• Augenzeugenbericht Nr. 20: Maurice Benroubi

    Zwar kein Sonderkommandomann, doch immerhin Angehöriger eines «Totengräberkommandos» war der griechische Jude Maurice Benroubi, geboren am 27. Dezember 1914 in Saloniki, später nach Frankreich ausgewandert und am 16. Juli 1942 in Le Maus verhaftet. Wir erinnern in diesem Zusammenhang daran, dass von den 75'721 (1) während der deutschen Besatzung aus Frankreich verschleppten Juden die grosse Mehrheit solche mit ausländischen Pässen waren, da Péain sich gegen eine Deportierung französischer Bürger, auch solcher mosaischer Religion, sträubte. Chaim Herman, Alter Feinsilber und Maurice Benroubi gehören zu den in diesem Buch genannten Juden, die aus ihrer Heimat nach Frankreich emigriert und dort festgenommen und nach Auschwitz deportiert worden sind.

    Da Benroubi zwar Griechisch, Spanisch und Französisch, aber kein Deutsch, Jiddisch und Polnisch konnte, verstand er nicht allzuviel von dem, was um ihn herum gesprochen wurde. Doch hatte er Augen, um zu sehen, und er sah folgendes (2):

    Wir marschierten 200 Meter und hielten bei einer Lichtung an. Zwei SS-Offiziere waren dort und erteilten SS-Männern ihre Order. Weiter vorne stiessen vielleicht 100 Sonderkommandoleute auf Rädern montierte, 3 x 2 Meter messende Plattformen, und auf diesen Plattformen lagen Leichen aufeinander Sie stellten sie vor Gräber, die etwa 20 m lang, 3 m breit und 2.50 m tief waren. Ungefähr 10 Gräber waren bereit, die Märtyrer zu empfangen. Neben diesen offenen Gräbern gab es ein paar, die mit Erde zugeschüttet worden waren, und diese erstreckten sich über eine Zone von vielleicht 300 m. Es konnte noch nicht lange her sein, seitdem man sie zugeschüttet hatte. Auf dem Boden lagen an einigen Stellen Spritzer von hellem, verwestem Fett, welches mit Blut vermengt war. Nach dem Erhalt seiner Befehle teilte der Kapo uns in zwei Gruppen auf Einige unserer Kameraden ergriffen Hacken und Schaufeln und sprangen in die Gräber. Ich schloss mich mit anderen Kameraden zusammen dem Sonderkommando an, um wie diese Leichen zu transportieren. Die Sonderkommandomitglieder empfingen uns mit einem Steinhagel und überhäuften uns mit allen erdenklichen Schmähungen. Sie lachten und amüsierten sich wie Verbrecher, wodurch sie sich zu Komplizen der SS machten, um dieser zu gefallen. Kurzum: es war ein Bild des Naziregimes in Miniaturformat.

    In diesem Kommando prügelten die Kapos, die SS und das Sonderkommando allesamt auf uns ein und schleuderten uns auf die Leichenhaufen, wobei sie über unsere Angst lachten. Die SS-Männer schossen auf uns, und jeden Tag mussten wir unsere ermordeten Kameraden zurück ins Lager tragen, damit sie beim Abendverlesen gezählt werden konnten (...) Wir gelangten zu einer anderen Lichtung. Dort standen zwei grosse Betonblöcke, die wenigstens 20 m breit und ebenso lang waren. Neben diesen Blöcken lagen drei Leichenhügel. Einer bestand aus Männern, einer aus Frauen und einer aus Kindern unter zehn Jahren. Wie bereits früher hiess uns das Sonderkommando mit einem Steinregen und Verwünschungen willkommen. Wir hielten vor den grossen Leichenhaufen, und die Kapos machten uns klar, dass wir die Leichen auf die Waggonplattformen laden und zu den leeren Gräbern transportieren mussten. Wir hasteten zu den Waggons und schufteten wie die Irren, denn das Wichtigste war, weg von den Gaskammern zu kommen... Eines Morgens waren die Türen der Bunker, wie sie sie nannten, offen. Ich bemerkte, dass es dort Duschköpfe gab und den Wände entlang Haken. Ich entsinne mich, dass ein Kamerad mir per Handzeichen zu verstehen gab, wir sollten nie in diese Richtung blicken, was auch hiess: «Wenn du nicht von einem Wachposten abgeknallt werden willst, schau nicht hin.» Tatsächlich sah ich, dass alle Kameraden beim Arbeiten ihren Rücken den Bunkern zuwandten, um zu verhindern, dass sie auch nur das Geringste von den beiden Ausrottungsbunkern zu sehen bekamen.


    Anmerkungen zur Zeugenaussage

    1) Diese Zahl nennt Serge Klarsfeld in seinem Mémorial de la Déportation des Juifs de France. Sie wird auch von revisionistischer Seite als vollkommen realistisch anerkannt (mündliche Mitteilung von Prof. Faurisson an den Verfasser).
    2) Zitiert nach Pressac, 1989, S. 162. Pressac gibt nicht an, woher er den Text hat. Er hat sich zu einem nicht genannten Zeitpunkt mit Benroubi unterhalten, möglicherweise hat dieser seine Aussagen während dieses Gesprächs gemacht.


  • Kritik

    Während die gesamte Auschwitz-Literatur von zwei weit auseinanderliegenden Bauernhäusern spricht, in welchen die Vergasungen in Birkenau vor dem Bau der Krematorien stattgefunden hätten, erinnert sich der Zeuge Benroubi an zwei nahe beieinanderliegende Betonblöcke von je mindestens 400 m' Fläche. Dies ist der erste Punkt, der den Leser verblüfft. Doch gibt es noch ein paar andere Merkwürdigkeiten zu vermelden:

    1) Die Zahl von 100 zum Leichenschleppen abkommandierten Sonderkommandoleuten ist absurd hoch, wenn sie doch über Wagen zum Leichentransport verfügten. Es konnten ja auch bei vollständiger Füllung der beiden «Betonblöcke» nur eine begrenzte Zahl von Opfern pro Tag ermordet werden.

    2) Das helle, verweste, mit Blut vermengte Fett, von dem noch Spritzer auf dem Boden zu sehen waren, dürfte den Psychoanalytiker mehr interessieren als den Historiker.

    3) Nach der Lektüre von zahlreichen Berichten ehemaliger Sonderkommandoleute empfinden wir tiefes Mitleid mit dem erbärmlichen Los dieser geschundenen Kreaturen. Doch Benroubis Tatsachenbericht lässt dieses Mitleid erkalten, denn die Art und Weise, wie sich die Sonderkommandos gegenüber ihren Leidensgenossen vom Totengräberkommando verhielten, ist schlicht und einfach skandalös.

    4) Dass die SS-Leute ständig auf die Totengräber schossen und trotzdem noch genug von diesen übrigblieben, um Abend für Abend die Leichen ihrer ermordeten Kameraden zum Appell ins Lager zu tragen, zeugt von der mangelhaften Schiessausbildung der SS. Die Gründe, warum Deutschland den 2. Weltkrieg verloren hat, treten angesichts dieser Unfähigkeit deutlich zutage.

    5) Schade, dass Benroubi und seine Gefährten der Gaskammer, bzw. den Gaskammern, beim Arbeiten immer den Rücken zudrehten, sonst hätten wir Näheres über den Ausrottungsprozess erfahren. Übrigens ergibt es keinen Sinn, dass die Totengräber den Hinrichtungsvorgang nicht ansehen, wohl aber die Leichen schleppen und begraben bzw. verbrennen durften.


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