STELLUNGNAHMEN DEUTSCH-JÜDISCHER GEMEINSCHAFTEN

Wie bereits erwähnt, haben sich die in Deutschland lebenden jüdischen Gemeinschaften nach der »Kriegserklärung« vom 24. März 1933 veranlaßt gesehen, in der Weltöffentlichkeit gegen die völlig aus der Luft gegriffenen und ungerechtfertigten Vorwürfe einer in Deutschland stattfindenden »Judenverfolgung« zu protestieren.

Sie bestreiten nicht, daß es einzelne (und »einzelne« heißt wirklich nur einige, vielleicht zwei, drei, höchstens zehn und jedenfalls zählbare) Vorkommnisse gegeben hat, in denen ein Jude auf offener Straße von einem Passanten angegriffen wurde, daß einmal das Geschäft eines jüdischen Inhabers mit antijüdischen Parolen beschmiert wurde. Aber was sind solche vereinzelten Vorfälle in einem 70-Millionen-Volk, in dem es selbstverständlich auch einige geben wird, die - aus persönlichen oder anderen Gründen - eine Antipathie gegen Juden haben? Mit einer staatlich gelenkten oder geförderten Judenverfolgung hat das nicht das geringste zu tun. Daß die Juden, die in Deutschland lebten, diese vernünftige und objektive Einstellung hatten, zeigen die nachstehenden Zitate. Darüber hinaus enthüllt sich in ihnen - für lange Zeit zum letzten Mal - das Antlitz eines Judentums, das sich einmal in Deutschland zu Hause fühlte und dem die Ehre und das Ansehen seines deutschen Heimatlandes ein inneres Lebensbedürfnis war.

Am Freitag, dem 24. März 1933, dem Tag der Veröffentlichung der jüdischen »Kriegserklärung« im »Daily Express«, richtete der Vorsitzende des »Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten«, Dr. Löwenstein, folgendes Schreiben an die Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika, Berlin:

»An die Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika, Berlin.

Wir erhielten Kenntnis von der Propaganda, die in Ihrem Lande über die angeblichen Greueltaten gegen die Juden in Deutschland gemacht wird. Wir halten es für unsere Pflicht, nicht nur im vaterländischen Interesse, sondern auch im Interesse der Wahrheit, zu diesen Vorgängen Stellung zu nehmen.

Es sind Mißhandlungen und Ausschreitungen vorgekommen, die zu beschönigen gerade uns bestimmt fernliegt. Aber derartige Exzesse sind bei keiner Umwälzung vermeidbar. Wir legen Wert auf die Feststellung, daß die Behörden in allen uns bekanntgewordenen Fällen energisch gegen Ausschreitungen vorgegangen sind, wo immer die Möglichkeit des Eingreifens vorlag. Die Ausschreitungen wurden in allen Fällen von unverantwortlichen Elementen unternommen, die sich im Verborgenen hielten. Wir wissen, daß die Regierung und alle führenden Stellen die vorgefallenen Gewalthandlungen auf das schärfste mißbilligen.

Es ist aber auch unseres Ermessens an der Zeit, von der unverantwortlichen Hetze abzurücken, die von sogenannten jüdischen Intellektuellen im Ausland gegen Deutschland unternommen wird. Diese Männer, die sich zum überwiegenden Teil nie als Deutsche bekannten, ihre Glaubensgenossen im eigenen Lande, für die sie Vorkämpfer zu sein vorgaben, im kritischen Augenblick im Stich ließen und ins Ausland flüchteten, haben das Recht verwirkt, in deutsch-jüdischen Angelegenheiten mitzureden. Ihre aus sicherem Versteck abgeschossenen Pfeile schaden wohl Deutschland und den deutschen Juden, aber sie dienen den Schützen selbst gewiß nicht zur Ehre. Ihre Berichte strotzen von Übertreibungen.

Wir wären der Botschaft der Vereinigten Staaten sehr dankbar, wenn sie dieses unser Schreiben, das wir im vollen Verantwortungsgefühl für das, was wir damit aussprechen, der Botschaft überreichen, unverzüglich nach Amerika kabeln würde. Der unterzeichnete Bund ist bereit, die entstehenden Kosten zu übernehmen.

Da wir wissen, daß am Montag eine großaufgezogene Propaganda gegen Deutschland unter dem oben gestreiften Thema stattfinden soll, würden wir es begrüßen, wenn unser Schreiben schon möglichst Montag in der amerikanischen Öffentlichkeit bekannt wäre.

Reichsbund jüdischer Frontsoldaten e.V.«[29]

In einer Botschaft an die Frontkämpfer der Welt vom gleichen Tag hieß es:

»Die Greuelpropaganda lügt. Die Drahtzieher sind politische und wirtschaftliche Interessenten. Die jüdischen Literaten, die sich dazu brauchen lassen, haben früher in Deutschland uns jüdische Frontsoldaten verhöhnt.

Ihr Kameraden werdet am wirksamsten der Beruhigung Deutschlands nützen, wenn Ihr als ehrenhafte Soldaten Eure Stimme erhebt gegen die unritterliche und ehrenkränkende Behandlung Deutschlands seit vierzehn Jahren.«

Am 26. März 1933 schickte die »Zionistische Vereinigung für Deutschland« folgendes Telegramm an führende Juden in Amerika:

»Wir haben uns bereits am 17. März in einer durch die jüdische Telegraphen- Union an die gesamte jüdische Presse der Welt weitergegebenen Erklärung gegen jede deutsch-feindliche Propaganda mit großer Entschiedenheit gewandt. Wir haben gegen alle der Wahrheit nicht entsprechenden Greuelmeldungen und gewissenlose Sensationsnachrichten Einspruch erhoben und wiederholen heute unseren Protest in aller Öffentlichkeit. Wir protestieren gegen jeden Versuch, die jüdische Sache der Interessenpolitik anderer Staaten oder Gruppen dienstbar zu machen. Die Verteidigung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden und die Wahrung ihrer wirtschaftlichen Position kann und darf nicht verknüpft werden mit politischen Aktionen, die sich gegen Deutschland und die außenpolitische Geltung des Deutschen Reiches richten.«[30]

Am 28. März 1933 hieß es in der - damals noch - jüdisch redigierten Zeitung »Berliner Tageblatt«:

»Mit tiefer Erschütterung beobachtet unser ganzes Volk, daß seit ein paar Wochen draußen in der Welt eine neue Hetzkampagne wütet, die aus den mannigfachsten Motiven, nicht etwa nur humanitärer, sondern auch sehr egoistischer Art, Deutschland verächtlich zu machen versucht....

Gegenüber all den unsinnigen Meldungen, die ein Teil der Weltpresse leider noch immer Tag für Tag verbreitet, stellen wir nachdrücklich fest, daß von Pogromen oder antisemitischen Exzessen in Deutschland nicht die Rede sein kann; wer von draußen her das Gegenteil sagt, lügt bewußt oder ist ein unwissendes Werkzeug dunkler Gewalten....

Einmal bedient sich der neuen Hetze eine wirtschaftliche Richtung, die seit jeher im Ausland gegen den deutschen Export arbeitet und nun ein bequemes Mittel gefunden zu haben glaubt, um mit irgendeiner populären Verbrämung ihr egoistisches Ziel verfolgen zu können. Zweitens ist, worauf wir schon hingewiesen haben, die Greuelpropaganda die letzte Hoffnung der Antirevisionisten in Europa. Überall dort, wo gerade jetzt im letzten Augenblick noch wahllos nach Mitteln gesucht wird, um die dämmernde europäische Sanierung aufzuhalten, überall dort bedienen sich gerade die unversöhnlichsten Gegner jeder gerechteren Eingliederung Deutschlands in das Nachkriegseuropa auch der neuen Greuelpropaganda. Zu Zwecken, die gar nichts mit den vorgetäuschten Zielen dieser Propaganda zu tun haben, sondern die sich gegen Deutschland überhaupt wenden.«[31]

Am 30. März 1933 veröffentliche die »Central-VereinZeitung«, Berlin, das Organ des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, folgenden Leitartikel:

»Wir 565000 deutschen Juden legen feierliche Verwahrung ein.

Eine zügellose Greuelpropaganda gegen Deutschland tobt in der Welt. Durch jedes Wort, das gegen unser Vaterland gesprochen und geschrieben wird, durch jeden Boykottaufruf, der gegen Deutschland verbreitet wird, sind wir deutschen Juden genau so tief getroffen wie jeder andere Deutsche.

Nicht aus Zwang, nicht aus Furcht, sondern weil gewisse ausländische Kreise die Ehre des deutschen Namens lästern, das Land unserer Väter und Land unserer Kinder schädigen, sind wir ohne Verzug dagegen aufgestanden. Vor dem Inland und dem Ausland haben wir die Lügenmeldungen über Deutschland und die neue Regierung gebrandmarkt....

Gegen diese ungeheuren Beschuldigungen legen wir 565 000 deutschen Juden vor ganz Deutschland und vor der Welt feierliche Verwahrung ein.«

Am nächsten Tag, dem 31. März 1933, erklärte Dr. Max Naumann, Ehrenvorsitzender des Verbandes nationaldeutscher Juden, im »Neuen Wiener Journal«:

»Ich brauche Ihnen nicht erst zu sagen, daß ich ein absoluter Gegner dieser Greuelhetze gegen Deutschland bin. Ich sehe in dieser Kampagne nichts anderes, als eine Neuauflage der Kriegshetze gegen Deutschland und seine Verbündeten von einst. Sogar die Methoden und Einzelheiten sind genau die gleichen wie damals, wo man von abgehackten Kinderhänden und ausgestochenen Augen, ja sogar von einer Kadaververwertung sprach, daß man menschliche Kadaver zur Gewinnung von Fettersatzstoffen verwertet habe. Dazu passen genau die Behauptungen von heute, die besagen, daß verstümmelte Judenleichen scharenweise vor den Friedhöfen liegen, daß sich sozusagen kein Jude auf der Straße sehen lassen dürfe, ohne attackiert zu werden.

Wohl haben Ausschreitungen stattgefunden, aber ganz vereinzelt. Sie sind unzweifelhaft als Sonderaktion irgendwelcher einzelner Leute anzusprechen, wie sie sich in jedem Volke und in jeder Organisation finden, die die Gelegenheit benutzt haben, persönliche Rachegefühle gegen einzelne jüdische Personen, mit denen sie aus irgendeinem Grunde Differenzen hatten, in ihrer Weise zu erledigen.

Die leitende Stelle der NSDAP und die ganze Reichsregierung haben stets mit größter Energie erklärt, daß sie in jedem derartigen Falle, der ihnen zur Kenntnis kommt, schonungslos eingreifen werden. Es ist auch mir bekannt, daß in solchen Fällen wirklich schonungslos eingegriffen worden ist. Jedenfalls haben wir deutschen Juden, und zwar ohne jeden Unterschied der besonderen Gefühlsrichtung, durchweg die Überzeugung, daß auf Seite der Regierung und der Leitung der NSDAP der ernste Wille besteht, Ruhe und Ordnung aufrechtzuerhalten.

Wir haben uns deshalb schon vor geraumer Zeit mit sehr ernergischen Protesten gegen die ausländische Greuelpropaganda gewendet, und zwar, wie ich ausdrücklich hervorheben möchte, nicht etwa unter irgendeinem Zwang, sondern aus eigenem Antrieb, weil wir überzeugt waren, daß durch diese Hetze unserem Deutschland schwer geschadet wird und geschadet werden soll. Ferner, weil nebenher - ich hebe ausdrücklich hervor, daß dieser Gesichtspunkt für uns nur sekundärer Natur ist - auch uns in Deutschland lebenden Juden durch diese angeblich in unserem Interesse verübte Hetze ein ganz außerordentlich schlechter Dienst erwiesen wird.«[32]

Und noch einmal das »Berliner Tageblatt« vom 1. April 1933:

»Deutschland wird von einer ungeheuren Schmutzwelle umbrandet. Alle Nutznießer des Versailler Diktats, die schon den Zusammenbruch ihrer Gewaltpolitik gegen Deutschland unwillig anerkennen mußten, schöpfen neue Hoffnung. Als Antwort auf die Dokumentation des Freiheitswillens des deutschen Volkes entfachten sie die Greuelpropaganda, die nur wenig hinter den Lügenberichten in der Kriegszeit zurücksteht.

Es kann nicht bestritten werden, daß sich an der Greuelhetze im Ausland auch deutsche Juden mit weithin bekannten Namen führend beteiligt haben, ... die in einer unverantwortlichen Weise das deutsche Volk zu diffamieren suchen.«[33]

Wir können hier nur einen Ausschnitt der prodeutschen Äußerungen bringen, die in jenen Tagen von jüdischer Seite gemacht wurden. Die Haltung der in Deutschland lebenden Juden war in jener Zeit äußerst zwiespältig. Aus den diversen jüdischen Vereinigungen kristallisierten sich langsam zwei Hauptrichtungen heraus: die Zionisten und die deutschen Juden. Während die Erstgenannten sozusagen »das Feuer schürten« und jede antisemitische Äußerung aufbauschten, um ihre These, daß der Platz eines Juden in Palästina sei, untermauern zu können, kämpften die letzteren (an ihrer Spitze stand der Verband der jüdischen Frontkämpfer) für ein Verbleiben in Deutschland, das sie als ihre Heimat empfanden, selbst wenn das zeitweilig für einzelne Juden Benachteiligungen bedeuten sollte. Diese »deutschen Juden« wurden von ihren Rassengenossen im In- und Ausland schmählich im Stich gelassen, ja, als Verräter und Kollaborateure gebrandmarkt. -

Die jüdische »Kriegserklärung«, die anti-deutsche Greuelhetze, die Boykottbewegung - all das wurde natürlich auch von der deutschen Reichsregierung zur Kenntnis genommen. Sie reagierte jedoch gelassen, nicht zuletzt, weil sie alle Hände voll zu tun hatte, um mit der innerdeutschen Erbschaft fertig zu werden, die sie von ihren Vorgängern übernommen hatte.

Immerhin fand am Samstag, dem 1. April 1933, als Antwort auf die von jüdischer Seite veranlaßte Hetze gegen Deutschland, ein halbtägiger Boykott jüdischer Geschäfte statt. Diese etwas klägliche Angelegenheit steht in den heutigen Aufstellungen über die »Vernichtung des jüdischen Volkes im Nazi-Deutschland« meistens an erster Stelle. Tatsächlich hat sie kaum irgendeinen Schaden angerichtet, ja, sie wurde sogar von den frommen Juden begrüßt, da ihnen die Samstagsarbeit ihrer Glaubensgenossen schon immer ein Dorn im Auge war. Nach den jüdischen Gesetzen ist der Samstag absolut arbeitsfrei zu halten; es dürfen keine Geschäfte gemacht werden.

Mit der gleichen Einstellung wurden im übrigen auch die »Nürnberger Gesetze« kommentiert, zumindest jene Verordnung, die die Eheschließung zwischen Juden und Deutschen untersagte. Joel König schreibt in seinem Erlebnisbericht »Den Netzen entronnen« von seinem Vater, einem Rabbiner:

»Für ihn entsprachen die Judengesetze des Dritten Reiches genau jenen Gesetzen der Thora, die von den deutschen Juden oft übertreten wurden. Die Juden machten am Schabbat Geschäfte; also wurden die jüdischen Geschäfte an einem Schabbat boykottiert. Sie verheirateten sich, mit Andersgläubigen; also wurden die Nürnberger Gesetze erlassen.«[34]

Ungeachtet der Aufrufe deutsch-jüdischer Verbände an ihre Glaubensgenossen im Ausland ging dort die Deutschenhetze weiter, und die Boykottbewegung breitete sich aus.


Anmerkungen

  1. Dieser und der folgende Text ist entnommen: Nation Europa. XII. Jahrg., Heft 10, Oktober 1962, S. 7-8.
  2. Heinrich Härtle, Deutsche und Juden. Studien zu einem Weltproblem, Leoni 1977, S. 278.
  3. Nation Europa, XII. Jahrg., Heft 10, S. 9-10.
  4. Nation Europa, aaO, S. 8-9.
  5. Nation Europa, aaO, S. 10-11.
  6. Joel König, Den Netzen entronnen, Göttingen 1967; Taschenbuchausgabe unter dem Titel: David. Aufzeichnungen eines Überlebenden, Frankfurt, 1979, S. 74

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