ECHO IN DER DEUTSCHEN ÖFFENTLICHKEIT AUF DAS GRÜNSPAN-ATTENTAT

Kehren wir jetzt endgültig zu den Ereignissen nach dem Grünspan-Mord zurück. Wie wir bereits sahen, stellten sich auch hier die gleichen Fragen nach den Hintermännern wie im Fall Frankfurter. Auch hier bot sich die LICA als die dafür wahrscheinlichste Organisation an. Aber es fehlten die absolut schlüssigen Beweise. Grünspan schwieg wie sein »Vorgänger« Frankfurter.

Die deutsche Presse machte aus der herrschenden Empörung über den Mordanschlag auf vom Rath kein Hehl. In seinem Leitartikel vom 8. November 1938 wetterte der »Völkische Beobachter« wie folgt:

»Es ist klar, daß das deutsche Volk aus dieser neuen Tat seine Folgen ziehen wird. Es ist ein unmöglicher Zustand, daß in unseren Grenzen Hunderttausende von Juden noch ganze Ladenstraßen beherrschen, Vergnügungsstätten bevölkern und als ausländische Hausbesitzer das Geld deutscher Mieter einstecken, während ihre Rassengenossen draußen zum Krieg gegen Deutschland auffordern und deutsche Beamte niederschießen. Die Linie von David Frankfurter zu Herschel Grynszpan ist klar gezeichnet. Wir können heute schon in der jüdischen Weltpresse erleben, daß man sich auch diesmal bemüht, den Täter reinzuwaschen und zu verherrlichen und den Niedergeschossenen zu verdächtigen.«

Besonderes Verständnis fand die Mordtat des Grünspan bei der jüdischen Bevölkerung in den USA. Dort sammelte Dorothy Thompson, eine bekannte Skandal-Journalistin, eine beträchtliche Summe für den ›armen, heroischen‹ jungen Mann.

Der »Völkische Beobachter« fährt fort:

»Wir werden uns die Namen jener merken, die sich zu dieser feigen Meucheltat bekennen … Die Schüsse in der Deutschen Botschaft in Paris werden nicht nur den Beginn einer neuen deutschen Haltung in der Judenfrage bedeuten, sondern hoffentlich auch ein Signal für diejenigen Ausländer sein, die bisher nicht erkannten, daß zwischen der Verständigung der Völker letzten Endes nur der internationale Jude steht.«

Vielleicht erscheint heute eine solche Sprache übertrieben in ihrer Schärfe. Aber um geschichtliche Vorgänge zu verstehen, müssen wir uns in die damalige Situation versetzen. Zeitungsartikel wie der oben zitierte entsprachen der allgemein herrschenden Stimmung. Sie waren ein Ausdruck des Zornes darüber, daß es möglich war, daß deutsche Regierungsbeamte im Ausland grundlos niedergeschossen wurden. Wir müssen bedenken, daß solche Gewalttaten im Jahre 1938 durchaus nicht an der Tagesordnung waren. Es gab zu jener Zeit keine Terroristengruppen, die ganz nach Belieben Politiker entführten und ermordeten, weil ihnen deren politische Richtung nicht paßte. 1938 lebten wir in einer vergleichsweise ruhigen, geordneten Welt. Ein politischer Mord war damals noch eine Angelegenheit, auf die das ganze Volk empört reagierte. Der Artikel im »Völkischen Beobachter« brachte zum Ausdruck, was die Leute dachten; keinesfalls war er – wie Graml in seiner Studie ›Der 9. November 1938‹ ihn deutet – das Signal zu den Ereignissen, die dann später folgten. Tatsächlich hatte er damit nicht das geringste zu tun.

In Paris lag inzwischen vom Rath im Sterben. Er war sofort nach dem Attentat in ein französisches Krankenhaus gebracht und dort operiert worden. Eine der Kugeln hatte ihn nur ungefährlich an der Schulter verletzt. Die zweite jedoch hatte die Milz durchschlagen und war in der Magenwand steckengeblieben. Aus Deutschland wurden zwei Spezialisten geschickt, ein französischer Frontkämpfer meldete sich als Blutspender – aber alle Mühe war umsonst, die inneren Verletzungen waren zu schwer.

Am 8. November 1938 ernannte Adolf Hitler den jungen Legationssekretär zum Botschaftsrat, am 9. November 1938 um 17.30 Uhr verstarb er.


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