• Augenzeugenbericht Nr. 23: Pery Broad

    Unter dem Titel Eine aussergewöhnliche Denkschrift präsentieren Kogon/Langbein/Rückerl Pery Broad als den nächst Höss zweitwichtigste Auschwitz-Zeugen unter den SS-Leuten (1). Broad, ein 1921 geborener brasiliarischer Bürger, war am 6. Mai 1945 von den Briten festgenommen worden. Da er sehr gut Englisch konnte, setzten sie ihn als Dolmetscher ein. Am 13. Juli 1945 überreichte er seinen Arbeitgebern eine lange «Denkschrift» über Auschwitz, die er am 14. Dezember desselben Jahres in einer eidesstattlichen Erklärung bekräftigte. Am 20. Oktober 1947 gab Broad in Nürnberg abermals eine Erklärung ab. Merkwürdigerweise liessen die Briten Broad frei, doch beim Frankfurter Auschwitz-Prozess figurierte er unter den Angeklagten und wurde zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt (2); einen wie grossen Teil der Strafe er dann abgesessen hat, wissen wir nicht.

    In dem in Polen herausgegebenen Heft Auschwitz in den Augen der SS ist Broads Denkschrift wiedergegeben. Wir zitieren daraus einige uns besonders bedeutsam erscheinende Auszüge.

    Über das Stammlagerkrematorium berichtet Broad (3):

    Ein Fremder konnte nicht so ohne weiters entdecken, dass dieser rechteckige, bunt bewachsene Hügel ein Krematorium war. Vielleicht wäre ihm das dicke, winkelförmige Metallrohr aufgefallen, das aus dem Dach herausragte und monoton brummte. Er wäre alleine aber kaum auf den Gedanken gekommen, dass das der Exhaustor war, der die Luft in der Leichenkammer wenigstens einigermassen erträglich machen sollte. Auch an dem quadratischen Schornstein, der in einigen Metern Entfernung stand und durch eine unterirdische Zuleitung mit den vier Öfen verbunden war, konnte man normalerweise nichts Aussergewöhnliches feststellen. Anders war es jedoch, wenn der Wind den meist in durchsichtigen bläulichen Wölkchen dem Schlot entströmenden Rauch herabdrückte. Der unverkennbare, penetrante Gestank von verbrannten Haaren und verbrannten Fleisch war dann kilometerweit zu spüren. Wenn die Öfen, in denen vier bis sechs Leichen gleichzeitig verbrannt wurden, neu angeheizt worden waren und dicke, pechschwarze Qualmwolken aus dem Schornstein emporstiegen, oder wenn er nachts eine weithin sichtbare, meterhohe Stichflamme ausstiess, dann wurde jedem die Bedeutung dieses Hügels klar.

    Die Tötungen im alten Krematorium, dem Krematorium 1 also, wurden laut Broad - ebenso wie laut Feinsilber - gewöhnlich mittels Erschiessen durchgeführt. Auch in einem Wäldchen in Birkenau fanden ihm zufolge Massenerschiessungen statt; die Opfer, es waren Tausende, wurden in 30 bis 60 m langen, 4 m tiefen und ebenso breiten Gruben bestattet (4). Über die Gasmorde berichtet er (5):

    Eines Tages zerrte man aus einer Dunkelzelle die Leichen russischer Kriegsgefangener. Sie sahen, als sie auf dem Hof lagen, eigentümlich aufgedunsen und bläulich aus, obwohl sie noch verhältnismässig frisch waren. Einige ältere Häftlinge, die den Weltkrieg mitgemacht hatten, erinnerten sich, schon während des Krieges solche Leichen gesehen zu haben. Plötzlich wurde es ihnen klar, um was es sich hier handelte ... Gas! Der erste Versuch zu dem grössten Verbrechen, das Hitler und seine Helfershelfer vorhatten und auch zu einem erschreckenden und nicht mehr gutzumachenden Teil ausgeführt hatten, war zufriedenstellend geglückt. Das grösste Drama, dem Millionen glücklicher und unschuldig sich ihres Daseins freuender Menschen zum Opfer fallen sollten, mochte beginnen!

    Bei der ersten Kompanie des SS-Totenkopfsturmbanners KL-Auschwitz sucht der Spiess, SS-Hauptscharführer Vaupel, sechs besonders zuverlässige Männer heraus. Er bevorzugt Leute, die schon lange Jahre Angehörige der schwarzen Allgemeinen SS waren. Sie müssen sich bei SS-Hauptscharführer Hössler melden. Er empfängt sie und macht sie eindringlich darauf aufmerksam, dass sie gegen jedermann über alles, was sie in den nächsten Minuten zu sehen bekommen werden, strengstes Stillschweigen zu bewahren haben. Andernfalls droht ihnen die Todesstrafe. Die Aufgabe dieser sechs Männer besteht darin, in einem gewissen Umkreis um das Auschwitzer Krematorium alle Wege und Strassen hermetisch abzusperren. Ohne Berücksichtigung des Dienstgrades darf niemand durch. Die Büroräume der Gebäude, von denen aus man das Krematorium sehen kann, müssen geräumt werden. Im SS-Truppenrevier, das im ersten Stock eines dicht beim Krematorium stehenden Hauses eingerichtet ist, darf sich niemand ans Fenster begeben, da man von dort aus sowohl auf das Dach als auch in den Vorhof dieser finsteren Stätte Ausblick hat.

    Der Vergasungsvorgang im K 1 lief so ab (6):

    Die ersten begaben sich durch den Vorraum in die Leichenhalle. Alles ist peinlichst gesäubert. Nur der eigenartige Geruch wirkt auf einige beklemmend. Vergebens suchen sie an der Decke nach Brausen oder Wasserleitungen. Unterdessen füllt sich die Halle. Scherzend und sich harmlos unterhaltend kommen einige SS-Leute mit hinein. Unauffällig behalten sie den Eingang im Auge. Als der Letzte hereingekommen ist, setzten sie sich ohne Aufhebens ab. Plötzlich fliegt die mit Gummiabdichtungen und Eisenverschlägen versehene Tür zu und die Eingeschlossenen hören schwere Riegelfallen. Mit Schraubverschlüssen wird sie luftdicht zugepresst. Ein bleiernes, lähmendes Entsetzen packt alle. Sie pochen gegen die Türe, hämmern in ohnmächtiger Wut und Verzweiflung mit den Fäusten dagegen. Höhnisches Gelächter ist die Antwort. «Verbrennt euch nicht beim Baden», ruft irgendeiner durch die Türe. Einige bemerken, dass die Verschlussdeckel von den sechs Löchern an der Decke abgenommen werden. Sie stossen einen lauten Schrei des Grauens aus, als in dem Ausschnitt ein Kopf mit einer Gasmaske erscheint. Die «Desinfektoren» sind am Werk. Einer ist der bereits mit dem KVK (Kriegsverdienstkreuz) geschmückte SS- Unterscharführer Euer. Mit einem Ringeisen und einem Hammer Öffnen sie ein paar ungefährlich aussehende Blechbüchsen. Die Aufschrift lautet: «Zyklon, zur Schädlingsbekämpfung. Achtung Gift! Nur von geschultem Personal zu Öffnen!» Bis an den Rand sind die Dosen mit blauen, erbsengrossen Körnern gefüllt. Schnell nach dem Öffnen wird der Inhalt der Büchsen in die Löcher gefüllt. Der Verschluss wird jedesmal schnell auf die Öffnung gedeckt. Grabner hat unterdessen einem Lastwagen, der neben dem Krematorium vorgefahren ist, ein Zeichen gegeben. Der Fahrer hat den Motor angeworfen, und sein ohrenbetäubender Lärm übertönt den Todesschrei Hunderter den Gastod erleidender Menschen. Grabner betrachtet mit wissenschaftlichem Interesse den Sekundenzeiger seiner Armbanduhr. Zyklon wirkt schnell. Es besteht aus Zyanwasserstoff in gebundener Form. Wenn man die Büchsen ausschüttet, entweicht den Körnern das Blausäuregas. Einer der Teilnehmer dieses bestialischen Unternehmens lässt es sich nicht nehmen, für Bruchteile einer Sekunde noch einmal den Deckel einer Einfüllöffnung abzunehmen und in die Halle zu spucken. Nach etwa zwei Minuten ebben die Schreie ab und gehen in ein summendes Stöhnen über. Die meisten sind schon ohne Bewusstsein. Nach weiteren zwei Minuten senkt Grabner die Uhr. Alles ist vorbei (...) Das im Krematorium arbeitende Häftlingskommando Öffnet, nachdem einige Zeit später das Gas durch den Exhaustor abgesaugt worden ist, die Türe zur Leichenkammer. Mit weit aufgerissenem Mund lehnen etwas in sich zusammengesackt die Leichen aneinander. An der Türe sind sie besonders eng aneinander gepresst. Dorthin hatte sich in der Todesangst alles gedrängt, um sie zu sprengen. Die völlig apathisch und empfindungslos gewordenen Häftlinge des Krematoriums verrichten sie Roboter ihre Arbeit. Es ist schwer, die ineinander verkrampften Leichen aus der Kammer zu zerren, weil durch das Gas die Glieder steif geworden ist. Dicke Qualmwolken quellen aus dem Schornstein. So fing es an im Jahre 1942!

    Auch über die Vergasungen in Birkenau weiss Broad einiges zu berichten (7):

    In einiger Entfernung von dem sich lawinenartig vergrössernden Birkenauer Lager standen durch ein Wäldchen voneinander getrennt inmitten einer lieblichen Landschaft zwei hübsch und sauber aussehende Bauernhäuser. Sie waren blendend weiss getüncht, mit gemütlichen Strohdächern bedeckt und heimischen Obstbäumen umgeben. So war der erste, flüchtige Eindruck! Dass in diesen unscheinbaren Häuschen so viele Menschen ermordet wurden, wie es der Bevölkerungsziffer einer Grossstadt entspricht, würde niemand für möglich halten. Dem aufmerksamen Beobachter dieser Häuser würden erst einmal Schilder in verschiedenen Sprachen auffallen, auf denen stand «zur Desinfektion». Dann würde er bemerken, dass die Häuser keine Fenster und unverhältnismässig viele und merkwürdig starke Türen mit Gummidichtungen und Schraubverschlüssen besassen, neben denen kleine Holzklappen angebracht waren, dass in ihrer Nähe und kaum zu ihnen passend grosse Pferdestallbaracken errichtet waren, wie sie auch im Birkenauer Lager als Häftlingsunterkünfte dienten, und dass die Zufahrtswege offenbar von schwer beladenen Lastautos ausgefahren worden waren. Wenn der Besucher dann noch die Entdeckung machte, dass von den Türen zu irgendwelchen durch Reisigzäune abgedeckten Gruben im Hintergrund eine Lorenbahn führte, dann vermutete er wohl eine besondere Bedeutung dieser Stätte.

    Durch die Baracken des Kommandaturstabes des KZ-Auschwitz poltert der U. v. D. (Unteroffizier vom Dienst). Die Trillerpfeife geht durch die nächtliche Stille. « Transport ist da!» Müde und fluchend springen die SS-Männer der Fahrbereitschaft, der Aufnahmeabteilung, der Gefangenen-Eigentumsverwaltung, der Schutzlagerhaftführung und die Desinfektoren, die während dieser Nacht Transportbereitschaftsdienst haben, aus den Betten, die mitfeinsten Daumendecken ausgestattet sind. «Verdammt nochmal! das geht aber mit den Transporten wie am laufenden Band, keinen Augenblick kommt man mehr zur Ruhe, was ist denn das jetzt für einer?» - «Ich glaube Paris. Im Bahnhof steht aber schon der aus Westerbork, den wollen sie in kurzer Zeit auf die Rampe schieben. Für morgen früh ist übrigens ein grosser Transport aus Theresienstadt gemeldet. » «Donnerwetter! Die in Lublin [gemeint ist das KZ Majdanek] machen wohl überhaupt nichts mehr. Alles kommt jetzt zu uns. Na, hoffentlich haben die Franzosen wenigstens eine Menge Ölsardinen mitgebracht!» - Währenddessen hat man sich angezogen. Vor der Baracke werden Motorräder angetreten und starten in die Nacht (...)

    Die Lastwagenkolonne ist mehrmals hin und her gefahren, um die zum Sterben verurteilten Menschen alle zu den Bunkern zu fahren. In den Pferdestallbaracken müssen sie sich ausziehen. Dann werden sie in die Gaskammern gepresst. Oftmals haben die auf eine Desinfektion hindeutenden Beschriftungen, die Redereien der SS-Leute und vor allem das vertraueneinflössende Aussehen der Häuschen bei den Todeskandidaten eine Hoffnung und den Glauben erstarken lassen, dass sie tatsächlich auch zur Arbeit, nur eben ihrer körperlichen Verfassung entsprechend leichter, verwendet werden sollten. Oftmals wussten aber auch ganze Transporte genau, was man mit ihnen vorhatte. In solchen Fällen müssen sich die Mörder vorsehen. Sonst könnte es ihnen so ergehen wie dem SS- Unterscharführer Schillinger, der mit seiner eigenen Pistole erschossen wurde. Mit dem Moment, wenn alle in den Gaskammern eingesperrt und die Riegel hinter ihnen vorgeschoben sind, ist für die meisten SS-Leute ihr Dienst beendet. Genau wie bei den Vergasungen, die früher im alten Krematorium in Auschwitz vorgenommen wurden, waltet dann der Desinfektor seines Amtes. Nur den ratternden Lastwagen glaubt man hier nicht mehr nötig zu haben. Wahrscheinlich wussten die massgeblichen SS-Dienststellen nicht, dass die Bewohner des kleinen, nicht weit abgelegenen Dörfchens Wohlau, das jenseits der Weichsel liegt, oftmals nachts Zeugen dieser Schreckensszenen waren. Beim hellen Schein der in den Gruben brennenden Leichen vermochten sie den Zug nackter Gestalten zu erkennen, der aus den Ankleidebaracken in die Gaskammern schritt. Sie hörten die Schreie der bestialisch Geschlagenen, die nicht in diese Todesräume hineingehen wollten, hörten die Schüsse, mit denen alles niedergemacht wurde, was aus Platzmangel nicht hineingedrückt werden konnte. Tagsüber sahen polnische Zivilarbeiter, die im Lagerbereich in einigen hundert Metern Entfernung von den als Gaskammern verwendeten Bauernhäuser grosse Krematorien bauten, wie Häftlinge irgend etwas aus den Türen zerrten, auf platte Lorenwagen luden und damit zu den Gruben fuhren, aus denen immer und ewig Rauchwolken emporstiegen. Tausend und mehr Leichen wurden so in einer Grube von Spezialisten aufeinandergeschichtet. Dazwischen kamen Holzschichten. Mit Methanol wurde dann die «Freilichtbühne» in Brand gesetzt (...) Obwohl man geschwätzige Posten drakonisch bestrafte und ihnen die Schuld daran zuschrieb, dass der Schleier des Geheimnisses nicht dicht war, konnte man doch nicht verhindern, dass der eindeutige, süssliche Geruch und der nächtliche Flammenschein die Kunde von den Vorgängen in dem Todeslager Auschwitz zumindest der näheren Umgebung zutrug. Eisenbahner erzählten der Zivilbevölkerung, dass täglich Tausende nach Auschwitz transportiert wurden und sich das Lager doch nicht demenstsprechend vergrösserte.

    Eher wortkarg ist der Brasilianer hinsichtlich der Gaskammern in den neuen Krematorien (8):

    Der Bau der vier neuen Krematorien in Birkenau wurde mit allen Mitteln forciert. Zwei waren mit unterirdischen Gaskammern ausgestattet, in denen man je 4000 Menschen töten konnte. An die beiden anderen, etwas kleineren Krematorien waren zwei dreiteilige Gaskammern zu ebener Erde angebaut worden. Ausserdem befand sich in jeder dieser Mordfabriken eine gewaltige Halle, wo sich die «Ausgesiedelten» zu entkleiden hatten. Im Krematorium eins und zwei waren diese Hallen

    ebenfalls unterirdisch. Eine etwa zwei Meter breite Steintreppe führte hinab. Bevor jedoch alle vier Krematorien überhaupt fertiggestellt werden konnten, war bei dem bereits in Betrieb genommenen Krematorium einer der Schornsteine wegen Beanspruchung geborsten und reparaturbedürftig. Die Krematorien eins und zwei waren mit je 15 Öfen für je vier bis fünf Leichen ausgestattet.

    Der Vergasungsvorgang in den neuen Krematorien war Broad keiner näheren Schilderung wert. - Doch schliesslich ging es mit dem KZ Auschwitz zu Ende. Broads Bericht endet so (9):

    Vor den Gebäuden aller Auschwitzer Dienststellen loderten die Brände von Aktenunterlagen, und die Bauwerke, die zur Durchführung des grössten Massenmordes der Menschheitsgeschichte gedient hatten, wurden gesprengt. Irgendwo in den Trümmern lag ein verbeulter Blechnapf, aus dem wohl einstmals ein Häftling seine Wassersuppe verzehrte. Mit ungelenker Hand war auf ihm ein auf tobender See tanzender Kahn eingeritzt. Darüber stand: «Don't forget the forlorn man!» Die Rückseite zeigte ein Flugzeug, auf dessen Tragflächen man den amerikanischen Stern erkannte und das gerade eine Bombe ausklinkte. Die Beschreibung des Bildes hiess: «Vox dei»!


    Anmerkungen zur Zeugenaussage

    1) Kogon/Langbein/Rückerl, S. 196/197.
    2) Langbein, S. 888.
    3) Pery Broad: Erinnerungen. Im Sammelband Auschwitz in den Augen der SS, Krajowa Agencja Wydawniczna, Katowice, 1981, S. 154/155.
    4) ibidem, S. 165.
    5) ibidem, S. 169/170.
    6) ibidem, S. 171 ff.
    7) ibidem, S. 173/174, S. 177/178.
    8) ibidem, S. 180/181.
    9) ibidem, S. 195.


  • Kritik

    Im Gegensatz zu anderen Zeugen schildert Broad den Vergasungsvorgang im K 1 recht anschaulich. Unter diesem Umständen ist verwunderlich, dass Pressac als Beleg für die Vergasungen in diesem Krematorium anstelle des Broad-Berichts den weit unergiebigeren Feinsilber-Bericht zitiert. Der Grund ist folgender: Für Pressac wirken Form und Ton der Broadschen Erklärungen «falsch»; aus ihnen scheine eher ein Ex-Häftling als ein SS-Mann zu sprechen. Dies erklärt Pressac mit Broads «allzu stürmischem polnischen Patriotismus (l)». Wieso freilich ein Brasilianer polnischen Patriotismus empfinden sollte, bleibt schleierhaft. Für Broads Aussagen über die Birkenauer Bunker hat Pressac ebenso wenig übrig; diese seien «von den Polen und für die Polen» umgeschrieben worden (2).

    Dass aus Broad kein SS-Mann spricht, stimmt nun unzweifelhaft. Es besteht begründete Annahme zum Verdacht, dass sich der Brasilianer durch seine «Denkschrift» eine milde Behandlung seitens der Sieger sichern wollte. In der Tat wurde er ja 1947 bereits freigelassen; beim Auschwitz-Prozess kam er mit einer relativ milden Strafe davon, und wir würden wetten, dass er seine vier Jahre nicht voll absitzen musste. Dass sich gefangene Nationalsozialisten dadurch eine glimpfliche Behandlung erwirkten, dass sie den Siegern nach dem Munde redeten, war ja ein häufiges Phänomen (3). Broad hat sich dem Sprachgebrauch der Alliierten bereits früh restlos angepasst.

    Doch gehen wir zum Kern der «Denkschrift» über, welche unter anderem folgende Unwahrscheinlichkeiten und Unmöglichkeiten enthält:

    1) Wie bei Feinsilber finden wir auch hier die Schilderung von Massenerschiessungen im K 1, von denen die Standardliteratur nichts weiss. Höss erwähnt solche Massenhinrichtungen durch die Kugel im alten Krematorium nicht.

    2) Der «unverkennbare, penetrante Gestank von verbrannten Haaren», der bei den Verbrennungen im Krematorium 1 kilometerweise zu spüren war, kann nur ein Phantasieprodukt gewesen sein. Wer's nicht glaubt, begebe sich in die Nähe eines Krematoriums und prüfe selbst nach, ob es einen Gestank verbreitet.

    3) Die pro Ofen gleichzeitig verbrannten vier bis sechs Leichen erschüttern Broads Glaubwürdigkeit schon frühzeitig irreparabel.

    4) Zu der aus dem Krematoriumskamin hochstiessenden Stichflamme haben wir unter Bezug auf die Aussagen Walter Lüftls bereits das Notwendige bemerkt (vgl. Kritik der Zeugenaussage Nr. 15).

    5) Auch von den viele tausend Opfer fordernden Massenerschiessungen in dem Birkenauer Wäldchen haben wir in der Holocaust-Literatur sonst nie etwas gelesen.

    6) Die bläuliche Farbe, welche die Leichen nach der ersten Probevergasung aufwiesen, ist ein weiteres Phantasieprodukt (vgl. Kritik der Zeugenaussage Nr. 18).

    7) Vollkommen absurd klingt, was Broad über die krampfhaften Versuche der SS schreibt, die Gasmorde geheimzuhalten, indem sie beispielsweise «in einem gewissen Umkreis um das Auschwitzer Krematorium alle Wege und Strassen hermetisch absperrte». Angesichts des Ausmasses der ständigen Vergasungen war dies ein stümperhaftes Vorgehen. Und in Birkenau durften «polnische Zivilarbeiter» (!!) nur wenige hundert Meter von den Massakern in den Bunkern entfernt Krematorien bauen! Ein solcher Massenmord liess sich ohnehin nicht geheimhalten, aber warum man ihn, wenn man Wert auf die Vertuschung seiner Untaten legte, ausgerechnet in einem dichtbesiedelten Industriebezirk wie Auschwitz beging und mit dem Bau der Krematorien polnische Zivilarbeiter betraute, ist unergründlich. Übrigens befindet sich, wie jeder Besucher des Stammlagers Auschwitz weiss, das Krematorium 1 in unmittelbarer Nähe anderer Gebäude, es lag beispielsweise höchstens 20 Meter von einem Krankenhaus entfernt. Da noch auf «Geheimhaltung» der Vergasungen zu hoffen war mehr als naiv.

    8) Zum Vergasungsprozess im K 1: Unrealistisch ist hier vor allem die Zeit von zwei Minuten bis zum Eintreten der Bewusstlosigkeit bei den meisten Häftlingen und von weiteren zwei Minuten bis zu deren Tod.

    9) Im Gegensatz zu fast allen anderen Zeugen hat sich Broad immerhin Gedanken über das Ventilierungsproblem gemacht, denn er versieht die Gaskammer mit «Exhaustern», die allerdings dokumentarisch nicht nachweisbar sind (sonst würden sie von Pressac erwähnt). Über die zwischen dem Ende der Vergasung und der Räumung der Kammer verstreichende Zeit macht er keine Angaben. Er schreibt auch nicht, ob die Sonderkommandos Gasmasken trugen oder nicht.

    10) Broads SS-Leute jammern darüber, dass «die in Lublin wohl überhaupt nichts mehr machen». Erstaunlich ist, dass sie zwar von Majdanek reden, nicht aber von den vier «reinen Vernichtungslagern», in denen zu jenem Zeitpunkt - es muss sich um das Jahr 1942 handeln - der allergrösste Teil der zur Ausrottung bestimmten Juden ermordet worden sein soll.

    11) Wieder der absolute Unsinn mit den Verbrennungsgräben!

    12) Wenn in die «Gaskammern» des K II und K III je 4000 Menschen gepfercht werden konnten, dann passten 19 Menschen auf einen Quadratmeter. Das theoretisch mögliche Maximum dürfte bei vielleicht 8 bis 9 Menschen liegen.

    13) Auffallend ist, dass der recht lange Bericht die Vergasungen in den Birkenauer Krematorien nur flüchtig streift und keine Einzelheiten liefert.

    14) Wenn die Aktenunterlagen vor der Räumung des Lagers verbrannt wurden, fragt man sich, woher denn die Tausende von Dokumenten kommen, die Pressac und Fleming in Moskau gesichtet haben wollen - von den unzähligen aufschlussreichen Dokumenten, die sich im Auschwitz-Museum befinden und von denen Pressac viele in seinem grossen Werk präsentiert, ganz zu schweigen.


    Anmerkungen zur Kritik

    1) Pressac, S. 128.
    2) ibidem, S. 162.
    3) Klassische Fälle sind die angeblich für die Ausrottung der ungarischen Juden mitverantwortlichen Männer Edmund Veesenmeyer, Eberhard von Thadden und Horst Wagner, die sich aufgrund ihrer kooperativen Haltung Strafverschonung (Wagner und von Thadden) bzw. eine frühzeitige Entlassung aus dem Zuchthaus (Veesenmeyer) einhandelten. Man vergleiche dazu das Kapitel «The Hungarian Jews» in Butz' The hoax of the twentieth century. Ein anderer markanter Fall ist Josef Oberhausen, der im Belzec-Prozess von 1965 wegen Beihilfe zum Mord in 300'000 Fällen angeklagt wurde, jedoch, weil er die Anklage nicht bestritt, mit einer lachhaft niedrigen Strafe von viereinhalb Jahren davonkam (Adalbert Rückerl, Nationalsozialistische Vernichtungslager im Spiegel deutscher Strafprozesse, dtv, 1977, S. 83/84).


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