ANTIDEUTSCHE HETZZENTRALEN IN PARIS

Einer der eifrigsten Hetzredner gegen Deutschland war in jenen Jahren Wladimir Jabotinsky, Führer der Zionistisch-Revisionistischen Partei. Er wurde 1880 in Odessa geboren, verlebte seine Jugend in Rußland und Italien, bis er 1905 seine jüdisch-politische Mission entdeckte und sein Leben von da ab bis zu seinem Tod 1940 dem Kampf für sein jüdisches Volk widmete. Allen seinen Biographen ist es rätselhaft geblieben, was ihn eigentlich zu seinem todbringenden Haß gegen Deutschland veranlaßt hat. In seiner Kindheit lebte er kurze Zeit in Berlin und besuchte dort einen Kindergarten, wo er die ersten deutschen Sprachbrocken aufschnappte. In einer Lebensbeschreibung heißt es:

»Aus diesem entfernten Abschnitt seiner Kindheit hatte er nichts gewonnen als den Haß auf die deutsche Sprache und eine vage Erinnerung an eine Begegnung mit dem Kaiser in den Straßen von Bad Ems.«[35]

Jedoch haßte er nicht allein die deutsche Sprache, die er später - wie sieben andere - fließend beherrschte. Als Führer der Revisionistischen Partei, die sich am 25. April 1925 von der allgemeinen Zionistischen Partei abgetrennt hatte und seitdem eine eigene, härtere Politik verfolgte, besuchte er Deutschland, besonders Berlin, mehrere Male zu Vorträgen und Tagungen, das letzte Mal im Februar 1933. Sein Haß gegen ganz Deutschland - nicht nur gegen Hitler und den Nationalsozialismus - hat bis heute keine psychologische Erklärung gefunden. Nichtsdestoweniger war er da, und man muß wohl sagen, daß dieser Haß an der katastrophalen Entwicklung der deutschen Judenpolitik einen ganz entscheidenden Anteil trägt.

Jabotinsky begann seinen »Anti-Hitler-Kreuzzug« im großen Stil am 28. April 1933 mit einer Ansprache über Radio Warschau, in welcher er zum weltweiten Boykott Deutschlands aufrief. Dann folgten in rascher Folge 69 Massenveranstaltungen in allen größeren Orten Osteuropas.

Am 25. August 1933 gab er auf einer Pressekonferenz vor über 100 Teilnehmern bekannt, daß seine Revisionistische Partei die zentrale Schaltstelle für den weltweiten Deutschland-Boykott sei. Im internen Kreis bedauerte er, daß die amerikanische »Non-Sectarian Anti-Nazi League to Champion Human Rights« (»Nicht konfessionsgebundene Anti-Nazi Liga zur Verteidigung der Menschenrechte«), eine weitere Gründung Samuel Untermeyers, dabei war, ihm in dieser Hetzkampagne gegen Deutschland den Rang abzulaufen, da sie über weitaus größere finanzielle Mittel verfügte. Schließlich bot er Untermeyer die Zusammenarbeit an, unter der Bedingung, daß er, Jabotinsky, seine führende Position behalten könne. In Amerika war man von diesem Vorschlag nicht so sehr begeistert, zumal die Führungspositionen bereits durch dort ansässige jüdische »Mitkämpfer« besetzt waren. So übernahm Jabotinsky die »Sektion Europa« und richtete sein Hauptquartier in Paris ein.

Zur wirkungsvollen Durchführung des Boykotts suchte er seine Verbündeten bei der Masse des Volkes, den Verbrauchern. Seine Listen mit Wirtschaftsgütern »annehmbaren Ursprungs« lagen in allen Haushaltungen. Er nannte nicht nur die Firmen, deren Artikel man kaufen sollte, sondern veröffentlichte auch Namen, Adressen und Telefonnummern von Geschäften, wo diese Artikel zu haben waren. Er verlangte, daß die von ihm eingerichteten zahlreichen Büros für die »Boykott-Propaganda« gleichzeitig die Wirtschaftsreklame in dieser Richtung beeinflussen sollten, so daß Geschäfte, die es wagten, deutsche Güter anzubieten, nicht mehr annoncieren konnten und so gezwungen waren, sich dem Boykott anzuschließen.

Unzählige Aufrufe, Versammlungen, Zeitungsartikel, Ansprachen hatten in den folgenden Monaten und Jahren allein den Zweck, die Weltmeinung gegen Deutschland und die »Hitler-Pest« aufzuwiegeln und die übrigen Völker zu einem Vernichtungskrieg gegen Deutschland zusammenzutrommeln. »Glauben Sie doch nicht« - so beschwor er leidenschaftlich seine nichtjüdischen Zuhörer und Leser - »das sei nur unsere, jüdische, Sache. Wenn Hitler an der Macht bleibt, wird Ihr Land es zu spüren bekommen - bis zum letzten Mann im entlegensten Dorf.«[36]

Nicht damit zufrieden, die jüdischen Gemeinden im Ausland in seinen »Anti-Hitler-Kreuzzug« einzuschalten, hetzte er auch die Juden in Deutschland gegen ihr damaliges Vaterland auf. Jede leiseste Sympathie mit der nationalsozialistischen Regierung verurteilte er als Verbrechen. »Falls Hitlers Regierung an der Macht bleibt, ist die Weltjudenheit zum Untergang verdammt« - mit dieser hypothetischen Begründung rechtfertigte er alle antideutschen Aktionen. Aber er ging noch weiter: »Das jüdische Volk ist nicht nur von einer bestimmten politischen Partei in Deutschland bedroht - sein Feind ist die deutsche Nation als Ganzes.«[37]

Vom ersten Tag an verlangte er einen weltweiten jüdisch-deutschen Krieg. Das Schicksal der jüdischen Gemeinden in Deutschland, die logischerweise darunter am meisten leiden würden, war dabei mindergewichtig, da sie nur »einen ganz kleinen Teil der Weltjudenheit« darstellten.

Freunde Deutschlands oder ihm auch nur wohlwollend Gegenüberstehende - mochten sie auch zu seiner eigenen politischen Richtung gehören - waren Jabotinskys persönliche Erzfeinde. Als die Zeitung seiner Revisionistischen Partei in Palästina, »Hazit Haam«, nach der Machtübernahme durch Adolf Hitler prodeutsche Artikel veröffentlichte und die deutsche ›volksgetragene nationale Freiheitsbewegung‹ voll Verständnis beurteilte, erlitt Jabotinsky einen Wutanfall. Den beiden Herausgebern der Zeitung, Joshua Yeivin und Abba Achimeir, schrieb er einen geharnischten Brief: »Ihre Artikel über Hitler-Deutschland sabotieren meine ganze Arbeit. Ich verlange, daß Ihre Zeitung nicht nur hundertprozentig meinen Kampf gegen Deutschland unterstützt, sondern darüber hinaus alles unternimmt, um diese Hitler-Pest von der Erde auszutilgen - und zwar im wortwörtlichsten Sinn!«[38]

Auch die jüdisch-zionistische Jugendbewegung in Deutschland, »Betar«, die sich den Treuekundgebungen deutscher jüdischer Gruppen und Gemeinden zunächst angeschlossen hatte, erhielt von ihm ein wütendes Schreiben: »Wer von Ihnen sich mit der ›Schweinerei‹ (so wörtlich!) des Nationalsozialismus einläßt, ist in meinen Augen ein Verbrecher. ›Schweinerei‹ ist für Juden verboten!« (Er spielte damit auf den für Juden verbotenen Genuß von Schweinefleisch an.)[39]

In zahlreichen Rundschreiben, Aufrufen, Direktiven usw., die über die zionistische Organisation in Deutschland verteilt wurden, verstand es Jabotinsky, die Stimmung gegen die deutsche Regierung anzuheizen, die deutschen Juden über die »Gefahren« aufzuklären, in denen sie sich befänden, und sie so allmählich in eine Panikstimmung hineinzusteigern, die vielfach zu Kurzschlußhandlungen führte.

Doch Jabotinsky blieb nicht allein. Von Samuel Untermeyer, der seine Aktivitäten in New York und in Amsterdam entfaltete, sprachen wir schon. Eine Anzahl weiterer zionistischer Gruppierungen stellten sich für die Antideutschen-Hetze zur Verfügung.

In Paris traf Jabotinsky Monsieur Bernhard Lecache, einen ebenfalls aus Odessa, der Geburtsstadt Jabotinskys, stammenden Juden, der eine politische Propagandazentrale betrieb. Seit Gründung der französischen Abteilung der Revisionistischen Partei im Jahre 1925 hatten beide eng zusammengearbeitet. Lecache spezialisierte sich zunächst auf die Bekämpfung des Antisemitismus in Polen. Zu diesem Zweck nahm er sogar eine Zeitlang Kontakte mit dem deutschen Geheimdienst auf, der ihn auch gelegentlich finanziell unterstützte.

Plötzlich, im Januar 1933, schwenkten beide, die Revisionistische Partei unter Jabotinsky und Monsieur Lecache, auf einen strikt antideutschen Kurs ein. Lecache, der bis dahin seine propagandistische Tätigkeit mit Hilfe privater Spender finanziert hatte, verfügte plötzlich über enorme Geldmittel. Gleichzeitig wandelte er seine Propagandazentrale um in eine »Ligue international contre l'antisemitisme«, abgekürzt LICA.

Trotz des allgemein gehaltenen Namens beschäftigte sich die LICA ausschließlich mit anti-deutscher Propaganda. Jede Gelegenheit, die ihr ein nützlicher Vorwand schien, wurde aufgegriffen, um den in Deutschland angeblich herrschenden Antisemitismus anzuprangern. Aber auch jedes andere Ereignis war ihr recht, um Unruhe zu stiften.

Den ersten großen Auftritt in der Öffentlichkeit inszenierte sie nach dem Reichstagsbrand in Berlin, in der Nacht vom 27./28. Februar 1933. »Im Mittelpunkt dieser Propagandaunternehmung stand der Pariser Rechtsanwalt Moro Giafferi - eine der unangenehmsten Typen des gerissenen Schwurgerichtsadvokaten - der damals in der Salle Wagram eine haßerfüllte Rede hielt, die mit den Worten schloß: ›Göring, l'incendiaire, c'est toi‹ (›Göring, Du bist der Brandstifter‹). Die Hetzpropaganda, mit der die Welt zum Krieg gegen Deutschland aufgerufen wurde, hatte hier ihre erste Parole erhalten.«[40]

Moro Giafferi arbeitete auch weiterhin für die LICA. Beim Prozeß gegen den Mörder Wilhelm Gustloffs, den Juden David Frankfurter, wurde sofort Giafferi in die Schweiz geschickt, um sich mit dem vorliegenden Material vertraut zu machen. Die LICA schaltete sich mehrmals in die Voruntersuchung ein und bestand darauf, daß Giafferi die Verteidigung Frankfurters übernähme. Er wurde jedoch wegen Sprachschwierigkeiten nicht zugelassen, da er nur Französisch sprach, die Verhandlung jedoch auf deutsch geführt wurde.

Wir werden uns erinnern, daß uns die Namen LICA und Moro Giafferi schon im Zusammenhang mit Herschel Grünspan begegnet sind. Das Büro der LICA lag gleich um die Ecke vom Haus seines Onkels Abraham Grynszpan, bei dem er bis zum 15. August 1938 wohnte. Er mußte auf dem Weg in sein Hotel auf dem Boulevard de Strasbourg täglich an diesem Haus vorbeigehen. Alles spricht dafür, daß er nicht nur ›vorbei‹ ging, sondern daß dort tatsächlich Kontakte angeknüpft wurden. Warum sonst wäre noch am Tag seiner Verhaftung der Anwalt der LICA, Moro Giafferi, auf der Polizei erschienen und hätte sich als Verteidiger Grünspans vorgestellt? Wie hätte er so schnell davon wissen können? Warum hätte die LICA die Kosten für die Verteidigung Grünspans übernehmen sollen? Warum schließlich hat Grünspan über seine Verbindungsleute geschwiegen?

Bevor wir endgültig zu den Ereignissen zurückkehren, die der »Reichskristallnacht« vorausgingen, werfen wir noch einen kurzen Blick auf den Fall, dem der Mordfall Grünspan so zum Verwechseln ähnlich sah: den Mord an Wilhelm Gustloff, dem Landesgruppenleiter der Auslandsorganisation der NSDAP in der Schweiz.


Anmerkungen

  1. Yossef Nedava, Zéev Jabotinsky (franz.), Tel Aviv 1964, S. 3.
  2. Joseph B. Schechtman, Fighter and Prophet. The Vladimir Jabotinsky Story. The Last Years, New York 1961, S. 219.
  3. Schechtman, aaO, S. 214.
  4. Schechtman, aaO, S. 216.
  5. Schechtman, aaO, S. 217.
  6. Friedrich Grimm, Mit offenem Visier. Aus den Lebenserinnerungen eines deutschen Rechtsanwalts, Leoni 1961, S. 145.

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