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Staatsanwaltschaft Mannheim

Mannheim, den 17.03.1992

- 503 Ja 9/92 -
- 5 KLs 2/92 -

An das
Landgericht
- Strafkammer -
M a n n h e i m

Unter Vorlage der Akten erhebe ich mit dem Antrag, das Hauptverfahren zu eröffnen,

A n k l a g e

gegen

den am 09.01.1940 in Heidelberg geborenen, in 6940 Weinheim, Brückstraße 29 wohnhaften, verh. selbständigen Gewerbetreibenden, deutscher Staatsangehörigkeit

Günter Anton D e c k e r t

- Vert.: N. N.

Den Genannten klage ich an,
er habe
- aufgrund einheitlichen Willensentschlusses -
in bewußtem und gewolltem Zusammenwirken mit dem gesondert verfolgten US-Staatsangehörigen Fred Leuchter
am 10. November 1991 in Weinheim/Bergstraße, in der Gaststätte "Zur Burg Windeck", eine - vorgeblich nicht - öffentliche mehrstündige Veranstaltung mit ca. 120 Teilnehmern durchgeführt, in welcher Leuchter über seine "Forschungsarbeiten in Polen" sowie über den "Gaskammermythos und die Verfolgung durch die Juden bis zum heutigen Tage" in englischer Sprache "referiert" und Deckert diese Ausführungen, die ihm zuvor inhaltlich im Detail bekannt gewesen seien, ins Deutsche "übersetzt", kommentiert und glossiert hätten.

{- 2 -}

Im einzelnen sei - im Kontext bewußt der historischen Wahrheit zuwider, unter zumindest teilweiser Identifizierung mit den nazistischen Verfolgungsmaßnahmen, in laienhafter, pseudowissenschaftlicher Art, getragen von den Tendenzen, den Nationalsozialismus von dem Makel des Judenmordes zu entlasten, gesteigert und intensiv auf die Sinne und Leidenschaften der Zuhörer einzuwirken, unter Leugnung des Vernichtungsschicksals der Juden, unter der Verunglimpfung der Überlebenden des Völkermordes und des Andenkens der während der Massenvernichtung ermordeten Juden, unter der mehrfachen Behauptung, der fortwährende Druck jüdischer Gruppen verhindere das Finden der tatsächlichen "Wahrheit" - unter anderem folgendes ausgeführt worden:

{- 3 -}

und

Diese Ausführungen der "Referenten" Deckert und Leuchter, welche in zentralen Bereichen durch lauten Beifall und Gelächter der 120 Zuhörer unterbrochen worden wären, seien geeignet gewesen, emotional feindselige Haltungen gegenübei den Juden im allgemeinen und gegen die in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Juden im besonderen zu erwecken und zu schüren; sie seien - unter anderem bedingt durch eine am 14. November 1991 erfolgte Fernsehveröffentlichung von Ausschnitten der Deckert/Leuchter-Rede und bedingt durch die Tatsache, daß die "Weinheimer Rede" vom 10. November 1991 als VHS-Videofilm im Handel sei - ferner geeignet gewesen, in dem angegriffenen jüdischen Bevölkerungsteil das Vertrauen in die öffentliche Rechtsicherheit zu erschüttern.

Er habe somit
gemeinschaftlich handelnd

- tateinheitlich -

{- 4 -}

  1. in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, die Menschenwürde anderer dadurch angegriffen, daß er
    1. zum Haß gegen Teile der Bevölkerung aufgestachelt,
    2. sie beschimpft, böswillig verächtlich gemacht oder verleumdet habe;

  2. in Beziehung auf andere Tatsachen behauptet oder verbreitet, welche dieselben verächtlich zu machen oder in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen geeignet seien, ohne das) diese Tatsachen erweislich wahr seien, wobei die Tat öffentlich begangen worden sei;
  3. das Andenken Verstorbener verunglimpft.

Die Tat ist ein Vergehen, strafbar gem. SS 130 Nr. 1 und 3, 186, 189, 194, 25 Abs. 2, 52 StGB.

B e w e i s m i t t e l

A. Urkunden:

  1. Zentralregisterauszug
    - Bd. II, Bl. 248 -
  2. Verbotsverfügung der Stadt Weinheim vom 29.08.1991
    - Bd. I, Bl. 11 ff. -
  3. Beschluß des VG Karlsruhe vom 30.08.1991
    - Bd. 1, Bl. 16 ff. -
  4. Beschluß des VGH Baden-Württemberg vom 30.08.1991
    - Bd. I, Bl. 27 f. -
  5. Telekopie RP/LPD Karlsruhe vom 05.11.1991
    - Bd. I, Bl. 29, Bd. II, Bl. 304 -
  6. Telefax Innenministerium Baden-WUrttemberg/RP Karlsruhe vom 04.11.1991
    - Bd. I, Bl. 30 f. = Bd. 11, 305 f.
  7. Stellungnahme Landesamt für Verfassungsschutz vom 05.11.1991
    - Bd. I, Bl. 32 f.
  8. {- 5 -}

  9. Telex Landesamt für Verfassungsschutz vom 29.10.1991
    - Bd. I, Bl. 34 -
  10. Flugblatt "Auf dem Stundenplan"
    - Bd. I, Bl. 42 ff.
  11. Anklageschrift vom 26.07.1990 (503 Js 42/89)
    - Bd. I, Bl. 35 ff. -
  12. Beschluß des AG Weinheim vom 09.08.1990
    - Bd. I, Bl. 46 ff. -
  13. Beschluß des LG MA vom 10.01.1991
    - Bd. I, Bl. 62 ff. -
  14. Disziplinarurteil Deckert des Disziplinarhofs beim VGH Baden-Württemberg
    1. vom 18.03.1985, Bd. I, Bl. 66 ff.
    2. vom 09.11.1988, Bd. I., Bl. 102 ff.
  15. Flugblatt "Die J.G. Burg Gesellschaft..."
    - Bd. I, Bl. 120 -
  16. FAZ - Beitrag Prof. Dr. Wolffsohn vom 09.01.1991
    - Bd. I, Bl. 121 f. -
  17. Inserat aus "Nation Europa"
    - Bd. I., Bl. 130 -
  18. Cover des durch den Verlag "NE" vertriebenen VHS-Videofilms
    - Bd. I, Bl. 131 -
  19. Urteil des LG MA vom 25.11.1988
    - Bd. I, Bl. 132 ff. -
  20. Zeit-Beitrag E. Reuß vom 02.12.1988
    - Bd. I, Bl. 215 -
  21. Arndt/Scheffler: Organisierter Massenmord an Juden in nationalsozialistischen Vernichtungslagern (ein Beitrag zur Richtigstellung apologetischer Literatur)
    - Bd. II, Bl. 217 ff. -
  22. Beiträge Auerbach, Institut für Zeitgeschichte,
    1. vom Mai 1990, Bd. I, Bl. 124 ff.
    2. Juni 1991, Bd. II, Bl. 249 ff.
  23. Anklageschrift der StA Gießen vom 14.09.1990
    - Bd. II, Bl. 257 ff.
  24. {- 6 -}

  25. Beschluß des AG Friedberg vom 07.03.1991
    - Bd. II, Bl. 260 -
  26. Urteil des AG Friedberg vom 06.02.1992
    - Bd. II, Bl. 261 ff. -
  27. Bergsträßer Initiative, Vortragstext: Revisionismus und Antisemitismus
    - Bd. II, Bl. 266 ff. -
  28. Anklageschrift der StA Schweinfurt vom 21.11.1991
    - Bd. II, Bl. 279 ff. -
  29. Text der Einladung für die Veranstaltung am 10.11.1991
    - Bd. II, Bl. 297 -
  30. Weisung RP/Stadtverwaltung Weinheim vom 15.11.1991
    - Bd. II, Bl. 307 -
  31. Unterlagen des LfV (s. Anl. LO):
    1. Bericht des LfV vom November 1991 zur Revisionismus-Kampagne
    2. Leuchter-Report Nr. 1 - Reg. 1
    3. Leuchter-Report Nr. 2 - Reg. 2
    4. Stellungnahme des IfZ vom November 1989 zum sogenannten Leuchter-Report - Reg. 3
    5. Der Leuchter-Kongreß vom 23.03.1991 - Reg. 4
    6. Der Leuchter-Bericht - Reg. 5
    7. Pressac: Die Mängel des "Leuchter-Berichts" - Reg. 6
    8. Wegner: Keine Massenvergasungen in Auschwitz - Reg. 7
    9. Publikationen zum "Leuchter-Report" - Reg. 8
    10. Unterlagen zu G. Deckert - Reg. 9
      • Deutsche Stimme Juli/August 1991
      • Flugblatt AGNV u. a.
      • Deckert/Zündel-Prozeß
      • "Auf dem Stundenplan" u. a.
      • Flugblätter
      • Asyl gestern und heute

B. Zeuqen:

  1. Stadtrechtsdirektor Heckmann, Stadt Weinheim
    - Bd. I, Bl. 11 ff., Bd. II, Bl. 298 ff. -
  2. {- 7 -}

  3. Gabriele Firzlaff, Rohrbacher Str. 25, 6900 Heidelberg
    - Bd. I, Bl. 10, Bd. II, Bl. 239 -
  4. KHM Behringer, KASt Weinheim
    - Bd. I, Bl. 1 c ff., 4, Bd. II, Bl. 289, 291 -
  5. KHK Menz, KASt Weinheim
    - Bd. I, B1. 4 -
  6. Stefan Rocker, SUdwestfunk Baden-Baden
    - Bd. I, Bl. 7 -
  7. Fred Leuchter, 2148 Boston/Massachusetts/USA, Kennedy Drive 231
    - Bd. II, Bl. 238 -
  8. KHK Lörsch, PD Heidelberg
    - Bd. II, B1. 288 -
  9. ORR Wilfer, Landesamt für Verfassungsschutz Stuttgart
    - Bd. I, Bl. 34 -
  10. RR Pampel, Innenministerium Baden-Württemberg
    - Bd. I, B1. 30 f., 32 f. -
  11. ORR'in Kern-Genz
    - Bd. I, Bl. 29 ff., Bd. II, Bl. 303 ff. -
  12. Dr. Rannacher, Landesamt für Verfassungsschutz
    - Bd. II, Bl. 296 f. -

C. Sachverständiger:

H. Auerbach, Institut für Zeitgeschichte, München
- Bd. I, Bl. 124 ff., Bd. II, Bl. 249 ff. -

D. Überführungsstücke:

  1. Videokassette (Nation Europa)
  2. Tonbandkassetten des VHS-Videofilms
    (Übertragung = Bd. II, Bl. 310 ff.)
  3. Videoband (SWF)
    (Übertragung = Bd. II, Bl. 34-0 ff.)

E. Beiakten:

Akten 503 Js 42/89 der StA Mannheim (= 5 Ls 24/90 des AG Weinheim)

{- 8 -}

E r m i t t l u n g s e r g e b n i s

  1. Zur Person
  2. Der Angeschuldigte wurde am 09. Januar 1940 in Heidelberg geboren. Er ist seit Mai 1966 verheiratet und hat eine im Juli 1969 geborene Tochter. Nach Ableistung des Vorbereitungsdienstes des Landes Baden-Württemberg wurde er mit Wirkung vorn 24.04.1968 zum Studienassessor, mit Wirkung vom 18.05.1971 zum Studienrat und mit Wirkung vom 16.06.1972 zum Oberstudienrat ernannt. Er unterrichtete zunächst am Tulla-Gymnasium in Mannheim, später am Karl-Benz-Gymnasium in Ladenburg. Im Jahre 1988 wurde er aus dem Schuldienst entfernt. Heute betätigt sich der Angeschuldigte als selbständiger Gewerbetreibender, er betreibt ein Übersetzungsbüro, ferner ist er als Reiseleiter tätig.

    Ausweislich des Zentralregisterauszuges (s. Bd. II, Bl. 248/344) ist der Angeschuldigte nicht vorbestraft. In diesem Zusammenhang ist aber anzumerken, daß er wegen eines ähnlich gelagerten Sachverhaltes (vgl. Bd. I, Bl. 42 ff.) bereits im Jahre 1990 angeklagt worden war (vgl. insoweit Bd. I, Bl. 35 ff. d. A. bzw. die Beiakten 503 Js 42/89 = 5 Ls 24/90 des AG Weinheim). Wegen der eingetretenen Strafverfolgungsverjährung ist es jedoch nicht zu einer abschließenden Sachentscheidung gekommen, vgl. insofern den Beschluß des LG Mannheim vom 10.01.1991 (Bd. I, Bl. 62 ff.). Ergänzend ist darauf hinzuweisen, daß das AG Friedberg - im Gegensatz zum AG Weinheim - in einem Parallelverfahren zurecht das Hauptverfahren eröffnet hatte (vgl. insoweit Bd. II, Bl. 257 ff., 260). [Anmerkung G. Deckert: Das Verfahren endete mit einem Freispruch]

    Zur Person des Angeschuldigten ist noch ergänzend folgendes auszuführen (vgl. insofern das Urteil des Disziplinarhofs beim VGH Baden-Württemberg vom 09. November 1988, Bd. I, Bl. 102 ff.):

    {- 9 -}

    Seit April 1966 war der Angeschuldigte Mitglied der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD), bekleidete verschiedene Parteiämter und trat auf Veranstaltungen der Partei als Redner und Versammlungsleiter auf. Von 1968 bis 1976 kandidierte er für die NPD bei verschiedenen Kommunal-, Landtags- und Bundestagswahlen. 1980 wurde er für die NPD und 1984 als Kandidat der Deutschen Liste in den Gemeinderat der Stadt Weinheim gewählt. In einem 1975 eingeleiteten ersten förmlichen Disziplinarverfahren wegen seiner Mitgliedschaft und Tätigkeit in der NPD wurde der Angeschuldigte durch rechtskräftiges Urteil des Disziplinarhofs vom 08.05.1979 (DH 18/77) vom Vorwurf der mangelnden Verfassungstreue freigesprochen. Der Disziplinarhof war in seiner Entscheidung davon ausgegangen, daß die verfassungsfeindliche Zielsetzung der NPD nach dem damaligen Erkenntnisstand nicht feststehe und damit ein Dienstvergehen des Angeschuldigten nicht nachgewiesen sei.

    Nachdem nach Abschluß jenes Disziplinarverfahrens in höchstrichterlichen Entscheidungen aufgrund neuer Erkenntnisse die verfassungsfeindliche Zielsetzung der NPD festgestellt worden war, leitete das Kultusministerium Baden-Württemberg mit Verfügung vom 02.12.1981 auf eigenen Antrag des Angeschuldigten erneut das förmliche Disziplinarverfahren gegen ihn ein. Im Laufe des Verfahrens erklärte der Angeschuldigte, der bereits im April 1981 vom Oberschulamt Karlsruhe aufgefordert worden war, sich von der NPD zu distanzieren, mit Schreiben vom 03.07.1982 an die zuständigen Parteiinstanzen mit Wirkung vom 01.08.1982 seinen Austritt aus der NPD.

    Im zweiten Disziplinarverfahren ist dem Angeschuldigten in der Anschuldigungsschrift vom 28.11.1983 vorgeworfen worden, er habe durch seine Mitgliedschaft in der NPD sowie durch aktiven politischen Einsatz außerhalb der Partei in dem Zeitraum von 1980 bis Januar 1983 gegen die Politische Treuepflicht verstoßen und sich auch nach Bekanntwerden der

    {- 10 -}

    neueren Entscheidungen zur verfassungsfeindlichen Zielsetzung der NPD nicht ausreichend von der Partei und ihren Vorstellungen distanziert.

    Mit Urteil vom 28.03.1984 hat die Disziplinarkammer Karlsruhe den Angeschuldi.gten unter Bemessung seiner Bezüge nach der bisherigen Dienstaltersstufe in das Amt des Studienrats - A 13 - versetzt und ferner ausgesprochen, daß ihm frühestens nach Ablauf von drei Jahren ein Amt mit höherem Endgrundgehalt verliehen werden darf. Mit Urteil vom 08.03.1985 hat der Disziplinarhof die Berufung des Angeschuldigten gegen das Urteil zurückgewiesen.

    Mit Verfügung vom 23.07.1985 hat das Ministerium für Kultus- und Sport Baden-Württemberg gegen den Angeschuldigten erneut das förmliche Disziplinarverfahren eingeleitet, ihn zugleich vorläufig des Dienstes enthoben und die Einbehaltung der jeweiligen Dienstbezüge in Höhe von einem Drittel angeordnet. In der am 05.02.1987 bei der Disziplinarkammer Karlsruhe eingegangenen Anschuldigungsschrift vom 02.02.1987 werden dem Angeschuldigten erneut Verstöße gegen die politische Treuepflicht durch mangelnde Distanzierung von der NPD und ihren Zielen sowie Verstöße gegen das Gebot der Mäßigung bei politischer Betätigung zur Last gelegt.

    Mit Urteil vom 22.03.1988 hat die Disziplinarkammer Karlsruhe den Beschuldigten aus dem Dienst entfernt. Der Disziplinarhof beim VGH Baden-Württemberg hat mit Urteil vom 09.11.1988 die Berufung des Angeschuldigten gegen jenes Urteil zurückgewiesen.

    Der Angeschuldigte ist heute Bundes- und auch Landesvorsitzender der NPD, er kandidiert in Mannheim für den Landtag Baden-Württemberg.

    Am 30.01.1988 - dem 55. Jahrestag der Nationalsozialistischen "Machtergreifung" - kam es in Schriesheim zu einem

    {- 11 -}

    Überfall auf eine Asylbewerberunterkunft. Sechs Täter drangen in einen Wohncontainer ein, in dem indische, iranische und afghanische Asylbewerber untergebracht waren. Vermummt mit Motorradunterziehhauben schlugen sie mit Holzknüppeln zwei Inder krankenhausreif, beleidigten und bedrohten die anderen Bewohner. Welche Rolle der Angeschuldigte für die politische Beeinflussung der Täter gespielt hat, erschließt sich deutlich aus dem Urteil des LG Mannheim vom 25.11.1988 (vgl. Bd. I, Bl. 132 ff./157 ff.). Wegen weiterer Einzelheiten muß auf die Ausführungen in diesem Urteil verwiesen werden.

    Welche Geisteshaltung der Angeschuldigte auch heute noch einnimmt, erschließt sich aus einem von ihm verfaßten Flugblatt der NPD, herausgegeben zum Jahreswechsel 1991/92 ( Anl. LO, Reg. 9). In diesem Flugblatt heißt es unter anderem:

    "Wir kämpfen für ein objektives Geschichtsbild, denn unsere Mütter und Väter, unsere Großeltern waren weder Dummköpfe noch Verbrecher. Wir werden nicht zulassen, daß man uns auf Dauer zu abartigen, zu Verbrechern stempelt, um uns auf diese Weise politisch gefügiger zu machen, um uns besser bevormunden, um uns besser erpressen und ausbeuten zu können.

    Wir kämpfen für eine natürliche, intakte Umwelt, denn sie ist unser, Ihr Lebensraum!

    Wir kämpfen für eine sozial- gerechte Ordnung nach dem Grundsatz "Jedem das seine!"

    Dieser Grundsatz war übrigens über dem Eingangstor des Konzentrationslagers Buchenwald zu lesen. Hinzuzufügen ist dem nichts.

    {- 12 -}

  3. Zur Sache

  1. Allgemeines

  1. Die "Revisionismus"-Kampaqne

    Im internationalen Rechtsextremismus machte 1991 ein Personenkreis verstärkt auf sich aufmerksam: die sogenannten Revisionisten. Die Vertreter dieser im Sprachgebrauch als "Revisionismus" bezeichneten Bewegung stellen - neben einer für notwendig erachteten Korrektur der angeblich falsch dargestellten Geschichte des Nationalsozialismus und des "Dritten Reiches" - insbesondere die Leugnung der Massenvernichtung von Juden in Gaskammern durch die Nationalsozialisten, den sogenannten Holocaust, in den Mittelpunkt ihrer Agitation. Bei ihrem mit pseudowissenschaftlichen Methoden verfolgten Vorhaben, den Nationalsozialismus von seiner "größten Schuld" zu befreien, sind die "Revisionisten" allerdings gezwungen, geschichtliche Tatsachen und Forschungsergebnisse zu mißachten bzw. zu negieren.

    Bereits seit Mitte der sechziger Jahre erscheinen zahlreiche Publikationen, die sich mit der Leugnung des "Holocaust" befassen. Die Autoren dieser Pamphlete, darunter der Agrarjournalist Thies Christophersen mit seiner Schrift "Die Auschwitz-Lüge" und der später suspendierte Richter Wilhelm Stäglich mit seinem Buch "Der Auschwitz-Mythos", versuchen mit abstrusen Behauptungen den historischen Nachweis zu führen, daß es in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten keine Tötung von Juden gegeben habe oder zumindest nicht in dem immer wieder behaupteten Ausmaß. Daß es sich bei dem "Revisionismus" um eine international agierende Bewegung handelt, beweisen die Veröffentlichungen weiterer prominenter Vertreter dieser Auffassung aus dem Ausland. Dazu zählen neben dem in Kanada lebenden deutschen Neonazi Ernst Zündel noch der umstrittene

    {- 13 -}

    Schriftsteller David Irving (Großbritannien), Robert Faurisson (Frankreich), Fred Leuchter (USA), Gerd Honsik und Walter Ochensberger (beide Österreich) sowie Max Wahl (Schweiz).

    In den letzten Jahren intensivierten die "Revisionisten" ihre Agitationskampagne deutlich. Auslöser dafür war ein 1988 vor dem Bezirksgericht Toronto/Kanada gegen zündel anhängiges Verfahren wegen der wissentlichen Verbreitung falscher Nachrichten. Der Angeklagte legte zu seiner Entlastung ein von dem Amerikaner Leuchter 1988 verfaßtes, angeblich wissenschaftlich fundiertes "Gutachten" vor (s. Anl. LO, Reg. 1), demzufolge in den von ihm untersuchten Konzentrationslagern des "Dritten Reiches" alle technischen Voraussetzungen für den Massenmord an Juden gefehlt hätten. Dieser in der Folgezeit zunehmend verbreitete "Leuchter-Report", von dem 1989 eine zweite Ausgabe erschien (s. Anl. LO, Reg. 2), gilt seither den Rechtsextremisten allgemein als Grundlage für ihre auf eine Rehabilitierung des Nationalsozialismus zielenden revisionistischen Aussagen.

    Im Rahmen ihrer verstärkt betriebenen Agitationskampagne waren die "Revisionisten" auch in der Bundesrepublik Deutschland darum bemüht, sich in der Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen. Der Verwirklichung dieses Vorhabens sollte unter anderem das am 23. März 1991 im Kongreßsaal des Deutschen Museums in München geplante "weltgrößte Revisionistentreffen11 (Initiator: Zündel) dienen. Dieses Treffen konnte jedoch nicht wie vorgesehen stattfinden, nachdem die Verwaltung des Museums den Mietvertrag nach Bekanntwerden des rechtsextremistischen Hintergrundes gekündigt hatte und Rechtsbehelfe gegen diesen Entscheid erfolglos geblieben waren. Daraufhin waren führende "Revisionisten" wie Faurisson, Irving und Leuchter neben anderen auf einer vor dem Deutschen Museum als "Mahnwache" deklarierten Protestkundgebung vor etwa 350 Zuhörern aufgetreten, die ihre Ausführungen mit Beifall bedachten.

    {- 14 -}

    In der Folgezeit fanden im Zuge der "Revisionismus"-Kampagne weitere Veranstaltungen in verschiedenen Bundesländern, unter anderem in Baden-Württemberg, statt.

  2. Zum sogenannten Leuchter-Report

    Der Sachverständige H. Auerbach vom Institut für Zeitgeschichte in München hat sich bereits im November 1989 zu diesem Report unter anderem wie folgt geäußert (s. Anl. LO, Reg. 3):

    "Anläßlich des zweiten Prozesses gegen den in Kanada lebenden deutschen Grafiker und Verleger Ernst Zündel in Toronto Anfang 1988, der wegen Verbreitung einer antisemitischen und revisionistischen Schrift (Richard Harwood: "Did Six Million Really Die?") angeklagt war, veranlaßte der französische Revisionist Robert Faurisson den amerikanischen Ingenieur und Spezialisten für die Entwicklung und Fabrikation von Hinrichtungsanlagen mittels Gas in amerikanischen Gefängnissen, Fred. A. Leuchter, zu einer Reise nach Polen und Untersuchung der Gaskammern in den ehemaligen nationalsozialistischen Vernichtungslagern in Auschwitz und Majdanek. Diese Reise, die Untersuchungen sowie alle weiteren Aktivitäten Leuchters in diesem Zusammenhang wurden von Zündel finanziert. Zündel und mit ihm Faurisson waren bestrebt, eine Expertise zu erhalten, derzufolge die massenhafte Vergasung von Juden in den Vernichtungslagern allein aus technischen Gründen nicht möglich gewesen sein soll. Genau dies hat Leuchter mit seinem Bericht nachzuweisen versucht und damit bei den sogenannten Revisionisten und Apologeten des Nationalsozialismus großen Beifall gefunden. Das kanadische Gericht ließ sich durch Leuchters Ausführungen weniger beeindrucken und verurteilte Zündel zu neun Monaten Gefängnis ohne Bewährung. Ungeachtet dessen wird seitdem dieser sogenannte Leuchter-Report von allen Revisionisten und NS-Apologeten verbreitet als angeblich endgültiger Beweis dafür, daß die massenhafte Vergasung von Juden in den Vernichtungslagern gar nicht stattgefunden haben

    {- 15 -}

    konnte, sondern nur eine Lüge sei, um Deutschland zu eressen.

    Wenn man diesen Leuchter-Bericht jedoch näher prüft, muß man feststellen, daß es sich dabei um eine ziemlich oberflächliche Untersuchung handelt, die noch dazu auf falschen Berechnungen beruht und daraus falsche Schlüsse zieht.

    Schon allein dadurch, daß Leuchter von den Verhältnissen in amerikanischen Gefängnissen ausgeht, wo Hinrichtungen mittels Gas in hochentwickelten und komplizierten Gaskammern und unter strikter Beachtung sehr strenger Vorsichtsmaßregeln stattfinden, und die völlig anders gelagerten Umstände in den Vernichtungslagern außer acht läßt, kommt er zu falschen Schlüssen.

    Leuchters Kriterien zufolge können die Gaskammern in Auschwitz nicht zur Tötung von Menschen mit Zyklon-B benutzt worden sein, da sie nicht beheizbar waren und keine ausreichenden Entlüftungsanlagen gehabt hätten. Um einen schnellen Tod des Verurteilten zu gewährleisten, wird in den amerikanischen Gaskammern eine Giftgasmenge eingesetzt, die mehr als zehnmal so hoch ist, als zur Tötung eines Menschen notwendig. Dementsprechend umständlich und langwierig ist die Entlüftung der Gaskammer nach der Hinrichtung. Zyklon-B (Blausäure) wird erst bei einer Temperatur von ca. 26 Grad gasförmig. Eine Gaskammer in den USA muß demzufolge aufgeheizt werden. Daß auch in einem viel größeren Raum, wenn er vollgepfercht ist mit Menschen, diese Temperatur sehr schnell erreicht wird, es also gar keiner Heizung bedarf, berücksichtigt Leuchter nicht. In den Gaskammern der Vernichtungslager wurde durch die Aspiration der vielen Menschen das Giftgas seh[r] schnell in die Körper aufgenommen; die Entlüftung und Entnahme der Leichen war dadurch schneller zu bewerkstelligen.

    Die Gaskammern und die Desinfektionsräume in Auschwitz waren nach demselben Schema gebaut. Aus dem Umstand, daß

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    meist nur die Wände der Desinfektionskammern die durch den Niederschlag von Zyanwasserstoff hervorgerufene Blaufärbung aufweisen, schließen Leuchter und mit ihm Faurisson, daß nur in den Desinfektionsräumen Zyklon-B verwendet wurde. Da aber für die Entlausung höhere Quanten des Giftes notwendig sind ..., schlug sich dort mehr Zyanwasserstoff nieder als in den für Menschen bestimmten Gaskammern.

    Allen Gebäuden in Auschwitz, in denen sich Krematorien und Gaskammern befunden hatten, auch wenn sie nur noch in Form von Ruinen oder wiederhergestellten Mauerresten bestanden, entnahm Leuchter ... Mauerstückchen als Proben, die er anschließend in Amerika untersuchen ließ. Weil sich dabei ergab, daß die meisten Proben keinerlei Spuren von Zyanid enthielten, behaupten nun Leuchter und Faurisson, daß die Gebäude, aus denen sie stammten, nicht als Gaskammern benutzt worden sein konnten. Diese Gebäude, die zum Teil noch durch die SS vor ihrem Abzug gesprengt worden sind, sind aber in ihrem ruinösen Zustand seit mehr als vierzig Jahren Wind und Wetter ausgesetzt gewesen; bei dem sumpfigen Boden in Auschwitz stehen sie teilweise monatelang im Wasser. Durch den Feuchtigkeitseinfluß sind die 1945 noch feststellbaren Spuren von Zyanid inzwischen verschwunden. Das gilt auch für das in Gänze erhalten gebliebene Krematorium I. Da es als Museumsobjekt von unzähligen Besuchern betreten wird, wird sein Boden vom Museumspersonal häufig mit viel Wasser gereinigt.

    Daß aber schon gut vierzig Jahre früher, im Jahre 1945, durch das Gerichtsmedizinische Institut der Universität Krakau entsprechende Untersuchungen gemacht wurden, die sowohl an den Gebäuden wie in den gesammelten abgeschnittenen Haaren, an Haarspangen und anderen Metallgegenständen, die die Vergasungsopfer noch an sich getragen hatten, sehr deutliche Spuren von Zyklon-B aufwiesen, wird von Leuchter nicht beachtet oder absichtlich verschwiegen.

    {- 17 -}

    Die Krematorien enthielten Gaskammern und Verbrennungsöfen unter einem Dach. Laut Leuchter hätte das nicht sein können, da sonst Explosionsgefahr bestanden hätte. Er läßt aber außer acht, daß die verwendeten Mengen Blausäure (sehr viel weniger als in USA) zu gering waren, um eine Explosion auszulösen.

    In seinem Bericht gibt Leuchter an, er habe vom Museum Auschwitz die Kopie eines Planes des Krematoriums V bekommen. Ein solcher Plan dieses Krematoriums existiert jedoch gar nicht. Nach Auskunft der Leitung des Museums Auschwitz hat Leuchter überhaupt keine speziellen Unterlagen über die Bauten in Auschwitz bekommen. Er hatte sich gar nicht darum bemüht, sondern kaufte lediglich die für Besucher des Museums bestimmten Broschüren und Dokumentationen.

    Auch in seinen Ausführungen über Majdanek wird Leuchters Oberflächlichkeit und historische Inkompetenz deutlich.

    Der französische Pharmakologe und Toxikologe Jean-Claude Pressac, der vor kurzem mit einer umfangreichen, sehr gründlichen Untersuchung über die Gaskammern in Auschwitz hervorgetreten ist und sich damit als wirklicher Fachmann für die Vergasungsvorgänge ausgewiesen hat, hat den Leuchter-Report in einem Aufsatz unter dem Titel "Die Unzulänglichkeiten und Unstimmigkeiten des Leuchter-Berichts" (s. a. Anl. LO, Reg. 6) einer ausführlichen Kritik unterzogen, die für Leuchter sehr blamabel ausgefallen ist. Pressac schreibt unter anderem:

    Von falschen Kenntnissen ausgehend, falsche Argumente einbringend und zu falschen Interpretationen führend, ist der Leuchter-Bericht nicht akzeptabel, weil er unter unzulässigen Verhältnissen ausgeführt wurde, die einfachsten historischen Gegebenheiten außer acht läßt und sich durch grobe Irrtümer in den Berechnungen und Messungen selbst ad absurdum führt.

    {- 18 -}

    Diesem Urteil kann man nur zustimmen. Der Leuchter-Report ist keineswegs ein Beweis dafür, daß die systematischen massenhaften Vergasungen in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern nicht stattgefunden haben können. Er ist vielmehr eine pseudowissenschaftliche, ziemlich plump gemachte NS-Propagandaschrift."

  3. Zusammenfassung

    Der Sachverständige Auerbach hat sich im Mai 1990 bzw. im Juni 1991 zur Frage der Tötung von Menschen durch Gas in Vernichtungslagern und Konzentrationslagern unter der nationalsozialistischen Herrschaft unter anderem wie folgt geäußert (vgl. Bd. I, Bl. 124 ff., Bd. II, Bl. 249 ff.):

    "Die systematische Ermordung von Menschen durch Vergasung wurde während der nationalsozialistischen Herrschaft erstmals ab Januar 1940 im Bereich der "Euthanasie", der Vernichtung des "lebensunwerten Lebens" von Behinderten, Geisteskranken und unheilbar Erkrankten, eingeführt und ab Herbst 1941 bei den Judenvernichtungsaktionen der Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD in den eroberten Ostgebieten mittels mobiler Gaswagen in weit größerem Umfang fortgeführt.

    Anfang Dezember 1941 ging man im Lager Kulmhof dazu über, fest stationierte Gaswagen für die Tötung von Juden zu verwenden, und ab Anfang 1942 wurden in verschiedenen Lagern ortsfeste Gaskammern errichtet bzw. bestehende Gebäude für diese Zwecke umgebaut.

    Bei der Einrichtung solcher Gaskammern und der darin durchgeführten Vergasungsaktionen muß unterschieden werden zwischen den Massenvergasungen von Juden in den zu diesem Zweck errichteten Vernichtungslagern und Vergasungen in kleinerem Umfang in einzelnen schon bestehenden Konzentrationslagern ...

    {- 19 -}

    Es existierten folgende Vernichtungslager:

    Kulmhof ...

    Belzec ...

    Sobibor ...

    Treblinka ...

    Majdanek ...

    Auschwitz-Birkenau:

    Dem seit Mai 1940 bestehenden Konzentrationslager Auschwitz wurde das in der zweiten Hälfte des Jahres 1941 in Birkenau bei Auschwitz errichtete Vernichtungslager angegliedert. Ab Januar 1942 sind dort in fünf Gaskammern, ab Ende Juni 1943 in vier weiteren großen Vergasungsräumen Vergasungen mit Zyklon-B vorgenommen worden. Bis Ende November 1944 wurden in Auschwitz-Birkenau mehr als eine Million Juden durch Gas ermordet, außerdem mindestens 4000 Zigeuner ..."

    Ungeachtet der Tatsache, daß diese Feststellungen von namhaften Wissenschaftlern und Forschungsinstituten eindeutig bestätigt wurden (vgl. in diesem Zusammenhänge auch die Ausführungen von Arndt/Scheffler, Bd. II, Bl. 217 ff.) gibt es aber gleichwohl - wie bereits deutlich gemacht - bis zum heutigen Tage Apologeten wie den Angeschuldigten und Fred Leuchter. Daß im übrigen Deckert die Leuchter-"Erkenntnisse" schon seit langem bekannt sind, er mithin nicht durch dessen Weinheimer Rede hiermit erstmals konfrontiert worden sein kann, erhellt aus einem Werbeprospekt des Angeschuldigten (s. Anl. LO, Reg. 9); in diesem preist er "vierzig Seiten wissenschaftliche Abhandlung über den Sensationsprozeß in Toronto/Kanada" ("historische Tatsachen Nr. 36") für DM 7,50 an. Die geistige Nähe Deckerts schließlich zu

    {- 20 -}

    dem ähnliches "Gedankengut" verbreitenden 0. E. Remer (vgl. insofern die Anklageschrift der StA Schweinfurt vom 21.11.1991, Bd. II, Bl. 279 ff. sowie das Flugblatt in Bd. I, Bl. 120) läßt sich im übrigen unschwer aus dem bereits zitierten Urteil des Disziplinarhofes des VGH Baden-Württemberg ablesen (vgl. insoweit Bd. I, Bl. 102/106 ff.).

  1. Die Weinheimer Veranstaltunq am 10. Novem[b]er 1991
  1. Die Vorgeschichte

    Die Vereinigung "Bürger für aktive Freizeit/Jahnjugend e. V. Weinheim" und die "Arbeitsgemeinschaft nationaler Verbände" wollten am 01. September 1991 in Weinheim im Rolf-Engelbrecht-Haus eine ganztägige Tagung abhalten, welche das Thema "Zeitgeschichte auf dem Prüfstand" zum Gegenstand haben sollte. Diese Revisionismus-Tagung hat die Stadt Weinheim am 29.08.1991 gem. S 5 Nr. 4 VersammlG verboten und zur Begründung unter anderem folgendes ausgeführt (vgl. Bd. I, Bl. 11/13):

    "Die Veranstaltung kann verboten werden, weil Tatsachen festgestellt worden sind, aus denen sich ergibt, daß der Veranstalter oder sein Anhang Ansichten vertreten oder Äußerungen dulden werden, die eine von Amts wegen zu verfolgende Straftat zum Gegenstand haben. Über die 'angekündigten Referenten liegen Erkenntnisse vor, die die Begehung von Straftaten nach SS 185, 194, 130 StGB während der Versammlung als äußerst wahrscheinlich erscheinen lassen. Alle Referenten stehen dem rechtsextremistischen Gedankengut nahe. Karl Philipp und Fritz Becker wurden bereits wegen Verleumdung, Volksverhetzung bzw. Aufstachelung zum Rassenhaß wiederholt strafrechtlich verfolgt. Die Vortragenden haben sich teilweise auch schon vorher mit dem Revisionismus beschäftigt, insbesondere Roques und Walendy haben in diesem Zusammenhang Schriften veröffentlicht. Es ist demnach zu befürchten, daß die vorgesehenen Redner bezüglich

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    des Holocaust jedenfalls zum Teil die Meinung vertreten, daß im Dritten Reich überhaupt keine Judenverfolgung statt fand und die Juden insoweit eine Lüge aufgestellt hätten ..."

    Das Verwaltungsgericht Karlsruhe und der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg haben am 30.08.1991 (s. Bd. I, Bl. 16 ff., 27 f.) diese von der Stadt Weinheim vertretene Rechtsauffassung bestätigt; die Versammlung fand nicht statt, vgl. in diesem Zusammenhang ferner die Akten 503 Js 36/91 der Staatsanwaltschaft Mannheim.

  2. Der Deckert-/Leuchter-Auftritt

    1. Der Angeschuldigte Günter Deckert hat sich schriftlich zur Sache unter anderem wie folgt eingelassen (vgl. Bd. II, Bl. 290):
    2. "a) ...

      b) Veranstalter waren die "Bürger für aktive Freizeit/Jahnjugend e. V.", deren 1. Sprecher ich bin.

      c) Ich habe die Vortragsveranstaltung eröffnet, habe sie geleitet - was nie strittig war - und habe den Leuchter-Vortrag simultan übersetzt.

      d) Herr Leuchter berichtete von seinen Nachforschungen im KL A... ; diese finden ihren publizistischen Niederschlag u. a. in den Hist. Tatsachen Nr. 36 (die Bezugsquelle ist bekannt) in der deutschen Fassung - inzwischen gibt es über den Samisdat-Verlag, Toronto/Kanada eine weitere deutsche Fassung; es liegen auch eine engl., eine frz., eine italien. und eine span. Fassung zwischenzeitlich vor.

      e) Aus der Einladung ging Sinn und Zweck der Vortragsveranstaltung hervor. - Der Stasi-West war im Bilde. Sicherlich liegt auch ein "Informatenbericht" vor.

      Die Stadtverwaltung Weinheim war im Bilde ... - Eine Verbotsverfügung trotz Kenntnis des Vortragsthemas er-

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      ging nicht, obwohl es in diesem freiheitlichsten all deutschen Systeme inzwischen Präzedenzfälle gibt, w man Forschungs- und Meinungsfreiheit verhindern ur unmöglich machen will.

      f) Der Begriff "A...-Lüge" ... fiel ... nicht.

      Herr Leuchter berichtete als Techniker über technische Fragestellungen. - Mögen andere Fachleute ihn der Unfähigkeit und Lüge überführen. - Ein Jurist ist dazu nicht in der Lage, auch wenn er einen "festen Glauben" hat."

    3. Abgesehen davon, daß der eigentliche Inhalt der "Vortragsveranstaltung" - Leuchter berichtete als Techniker über technische Fragestellungen - alles andere als zutreffend wiedergegeben wird, dazu jedoch später, ist folgendes anzumerken:

      Am 05.11.1991 hatte das Regierungspräsidium Karlsruhe, welches von der für den 10.11.1991 geplanten Veranstaltung Kenntnis erlangt hatte, der Stadt Weinheim per Telefax einen Erlaß des Innenministeriums Baden-Württemberg vom 04.11.1991, eine Stellungnahme vom 05.11.1991 sowie ein Telex des Landesamtes für Verfassungsschutz vom 29.10.1991 verbunden mit der Weisung übermittelt, die entsprechenden ausländerrechtlichen Verfügungen - mit Sofortvollzug und der Androhung von Verwaltungsvollstreckungsmaßnahmen - zu erlassen. Geprüft werden sollte darüberhinaus durch die Stadt Weinheim die Erforderlichkeit von versammlungsrechtlichen Maßnahmen (vgl. insoweit Bd. I, Bl. 29, 30 f., 32 f., 34). Da die Veranstaltung gleichwohl durchgeführt wurde, teilte das Regierungspräsidium Karlsruhe der Stadtverwaltung Weinheim am 15.11.1991 unter anderem folgendes mit (s. Bd. II, Bl. 307):

      "Aufgrund telefonischer Mitteilung am 12.11.1991 hat das Regierungspräsidium Karlsruhe erfahren, daß die Stadt Weinheim entgegen der schriftlichen Anweisungen des Innenmini-

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      steriums und des Regierungspräsidiums nicht die erforderliche ausländerrechtliche Verfügung gegen Herrn Leuchter erlassen hat.

      Es ist zu erwarten, daß über diese Veranstaltung in den Medien berichtet wird, selbst wenn der Auftritt des Herrn Leuchter in nicht öffentlichem Rahmen stattfand. Aus diesem Grund weist das Regierungspräsidium ausdrücklich darauf hin, daß künftig vergleichbare Anweisungen einzuhalten sind. Sollte sich die Stadt Weinheim aus tatsächlichen oder rechtlichen Gründen im Einzelfall daran gehindert sehen, ist zunächst Verbindung mit dem Regierungspräsidium aufzunehmen."

      Der Zeuge Heckmann, Stadtrechtsdirektor der Stadt Weinheim, hat auf Befragen den nachstehend auszu[g]sweise wiederzugebenden Aktenvermerk zu den Akten gegeben (s. Bd. II, Bl. 299):

      "Am 15.11.1991 wurde meine Mitarbeiterin ... darüber informiert, daß am Tage zuvor ... in der Sendung "Politik aktuell" auf Südwest 3 ein Bericht über eine Deckert-Veranstaltung in der Gaststätte "Burg Windeck" in Weinheim mit einem amerikanischen Rechtsextremisten als Referenten gesendet worden sei. Ich selbst wurde am 18.11.1991 über diese Fernsehsendung ... informiert. Nachdem mir Herr Deckert anläßlich einer Gemeinderatssitzung versichert hat, daß weder Herr Leuchter noch sonst ein Revisionist bei dieser Tagung zugegen sein würde und diese Tagung im übrigen auch nicht öffentlich sein würde, haben wir von irgendwelchen Maßnahmen gegen diese Veranstaltung abgesehen. Es verwundert mich daher um so mehr, daß die Versicherung von Herrn Deckert mir gegenüber falsch war ..."

      Hiernach muß also - entgegen der Einlassung des Angeschuldigten - davon ausgegangen werden, daß die Stadtverwaltung Weinheim nicht "im Bilde war", sondern das Deckert vielmehr über den wahren Zweck der Veranstaltung getäuscht hat.

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      Anzufügen ist auch, daß die Veranstaltung "öffentlich" im Rechtssinne war (vgl. hierzu insbesondere die Ausführungen des VG Karlsruhe im Beschluß vom 30.08.1991, Bd. I, Bl. 16/21 ff.). Dies ergibt sich nämlich aus dem Einladungsschreiben zur Veranstaltung am 10.11.1991; hierin heißt es nämlich (vgl. insoweit Bd. II, Bl. 297):

      "Die Empfänger dieser Einladung werden gebeten, ihr Umfeld gezielt zu aktivieren und nur Aufnahmefähige und Interessierte anzusprechen bzw. mitzubringen, für die man sich dann auch zu verbürgen hat. Es handelt sich um eine Informationsveranstaltung, nicht um ein "Kostümfest", zudem ist es im weitesten Sinne eine "politische Versammlung". Daher ... bitte die gesetzlichen Auflagen beachten ...

    4. Zu den "Referaten" als solchen

      Es klingt wie blanker Hohn, wenn sich der Angeschuldigte dahin einläßt, Leuchter habe am 10.11.1991 "als Techniker über technische Fragen berichtet". Was von den Leuchter-Ergüssen zu halten ist, wurde bereits ausgeführt. Was in der Veranstaltung tatsächlich gesagt wurde, ist passagenweise im Anklagesatz aufgeführt, Wiederholungen an dieser Stelle erübrigen sich daher.

      Hervorzuheben ist jedoch folgendes: Die Auslassungen Deckerts und Leuchters werden (noch) transparenter bzw. wirken im konkreten Falle noch abstoßender, beklemmend und erschütternd, wenn man sie - einschließlich der sich mitunter in Beifall und Gelächter ausdrückenden Reaktionen der über 100 Zuschauer - in Bild und Ton in sich aufnimmt und hiernach wertet. Da Deckert es einem Fernsehteam des SWF gestattet hatte, der Veranstaltung beizuwohnen und Filmaufnahmen zu fertigen sowie, weil ferner ein bislang unbekannter Dritter über die Veranstaltung einen VHS-Film erstellt hat, der heute für DM 45,00 im Handel ist (vgl. insoweit das Werbeinserat und das Cover der Videokassette, Bd. I,

      {- 25 -}

      Bl. 130 f.), ist es nämlich auch heute noch möglich, den so dokumentierten Veranstaltungsablauf nachzuvollziehen; auf die angeschlossenen Video- und Tonbänder (einschließlich der Übertragungen, Bd. II, Bl. 310 ff., 340 ff.) ist insofern hinzuweisen. Am Rande sei aber noch bemerkt, daß die Weigerung des SWF, das gesamte Filmmaterial herauszugeben, gelinde gesagt, schlichtweg unverständlich ist (vgl. insoweit Bd. I, Bl. 7 f., Bd. II, Bl. 247, 277 f.).

  3. Zum Schreiben der Kriminalaußenstelle Weinheim vom 27.12.1991 (Bd. I, Bl. 4)

    Zur Vermeidung etwaiger Irrtümer bedarf dieses Schreiben an dieser Stelle einer kurzen Erörterung:

    Es ist inhaltlich zumindest irreführend, die Zeugen Firzlaff und Heckmann haben sich zu diesem Punkte ausführlich geäußert, vgl. Bd. II, Bl. 239 ff., 298 f.

  1. Rechtsausführunqen

  1. Zur Verantwortlichkeit des Angeschuldigten

    Deckert wird - wie schon in seiner Einlassung und wie schon in der Vergangenheit - versuchen, sich hinter dem Referenten bzw. hinter der Person Leuchter zu verstecken bzw. seine Rolle als die eines simplen Simultandolmetschers bzw. Veranstaltungsleiters darzustellen. Ein derartiger Versuch wäre jedoch zum Scheitern verurteilt, denn:

    Deckert war der verantwortliche Veranstalter, der, um die Veranstaltung durchführen zu können, den Zeugen Heckmann täuschen Mußte. Deckert wußte, wen er als Referenten einlud, er wußte, was von Leuchter zu erwarten war. Ausweislich des vorliegenden Bild- und Tonmaterials hat sich Deckert auch nicht auf die bloße Übersetzerrolle beschränkt, er hat sich vielmehr mit Leuchter identifiziert

    {- 26 -}

    bzw. sich dessen Auslassungen zu Eigen gemacht, was allein daraus erhellt, daß er während Leuchters "Rede" ständig nickt und lacht. Ein Unterschied zwischen beiden Akteuren, und das soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, besteht aber doch: Während Leuchter wenigstens - wenn auch im negierenden Sinne - das Wort "Holocaust" in den Mund nimmt, spricht Deckert voll Freude in abstoßender und verächtlicb-4nachender Weise nur von "Holo", etc.

    Weiterer Ausführungen zur strafrechtlichen Verantwortlichkeit des Angeschuldigten Deckert bedarf es in diesem Zusammenhang nicht mehr.

  2. Zu den SS 186 ff. StGB

    1. Der Angeschuldigte hat unwahre Tatsachenbehauptungen aufgestellt und verbreitet. Die vorliegenden Beweismittel, insbesondere die Stellungnahme des Instituts für Zeitgeschichte in München (Bd. I, Bl. 124 ff., Bd. II, Bl. 249 ff. ) rechtfertigen zweifelsfrei die Feststellung, daß es in mehreren Konzentrationslagern, unter anderem in Auschwitz-Birkenau, Gaskammern gab, in denen Millionen von Juden vergast wurden.
    2. Diese falschen Tatsachenbehauptungen sind in ehrenrühriger Weise gegen die durch die nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen - im Vergleich zu anderen Kollektivbezeichnungen - eng abgegrenzte Personengruppe der jetzt in Deutschland lebenden Juden gerichtet, die als solche kolletiv beleidiqunqsfähiq ist (herrschende Rechtsprechung: BHG St, 207/209; 16, 49/57; BGH Z 75, 160 = NJW 1980, 45). Bei verständiger Würdigung des Textzusammenhangs der Leuchter-/Deckert-Rede ist eindeutig festzustellen, daß die wahrheitswidrige und teilweise vordergründig sachlich bemäntelte Aussage, es habe ein Holocaust nicht stattgefunden, auch habe es keine Gaskammern gegeben, eine - für die mit der Rede angesprochenen Kreise - nicht mißzuverstehende
    3. {- 27 -}

      Leugnung des Vernichtungsschicksals der Juden und somit einen bewußten und gewollten Angriff auf die Anerkennung des Schicksals dieser Personengruppe darstellt. Darüberhinaus ist die wahrheitswidrige Beschönigung und Verharmlosung der in den fraglichen Gaskammern verübten Verbrechen als gezielter, hinterhältiger Angriff auf die Gefühle bzw. das Andenken des Personenkreises der Überlebenden und Opfer als Schicksalsgemeinschaft anzusehen.

    4. Die falschen Tatsachenbehauptungen sind ehrenrühriq im Sinne der §§ 186 und 189 StGB. Durch das wahrheitswidrige Leugnen der Existenz der Gaskammern und der damit untrennbar verbundenen systematischen Massenvernichtung von KZ-Häftlingen, insbesondere Juden, hat der Angeschuldigte der Gesamtheit der jetzt in Deutschland lebenden Juden, die als solche von den Nationalsozialisten verfolgt wurden, einen nicht unerheblichen Teil ihrer Leiden abgesprochen. Seine Äußerungen sind nämlich geeignet, diese Personengruppe verächtlich zu machen und in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen. Angesichts des Leids, das dieser Personengruppe durch ihre von der Staatsorganisation gezielt geplante Vernichtung angetan wurde und der daraus herrührenden - was die Behandlung dieser Ereignisse angeht allseits zu respektierenden - besonderen Sensibilität und Verletzlichkeit, hat sie Anspruch darauf, von den staatlichen Organen der Bundesrepublik Deutschland unter Anlegung eines strengen Maßstabs in dieser Hinsicht vor subtiler Verhöhnung und Verächtlichmachung - wie im konkreten Falle geschehen - zuverlässig geschützt zu werden.
    5. In diesem Lichte kann es keinem Zweifel unterliegen, daß zum Beispiel ein ehemaliger jüdischer Häftling eines der Konzentrationslager wie Auschwitz-Birkenau beispielsweise, der dort diese Lektion zur Gaskammer überlebt hat und/oder dessen Verwandte oder Freunde darin ermordet wurden, durch das wahrheitswidrige Leugnen jedes Einzelfalls oder der Gesamtheit der in diesen Gaskammern stattgefundenen Ver-

      {- 28 -}

      nichtungen menschlichen Lebens eine schwerwiegende Kränkung erfährt. Wie allgemein bekannt und an der Einführung des Wegfalls des Erfordernisses des Strafantrags gem. S 194 Abs. 1 und Abs. 2 StGB durch den Gesetzgeber noch im Jahre 1985 abzulesen, empfindet die oben unter b) bezeichnete Personengruppe in nur unwesentlich abgeschwächtem Maße die fraglichen Behauptungen, gerade aus nationalistischen Kreisen, gleichfalls als schmerzliche Kränkung.

      Es handelt sich vorliegend auch nicht etwa um den gutwillig unternommenen, wenngleich gescheiterten Versuch einer laienhaften Auseinandersetzung wissenschaftlicher Art mit heiklen Themen der Vergangenheitsbewältigung. Der engagierte Wille des Angeschuldigten, eines aus dem Schuldienst entfernten ehemaligen Oberstudienrats, mit gezielten "Seitenhieben" das Leid der konkret betroffenen Juden kleinlich zu schmälern (wohl um von der Schuld der verantwortlichen Teile der eigenen Bevölkerung abzulenken), wird an der tendenziösen, an Haßgefühle gemahnenden Wortwahl seiner Rede deutlich. Damit wird der Personenkreis, der tatsächlich von dem geleugneten Leiden betroffen war und ist, in unerträglicher Weise verächtlich als in seiner Besorgnis und Trauer weniger ernst zu nehmen und damit erneut als minderwertig hingestellt.. Hierzu hat der Bundesgerichtshof (BGH Z 75, 160 = NJW 1980, 45) zutreffend folgendes ausgeführt:

      "Es gehört zum personalen Selbstverständnis der in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Juden, als zugehörig zu einer durch das Schicksal herausgehobenen Personengruppe begriffen zu werden, der gegenüber einer besonderen moralischen Verantwortlichkeit aller anderen besteht und das Teil ihrer Würde ist. Die Achtung dieses Selbstverständnisses ist für jeden von ihnen geradezu eine der Garantien gegen eine Wiederholung solcher Diskriminierung und eine Grundbedingung für ihr Leben in der Bundesrepublik. Wer jene Vorgänge zu leugnen versucht, spricht jedem einzelnen von

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      ihnen die persönliche Geltung ab, auf die sie Anspruch haben. Für den Betroffenen bedeutet das die Fortsetzung der Diskriminierung der Menschengruppe, der er zugehört, und mit ihr unmittelbar seiner eigenen Person."

      Mit den fraglichen unwahren beleidigenden Äußerungen des Angeschuldigten sind die Grenzen der Meinungsfreiheit des Artikel 5 Abs. 1 GG, der um sachliche Differenzierung bemühten historisch- wissenschaftlichen Auseinandersetzung und der strafrechtlich nicht erfaßbaren bloßen Geschmacklosigkeit deutlich überschritten. Auch für die Wahrnehmung berechtigter Interessen gemäß S 193 StGB sind hier keine Anhaltspunkte ersichtlich.

      Es ist somit sichergestellt, daß der Angeschuldigte mit seinen Formulierungen - die er vermeintlich raffiniert gewählt hatte, um eine tatsächlich dann eingetretene beleidigende, kränkende Wirkung zu erzielen, in der Hoffnung, dafür strafrechtlich nicht belangt werden zu können - dennoch strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden können.

    6. Da das verächtlich machende Leugnen der stattgefundenen Vernichtung von Juden in Gaskammern im Sinne der vorstehenden Ausführungen eine besonders schwere Kränkung des Andenkens der ermordeten Personen darstellt, ist zugleich der Tatbestand des 5 189 StGB verwirklicht.
    7. Gemäß S 194 Abs. 1 und Abs. 2 StGB ist hier für die Verfolgung der Tat nach 55 186, 189 StGB kein Strafantrag erforderlich, weil sie öffentlich in einer Versammlung begangen wurde und die Verletzten als Angehörige einer Gruppe unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft verfolgt bzw. ermordet worden waren, die als Juden verfolgte Personengruppe Teil der Bevölkerung ist und die Beleidigung und Verunglimpfung damit zusammenhängt.

    {- 30 -}

  3. Zum Tatbestand der Volksverhetzunq im Sinne des S 130 StGB

    Der Angeschuldigte hat sich auch nach dieser Bestimmung strafbar gemacht. Betrachtet man seine politischen Aktivitäten bzw. seine Vergangenheit, die beispielsweise in den mehrfach zitierten Urteilen des Disziplinarhofes des VGH Baden-Württemberg nachzulesen ist, betrachtet man ferner das ebenfalls zitierte Flugblatt der NPD zur Jahreswende 1991/1992 und hört und sieht man den Ablauf der Veranstaltung am 10.11.1991 im Zusammenhang, so muß man zu dem Ergebnis gelangen, daß sich der Angeschuldigte nach seiner allgemein politischen Grundhaltung mit der nationalsozialistischen Rassenideologie identifiziert und er deshalb persönlich gewillt ist, feindselige Gefühle gegen die Juden allgemein und gegen die in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Juden im besonderen zu wecken und zu schüren. Dies ist aber als Angriff auf die Menschenwürde, der geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, zu werten. Das von der Rechtsprechung geforderte Mehr, um eine Verunglimpfung Dritter zu einer Volksverhetzung werden zu lassen, ist nach den Äußerungen des Angeschuldigten auf der Veranstaltung am 10.11.1991 "übererfüllt" (vgl. hierzu im einzelnen BVerfG MDR 1983, 22; BGH NStZ 1981, 258; BGH St 31, 226/231; Schmidt, MDR 1981, 972/974; OLG Düsseldorf, NJW 1986, 2518; OLG Celle, NJW 1982, 1545, OLG Köln, NJW 1981, 1280; Vogelgesang, NJW 1985, 2386 ff.; Fischer, NStZ 1988, 159 ff.; Dau, NStZ 1989, 361 ff. (Anm.); Lohse, NJW 1985, 1677 ff.; Dreher/Tröndle, StGB, S 130 Rn. 5; SK Rudolphi, StGB, S 130 Rn. 7 ff.; Schönke/ Schröder (Lenckner), StGB, S 130 Rn. 7).

Klein

Staatsanwalt (GL)


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