• Zeugenaussage Nr. 3: Der Mordowicz-Rosin-Bericht.
  • Das zweite der Protokolle von Auschwitz umfasst lediglich fünf Seiten. Die beiden - zum Zeitpunkt der Veröffentlichung ihres Berichts noch anonymen - Verfasser schildern die Aufregung, die nach der Flucht der zwei slowakischen Juden (d. h. Vrbas und Wetzlers) im Lager herrschte, und berichten über die ab April 1944 in Auschwitz eingetroffenen Transporte. Auffallend sind an diesem Text namentlich zwei krasse Irrtümer: Auf der dritten Seite wird Höss als «Hauptsturmbannführer» bezeichnet. Diesen Grad gab es in der SS nicht (1). Im letzten Satz schreiben die Verfasser: «Die bisherigen Kommandanten von Auschwitz und Birkenau waren die folgenden: Aumeyer, Schwarzhuber, Weiss, Hartenstein, Höss, Kremer.» In Wirklichkeit stand der Auschwitz-Komplex inklusive Birkenaus und der anderen Aussenlager von Mai 1940 bis November 1943 unter dem Kommando von Höss, von November 1943 bis Mai 1944 unter dem von Liebehenschel und von Mai 1944 bis zur Aufgabe des Lagers im Januar 1945 unter demjenigen von Baer (2).

    Die Massenmorde schildern Mordowicz und Rosin wie folgt (3):

    Um den 15. Mai herum begannen Massentransporte aus Ungarn nach Birkenau zu strömen. Täglich kamen 14'000 bis 15'000 Juden in Birkenau an. Das Schleppgeleise, welches in das Lager Birkenau bis zu den Krematorien führt, wurde vorher in einem riesigen Tempo mit Tag- und Nachtarbeit fertiggestellt, sodass die Transporte bereits bis zu den Krematorien geführt wurden. Von diesen Transporten wurden bloss zehn Prozent in das Lager gebracht, die übrigen wurden unverzüglich vergast und verbrannt. Es werden jetzt Juden in Massen vergast, was selbst in Birkenau noch nie dagewesen ist. Das Sonderkommando musste auf 600, nach 2-3 Tagen auf800 Personen - schon aus den Angehörigen des ersten ungarischen Transportes - vergrössert werden, das Aufräumungskommando von 150 auf 700 Personen. Drei Krematorien arbeiten Tag und Nacht, das vierte wird derzeit repariert. Da die Krematorien nicht genügen, wurden im Birkenwald wieder - wie in der Zeit, bevor die Krematorien erbaut wurden - 4 Graben etwa 30 in lang und 15 m breit gegraben, wo Tag und Nacht Leichen verbrannt werden. Die Vernichtungskapazität ist daher eine fast unbeschränkte.


    Anmerkungen zur Zeugenaussage

    1) Bei Hilberg, S. 1199/1200, findet sich ein Verzeichnis der Dienstgradbezeichnungen bei der SS.
    2) Hilberg, S. 964.
    3) Der Text ist nach Aynat zitiert. Er ist Rabbi Dov Weissmandels Min Hametzar («Der Gefahr entronnen», New York, 1960) entnommen.
    Letzeres Buch ist in hebräischer Sprache verfasst, enthält aber Fotokopien eines Textes, der mit dem 2. Protokoll von Auschwitz identisch ist. Die englische Übersetzung bildet den zweiten Teil des Dokuments The Extermination Camps of Auschwitz (Oswiecim) and Birkenau in Upper Silesia, das am 12. Oktober 1944 von Rosswell D. McClelland nach Washington gesandt wurde.


  • Kritik
  • 1) Die Zahl von ab 15. Mai täglich eintreffenden 15'000 ungarischen Juden ist auch der Standardliteratur nach masslos übertrieben. Insgesamt sollen innert 52 Tagen rund 400'000 ungarische Juden deportiert worden sein, also knapp 8000 pro Tag (1).

    2) Mordowicz und Rosin berichten, die Krematorien hätten Tag und Nacht gearbeitet. Dies steht im Widerspruch zu der Aussage von Rudolf Höss, nachts habe man die Verbrennungen wegen der feindlichen Luftaufklärung ab 1944 verboten (2).

    3) Die mächtigen, 30 m langen und 15 m breiten Verbrennungsgräben sind auf den Luftaufnahmen der alliierten Aufklärungsflugzeuge über Auschwitz nicht zu erkennen (3). Zudem ist eine Verbrennung von Leichen in Gruben aufgrund der mangelnden Sauerstoffzufuhr, und in Birkenau zusätzlich wegen des hohen Grundwasserpegels, nicht möglich. Dazu später mehr.


    Anmerkungen zur Kritik

    1) Die Enzyklopädie des Holocaust gibt die Zahl der deportierten ungarischen Juden mit zwischen 434'351 und 437'402 an. Die Deportationen hätten zwischen dem 15. Mai und dem 9. Juli 1944 stattgefunden (S. 1467).
    2) Höss, S. 165.
    3) In John C. Balls Air photo evidence (Ball Resource Services limited, Delta, B.C., Canada, 1992) sind zahlreiche der in den National Archives zu Washington aufbewahrten Luftaufnahmen abgebildet und kommentiert. Ebenso wie Belzec, Sobibor, Majdanek und Treblinka wurde der gesamte Auschwitz-Komplex mehrfach aus der Luft photographiert. Die riesigen Verbrennungsgräben sind auf keiner dieser Fotos erkennbar. Vgl. die Aufnahme vom 31. Mai 1944 (Illustration 8 [hier nicht wiedergegeben. Vgl dazu John Balls Website]). Zu jener Zeit erreichte das Morden in Birkenau den Zeugenaussagen nach mit den Massenvergasungen der ungarischen Juden seinen grausen Höhepunkt.


    Zurück zum Inhaltsverzeichnis
    Zum nächsten Kapitel
    Zum vorhergehenden Kapitel