Namen David Grün - er war 1886 in Russisch-Polen geboren worden - ins Hebräische veredelt hatte. Sein Leben wurde von Jugend auf - und wird heute noch - bestimmt von zwei starken Antriebskräften: von der Idee der Heimstätten-Gemeinschaft im Gelobten Lande der Väter, und vom Glauben an den Sozialismus in Form der Vergesellschaftung im werktätigen Einsatz Aller. Sein Sozialismus ist freilich durchsetzt von jenem hoch entwickelten Sinn für geschäftstüchtige Machenschaften, die man für gewöhnlich eher beim Privatkapitalismus als beim Sozialismus antrifft. Diese beiden Antriebskräfte verbinden sich in Ben Gurion mit überaus eigenwilligem Starrsinn zum Potential einer außerordentlichen Persönlichkeit, die sich in seinen späteren Lebensjahren auch auf dem Felde der großen Politik erfolgreich auszuwirken vermochte.
Was er unter wahrem Zionismus verstand, machte er schon in jungen Jahren deutlich: er lehnte schroff alles ab, was im Gewande des sog. "Weltzionismus" die Geschicke des Judentums von außen her, also durch Organisationen in Europa und Amerika zu lenken trachtete; er forderte vielmehr, daß jeder überzeugte Zionist an Ort und Stelle, nämlich in Palästina sich für die große Idee des leidgeprüften Judentums einzusetzen habe, und zwar mit rastloser Hingabe seiner Persönlichkeit. Diese seine Kampfansage an die "übrige" jüdische Welt brachte ihn lebenslänglich - bis heute! - in scharfe Gegensätze zu den großen Gruppen seiner - mehr Rasse- als Glaubensgenossen in aller Welt, vor allem auch zur amerikanischen Hochfinanz, die nicht einzusehen vermochte, warum nur der ein guter Jude sei, der in dem armen, überfüllten Palästina das einzige Heil sah. Gerade auch dieser Gegensatz wurde noch verschärft durch Ben Gurions
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sozial bestimmtes Weltbild, das in der Kibbuz-Bildung, d. h. in der kommunistisch diktierten Lebensführung der ländlichen Kolchosenwirtschaft, sein Ideal erblickte. War doch die Lebensgemeinschaft in den Kibbuzim viel strenger, härter und rigoroser angelegt als im sowjetrussischen Kolchosenwesen: sie verlangte vom einzelnen Kibbuznik den völligen Verzicht auf jeglichen Besitz, auf Eigentum und Eigenleben; sie verlangte - und verlangt heute noch - die restlose Selbstentäußerung des jüdischen Ordensbruders - wenn ich ihn so nennen darf - im Dienst an der Gemeinschaft, die lediglich für seine Ernährung, Bekleidung und Unterbringung sorgt, ohne sonstige Entgelte. Diese Lebensform, dem christlichen Mönchswesen verwandt, hat ein noch genaueres Vorbild in der gesellschaftlichen Ordnung des peruanischen Inka-Reiches, wie sie vor dem Einbruch der Spanier bestand: die gottgleichen Inkas versorgten ihre Untertanen, die Quechua, mit allem, was diese zum Leben brauchten; dafür aber gewährten sie ihnen keinerlei Freiheit außer der Feierabendruhe und dem zugemessenen Schlaf. - Daß diese Kibbuz-Ordnung dem liberal verwöhnten Weltjudentum, namentlich dem in den USA reich gewordenen, durchaus mißfiel, weil sie keinerlei Anreiz bot außer dem Nimbus einer mehr als asketischen Idee, - das versteht sich, und es erklärt ohne weiteres die fast tragisch zu nennenden Schwierigkeiten, mit denen der Begründer - soweit Begründer - dieser überaus eigenwillig-selbstgerechten, aber leider nicht autarken Heimstätten-Bewegung bis heute zu ringen hat, und seine Nachfolger weiterhin zu ringen haben werden.
Als Ben Gurion nach Palästina kam, war er zwanzig Jahre alt. Erfüllt von gewerkschaftlich-sozialistischen Gedankengängen, studierte er die wirtschaftlichen Verhältnisse im biblisch so fruchtbar gewesenen, nunmehr aber so armen Lande seiner Väter, das jetzt unter türkischer Mißwirtschaft von dürftigen Arabern, vielfach Beduinen, besiedelt und einige Jahre früher von Theodor Herzl besucht worden war, der sich beim Anblick des kärglichen Ländchens hoffnungslos enttäuscht von seinen Besiedlungsplänen abgewandt hatte. Der junge Ben Gurion dagegen ließ sich nicht entmutigen: er gründete am Jordan die erste zionistische Siedlung und war an der Gründung der Stadt Tel Aviv beteiligt, die heute als amerikanische Großstadt glänzt und gleißt, im Gründungsjahr 1909 dagegen nur aus einigen Baracken bestand, aber vor den Traumblicken des begeisterten Zionisten sich schon als künftige Weltstadt erhob. Ben Gurion selber dachte freilich weniger an diese - wenn auch für das Land nötige - künftige Metropole als an die Gründung von Kibbuzim, die er während der nächsten Jahre eifrigst betrieb, und die er schon bald mit jungen
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jüdischen Einwanderern planmäßig besiedeln konnte: hier war er in seinem eigentlichen Element, und hier erntete er die ersten großen Genugtuungen seines lebenslänglichen Wirkens.
Den großen Umbruch, der sich 1933 in Deutschland vollzog, verfolgte er aufmerksam, und er scheint sich damals, ebenso wie Dr. Leo Baeck, der Vorsitzende des "Verbandes deutscher Rabbiner", vom Dritten Reich allerlei für den Zionismus versprochen zu haben; denn als Dr. Goebbels im August 1934 einen Reporter seines Blattes "Der Angriff" zur Berichterstattung nach Palästina entsandte, wurde dieser von Ben Gurion im Kibbuz von Dagania sehr freundlich zu einem Interview empfangen. Der Reporter berichtete über diesen Besuch und über seine sonstigen Eindrücke vom Gelobten Land in einer Serie von zwölf Artikeln, die im "Angriff" (September/Oktober 1934) unter der Überschrift "Ein Nazi fährt nach Palästina" erschienen und mit LIM unterzeichnet waren. - Ich habe seinerzeit brieflich bei Ben Gurion nachgefragt, ob das mit dem "sehr freundlichen Empfang des Reporters im Kibbuz" der Wahrheit entspreche; doch er antwortete mir nicht darauf, und das ist bekanntlich auch eine Antwort. - Übrigens wurde im Jahr 1936 neben anderen nationalsozialistischen Persönlichkeiten auch ein gewisser Herr Adolf Eichmann nach Palästina eingeladen und dort viel herzlicher begrüßt als etwa dreißig Jahre später verschiedene bundesdeutsche Reporter, die keine "Nazis" waren. Die geschichtliche Ironie weiß eben mancherlei Register auf ihrer großen Weltorgel zu ziehen!
Während des Zweiten Weltkrieges entstand das groteske Schaustück, daß Chaim Weizmann die ihm angebotenen europäischen Juden nirgendwo anders hin als nach Palästina geleitet wissen wollte, während Ben Gurion und seine Freunde sie überall anderswohin, nur nicht nach Palästina, geschickt wissen wollten. Die Jordan-Zionisten vermochten damals auch sehr einleuchtende Gründe für ihre Ablehnung vorzubringen; sie ließen durchblicken, daß dem Lande mit einer Massen-Einwanderung von Galuth-Juden - selbst wenn die britische Regierung diese gestattet haben würde, woran sie aber gar nicht dachte - keineswegs gedient wäre; denn diesen Neuankömmlingen fehle jegliche Hachschara-Schulung, die eine Voraussetzung für die Bewältigung des harten Siedlerlebens im Lande sei! Die übergroße Zahl der Anwärter komme schon altersmäßig für den tatkräftigen Aufbau der Heimstätte nicht mehr in Frage; auch sei sie nicht sozialistisch gesinnt und in ihrer Masse seien viel zu wenig Jugendliche, die das Land am nötigsten brauche! Schließlich sei zu bedenken, daß in Palästina das Hebräische zur Staats- und Dienstsprache erhoben worden sei, während jene Galuth-Juden durchweg nur die
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jiddische Sprache beherrschten und somit einen störenden Fremdkörper im Lande darstellen würden!
Alle diese Einwände und Bedenken waren wohlberechtigt; doch hinter ihnen verbarg sich unausgesprochen die Angst der Zionisten, die große Flüchtlingsinvasion aus Europa, die zahlenmäßig ein Vielfaches der schon im Lande Ansässigen ausmachen mußte, werde diese hinwegschwemmen um die in Jahrzehnten mühsam geschaffene Position des "echten" Zionismus nicht nur zu gefährden, sondern einfach zu zerstören, d. h. die jetzige Führung im Lande zu entmachten und damit das große Heimstätten-Ideal zu vernichten! Diese Vorstellung aber war für Ben Gurion und seine Helfer schlechthin unerträglich, und so opferten sie das Gebot reiner Menschlichkeit der problematischen Staatsraison auf.
Die große Unheilswoge aber rollte höher und tödlicher über Europa dahin: gegens Ende des Krieges war die Katastrophe des Judentums schon eingetreten oder doch an der Schwelle des Untergangs angelangt, und jetzt machte Heinrich Himmler einen letzten großen Versuch, die "Endlösung" in ihrem ursprünglichen Sinn zu verwirklichen: durch Eichmann und dessen jüdischen Helfer Joel Brand gedachte er eine Million jüdischer Häftlinge aus den deutschen KZs und aus den Lagern des besetzten Gebiets zu sammeln und nach Palästina abzuschieben! Ich habe in meinem Buch "Schuld und Schicksal" diesen wirklich groß angelegten Rettungsversuch eingehend geschildert; er ist auch in anderen Darstellungen bereits "klassisch" geworden, allen Vernebelungsversuchen zum Trotz! Er scheiterte schließlich an verschiedenen, heute tragisch anmutenden Umständen; doch einen nicht geringen Teil der Mitschuld an diesem Verhängnis trägt Ben Gurion und sein zionistischer Führungsstab: Joel Brand war bereits, in Eichmanns Auftrag, in die Türkei gereist, wo er mit einem zionistischen Komitee verhandelte; auf der Weiterreise nach Palästina wurde er (von wem?) in eine Falle gelockt, verhaftet und sechs volle Monate festgehalten. Als er schließlich befreit und nach Jerusalem entlassen worden war, wollte der dortige Schweizer Konsul ihm behilflich sein, nach Ungarn zurückzukehren - freilich unter der Bedingung, daß der Sochnuth-Vorsitzende sich mit seiner Heimreise, d. h. mit der Fortführung des großen Rettungsplanes einverstanden erkläre. Dieser Vorsitzende - er hieß David Ben Gurion - gab indes seine Einwilligung dazu nicht, und die einmalig bedeutsame Planung versickerte im turbulenten Endstadium des Krieges. Joel Brand kam mit dem Leben davon und hat in seinen später veröffentlichten Erinnerungen voll tiefster Verbitterung von diesem Fiasko berichtet.
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Wie mir von gutunterrichteter Seite mitgeteilt wurde, beabsichtigt das britische Außenministerium, die Unterlagen zu dem Vorfall Eichmann - Joel Brand erst 1975 zu veröffentlichen. Man glaubt, daß bis zu diesem Zeitpunkt jene englischen und israelischen Politiker, die in diese Angelegenheit unrühmlichst verwickelt waren, gestorben sein könnten.
(Die Sochnuth war im Jahr 1929 als eine Art Nachfolge-Organisation der Jewish Agency gegründet worden; ihre Vertreter setzten sich zu gleichen Teilen aus Zionisten und Nichtzionisten zusammen. Der Große Rat der Sochnuth besteht aus 224 Mitgliedern, der Verwaltungsrat aus 50, die Exekutive aus 8 Mitgliedern. Die Sochnuth hat zwei gleichberechtigte Vorsitzende: der politische Vorstand amtiert in London, der organisatorische in Jerusalem. Damals war dieser, wie gesagt, Ben Gurion.)
Seit 1945 kam es in Palästina zu zeitweilig erbitterten Kämpfen zwischen den Engländern, den Zionisten und den Arabern. Ich habe diesen "Krieg aller gegen alle" bereits in meinem ersten Buch skizziert und werde Einzelheiten dazu in diesem Buch hier nachtragen; zunächst gilt es mir, Ben Gurions Rolle dabei zu umreißen. Nicht nur, daß er die jüdische Jugend zu begeisterten Kibbuzniks ausbildete; als Führer der Sozialistischen Partei (Mapai) drillte er auch die Landesmiliz (die Hagana) zur schlagkräftigen Truppe, und diese lieferte der englischen Besatzungsmacht ebenso wie den arabischen Freischärlern ständig blutige Gefechte, bis die Engländer am 29. Juni 1946, einem Sabbath, schlagartig einen Überfall auf die feiernden Zionisten durchführten, zwecks Waffensuche in die Wohnungen der bekannten Führer eindrangen und diese verhafteten, um sie sogleich in das berüchtigte KZ Latrun auf Zypern einzuliefern. Einzig Ben Gurion konnte damals rechtzeitig entkommen und nach Europa fliehen. - Dieser 29. Juni 1946 ging als "Schwarzer Sabbath" in Israels Geschichte ein.
Damals erklärte der englische Premier Attlee: "Kein Jude wird mehr aus den deutschen Lagern nach Palästina kommen, solange die jüdischen Waffen nicht ausgeliefert worden sind!" Aber kein Zionist dachte daran, das zu tun; im Gegenteil: man verfügte im Lande über sehr schlagkräftige Partisanenverbände! Neben der sog. "Sterngruppe", waren es vor allem die "Irgun Zwai Leumi", die sich selber "die Makkabäer" nannten und die wohl draufgängerischste illegale Formation darstellten. Am 22. Juli 1946, knappe vier Wochen nach dem "Schwarzen Sabbath", sprengten die Makkabäer in Jerusalem das King-David-Hotel in die Luft, in welchem sich das Hauptquartier des britischen Generalstabs für Palästina befand. Die Engländer hatten dabei mehr als 100 Tote und zahlreiche Verletzte. Das schrie nach
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blutiger Vergeltung: die Tommies henkten jetzt jeden Makkabäer, den sie erwischten, und diese revanchierten sich damit, daß sie zwei britische Sergeanten aufknüpften.
Jetzt war der Bürgerkrieg im ganzen Land entfesselt: Briten, Zionisten und Araber bekämpften sich aufs wildeste! Es galt keine Regierung, kein Mandat, kein Gesetz mehr - oder vielmehr: sie galten alle gleichzeitig gegeneinander, löschten sich gegenseitig aus und verzischten in einem Meer von Grausamkeiten, die alle drei kämpfenden Gruppen begingen. (Typischerweise erfuhr Europa damals nur von den arabischen Grausamkeiten, während die der Briten wie der Zionisten in edlem Einvernehmen von der Presse totgeschwiegen wurden!) Das ging ein ganzes Jahr lang so weiter, bis die Londoner Regierung, da sie keinen Ausweg mehr aus dem Chaos sah, sich entschloß, ihr Mandat über Palästina niederzulegen, und am 29. November 1947 beschloß die UNO in New York, daß Palästina am 14. Mai 1948 zum unabhängigen Staat Israel zu erklären sei. Lediglich Jerusalem und einige andere Städte von weltweiter religiöser Bedeutung sollten unter UNO-Kontrolle verbleiben.
Damit war das Stichwort für David Ren Gurion gefallen: er kehrte aus dem europäischen Exil nach Palästina zurück und ging unverzüglich daran, die bisher nur belagerte Festung sturmreif zu machen, d. h. die arabische Bevölkerung, die ja den Zionisten an Zahl ums Vielfache überlegen, an moderner Bewaffnung aber unterlegen war, mit allen Mitteln der Propaganda, der Einschüchterung, des Terrors, der blutigen Abschlachtung - ja, der Ausrottung ganzer Dorfschaften zum Verlassen des Landes zu zwingen, noch ehe Israels Stern am politischen Himmel aufging. Die Araber freilich setzten sich verbissen zur Wehr: am 9. März 1948 sprengten sie das Verwaltungsgebäude der Sochnuth in Jerusalem durch ein kühnes Attentat in die Luft, wobei ein Dutzend führender Zionisten umkam, und an die hundert weitere verletzt wurden. Doch diese blutige Demonstration konnte nicht mehr darüber hinwegtäuschen, daß Allahs Halbmond über Palästina im Sinken begriffen war: die britische Besatzung schaute jetzt, Gewehr bei Fuß, dem Bürgerkrieg zu; Hagana und Makkabäer beherrschten das Land, und während der nächsten Wochen verließen etwa 700 000 Araber fluchtartig die vorerst verlorene Heimat; die meisten entwichen ostwärts nach Transjordanien hinüber.
Der 14. Mai 1948 ist zweifellos der stolzeste Tag in Ben Gurions Leben gewesen: eine unermeßliche Genugtuung muß ihn erfüllt haben angesichts dieses großen Sieges, der sein bisheriges Lebenswerk krönte und ihm, der nunmehr zum ersten Ministerpräsidenten des jungen Staates gewählt wurde, noch weit größere Aufgaben für die Be-
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wältigung von Zions Zukunft anvertraute. Sein Stolz war, ist und bleibt denn auch voll berechtigt, wenngleich ein heutiger Rückblick auf die seitdem verflossenen 18 Jahre zeigt, daß manche - und vielleicht gerade die höchstgespannten Erwartungen der damaligen Staatsgründer sich nicht erfüllt haben. Es wäre sicherlich falsch, den Sieg von 1948 als einen Pyrrhussieg zu bezeichnen; denn Israel hat sich bis heute zu behaupten gewußt; aber daß jener Sieg höchst problematischer Natur ist und bleibt, ist jedem Einsichtigen klar. Ich komme auf diese Problematik in einem späteren Kapitel zurück.
In außenpolitischer Hinsicht genoß Israel zunächst einmal den Triumph, sich von den großen und kleineren westlichen Mächten anerkannt zu sehen, während die benachbarten arabischen Staaten vorerst nichts unternahmen, ihren bedrückten oder aus Israel geflüchteten und vertriebenen Glaubensbrüdern wirksame Hilfe zu leisten. Die reiche Judenschaft der USA - gleichgültig, ob zionistisch oder weltjüdisch, sozial oder kapitalistisch gesinnt - schickte jetzt große und größte Geldbeträge nach Israel, die dem wirtschaftlichen Aufbau des Landes dienen sollten und auch tatsächlich für ihn verwendet wurden. Ben Gurion, der gewiegte Sozialist, zeigte sich der Wallstreet gegenüber nach Gebühr dankbar; es kam ihm auch nicht darauf an, einen gewissen Dr. Sobel, der wegen angeblicher Spionage in den USA verurteilt wurde und nach Israel geflohen war, um dort seine Unschuld zu beweisen, jetzt den Amerikanern auszuliefern, obwohl kein Auslieferungsvertrag zwischen den beiden Ländern bestand. Dieser Dr. Sobel mochte sich von seinem Glaubensbruder Ben Gurion wohl menschliches Verständnis und politisches Rückgrat versprochen haben; als er sich hierin bitter enttäuscht sah, schied er auf dem Rücktransport nach Amerika freiwillig aus dem Leben.
Dieser kleine Einzelzug ist nicht von großer Bedeutung, aber doch symptomatisch: der so gern und oft betonte Nationalstolz dem jungen Staates verflüchtigte sich in Unterwerfung, als der große Geldspender überm großen Teich drüben einmal unwillig die Brauen runzelte. - Auf dem innenpolitischen Felde freilich, das sich schon bald zu einem ideologischen Schlachtfeld auswuchs, dachte der alte Starrkopf Ben Gurion nicht an eine Unterwerfung, auch als die Lage sich gefährlich zuspitzte, und die schweren Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und dem Histadruth-Führer Pinchas Lavon sich nicht länger verheimlichen ließen.
Die Histadruth (zu deutsch: Organisation), bereits 1920 in Haifa gegründet, ist der Dachverband aller israelischen Gewerkschaften; er entspricht dem westdeutschen Gewerkschaftsbund (DGB), ist aber radikaler als dieser, da in ihm auch die Kibbuz-Bewegung und die
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Kommunisten vertreten sind. Entscheidend aber ist, daß die Histadruth sozial-, wirtschafts- und kulturpolitisch eine fast absolute Herrschaft, um nicht zu sagen Diktatur im Lande ausübt: sie besitzt oder kontrolliert das gesamte Schulungs- und Sanitätswesen, mehrere Banken, große Versicherungsgesellschaften, Boden- und Baufirmen, dazu so ziemlich die ganze Grundstoff- und Schwerindustrie des Landes. Sie unterhält ein Theater, gibt vier Tageszeitungen, rund zwanzig Monatsschriften sowie eine Illustrierte heraus - kurz: sie ist nicht nur ein, sondern der Staat im Staate, und als solcher so gut wie allmächtig.
Im Jahr 1948 war Pinchas Lavon der Generalsekretär dieser ebenso vielseitigen wie aktiven Organisation - ein Mann von hohen Fähigkeiten; sein Einfluß reichte maßgebend bis in den letzten Winkel des Landes. Es konnte gar nicht ausbleiben, daß er und Ben Gurion, der sich selber allein gleichfalls für einen Staat im Staate hielt, aufs heftigste aneinander gerieten, und zwar in der schwerwiegenden Frage, wie sich der junge Staat zu den Arabern, zum Weltzionismus und zum nichtzionistischen Weltjudentum zu verhalten habe. Ben Gurion, in den Augen der israelischen Jugend "der starrköpfig-unbelehrbare Alte", lehnt aufs schärfste jenen angeblichen Zionismus ab, der sich nicht persönlich in Israel einsetzt, und darüber hinaus verlangt er auch, daß das übrige Weltjudentum, wenn es schon nicht nach Israel kommt, sich doch der zionistischen Ideologie zu unterwerfen habe, und das nicht nur durch ständige Zahlungen großer und größter Geldsummen (die der Alte übrigens bedenkenlos von allen Spendern einkassierte). - Pinchas Lavon, bedeutend jünger und in der Taktik weitaus wendiger als der Alte, vertrat ihm gegenüber eine liberale Politik - nicht nur in der Behandlung der Araber, sondern auch in der Einstellung zum Weltjudentum. Die Mapai spaltete sich denn auch in eine chauvinistische und in eine gemäßigte Richtung; im Lauf der Jahre artete dieser Gegensatz in immer hitzigere Parteikämpfe aus.
Ben Gurion hatte 1948 nicht nur das Amt des Ministerpräsidenten, sondern auch das des Verteidigungsministers übernommen (seit 1945 gibt es zwar weiterhin Kriege über Kriege, aber keine Kriegsminister mehr: das ist auch ein Beweis dafür, wie stark die Heuchelei sich in der politischen Welt durchgesetzt hat!); doch als der junge Staat während der nächsten Jahre nach außen in eine gefährliche Isolierung und im Innern vor den Bankrott geriet, sah Ben Gurion sich gleichfalls isoliert, d. h. von seinen Anhängern verlassen: im Jahr 1953 trat er von seinen Ämtern zurück und verzog sich grollend in seinen
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Kibbuz Sdeh Boker im Negev. Sein Nachfolger als Ministerpräsident wurde Mosche Shertok, der sich neuerdings Scharett nennt.
Scharett, als gemäßigter Zionist bekannt, nahm Pinchas Lavon als Verteidigungsminister in seine Regierung auf, und die weitere Entwicklung des jungen Staates schien sich ziemlich gut anzulassen - da begannen Ben Gurions alte Freunde, denen der sachlich und gerecht amtierende Lavon ein Dorn im Auge war, gegen ihn zu intrigieren und in seinem eigenen Ministerium hinterm Rücken des Ahnungslosen eine ganz üble, um nicht zu sagen: landesverräterische Verschwörung zu inszenieren: israelische Geheimagenten gingen, als ägyptische Nationalisten getarnt, nach Ägypten, um dort Bombenanschläge gegen amerikanische Kulturinstitute und Firmen zu verüben; damit sollten die Westmächte zum bewaffneten Einschreiten gegen Nasser bestimmt werden, und die israelischen Verschwörer hofften, damit von ihrem Erzfeind am Nil befreit zu werden.
Das makabre Unternehmen schlug freilich fehl. Nachdem mehrere Bomben hochgegangen waren, flogen auch ihre Urheber auf: am 6. Oktober 1954 verhaftete die ägyptische Geheimpolizei zehn israelische Geheimagenten und eine Frau, die nach erschöpfenden Voruntersuchungen vor ein Militärtribunal gestellt, zum Tode verurteilt und gehenkt wurden. Rechtzeitig entfliehen konnte nur der Leiter des Anschlags, ein gewisser Colonel Abraham Dar und sein Gehilfe Paul Frank, die beide nach Israel entkamen. - Ganz Arabien erhob sich damals wie ein Mann gegen diese finstere Machenschaft: in allen Staaten fanden gewaltige Demonstrationen statt, und Israel war auf der ganzen Linie schwerstens blamiert. Um sich moralisch zu retten, schlossen die beiden Entkommenen sich mit dem israelischen Generalstab zusammen: sie legten der amtlichen Untersuchungskommission gefälschte Papiere vor, laut welchen der Minister Lavon persönlich den Befehl zu dem üblen Anschlag gegeben hatte Der unschuldig Belastete wehrte sich mannhaft seiner Haut und beschwor, daß jene Dokumente gefälscht seien: doch er konnte gegen die Woge der Verleumdungen nicht anschwimmen und mußte schließlich zurücktreten.
Anfangs 1955 kehrte Ben Gurion, von seinen Ultras stürmisch als Retter des Vaterlandes begrüßt, aus seinem Kibbuz zurück. Jetzt hatte er die Mapai und die Histadruth fest in der eigenen Hand; jetzt war er der Alleinherrscher über Israel. Er übernahm sofort das vakante Verteidigungsministerium, und nachdem Mosche Scharett zum Rücktritt gezwungen worden war, wiederum auch das Amt des Ministerpräsidenten. Es war alles wieder beim alten: beim Alten. Die Weltöffentlichkeit, sonst von der großen Presse mit Skandalaffären bis zum Erbrechen überfüttert, erfuhr von diesen Vorgängen zwischen Jordan
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und Nil so gut wie nichts; vor allem in der BRD schwiegen sich die führenden Zeitungen voll musterhafter Einmütigkeit über die wahren Hintergründe des "Falles Lavon" aus.
Vielleicht wäre diesem aufrechten, untadeligen Manne bis heute keine Gerechtigkeit widerfahren, die schließlich zu seiner vollen Rehabilitierung geführt hat, wenn nicht unter jenen Verschworenen ein ungewöhnlich finsterer "Ehrenmann" gewesen wäre, den sein Dämon dazu trieb, wider Willen der Wahrheit zum Durchbruch zu verhelfen: Paul Frank, der Gehilfe von Abraham Dar. Ihm wurde Zions Boden unter den Füßen zu heiß: eines Tages ging er nach Wien und kam nicht wieder. War er doch dem israelischen Geheimdienst verdächtig geworden, und hatte dieser nach langwierigen Forschungen feststellen müssen, daß Frank ein Doppelagent gewesen war: während seiner Sabotagetätigkeit am Nil hatte er Fühlung mit der ägyptischen Spionage-Abwehr aufgenommen und dieser seine israelischen Kameraden gegen einen Judaslohn von - umgerechnet - DM 40 000 verpfiffen, worauf sie festgenommen werden konnten. - Es dauerte bis 1957, ehe es dem israelischen Geheimdienst gelang, sich Paul Franke im Ausland zu bemächtigen und ihn nach Israel zu verbringen, wo er rund drei Jahre in Untersuchungshaft sitzen mußte. Als endlich im Sommer 1960 der Geheimprozeß gegen ihn vor einem Militärgericht in Jerusalem anlief, mußte der Verräter bald erkennen, daß sein Spiel verloren war, und nun packte er wahrheitsgemäß aus, daß er im Jahr 1955 unterm starken Druck seiner Vorgesetzten gestanden und wissentlich falsch gegen Pinchas Lavon ausgesagt habe: dieser habe mit den Sabotage-Anschlägen in Ägypten überhaupt nichts zu tun gehabt! In gleichem Sinne entlastete ihn eine Sekretärin, die früher einen Vertrauensposten in einem wichtigen Amt gehabt hatte und an der Dokumenten-Fälschung beteiligt gewesen war. Lavons Unschuld war erwiesen.
Es heißt, daß Frank in der Bundesrepublik festgehalten wird. Dies sei ein deutsches Entgegenkommen gegen israelische Behörden. Es war als eine Art Ausgleich dafür gedacht, daß israelische Stellen bundesdeutschen kompetenten Stellen einen Wink gegeben haben, ein Abgeordneter im Deutschen Bundestag sei im tschechoslowakischen Nachrichtendienst tätig.
Das begab sich im Spätherbst 1960. David Ben Gurion aber hatte seit 1955 das israelische Staatsschiff durch die bewegten Fluten der Zeit gesteuert und es nur zeitweilig aus der Hand gegeben, um sich für ein Weilchen verdrossen in seinen Kibbuz zurückzuziehen, aus dessen Versenkung er freilich stets wieder auftauchte, wenn das Land ihn brauchte. Er und seine Anhänger waren damals in der Weltach-
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tung stark abgewertet, trieben aber ihre gefährliche Politik bedenkenlos weiter - besonders leichtfertig in dem fatalen Suez-Abenteuer vom Spätherbst 1966, als England und Frankreich den, ach so einträglich gewesenen, Kanal zurückerobern zu können sich einbildeten, und Israel sich an dem verwegenen Hazardspiel mit dem Überfall auf den ägyptischen Gaza-Streifen beteiligte. Daß der junge Staat damals leidlich ungerupft aus dem Schlamassel hervorging, verdankte er nur den Bemühungen der USA und der UdSSR, die - in diesem Falle einmal vereint in der Rolle des "ehrlichen Maklers" - sich mit der Wiederherstellung des Status quo ante zufrieden gaben.
Allgemein betrachtet, ist Ben Gurions Politik durchaus verwandt derjenigen des verstorbenen USA-Außenministers Foster Dulles, der sich rühmte, seine Entscheidungen "stets am Rande des Abgrunds entlang" getroffen zu haben. Der Amerikaner konnte sich diese verwegene Haltung zur Not leisten; denn selbst wenn seine Politik noch schiefer gegangen wäre, als sie tatsächlich ging, so wären die USA doch noch nicht im Abgrund versunken, während Ben Gurions "Chuzpe" (das, was die alten Griechen "Hybris" nannten) eines Tages tatsächlich den Staat Israel in den Abgrund zu steuern vermag: denn dieser Staat ist und bleibt anfällig, ungesund im Innern und stärkstens gefährdet von außen her, wie ich in einem späteren Kapitel noch darlegen werde.
Als Pinchas Lavon im Jahr 1960 juristisch und moralisch voll rehabilitiert worden war, hatte Ben Gurion - unter Androhung seines Rücktritts, die er stets bei der Hand hat - durchgesetzt, daß Lavon seinen neu übernommenen Posten des Generalsekretärs der Histadruth wieder abzugeben habe, und dieser hatte - im besser verstandenen Staatsinteresse - dem fanatischen Willen des "Alten" schließlich nachgegeben. In der Schlußerklärung, die seinen Rücktritt begründete, hatte er freilich das bittere Wort gesprochen: "Wehe dieser Gesellschaft, deren Schicksal von einem Einzigen abhängig ist!" - Dieses Wort schwebt seitdem wie ein Menetekel über Israel.
Einen Beweis dafür, wie tief seine Popularität bereits abgesunken war, hatte Ben Gurion schon bei den Neuwahlen zur Knesseth (dem israelischen Parlament) erhalten, die im November 1959 stattfanden und der Mapai nur noch 58 Prozent der abgegebenen Stimmen, also 47 von den insgesamt 120 Sitzen im Parlament einbrachten. Trotzdem war Ben Gurion beauftragt worden, die neue Regierung zu bilden; doch diesmal stieß er auf peinliche Schwierigkeiten: alle bisherigen Koalitionsparteien verweigerten ihm die Zusammenarbeit mit der Mapai. 500 Studenten demonstrierten in Jerusalem unter Transparenten, auf denen zu lesen stand: "Wir erlauben nicht, daß der Alte
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irgendwelche Dokumente ausbessern darf!", und wesentlich ernster noch zeigte sich eine Versammlung von 200 Professoren der Universität Jerusalem, die öffentlich erklärte, "es spreche nicht für die Sauberkeit einer Demokratie, wenn ein Mann wie Pinchas Lavon, der offiziell rehabilitiert wurde, trotzdem gezwungen worden sei, seine Stellung aufzugeben!"
Derlei Stimmen sind und bleiben eine düstere Mahnung, und es ist daher nicht verwunderlich, daß Ben Gurion - wie jeder Staatsmann, der sich im Innern festgefahren hat - in die Außenwelt flüchtete, wenn er auch vorerst keinen Waffenkrieg entfesselte, der sonst die Ultima Ratio solcher Staatsmänner zu sein pflegt. Dem Alten kam es darauf an, der Weltöffentlichkeit ein markantes Schauspiel seiner "Politik der Stärke" zu bieten, zu der er sich unentwegt bekannte, und dieses Schauspiel gleichzeitig zu einer ergiebigen Geldquelle für seine Staatskassen zu machen. Erster Held in diesem Schauspiel - wenn auch in einem Glaskäfig sitzend - sollte Adolf Eichmann werden, auf den man es in Israel schon lange abgesehen hatte, und dessen Aufenthaltsort vom israelischen Geheimdienst seit geraumer Zeit ausspioniert worden war: jetzt schien der günstige Zeitpunkt gekommen, sich dieses wertvollen Vogels zu bemächtigen.
Im israelischen Kabinett saß als Minister ohne Portefeuille ein gewisser Abba Eban, erklärter Liebling Ben Gurions und als "Kronprinz" geltend. Diesen "kundigen Thebaner" schickte der Alte, während die Weltpresse gerade über die Kölner Hakenkreuzschmierereien zeterte (Weihnachten 1959), in einem Sonderflugzeug mit einer Delegation nach Buenos Aires - zu einer Beratung, wie es hieß. Diese Beratung fand im argentinischen Juden statt, die sich für den üblen Greiferdienst kaufen ließen, sich der Person Adolf Eichmanns bemächtigten und ihn den Israelis übergaben. In Abba Ebans Sonderflugzeug wurde der Ergriffene am 11. Mai 1960 nach Israel verschleppt und dort in strengster Haft gehalten, bis rund ein Jahr später der Prozeß gegen ihn anlaufen konnte. Auf die Gründe, warum die Verhandlung so lange hinausgezögert wurde, komme ich weiter unten zu sprechen.
Der Fall Eichmann hat den äußeren Anstoß zur Abfassung meines Buches "Schuld und Schicksal" gegeben; ich habe mich dort eingehend mit ihm beschäftigt und wiederhole hier nur, daß diese Gewalttat und ihre späteren Folgen dem Ansehen Israels und seiner Regierung den allerschwersten Schaden zugefügt haben, während die politischen Erwartungen oder gar die moralischen Rechtfertigungen, die Ben Gurion und seine Leute sich von diesem Coup erhofft hatten, im öden Sandbett der weltweiten Ernüchterung und schließlich der pseudo-
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juristischen Langeweile versickerten. Hatte schon Eichmanns Entführung aus einem unbeteiligten Staat sich als unverzeihlich grober Völkerrechtsbruch erwiesen und diplomatische Peinlichkeiten heraufbeschworen, so erregte es noch weit stärkeres Befremden in aller Welt, daß Israel sich anmaßte, in dieser Sache sich zum Greifer, Ankläger und Richter in einer Person aufzuwerfen, ohne daß es dafür zuständig war. Die gleiche überhebliche Rolle hatte zwar die Siegerjustiz bereits in Nürnberg sich angemaßt; doch seitdem waren immerhin fünfzehn Jahre vergangen, und das Weltgewissen war wieder hellhörig geworden. So konnte es nicht ausbleiben, daß die öffentliche Meinung in fast allen Ländern sich eindeutig gegen das Verfahren der Israelis wandte und betonte, daß Eichmann nur von einem deutschen, in diesem Falle bundesdeutschen, Gericht hätte abgeurteilt werden dürfen, welches einzig und allein für die Bestrafung seiner Verbrechen zuständig sei! Selbst betont judenfreundliche Blätter wie die "Washington Post" stellten sich scharf gegen die geplante Justiz-Komödie; das genannte Blatt gab den Israelis bereits um Ende Mai 1960 zu bedenken, daß sie im Fall Eichmann zwar ihrem Rachebedürfnis frönen, nicht aber der Gerechtigkeit dienen könnten; für die letztere fehlten alle Voraussetzungen!
Ben Gurion freilich, und mit ihm seine Ultras glaubten diese Stimmen überhören zu dürfen; sie hofften noch einmal die Mauern Jerichos durch ihre Posaunenstöße zum Einsturz zu bringen. War ihrer politischen Dreistigkeit doch schon vor zehn Jahren ein gewaltiger Fischzug geglückt: als im Jahr 1949 die BRD mehr krumm als gerade zur Rechtsnachfolgerin des Dritten Reiches gestempelt worden war, hatten israelische Finanzmänner im Namen ihres erst vor Jahresfrist gegründeten Staates eine riesige Summe gefordert, die zur Wiedergutmachung der an den Juden verübten Verbrechen dienen sollte, und die rückgratlose Bonner Regierung, an ihrer Spitze Herr Konrad Adenauer hatt[e] dieser Erpressung nachgegeben: durch Jahre hin wanderten Milliarden über Milliarden deutscher Mark in Israels Kassen, obwohl dieser Staat, der zum Zeitpunkt der fraglichen Verbrechen überhaupt noch nicht bestanden hatte, keinerlei Anspruch auf Wiedergutmachung besaß, wohl aber jene Milliarden zum Aufbau seiner Wirtschaft und Verwaltung verwandte, während die Angehörigen der seinerzeit ermordeten oder schwer geschädigten Juden, die wirklich Ansprüche auf Entschädigung besaßen, mit ihren berechtigten Forderungen ins Hintertreffen gerieten und - soweit sie es nicht verstanden hatten, sich in den goldenen Vordergrund vorzuspielen - nur unzulänglich oder gar nicht abgefunden wurden.
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Hieran dürfte Ben Gurion gedacht haben, als er später zu einem zweiten großen Vorstoß ausholte. War und ist doch Israels Finanzwirtschaft ein Faß ohne Boden: das eigene Sozialprodukt reicht auch heute noch nicht aus, das Land zu ernähren, und der Staat sieht sich weiterhin auf die - von Jahr zu Jahr geringer werdenden - Zuwendungen des Weltjudentums angewiesen. Reichen auch diese nicht mehr aus, dann muß eben das verfluchte Deutschland weiter bluten - genauer gesagt: die BRD: denn aus der DDR und aus Österreich, den "Mitschuldnern" ist leider nichts herauszupressen!
Ben Gurion ging wieder einmal sehr geschickt vor - geschickt wenigstens im Sinne eines geriebenen Pfandleihers, wenn auch nicht im Sinne eines überlegen-weitsichtigen Staatsmannes: während sein Greifer Abba Eban noch in Argentinien operierte, dort aber sein Opfer bereits umsponnen hielt - in Israel wußte man es schon -, reiste Ben Gurion nach New York, wo sich der deutsche Bundeskanzler Adenauer gerade aufhielt, und lud diesen zu einer politischen Aussprache ins Waldorf-Astoria ein; die Besprechung fand am 14. März 1960 statt. Wieweit der israelische "Alte" den Bonner "Alten" in die bevorstehende Premiere des Eichmann-Dramas eingeweiht hat, wissen wir nicht; doch dürfte er es kaum an Anspielungen und versteckten Drohungen haben fehlen lassen. Obwohl nämlich jene Besprechung unterm Siegel strengster beiderseitiger Verschwiegenheit geführt wurde, sickerte doch schon bald - dank amerikanischen Indiskretionen - durch, daß Adenauer aus eigener Machtvollkommenheit damals den Israelis eine Anleihe in Höhe von 500 Millionen Dollars (rückzahlbar vermutlich, wenn Pferde Ostern feiern - rumänisches Sprichwort), sowie umfangreiche deutsche Waffenlieferungen in Aussicht gestellt hat, von anderweitigen Zusagen zu schweigen. Adenauer war damals 84, also zehn Jahre älter als Ben Gurion; ob man sein Eingehen auf die Wünsche des Jüngeren aus seiner Senilität erklären darf - diese Frage möchte ich offen lassen.
Für alle Fälle dürfte er sich einige Gegenleistungen ausbedungen haben, die - wenn man Herrn Nannen vom "Stern" glauben darf - darin bestanden, daß Ben Gurion der BRD eine Ehrenerklärung ausstellte - des Inhalts, daß diese mit dem verflossenen Dritten Reich nichts gemein habe, und daß Adenauer. Adlatus Globke im bevorstehenden Eichmann-Prozeß nicht als Zeuge werde vorgeladen werden. Das sind ja nun kaum gewichtige Zugeständnisse; aber in Bonn ist man bescheiden: während es im eigenen Lande an Geldmitteln für die kulturellen Aufgaben noch immer hapert, gibt man die größten Summen für anderer Leute und Länder Interessen her, sofern diese
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einem nur die Richtigkeit der eigenen Ideologien bestätigen, was die anderen ja nichts kostet - außer einem Grinsen hinterm Schnupftuch.
Im Frühjahr 1960 konnte Ben Gurion jetzt gleichschalten. Der Rest des Jahres wurde mit den Vorbereitungen des großen Prozesses in Jerusalem ausgefüllt, über dessen gehaltvolles Programm die Weltpresse mit wohldosierten Häppchen gespeist wurde, und als im Februar 1961 die neuen Geldzuflüsse wie auch die Waffenlieferungen aus der BRD eingesetzt hatten, war sich Ben Gurion dieser wichtigen Rückendeckung und ihres Fortbestandes sicher, und er setzte nunmehr den Beginn des Eichmann-Prozesses fest, der am 11. April 1961 in Jerusalem eröffnet wurde: der Angeklagte stieg in den Glaskasten, um dessen Benutzung er angeblich ebenso "ersucht" hatte wie früher um das freie Geleit nach Jerusalem. - Der Verlauf des Prozesses ist bekannt.
Wenig oder überhaupt nicht bekannt geworden sind dagegen die mancherlei Fälle, in denen unliebsam gewordene Personen in Israel von dortigen Killern "liquidiert" wurden, so der 28jährige Peter Kupers, der zur Ausbildung von Spezialisten (vermutlich für den nuklearen Sektor) nach Israel entsandt worden war. Während der Eichmann-Prozeß lief, wohnte Kupers in der Nähe von Tel Aviv, und eines Morgens im November 1961 wurde er in seinem Zimmer tot aufgefunden. Ob er nun eines natürlichen oder unnatürlichen Todes gestorben ist: anderswo hätte dieser Fall die Öffentlichkeit beschäftigt. Israel dagegen handhabt seine Tabus vorbildlich, um nicht zu sagen: diktatyrannisch. Man hat vordem wohl bei der Ochrana gelernt . . .
Ich erwähnte schon, daß das New Yorker Geheimabkommen Adenauer/Ben Gurion über bundesdeutsche Waffenlieferungen an Israel später durch Indiskretionen der USA-Presse "vorzeitig" bekannt geworden ist; das Geheimnis soll auf Anweisung des Weißen Hauses gelüftet worden sein. Diese Vermutung erhärtet sich zur Tatsache für jeden, der die amerikanische Politik jener Jahre genauer verfolgt hat: die USA suchten Westdeutschlands Waffenhilfe für ihr kriegerisches Abenteuer in Ostasien: mehrfach hatten sie die BRD kategorisch ermuntert, die deutsche Wiedervereinigung in eigene Hände zu nehmen, und als man in Bonn sich ablehnend verhielt, hatte Washington schließlich versucht, mit der Enthüllung jenes geheimen Waffen-Abkommens einen Druck auf den widerspenstigen Nato-Verbündeten auszuüben. (Ein in der BRD lebender zionfreundlicher USA-Journalist spielte dabei eine führende Rolle.) Die Vorgeschichte dieser Machenschaften ist nicht uninteressant:
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Als im Jahr 1954 die Eisenhower-Dulles-Regierung mit dem Plan umging, in Vietnam militärisch einzugreifen, verweigerte ihr der amerikanische Senat die Zustimmung zu einem Unternehmen, das angeblich den schwer bedrängten französischen Kolonialtruppen - die vernichtende Niederlage von Dien Bien Phu stand diesen damals bevor - zu Hilfe kommen wollte, nach Ansicht des Senats aber einen Dritten Weltkrieg heraufbeschwören konnte. Ein temperamentvoller Senator erklärte damals: "Ich bin dagegen, daß amerikanische Soldaten in den Schlamm Indochinas geschickt und dort zur Ader gelassen werden, nur um den Kolonialismus zu verewigen!" Dieser Senator war Lyndon B. Johnson: derselbe Mann, der heute als Präsident der USA schon etwa 500 000 seiner Landeskinder in den schmutzigsten aller Kolonialkriege hineingeworfen und bereits Tausende von ihnen geopfert hat - genau wie Franklin D. Roosevelt noch im Jahr 1941 erklärt hatte, er denke gar nicht daran, auch nur einen einzigen GI nach Europa in den Kampf zu schicken, und wenige Wochen später, nach der von ihm selber provozierten Katastrophe von Pearl Harbour, das genaue Gegenteil dessen tat, was er seinem Volke feierlich versprochen hatte.
Das ist jene mörderische Heuchelei, die das angelsächsische Puritanertum noch heute erfüllt und es zu immer neuen Massenschlächtereien verführt, ohne daß sich ein Nürnberger Tribunal fände, das diese selbstgerechten Verbrechen brandmarkt oder bestraft! Zuweilen findet sich ein Einzelner der es wagt, solch einem machttrunkenen Großfrevler die Maske vom Gesicht zu reißen, und in Roosevelts Falle ist solch ein mutiger Mann aufgestanden: der aus den USA stammende Dichter Ezra Pound, wohl der größte amerikanische Lyriker unseres Zeitalters. Er lebte seit seiner Jugend in Europa, und während des Zweiten Weltkriegs schleuderte er über den italienischen Rundfunk vernichtende Anklagen gegen Präsident Roosevelt, den seine Kriegslüsternheit und sein Deutschenhaß aufgepeitscht hätten, in den Krieg einzugreifen, Europa zu ruinieren und die Welt aus den Fugen zu brechen! - Die amerikanische Invasionsarmee nahm diesen wahren Propheten im Jahr 1944 in Italien gefangen, sperrte ihn 2 Monate lang in einem Gorillakäfig unter freiem Himmel ein, bespuckte und bepißte ihn tagtäglich, bis man ihn nach Washington verbrachte und ihm den Prozeß machte, worauf er volle zwölf Jahre lang in einer Irrenanstalt, davon zwei Jahre lang in einer Zelle für Tobsüchtige gefangen gehalten wurde. Im Jahr 1958 wurde er endlich freigelassen, und seitdem lebt er in Südtirol; als man dort im Jahr 1966 seinen 80. Geburtstag feiern wollte, lehnte er kategorisch alle Veranstaltungen ab mit den klassischen Worten: Tempus tacendi - jetzt
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ist es an der Zeit, zu schweigen! - Ezra Pound arbeitet immer noch weiter an seiner großen lyrischen Dichtung "Cantos"; zur Politik aber, die ihn so grausam mißhandelt hat, wird er niemals mehr das Wort ergreifen, und er braucht es auch nicht zu tun, da sein Leben gesprochen hat. Wir aber, die wir keine Dichter sind, dürfen nicht müde werden, gegen Heuchelei, Wahnwitz und Verbrechen anzukämpfen, wenn wir uns eines Tages beruhigt zum Sterben niederlegen wollen.
Heute hebt sich vom Horizont der nahen Zukunft bereits das Schicksal der amerikanischen Invasion (sprich: "Hilfsaktion") in Vietnam ab: sie wird zum Trauma des Präsidenten Johnson werden; sie wird in blutigen Sümpfen ersticken, und Rotchina wird der grinsende Erbe in Vietnam sein, mag der dortige Krieg auch noch Jahre dauern! Nun wünscht der gestachelte Präsident Johnson sich europäische, namentlich deutsche Landsknechte, die ihm aus der Sackgasse heraushelfen und ihre Haut dabei zu Markte tragen sollen, nach dem bewährten Kommando: "The Germans to the front!" Schon plant Westdeutschland die Entsendung eines angeblich "neutralen" Lazarettschiffs an jene umkämpfte Küste; ja, man munkelt bereits von der Entsendung westdeutscher Straßenbautrupps nach Süd-Vietnam: wehe, wenn aus diesen Gerüchten Wirklichkeit würde; wehe für Deutschlands Reste an Weltgeltung! Möchten alle Nato-Mächte sich auch weiterhin dessen bewußt bleiben, daß sie zwischen Saigon und Hanoi nichts, aber auch gar nichts verloren haben!!
Gegen die heuchlerische Politik der Unterjochung fremder Völker zugunsten eines Cola-Imperialismus, welche die USA-Regierung führt, werden allmählich besorgte Stimmen laut. Eine der gewichtigsten zitiere ich kommentarlos:
"Schrittweise, aber unmißverständlich erliegt Amerika jener Machtarroganz, die in der Vergangenheit große Nationen befallen, geschwächt und in einigen Fällen zerstört hat. Wenn wir so verfahren, werden wir nicht unserem Charakter und unserem Versprechen gerecht . . . jener tödlichen Anmaßung, jener Überausdehnung von Macht und Sendungsbewußtsein, die das klassische Athen, das napoleonische Frankreich und Nazideutschland ruinierte." (Vorsitzender des außenpolitischen Senatsausschusses der USA, Fulbright)
David Ben Gurion, den Mann mit den neuen Gesetzestafeln, die er freilich nicht vom Berg Sinai zu seinem Volk herabgebracht hat - ihn läßt die Entwicklung der Dinge im fernen Osten wohl ziemlich kalt; denn auch sein Zionismus hat dort hinten nichts verloren, da er mehr als genug im neu erkämpften Lande seiner Erzväter zu tun hat. Immer noch zieht sich der Alte, bald Uralte, gelegentlich grollend in seinen Negev-Kibbuz zurück, um dann mit neuen Erkenntnissen wie-
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der aufzutauchen: mit Erkenntnissen, die zwar nicht gerade weise, aber manchmal recht klug sind. Erst unlängst, am 20. Februar 1965, hat er in dem Interview, das er einem Reporter der dpa gab, erklärt: "Eine große Schwierigkeit für (West-)Deutschland liegt in der Hallstein-Doktrin. Ich kann sie verstehen; ich weiß aber nicht, ob sie praktisch ist!" Mit anderen Worten: ich halte sie heute für nicht mehr zweckmäßig! Darin werden ihm einsichtige Politiker beipflichten müssen. - In jenem Interview hat er auch geäußert: "Es ist durchaus falsch, Furcht zu haben. (West-Deutschland sollte keine Furcht vor Nasser, aber auch keine Furcht vor Israel haben !" Das ist ein vielsagender, für die BRD nicht gerade schmeichelhafter Ausspruch.
David Ben Gurion wurde aus der Mapai ausgeschlossen. Einige seiner ehemaligen Parteifreunde nannten ihn sogar Faschist. Er gründete eine neue Partei, die sich bei den letzten Knesseth-Wahlen der Öffentlichkeit vorstellte. Die Ben-Gurion-Partei erhielt nur zehn Mandate, was beweist, daß die Mehrheit der Wähler seine extreme Richtung ablehnt. Sein vandalischer Haß gegen alles, was arabisch ist, scheint grenzlos zu sein:
"David Ben Gurion, Ministerpräsident des Staates Israel, verweigerte die Annahme einer Neuanfertigung seines Personalausweises, weil darin die Personalien nicht nur in hebräischer Sprache, sondern auch in arabischer Sprache enthalten sind." (Wiener "Wochenpresse", Nr. 23 vom 7. Juni 1958, Seite 13)
Es ist kein Zufall, daß David Ben Gurion am 14. Mai 1948 in Tel Aviv den Staat Israel und nicht einen Staat Judäa ausgerufen hat. Denn der extreme Zionismus wird sich nie mit den heutigen Grenzen des ehemaligen Kleinstaates Juda abfinden. Er wird stets trachten, die kanaäischen Gebiete des früheren Einheitsstaates Israel, der das Volk Jehovas beherbergte, zurückzugewinnen. Man wird die Taktiken und Methoden des Josua in modernerer Form anwenden. Der Zionismus bleibt hiermit eine ständige Gefahr für die arabischen Nachbarn Israels. Dies beweisen zur Genüge die Dar-Frank-Affäre und das Suez-Abenteuer.
Für die Araber bleibt David Ben Gurion der jüdisch-hebräische Petljura und für seine zionistischen Ultras "der große alte Mann".
Für das nicht zionistische Judentum bleibt David Ben Gurion in moralisch-politischer Hinsicht, gelinde ausgedrückt, ein Barbar. (Die alten Griechen nannten einen Fremden einen Barbaren.)
Zu den Zionisten von Rang, die an der Schaffung des Staates Israel mitgeholfen haben und als Schuld-Diktatoren aufgetreten sind, muß auch
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gerechnet werden. An Jahren jünger als Chaim Weizmann und David Ben Gurion, ist er diesen beiden großen Männern auch an weltpolitischer Bedeutung keineswegs gewachsen; doch liegt seine eigene Bedeutung, nicht zuletzt darin, daß er, als oftmaliger Widersacher Ben Gurions, ein Gegengewicht zum überspitzten Zionismus gebildet hat - und weiterhin bildet. Er mag vielleicht damit gerechnet haben, Ben Gurions Nachfolger zu werden; doch dieser hat den Sessel des Ministerpräsidenten inzwischen an Levi Eschkol abgetreten. Ob Ben Gurion damit auch die Verantwortung für Israel und namentlich für das, was er selber seit 1948 auf- und angestellt, ruhigen Gewissens abgeben durfte, ist eine andere Frage, die erst die Zukunft - eine vielleicht schon nahe Zukunft - beantworten dürfte. Kenner der Lage meinen, es wäre zu begrüßen, wenn seine Nachfolge an weniger fanatische Nur-Zionisten gelangen würde.
Nahum Goldmann hat sich stets als Galuth-Zionist gefühlt, ohne aber die "Verbannung" als Fluch zu empfinden: als Schüler von Theodor Herzl sah er das Heil des jüdischen Volkes keineswegs ausschließlich in der Heimkehr zum Berge Zion; weniger der Ort der Heimstätte, als vielmehr die geschlossene Bereitschaft aller wahren Zionisten zur Sammlung und zum Aufbruch in eine menschenwürdige Heimstätte schien ihm das wichtigste Ziel seines Volkes zu sein. Freilich sollte sich später erweisen, daß sein ideologischer Widersacher Ben Gurion ihm nicht nur an Zielstrebigkeit überlegen war, sondern ihn schließlich auch ins eigene Fahrwasser, genauer gesagt: nach Israel hineinzwang.
Goldmanns eigentlichster Wirkungsbereich ist die große Organisation des Weltzionismus, zu deren Präsidenten er schon in jüngeren Jahren gewählt wurde; in dieser Eigenschaft präsidierte er auch einer Reihe von Zionistischen Weltkongressen. Diese Zusammenkünfte, deren Bedeutung für alle jüdischen Belange gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, sind von Theodor Herzl ins Leben gerufen worden, der, wie schon berichtet, den ersten dieser Kongresse in Basel anno 1897 eröffnete, wo er festsetzte, daß der Kongreß sich alle zwei Jahre aufs neue zu versammeln habe, jeweils in einer anderen Stadt.
Unter den Zionisten, die im ersten Drittel unseres Jahrhunderts eine führende Rolle spielten, ragte der schon früher erwähnte, in Russisch-Polen geborene Nahum Sokolow (1869-1936) hervor, der
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schon 1905 zum Generalsekretär des Weltzionismus gewählt wurde, dann vor allem in Frankreich wirkte, 1917 zu den Inspiratoren der Balfour-Declaration gehörte und 1919 die zionistische Delegation bei den Friedensverhandlungen in Versailles anführte. Präsident der Zionistischen Weltorganisation war er von 1931 bis 1935; ein Jahr später starb er in London, 67 Jahre alt. Sein Tod war ein schwerer - ich möchte sagen: ein kaum ersetzlicher Verlust für den Welt-Zionismus, der unter der ferneren Leitung dieses charaktervollen Nichtfanatikers wahrscheinlich eine andere Entwicklung genommen hätte, als er sie dann tatsächlich nahm.
Als nach Hitlers Machtergreifung der nächste Zionistische Weltkongreß tagte, entsandte auch der "Völkische Beobachter"/München einen Berichterstatter; dieser meldete unterm 23. August 1934, auf Seite 3 des Blattes: "Der Vorsitzende Goldmann schilderte in seiner Rede die Lage des Judentums in den verschiedenen Ländern der Welt: wobei er sich ausführlich mit Deutschland befaßte und dem Dritten Reich den Kampf ansagte: man werde mit Deutschland keinen Kompromiß schließen! Die deutschen Juden müßten in ihre vollen Rechte wieder eingesetzt werden und gleichzeitig alle Rechte einer Minderheit erhalten. 'Der Boykott gegen Deutschland wird fortgesetzt werden, bis dieses Ziel erreicht ist!'"
Falls Nahum Goldmann damals gewußt hat, daß zur gleichen Zeit sein Glaubensgenosse Levi Eschkol (NB: heute israelischer Ministerpräsident) in seinem Berliner Büro mit den deutschen Dienststellen über ein Handelsabkommen verhandelte, so hat er jedenfalls vermieden, sich dies damals anmerken zu lassen. Er scheint sogar aus Eschkols Haavara-Methoden allerlei gelernt und seine kompromißlose Haltung zu spürbarer Konzilianz gemildert zu haben, wie sich drei Jahre später, im September 1937, auf der Genfer Völkerbundstagung zeigte. Dort überreichten die Delegierten der Zionistischen Weltorganisation eine Denkschrift mit verschiedenen Vorschlägen zur Frage, wie man England unter Druck setzen könne, damit es die Einwanderungsquote der Zionisten nach Palästina spürbar-wirksam erhöhe. In dieser Denkschrift fand sich kein Wort des Protestes gegen jene Staaten, in denen sich der Antisemitismus immer drohender bemerkbar machte. Wohin dieser Kurs in Deutschland führte, war längst klar geworden; in Polen aber fanden bereits kleinere Pogrome statt, und die rumänische Regierung Goga-Cuza drohte mit der Ausbürgerung der Juden! - Der heutige Präsident des Weltzionismus befand sich damals auch in Genf und spielte dort die Rolle des gewandtverbindlichen Diplomaten: denn das Züricher "Zionistisch-Israelische Wochenblatt" schrieb im September 1937 in einem Ton, der zwischen Ironie und Erbitterung
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schwankte: "Man müsse einmal zusehen, wie Dr. Nahum Goldmann seriös mit den Vertretern der antisemitischen Staaten verhandle und dabei keinerlei Möglichkeit finde, ein Wort des Protestes gegen die Judenverfolgungen vorzubringen."
Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges bot sich Nahum Goldmann kaum noch eine Gelegenheit für die Anbringung derartiger Höflichkeiten: doch hielt er weiter an der Ansicht fest, der Zionismus habe im Nationalsozialismus einen Brückenbauer nach Palästina, weshalb man ihm seine Judenverfolgungen nachsehen müsse (was letzteres er freilich nicht aussprach). Als vom 20. bis 23. Januar 1941 der 26. Kanadisch-Zionistische Kongreß in Montreal tagte, trat dort als Sprecher der Jewish Agency auch Dr. Goldmann auf: laut "Gazette Montreal" vom 20. Januar 1941 erklärte er unter anderm: "Seit vielen Jahrhunderten hat das jüdische Volk keine so glänzende Gelegenheit gehabt zur Lösung seines Programms wie augenblicklich. Wir wollen diesmal nicht nur beten wie in früheren Jahrhunderten, sondern wir sind bereit, Mitkämpfer in diesem Völkerringen zu sein."
Der ehrenwerte Präsident Dr. Goldmann fand es nicht für richtig, bekannt zu geben, wie seine Kämpfe und die des Weltkongresses zugunsten des in Bedrängnis geratenen europäischen Judentums ausfielen. Er konnte auch nichts sagen, denn alles andere wurde getan, nur nicht, was den notleidenden Juden hätte helfen können. In einem seiner Referate, die er am 4. August 1966 beim jüdischen Weltkongreß, der in Brüssel stattfand, gehalten hatte, erklärte er unter anderem:
"Nachdem der Weltkongreß als erster von der systematischen Vernichtung aller Juden in Konzentrationslagern erfuhr, begann er sich auf die Nachkriegszeit vorzubereiten." Damit ist schon zugegeben, daß man nichts, aber gar nichts zur Vernichtung verurteilter Juden gedacht habe, sie irgendwie zu retten. (s. Protestaktion Martin Bubers) Man bereitete sich eben auf die Nachkriegszeit vor.
Keiner der kleineren und größeren Heuchler, die als Teilnehmer dieses Kongresses diese einmalige Äußerung des Führers des Weltzionismus, Dr. Goldmann, hörten, fragte, und das war alles? Und so sah die Hilfe der Zionistenführer und deren Nachläufer des jüdischen Weltkongresses zugunsten des verlassenen europäischen Judentums aus. Aber so manche dieser Führer haben den traurigen Mut Regie zu führen und den verstorbenen Papst Pius des Schweigens anzuklagen. Im allgemeinen muß verzeichnet werden, daß keine zweite Organisation existiert, die so undemokratisch ist, wie die des jüdischen Weltkongresses. Sie belieben sich als Vertreter des Weltjudentums auszugeben, in Wirklichkeit aber ist kein einziger Teilnehmer aus irgendwelchen Wahlen in keinem Lande der Welt dazu auser-
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koren und bestimmt. Die sogenannten Vertreter sind von Goldmännern ganz einfach ernannt. So täuscht man die Weltöffentlichkeit, daß man das Weltjudentum vertritt.
Das europäische Judentum, soweit es nicht schon geknebelt war, erhob sich denn auch als Mitkämpfer für die Freiheit seines Volkstums - am leidenschaftlichsten im Warschauer Getto, wo am 18. April 1943 der Verzweiflungskampf losbrach, um nach vier Wochen heroischer Aufbäumung in Blut erstickt zu werden. Zu diesem tragischen Heldenkampf hat Nahum Goldmann freilich - hierin einmal einig mit seinem Widersacher Ben Gurion - ganz bewußt geschwiegen - warum? Weil jene Warschauer Märtyrer der Sache Zion nicht zu dienen vermochten! Und ebenso schwieg er zu den Auschwitzer Judenmorden, über die man im Ausland damals schon viel genauer unterrichtet war als in Deutschland, der Heimat der Judenmörder. Um so vernehmlicher erhob dafür seine Stimme der in Jerusalem wirkende Professor Martin Buber, der bedeutendste Religions-Philosoph des Zionismus, damals 66 Jahre alt; er veröffentlichte im Frühjahr 1944 zum Thema Auschwitz eine Anklageschrift, die sich nach außen hin gegen das Hitler-Regime, im Innern aber ebenso eindeutig gegen Palästinas politische Taktik wandte. Hier einige Sätze aus der gehaltvollen Schrift:
"Die Einstellung der jüdischen Siedlung (in Palästina) zur Katastrophe der Diaspora beginnt mit etwas, was nicht zu erklären und nicht zu verstehen ist: mit dem Schweigen. Tage und Monate - so hörten wir, und es ist nicht bestritten worden - wußten die Eingeweihten, was sich ereignet, und was sich angesponnen hat, und verheimlichten der Gemeinschaft in unserm Lande, was sie wußten . . . Was aber in meinen Augen am unverständlichsten ist: als die Gemeinschaft hörte, was vorgeht, und hörte, daß man es ihr Tage und Monate lang verheimlicht hat, da schwieg sie . . . Die Problematik wird noch stärker, wenn diese Sache (die 'Endlösung') nicht nur zu dem uns allen gemeinsamen politischen Zweck benützt wird, sondern zu einem Parteizweck. Es gibt Parteien (im Zionismus), die eine kochende Volksseele brauchen, um ihren Sud daran zu sieden. Ihre beste Chance, und manchmal ihre einzige, ist die Radikalisierung der Situation: sie sind bereit, dieser Chance auch die Rettung (von Menschenleben) zu opfern . . . Und hier erst geschieht wirklich das Entsetzliche: die Ausnützung unserer Katastrophe! Was hierbei bestimmt, ist nicht mehr der Wille zur Rettung, sondern der Wille zur Ausnützung!"
Soweit der ehrwürdige Martin Buber. Er hat völlig Recht: sie haben damals planmäßig geschwiegen, die Zionistenführer. Auch
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Nahum Goldmann hat geschwiegen. Als er sich, etwa zehn Jahre später, in der Person des jungen Dr. Saul Friedländer einen zuverlässigen Sekretär verpflichtete und diesen in mehrjähriger Gemeinschaftsarbeit zu einem gewiegten Propaganda-Manager für den Weltzionismus ausbildete, da hat er wahrscheinlich nicht gewußt, vielleicht aber darauf hingewirkt, daß dieser sein Sekretär wiederum ein paar Jahre später das bösartige Buch gegen Pius XII. schrieb, veröffentlichte und, wie erwähnt, in raffiniert geschickter Weise durch die ganze Welt verbreitete - und warum? Weil der Papst angeblich zu den deutschen Judenverfolgungen geschwiegen habe! - Es bleibt eine der größten Ungeheuerlichkeiten der zionistischen Ideologie, daß ihre Träger, diese geradezu einmaligen Totschweiger und Tabu-Hüter, einen christlichen Kirchenfürsten mittels unrichtiger Behauptungen zu einem der Ihrigen machen und sein Wesen damit verfälschen wollen!
Es wäre charaktervoller und dem jüdischen Volk dienlicher, wenn jene Verfälscher, die bestimmt ihr gerüttelt Maß Mitschuld am Untergang eines Großteil der europäischen Judenschaft tragen, nach biblischer Vorschrift sich einen Sack Asche aufs Haupt legten, nachdem sie sich nach Gebühr in einen Winkel zurückgezogen haben, in dem sie bis an ihr Lebensende Buße tun können. Das entspräche wirklich den Gesetzen der Erzväter, nach denen die heutigen Zionisten ihr Leben von neuem führen wollen; aber man hört nie davon, daß sie auch in diesem Sinne dem Geist ihrer Vorfahren die Treue zu halten bereit wären. Wohl hat Dr. Nahum Goldmann in den letzten Jahren wenigstens einen Teil seiner Mitschuld an der Katastrophe eingestanden; doch sein Mannesmut reicht nicht so weit, hieraus die strengen Folgerungen zu ziehen, auf die sein Glaube ihn verpflichtet.
Der Zionistische Weltkongreß setzt sich aus 500 Vertretern der anerkannten zionistischen Gruppen zusammen; seine Delegierten werden durch die Abgabe eines gekauften Schekel gewählt. Der Schekel ist eine alte biblische Münze, die zu diesem Zwecke symbolisch als Karten gedruckt werden, die die Münzen ersetzen. Sowohl der Wahl wie der Stimmberechtigte muß das 18. Lebensjahr vollendet haben. - Wie stark seit 1948 das Schwergewicht im Kongreß zu Israels Gunsten sich verschoben hat, geht aus der Tatsache hervor, daß in den Galuth-Ländern (der "Diaspora", mit Martin Buber zu sprechen) jeder Delegierte 3 000 Schekelstimmen für seine Erwählung braucht, während die Israel-Delegierten nur 1 500 Schekelstimmen aufbringen müssen. Durch diese erstaunliche - ich vermeide das Wort "ungerechten" - Sonderregelung hat vor allem die Mapai sich einen bleibenden Vorrang im Zionistischen Weltkongreß zu sichern verstanden.
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(Mapai ist die Abkürzung von "Maflegeth Poalai Erez Israel" = "Arbeiterpartei des Landes Israel".)
Der Zionistische Weltkongreß, der im Januar 1961 in Jerusalem zusammentrat, wurde als der erste seiner Art in hebräischer Sprache eröffnet und dokumentierte auch mit dieser Neuerung die Vorherrschaft Israels in seinen Reihen; als Präsident amtierte Dr. Nahum Goldmann. Damals saß Adolf Eichmann bereits seit acht Monaten in Jerusalem gefangen, in Erwartung seines Prozesses, und nicht nur die Weltmeinungen, sondern auch die Ansichten in Israel selber zum "Fall Eichmann" waren auf zwei Lager verteilt. Goldmann schlug vor, man solle Eichmann nicht vor ein israelisches, wohl aber vor ein internationales Gericht stellen, das in Jerusalem zu tagen habe. Dieser durchaus vernünftige Vorschlag erregte Ben Gurions heftigen Zorn: er machte dem Kongreß-Präsidenten in scharfen Worten den Vorwurf, die israelischen Staatsinteressen geschädigt und das Ansehen des Israel-Volkes herabgesetzt zu haben!
Dabei lag der Fall genau umgekehrt: Israel wäre weder geschädigt, noch abgewertet worden, wenn Goldmanns Vorschlag sich durchgesetzt hatte. Nicht nur der größte Teil der jüdischen Weltöffentlichkeit stand damals auf Goldmanns Seite; auch führende Zionisten teilten seine Ansicht, so der jüdische Abgeordnete im englischen Unterhaus, Dr. David Weizmann, der öffentlich erklärte, er würde es lieber gesehen haben, wenn Eichmann durch ein internationales Gremium abgeurteilt worden wäre! Schärfer noch drückte sich der Londoner Zionist Barry Payton aus: er glaube nicht, sagte er, daß Eichmann in Jerusalem eine sachlich gelenkte Gerichtsverhandlung zu erwarten habe, da das Urteil bereits als schlüssige Folgerung festgelegt sei. Und er fuhr fort: "Ich habe das Gefühl, daß die Rückwirkungen dieses Falles einen falschen Weg gehen und uns den Antisemitismus zurückbringen werden!" - Selbst der US-Generalankläger im Nürnberger Hauptkriegsverbrecher-Prozeß, General Telford Taylor - dieser vielleicht aus schlechtem Gewissen heraus - äußerte sich stark besorgt zum Fall Eichmann, von dem man in Juristenkreisen voraussah, daß er als Präzedenzfall im völkerrechtlichen Bereich eines Tages schwerwiegende Folgen für die Jurisdiktion nach sich ziehen könne.
Es gab freilich auch zustimmende Äußerungen; eine kam - ausgerechnet! aus der BRD und zeigte sich in ihrem Tenor so konformistisch wie die bravste bonnhörige Presse: die "Allgemeine Wochenzeitung der Juden in Deutschland" schrieb unterm 7. April 1961: "Das deutsche Volk wird durch den Prozeß gegen Eichmann zu der Erkenntnis kommen müssen, daß die weisen Worte, die Theodor Heuß im November 1949 fand, als er von der deutschen Kollektiv-
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scham sprach, für jetzt und alle Zukunft Geltung haben müssen." - - Diese Sätze dürften wie Honig in Ben Gurions Ohr geflossen sein; doch ich fürchte, sie haben ihm das Gehör für den Empfang vernünftigerer Stimmen verklebt - ja, ihn "für jetzt und alle Zukunft" gegen einsichtsvollere Erkenntnisse taub gemacht.
Ansonsten überraschte Dr. Goldmann in einem der politischen Referate die er auf dem Zionistischen Weltkongreß 1963 in Jerusalem hielt, seine Hörer mit der nachstehenden Prophezeiung: die BRD werde in Kürze den Staat Israel diplomatisch anerkennen! Die Verjährungsfrist werde verlängert werden; die Wiedergutmachungszahlungen werden erhöht werden, so daß auch weiterhin jährlich 80 bis 100 Millionen Dollar nach Israel fließen werden! - Das waren gehaltvolle Ankündigungen, und sie haben sich zum Teil ja auch inzwischen erfüllt der Botschafter-Austausch kam zwar nicht, in "Kürze", aber immerhin doch im Jahr 1965 zustande, und im gleichen Jahr wurde die Verjährung[s]frist verlängert - wenn auch nicht ad infinitum, wie es rachedürstende Zionisten gefordert hatten. Ich werde auf diese beiden Punkte in späteren Abschnitten zurückkommen: zur Frage der künftigen Dollar-Einflüsse ins bodenlose Faß Israel aber möchte ich schon hier bemerken, daß zu derlei Transfusionen noch immer Zwei gehören, und da Westdeutschlands "Wirtschaftswunder" seit einiger Zeit seinen Höhepunkt überschritten hat und in gefährlichem Absinken begriffen ist, so wird eines Tages auch die gutmütigste Zahlungsbereitschaft in Bonn kalte Füße bekommen und den staatlichen Finanzierungskünstlern in Israel erklären müssen: Deutschland habe jetzt genug gezahlt - ja, mehr als genug, und man möge sich in Jerusalem nach anderen Blutspendern für die israelische Wirtschaft umschauen!
Die Wiedergutmachung, wie dieses Wort schon klar und deutlich sagt, sollte Erlittenes wieder gutmachen, das heißt, humanen Zwecken dienen. Durch die "Reparationszahlungen" an Israel wurde diese Wiedergutmachung leider zu einer politischen Farce. Viele der Wiedergutmachungsberechtigten wurden zusätzlich mit neuen Leiden belastet.
Vor einigen Jahren kam aus Israel ein einundsiebzigjähriger ehemaliger Transnistrien-Verbannter nach München; um seine Wiedergutmachungsansprüche zu erheben. Als er sah, daß seine Angelegenheit sich in einem Dschungel von Paragraphen verstrickt hatte, wußte er sich keinen anderen Ausweg mehr als den Freitod. Dies kam mir in Erinnerung, als ich am 1. März 1966 einen Bericht, den die bundesdeutsche Presse veröffentlichte, las. Er sei hier kommentarlos zitiert:
"Ein ehemaliger KZ-Häftling wollte im Bonner Bundesfinanzministerium Selbstmord begehen. Der 42 Jahre alte jüdische Ungarn-
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Flüchtling Georg Löwi aus Wien hatte versucht, sich auf einer Toilette des Ministeriums mit seiner Krawatte zu erhängen. Der Mann war bereits bewußtlos, als Beamte ihn entdeckten. Löwi wurde in einem Bonner Krankenhaus gerettet. Er ist inzwischen nach Wien zurückgereist. Löwi hatte wegen seines Wiedergutmachungsanspruchs im Bundesfinanzministerium vorgesprochen. Als der Mann zur Regelung seiner Ansprüche an den zuständigen Hamburger Senat verwiesen wurde, unternahm er den Selbstmordversuch. Während des Gesprächs mit dem zuständigen Beamten im Bundesfinanzministerium soll Löwi zuvor gesagt haben, er hätte sich schon längst das Leben genommen, wenn ihm bestimmte, mit seinem Fall zusammenhängende Dinge bekannt gewesen wären. Nach Kriegsende hatte Löwi in Hamburg als Schiffskapitän gearbeitet. Später kehrte er nach Ungarn zurück, mußte jedoch bald aus seinem Heimatland wieder fliehen."
Ich deutete schon an, daß in dem ideologischen Kampf zwischen Ben Gurion und Nahum Goldmann der Letztere schließlich unterlag. Wie erwähnt, besaßen die Galuth-Zionisten im Kongreß auch dann noch die Stimmenmehrheit, als es den Israel-Zionisten gelungen war, mittels des Schekelstimmen-Tricks wesentlich "billiger" in den Kongreß gewählt zu werden. Trotzdem wurde auch weiterhin regelmäßig ein bürgerlicher Galuth-Zionist zum Organisations-Präsidenten gewählt; mit anderen Worten: die kapitalistischen Kreise dem Weltjudentums, vor allem die amerikanische Hochfinanz jüdischer Herkunft, blieb führend in der zionistischen Weltorganisation, während die sozialistisch-kommunistische Richtung in Israel im Hintertreffen blieb. Dieser Zustand aber war mit der Zeit für Ben Gurions Totalitarismus ein unerträglicher Dorn im Auge geworden: er ging zum Frontalangriff über und erklärte zum hundertsten Mal, ein Zionist, der nicht nach Israel komme, um dort zu bleiben und zu wirken, sei quasi eine Mißgeburt, ein Heuchler, der auch seine Glaubensbrüder zur Heuchelei erziehe und Israels wahre Interessen schädige! - Nun kannte man zwar diese alte Melodie seit langem; doch in letzter Zeit hatte sie an Klangfülle gewonnen. Der alte Kibbuznik hatte seinen Angriff im Jahr 1960 verstärkt - wohlweislich noch vor der Aufrollung des Eichmann-Prozesses -, und drei Jahre später war es soweit, daß Dr. Nahum Goldmann als Präsident des Weltzionismus seinen Wohnsitz von New York nach Tel Aviv verlegte - verlegen mußte, wenn er nicht dem Fluch der Abtrünnigkeit verfallen wollte, und so ist im Jahr 1963 erstmals ein Präsident des Weltzionismus in Israel wohnhaft und damit Bürger des jungen Staates geworden.
Als solcher ist er zwar nicht der israelischen Staatsraison, wohl aber dem Bewußtsein der eigenen Zugehörigkeit zum Schicksalsweg des
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jüdischen Volkes abtrünnig geworden; sonst hätte er nämlich die Erinnerung an die grauenhafte Warschauer Getto-Tragödie nicht derart bagatellisieren dürfen, wie er es tatsächlich getan hat. Als am 17. April 1963 die Juden in aller Welt den 20. Jahresgedenktag jenes blutigen Aufstandbeginns voll tief ernster Trauer begingen, fühlte man sich auch in Jerusalem peinlich verpflichtet, des tragischen Geschehens irgendwie zu gedenken; doch brachte man es nicht über sich, den Tag in würdiger Form zu feiern. Wie ich schon erwähnte, lehnte der israelische Postminister es damals ab, im Zuge seiner sonst so geschäftstüchtigen Herausgabe von Sonderbriefmarken eine Gedenkmarke für den Warschauer Aufstand erscheinen zu lassen; er begründete diese Ablehnung mit der unglaubwürdigen Erklärung, man dürfe das Volk Israel "nicht immer wieder an die traurigen Ereignisse seines Leidensweges erinnern!" - Diese gleichgültige Haltung trat auch in anderen Regierungs-Verlautbarungen zutage; bestenfalls benutzte man jenen Gedenktag dazu, sich selber von ihm zu distanzieren und die Schuld an ihm einem nebelhaften Weltjudentum in die Schuhe zu
schieben.
Dr. Nahum Goldmann scheint freilich damals einige Gewissensbisse verspürt zu haben; denn in einer Ansprache bekannte er, daß er und andere Zionistenführer seinerzeit wohl Berichte aus dem Getto erhalten hätten, in denen rasche Hilfe angefordert wurde; doch hätten sie selber nicht darauf reagiert - angeblich, weil sie keine Möglichkeiten zur Hilfeleistung gesehen hatten. Etwas später griff Goldmann, anläßlich eines Vortrags in Tel Aviv, das peinliche Thema nochmals auf, beschuldigte jetzt aber das Weltjudentum schlechthin dem Versagens und nahm von diesem schweren Vorwurf lediglich die damals (1943) schon in Palästina ansässigen Juden aus. Diese Behauptung nun ging dem in Tel Aviv lebenden Publizisten David Flinker gegen Ehre und Gewissen: er setzte sich mit Dr. Goldmann in der "Neuen Jüdischen Zeitung" vom 19. April 1963 (S. 3) auseinander, wo er schrieb: "Auch unsere (palästinischen) Führer haben damals geschwiegen und die Massen nicht zu Demonstrationen vor dem Hause des Hohen Kommissars aufgerufen, genau so wie die Führer der amerikanischen Juden ihre Massen nicht aufriefen, vor dem Weißen Haus dasselbe zu tun!"
Das war im Frühjahr 1963. Seitdem ist der Antisemitismus in aller Welt, namentlich aber in den USA und in Kanada, in gefährlichem Wachstum begriffen; doch dieser Erscheinung gegenüber scheinen die zionistischen Führer mit Blindheit geschlagen zu sein. Wohl aber starren sie mit verbissener Wut und gehässigen Blicks weiterhin auf den erprobten Sündenbock, die BRD: sobald sich in Deutschland ein
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paar infantile Hakenkreuz-Schmierereien zeigen, stürzt sich die zionistische Presse haßerfüllt und drohend auf diese Belanglosigkeiten. So hielt es auch Dr. Nahum Goldmann nicht für unter seiner Würde, am 4. Dezember 1964 in Bonn eine Pressekonferenz abzuhalten, auf der er, mit Blick auf die besagten Kindereien, "von den Auswirkungen der gegenwärtigen Krise in den jüdisch-deutschen Beziehungen" sprach. So schob er die wirklich gewichtigen Probleme der Gegenwart auf ein Kleinbahn-Nebengeleis ab. Im übrigen war es auch überheblich, hierbei von jüdisch-deutschen Beziehungen, also im Namen des gesamten Weltjudentums zu sprechen, wozu ihm jegliche Legitimation fehlt; er hätte bestenfalls von "zionistisch-deutschen Beziehungen" sprechen dürfen. Er wähnt eben immer noch, eine jüdische Weltgroßmacht zu vertreten, obwohl er inzwischen zu einem israelischen Funktionär zusammengeschrumpft ist.
Am 18. April 1966 wurden in allen außerosteuropäischen Staaten Gedenkfeiern anläßlich des 23 Jahre zuvor stattgefundenen Aufstandes im Warschauer Getto abgehalten, so auch in New York. Der Präsident der Zionistenorganisation, Torczyner, vertrat bei der Gedenkfeier vor etwa 6 000 Zuhörern auf dem New Yorker Times Square die Ansicht, daß die Stärkung und die Wiedervereinigung Deutschlands die schrecklichsten Gefahren seien, denen sich die Welt gegenübersähe. Weiter sagte Torczyner: "Die Deutschen von heute sind die Deutschen von gestern." So weit, so gut. Wenn man bedenkt, daß der Präsident der USA-Zionistenorganisation dem Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation untergeordnet ist, muß man annehmen, daß seine politische Äußerung von seinem Vorgesetzten gebilligt wurde. Und bekanntlich ist der Präsident der Zionistischen Weltorganisation Dr. Nahum Goldmann, der in Bonn persona grata ist.
Unter den Juden, die im Dienste des Zionismus sich zu Schuld-Diktatoren aufgeworfen haben, wäre noch mancher Name zu nennen; doch verzichte ich hier darauf, weil ich diese Männer in anderen Abschnitten meines Buches zu Wort kommen lasse, und weil sie mit den drei prominenten Führern, die im Vorstehenden behandelt worden sind, sich an Bedeutung nicht messen können. Lediglich eines Mannes sei hier noch gedacht, weil er in seiner betonten Eigenwilligkeit - darin verwandt mit, aber auch diametral entgegengesetzt zu Ben Gurion - eine politische Färbung trug, die ihm in manchen Kreisen den Namen eines "jüdischen Hitlers" eingetragen hat. Ich denke hierbei an den vor einiger Zeit verstorbenen
den Vorsitzenden des "Verbandes deutscher Rabbiner". Er pflegte
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sich selber als "zionistenfreundlich" zu bezeichnen, und er war es im Grunde auch wohl; doch haftete dieser seiner Freundlichkeit ein merkwürdig mephistophelischer Zug an. Er begrüßte ganz unverhohlen das Erstarken der NSDAP mit der Erklärung, daß die Ziele des
Judentums mit denen des Hitlertums identisch seien: eine ebenso gefährliche wie gefährdende Äußerung, deren Verantwortungslosigkeit die eindeutig scharfe Grenze zwischen den besagten beiden Weltanschauungen ins Undeutliche verwischte. (Daß auch Dr. Baeck, genau so wie Dr. Goldmann, sich darin gefiel, im Namen des Judentums zu sprechen, das ihm gar keinen Auftrag dazu erteilt hatte, sei nur am Rande vermerkt.)
Im Hinblick auf Baecks pronationalsozialistische Erklärung erscheint es verständlich, daß Lion Feuchtwanger und Arnold Zweig geschrieben haben:
"Nichts wäre sinnloser, als dem Faschismus der anderen einen jüdischen Faschismus entgegenzusetzen . . ." ("Die Aufgabe des Judentums", Pariser Verlag des Europäischen Merkur, 1933, Seite 41-42)
Heute macht sich kaum ein zionistisch-israelischer Geschichtsschreiber mehr klar - - oder wenn schon, dann verschweigt er es -, daß Dr. Baeck seine verblüffende Gleichsetzung etwa im gleichen Jahr nach dem Beginn des amerikanischen Weltboykotts gegen Deutschland äußerte und diesem damit genau so schadete wie das Haavara-Abkommen, das von Levi Eschkol und Genossen damals in Berlin manipuliert wurde - etwa zur gleichen Zeit, als der Kardinal-Sekretär Pacelli seine Note vom 14. Mai 1934 an die deutsche Reichsregierung richtete, in der es hieß: "Die Verabsolutierung des Rassegedankens und vor allem seine Proklamation als Religionsersatz ist ein Irrweg, dessen Unheilsfrüchte nicht auf sich warten lassen." - Mit diesen Worten nahm ein christlicher Kirchenfürst die jüdische Rasse in Schutz vor dem Rassenhochmut einer arischen Regierung; gleichzeitig aber stellten sich Zionisten und Zionistenfreunde ideell und finanziell auf die Seite dieser judenfeindlichen Regierung, um moralische und wirtschaftliche Geschäfte mit ihr zu machen - aus einer Wesensspaltung heraus, die der Psychiater als Schizophrenie bezeichnet; diese tritt offenbar nicht nur an Einzelkörpern, sondern auch an Volkskörpern in Erscheinung.
Als Dr. Baeck sich im Jahr 1933 anmaßte, im Namen des Judentums seine gefährliche Hitler-Parallele zu ziehen, hat er wohl kaum daran gedacht, daß zehn Jahre später ein neuer Begriff ins abendländische Geschichtsbild eingeführt werden würde: der Begriff der Kollektivschuld. Mit ihm ist unser geschichtliches Denken um eine wahrhaft barbarische Ideologie bereichert worden, und wenn Dr. Baeck
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damals wirklich im Namen des Judentums gesprochen hätte, dann müßte dieses heute mit dem Schimpf der Kollektivschuld an der jüdischen Nazifreundschaft belastet - und vor der Weltöffentlichkeit angeklagt werden, wie man das dem toten Papst Pius gegenüber so eindringlich getan hat und weiterhin tut. Doch gewisse Grenzen bleiben immer noch der Ironie des Schicksals gesetzt.
Hannah Arendt hat in ihrem Buch "Eichmann in Jerusalem" gelegentlich vom "Führer Baeck" gesprochen und mit diesem Anklang an Hitler den Zorn gewisser israelischer Heuchler herausgefordert. Dabei hat sie im Grunde eine durchaus richtige Charakteristik des Rabbiners gegeben; denn dieser hatte die Anschauungen und Methoden des Dritten Reiches ganz einfach aufs Feld des Zionismus verpflanzt: er hatte dem deutschen Antisemitismus den eigenen Antiarabismus zugesellt und damit erheblich zu den überaus grausamen israelischen Araber-Verfolgungen in Palästina beigetragen. Auch nach Dr. Baecks Tode blieb man am Jordan den von ihm empfohlenen Methoden der "Endlösung" treu: Enteignung, Austreibung und notfalls Liquidierung der im Land ansässigen Araber waren bis vor kurzem an der Tagesordnung und können jederzeit neu aufgenommen werden. Im günstigsten Falle herrscht heute zwischen den Israelis und den Arabern ein Verhältnis wie in den Südstaaten der USA zwischen den Weißen und den Schwarzen.
Am 8. März 1966 wurden wiederum vatikanische Dokumente veröffentlicht. Diesmal sind es Briefe, die zwischen dem Heiligen Stuhl und den deutschen Kardinälen gewechselt wurden. Einige dieser Briefe sind sogar von Pius XII. unterzeichnet. Man mag diese Dokumente lesen wie man will: auf normale Weise oder zwischen den Zeilen suchend - man wird nichts finden, was dem Vatikan, insbesondere Pius XII., abträglich wäre. Man findet auch nichts, was andeuten könnte, daß jemals ein katholischer Würdenträger seine Glaubensbrüder aufgefordert hätte, mit dem Naziregime zusammenzuarbeiten. Ebensowenig findet sich in den veröffentlichten Briefen irgendein Anhaltspunkt dafür, daß ein Kirchenfürst eine Geistesgemeinschaft zwischen Katholizismus und Nationalsozialismus hätte anbahnen wollen.
Der aufmerksame Leser aber findet unter anderem ein Schreiben Pius' XII. vom 30. April 1943, adressiert an "seinen ehrwürdigen Bruder Konrad von Preysing" in Berlin:
"Es hat Uns, um ein naheliegendes Beispiel zu nehmen, getröstet, zu hören, daß die Katholiken, gerade auch die Berliner Katholiken, den sogenannten Nichtariern in ihrer Bedrängnis viel Liebe entgegengebracht haben."
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Im gleichen Brief heißt es:
"Für die katholischen Nichtariern wie auch für die Glaubensjuden hat der Heilige Stuhl getan, was nur in seinen Kräften stand, in seinen wirtschaftlichen und moralischen."
Und weiter wird die Tat des Monsignore Bernard Lichtenberg, der öffentlich für die in Not geratenen Juden betete, dafür ins Gefängnis kam und dort verstarb, lobend hervorgehoben.
Darüber hinaus erhielt der Vatikan 1943 schon mehrere Dankesschreiben einzelner Juden und jüdischer Organisationen für verfolgten Juden geleistete Hilfedienste.
Ich wäre glücklich zu erfahren, ob jemals ein Zionist sein Leben hergeben mußte, weil er Nichtjuden geholfen hat.
Traurig und beschämend ist es daher, wenn Glaubens- und ideologische Genossen des Rabbiners Baeck, der die Interessen des Judentums und die des Nationalsozialismus für identisch erklärte, den toten Papst und mit ihm die europäischen Christen überhaupt der Nazisympathie beschuldigen, was gleichbedeutend ist mit dem Vorwurf, an der Ermordung von Juden mitschuldig zu sein. Dr. Baeck, obwohl Rabbiner, richtete sich nicht nach dem Spruch Salomons 10, 19: "Bei der Menge der Worte fehlt Übertretung nicht; wer aber seine Lippen zurückhält, ist einsichtsvoll."
Möge Jehova den heutigen Piusanklägern die weise Einsicht schenken, die Lippen zu schließen, bevor sie noch mehr Unheil stiften!
"Selbst wenn wir denen fluchen, die uns widerrechtlich kränken und uns Böses zufügen, ist dieser Fluch, Gott behüte!, keine Vorschrift der Religion, sondern dem Tun eines Gekränkten ähnlich, der dem eigenen Sohn oder Bruder flucht; allein ferne ist es von uns, ein Volk, selbst wenn ein Teil desselben uns Böses getan hat, im Ganzen zu verfluchen." Rabbi Elieser Aschkenasi (1513-1586)
Die Anrechnung irgendwelcher Kollektivschuld - stets vonseiten des jeweiligen Siegers und nur dem Besiegten gegenüber gehandhabt - ist so alt wie die Geschichte der menschlichen Kriegsführung: seit den frühesten Zeiten des Altertums wird uns von dieser Methode der "Bestrafung" berichtet, und namentlich auch die Geschichte des jüdischen
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Volkes, dargestellt im Alten Testament, wimmelt nur so von Schilderungen, wie jüdische Stammesfürsten und Könige ihre besiegten Feinde mit der Kollektivschuld belasteten und deren Völker daraufhin ausrotteten: dies ereignete sich sogar mehrfach nach dem Austrag blutiger Fehden zwischen den einzelnen Stämmen des Volkes Israel, wobei der siegreiche Stamm stets im Namen seines Gottes eine tödliche Kollektivrache übte. Beispiele anzuführen erübrigt sich; jedem
Kenner des Alten Testaments sind sie bekannt.
Das nachchristliche Abendland verfuhr keineswegs milder oder gerechter: auch seine Geschichte ist reich an Grausamkeiten der Siegerwillkür: man "ging aufs Ganze" und rottete das Volk des unbequemen Feindes aus. (Die 5000 Sachsen, die Karl der Große bei Verden an der Aller abschlachten ließ, sind unvergessene Zeugen jener brutalen Methode!). Später aber, nach dem Ablauf des ersten nachchristlichen Jahrtausends, trat allmählich ein neues Moment in der abendländischen Kriegsführung auf: das Rittertum bemächtigte sich des Waffengangs, indem es den Zweikampf auf den Schild erhob und ihn verherrlichte: wie an den Kampf zwischen einzelnen Rittern legte man mit der Zeit den Maßstab der Ehre auch an den Kampf zwischen Stämmen, Gauen und Völkern; das Verlangen nach Racheübung oder Vergeltung trat zurück, und von Kollektivschuld ist in den Chroniken des Hohen Mittelalters nicht mehr die Rede. (Unberührt von dieser Entwicklung blieb wohl in einzelnen nordeuropäischen Bereichen die Handhabe der Sippenhaftung und im Mittelmeerraum das ungeschriebene Gesetz der Blutrache: diese beiden Sühnungsmethoden sind such heute noch anzutreffen, aber nur als Randerscheinungen zu werten.)
Vom Geiste dieser versöhnlichen Haltung, nicht nur dem Besiegten gegenüber, ist auch der Ausspruch des Rabbi Elieser Aschkenasi erfüllt, den ich diesem Abschnitt vorausgestellt habe: aus ihm schimmert das Morgenrot einer neuen Zeit, das auch die alte jüdische Weisheit in sein helles Licht bettete.
Bedeutsam ist, daß die ritterliche Kampfesweise auch dann noch gültig blieb, als das Rittertum dem Pulverkrieg mit ferntragenden Geschossen hatte weichen müssen: selbst der Dreißigjährige Krieg kannte die Kollektivschuld nicht; seine unmenschlichen Grausamkeiten entsprangen lediglich dem verwilderten Kampf Aller gegen Alle und entluden sich ohne höheres Gesetz, ohne irgend eine Vorstellung von Schuld und Sühne, einfach aus entmenschter Gier heraus. Und als habe die europäische Menschheit sich nach diesem schauerlichen Wüten auf ihre verlorene ritterliche Würde neu besonnen, nahmen die Kämpfe des 18. und auch noch des 19. Jahrhunderts den Charakter
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der sog. "Kabinettskriege" an: man schlug sich und vertrug sich wieder, ohne einem verderblichen Totalitäts-Anspruch nachzujagen. Man stelle sich nur vor, Friedrich der Große oder der Wiener Kongreß oder auch Bismarck hätte nach siegreich beendetem Krieg dem besiegten Gegner eine Kollektivschuld aufgebürdet oder nach Kollektivrache gedürstet: ein ganz unmöglicher Gedanke! Selbst noch im Versailler Friedensdiktat von 1919, so entwürdigend und unerträglich es für Deutschland war, fehlt der Begriff einer deutschen Kollektivschuld; man statuierte zwar die angebliche Alleinschuld Deutschland, und des deutschen Kaisers am Kriegsausbruch: doch diese Beschuldigungen zerbrachen schon nach wenigen Jahren - nicht nur, weil sie unbewiesen, auch weil sie unbeweisbar waren und durch die späteren Mitschuld-Eingeständnisse der Siegermächte entkräftet waren.
Wie konnte es nun geschehen, daß seit 1945 das Trauma der Kollektivschuld überm deutschen Volke hängt - auch heute noch, obwohl die Anklage vor dem Nürnberger Tribunal, Deutschland sei gesamtschuldig für die Taten des NS-Regimes, schon im Ersten Kriegsverbrecher-Prozeß widerlegt und fallen gelassen wurde? Es fällt mir schwer, und es schmerzt mich, als Jude erklären zu müssen, daß an der Aufrechterhaltung der deutschen Kollektivschuld-Legende viele Juden, vor allem der Weltzionismus israelischer Prägung interessiert und damit für sie hauptverantwortlich ist. Zu dieser schwerwiegenden Frage hilft kein Lippenspitzen; hier muß gepfiffen sein, bis dieses Tabu in sich zusammensinken wird! Oder wie wäre es sonst zu erklären, daß nach all den Friedensschlüssen der letzten tausend Jahre, denen die Kollektivschuld fremd war, dieser Begriff jetzt plötzlich weltbeherrschend geworden ist!? Nun, einfach darum, weil erstmals in der abendländischen Geschichte das Judentum in Gestalt des Zionismus zu einem, wenn auch kaum militärischen, so doch politischen Machtfaktor geworden ist. Um so schmerzlicher bleibt es für jeden auf Wahrheit und Gerechtigkeit bedachten heutigen Juden, sehen zu müssen, daß der Zionismus seinen Eintritt in die Geschichte nicht im hellen Geist einer brüderlichen Versöhnungsbereitschaft, sondern ins düsteren Schatten haßvoller Rachsucht vollzogen hat: war schon der große moralische Kredit, den die Welt dem jungen Staat Israel bereitwillig eingeräumt hatte, von diesem durch die grausamen Mißhandlungen des palästinischen Arabertums weitgehend verbraucht worden, so wurde und wird sein Rest jetzt auch noch durch die täglich erneuerten Schuld-Diktate an Deutschland leichtfertig verläppert! Ohne Zweifel hat das Dritte Reich sich schwerstens am Judentum versündigt; doch Gleiches mit Gleichem soll man nur im Guten oder Besseren vergelten, nicht aber im Bösen oder Böseren, und wenn
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die Racheübung verewigt wird, dann endet der Fluch ja niemals, der über der verquälten Menschheit lastet!
Der Präsident der amerikanischen Zionisten, Rabbiner Joachim Prinz, führte auf dem 5. "Jüdischen Weltkongreß" zum Thema "jüdisch-deutscher Dialog" laut "Basler Nachrichten" vom 7. August 1966, Seite 7 u. a. aus: ". . . daß Auschwitz und die 6 Millionen von den Deutschen ermordeten Juden bereits unauslöschlich zum jüdischen Geistesleben und zur jüdischen Geschichte gehörten, so daß der Jude nie vergessen dürfe und keinen Dialog mit Deutschen führen könne, die vergessen haben oder vergessen wollen."
Anmaßend ist schon, wenn Herr Prinz im Namen der amerikanischen Juden spricht, welche Legitimation fehlt. Außerdem ist es traurig genug, wenn ein Seelsorger Politik treibt, dazu noch Scheuklappenpolitik, die so unjüdisch, unrabbinisch ist und im Gegensatz zu den besten Vertretern unseres Volkes (s. Motto). Der Herr Prinz ist ein schlechter Politiker und bestimmt auch kein guter Rabbiner. Denn nach Denkungsart des haßerfüllten Predigers Prinz müßte man doch die Greueltaten, die Zionisten und Israelis den Arabern gegenüber begangen haben, "den Juden" als Kollektivschuld ankreiden. Wenn man so von Haß erfüllt ist wie Rabbiner Prinz und diesen Haß auf andere zu übertragen sucht, ist man auch nicht mehr imstande, logisch zu denken. Darüber hinaus macht sich der Rabbiner an dem Nichtzustandekommen der Völkerverbrüderung und Völkerfrieden mitschuldig. Versöhnung und Frieden haben wir Galuth-Juden am allermeisten nötig. So daß selbst ernannte Vertreter unseres Volkes, wie Herr Prinz, mit ihrer Tätigkeit dem Weltjudentum einen Bärendienst leisten.
Möge Jehova auch diesem sündigen Rabbiner Vernunft und Herzensgüte einflößen, daß auch er zu Vergessen und Vergeben gelange, zum Nutzen seiner eigenen Seele und zum Nutzen des jüdischen Volkes.
Zu den größten Propheten unseres Volkes gehört Jeremia. Zu ihm sprach Gott, der Herr: ". . . und ich will nicht mehr zornig blicken auf euch; denn ich bin gnädig und grolle nicht ewig!" (Jer. 3, 12). Dieses Gotteswort aber haben unsere heutigen Kollektivschuld-Ideologen ganz bewußt vergessen, ob es gleich für alle Zeiten gültig bleibt. Sie aber hören nicht auf, Rache zu predigen und den Haß zu verewigen.
Auch den christlichen Kirchen ist der Begriff der Kollektivschuld fremd und somit anstößig; namentlich die Katholische Kirche hat sich durch den Mund des Papstes Pius XII. mehrfach klar gegen ihn ausgesprochen. Schon vor dem Kriegsende sagte er (am 2. Juni 1944 vor dem Kardinals-Kollegium) ". . . daß heute wie in vergangenen Zeiten die
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Kriege schwerlich den Völkern als solchen zur Last gelegt und als Schuld angerechnet werden können." - In seinem Schreiben vom 15. August 1945 an die bayerischen Bischöfe erklärte er: ". . . daß es sachlich nicht richtig und der Wahrheit nicht entsprechend ist, wenn man der ganzen Nation zuschreibt, was die Partei begangen hat". - Ja, noch acht Jahre später, kam der Papst auf dieses Thema zurück, als er am 13. September 1953 in seiner Ansprache an die Mitglieder der Pax-Christi-Bewegung ausführte: ". . . daß die Völker als Ganzes nicht zur Verantwortung gezogen werden können! . . . man ziehe möglichst die Schuldigen zur Verantwortung, scheide jedoch gerecht und sauber zwischen ihnen und dem Volk als Ganzem!"
Natürlich legten die Pius-Gegner ihm auch diese Erklärung als Zeichen seiner "Nazi-Freundschaft" aus, obwohl er gerade hier besonders klar zwischen Volk und Regierung, zwischen Nation und Partei unterschieden hatte: doch was kümmerte das jene Fanatiker? Sie hatten von Hitler den zweischneidigen Begriff der "Gleichschaltung" übernommen, und nun schalteten sie gewissenlos gleich: sie machten den Papst stellvertretend für die Katholische Kirche haftbar und machten gleichzeitig die BRD stellvertretend fürs Dritte Reich haftbar, um von der eigenen großen Schuld abzulenken!
Die Entwicklung der Weltlage nach 1945 brachte es nun freilich mit sich, daß es auch der zionistischen Führung in Israel geboten schien, hin und wieder Toleranz an den Tag zu legen und sich damit als fortschrittlich zu drapieren: vor einigen Jahren lud man die beiden 19jährigen Araber Schonki Chatiw und Muhamed Abu-Deris aus den Dörfern Delir Channa und Eilut ein: sie könnten sich im ganzen Lande ebenso frei bewegen wie die Israelis selber! Die Beiden kamen denn auch, bummelten durch Tel Aviv und waren sprachlos ob der Pracht dieser Stadt. In der Allenby Street faszinierte sie eine Buchhandlung, und sie gingen hinein, zu ihrer Orientierung einen Stadtplan zu kaufen, worauf sie prompt von der Polizei als Spione verhaftet wurden. 1934, als Tel Aviv eine Bevölkerungszahl von siebzigtausend Juden hatte, waren es fünftausend Araber, heute zählt die Stadt etwa dreieinhalbmal so viele jüdische Einwohner, aber keinen einzigen Araber mehr. - Auch um die religiöse Toleranz der Israelis ist es schwach bestellt: im Februar 1963 sah sich das Oberhaupt der Katholischen Kirche Israels, der Bischof Pietro Tschipedo, gezwungen, eine offizielle Beschwerde beim israelischen Kultusminister, dem Dr. Wahrhaftig, zu erheben darüber, daß verschiedene katholische Institutionen im Lande an der Ausübung ihrer geistlichen Tätigkeit behindert würden.
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Nun gibt es ja überall in der Welt zwei Arten von Toleranz: die eine hilft den Tolerierten: die andere nützt den Toleranten und ist somit bei den Regierungen beliebter als die erstere. Für den Staat Israel gilt das in besonderem Maße; zum Beispiel übt er eine ganz erstaunliche Toleranz gegenüber den Nicht-Deutschen, die sich am Juden-Massenmord beteiligt haben. Während man den Deutschen aus jeder einzelnen Juden-Erschießung einen hochnotpeinlichen Strich zu drehen sucht, sind zahlreiche nichtdeutsche Verbrecher bis heute straffrei ausgegangen: sie bewegen sich noch immer frei in der "freien" Welt, obwohl ihre Anschriften genau bekannt sind, so daß sie jederzeit vor Gericht gestellt werden könnten, wenn Zion auch nur den geringsten Wert auf ihre Aburteilung legte! Ich phantasiere keineswegs: diese Verbrecher leben heute in Neuseeland, in Australien, in Kanada und in den USA, ja auch in der BRD! Einer der grimmigsten Massenmörder ist, zum Beispiel, der Litauer Paschkewitsch, der mit seiner Familie in Chikago lebt: mit ihm verglichen ist Adolf Eichmann ein Engel gewesen! Dieser Litauer wurde in absentia im Osten verurteilt, und seine Auslieferung wurde mehrmals, aber vergeblich verlangt. Wenn seine Nichtauslieferung an einen kommunistischen Staat noch halbwegs begreiflich ist, so bleibt dagegen völlig unverständlich, warum er nicht in den USA zur Verantwortung gezogen wird. - Noch unverständlicher ist, daß in der BRD nur Deutsche verurteilt werden, während Angehörige anderer Staaten, die - vielfach auf Kosten der deutschen Steuerzahler - in der BRD leben und schwere Verbrechen gegen Juden begangen haben, gänzlich unbehelligt bleiben. Einige von ihnen wurden im Osten verurteilt: ihre Anschriften dürften den deutschen Behörden bekannt sein. Ihrer etliche halten sich in Hannover, andere ein München auf; unter den letzteren kann sich frei bewegen und sogar politisch betätigen der ehemalige Führer der rumänischen "Eisernen Garde", Horia Sima. Auf sein Konto gehen die blutigen Ausschreitungen gegen die Juden vom 9. April 1935 in Bukarest und vor allem die Pogrome in Jassy und Bukarest, die in den Januartagen 1941 stattfanden; damals war er Stellvertreter des rumänischen Staatschefs Antonescu. Von diesem verlangte Hitler schließlich, daß Sima abgesetzt wurde, ehe er das ganze Land in Judenblut baden konnte! Und dieser Unmensch lebt heute auf bundesdeutschem Boden! Wenn die Zionisten Israels tatsächlich kein Interesse an der Bestrafung eines solchen Verbrechers haben, - warum machen ihm die zuständigen deutschen Behörden keinen Prozeß?
Ich sagte schon, daß der Vollzug von Kollektivstrafen uralt ist. Ebenso alt ist auch der Bannfluch, der vor Beginn des Kampfes über den Gegner verhängt wird, auf daß dieser mit der Hilfe der angeru-
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fenen Götter besiegt werde: die beiden Vollzüge sind sozusagen das Alpha und das Omega jedes Kampfes, bei dem es ums Ganze geht. Der Bannfluch heißt auf hebräisch Cherem; er hat seit grauer Vorzeit nicht nur als Gelübde, sondern auch als Strafandrohung seitens des jüdischen Volkes gewirkt und noch in jüngster Zeit, nach Hitlers Machtergreifung, seine altsakrale Rolle gespielt, weshalb er in diesem Zusammenhang erwähnt sein soll:
Im September 1933 verkündigte B. A. Mendelson, Oberrabbiner von New Jersey, in New York den Cherem gegen Deutschland; als Teil des Rituals wurden zwei schwarze Kerzenlichter angezündet, dazu drei Signale aus dem Schofar, einem Widderhorn, geblasen. Dann verlas der Rabbiner den Cherem: "Im Namen der Assembly of Hebrew Orthodox Rabbis of The United States and Canada und anderer Rabbiner-Vereinigungen nehmen wir als Führer Israels anläßlich unserer Jahresversammlung die Gelegenheit wahr, einen 'Cherem' über alles in Deutschland Hergestellte zu verhängen. Von heute an werden wir uns jeglichen Handels mit allem Rohmaterial aus Deutschland enthalten. Wir sind vorsichtig bei der Handhabe deutscher Waren usw. usw. Der Termin dieses Entschlusses läuft erst mit der Zurückziehung (!) des Hitlers-Regimes [sic] ab; dann wird der Cherem unsern Segen haben." ("New York Times", 7. September 1933.) - Da damals die Haavara-Verhandlungen in Berlin bereits auf vollen Touren liefen, hielt man es in New York für sinnreich, am 7. März 1934 nochmals einen feierlichen Cherem zu verhängen; das geschah im Madison Square Garden, dem größten Versammlungslokal der Stadt, wo auch Rabbi Stephan B. Wise und Rechtsanwalt Samuel Untermeyer, der Initiator des Deutschland-Boykotts, anwesend waren. Zweifellos eine gut gemeinte, feierliche Unternehmung . . .
Doch zurück zum Kollektivschuld-Thema. David Ben Gurion in Israel scheint nach 1948 weniger vom Schofar-Blasen, um so mehr aber vom Kasse-Fassen gehalten zu haben: ihm als einem finanzkundigen Staatsmann erschien die deutsche Kollektivschuld wohl vor allem als ein Wechsel auf die deutsche Bundesbank, sobald sich die Verhältnisse in der BRD stabilisiert hatten, und die deutsche Währungsreform durchgeführt worden war: zum Jahresende 1951 entschloß er sich, große Wiedergutrnachungs-Forderungen an Bonn zu stellen, und in der stürmischen Nachtsitzung vom 8. Januar 1952 ließ er sich von der Knesseth ermächtigen, Verhandlungen mit der Bonner Regierung über "Reparationszahlungen" aufzunehmen; einige Zeit später bezifferte er in Tel Aviv die israelischen Ansprüche an die BRD und an die deutsche Sowjetzone auf rund 6 Milliarden Deutsche Mark. Noch
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heute wie schon damals fragt sich jeder einsichtige Mensch: Ansprüche - worauf? Wiedergutmachungen - wofür??
Auch das Volk von Israel dürfte sich diese Frage gestellt haben. Der einfache Mann auf der Straße war sicherlich von Deutschlands Kollektivschuld ebenso fest wie naiv überzeugt; doch gerade darum wollte er mit den ihm verhaßten Deutschen überhaupt nichts zu tun haben, am allerwenigsten aber in der Form von Geldgeschäften; denn sein anständiges Gerechtigkeitsgefühl sagte ihm, daß deutsche Wiedergutmachungssummen ausschließlich an die vor 1948 Betroffenen, bezw. deren Hinterbliebene zu zahlen seien. Also kam es im Januar 1952, während Ben Gurion seiner Knesseth (d. h. vor allem seiner Mapai; denn die anderen Parteien stimmten dagegen oder enthielten sich der Stimme) die Ermächtigung zu Verhandlungen mit Deutschland abforderte, zu der für immer denkwürdigen Erscheinung, daß das Volk von Israel, hier Jerusalem, in leidenschaftlichen Demonstrationen gegen diesen "Kuhhandel" seiner Regierung protestierte: nur mit äußerster Anstrengung konnte die Polizei verhindern, daß die erbitterte Masse das Parlamentsgebäude stürmte, und als schließlich die Feuerwehr den Befehl erhielt, mit Wasserstrahlen gegen die Menge vorzugehen, verweigerte sie geschlossen den Gehorsam. Nur selten einmal ist sonstwo der tiefe Riß zwischen dem gesunden Volksempfinden und der labilen Mentalität der gewählten Volksvertretung so sichtbar geworden wie damals in Jerusalem.
Die Haltung des Volkes Israel gegen Deutschland war damals zwar einheitlich in der Ablehnung, doch uneinheitlich in der Form dieser Ablehnung: es gab auch fanatische Elemente, die in Einzelanschlägen ihrer Rache nachgingen: sie unternahmen Attentatsversuche auf den deutschen Vertreter Prof. Böhm in Den Haag und auf den Bundeskanzler Konrad Adenauer. Der letztere Anschlag, Ende März 1952 in München vereitelt, wurde zunächst als kommunistischer, bezw. nazistischer Herkunft bezeichnet, bis sein zionistischer Ursprung unwiderleglich festgestellt wurde; daraufhin verbot Adenauer der deutschen Presse, diese Tatsache zu verbreiten, weil solches dem Antisemitismus neuen Auftrieb gegeben hätte. Die Täter wurden niemals ermittelt: so blieb auch der Tod des deutschen Polizisten Karl Reichert, der dem hochgehenden Sprengstoff des Paketes erlag, juristisch ungesühnt.
Verwunderlich, aber charakteristisch ist die Tatsache, daß manche, auch heute noch in der BRD lebende Zionisten ihren Haß auf alles Deutsche offen aussprechen und gelegentlich auch betätigen: man fragt sich, warum diese Hetzer nicht nach Israel übersiedeln, wohin sie doch gehören!? Ihrer einige gründeten im Herbst 1960 in West-
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Berlin den "Bund der aktiven Altzionisten" dessen Aktivität sich eindeutig gegen Deutschland richtete, den Kollektivschuld-Gedanken mästete und die Atmosphäre zwischen Bonn und Jerusalem verpestete, dafür freilich auch von den israelischen Tageszeitungen lächerlich gemacht wurde. Derlei abtrünnige Figuren waren es auch, die den aufrechten, inzwischen verstorbenen ehemaligen Oberrabbiner Dr. Isaak Goldstein in Berlin mundtot machten und mit ihrem Haß bis ins Grab verfolgten, weil er es gewagt hatte, für Wahrheit und Gerechtigkeit zwischen seinem und dem deutschen Volk einzutreten, und sie verfolgen weiterhin jeden Gesinnungsgesnossen [sic] dieses charakterfesten Mannes. Nun kennt man freilich diese minderwertigen Typen genau - nicht nur in Europa, sondern auch in den USA, wo der bekannte Publizist Schlomo Ben Israel in der jiddischen Zeitung "Vorwärts "(New York, 2. März 1960) einen Aufsatz veröffentlichte, dessen Schluß lautet: "Die (zionistischen) Juden, die sich heute wieder in Deutschland niederlassen, sind keine Ehre für das Weltjudentum: der größte Teil von ihnen ist Abfall, eine Müllkiste des jüdischen Volkes!"
Derartige Kennzeichnungen mögen klärend und somit reinigend wirken: doch bessern sie nur weniges an dem psychopathisch gespannten Verhältnis zwischen Israel und Deutschland, solange über letzterem weiterhin die schwarze Wolke der Kollektivschuld lastet, die zwar im Nürnberger Kriegsverbrecher-Hauptprozeß juristisch als nicht vorhanden erklärt worden ist, praktisch aber immer noch und stets von neuem über den deutschen Ländern und Menschen zusammengeballt wird. So hat auch der unglückliche Eichmann-Prozeß dem damaligen Ankläger, Generalstaatsanwalt Gideon Hausner, den traurigen Mut eingeblasen, noch einge [sic] Jahre später in der deutschsprachigen Zeitung "Jedioth Chadaschoth" (Tel Aviv, 4. September 1964) zu schreiben: "Das ganze deutsche Volk war für die Greueltaten verantwortlich. Die Kriegsverbrecher kamen aus allen Teilen Deutschlands." - Hausner ignoriert somit nicht nur das eben erwähnte Nürnberger Urteil von 1946; er wünscht nicht nur eine neue juristische Festlegung, sondern auch die Verewigung der deutschen Kollektivschuld, also ein nicht enden sollendes Weiterforschen und Verfolgen selbst noch des letzten Verdächtigen; seine Zusammenarbeit mit der "Ludwigsburger Zentrale" ist kaum zu bezweifeln. Wenn nun der Jurist Hausner es fertigbringt, die Schuld Einzelner einem ganzen Volk aufzubürden - und das für alle Zeiten -, dann müßte er auch damit einverstanden sein, daß die Verurteilung Christi dem ganzen jüdischen Volk angelastet wird - und das ebenfalls für alle Zeiten. Doch das steht auf einem andern Blatt.
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Schließlich gehört in dieses trübe Kapitel auch das Politikum der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der BRD und Israel: eine Maßnahme, die für gewöhnlich reibungslos zwischen zwei Ländern sich abzuwickeln pflegt, in diesem Fall aber zu einer Zangengeburt wurde, bis endlich im Spätsommer 1965 der Austausch von Botschaftern vollzogen worden ist. Schon die Vorgeschichte dieser "Normalisierung" trug groteske Züge: in Israel wie auch in den USA wurde gegen den deutscherseits als Botschafter vorgesehen Dr. Pauls demonstriert - angeblich, weil auch er an Juden-Ermordungen beteiligt gewesen ist, was lächerlich genug völlig aus der Luft gegriffen war. Auch gegen den ungarndeutschen Legationsrat Dr. Alexander Török, der als Gehilfe von Dr. Pauls nach Jerusalem ging, wurde ein Fragebogenkrieg entfesselt - und warum? Natürlich darum, weil dieser noch junge Diplomat im Dritten Reich aufgewachsen ist und mit seiner ganzen Generation zwölf Jahre lang die Luft der NS-Staatsführung geatmet und sich womöglich - Gott soll schützen! - in irgendeiner Parteigliederung, vielleicht als Pimpf, aufs harmloseste betätigt hat!? - Was für einen Botschafter, was für Botschaftsräte aus Deutschland erwartet man sich eigentlich in Israel? Ideologisch aufmontierte Roboter? Oder chemisch gereinigte Heuchler? Oder Männer aus der Emigration von 1933/39? Vor derlei Restaurierungen hat bereits der große schweizer Kulturphilosoph Jacob Burckhardt in seinen 1868/69 dozierten "Weltgeschichtlichen Betrachtungen" gewarnt mit den Worten: "Wünschbar wäre, daß Emigranten nie oder wenigstens nicht mit Ersatzansprüchen zurückkehrten, das Erlittene als ihr Teil Erdenschicksal auf sich nähmen und ein Gesetz der Verjährung anerkennten." (Kröners Taschenausgabe, Band 55, S. 187.). Diese bald hundert Jahre alte Erkenntnis eines wahren Weisen widerspricht nun freilich Wort für Wort dem, was dem Zionismus als "wünschbar" vorschwebt und ihm seinen Mangel an Weisheit bescheinigt. Am liebsten würde er sich seine auswärtigen Botschafter in eigener Retorte zusammenbrauen und als Hampelmänner nach seiner Flöte tanzen lassen; doch diese "Do-it-yourself"-Methode hat sich im diplomatischen Dienst bisher leider noch nicht eingebürgert.
Nun hätte ja die BRD den israelischen Quertreibereien mit gleicher Methode heimzahlen können: etwa damit, daß sie deutscherseits Demonstrationen gegen den nominie