• Augenzeugenbericht Nr. 2: Rudolf Vrba
  • Im Jahre 1964 veröffentlichte Rudolf Vrba einen Erlebnisbericht über seine Häftlingszeit in Auschwitz sowie seine Flucht. Das Buch wurde ins Deutsche sowie ins Französische übersetzt (1). Wir zitieren im folgenden einen längeren Abschnitt über die erste Vergasungs- und Verbrennungsaktion in einem der Birkenauer Krematorien.

    Alan Bestie, Koautor des Buchs, dankt Vrba in seinem Geleitwort für «die unendliche Mühe, die er auf jedes Detail aufgewendet hat, und seinen peinlich genauen, ja geradezu fanatischen Respekt für die Richtigkeit der Fakten». Hier nun der betreffende Abschnitt (2):

    Heinrich Himmler besuchte das Lager Auschwitz im Januar 1943 wieder (...). Er sollte die erste fliessbandmässig betriebene Massentötung der Welt besichtigen und an der Einweihung von Lagerleiter Höss' funkelnagelneuem Spielzeug, seinem Krematorium, teilnehmen. Es war ein gar prachtvoll Ding, 100 Yard lang, 50 Yard breit /1 Yard = 0,91 m], mit 15 Öfen, welche gleichzeitig je drei Leichen in 20 Minuten verbrennen konnten, ein Betondenkmal für seinen Erbauer, Herrn Walter Dejaco (...)

    Er [Himmler] sah in der Tat eine eindrückliche Demonstration, die lediglich durch einen Zeitplan beeinträchtigt wurde, welcher an gar manch einem deutschen Kleinstadtbahnhof Ärgernis erregt hätte. Lagerleiter Höss, der darauf brannte, die Effizienz seines neuen Spielzeugs unter Beweis zu stellen, hatte einen Sondertransport von 3'000 polnischen Juden kommen lassen, die nun auf die moderne, deutsche Art vernichtet werden sollten.

    Himmler traf an jenem Morgen um acht ein, und die Show sollte eine Stunde später anfangen. Um Viertel vor neun waren die neuen Gaskammern mit ihren raffinierten Duschattrappen und ihren Aufschriften wie «Auf Sauberkeit achten», «Ruhig bleiben» usw. prallvoll.

    Die SS-Wachmannschaften hatten dafür gesorgt, dass auch nicht ein Zentimeter Raum ungenutzt blieb, indem sie am Eingang ein paar Schüsse abgaben. Dadurch erschreckt, wichen die bereits in der Kammer Befindlichen nach innen, und zusätzliche Opfer wurden hineingetrieben. Dann wurden Säuglinge und kleine Kinder auf die Köpfe der Erwachsenen geworfen, und die Türen wurden geschlossen und verriegelt. Ein SS-Mann mit einer schweren Gasmaske stand auf dem Kammerdach und wartete darauf, dass er die Zyklon-B-Kugeln einwerfen durfte. Es war dies an jenem Tag ein Ehrenposten, denn er hatte nicht jeden Tag so illustre Gäste und war bestimmt so nervös wie der Startschussgeber bei einem Pferderennen.

    Um zehn war die Spannung beinahe unerträglich geworden. Der Mann in der Gasmaske fingerte an seinen Zyklondosen herum. Unter ihm befand sich ein volles Haus. Doch nirgends war ein Zeichen vom Reichsführer zu sehen, der mit Lagerleiter Höss frühstücken gegangen war. Irgendwo läutete ein Telefon. Alle Köpfe drehten sich in die betreffende Richtung ( Die Nachricht lautete: «Der Reichsführer hat noch nichtfertig gefrühstückt» (... In der Gaskammer begannen die vor Verzweiflung irrsinnig gewordenen Männer und Frauen, die nun endlich kapiert hatten, was eine Dusche in Auschwitz war, zu schreien, zu heulen und schwach gegen die Tür zu trommeln, doch draussen hörte sie niemand, denn die neue Kammer war nicht nur gas-, sondern auch schalldicht.

    Doch um elf, mit zwei Stunden Verspätung, fuhr ein Auto herbei; Himmler und Höss stiegen aus und unterhielten sich ein Weilchen mit den höheren Offizieren. Himmler lauschte aufmerksam, als sie ihm die Prozedur eingehend erläuterten. Er schlenderte zu der verriegelten Tür, warf einen Blick durch das kleine, dicke Guckloch sowie auf die schreienden Menschen im Inneren der Kammer und wandte sich dann wieder seinen Untergebenen zu, um ihnen noch ein paar Fragen zu stellen. Endlich konnte der Tanz beginnen. Dem SS-Mann auf dem Dach wurde in scharfem Tone ein Kommando erteilt. Er hob einen kreisförmigen Deckel hoch und liess die Kügelchen auf die Köpfe unter ihm fallen. Er wusste wie alle anderen, dass die von den zusammengedrängten Leibern ausgehende Hitze dazu führen würde, dass die Kügelchen binnen einiger Minuten ihr Gas absonderten. So schloss er die Luke sofort wieder.

    Die Vergasung hatte begonnen. Höss wartete eine Zeitlang, so dass das Gas richtig zirkulieren konnte, und lud seinen Gast dann höflich ein, nochmals durch das Guckloch zu schauen. Himmler glotzte ein paar Minuten lang sichtlich beeindruckt i . n die Todeskammer und wandte sich dann mit erneutem Interesse dem Lagerleiter zu, dem er eine Reihe neuer Fragen stellte.

    Was er gesehen hatte, schien ihn befriedigt und in aufgeräumte Stimmung versetzt zu haben. Obgleich er selten rauchte, akzeptierte er von einem Offizier eine Zigarette, und während er ungeschickt daran zog, lachte und scherzte er Diese gemütlicher gewordene Atmosphäre bedeutete natürlich nicht, dass man das Wichtigste aus den Augen verlor. Mehrfach verliess er die Offiziersgruppe, um sich durch das Guckloch vom Fortgang der Aktion zu überzeugen, und als alle Eingeschlossenen tot waren, legte er lebhaftes Interesse für die nun folgende Prozedur an den Tag.

    Spezielle Fahrstühle schafften die Leichen ins Krematorium, aber die Einäscherung erfolgte noch nicht sofort. Schliesslich mussten die Goldzähne gezogen werden. Von den Köpfen der Frauen musste das Haar abgeschnitten werden, das zur Abdichtung von Torpedoköpfen Verwendung finden würde. Die Leichen der reichen Juden, die man sich schon vorher gemerkt hatte, mussten zur Dissezierung beiseite gelegt werden. Es war ja nicht auszuschliessen, dass der eine oder andere Schlaumeier unter ihnen Juwelen - vielleicht gar Diamanten - in einer Körperöffnung versteckt hatte.

    Es war fürwahr ein kompliziertes Geschäft, aber die neue Maschinerie funktionierte unter den Händen geschickter Arbeiter tadellos. Himmler wartete, bis sich der Rauch über den Kaminen verdichtete, und warf dann einen Blick auf seine Uhr

    Es war ein Uhr. Zeit zum Mittagessen!


    Anmerkungen zur Zeugenaussage

    1) Die deutsche Übersetzung erschien 1964 unter dem Titel Ich kann nicht vergeben bei Rütten & Löning, die französische 1988 unter dem Titel Je me suis evadé dAuschwitz bei Editions Ramsay.
    2) Wir zitieren, da uns die deutsche Ausgabe nicht zur Verfügung steht, nach dem englischen Original (I cannot forgive, Bantam, Toronto, 1964, s. 10 ff.).


  • Kritik
  • Vergleicht man Vrbas 1964 erschienenen Erlebnisbericht mit seinem zwanzig Jahre zuvor zusammen mit Alfred Wetzler verfassten Text, so bemerkt man auf Anhieb etliche gewichtige Unstimmigkeiten:

    1) War die Eröffnung des ersten Birkenauer Krematoriums im Vrba-WetzlerBericht noch auf Ende Februar bzw. Anfang März 1943 datiert worden, so verlegt ihn Vrba in seinem Buch in den Januar desselben Jahres, was im Widerspruch zur gesamten Literatur steht.

    2) Das Zyklon wird nun nicht mehr in Staubform, sondern in Gestalt von Kügelchen eingeworfen.

    3) Die Leichen werden in «speziellen Fahrstühlen» ins Krematorium geschafft. Im Vrba-Wetzler-Bericht war der Transport dorthin auf einem «Gleispaar» erfolgt.

    4) Waren laut dem Vrba-Wetzler-Bericht zur Einweihung des Krematoriums noch 8000 Krakauer Juden ermordet worden, so schrumpfte deren Zahl in Vrbas Buch auf 3000 zusammen.

    5) Während gemäss dem Vrba-Wetzler-Bericht in einer Ofenöffnung drei Leichen zugleich innerhalb eines Zeitraums von anderthalb Stunden eingeäschert werden konnten, gibt Vrba in seinem 1964 erschienenen Erlebnisbericht die Zeit der Kremierung von drei Leichen in einer Ofenöffnung mit 20 Minuten an.

    6) 1944 wies das Krematorium neun Ofen auf, 1964 fünfzehn.

    7) 1944 fasste die Gaskammer maximal 2000 Personen, 1964 bereits 3000.

    Dies zu den Widersprüchen zwischen den beiden Berichten. Nun einige weitere erwähnenswerte Punkte:

    8) Himmler konnte bei der Einweihung des ersten Krematoriums ummöglich zugegen gewesen sei, egal ob diese nun im Januar oder im Februar oder im März 1943 erfolgte, denn sein letzter Besuch in Auschwitz und Birkenau fand im Juli 1942 statt (1).

    9) Die wirkliche Zahl der Öfen im Krematorium 11 betrug, wie bereits erwähnt, fünf.

    10) Von der «Gaskammer» zum Ofenraum führten nicht etwa «spezielle Fahrstühle», sondern, wie früher erwähnt, ein Fahrstuhl; was an diesem «speziell» war, bleibe dahingestellt.

    11) Die von Vrba angegebene Kremierungszeit ist ein Ding der Unmöglichkeit. Abgesehen davon, dass man in einer Retorte nicht drei Leichen zugleich verbrennen kann, dauert eine Einäscherung auch in den modernsten Krematorien heute noch rund eine Stunde. Das voll computerisierte Krematorium von Basel kann in einem Zeitraum von 24 Stunden 23 Leichen pro Ofen verbrennen, also praktisch eine Leiche pro Stunde (2).

    12) 3000 Menschen lassen sich nicht einmal theoretisch in eine 210 m' grosse Kammer pferchen.

    13) Das Schneiden der Haare, Ziehen der Goldzähne sowie Kontrollieren der Körperöffnungen an zyklonvergifteten Leichen wäre für die «geschickten Arbeiter» auch dann tödlich gewesen, wenn sie Gasmasken getragen hätten, denn das Zyklon haftet hartnäckig an Oberflächen, es kann auch durch die Haut aufgenommen werden und auf diese Weise lethal wirken (3). Da die «geschickten Arbeiter» zudem in einem zyklongesättigten Raum arbeiten mussten, konnten nur Schutzanzüge und Handschuhe sie vor dem baldigen Exitus bewahren. Ob sie solche trugen, geht aus dem Bericht nicht hervor. Doch wirkt das Tragen von Schutzanzügen und Gasmasken bei körperlicher Betätigung stark schweisstreibend, und das Schwitzen erleichtert die Aufnahme von Blausäure noch wesentlich (4). Unter diesen Umständen wäre die geschilderte Arbeit zumindest in der beschriebenen kurzen Zeit niemals zu verrichten gewesen.

    14) Man kann den Todeskampf von 3000 Menschen in einer vollgestopften Kammer keinesfalls durch ein Guckloch in der Tür verfolgen, weil bereits die vor dem Guckloch stehende Person dem Beobachter die gesamte Sicht versperrt.

    Allgemein ist zu sagen, dass Vrba seine Aussagen dem vorherrschenden Holocaust-Bild angepasst hat-, die drei binnen 20 Minuten in einer Ofenöffnung eingeäscherten Leichen werden wir noch in vielen Zeugenberichten antreffen. Unerklärlich die Vorverschiebung der Einweihung des ersten Birkenauer Krematoriums.


    Anmerkungen zur Kritik

    1) Rudolf Höss schreibt in seinen «Aufzeichnungen» aus dem Krakauer Gefängnis: «Die nächste Begegnung [mit Himmler] war im Sommer 1942, als Himmler zum zweiten und letzten Mal Auschwitz besuchte.» (Kommandant in Auschwitz, herausgegeben von Martin Broszat, dtv, Auflage vom April 1983, S.181). In einer Fussnote dazu bekräftigt Broszat, dass der Besuch am 17. und 18. Juli 1942 erfolgte.
    2) Mündliche Mitteilung des Basler Krematoriumtechnikers an den Verfasser, 10. Februar 1993.
    3) Gauss, S. 228.
    4) ibidem: «Beim Umgang mit Blausäure gilt die erste Regel, dass man schweisstreibende Arbeit vermeiden sollte, da die feuchte Haut jede Menge Blausäure aufnimmt. Auch Vergiftungen durch die Haut können tödlich sein. Tatsache ist, dass die angebliche Arbeit der Sonderkommandos, nämlich das Wegschleppen der Leichen, schweisstreibend gewesen wäre. Das Arbeiten in den nicht lüftbaren angeblichen Gaskammern mit Gasmasken, aber ohne Schutzhandschuhe oder sogar kompletten Schutzanzug wäre also ein Himmelsfahrtskommando gewesen.»


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