ANSTELLE EINES VORWORTS

Wohl keiner führenden Persönlichkeit des Dritten Reiches (außer Hitler) ist so viel vorgeworfen worden wie dem ehemaligen Reichspropagandaminister Dr. Joseph Goebbels. Ich habe manch böswillige Behauptung, manch Vorurteil gegen ihn, die schon zu seinen Lebzeiten im Schwange waren und von der feindlichen Propaganda, besonders nach 1945, nur zu begierig aufgegriffen wurden, durch die Veröffentlichung meiner Tagebücher widerlegen können, die ich als sein persönlicher Pressereferent während der beiden letzten Jahre des Krieges führte[1]. Sie hatten diese Wirkung vielleicht deswegen, weil sie von jemand niedergeschrieben wurden, der während des ganzen Dritten Reiches nie der NSDAP oder einer ihrer Gliederungen angehört hatte (ich wurde als Reserveoffizier des Heeres von der Presseabteilung des Oberkommandos der Wehrmacht zur Dienstleistung bei Goebbels abkommandiert). Ich führe es auf diesen Umstand zurück, daß sich selbst überzeugte, ja erbitterte Gegner des Nationalsozialismus von meinem Buch beeindrucken oder doch nachdenklich stimmen und sogar, wenn sie ehrlich waren, zu einer Revision ihres Urteils über den Mann bewegen ließen, an dessen Seite ich während der beiden letzten und schwersten Jahre des Krieges (und seines Lebens) stand. Nur in einem einzigen Punkt gelang es mir nicht, in Dingen die Goebbels angingen, irgend jemand zu überzeugen oder auch nur zu beeindrucken. Das war, wenn die Rede auf die »Reichskristallnacht«, d. h. den schandbaren Judenpogrom in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938, und die Rolle kam, die Goebbels dabei angeblich gespielt hatte.

Selbst persönliche oder politische Freunde (wie Helmut Sündermann †), nonkonformistische Zeitgeschichtler und engagierte historische Revisionisten (wie David Irving) setzen voraus, daß Goebbels die antijüdischen Ausschreitungen von damals »angezettelt«, inspiriert oder gar organisiert habe. Und wenn ich das Gegenteil behauptete, begegnete ich bei ihnen bestenfalls einem nachsichtigen Lächeln und der Bemerkung: »Aber, mein Lieber, das weiß man doch.« Was weiß man denn wirklich darüber? So gut wie gar nichts. Es existiert in den Akten des Nürnberger Siegertribunals ein einziges Dokument, auf das sich alle Behauptungen über Goebbels' Verantwortung für die Reichskristallnacht gründen. Es sind die Aussagen eines SS-Subalternoffiziers aus dem Stab Himmlers, dem dieser angeblich einen Aktenvermerk diktiert habe (Himmlers Adjutant, SS-Obergruppenführer Wolff, behauptete mir gegenüber, er habe Schallermeier den fraglichen Vermerk diktiert). In diesem Vermerk wird Himmlers »Vermutung« ausgedrückt, Goebbels habe die judenfeindlichen Aktionen »aus Machthunger und Hohlköpfigkeit« ausgelöst. So fragwürdig (und alles andere als beweiskräftig) dies »Dokument« und sein Zustandekommen auch ist, muß es als Ausgangspunkt aller Gerüchte über die GoebbelsUrheberschaft der Reichskristallnacht angesehen werden. Daß Himmler (und manch anderer Goebbels-Rivale) sich nach der Katastrophe vom 9./10. November 1938 in diesem Sinne geäußert hat, kann nach den Aussagen von Wolff nicht bezweifelt werden. Aber es waren - und das ist im Schallermeier-Dokument bezeugt - eben nichts weiter als »Vermutungen«, die sich auf keinerlei Beweis stützten. Daß Himmler in diesem Zusammenhang Goebbels »Machthunger und Hohlköpfigkeit« vorwarf, widerlegt ihn selbst. Für den Machthunger des Propagandaministers lassen sich Beweise finden, für seine Hohlköpfigkeit nicht. Es gibt selbst unter den schärfsten Goebbels-Gegnern außer Himmler niemand, der ihm ein ungewöhnliches Maß an Intelligenz abstreitet.

Diese seine Intelligenz, die ihn in jedem Augenblick seines Öffentlichen Wirkens seine Handlungen sorgfältig abwägen und seine (zweifellos vorhandenen Leidenschaften) zügeln ließ, hat mir von vornherein verboten, an seine Urheberschaft des 38er Judenpogroms zu glauben. Als es passierte, machte ich mir keine Gedanken darüber. Ich weiß nicht einmal, ob wir Freiwilligen der Legion Condor, die wir damals den letzten Schlag gegen die Roten in Spanien vorbereiteten, überhaupt davon erfuhren. Wenn es der Fall war, hinterließ die Nachricht keinerlei Eindruck. Wir hatten andere Sorgen. Im Spanischen Bürgerkrieg waren Hunderte von Gotteshäusern - freilich keine jüdischen - in Brand gesetzt, geschändet und verwüstet worden. Es hatten nicht ein paar Dutzend, sondern Hunderttausende von Menschen, teils auf gräßliche Art, das Leben verloren. Das bewegte uns weit mehr und forderte unseren persönlichen Einsatz, der all unsere physische und psychische Kraft in Anspruch nahm. So wenig mich persönlich die Reichskristallnacht berührte, so schwer trafen die Nachrichten darüber einen anderen, damals gleichfalls im Ausland befindlichen, ehemals persönlichen Mitarbeiter von Goebbels. Friedrich Christian Prinz zu Schaumburg-Lippe, der Goebbels als dessen Adjutant (bis 1934) nicht nur dienstlich wie ich, sondern auch (als SA-Führer der Kampfzeit und durch die persönliche Beziehung zu Hitler) freundschaftlich verbunden war, hielt sich im November 1938 in Schweden auf, um dort durch seine persönlichen Verbindungen und Vorträge in Stockholm und Uppsala um Sympathie für Deutschland zu werben. Alles, was er in dieser Beziehung erreicht hatte, wurde durch die Nachrichten über die Vorgänge in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 zunichte gemacht. Die deutsche Propaganda, in deren Dienst sich der Prinz gern und mit voller Überzeugung gestellt hatte, war mit einem Schlag unglaubwürdig geworden und erreichte das Gegenteil der beabsichtigten Wirkung. Und diesen Schlag sollte Goebbels selbst geführt haben? Prinz Schaumburg war entschlossen, seinen Freund und ehemaligen Chef zur Rede zu stellen.

Nach Berlin zurückgekehrt, meldete er sich bei Goebbels. Er schämte sich für das, was geschehen war. Und er sprach das auch im Beisein von Beamten der Auslandsabteilung des Reichspropagandaministeriums, ja sogar des norwegischen Generalkonsuls in Berlin, Elef Ringnes, der das in einem 1962 erschienenen Buch bezeugt, offen aus. Pogrome gehörten in Osteuropa zu den Alltagserscheinungen, waren aber in Deutschland und anderen zivilisierten Ländern Mittel- und Westeuropas seit dem Mittelalter nicht mehr vorgekommen, selbst nicht anläßlich der Dreyfus-Affäre in Frankreich (1894), bei der lange akkumulierte antijüdische Empfindungen der Bevölkerung zum Durchbruch kamen. Der Pogrom, das heißt mit Plünderung, Brandstiftung und Totschlag verbundene Bekundungen der Judenfeindschaft, war - wie das Wort - russischen Ursprungs und einer Kulturnation unwürdig. Die - unbestreitbare - Macht der Juden in Deutschland war 1933 durch den Nationalsozialismus auf legalem Weg gebrochen worden. Das deutsche Volk hatte durch seine auf einwandfrei demokratische Weise zustandegekommene Regierung mit den Nürnberger Gesetzen einen klaren Trennungsstrich zu den als nicht blutsverwandt geltenden Juden gezogen. Und jetzt - 1938 - plötzlich ein Pogrom? Ein Pogrom, dessen Initiator Goebbels gewesen sein sollte, den er so gut zu kennen glaubte? Das wollte dem Prinzen Schaumburg nicht in den Kopf. Er mußte sich Gewißheit verschaffen. Die Audienz war genehmigt, der Termin kurzfristig festgelegt. Im Vorzimmer des Ministers war er kein Unbekannter. Man ließ ihn sofort vor, obwohl Goebbels in seinem Arbeitsraum noch den Berliner Polizeipräsidenten Graf Helldorf zu, einer Routinebesprechung hatte. Die beiden standen vor einem der auf den Wilhelmplatz gehenden hohen Fenster und waren in ein derartig intensives Gespräch vertieft, daß sie sein Eintreten gar nicht bemerkten. So wurde Prinz Schaumburg, wie er in einem seiner Memoirenwerke[2] schreibt, »ohne ihr Wissen Zeuge eines für mich sehr interessanten Gespräches«. Es ging um die Reichskristallnacht, derentwegen auch Schaumburg zum Minister gekommen war. Goebbels befand sich im Zustand äußerster Erregung, wie wir, seine nächsten Mitarbeiter, ihn nur allzu gut kannten. Die Zornesader auf der Stirn war ihm geschwollen, das Gesicht gerötet. Er trat wiederholt mit einer uns vertrauten Geste der Aggressivität ganz dicht an seinen massigen und ihn mindestens um Haupteslänge überragenden Gesprächspartner heran, »als wolle er ihn am Rock fassen«. Die äußeren Einzelheiten dieser Unterhaltung sind so zutreffend, daß ich auch ihren Inhalt für im wesentlichen korrekt wiedergegeben halte. Eine der hervorstechendsten Eigenschaften des Prinzen (er lebt heute als alter Herr in Süddeutschland), die auch Goebbels ganz besonders an ihm schätzte, ist seine absolute (manchmal etwas unbedachte und ihm daher in seiner politischen Laufbahn abträgliche) Aufrichtigkeit. Es besteht also kein Anlaß, an dem Gehalt des von ihm aufgezeichneten Gesprächs zu zweifeln.

»Das Ganze ist ein grober Unfug«, sagte Goebbels u. a. nach Schaumburgs wörtlichem Zitat. »Sooo kann man das Judenproblem auf keinen Fall lösen. So nicht. Man macht sie ja nur zu Märtyrern. - Und dann? - Vor der ganzen Welt haben wir uns blamiert, Helldorf ... Und ich? Ich darf den ganzen Blödsinn ausbaden, soll mit der Propaganda alles wieder ausbügeln. Ein Ding der Unmöglichkeit. Wir werden unglaubwürdig, wenn wir solche Sachen machen, verstehen Sie nicht? ... Man hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Lächerlich haben sie mich gemacht.« Mit beiden Händen faßte Goebbels sich an den Kopf (diese für ihn typische Bewegung ist auch in meinen Tagebüchern geschildert), ehe er fortfuhr: »Wir konnten der gegnerischen Propaganda gar keinen größeren Dienst erweisen. Unsere Leute haben ein Dutzend Juden totgeschlagen[3], aber für dieses Dutzend müssen wir vielleicht mal mit einer Million deutscher Soldaten bezahlen!«

Prinz Schaumburg schließt dies Kapitel seiner Aufzeichnungen mit der Feststellung: »Was Goebbels Helldorf sagte, ging in schauerlicher Weise in Erfüllung.« Nur in der damals übertrieben erscheinenden Zahl irrte sich Goebbels. Es waren nicht eine, sondern viele Millionen und nicht nur Soldaten, sondern Frauen und Kinder, Kranke und Greise, die den Verbrechen der Massenbombardierung, Vertreibung und anderen Akten blindwütiger Rache zum Opfer fielen. Für das Dritte Reich und ganz besonders seinen Propagandaminister war die Reichskristallnacht ein furchtbarer, vielleicht sogar der tödliche Schlag. Das hatte Goebbels richtig erkannt. Und zwar nicht erst »post festum«. Daß er ein unerbittlicher Judengegner war, kann niemand bestreiten. Aber er legte auch dieser seiner Leidenschaft die Zügel seiner eiskalten Intelligenz an. Ein Judenpogrom, dessen Organisation ihm durchaus zuzutrauen wäre, kam ihm und der gesamten Führung des Reiches gerade in diesem Augenblick denkbar ungelegen. Unmittelbar nach der Münchner Konferenz und dem Wiener Schiedsspruch, mit welchen Ereignissen das internationale Ansehen Deutschlands seinen Höhepunkt erreicht hatte, kam alles darauf an, das gewonnene Vertrauen zu bewahren. Goebbels hatte daher schon längst seine antijüdische Propaganda, die er einst in der Kampfzeit so eifrig be-, ja übertrieben hatte, auf ein Minimum reduziert, wie er es - ebenso konsequent - wenig später mit der antibolschewistischen tun sollte, als sich der Pakt mit Stalin anzubahnen begann. Für Goebbels (und für Hitler) war Propaganda stets nur eine Funktion, wenn auch eine ungemein wichtige, der Politik. Ihre Aufgabe war es, dieser die Wege zu Öffnen, zu glätten, ja sie manchmal überhaupt erst gangbar zu machen. Und gerade dieser Mann sollte der Politik des Reiches in einem so entscheidenden Augenblick ein so gewaltiges Hindernis wie die Reichskristallnacht in den Weg gelegt haben? Das widersprach dem gesunden Menschenverstand. Das konnte und kann ich nicht glauben.

Wer aber war dann der Veranstalter oder doch wenigstens Inspirator der Reichskristallnacht? Die Sieger hatten 35 Jahre lang Zeit und alle Möglichkeiten, diese doch nicht unwichtige Frage zu klären. Sie taten es nicht. Aus gutem Grund. Sie hätten damit die von ihnen selbst aufgebaute Legende zerstört, daß die Reichskristallnacht der Anfang der »Endlösung« (wie sie sie verstehen) gewesen wäre. Statt dessen wurde, als sich der 9./10. November zum 40. Mal jährte, der Öffentlichkeit (und nicht nur der deutschen) das Märchen von den »Nazis«, und unter ihnen ganz besonders Goebbels, als Urheber der Reichskristallnacht aufgetischt, während alle vernünftigen Überlegungen auf das Gegenteil hinweisen.

Unter diesen Umständen wird das brennende Interesse verständlich, das bei mir, der ich mich auf dem Kasseler Kongreß der Gesellschaft für Freie Publizistik über Ursachen und Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zu seinem 40. Jahrestag mit der Frage der Verantwortung meines ehemaligen Chefs für die Reichskristallnacht Öffentlich auseinandergesetzt hatte, ein Manuskript über dies Sujet erregte, zumal die Verfasserin eine Generation jünger als ich war und die Ereignisse, mit denen sie sich beschäftigte, im Kindesalter miterlebt hatte. Bei Bearbeitung des Themas kamen ihr ein theologisches Studium (einschließlich Hebraicum) und lange berufliche Tätigkeit in Israel zustatten. Mit der nüchternen Sachlichkeit der Generation, deren politisches Bewußtsein sich nach 1945 formte, hat sie eines der wohl geheiligtsten Tabus der etablierten Zeitgeschichte in Angriff genommen und restlos demontiert. Daß sie dabei - am Rande ihrer streng wissenschaftlichen Arbeit - auch die Lüge über Goebbels als Urheber oder Anstifter der Reichskristallnacht schlüssig widerlegte, ist für mich Anlaß, ihr für diesen Mut zur historischen Wahrheit meinen ganz besonderen persönlichen Dank auszusprechen.

Wilfred von Oven, Buenos Aires, März 1981


Anmerkungen zur Vorrede

  1. Finale Furioso - Mit Goebbels bis zum Ende, Tübingen 1974
  2. Dr. G. Ein Porträt des Propagandaministers, Wiesbaden 1963
  3. Tatsächlich waren es - nach Heydrich - 36, nach dem Bericht des Obersten Parteigerichts 91

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