• Augenzeugenbericht Nr. 19: Michal Majlech alias Milton Buki

    Als letzten in der Reihe von überlebenden Mitgliedern des Sonderkommandos lassen wir nun Milton Buki zu Wort kommen. Seine Aussage wird auszugsweise von Pressac wiedergegeben, der uns über Bukis Person nur mitteilt, dass dieser ursprünglich Michal Majlech hiess und seine Erklärung am 15. Dezember 1980 in Jerusalem abgab. Buki erzählt (1):

    Am 10. Dezember 1942 wurde ich von den Deutschen festgenommen und nach Auschwitz deportiert, wo ich am 12. desselben Monats angelangte... Am nächsten Morgen um fünf Uhr hiess uns ein von mehreren Männern begleiteter SS-Offizier, nach draussen zu gehen; er führte uns zu einem Bauernhaus am Rande eines Waldes. Vor diesem Hause lagen etwa 40 Leichen Erschossener Wir luden sie auf Karren, die auf engen Schienen zirkulierten. Die Tür des Hauses wurde von einem SS-Mann geöffnet. Wir sahen, dass das Innere mit Leichen vollgestopft war; einige lagen da, andere verharrten in stehender Stellung, wieder andere hingen aneinander. Etwa zwanzig Minuten bis eine halbe Stunde nach der Öffnung der Tür erhielten wir den Befehl, die Leichen wegzuschaffen, und wir luden sie auf die Karren.

    Die Leichen waren nackt, und einige wiesen blaue Flecken auf. Wir brachten die Karren zu einem Grab, das etwa 40 m lang, vielleicht 6 m weit und ungefähr 100 m vom Haus entfernt war. Vor dem Grab stand eine andere Gruppe Deportierter die die Leichen ins Loch warfen ... Wir erfuhren, dass wir zu einer Gruppe gehörten, welche man als «Sonderkommando» bezeichnete. Ihre Aufgabe bestand darin, die Leichen der Vergasten zum Grab zu schaffen... Während wir das erste Mal zu einem Zeitpunkt zum Haus gebracht wurden, wo die Vergasung bereits abgeschlossen war, waren wir ein späteres Mal bereits dort, als der Konvoi eintraf. Unter diesen Umständen waren wir in der Lage, den ganzen Vorgang mitzuerleben. Man befahl den Männern, Frauen und Kindern, sich in einem Schuppen unweit des Hauses ihrer Kleider zu entledigen. Dann mussten sie zwischen zwei Reihen von SS-Leuten, die Hunde bei sich hatten, sehr rasch gehen oder sogar rennen, bis sie die offene Tür des Hauses erreichten, welches sie anschliessend betraten. Man hatte ihnen weisgemacht, es sei nur eine Dusche zur Desinfektion; anschliessend würden sie ins Lager zugelassen, um dort unter normalen Umständen zu arbeiten. Wenn das Innere des Hauses randvoll war, schloss man die Tür. Dr. Mengele, der oft anwesend war, oder ein anderer Arzt, der ihn vertrat, gab einem SS-Mann den Auftrag, das Gas einzulassen. Dazu musste letzterer mehrere Stufen an der Seitenmauer des Hauses erklimmen. Anschliessend führte er den Inhalt der Büchse, die er mit einem Messer Öffnete, durch einen kleinen Kamin ein. Etwa 20 Minuten nach dem Einführen des Gases wurde die Tür geöffnet, und etwa eine halbe Stunde später wurde mit dem Wegräumen der Leichen angefangen. Nachdem wir in Block 11 zurückgeführt worden waren, konnten wir die Flammen sehen, welche die Leichen in dem Grab verschlangen.


    Anmerkung zur Zeugenaussage

    (1) Zitiert nach Pressac, S. 163. Bukis Erklärung vor einem israelischen Notar weist die Referenznummer 623/80 auf.


  • Kritik

    Dass Bukis Bericht ziemlich unergiebig ist, geht schon daraus hervor, dass Pressac nur einen kurzen Auszug daraus zitiert, während er beispielsweise einen Henryk Tauber ausführlichst zu Wort kommen lässt. Dementsprechend können wir uns auch bei der Kritik kurz fassen und uns auf folgende Punkte beschränken:

    Überreste von Bunker 2 ( KB)

    Illustration 11: Angebliche Überreste des Bunkers 2 (Weisses Haus)

    1) Wieso lagen Erschossene vor dem Bauernhaus, wenn die Opfer doch vergast wurden?

    2) Die blauen Flecken auf den Zyklonleichen dürften mit den Namen «Blausäure» in Verbindung stehen. Diese heisst so, weil sie auf den Wänden der Räumlichkeiten, in denen sie eingesetzt wird, eine blaue Färbung hinterlässt. Wer behauptet, dass bei ihrem Einsatz ein blauer Dunst in der Luft schwebt (so Richard Böck beim Frankfurter Auschwitz-Prozess), oder dass die Leichen der an ihr gestorbenen Menschen bläulich verfärbt sind, der lügt das Blaue vom Himmel herunter.

    3) Wenn es den SS-Leuten gelang, die Juden zum Betreten der Todeskammern zu bewegen, ohne dass diese misstrauisch wurden (denn nur selten wird berichtet, die Opfer hätten ihr Schicksal vorausgeahnt oder sich gewehrt), so müssen sie gute Psychologen und Meister der Verstellungskunst gewesen sein. Solche hätten den Todgeweihten aber ganz gewiss nicht Angst eingejagt, indem sie sie mit ihren Hunden dazu zwangen, in die Gaskammer zu rennen. Dadurch wäre zwangsläufig die Panik eingetreten, welche die SS-Männer ja im Interesse eines reibungslosen Arbeitsablaufs vermeiden wollten.

    4) Beachtlich ist, dass nach Milton Buki zwischen dem Einwerfen des Zyklons und dem Betreten der Gaskammer durch die Sonderkommandos immerhin insgesamt 50 Minuten verstrichen, andere Augenzeugen lassen die Sonderkommandos schon nach einem Bruchteil dieser Zeit in die blausäuregesättigten Räume stürmen. Doch hätten auch 50 Minuten natürlich nicht genügt; da die Szene im Dezember stattfand, wo zweifellos kalte Temperaturen herrschten, hätten die Zyklongranulate noch über Stunden Gas abgesondert.


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