• Augenzeugenbericht Nr. 24: Johann Paul Kremer

    Am 18. und 25. September 1992 erschienen in der ZEIT unter der Rubrik Die Auschwitz-Lügen zwei lange, gegen die Revisionisten gerichtete Artikel, die aus der Feder eines Till Bastian stammten (1). Als Beweis für die Existenz der Gaskammern wurden wie üblich Zeugen angeführt: Höss, Broad, der - von Bastian allerdings nicht namentlich genannte - SS-Mann Richard Böck sowie der Arzt Dr. Dr. Johann Paul Kremer. Dieser habe von einer «Sonderaktion» berichtet, die selbst ihn, den gewiss nicht zartbesaiteten SS-Mann, erschüttert habe.

    Seit Jahrzehnten ist dieser Dr. Kremer einer der am häufigsten erwähnten Auschwitz-Kronzeugen, so dass seine Nennung im ersten der beiden ZEIT-Beiträge nur logisch ist. Kremer, am 26. Dezember 1883 geboren, war von 1936 bis 1945 Medizinprofessor an der Universität Münster. Von Ende August bis Mitte November 1942 war er als Stellvertreter für einen erkrankten Lagerarzt in Auschwitz und führte während dieser Zeit ein Tagebuch. Im August 1945 wurde er von den Briten verhaftet und im ehemaligen NS-Konzentrationslager Neuengamme interniert. Die Briten beschlagnahmten sein Tagebuch, das sie später den polnischen Behörden zur Verfügung stellten. Aufgrund seines Einsatzes in Auschwitz wurde Kremer an Polen ausgeliefert und im Dezember 1947 in Krakau zum Tode verurteilt. Die Todesstrafe wurde in lebenslange Haft umgewandelt, und 1958 wurde Kremer aufgrund seines Alters und seiner guten Führung entlassen. In der BRD wurde er 1960 erneut vor Gericht gestellt und zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt, die allerdings als abgesessen galten. Am 4. Juni 1964, im Alter von 80 Jahren, trat Kremer im Frankfurter Auschwitz-Prozess in den Zeugenstand (2).

    Die Tagebucheinträge, aufgrund deren Kremer als Zeuge der Massenvergasungen gilt, sind ausgesprochen kurz; sie lauten wie folgt (3):

    2. September 1942. Zum 1. Male draussen um 3 Uhr früh bei einer Sonderaktion zugegen. Im Vergleich hierzu erscheint mir das Dante'sche Inferno fast wie eine Komödie. Umsonst wird Auschwitz nicht das Lager der Vernichtung genannt!

    5. September 1942. Heute nachmittag bei einer Sonderaktion aus dem EKL. (Muselmänner): das Schrecklichste der Schrecken. Hschf. Thilo - Truppenarzt - hat Recht, wenn er mir heute sagte, wir befänden uns hier am anus mundi. Abends gegen 8 Uhr wieder bei einer Sonderaktion aus Holland. Wegen der dabei abfallenden Sonderverpflegung, bestehend aus einem fünftel Liter Schnaps, 5 Zigaretten, 100 g Wurst und Brot, drängen sich die Männer zu solchen Aktionen. Heute und morgen (Sonntag) Dienst.

    Am 12. Oktober vertraute Kremer seinem Tagebuch folgendes an (4):

    2. Schutzimpfung gegen Typhus; danach abends starke Allgemeinreaktion (Fieber). Trotzdem in der Nacht noch bei einer Sonderaktion aus Holland (1600 Personen) zugegen. Schauerliche Szene vor dem letzten Bunker! Das war die 10. Sonderaktion.

    Soweit die Einträge im Tagebuch, welches Kremer interessanterweise nach der deutschen Kapitulation keinesfalls vernichtete, sondern den Briten unversehrt in die Hände fallen liess.

    Vor dem Krakauer Gericht kommentierte Kremer diese Tagebuch-Eintragungen dann wie folgt (5):

    Besonders unangenehm war die Vergasung von ausgemergelten Frauen aus dem Frauenlager, die allgemein als «Muselmänner» bezeichnet wurden. Ich erinnere mich, dass ich einmal beim Vergasen einer solchen Frauengruppe am Tage teilnahm. Wie gross diese Gruppe war, kann ich nicht angeben. Als ich in die Nähe des Bunkers kam, sassen sie angekleidet auf der Erde: Da sie in abgetragener Lagerkleidung waren, wurden sie nicht in die Ausziehbaracke gelassen, sondern sie zogen sich im Freien aus. Aus dem Benehmen dieser Frauen schloss ich, dass sie sich darüber klar waren, welches Schicksal sie erwartete, da sie bei den SS-Männern um Gnade flehten und weinten; jedoch wurden alle in die Gaskammer gejagt und vergast. Als Anatom hatte ich viele schreckliche Sachen gesehen, ich hatte viel mit Leichen zu tun gehabt, jedoch das, was ich damals sah, liess sich mit nichts vergleichen. Unter den Eindrücken, die ich damals empfing, schrieb ich am 5. 9. 1942 eben in mein Tagebuch: Das Schrecklichste der Schrecken. Hauptscharführer Tilo hat recht, wenn er mir heute sage, wir befänden uns hier am anus mundi, an der «Aftermündung der Welt». Diese Bezeichnung gebrauchte ich deshalb, weil ich mir gar nichts Abscheulicheres und Ungeheuerlicheres vorstellen konnte.

    Beim Auschwitz-Prozess wurde Kremer über die Vergasungen befragt (6):

    Vorsitzender: Wo fanden damals [1942] die Vergasungen statt?

    Kremer: Alte Bauernhäuser waren als Bunker ausgebaut und mit einer fest verschliessbaren Schiebetür versehen. Oben befand sich eine Luke. Die Menschen wurden entkleidet hineingeführt. Sie gingen ganz harmlos hinein, nur wenige haben sich gesträubt, die wurden beiseite genommen und erschossen. Das Gas warf ein dafür bestimmter SS-Mann ein. Er stieg dazu auf eine Leiter hinauf.

    Vorsitzender: Sie sagten früher, dass Schreie zu hören waren.

    Kremer: Ja, das war die Lebensangst. Sie haben gegen die Tür getreten. Ich bin im Wagen gesessen.

    Vorsitzender: Gab es Sonderzulagen für die, die bei einer solchen Aktion beteiligt waren?

    Kremer: Ja, das war üblich, ein bisschen Branntwein und Zigaretten. Da waren alle hinterher. Es wurden dafür Bons ausgegeben. Ich habe auch solche Bons bekommen - ganz automatisch.

    Vertreter der Nebenklage Ormund: Sie haben in Ihrem Tagebuch geschrieben, dass sich die SS-Männer zu dem Rampendienst gedrängt hätten.

    Kremer: Das ist menschlich und doch verständlich. Es war ja Krieg, und Zigaretten und Schnaps waren knapp. Wenn einer zigarettensüchtig war.... Die Bons sammelte man, und dann ging man mit der Flasche zur Kantine.


    Anmerkungen zur Zeugenaussage

    1) Von revisionistischer Seite erschien als Antwort auf die beiden ZEIT-Artikel eine Broschüre mit dem Titel Die ZEIT lügt! Sie wurde im Auftrag Generalmajor Otto Ernst Remers von vier Fachleuten verfasst und kann bei Remer & Heipke, Postfach 1310, Bad Kissingen, bezogen werden. Die beiden ZEIT-Beiträge des Herrn Till Bastian sind in der Broschüre unverkürzt abgedruckt, so dass sich dem Leser die Gelegenheit bietet, die Argumente beider Seiten kennenzulernen. Deshalb sei diese Broschüre jedem ernstlich am Auschwitz-Thema Interessierten ans Herz gelegt.
    2) Robert Faurisson, Mémoire en défense, La Vieille Taupe, 1980, S. 110 ff.
    3) ibidem, S. 12 4.
    4) ibidem, S. 35.
    5) Kogon/Langbein/Rückerl, S. 215
    6) Langbein, S. 72


  • Kritik

    In seinem Mémoire en défense (1) hat sich Robert Faurisson mehr als ausführlich mit dem Fall Kremer befasst. Seine Beweisführung scheint uns sehr einleuchtend: wir geben sie hier in geraffter Form wieder:

    1) Von Vergasungen spricht Kremer in seinem Tagebuch nur an einer einzigen Stelle, nämlich beim Eintrag vom 1. September 1942: «Nachmittags bei der Vergasung eines Blocks mit Zyclon B gegen die Läuse.»

    2) Die Einträge vom 2. und 5. September sowie von 12. Oktober, so wird argumentiert, wiesen auf eine Vergasung von Menschen hin. «Sonderaktion» sei ein von der SS verwendetes Tarnwort für eine solche gewesen. Für diese Tarnsprache gibt es keinerlei Beweise. Das Wort «Sonderaktion» konnte sich, ebenso wie «Sonderbehandlung», auf alle möglichen Dinge beziehen.

    3) Während Kremer in Auschwitz eintraf, wütete dort eine verheerende Typhusepidemie, der täglich zahlreiche Menschen zum Opfer fielen. Die Verhältnisse im Lager müssen furchtbar gewesen sein. Unter diesen Umständen liess sich Auschwitz ohne weiteres als «anus mundi», «Arsch der Welt», bezeichnen; der Ausdruck erinnert ja an eine Kloake mit greulichen sanitären Zuständen. Kremer kommt in seinem Tagebuch immer wieder auf die Typhusplage zu sprechen. Angesichts der über fast 15'000 Opfer, welche die Seuche während Kremers Anwesenheit forderte (2), konnte man Auschwitz mit Fug und Recht ein «Lager der Vernichtung» nennen.

    4) Bei der Wiedergabe des Tagebuchs wurden regelmässig Entstellungen und Auslassungen vorgenommen: Von Georges Wellers; von Jan Sehn, dem Vorsitzenden beim Kremer- wie auch beim Höss-Prozess; von Léon Poliakov; vom Direktor des Auschwitz-Museums; von Gericht in Münster, das Kremer anno 1960 verurteilte; von Serge Klarsfeld; von der deutsch-holländischen Historikerequipe, die Dokumente über Kriegsverbrechen sammelte. Alle diese Manipulatoren haben beispielsweise im Eintrag vom 2. September das Wort «draussen» weggelassen, weil diese der Vorstellung widersprechen musste, dass die «Sonderaktion» in der Gaskammer ablief.

    5) Bei der «Sonderaktion» dürfte es sich um eine Trennung der arbeitsfähigen von den nichtarbeitsfähigen Häftlingen gehandelt haben. In der Tat kam am 2. September 1942 ein Konvoi aus Frankreich an. Dass die Deutschen angesichts der Typhusepidemie immer noch Gefangene nach Auschwitz schickten, zeugte von krimineller Verantwortungslosigkeit.

    6) Schon die Formulierung «Sonderaktion aus Holland» widerspricht der These, der Tagebucheintrag vom 5. September spiele auf eine Massenvergasung der eingetroffenen holländischen Juden an; wäre dies der Fall gewesen, so hätte Kremer mit Sicherheit anders formuliert. Die Leute, die sich zu dieser «Sonderaktion» meldeten, bekamen eine Belohnung in Form einer Extraration Schnaps, Zigaretten, Brot und 100 g Wurst, also das, was man für eine unangenehme Arbeit erwarten kann. Diese bestand, so Faurissons Hypothese, darin, nach der Einquartierung der Häftlinge die verschmutzten Züge, in denen die Deportierten eingetroffen waren, zu reinigen. Ob diese Vermutung zutrifft, lässt sich nicht beweisen.

    7) Ein Blick auf die Karte von Birkenau beweist, dass mit dem «letzten Bunker», welchen Kremer in der Eintragung vom 12. Oktober 1942 erwähnt, der Bunker II gemeint war. Vor diesem fanden jeweils Hinrichtungen durch Erschiessen statt. Während seiner knapp drei Monate in Auschwitz musste Kremer als Lagerarzt annähernd 30 solchen Erschiessungen beiwohnen; ferner war er mehrmals beim Vollzug der Prügelstrafe anwesend. Bei der «schauerlichen Szene», die sich vor dem Bunker abgespielt hat, dürfte es sich um eine dieser Hinrichtungen gehandelt haben. Dass es sich um eine im Bunker II durchgeführte Massenvergasung gehandelt haben könnte, ist schon deshalb unmöglich, weil auch nach der offiziellen Geschichtsschreibung in jenem Bunker nur ein einziges Mal, nämlich 1941, eine solche Vergasung stattgefunden haben soll (3).

    8) Kremer war ein Freigeist. In seinem Tagebuch äussert er sich oft kritisch über die herrschenden Zustände in Deutschland, obgleich er NSDAP-Mitglied war. So schrieb er am 13. Januar 1943 (4): «Es gibt keine arische, negroide, mongoloide oder jüdische Wissenschaft, sondern nur eine wahre Wissenschaft und eine falsche.» In einem gleichentags erfolgten Eintrag klagte er über die Knebelung der Wissenschaft in Deutschland und meinte, die Lage sei nicht besser als zu Zeiten Galileis. Und dieser kritische Geist soll Massenmorden beigewohnt haben, ohne sie auch nur mit einem einzigen Worte zu erwähnen!

    Soweit einige der zentralen Argumente Faurissons. - Übrigens ist schon die Vorstellung, die Nazis, denen ja an der Geheimhaltung der «Endlösung» gelegen war, hätten einen Universitätsprofessor während der Sommerferien zu einem kurzfristigen Einsatz nach Auschwitz abkommandiert und dann wieder heimreisen und weiterdozieren lassen, damit er das Gesehene möglichst weit herumerzählen konnte, gänzlich absurd.

    Wenn Kremer vor dem polnischen Gericht die Vergasungen später zugab, dann schlicht und einfach, um sein Leben zu retten. Die Strategie war auch erfolgreich, denn er entging dem Galgen und wurde nach 10 Jahren Haft in die BRD abgeschoben. Dass der achtzigjährige Kremer anlässlich des Auschwitz-Prozesses den Anklägern nach dem Munde redete, verwundert keinesfalls. Wer wird es ihm auch verdenken, dass er keine Lust verspürte, die letzten Jahre seines Lebens noch hinter Gittern zu verbringen. - Auf diese Weise sind die Geständnisse zustande gekommen!


    Anmerkungen zur Kritik

    1) Publiziert 1980 bei La Vieille Taupe.
    2) Pressac, 1993, S. 145.
    3) Nach der üblichen Version soll diese einmalige Massenvergasung im Block 11 - bei den Opfern soll es sich um sowjetische Kriegsgefangene gehandelt haben - im September 1941 stattgefunden haben. Pressac verlegt sie in seinem 1993 erschienen Buch in den Dezember desselben Jahres (S. 114). Grund für diese Umschreibung der Geschichte ist wohl Carlo Mattognos einige Monate zuvor erschienenes Buch Auschwitz: La prima gasazione (Edizioni di Ar) gewesen, das er aber wohlweislich nicht nennt.
    4) Zitiert nach Faurisson, Mémoire en défense, S. 28. Es handelt sich bei diesem Satz um eine Rückübersetzung aus dem Französischen.


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