DER 9. NOVEMBER 1938

Im Dritten Reich war der 9. November der »Gedenktag für die Gefallenen der Bewegung«. Anläßlich dieses Gedenktages versammelten sich alljährlich die ehemaligen Teilnehmer des Marsches zur Feldherrnhalle von 1923 sowie das engere Führerkorps und die Gauleiter in München. Viele Teilnehmer waren schon am Vortag angereist, um bei der Rede des Führers vor der alten Garde am Abend des 8. November im Bürgerbräukeller anwesend zu sein. Die Feierlichkeiten wurden fortgesetzt am Vormittag des 9. November mit dem traditionellen Marsch zur Feldherrnhalle und anschließender Gedenkstunde an der »Ewigen Wache« auf dem Königlichen Platz.

An diesem 9. November 1938 geschahen, während die Feierlichkeiten in München ihren Fortgang nahmen, in einigen kleinen Orten Hessens seltsame Dinge. - Alles, was wir jetzt schildern, ergibt sich aus Gerichtsurteilen, die nach 1945 von westdeutschen Staatsanwaltschaften gefällt wurden als Abschluß von Verfahren, die in Verfolgung von NS-Verbrechen, in diesem Fall also der »Reichskristallnacht«, durchgeführt worden sind.

»Vereinzelt tauchten in Dörfern und kleinen Städten Ortsfremde auf, die sich an die Partei- und SA-Führer wandten, um sie zum Vorgehen gegen die Juden zu nötigen.

So erzählte am Abend des 9. November der Bürgermeister und Ortsgruppenleiter von Schupbach (bei Limburg) seinem Polizeiwachtmeister: es sei Jemand‹ dagewesen und habe ›Krach gemacht‹, weil in Schupbach noch nichts gegen die Juden unternommen worden sei. Wer der ›Jemand‹ war, konnte nicht mehr festgestellt werden. -

In Marburg erschienen zwei SD-Angehörige aus Kassel in SS- Uniform bei dem Führer der SA-Standarte ›Jäger H‹ und gaben ihm den Befehl, die Marburger Synagoge zu zerstören; der Standartenführer wies jedoch darauf hin, daß er vom SD keine Befehle entgegenzunehmen brauche und unternahm nichts.«[43]

Das ist also wirklich sehr, sehr seltsam. Ortsfremde unbekannte Leute gehen zu Partei- und SA-Führern und versuchen, sie zu ›nötigen‹, Maßnahmen gegen die bei ihnen ansässigen Juden zu unternehmen? Wer waren denn diese Unbekannten? Wie kamen sie überhaupt auf die Idee, Partei- oder SA-Führern Befehle geben zu können? Oder gar einem Ortsgruppenleiter und Bürgermeister, der höchsten Örtlichen Autorität? Und diese Unbekannten haben sich nicht einmal ausgewiesen oder erklärt, daß sie von irgend jemandem geschickt worden seien. Als man im Ansinnen ablehnte, verschwanden sie einfach wieder.

Völlig unrealistisch war die Hoffnung der angeblichen SS-Männer, wenn sie glaubten, einem SA-Standartenführer ein Befehl geben zu können. Schon allein diese Tatsache weist sie als falsche SS-Männer aus. Als die SS gegründet wurde, unterstand sie noch der SA, später wurde sie eine selbständige Einheit. Zu keinem Zeitpunkt aber hatte sie die Befehlsgewalt über die SA. Einem SA-Standartenführer Befehle zu geben, war für einen SS-Angehörigen ein völlig unsinniges Beginnen. Kein wirklicher SS-Mann wäre auf diese verrückte Idee gekommen.

Auch in anderen Orten tauchten solche anonymen Provokateure auf und versuchten, die maßgebenden Leute zu antijüdischen Provokationen anzustiften. Da es ihnen nicht gelang, gingen sie dazu über, selbst »Stimmung« zu machen.

»In anderen Fällen wandten sich die ortsfremden Provokateure nicht an Dienststellen der Partei oder ihrer Gliederungen, sondern stifteten selbst Pogrome an.

So geschah es in Münzenberg (bei Gießen), wo die Fahrer eines Regierungsautos aus Darmstadt und eines Autos vom Landratsamt Friedberg durch Öffentliche antisemitische Äußerungen während des Marktes einen Sturm auf die Synagoge entfesselten.«[44]

Auch diese beiden Fahrer verschwanden anschließend und wurden nicht mehr gesehen. Im Laufe des Tages änderte sich das Bild. Die zunächst noch vereinzelt und zögernd aufgetauchten Provokateure wurden bestimmter, gaben vor, Befehle zu haben, drohten und gingen immer Öfter zur direkten Aktionen über, um die Zuschauer zum Mitmachen zu bewegen. Sie warfen die ersten Steine in Schaufenster jüdischer Geschäfte, auf jüdische Wohnhäuser, begannen mit dem Sturm auf Synagogen. Die Aktionen steigerten sich in den späten Abend- und Nachtstunden. Die Provokateure traten immer Öfter in Gruppen auf.

Betroffen waren zunächst lediglich kleinere Ortschaften in Hessen. Ein, zwei Vorfälle ereigneten sich im Laufe des Nachmittags auch in Magdeburg.

Wie wir später sehen werden, handelte es sich bei all diesen Aktionen nur um eine Art Vorgeplänkel. Die Hauptschar der Provokateure traf erst im Laufe der Abendstunden an ihren Einsatzorten ein.

Kameradschaftstreffen und Goebbels-›Rede‹

In München hatten sich die Parteiführer am Abend zu einem gemeinsamen Essen mit dem Führer versammelt.

Das Zusammensein fand im großen Saal des Alten Rathauses statt. Während man dort beisammensaß, speiste und sich unterhielt, trafen verschiedene Nachrichten ein. Die eine war die, daß Botschaftsrat vom Rath am späten Nachmittag in Paris seinen Verletzungen erlegen sei. Die anderen bezogen sich auf Unruhen in Hessen und Magdeburg. Und nun beginnt wieder eine »Märchenstunde« der Herren Zeitgeschichtler. Im Mittelpunkt steht - wozu hat man ihn denn - der »böse Wolf«: Dr. Joseph Goebbels. Glaubte man den verschiedenen Darstellungen, so hätte sich ungefähr folgendes abgespielt:

Nachdem Hitler die Nachricht vom Tode Raths erhalten hatte, sprach er »eine Weile sehr eindringlich mit dem neben ihm sitzenden Goebbels, jedoch so leise, daß auch die unmittelbaren Nachbarn den Inhalt des Gesprächs nicht verstehen konnten«[45]. Sehr verdächtig, dieses ›konspirative‹ Geflüster! In der im Nürnberger Prozeß mitgeteilten Erinnerung des damaligen Münchener Polizeipräsidenten, Herrn von Eberstein, war Hitler »stärkstens beeindruckt«. Rudolf Jordan hingegen, dem früheren Gauleiter von Magdeburg-Anhalt, erschien der Führer müde »wie wir alle ... nach den zwei Tage langen anstrengenden Veranstaltungen«[46]. Daraus ergibt sich bei Jordan denn auch, daß nicht Hitler (›müde‹, wie er war) auf Goebbels, sondern umgekehrt Goebbels auf Hitler einredete, und zwar ›lebhaft‹, also wohl kaum im Flüsterton.

Gegen 21.00 Uhr verließ der Führer die Runde und begab sich in seine Privatwohnung.

Nachdem Hitler gegangen war, trat Dr. Goebbels ›in Aktion‹! Zunächst ließ er verbreiten, es möge ja niemand weggehen, er wolle noch wichtige Informationen geben. Die Versammelten blieben also sitzen - bis auf den Gauleiter von Franken, Julius Streicher, der sich nicht wohl fühlte und nach Nürnberg zurückfuhr. Anschließend führte Dr. Goebbels ein längeres Gespräch mit Heydrich. (Über ihn und seine gleichzeitige Anwesenheit an diesem Abend an den verschiedensten Orten berichten wir weiter unten.) Schließlich erhob sich der Reichspropagandaleiter Dr. Goebbels zu einer »Rede«, deren Text zwar nicht erhalten geblieben ist und deren genauen Inhalt auch niemand wiedergeben kann, die aber trotzdem - Höhne weiß es sicher - »zu den Meisterleistungen nationalsozialistischer Demagogie«[47] gerechnet werden muß. Diese Rede war »ausgesprochen hetzerisch« - so Baldur von Schirach in Nürnberg[48]. Überdies war sie »verschwommen« und »triefte von Judenhaß«[49].

Aber was sagte er denn nun eigentlich in dieser ›triefenden‹ Rede? Ja, das ist das Dumme, man weiß es eben nicht genau. Aber das macht unseren »Historikern« keine Kopfschmerzen. Ganz klar: Goebbels hat zum Sturm auf die Synagogen aufgefordert - zwar nicht so direkt, aber jedenfalls indirekt[50]. Aus - punktum. Und wer es nicht glaubt, ist ein unverbesserlicher Nazi. - So einfach ist das!

Und was geschah dann?

»Die Alten Kämpfer, meist Führer der einzelnen Parteiformationen, stürzten an die Telefone und jagten Alarmbefehle an ihre Einheiten im Land hinaus.

Endlich durften sie sich als Herren der Judenfrage fühlen, endlich konnte die Partei ihr Mitspracherecht wieder geltend machen, endlich sah die SA die Stunde herannahen, aus ihrer Schattenrolle herauszutreten und den 30. Juni 1934 zu rächen.

Und Dr. Joseph Goebbels beherrschte die Szene. Unermüdlich diktierte er seine Fernschreiben an die Propagandadienststellen der Partei, schier pausenlos klingelten Telefone und hasteten Adjutanten heran, die Befehle des Reichspropagandaministers zu empfangen.«[51]

Erholen wir uns erst einmal von dieser Hektik und dann begeben wir uns langsam wieder auf den Boden der Tatsachen und sehen uns mit nüchternen Augen an, was wirklich geschah.

Goebbels - Initiator der »Reichskristallnacht«?

Wie war es also wirklich? Was können wir mit Sicherheit sagen?

Nach dem Essen, gegen 21.00 Uhr, verließ Adolf Hitler das Alte Rathaus. Wenn er wirklich vorher mit Dr. Goebbels noch einige Worte gewechselt hat, so drehte es sich ganz sicher nicht um »Geheiminstruktionen«, in denen der »Pogrom« beschlossen wurde.

Dann erhob sich Dr. Goebbels und informierte die Anwesenden über den Tod Ernst vom Raths. Wie Goebbels genau sprach und was er wörtlich gesagt hat, wissen wir nicht. Wer seine Reden jedoch noch in Erinnerung hat, kann sich vorstellen, daß er mit ziemlicher Empörung und Erbitterung wegen des Mordes gesprochen haben mag, einfach aus der spontanen Erregung heraus.

Anschließend erwähnte er, daß es in den Gauen Magdeburg-Anhalt und Hessen-Nassau zu vereinzelten Ausschreitungen gegen jüdische Geschäfte gekommen sei (wir erinnern uns der Provokateure, die ja schon den ganzen Tag über am Werk waren). Höchstwahrscheinlich hat er das in einem einigermaßen ironisch-überlegenen Ton vorgebracht, so daß der Eindruck entstehen konnte, es geschehe den Artgenossen des Mörders Grünspan ganz recht, wenn man ihnen jetzt die Fensterscheiben einschlägt. Das bekannte Temperament von Dr. Goebbels tat ein übriges, um diesen Eindruck zu verstärken.

Mochte Baldur von Schirach diese Rede auch als ›hetzerisch‹ empfunden haben, so ist es doch eine von niemandem bestrittene Tatsache, daß Dr. Goebbels weder einen ›Befehl‹ zum ›Pogrom‹ gab, wozu er auch gar nicht die Macht gehabt hätte, noch die Anwesenden dazu aufhetzte. Einer seiner engsten Mitarbeiter, sein Staatssekretär Dr. Naumann bemerkt treffend dazu:

»Ich unterstelle gern, daß bei der Zusammenkunft der ›alten Kämpfer‹, als die Nachricht vom Ableben des Herrn vom Rath eintraf, Dr. G. keine beruhigenden Worte gesprochen haben wird. Er wird sogar sicher - wie das seine Art war - die Angelegenheit dramatisiert haben. Solche Reaktionen von Dr. G. waren den Beteiligten aber schon von anderen Gelegenheiten her bestens bekannt. Von dieser emotionellen Behandlung der Dinge bis zu der Anordnung, im ganzen Reich zur gleichen Stunde z. B. die jüdischen Gotteshäuser anzuzünden, ist aber ein weiter Weg.

Der Verantwortliche für die ›Kristallnacht‹ kann Dr. G. schon deshalb nicht sein, weil er keine Hausmacht besaß und keine Möglichkeit hatte, mit ihm unterstellten Mitarbeitern eine solche Aktion durchzuführen. Sie kennen am besten die Zwitterstellung der sogenannten Gaupropagandaund Landesstellen-Leiter. Es ist undenkbar, daß der Gaupropagandaleiter in Königsberg ›auf Anordnung von Dr. G. ‹ eine Aktion gegen die Juden veranlassen konnte. Er wäre in diesem Falle innerhalb weniger Minuten vom Gauleiter seines Postens enthoben. Und so ist es überall im Reich - mit einer Ausnahme: Berlin. Hier ist Dr. G. zugleich Gauleiter, und in dieser Eigenschaft stehen ihm genügend Möglichkeiten zur Verfügung, in seinem Gau eine solche Aktion durchzuführen.

Andererseits wissen Sie, wieviel Wert Dr. G. darauf legte, daß Berlin als Reichshauptstadt geradezu eine Visitenkarte für Ordnung und Sauberkeit sein sollte. In der von ihm, geleiteten Reichshauptstadt sollte es keine Kriminalität, keine Tumulte, keine Unruhen geben; geschweige denn einen mit zertrümmerten Schaufensterscheiben übersäten Kurfürstendamm und geplünderte Luxusgeschäfte.

Aus all diesen Erwägungen ist mit Sicherheit zu sagen, daß eine ›Anordnung‹ für die Zerstörung der Synagogen sowie die Plünderung jüdischer Geschäfte niemals von Dr. G. ausgegangen sein kann, weil ihm jede Möglichkeit fehlte, eine solche Anordnung im Reich - mit Ausnahme von Berlin - durchzusetzen.«[52]

Wie auch hätte das denn geschehen können? Die Demonstrationen waren ja bereits - wie wir gesehen haben - den ganzen Tag über im Gange, hatten also noch vor seiner sogenannten »Rede« begonnen. Und wie wäre es möglich gewesen, daß seine Worte, zu einem verhältnismäßig kleinen Kreis innerhalb eines geschlossenen Raumes gesprochen, die Macht gehabt hätten, in ganz Deutschland, in Hunderte von Kilometern entfernten kleinen und kleinsten Ortschaften zur selben Stunde, in der sie gesprochen wurden - ja, noch ehe sie überhaupt gesprochen waren - einen gegen jüdische Gebetsstätten, Wohn- und Geschäftshäuser gerichteten Sturm der Zerstörung zu entfachen?

Nein, nicht Dr. Goebbels hat auf magisch-hypnotische Weise die Provakateure herbeigezaubert und an die Stätten ihrer Untaten geführt, nicht er war es, der Mitglieder von Organisationen und zweifelhafte Elemente zu Zerstörungsaktionen anfeuerte, nicht Dr. Goebbels hat diesen verbrecherischen Plan entworfen - und ein ganz exakt und mit kalter Überlegung ausgearbeiteter Plan ist erfüllt worden! Da waren andere Kräfte am Werk. Wir können bisher nur unter Zugrundelegung der klassischen Frage »Cui bono?« - »Wem hat es genützt?« ahnen, welche antideutschen in- und ausländischen Kreise in taktischem Zusammenspiel die »Reichskristallnacht« inszeniert haben.

Im Nürnberger sogenannten »Prozeß« gegen die Führung des Deutschen Reiches legte man im Zusammenhang mit den Ereignissen der »Kristallnacht« auch ein Dokument vor, das wir in der Folge ausführlich behandeln werden. Es galt als »Schlüsseldokument« und ist das auch wirklich - wenn auch in einem anderen als dem behaupteten Sinn. Es handelt sich um ein angebliches Fernschreiben, welches Heydrich im Auftrag Himmlers an die Polizeidienststellen geschickt haben soll. Wenn dieses Fernschreiben echt wäre, dann bestünde kein Zweifel daran, daß die SS die Hauptschuld an den Ereignissen der »Kristallnacht« trüge. Die Vorwürfe gegen die SS hat man jedoch im Verlauf des Nürnberger Prozesses nicht aufrecht erhalten können. Sie wurde ausdrücklich von jeder aktiven Teilnahme an den Ereignissen jener Nacht freigesprochen. Das bewußte Fernschreiben wird jedoch weiterhin zitiert. - Die Analyse dieses Dokuments, die wir später durchführen werden, gibt uns aber hinreichend Aufschlüsse über seine Verfasser und seinen geplanten Verwendungszweck. Es enthüllt uns auch, daß all diesen Ereignissen, angefangen mit dem Mordanschlag auf vom Rath, ein einheitlicher Plan zugrundegelegen hat. Ein Plan allerdings, in den Dr. Goebbels gar nicht einbezogen war. Von ihm ist in jenem Fernschreiben mit keinem Wort die Rede.

Durch seine - sicher alles andere als politisch klug-ausgewogene - ›Rede‹ hat Goebbels selbst diesen ursprünglichen Plan, die SS zum Schuldigen zu stempeln, zunichte gemacht und sich quasi als »Sündenbock« angeboten. Das ist er dann auch geworden, vor allem in der gesamten Nachkriegsliteratur. Selbst geistig hochstehende Männer, die im nationalsozialistischen Deutschland hohe und höchste Positionen innehatten, sind noch heute davon überzeugt, daß Dr. Goebbels zumindest ›seine Hand im Spiel‹ hatte.

Eine solche Beschuldigung ist ganz unsinnig. Nicht nur, daß keine Beweise dafür vorliegen - es gibt eine ganze Reihe von Gegenbeweisen. Auch das Verhalten seiner Zuhörer, Gauleiter und SA-Führer, läßt eindeutig darauf schließen, daß er - nachdem er sich seine Erbitterung von der Seele geredet hatte - zu kühler Überlegung zurückfand und Partei und SA schärfstens davor warnte, sich an solchen Demonstrationen zu beteiligen.

Der Kristallnacht-Experte, Herr Graml, behauptet allerdings das Gegenteil, aber mit einer leicht schizophren anmutenden Argumentation. Denn: auch Herr Graml muß zugeben, Goebbels hat der Partei von Demonstrationen abgeraten, aber - und hier erweist sich der psychologisch geschulte Historiker! - das hat er ja gar nicht so gemeint! Was Goebbels gemeint hat, war: sie soll sich nicht erwischen lassen! - Ach so! - Aber warum sind dann die Gauleiter hingegangen und haben mit ihren Heimatdienststellen telefoniert und dort Anweisung gegeben, jedwede antijüdische Aktion zu verhindern? Ja, das geschah eben, weil - und jetzt gerät Herr Graml ins Stottern und weiß nicht weiter und redet so verschwommen daher, wie man es zuerst Dr. Goebbels vorgeworfen hat:

»Die anwesenden hohen Führer gaben telephonisch an die nachgeordneten Dienststellen ihrer Organisationen Weisungen im Sinne der eben gehörten Rede und in individuell verschieden bindender und eindeutiger Form.«[53]

Also wie nun? Weisungen in individuell verschieden bindender und eindeutiger Form? - Vielleicht weiß Herr Graml, was er damit meint. Meine wiederholten Anfragen zu diesem und anderen Problemen seiner Darstellung hat er jedenfalls nicht beantwortet.

Bis zum eindeutigen Beweis des Gegenteils bleiben wir also dabei: Die Behauptung, daß Dr. Goebbels zu den antijüdischen Ausschreitungen aufgehetzt und sogar ins Detail gehende Instruktionen gegeben hätte, ist ein reines Phantasieprodukt! Die Ereignisse, wie sie sich tatsächlich abgespielt haben - und zwar vom 7. November 1938 an, dem Tag des Mordanschlags auf vom Rath - widersprechen solcher Darstellung in allen Punkten.

Niemals war Dr. Goebbels der Initiator dieser Wahnsinnstat. Bei seiner hohen Intelligenz wäre ihm selbstverständlich von vornherein klar gewesen, welche verheerenden Folgen diese antijüdischen Demonstrationen für Deutschland nach sich ziehen mußten. Denn diese nach außen als anti-›jüdisch‹ erscheinenden Aktionen waren in Wahrheit anti-deutsche Demonstrationen in einem vorher noch nicht dagewesenen Ausmaß. Das Deutsche Reich war es, das einen ungeheuren Schaden erlitt.

Aktionsverbote der Gauleiter und des Stabschefs der SA

Dr. Goebbels hatte also die Nachricht vom Tode des Botschaftsrates vom Rath weitergegeben und gleichzeitig die strikte Warnung ausgesprochen, daß sich Partei und SA auf keinen Fall an irgendwelchen Demonstrationen gegen Juden zu beteiligen hätten, ja, daß sie diese mit allen Mitteln verhindern müßten. Weder als Reichspropagandaleiter noch als Gauleiter von Berlin - schon gar nicht in seiner Funktion als Reichsminister - hatte Dr. Goebbels natürlich die Möglichkeit, den anderen Gauleitern oder etwa der SA irgendwelche ›Befehle‹ zu erteilen. Trotzdem wurde seine Warnung von den Gauleitern und dem anwesenden SA-Stabschef, Viktor Lutze, positiv aufgegriffen und entsprechend weitergegeben.

Am meisten betroffen fühlte sich der Gauleiter von Hessen-Nassau, Jakob Sprenger, da die antijüdischen Aktionen hauptsächlich aus seinem Gau berichtet wurden. Er ließ sich mit seinem Büro in Frankfurt/Main verbinden und gab strenge Anweisungen, jegliche Aktionen gegen Juden und ihr Eigentum zu unterlassen oder, soweit solche vorkommen, sie sofort abzustoppen. Die Gauleitung in Frankfurt/M. schaltete schnell: Noch in der gleichen Stunde wurde dieser Befehl an alle Kreisleitungen weitergegeben. Die Kreisleitung Hanau z. B. bestätigte den Eingang dieser Anweisung zwischen 21.00 und 22.00 Uhr. Aus dem zum Kreis Hanau gehörenden Wachenbuchen waren inzwischen antijüdische Demonstrationen gemeldet worden. Daraufhin begaben sich der Kreisleiter Else, Landrat Löser und der Kreispropagandaleiter Mankel aus Hanau dorthin, um diese sofort abzustoppen[54].

Genauso reagierte z. B. der Kreisleiter von Erbach. Da in seinem Bezirk zunächst alles ruhig blieb, sah er keine Veranlassung, etwas zu unternehmen. Am nächsten Tag, dem 10. November, tauchten jedoch auch in seinem Kreis an einigen Orten fremde Provokateure auf und versuchten, Unruhe zu stiften. Sofort rief der Kreisleiter die Ortsgruppenleiter zusammen und gab ihnen seine Anweisungen[55].

Gauleiter Kaufmann, Hamburg, war bei dem Treffen in München zwar nicht dabei, aber auch er wurde benachrichtigt und erließ sofort strikte Anweisungen gegen jede Art von Ausschreitungen[56].

Gauleiter Carl Röver vom Gau Weser-Ems telefonierte mit dem Oldenburger Kreisleiter Engelbart und wies ihn an, die anderen Kreisleiter des Gaues anzurufen und die strikte Parole durchzugeben: keine Ausschreitungen[57]!

Im gleichen Sinn wie die Gauleiter reagierte der SA-Stabschef Viktor Lutze. Gleich nach der Mitteilung von Dr. Goebbels, daß es verschiedentlich schon zu Ausschreitungen gegen Juden gekommen sei, wies er die in München anwesenden SA-Führer an, »sofort ihren Dienststellen fernmündlich durchzugeben, daß sich die SA an Ausschreitungen gegen Juden und jüdische Einrichtungen nicht zu beteiligen habe und an den Stellen, an denen schon Ausschreitungen vorgekommen seien, Posten zur Verhinderung weiterer Plünderungen beziehen solle«[58].

Befehlsgemäß eilten die SA-Führer in ihr Münchener Quartier, den »Rheinischen Hof«, und gaben fernmündliehe Anordnungen an ihre Heimatdienststellen.

Die bilokativen Fähigkeiten des Reinhard Heydrich

Bevor wir uns mit den nächsten Ereignissen befassen, werfen wir noch einmal einen Blick in die zeitgenössische Geschichtsschreibung. Wenn man diese widersprüchlichen und teilweise offensichtlich unwahren Darstellungen liest, fragt man sich oft: Ja, aber wie ist denn das möglich? Ist Wahrheit heute wirklich ein leeres Wort? Oder kommt es den »Historikern« heute gar nicht auf die Wahrheit an, sondern wollen sie nur eine vorgefaßte Meinung »beweisen«?

Nehmen wir z. B. den ›Fall‹ Heydrich und sehen wir uns im folgenden die verschiedenen Versionen an, wo Heydrich den Abend und die Nacht vom 9. zum 10. November 1938 verbracht hat und was er alles tat.

Rudolf Jordan, ehemaliger Gauleiter von Magdeburg-Anhalt, berichtet vom Verlauf des Abendessens im Alten Rathaus zu München:

»Nachdem er (Goebbels) ein längeres Gespräch mit dem SS-Gruppenführer Heydrich - Himmler war nicht anwesend - beendet hatte, erhob sich Goebbels zur angekündigten Erklärung.«[59]

Hermann Graml, Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte, München:

»Bei dem Kameradschaftsabend im Rathaussaal war die SS kaum vertreten gewesen; Goebbels' Rede haben mit Sicherheit weder Himmler noch andere wichtige Führer der SS gehört. Heydrich, Chef der Sicherheitspolizei und des SD, saß währenddessen im Hotel ›Vier Jahreszeiten‹. Er wurde um 23.15 Uhr, also nach den ersten Anordnungen von Partei und SA, durch die Staatspolizeileitstelle München informiert, deren Führer vom Dienst anfragte, was für Befehle Heydrich der Sicherheitspolizei und der Gestapo erteile. Heydrich war sichtlich erstaunt und gab zunächst keine Anweisungen. Er wollte erst die Entscheidung Himmlers einholen und schickte deshalb den SS-Gruppenführer Wolff zu ihm.«[60]

Luitpold Schallermeier, SS-Hauptsturmführer, gab eine eidesstattliche Erklärung ab, die als schriftliches Beweisstück im Nürnberger Prozeß vorgelegt wurde (näheres über diese Erklärung folgt später):

»Am Abend des 9. November 1938 rief gegen 23.15 Uhr der Führer vom Dienst der Staatspolizeileitstelle München im Hotel Vier Jahreszeiten an und meldete dem Gruppenführer Heydrich, mit dem Gruppenführer Wolff, Hauptsturmführer Hajo von Hadeln, Hauptsturmführer Dr. Brandt und ich zusammen waren, daß die Gaupropagandaleitung München-Oberbayern einen Befehl über den Ausbruch der sogenannten ›Judenpogrome‹ durchgegeben habe, wonach sich die Staatspolizei in die Aktion nicht hindernd einmischen dürfe. Der Führer vom Dienst fragte an, welche Befehle Gruppenführer Heydrich in seiner Eigenschaft als Chef der Sicherheitspolizei erteile. Gruppenführer Heydrich erklärte, daß er ihn - den Führer vom Dienst - wieder anrufen werde.

Heydrich und Wolff wußten von der Aktion nichts. Gruppenführer Wolff fuhr daraufhin sofort zu dem in der Führerwohnung in der Äußeren Prinzregentenstraße sich beim Führer aufhaltenden Reichsführer-SS Himmler, um ihm den Sachverhalt vorzutragen. Gegen 1.00 Uhr traf der Reichsführer-SS im Hotel Vier Jahreszeiten ein und gab dem Gruppenführer Heydrich folgenden Befehl für alle Staatspolizei-Leitstellen: ›Die Staatspolizei-Leitstellen haben sich nach den Wünschen der Propaganda-Ämter zu richten, vornehmlich Plünderungen zu verhüten und für Schutz der Personen und Sicherung des jüdischen Vermögens zu sorgen‹.«[61]

Dr. Werner Best, Ministerialdirigent im Innenministerium, juristischer Berater der Staatspolizei, als Zeuge vor dem Nürnberger Militärtribunal am 31. Juli 1946:

»Ich weiß aus eigenem Erleben, daß Heydrich, der damalige Chef der Sicherheitspolizei, von den Ereignissen völlig überrascht wurde, denn ich war mit ihm zusammen, als wenige Meter von dem Hotel, in dem wir uns befanden, eine Synagoge in Brand hochging, und wir hatten nichts davon gewußt. Heydrich eilte daraufhin zu Himmler, wurde dort informiert und erhielt Befehle, die er dann an die Behörde der Staatspolizei weitergab.«[62]

Günther Deschner, Heydrich-Biograph:

»Heydrich, nach dem Krieg lange als Initiator der Kristallnacht vermeldet, wurde in einem Zimmer des Münchener Hotels ›Vier Jahreszeiten‹ von der Aktion Goebbels' überrascht, als in nächster Nähe eine Synagoge in Flammen aufging. Er und sein Gestapo-Justitiar Dr. Werner Best rätselten noch über die Ursachen des Synagogenbrandes, da brachte ein Anruf der Gestapo-Leitstelle München Klärung: Die Gaupropaganda-Leitung, eine Goebbels-Dienststelle, habe der Geheimen Staatspolizei mitgeteilt, › es seien Judenpogrome befohlen worden, in die sich die Geheime Staatspolizei nicht hindernd einmischen dürfe‹. Als der verdatterte Heydrich bei Reichsführer Himmler um Aufklärung und Befehle bat, ließ dieser nur einen Hitler-Befehl weitergeben, der nichts anderes besagte, als daß die SS sich herauszuhalten und Heydrichs Gestapo lediglich jüdisches Eigentum sicherzustellen habe.«[63]

Gerald Reitlinger, Spezialist für die »Endlösung«:

»Heydrich bemühte sich sehr sorgfältig darum, sich ein Alibi zu beschaffen, und das deutet darauf hin, daß er mehr als nur ein ausführendes Organ Hitlers oder Goebbels' war. Am Abend des 9. November war er nicht mit Hitler und den Parteiführern in München, sondern in einem Hotel in Nürnberg mit Werner Best, einem seiner Gestapo-Chefs, dem zufolge Heydrich vollkommene Unwissenheit vortäuschte, als eine benachbarte Synagoge in Flammen aufging, und Befehle an die Staatspolizei erst aufgab, nachdem er mit Himmler in München telefonisch gesprochen hatte.«[64]

Frau Lina Heydrich, Ehefrau von Reinhard Heydrich, erklärt folgendes (aus dem Text ist ersichtlich, daß sich das Ehepaar Heydrich in seinem Haus in Berlin aufhielt):

»Eines Abends, wir waren früh schlafen gegangen, wurde ich durch ein Klopfen an unserer Schlafzimmertür wach. ›Was ist los?‹, fragte ich, ›Wer klopft?‹. Die Antwort: ›Hier ist Schmidt (er bewachte nachts unser Haus). Der Gruppenführer möchte sofort im Amt anrufen!‹ Auf meine Frage, was ›denn los‹ sei, erklärte Schmidt: ›Die Synagogen brennen!‹ Ich wählte die Amtsnummer und weckte Reinhard, und dann ging bei meinem Mann alles unglaublich schnell. Nur notdürftig bekleidet, die Knöpfe des Waffenrocks schloß er unterwegs, fuhr er ins Amt. Erst nach Stunden kam er wieder zurück. Ich sehe ihn immer noch vor mir: schneeweiß im Gesicht, mit einem leeren Ausdruck in den Augen. Auf mein Drängen, mir doch zu erzählen, was geschehen sei, sagt er nur, geradezu verstört und geistesabwesend: ›Bitte, laß mich. Ich erzähle es Dir später.‹ Eine Zeitlang lagen wir still nebeneinander im Bett. Dann löschte ich das Licht. Keiner konnte schlafen, und dann ›tröpfelten‹ die ersten Worte: ›Sie haben alles zerschlagen, alle Geschäfte zerstört und geplündert, die Synagoge in Wilmersdorf brennt wohl noch.«[65]

Ich denke, das reicht zunächst einmal, um einen Eindruck zu gewinnen von der völligen Unwissenheit - ja man muß schon sagen: Gewissenlosigkeit - der einzelnen Autoren, mit der sie über historische Begebenheiten berichten. Nicht einmal der Biograph Heydrichs, Deschner, hat es für nötig erachtet, den Dingen auf den Grund zu gehen.

Fassen wir noch einmal die einzelnen Punkte zusammen:

Heydrich war also gleichzeitig: in Berlin (Frau Heydrich), in Nürnberg (Reitlinger) und in München (die übrigen Autoren).

In Berlin befand er sich mit seiner Frau in seinem Haus und sie schliefen bereits, als ein Wachtposten ihn aufforderte, im ›Amt‹ anzurufen.

In Nürnberg war er mit Dr. Best in einem Hotel.

In München saß er ebenfalls, mit dem gleichen Dr. Best, in einem Hotel. - Gleichzeitig befand er sich aber auch in München in einem Hotel mit vier anderen Herren, ohne Dr. Best! - Zur selben Zeit nahm er an dem Kameradschaftsessen mit dem Führer im Alten Rathaus teil.

Nach dem Zeugnis von Dr. Best wurde er durch den Brand einer Synagoge in Hotelnähe aufgestört und eilte zu Himmler.

Auch Deschner läßt ihn durch den Synagogenbrand aufgestört werden, aber Heydrich eilt nicht zu Himmler, sondern ›rätselt herum‹. Erst ein Anruf der Gestapo-Leitstelle München bringt Aufklärung.

Schallermeier wiederum behauptet, daß ein Anruf der Staatspolizeileitstelle dem völlig ahnungslosen, von keinem Synagogenbrand wissenden Heydrich gemeldet wurde.

Laut Best eilt Heydrich persönlich zu Himmler; nach Schallermeier schickt er den Gruppenführer Wolff zu ihm, und Reitlinger läßt ihn gar von Nürnberg aus mit Himmler telefonieren.

Bei Frau Heydrich jedoch kümmert er sich gar nicht um Himmler, sondern geht - in Berlin - die brennenden Synagogen besichtigen.

Was soll man davon nun halten? Wer berichtet hier die Wahrheit?

Am leichtesten ist beim ersten Lesen der Bericht von Reitlinger zu widerlegen. Er gibt nämlich als Quelle für seine Behauptung (Heydrich in Nürnberg) die Aussage von Dr. Best beim Nürnberger Prozeß an, die wir oben angeführt haben. In dieser Aussage ist von einem Hotel in Nürnberg aber überhaupt nicht die Rede. Dr. Best bezeugt lediglich, daß er mit Heydrich zusammen war, als in der Nähe des Hotels, in welchem sie sich befanden, eine Synagoge zu brennen begann. In welcher Stadt sich das besagte Hotel befand, erwähnt Dr. Best in seiner Aussage nicht. Reitlinger hat keine Bedenken, diese neutrale Aussage von Dr. Best zu einem Zeugnis für die Anwesenheit Heydrichs in Nürnberg zu machen. Zu dieser Art von Geschichtsschreibung kommen wir später. Im Augenblick genügt es, festzustellen, daß die übrigen Zeugen etwas anderes sagen. Graml und Deschner benutzen die IMT-Texte von Schallermeier und Best - obwohl sie sich widersprechen.

  1. Nach Schallermeier befindet sich Heydrich an diesem Abend in Gesellschaft von Wolff, von Hadeln, Dr. Brandt und Schallermeier. - Nach Best ist er lediglich mit ihm (Best) zusammen.
  2. Nach Schallermeier wird Heydrich durch einen Telefonanruf über angeblich angeordnete ›Judenpogrome‹ informiert. - Nach Best sieht er eine Synagoge in der Nähe des Hotels ›Vier Jahreszeiten( in Flammen aufgehen und ahnt zunächst überhaupt nicht, daß es sich nicht um einen zufälligen Brand handelt.
  3. Nach Schallermeier schickt Heydrich Gruppenführer Wolff zu Himmler, nach Best eilt er selbst zu ihm.

Graml kombiniert hier - wie fast überall in seiner Arbeit - zwei verschiedene Aussagen. Wo ihm die Angaben von Best am passendsten erscheinen, zitiert er diesen, wo Schallermeier hinpaßt, verwendet er dessen eidesstattliche Erklärung. Er informiert seine Leser jedoch nicht, daß sich beide Aussagen widersprechen und demnach nur eine von beiden - oder keine? - stimmen kann.

Kommen wir zu Frau Heydrich - sie sollte es eigentlich am besten wissen. Ihre bewegende Schilderung vom schneeweißen Heydrich mit dem ›leeren Ausdruck in den Augen‹ muß man aber nach den beiden glaubwürdigen Aussagen von Best und Jordan doch wohl ins Reich der Phantasie verweisen. Sie bringt in ihrer Erinnerung vieles durcheinander. Unmittelbar vor der von uns zitierten Textstelle behauptet sie, die sogenannten »Nürnberger Gesetze«, die während des Reichsparteitages 1935, auf der Reichstagssitzung in Nürnberg am 15. September, verlesen und zur Abstimmung vorgelegt wurden, seien eine Folge des Grünspan-Attentates auf vom Rath gewesen, das ja erst drei Jahre später, 1938, erfolgte.

Auf Schallermeiers eidesstattliche Erklärung werden wir später ausführlich eingehen.

Als die einzig glaubwürdigen Aussagen können wir nur die von Jordan und Dr. Best einstufen. Rudolf Jordan erinnert sich aus persönlichen Gründen ganz genau an jenes Abendessen im Alten Rathaus und versichert mit absoluter Gewißheit, daß Reinhard Heydrich damals anwesend war[66]. Nach dem Abendessen ist Heydrich wahrscheinlich in sein Hotel gegangen. Himmler hatte für Mitternacht zur Vereidigung der Rekruten der SS-Verfügungstruppe an der Feldherrnhalle eingeladen. (Es waren nicht Rekruten der Waffen-SS, wie Jordan angibt und von Eberstein in Nürnberg ausgesagt hat, denn die Waffen-SS hat 1938 noch gar nicht existiert.) Höchstwahrscheinlich nahm auch Heydrich an dieser Feier teil. Auf jeden Fall war es erst nach der Vereidigung, bei der der Führer gesprochen hatte, daß Heydrich und Dr. Best im Hotel »Vier Jahreszeiten« beisammen saßen. Erst dann ging die Synagoge in der Nähe des Hotels in Flammen auf. Heydrich, beunruhigt, eilte zu Himmler, der sich um diese Zeit im gleichen Hotel befand, und sandte auf dessen Anordnung um 01.20 Uhr ein Fernschreiben an alle Polizeileitstellen mit der Anweisung, überall im Land für Ruhe und Ordnung zu sorgen, jüdisches Eigentum zu schützen, Juden - falls etwa wegen randalierender Leute notwendig - in Schutzhaft zu nehmen und im übrigen etwa noch stattfindende Ausschreitungen sofort zu unterbinden. Auch die SS bekam jetzt - wie vorher schon die Parteidienststellen und die SA - Anweisung, sich auf jeden Fall aus den Krawallen herauszuhalten. -

Wie Zeitgeschichte geschrieben wird

Seit dem 19. Jahrhundert gehörte es zur Ehre der deutschen Geschichtsforscher, sich der von Niebuhr und Ranke eingeführten quellenkritischen Methode zu bedienen.

›Sicherung und Erforschung der Herkunft und der Eigenart verfügbarer Quellen‹ und ›Sauberkeit im methodisch-technischen Vorgehen‹ (Brockhaus) bei der kritischen Sichtung der schriftlichen und nicht-schriftlichen ›Überreste‹ der Vergangenheit verschafften der deutschen Geschichtswissenschaft ein weltweites Ansehen. Von diesen ehrenvollen Grundsätzen ist in der gesamten heutigen ›Zeitgeschichtsschreibung‹ nichts mehr zu spüren.

Wie Zeitgeschichte geschrieben wird, dafür finden wir in den vorangegangenen Abschnitten treffende Beispiele.

Nehmen wir z. B. Reitlinger: Er behauptet, Heydrich habe sich in jener Nacht nicht in München, sondern in Nürnberg aufgehalten. Im Anmerkungsteil seines Werkes »Die Endlösung« nennt er als Beleg für diese Behauptung einen IMT-Band und die Seitenzahl. In diesem Band (XX) auf der angegebenen Seite (151) finden wir die Aussage von Dr. Best, die wir ebenfalls zitiert haben. Von einem Aufenthalt der beiden Herren in Nürnberg steht da absolut nichts. Das ist ein reines Phantasieprodukt Reitlingers.

Dieser von ihm willkürlich und lügenhaft behauptete Aufenthalt Heydrichs in Nürnberg ist nach seiner Auslegung ein schlüssiger Beweis dafür, daß Heydrich in Wirklichkeit mehr mit der ganzen Sache zu tun hatte, als es auf den ersten Blick scheint. Schon allein, daß er sich - angeblich - nicht in München befand, macht ihn verdächtig.

So schreibt man also Zeitgeschichte: Man stellt eine Behauptung auf und bringt dazu einen Beleg, der durchaus nicht zu stimmen braucht. Man kann sicher sein: die meisten werden ihn sowieso nicht nachlesen. In diesem Fall, bei den IMT-Bänden, ist das sogar für viele unmöglich, da das 42bändige Werk nur in einigen großen Bibliotheken vorhanden ist. Aus dieser wissentlich falschen Behauptung leitet man dann alle möglichen Dinge ab. Am liebsten benutzt man den Negativbeweis. Zum Beispiel: Da Heydrich nicht in München war, ist es klar, daß er in München seine Hand im Spiel hatte! Oder - aus einem anderen Bereich - : Da man keine Gaskammern gefunden hat, ist es klar, daß welche existiert haben und zerstört worden sind! Das ist ein skandalöser Mißbrauch des Vertrauens des Lesers, der davon ausgeht, daß der Verfasser einer wissenschaftlichen Arbeit die Quellen doch wohl genau studiert hat und sie sinngerecht benutzt. Bei dieser Art Geschichtsschreibung bleibt die Gewissenhaftigkeit und das bei Forschern vorausgesetzte Wahrheitsstreben auf der Strecke.

Ein weiteres Beispiel: Hermann Graml. Oben haben wir bereits gesehen, wie gewissenlos er zwei Quellen miteinander vermischt und - da sie sich widersprechen - sie zurechtbiegt, bis sie in das von ihm propagierte Geschichtsbild passen.

In seiner Arbeit über die »Reichskristallnacht« finden sich die erstaunlichsten Widersprüche. Er zitiert Aussagen, bringt Belege, beruft sich auf Zeugenschilderungen - und macht dann plötzlich einen Haken und ›beweist‹ aus all diesen Quellen das Gegenteil dessen, was sie aussagen! Oder er benutzt einwandfrei erwiesene Fakten und ordnet sie in ein von ihm erfundenes Phantasiegebilde ein.

Zum Beispiel: die anonymen Provokateure. Aus Gerichtsakten zitiert er Aussagen, die immer wieder an zahlreichen Stellen auf fremdgesteuerte, anonyme Unruhestifter verweisen. Er glaubt diesen Aussagen offensichtlich. Aber anstatt sich mit diesen Tatsachen objektiv auseinanderzusetzen, behauptet er flugs, es habe sich dabei um ›Geheimagenten‹ von Dr. Goebbels gehandelt. Irgendeinen Beweis dafür hat er nicht. Im Gegenteil: Er selbst berichtet, daß die Art, wie sich die Provokateure bewegten, allein schon darauf schließen ließ, daß sie von der Organisation innerhalb der NSDAP nicht die geringste Ahnung hatten. Aber der Widerspruch kümmert ihn nicht.

Oder die von der Partei ›angeordneten‹ Pogrome. Was sagt er dazu?

»Nirgends ist zu erkennen, daß Befehle höherer Stellen vorlagen.«

Bei den Strafverfahren nach 1945 gegen einzelne Mittäter der Zerstörungsaktionen

»berief sich keiner ... darauf, daß er auf Befehl gehandelt habe.«

»Die Ausschreitungen entstanden spontan, von einer Urheberschaft der Partei kann kaum mehr gesprochen werden« - »Zweifellos lagen keine Anweisungen der obersten Parteiführung vor.«

»Ohne daß die oberste, ja auch nur die mittlere Parteiführung verantwortlich zu zeichnen brauchte, war es zu Ausschreitungen gegen die Juden gekommen, scheinbar spontan, ohne doch eine echte Demonstration des Volkes zu sein.«[67]

Aber trotzdem behauptet er:

»Es wurde die völlige Zerstörung des jüdischen Besitzes durch einen von der Partei zu inszenierenden und zu lenkenden Pogrom befohlen.«[68]

Von wem befohlen? - Das sagt er nicht!

Interessant - und irreführend - auch folgende Schilderung:

»Der Kreisleiter von Hanau hatte wie mehrere andere Dienststellenleiter der NSDAP am Abend des 9. November (in der Broschüre steht irrtümlich: 8. November) einen Geheimbefehl des Gauleiters Sprenger erhalten, der jede Einzelaktion verbot.«

Das stimmt, abgesehen davon, daß es sich nicht um einen ›Geheim‹-Befehl handelte. Aber dann behauptet Herr Graml:

»In den ersten Morgenstunden des 10. jedoch kam ein Anruf aus dem Gaupropagandaamt, der den Befehl Sprengers aufhob und die Durchführung einer rücksichtslosen Vergeltungsaktion für den Tod vom Raths anordnete.«[69]

Wenn das stimmt - einen Beleg dafür bringt Graml nicht - dann hätte es sich um einen der zahlreichen anonymen Anrufe gehandelt, von denen wir noch hören werden. Aber: Die Anordnung eines Gauleiters kann nicht vom Gaupropagandaamt aufgehoben werden! Die Gauleiter waren Hoheitsträger, die allein dem Führer unterstanden. Nur ein Führerbefehl hätte die Anordnung eines Gauleiters aufheben können, auf keinen Fall das Gaupropagandaamt, das dem Gauleiter disziplinär unterstellt war. Wo immer dieser Anruf hergekommen sein mag: Aus dem Gaupropagandaamt gewiß nicht! Und der Anrufer selbst hätte durch seinen plumpen Versuch, den Befehl eines Gauleiters aufzuheben - ebenso wie die anonymen Provokateure - bewiesen, daß er nicht der NSDAP angehörte und von ihrer Organisation keine Ahnung hatte.

Diese logisch richtige Schlußfolgerung aus dem Anruf zu ziehen unterläßt Herr Graml jedoch. Warum? Weil sie nicht in das Geschichtsbild paßt, das er mit seiner Arbeit untermauern will.

Ganz kurios wird es, wenn er von den nicht vorhanden gewesenen Befehlen der obersten Parteileitung spricht. Graml kann nur sagen, was stimmt: Weder von Hitler, noch von Goebbels, Himmler oder Heydrich, auch nicht von SA-Stabschef Lutze kam irgendein Befehl zur Zerstörung der Synagogen, Trotzdem seine verbohrte Behauptung: Der Pogrom wurde von der nationalsozialistischen Regierung veranstaltet!

Wie haben die das wohl gemacht?

Ja, das war so: Gesagt hat also keiner was, das stimmt schon, aber das brauchten sie auch gar nicht. Goebbels z. B. hat - bei seiner berühmten ›Rede‹, deren Text nicht überliefert ist - daran gedacht, jüdische Geschäfte zu demolieren und Synagogen in Brand zu stecken. Aussprechen mußte er das gar nicht mehr. Er sprach ja schließlich zu Nationalsozialisten, und solche Mordbrennerei lag denen sozusagen ›im Blut‹. In Parteikreisen ›wußte‹ man genau, ›was eigentlich gemeint war‹. Es war gar nicht nötig, einen direkten Befehl zu geben. Den antijüdischen Aktionen lag der ›unausgesprochene‹ aber ›erfühlte‹ Wille der obersten Führung zugrunde.

Sehen Sie, so einfach war das früher im Dritten Reich mit dem Regieren. Unser Bundeskanzler muß vor Neid erblassen, wenn er daran denkt.

Und wie gerissen die damals gewesen sind, wie mußte es »den Eindruck der Spontaneität verstärken, wenn der Chef der Partei nicht ein einziges Wort gesagt hatte, das die Ausschreitungen hätte fördern oder gar auslösen können!«[70]

So ist das also mit der Befehlsgebung gewesen: sie fand überhaupt nicht statt! Diese Schlingel - geben einfach keine Befehle! Sollte man das für möglich halten! Diese Nazis haben doch wirklich mit allen Tricks gearbeitet!

Aber wenigstens den unteren Parteiführern hätte man doch Bescheid sagen können! Schließlich sollten sie die Demonstrationen durchführen. Das mußte doch irgendwie organisiert werden. - Aber nein - die Weigerung der Befehlsausgabe diente der »taktischen Verschleierung«. »Die Örtlichen Politischen Leiter ließ man ... absichtlich ohne Befehl und Information. Dann wurden sie von den Aktionen der auswärtigen Provokateure überrascht.«[71]

Na, da werden sie aber dumm geguckt haben! -

Was machen wir aber nun mit den Zeugen, die bereit sind zu beschwören, daß doch eindeutige Befehle ausgegeben wurden, und zwar Aktionsverbote? Ja, sagt Herr Graml, solche Leute gibt es wohl, und sie haben es auch vor Gericht beschworen, aber - das ist unglaubwürdig!

Zum Beispiel SA-Stabschef Lutze:

»Der Führer der SA-Gruppe Kurpfalz ... hat ... erklärt, Lutze habe die Beteiligung der SA direkt verboten und die Gruppenführer angewiesen, entsprechende Befehle zu erteilen.«

Zur Erläuterung: Diese Erklärung erfolgte unter Eid vor Gericht. Was meint Herr Graml dazu? »Das ist ausgeschlossen.«[72] Nach Graml hätte der Zeuge also einen Meineid geschworen. Nun ja, ein SA-Gruppenführer - dem kann man so etwas doch zutrauen, oder etwa nicht?

So schreibt Herr Graml Zeitgeschichte - und er ist nicht etwa eine Ausnahme unter unseren derzeitigen »Historikern«.

Wie heißt es doch so schön im Brockhaus?

»Die historische Methode geht von der Sicherung und Erforschung der Herkunft und der Eigenart verfügbarer Quellen im Hinblick auf bestimmte Forschungsprobleme und von der Klärung und Nachweisung chronologischer Bezüge aus, um auf dem Weg einer angemessenen intensiven Auswertung der Quellen zu synthetischen Ergebnissen zu gelangen.«

Von vorgefaßten Meinungen, die bewiesen werden müssen, ist da eigentlich nicht die Rede!

Woran liegt es also, daß man uns unter dem Deckmantel der ›Geschichtlichkeit‹ Legenden serviert? Verstehen es unsere Zeitgeschichtler nicht besser? Sollte die heutige Generation der Geschichtsforscher wirklich außergewöhnlich dumm und unfähig sein? Sollten sie noch nie etwas von den Methoden des Quellenstudiums und des Literaturvergleichs gehört haben? Oder kennen sie ihr Handwerk genausogut wie ihre Vorgänger, und benutzen sie es absichtlich zur Geschichtsentstellung und Verwirrung? Dienen die verschiedenen, sich widersprechenden Darstellungen in Wirklichkeit nur dazu, die historische Wahrheit zu verschleiern, sie mit einem Gespinst von Lüge, Verdrehung und Halbwahrheiten zuzudecken, bis sie für die jetzige und künftige Generationen nicht mehr zu erkennen ist?

Das ist keine leichtfertige Hypothese, sondern eine äußerst ernste Frage. Ein Volk lebt durch seine Geschichte. In ihr findet es seine Wurzeln, sein Selbstverständnis. Aus ihr zieht es seine Kraft. Geschichte ist nicht eine Sache der Vergangenheit, sondern eine Gewähr für die Zukunft. Daraus folgt: Wer die Geschichte eines Volkes zerstört, entstellt, vergiftet, dem allgemeinen Wissen entzieht, der zerstört damit auch die Wurzeln des Volkes, zerschneidet seine Lebensader, verurteilt es zum Tode.

Das war das Ziel unserer Kriegsfeinde: Germany must perish! Ist es auch das Ziel unserer gegenwärtigen Historiker? Und ist die verzerrte, lügenhafte Geschichtsschreibung eines ihrer Mittel dazu?


Anmerkungen

  1. Graml, Der 9. November, S. 20.
  2. Graml, aaO, S. 21.
  3. Graml, aaO, S. 24.
  4. Rudolf Jordan, Erlebt und erlitten. Weg eines Gauleiters von München bis Moskau, Leoni, 1971, S. 180.
  5. Höhne, Der Orden unter dem Totenkopf, S. 313-314.
  6. Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof; 42 Bände, veröffentlicht auf Weisung des Internationalen Militärgerichtshofes unter der Autorität des Obersten Kontrollrats für Deutschland, Nürnberg 1947. Die Bände werden in der Folge zitiert als: IMT (International Military Tribunal). Band XIV, S. 465f.
  7. Deschner, Reinhard Heydrich, S. 169.
  8. Graml, Der 9. November 1938, S. 24f.
  9. Höhne, Der Orden unter dem Totenkopf, S. 314.
  10. Persönliche Mitteilung Dr. Naumanns vom 15. 1. 1979 an die Autorin.
  11. Graml, Der 9. November 1938, S. 26.
  12. Urteil des Landgerichts Hanau vom 17. 3. 1947, zitiert in: Klaus Moritz/ Ernst Noam, NS-Verbrechen vor Gericht 1945-1955. Dokumente aus hessischen Justizakten, Wiesbaden 1978, S. 145. Das dort (S. 143) angegebene Datum (8.11.) ist falsch und muß richtig heißen: 9.11. vgl. Moritz/ Noam, aaO, S. 358, Anm. 14b.
  13. Graml, Der 9. November 1938, S. 32, 33.
  14. Graml, aaO, S. 33.
  15. Judenverfolgung, S. 34.
  16. Urteil des Landgerichts Wiesbaden vom 25. 7. 1952, zitiert in: Moritz/ Noam, NS-Verbrechen vor Gericht, S. 213.
  17. Jordan, Erlebt und erlitten, S. 182.
  18. Graml, Der 9. November 1938, S. 28-29.
  19. IMT, Bd. XLII, S. 511.
  20. IMT Bd. XX, S. 151.
  21. Deschner, Reinhard Heydrich, S. 169.
  22. Reitlinger, Die Endlösung, S. 16f.
  23. Heydrich, Leben mit einem Kriegsverbrecher, S. 51.
  24. Persönliche Mitteilung an die Autorin vom 13. 1. 1979.
  25. Graml, Der 9. November 1938, S. 20, 21, 23.
  26. Graml, aaO, S. 30.
  27. Graml, aaO, S. 30.
  28. Graml, aaO, S. 26.
  29. Graml, aaO, S. 34.
  30. Graml, aaO, S. 27

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