XIII. Die Vertreibung der Ostdeutschen

Die Vertreibung von fünfzehn Millionen Deutschen aus ihren seit Jahrhunderten angestammten Siedlungsgebieten in Mittel- und Osteuropa ist ein singuläres Verbrechen in der Menschheitsgeschichte, für das es keine geschichtlichen Parallelen gibt, so daß man vergeblich nach Vergleichbarem suchen wird.

Zu Zeiten des Neuassyrischen Reiches wurden unter Assurnasirpal (883-859 v. Chr.) und Assurbanipal (669-627 v. Chr.) 4,5 Millionen gewaltsam vertrieben. Die nächstgrößere Gruppe dürften die 7,5 Millionen indischen Flüchtlinge der Nachkriegszeit bilden. Auch die Zurückdrängung der Ureinwohner Nordamerikas - 11,5 Millionen Indianer - bei gleichzeitiger Dezimierung durch die Angelsachsen in immer entlegenere Gebiete, bis hin zu Reservaten, war eine Vertreibung. Nur hat man damals für diesen Vorgang nahezu vierhundert Jahre benötigt.

In Potsdam konnten es sich die Anglo-Amerikaner einfach nicht vorstellen, daß die Polen und Tschechen es fertigbrächten, eine weitaus größere Anzahl von Menschen - keine Rothäute, sondern Weiße - in kurzer Zeit gewaltsam zu vertreiben und dies im alten, kultivierten Europa des 20. Jahrhunderts. Es erschien den Angelsachsen kaum glaublich, daß ein so kleines Volk wie die Polen sich wirklich dazu hinreißen lassen könnte, einem großen Volk, das immer sein Nachbar bleiben wird, derartige nie vernarbende Wunden zu schlagen. Aber sie täuschten sich. Hier war ein durch jahrzehntelange Erziehung zu Haß und Habgier entstandenes Fundament vorhanden, ein seit langem beabsichtigtes Verbrechen planmäßig und eiskalt durchzuführen. Es kann kein Zweifel daran bestehen, daß die Liquidation der deutschen Stämme und Volksgruppen, der Ostpreußen, Pommern, Brandenburger, Schlesier und Sudetendeutschen die größte Völkervertreibung der Weltgeschichte und das größte Verbrechen des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit darstellt.

Wer erinnert sich noch an die vom Entsetzen geprägten Worte des damaligen Papstes Pius XII. zur Vertreibung von fünfzehn Millionen Menschen aus ihrer Heimat und annähernd drei Millionen ermorder-ter, verhungerter und erfrorener Deutschen? Der Papst sagte: „Die

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Vertreibung war das größte Verbrechen der Weltgeschichte", und er bedauerte zutiefst, daß es von katholischen Polen an anderen christlichen Glaubensbrüdern und -Schwestern begangen worden war. Der Göttinger Historiker Alfred Heuß hatte die Vertreibung der Deutschen aus ihren vielhundertjährigen Siedlungsgebieten östlich der Oder und Neiße sowie in Böhmen und Mähren „die wohl gravierendste Kriegsfolge" für die Deutschen genannt und „die schwache Sensibilität" dafür „zu den merkwürdigsten Phänomenen des derzeitigen Deutschlands" gerechnet. (Heuß 1984, Seite 143.) In der Tat haben die westdeutschen Historiker diesen Bereich der Zeitgeschichte über all die Jahrzehnte bis heute trotz seiner großen politischen Bedeutung praktisch gemieden. Diese Einstellung zu der „wohl gravierendsten Kriegsfolge" ist beschämend für die Betroffenen und nur auf dem Hintergrund der beispiellosen „Gehirnwäsche" durch die Umerziehung zu erklären, die Jahr um Jahr sich steigerte und ihre Früchte trug.

Auch im Vorfeld der Ostverträge, als gerade dieses Thema von grundlegender politischer Wichtigkeit für die Ausgangslage der deutschen Unterhändler gewesen wäre, wurde es nicht berührt. Die westdeutschen Zeitgeschichtler haben sich sogar gegen eine angemessene Darstellung dieses einmaligen Vorgangs gewandt, obwohl er zwanzig Millionen Deutsche betraf (Nawratil, 1986, Seite 29), wobei „die Vertreibungsverluste (einschließlich der Deportationsverluste) der deutschen Zivilbevölkerung im Osten zwischen 2,8 und 3 Millionen Menschen liegen" (ebenda, Seite 32).

Die skandalöse Erklärung Martin Broszats, des Leiters des Instituts für Zeitgeschichte in München, das eigentlich gerade auf diesem Gebiet hätte forschen und veröffentlichen sollen, daß die Forschung nicht von „Vertreibungsverbrechen" an Deutschen sprechen solle und dürfe, ist eine Beleidigung für alle Vertriebenen. Enorme Schwierigkeiten hatte auch der amerikanische Historiker de Zayas bei seinen Forschungen zu diesem Thema bei seinen westdeutschen Kollegen zu überwinden.

In den Anfangsjahren der Bundesrepublik Deutschland hatte das damalige Vertriebenen-Ministerium eine mehrbändige Dokumentation über „Die Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa

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(1953-62)" herausgegeben, die 1984 auch in Taschenbuchform erschien. Damals konnte auch gegen den Widerstand des damaligen Außenministers Brand der Auftrag zu Erstellung einer Dokumentation über die während der Vertreibung an den Deutschen verübten Verbrechen durchgesetzt werden. Später gab Bundeskanzler Schmidt Anweisung, jede Veröffentlichung zu unterbinden, und als sie dann doch erfolgte, wurde die Auslieferung alsbald wieder gestoppt. Unsere wirklichen und behaupteten Untaten werden täglich hinausgeschrien, die Taten der Befreier aber vertuscht, unterschlagen oder mit der Phrase „Aufrechnung" als höchst anstößig abgetan. Auch in die Schulbücher oder gar als wichtiger Teil in die Lesebücher wurde die Vertreibung nicht zugelassen.

Das mangelnde Interesse der westdeutschen Zeitgeschichtler über vier Jahrzehnte hat sicher mit zu dem bedauerlichen, ja erschreckenden Zustand beigetragen, daß außerhalb der Vertriebenen-kreise - und selbst bei diesen schon weithin - dieses Thema fast ganz verdrängt wurde. „Es ist, wie wenn vielleicht ein Franzose an den Verlust von Indochina denkt", klagt mit Recht Alfred Heuß (Heuß, „Versagen und Verhängnis", 1984, Seite 143): „Siebenhundert Jahre deutscher Geschichte sind annuliert worden, so ziemlich die einzig bleibende Leistung, in der sich das gesamte deutsche Volk in den siebenhundert Jahren seit Ausgang des Mittel alters verkörperte" (ebenda, Seite 142). Betrachtet man auch die Ostkolonisation in Mähren und in Siebenbürgen, so kommt noch mehr als ein Jahrhundert hinzu.

Im Verlauf des Historikerstreits schrieb Hillgruber, daß erst die oben erwähnte Klage des betagten Alfred Heuß in ihm „den Entschluß reifen ließ" (Hillgruber, „Zweierlei Untergang", 1986, Seite 730), das Thema der Vertreibung aufzugreifen und abzuhandeln. Auf diese Weise war die bisherige Aussparung der Vertreibung aus dem Osten mit zu einem Auslöser des Historikerstreits geworden. In seiner Darstellung betonte Hillgruber bereits im Vorwort, daß die Vertreibung der Ostdeutschen eben nicht nur, wie bisher durchweg behauptet und von der unseligen Ostdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) 1966 weit verbreitet, eine „Antwort auf die ... Verbrechen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft"

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(Hillgruber, 1986, a. a. O. Seite 9) gewesen sei, sondern sie entspreche „lange erwogenen Zielen der gegnerischen Großmächte, die während des Krieges zum Durchbruch gelangten" (Hillgruber, 1986, a. a. O., Seite 10).

In groben Zügen stellt er dann (ebenda, Seite 51 bis 63) die Entwicklung des Vertreibungsplanes bei den Siegern und den in deren Hauptstädten vorhandenen Exilregierungen dar, von denen Benesch bereits 1938, also noch vor der Errichtung des Protektorates Böhmen und Mähren, die Vertreibung der Sudetendeutschen nach einem erwarteten erfolgreich verlaufenden Krieg" (Nawratil, „Vertreibungsverbrechen an Deutschen", 1986, Seite 23) besprochen hatte. Es ist verständlich, daß diese Erwähnungen für den deutschen Standpunkt äußerst wichtiger Geschichtstatsachen dem Gegenspieler Hillgru-bers - Habermas - gar nicht paßten und er sie Hillgruber bereits bei seinem ersten Angriff ankreidete (Habermas 1986). Bei der Betrachtung der Vertreibung wie auch der Zerschlagung des Reiches als Kriegsfolgen kommt immer mehr heraus und wird allmählich allgemein anerkannt, daß sie keine Reaktion der Alliierten auf den Deutschen vorgeworfene Verbrechen waren, sondern lange vorher im Westen wie im Osten geplant waren. Auch andere Historiker sehen langsam ein, was aufmerksame Zeitzeugen bereits im oder kurz nach dem Kriege wußten: „Mit voranschreitender Forschung sehen wir nun allerdings, daß Hitlers Reich nicht allein zu dem Zweck besiegt wurde, um die Deutschen zu befreien, zu zähmen und zu erziehen. Die Eigenständigkeit der sowjetischen Kriegsziele, teilweise aber auch die der Briten und Amerikaner, ging weit darüber hinaus." (Klaus Hildebrand, in FAZ vom 31. Juli 1987.) Was wird sich wohl erst ergeben, wenn weitere alliierte Kriegsakten freigegeben werden sollten?

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