Über die frei erfundene Expertenmeinung der ›dpa‹

Germar Rudolf


Am 28. 3. 1994 gab die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) eine Presseerklärung zum Rudolf Gutachten über die Gaskammern von Auschwitz und Birkenau heraus. Sie berichtete darin über interne Vorgänge im Max-Planck-Institut für Festkörperforschung, dem ehemaligen Arbeitgeber des Gutachters Dipl.-Chem. G. Rudolf. Die MPG wies abschließend darauf hin, daß sie in Übereinstimmung mit den Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichtes und des Bundesgerichtshofes wegen der Offenkundigkeit des Holocaust nicht gedenke, inhaltlich auf die vom Rudolf Gutachten ausgelöste Diskussion einzugehen.1
Die daraufhin vom dpa-Pressebüro Stuttgart herausgegebene Meldung, die am folgenden Tag in fast allen Tageszeitungen und sogar im Rundfunk veröffentlicht wurde, enthält folgende Passage: »Die Max-Planck-Gesellschaft hat nach Auskunft ihres Pressesprechers keinen Beweis dafür, daß die Proben wirklich aus Auschwitz stammen. Sollten Sie aber von dort stammen, ist es nach Expertenmeinung alles andere als ein Wunder, daß keine Blausäurespuren gefunden wurden, weil Cyanidverbindungen sehr schnell zerfallen. Im Boden geschehe dies schon nach sechs bis acht Wochen; im Gestein könnten sich die Verbindungen nur unter ›absoluten Konservierungsbedinungen, unter völligem Ausschluß von Luft und Bakterien‹ halten.«2
Der auf Nachfrage bei der dpa als verantwortlich für die Meldung bezeichnete Albert Meinecke bezog sich bezüglich der vermeintlichen Expertenmeinung zuerst auf die Presseerklärung der MPG.3 Nachdem Meinecke vorgehalten wurde, daß diese keine inhaltlichen Aussagen zum Gutachten, geschweige denn zur Frage der Langzeitstabilität von Cyanidverbindungen macht,7 zog er sich je nach Anrufer und Zeitpunkt seiner Ausführungen auf verschiedene Standpunkte zurück:
a) er habe momentan nicht mehr die Bezugsquelle der Expertenmeinung zur Hand; 3 u. 4
b) er kenne den Verantwortlichen für die Meldung nicht;4
c) der für die Meldung Verantwortliche sei gerade außer Haus;4
d) der für die Meldung Verantwortliche sei möglicherweise im Urlaub;4
e) Da Meinecke die Aussagen b) und c) in dem gleichen Gespräch ausführte, wurde ihm vorgehalten, er habe sich in Widersprüche verfangen, da er den Verantwortlichen sehr wohl kennen müsse, wenn er sich zu der Aussage hinreißen lasse, dieser sei gerade aus dem Haus. Daraufhin gefragt, ob er mit seiner Meldung einen großen Bockmist gebaut habe, meinte er daraufhin, daß niemand ohne Fehler sei.4
f) wenn man Genaueres über Verantwortliche und Quelle wisse, werde man sich bei Rudolf melden.4 Dies ist nie geschehen.
Der in der dpa-Meldung durch die Satzfolge hergestellte Zusammenhang zwischen der MPG und der ungenannten Expertenmeinung suggeriert dem Leser, daß es sich bei der Expertenmeinung um die der MPG handelt. Diese hat am 12. 4. 1994 per Fax erklärt, daß dies nicht der Fall ist und daß sie die Formulierung der dpa-Meldung für mißverständlich hält.5
Am 13. 4. 1994, nach zwei Wochen Sprachlosigkeit, ließ der stellvertretende dpa-Chefredakteur D. Ebeling aus Hamburg verlauten, der ungenannte Experte wolle aus zu respektierenden Gründen nicht namentlich zitiert werden.6 Zwei Tage darauf wies A. Meinecke in einer nicht abgezeichneten Fax-Meldung meine Falschunterstellung7 zurück und verwies mich wegen der Sache zur Chefredaktion nach Hamburg.8

Zu den Sachfragen

Die dpa-Pressemeldung enthält unter anderem folgende Behauptung: »Sollten sie [die Proben] aber von dort [Auschwitz] stammen, ist es nach Expertenmeinung kein Wunder, daß keine Blausäurespuren gefunden wurden, weil Cyanidverbindungen sehr schnell zerfallen.«
1. Offensichtlich kennt der Ersteller dieser Zeilen noch nicht einmal den Unterschied zwischen Blausäure und Cyanidverbindungen. Sollte er die Cyanidverbindungen allerdings unter Spuren der Blausäure subsumieren, was zur Verständlichmachung gegenüber dem Laien angebracht sein kann, so ist klar: Dieser Satz und auch der folgende sprechen von der Stabilität von Cyanidverbindungen, was einzig im Zusammenhang mit dem Rudolf Gutachten sinnvoll ist. Die von Ebeling in die Diskussion gebrachte Frage nach der Stabilität von Blausäure als solcher interessiert in diesem Zusammenhang niemanden.6 Diese Frage ist ein ungeeignetes Ablenkungsmanöver vom Thema.
2. Die angeblichen Ausführungen des unbekannten Experten gehen allgemein dahin, das Cyanidverbindungen schnell zerfallen. Diese pauschale Aussage ist und bleibt unhaltbar und für jeden Experten blamabel. Beweise:
a) Die Mauern der Kleiderentlausungsanlagen in Auschwitz, in denen mit Blausäure unter dem Handelsnamen Zyklon B Läuse getötet wurden, sind auch heute noch, 50 Jahre nach ihrer Stillegung, durch und durch mit Cyanid-Rückständen gesättigt, selbst an Bereichen, die der Witterung ausgesetzt sind. Dies führt an Innen- wie Außenwänden zu charakteristischen blaufleckigen Verfärbungen von Putz, Ziegeln und Mörtel. Diese Verfärbung wird verursacht durch die Eisencyanidverbindung Eisenblau (bekannt auch unter dem Namen Berliner Blau).9
b) In einem Langzeitversuch in einem Londoner Industrievorort wurde festgestellt, daß der Farbstoff Eisenblau, ohne Schutzschicht aufgetragen auf einem Aluminiumblech, auch nach über 20 Jahren Exposition an der aggressiven Londoner Luft der End-50er bis Anfang-80er Jahre nicht zerstört wurde. Er war mit der stabilste Farbstoff überhaupt.10
c) Die Böden alter, bereits lange Zeit stillgelegter Stadtgaswerke enthalten auch noch viele Jahrzehnte nach der Stillegung der Gaswerke hohe Mengen Eisenblau, da dieses bei der Stadtgaserzeugung anfällt und als Unkrautbekämpfungsmittel auf dem Gelände verstreut wurde. Das Eisenblau wurde weder zersetzt, noch von Regenwasser aufgelöst oder fortgespült, da es unlöslich ist.11
d) Daß die Bildung blaufleckiger Wandflächen analog dem Erscheinungsbild der Auschwitz-Entlausungskammern tatsächlich die Folge von Blausäurebegasungen ist, kann durch ein in der wissenschaftlichen Literatur dokumentiertes Ereignis bewiesen werden. In der periodisch erscheinenden Bauschäden Sammlung wurde vor 14 Jahren berichtet, welche Folgen die Blausäure-Begasung einer wenige Wochen zuvor frisch verputzten Kirche hatte. Dort traten nach einigen Monaten überall intensiv blaue Flecken auf, die sich nach chemischen Analysen als Eisenblau entpuppten. Erst nach über einem Jahr war die Reaktion abgeschlossen. Der neue Putz mußte komplett abgeschlagen werden, da das Eisenblau nicht anders zu entfernen war.12
3. Die Ausführungen Ebelings,6 es können, müssen jedoch keine stabilen Verbindungen entstehen, bedarf keiner Bestätigung von kompetenter Seite, denn die Tatsache, daß alle Säuren dieser Welt stabile wie instabile Verbindungen bilden, ist so trivial wie das Amen in der Kirche.
In der dpa-Meldung wird ausgeführt, Cyanidverbindungen seien im Gestein nur unter »absoluten Konservierungsbedinungen« haltbar; gerade im Mauerwerk jedoch sind sie extrem haltbar, da sich die Blausäure dort sofort in Cyanide und schließlich bevorzugt weiter in extrem stabile Eisencyanidverbindungen vom Typ Eisenblau umwandelt. Zum Beweis dessen vergleiche man die gigantische Cyanid- bzw. Eisenblauvorkommen in den Entlausungskammern von Birkenau und anderswo noch nach etwa 50 Jahren nach Stillegung der Anlagen! (Punkte 2a) bis d))
Tatsächlich weisen sich die im Rudolf Gutachten untersuchten Rückstände der Blausäurebegasungen, Eisencyanidverbindungen vom Typ Eisenblau, durch eine enorme Langzeitstabilität aus. Die dpa-Meldung ist daher nicht nur bezüglich der mit aller Wahrscheinlichkeit wahrheitswidrigen Unterstellung, sie wäre von einem Experten getätigt worden, falsch, sondern auch inhaltlich völlig unhaltbar. Kein Experte hätte sich zu einer solchen für ihn äußerst blamablen Aussage hergegeben. Insofern kann man verstehen, warum derjenige, der diese Meldung in die Welt gesetzt hat, nach Angaben von Herrn Ebeling nicht namentlich zitiert werden möchte.
Im übrigen hat selbst das polnische Auschwitz-Museum in seiner bis vor kurzem noch kommunistischen Besetzung keine Zweifel daran, daß die von Rudolf festgestellte Tatsache, daß es in den tatsächlichen oder nur vermeintlichen Gaskammern des Konzentrationslagers Auschwitz keine signifikanten Cyanidrückstände gibt, der Wahrheit entspricht.13 Die laut der oben genannten dpa-Meldung angeblich von der Max-Planck-Gesellschaft geäußerten Zweifel an der Echtheit der von mir zur Analyse übergebenen Proben stellen daher ein ungeeignetes Ablenkungsmanöver von der eigentlichen Kernfrage dar. Außerdem wird niemand daran gehindert, die Ergebnisse des Rudolf Gutachtens nachzuvollziehen.14

Anmerkungen

  1. Presseerklärung der MPG vom 28. 3. 1994

  2. Tagespresse, z.B.: Süddeutsche Zeitung, Stuttgarter Zeitung, Südwestpresse-Verbund (29.3.1994), taz, Frankfurter Rundschau (30. 3. 1994).

  3. Telefongespräche von K. Philipp, Frankfurt/Main, 30. 3. 1994.

  4. Telefongespräche von G. Rudolf, Jettingen, 30. 3. 1994.

  5. Fax-Nachricht der MPG vom 12. 4. 1994.

  6. Antwort von D. Ebeling auf mehrere Anfragen an das Stuttgarter dpa-Büro, 13. 4. 1994.

  7. Pressemitteilung G. Rudolf vom 8. 4. 1994.

  8. Fax dpa-Südwest/Meinecke vom 15. 4. 1994.

  9. Vgl. R. Kammerer, A. Solms (Hg.), Das Rudolf Gutachten, Cromwell, London 1993, S. 87-91.

  10. J.M. Kape, E.C. Mills, Transactions of the Institute of Metal Finishing, 35 (1958), S. 353-384; dies., ebenda, 59 (1981), S. 35-39.

  11. D. Maier, K. Czurda, G. Gudehus, »Das Gas- und Wasserfach«, in Gas · Erdgas, 130 (1989), S. 474-484.

  12. G. Zimmermann (Hg.), Bauschäden Sammlung, Band 4, Forum-Verlag, Stuttgart 1981, S. 120f.

  13. Vgl. die Aussage des ehemaligen Museumsdirektors F. Piper in einem auf Video aufgenommen Interview mit D. Cole und B. Smith, CA 1992; vgl. D. Cole, The Journal of Historical Review, 14. Jg., Heft 2 (1993), S. 11f.

  14. Mittlerweile ist es mit einem polnischen Gelehrtentrio zu einer Diskussion gekommen, vgl.: J. Markiewicz, W. Gubala, J. Labedz, Z Zagadnien Nauk Sadowych, Z. XXX, 1994, S. 17-27.; G. Rudolf, Deutschland in Geschichte und Gegenwart, Grabert, Heft 1/1995, S. 22-26; J. Markiewicz, W. Gubala, J. Labedz und G. Rudolf: Briefwechsel, in: Sleipnir, (Verlag der Freunde, Postfach 35 02 64, 10211 Berlin) Heft 3/1995, S. 29-33. Dieser Briefwechsel führte zu einem vierten Ermittlungsverfahren gegen Rudolf durch die Staatsanwaltschaft Berlin, Az. 81 Js 1385/95, LKA 514 Berlin, Az. 951018/3678-0. Zu mehr als polemischen Ausfällen reichte es bei Dr. J. Bailer nicht: ders., in: B. Bailer-Galanda, W. Benz und W. Neugebauer (Hg.), Wahrheit und Auschwitzlüge, Deuticke, Wien 1995, S. 111-118; vgl. hierzu die Ausführungen von G. Rudolf in Zur Kritik an Wahrheit und Auschwitzlüge.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 42(2) (1994), S. 25f.

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