Die Auslegung der Heiligen Schrift durch den heiligen Thomas von Aquin (1225—1274) und die übersteigernden Auslegungen der Nürnberger Dokumente durch Herrn Raul Hilberg in "Die Vernichtung der europäischen Juden" sind gewiß nicht mit dem gleichen Maßstab zu messen. Man kann davon überzeugt sein, daß man in 7 Jahrhunderten von letzteren überhaupt nicht mehr sprechen wird, oder wenn man es doch tun sollte, als von einer Sache, die nichts anderes verdient, als eine der schlimmsten Verirrungen unserer Zeit genannt zu werden. Sollte man nach 7 Jahrhunderten noch von Thomas von Aquin reden, so wird man ihn gleichfalls als Ursprung einer verirrten Philosophie bezeichnen, die seit dem 17. Jh. von den Humanisten und Liberalen als "Dirne der Theologie" bezeichnet wird. Ich bin der gleichen Meinung. Aber diese Philosophie war immerhin die der Jahrhunderte des Glaubens: sie hatte Gehalt, sie öffnete die Fenster zu einer Welt, die den Traum eines ganzen Zeitalters bedeutete und verdiente es daher zu dem "Thomismus" zu werden, ohne dessen Erwähnung es heute unmöglich ist, den großen Verlauf bis zur heutigen Philosophie zu erklären.
Um sein System aufzubauen, mußte er freilich die Gedanken des Aristoteles verstümmeln. Aber im 13. Jh. hatte man den Druck noch nicht erfunden, die Handschriften waren selten, und die Möglichkeit der Forschung steckte noch derart in den Anfängen, daß nur der Forscher selbst sie kannte. Drei Jahrhunderte später hatte man den Irrtum entdeckt, den die Humanisten und
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Liberalen als "Dirne der Theologie" bezeichneten. Aber es gab keinen Skandal. Man schrieb den Betrug auf Rechnung einer mangelhaften Kenntnis der Schriften des Aristoteles. Heute wissen wir mehr über diese Angelegenheit. Immerhin hat der "Thomismus" seinen Weg gemacht. Hingegen wird es kaum je einen "Hilbergismus" geben, und die 790 Seiten Großformat von "Die Vernichtung der Juden Europas", die sich auf 1400 Dokumentarberichte gründen, werden, wenn man sie eines Tages beschuldigt "ancilla" gewesen zu sein, dies nur seitens einer Politik wenig edler Geisteshaltung gelten.
Hierin liegt der Unterschied, und er ist nicht eben klein.
Zugegeben, daß diese beiden Menschen weder durch ihre Persönlichkeit noch durch den Wert und die Weite ihrer beiderseitigen Arbeiten verglichen werden können. Wenn ich nun trotzdem an Thomas von Aquin denken mußte, nachdem ich Raul Hilberg gelesen hatte, so gab es schon Gründe dafür, und der wichtigste davon ist der, welcher das Hauptthema dieses Kapitels ausmacht. Die Nürnberger Dokumente, an Hand deren Raul Hilberg uns beweist (S. 670), 5.419.500 wären von den Deutschen während des zweiten Weltkrieges vernichtet worden, davon 1.000.000 in den Gaskammern von Auschwitz, 950.000 in denen der 5 anderen Lager, die technisch weit weniger gut ausgestattet gewesen wären. 1.400.000 (wenn ich seine verwickelten Berechnungen, die oftmals in Widerspruch zu sich selbst stehen, richtig verstanden habe) durch die Einsatzgruppen, und der Rest von 1.750.000 lt. S. 767 und von 2.069.500 lt. Seite 670 in den Lagern und bei Gelegenheiten, die man nur als Lügenberichte bezeichnen kann, wenn man sie mit den anderen vergleicht. Sie sind durchaus gleicher Art und von gleichem Wert wie die des Thomas von Aquin und aller Kirchenväter vor ihm, die behaupteten, der erste Weltschöpfungsakt — die Trennung des Lichtes von der Finsternis — sei genau auf das Jahr 4001 vor Chr. anzusetzen, oder daß Josua die Sonne in ihrem Lauf angehalten und Jonas sich eine Weile im Bauch eines Walfisches befunden hätte, usw. —
Ferner ist da das Problem der Pflichtvergessenheit: Herr Raul Hilberg sagt aus den Nürnberger Dokumenten das, was sie erst
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aussagen, nachdem sie sorgfältig aus ihrem Zusammenhang herausgerissen sind. Das ist im Kleinen dasselbe, was Thomas von Aquin im Großen tat, als er die europäische Geisteswelt des Mittelalters durch die berühmte Formel "Aristoteles sagte" über etwas orientierte, was Aristoteles eben nicht gesagt hatte. In dieser Hinsicht erheben sich beide zu der berühmten Zweckmoral, wenn auch zeitlich im gleichen Abstand zu einem gewissen Ignaz von Loyola, demzufolge der Zweck die Mittel rechtfertigt und alle Mittel recht sind, um das Endziel zu rechtfertigen.
Aber hier muß man, um eine gerechte Würdigung der beiden zu ermöglichen, den ihnen gemeinsamen Ausgangspunkt nachprüfen. Thomas von Aquin fand sich damals den mit so großen Erfolg von jüdischen Rabbinern und arabischen Schreibern in Ost-Europa verbreiteten Schriften des Aristoteles gegenüber. Sie drohten die christliche Gedankenwelt zu erschüttern, und es handelte sich daher für ihn um ein rein philosophisches Problem, während es im Falle des Herrn Raul Hilberg darum ging, durch eine möglichst große Anzahl von Leichen die riesenhaften Subventionen zu rechtfertigen, die unter dem Titel der Wiedergutmachung seit Kriegsende alljährlich an den Staat Israel gezahlt werden — überdies die Wiedergutmachung eines Schadens, der ihm weder juristisch noch moralisch zugefügt wurde, da er doch in der beschuldigten Zeit noch gar nicht bestand. So ist das Ganze weiter nichts als ein nackter Materialismus.
Man erlaube mir in Erinnerung zu rufen, daß der Staat Israel erst im Mai 1948 begründet wurde, und daß die jüdischen Opfer des Nazismus aus den verschiedensten Staaten stammten, nur nicht aus Israel. Um das Ausmaß dieser beispiellosen Büberei noch zu unterstreichen, bedenke man: einesteils schüttet Deutschland an Israel Summen aus, die auf 6.000.000 Tote errechnet sind, andererseits, da mindestens 4/5 dieser 6 Millionen bei Kriegsende noch lebten, zahlt man noch wesentliche Reparationen an die in anderen Staaten außerhalb Israels Lebenden sowie an die Erben der inzwischen Verstorbenen unter der Bezeichnung "Opfer des Nazismus". Das bedeutet, daß man für eine überwiegende Mehrheit doppelt bezahlt.
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All diese großmütig gewährten Entschädigungen scheinen im übrigen auch die Träume der Zigeuner beflügelt zu haben. Man könnte behaupten, daß der Staat Israel und der Zionismus Schule gemacht haben. Will man der Zeitung "Le Monde" vom 29. Dezember 1961 Glauben schenken, so haben sich nunmehr die Gitans einen König mit Namen S. M. Vaida Voievod III. zugelegt, der vorgibt, Oberster Chef und Geistiges Haupt des Volkes der Zigeuner zu sein, und daß er von der UNO erwarte, einen Erdenfleck zugewiesen zu bekommen, wo das Herumirren der Karawanen ein Ende finden würde, wie etwa die Schaffung des Staates Israel der Diaspora der Juden ein Ende (?) gesetzt habe. Wenn man aber fragt, welchen Erdenwinkel er fordere und wo sich dieser befinde, so sagt er, es handle sich um Romanestan, und er verlegt es einmal auf eine Insel im Pazifik, ein andermal in ein Land in der Nähe von Israel. Zudem behauptet er, die Zahl der Personen, die sich auf allen Straßen Europas herumtreiben, betrüge 12 Millionen, und wenn sie nicht noch höher wäre, so läge das daran, daß die Nazis 3 1/2 Millionen zwischen 1939 und 1945 ausgerottet hätten.
Aber hierüber gibt es statistische Unterlagen, und diese beweisen, daß die Zigeuneropfer des Nazismus sich auf etwa 300.000 bis 350.000 belaufen, was im übrigen schon abscheulich genug ist.
Da man vorläufig noch nicht so leicht in den Verdacht des Anti-Romanestanismus gerät wie in den des Anti-Semitismus sowie man von den Fantasie-Statistiken des Zeitgenössischen jüdischen Weltdokumentationszentrums spricht, und man auf jeden Fall nicht Gefahr läuft, ähnlicher uneingestandener Gesinnung geziehen zu werden, wenn man von den 3 1/2 Millionen Naziopfern S. M. Vaida Voievod III. in humoristischer Weise spricht, braucht man sich dessen nicht zu versagen. Wenn nun, so sagt man, die UNO eines Tages den Zigeunern wirklich zugestehen würde, sich in Romanestan zu sammeln, dessen geographische Lage nurmehr festzulegen wäre, so bliebe Deutschland nur noch übrig, auch dies zu unterstützen. Denn da es Israel eine wesentliche materielle Unterstützung für die Opfer, die der Na-
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zismus das Judentum kostete, zugestanden hat, würde es ihm schwer werden, Romanestan ein Gleiches zu verweigern, und die UNO könnte eine Befürwortung solcher Forderungen, wie sie Israel hat zuteil werden lassen, kaum ablehnen. Die 3 1/2 Millionen Zigeuner, die von den Nazis ausgetilgt sein sollen, würden also in der Weltpresse mit den 6 Millionen Juden in Konkurrenz treten. Aber R. P. Fleury, der Prediger der französischen Gitans verkündet bereits, daß S. M. Vaida Voievod III. ein Betrüger wäre, und viele sind mit ihm der gleichen Meinung. Man muß zugeben, daß bis zum heutigen Tage die Zahl der Menschen, die von den Führern des Staates Israel und seiner Unterstützer ein Gleiches denken, wesentlich geringer ist. Trotzdem deren Politik in allen wesentlichen Punkten sehr ähnlich, ebenso unbegründet und ebenso wenig ernsthaft ist, hat sie doch Erfolg gehabt. In dem Maße als es offenbar wird, daß der Nachkriegs-Zionismus mit dem, was man den Romanestanismus nennen könnte, so nah verwandt ist, verdient die Posse des Helden dieses Abenteuers hier erwähnt zu werden, und wäre es auch nur, um dem Leser eine besondere ebenso genaue Vorstellung von dem Wert der Arbeit zu geben, für die Herr Raul Hilberg sich bereit gefunden hat.
Aber ich möchte noch auf das Problem der Verletzung der Sorgfaltspflicht zurückkommen, und hier merke man gut auf. Nachdem ich selbst eine beachtliche Zahl von Monaten bis 1, 2 und 3 Jahren und bisweilen unter wesentlich schlimmeren materiellen und moralischen Bedingungen in Konzentrationslagern verbracht habe, kann man es mir wirklich glauben, daß ich weiß, wovon ich spreche, und das was ich untersuche, ist lediglich das Ausmaß der Greuel, da die Wahrheit und ihre Hintergründe allein schon genügen, um im menschlichen Bewußtsein festgehalten zu werden. Ein armer Teufel von der Art dieses einen Priesters oder jenes anderen, den ich an anderer Stelle zitieren werde, wollen uns erzählen, der eine: daß Tausende von Menschen in den Gaskammern des Lagers verschwunden wären, in dem wir doch zusammen eingesperrt waren, und wo es gar keine gab, der andere: daß er die Köpfe von lebend begrabenen Opfern gesehen
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habe, die bis zum Halse zerschmettert gewesen wären und zwar von den Rädern der Schiebkarren, die auf Anordnung der SS von anderen Gefangenen geschoben worden wären. Ich verstehe das so: sie sind die aufgestachelten Opfer eines Rachegefühls auf Grund dessen, was sie selbst gelitten haben, und die Schuldigen sind hierbei die Richter, die ihnen geglaubt haben.
Daß der General einer Einsatztruppe, um sich das Leben zu retten, unter Todesdrohung etwas berichtet, was ihm selbst am zweifelhaftesten erscheint, — daß ein Hoeß, der ehemalige Kommandant des Lagers Auschwitz, ein Gleiches tut und mit ihm noch viele andere, das versteht sich von selbst und bedarf gar keiner Erklärung. Daß, um die Gnade seiner Vorgesetzten zu erlangen, ein anderer armer Teufel einer Einsatzgruppe der SS erzählt, daß seine Einheit Tausende oder Zehntausende von Juden vernichtet habe, wie das in den Dokumenten des Herrn Raul Hilberg berichtet wird, ist wirklich nicht so erstaunlich. Daß ein Martin-Chauffier, der sich selbst allerhand vorzuwerfen hat, sich verzeihen lassen möchte, indem er mit den Wölfen heult, daß ein David Rousset, dessen einzige Sorge im Lager war, sich der Gunst der Kommunisten zu versichern, daß ein Eugen Kogon auch keine anderen hatte, als sich möglichst angenehm im Gleichgewicht zwischen SS und Kommunisten zu halten, und das erzählt haben, was sie erzählt haben, das alles macht einen Teil der Zeugenpsychologie aus, und es ist die Aufgabe des Richters oder eines Spezialisten der Wissenschaft vom Menschen, die Wahrheit von der Lüge zu trennen. Wenn ich darüber empört bin, daß weder der eine noch der andere von diesen dahin gelangt ist, vor allem aber, daß weder der eine noch der andere sonderliche Anstrengungen in dieser Richtung gemacht hat, so bin ich es wesentlich weniger, wenn ein Journalist seine Leser mit Enthüllungen überrumpelt: denn man weiß ja, daß die Journalisten sich meist aus den Versagern der akademischen Berufe rekrutieren! —
Ich gehe sogar noch weiter: ein Mann wie Dr. François Bayle, den ich hinsichtlich seines "Hakenkreuz gegen Schlangenstab", dessen Verfasser er ist, zitiere, ist gegenüber den Dokumenten und Zeugenaussagen von Nürnberg und den Rückschlüssen, die
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er daraus zieht, nur halb verantwortlich. Dr. François Bayle ist Arzt, sogar Marinearzt, mithin ein Militär. Wenn man ihn liest, errät man sofort seine Begeisterung für Psychosomatologie und Psychoanalyse. Die Angeklagten von Nürnberg erscheinen ihm vor allem als Kranke oder Beschädigte, was aufs gleiche herauskommt, da er doch die Möglichkeit haben möchte, ihre Fälle zu untersuchen! Das ist doch ein wunderbarer Gegenstand und die Umstände sind so günstig! Am 19. Oktober 1946 wird er in die wissenschaftliche Kommission für Kriegsverbrechen eingestellt, und bald finden wir ihn dabei, direkt an den Originalen der Dokumente und Zeugenaussagen der Nürnberger Prozesse zu arbeiten, indem er diesen beiwohnt und hinter deren Kulissen er freien Zutritt hat. Er ist ein Militär: er fragt gar nicht nach Rechtswert der Aussage, die ihm von seinen hochgeachteten Vorgesetzten zugänglich gemacht werden. Die Herrschaft der Armee beruht mehr als sonst irgendwo auf dem Grundsatz, daß jeder Untergebene jederzeit seinem Vorgesetzten vollkommen Gehorsam zu leisten habe, und er selbst beruhigt sich mit der Voraussetzung, daß ein Vorgesetzter seinen Untergebenen nicht mißbrauchen darf. In dieser Geisteshaltung konnte sich Dr. François Bayle keinen Zweifeln hingeben, und wenn er sich welchen hingegeben hätte, so hätte er keine richtige Antwort darauf gefunden, da er doch auf die Aufgabe, die man ihm stellte, und zu der man ihn ermutigte, gar nicht vorbereitet war. Er ist also zu entschuldigen. Weniger sind es die, die ihn auf diesen Weg gewiesen haben und ihn noch dazu ermutigten. Im Grunde hat sich alles so abgespielt, wie im "Figaro" von Beaumarchais, wo man einem Tänzer die Stellung eines Rechenmeisters gibt: hier mußte ein Historiker her anstatt eines Mediziners. Brauchte man trotzdem einen Mediziner, da es sich doch um die medizinischen Versuche handelte? Meinetwegen, aber ich behaupte nur, daß ein Mediziner, der bei jenen Versuchen nicht selbst zugegen gewesen war, und der nicht zugleich Historiker ist, sie absolut nicht einwandfrei untersuchen kann, wenn er nicht dabei von einem Historiker unterstützt wird, der die Richtigkeit aller Zeugenaussagen und Dokumente bestätigt hätte, wenn auch nicht die wissenschaft-
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lichen — denn hierzu wäre ein Historiker wieder nicht befugt — so doch die soziologischen Gegebenheiten, und den historischen Augenblick, in dem die Versuche angestellt worden sind. Besonders zu einem so leidenschaftlich bewegten Zeitpunkt wie den, um den es sich hierbei handelt und wenn sie, wie es hier der Fall war, des Verbrechens geziehen wurden.
Und die Verantwortlichen für derart erbärmliche Sitten? Niemand, wenn es nicht die Verwalter der Wissenschaft und der Elitebildung unserer Zeit sind, die auf der einen Seite die Spezialisierung auf Kosten der Allgemeinbildung bis zum Äußersten treiben unter dem Vorwand, daß die Industrialisierung besonders gute und scharf begrenzte Spezialtechniker verlangt und dann je nach Bedarf glauben macht, irgendeiner dieser Spezialisten wäre befugt "ex cathedra" für alle Spezialisten zu sprechen. Aber jene Schuldigen sind, glaube ich, nicht irgendwelche Bestimmten, sondern ein wenig der ganze Zeitgeist.
Der Fall des Herrn Raul Hilberg ist nun aber sehr verschieden von dem jener Leute. Er ist nicht verschleppt worden, er ist kein Opfer des Nazismus, er hat keinen ersichtlichen Grund, ein derart schlechtes Gewissen zu haben, wie ein Martin-Chauffier, ein David Rousset oder ein Eugen Kogon. Er ist auch kein so einfältiges Wesen wie dieser arme Priester, den ich als den Erfinder der Gaskammern von Buchenwald und Dora erwähnte, noch auch ein Schmierfink jener Glücksritterkultur, wie die Abenteurer um der Existenz willen, die vor dem Kriege recht niedrig im Kurs standen, wie es eben David Rousset und Eugen Kogon sind, die, von dem Wunsche beseelt, sich ein gutes Gewissen zu verschaffen, sehr wahrscheinlich all das erzählten, was sie erzählt haben, um sich besser und dauerhafter zu sichern — was ihnen übrigens beiden in bemerkenswerter Weise gelungen ist. Er ist sogar nicht einmal ein im Studium historischer Dokumente irregeführter Arzt wie Herr François Bayle. Er ist vielmehr ein "politischer Wissenschaftler", ausgewiesen durch seine biographische Notiz als: "Professor und Spezialist für internationale Beziehungen im Auswärtigen Amt von Nordamerika"; und trotz all seiner Lücken und Unvollständigkeiten, ist es nicht möglich,
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daß das System der Verwaltung der Wissenschaften und der Elitebildung, das ihn auf die Ausübung seines Berufes vorbereitet hat, in dem die statistischen Wissenschaften einen so wichtigen Raum einnehmen, ihn nicht besser im Studieren von Dokumenten und Zeugenaussagen, auf die diese sich gründen, ausgebildet hat, sowie in der Geschichte, in der die soziologischen Phänomene, die Gegenstand der Statistik sind, ihre Wurzeln haben.
Wenn sich also Herr Raul Hilberg wie jemand beträgt, der keine Ahnung hat weder von der Glaubwürdigkeit, die man einem Zeugen in seiner Aussage zubilligen kann, noch von den Bedingungen, die ein Dokument enthalten muß, um rechtsgültig zu sein oder — was dem gleich kommt — wenn alle die, die erprüft positiv wären — so bleibt für ihn nur eine Entschuldigung, nämlich die der Sorgfaltspflicht-Verletzung. Ich sage "Entschuldigung", weil ich im weiteren Verlauf seiner biographischen Notizen lese, daß er ein Mitarbeiter des "Jüdischen enzyklopädistischen Handbuches" ist, was alles erklärt. Dies trifft natürlich nicht allein auf Herrn Raul Hilberg zu, sondern auch auf eine Menge andere: auf Frau Hannah Arendt z. B., die von der gleichen Art Intellektueller ist und sich oftmals auf ihn beruft in ihren Berichten über den Eichmann-Prozeß, die "Der New Yorker" durch fünf Folgen hindurch veröffentlicht hat (Februar-März 1963). Sie war Forschungsleiterin des "Jüdischen Kulturaufbaues" sowie Stipendiatin der Guggenheim-Stiftung, usw. . . , und sie teilt uns kaltlächelnd mit ("Der New Yorker", 22. 3. 63), daß "3 Millionen polnischer Juden in den ersten Kriegstagen umgebracht worden wären". Das ist natürlich hierdurch erklärt. Frau Hannah Arendt täte m. E. gut daran, Herrn Raul Hilberg zu schreiben und ihn zu bitten, ihr nachzuweisen, wo er die "2 Millionen polnische Juden, die von 1942—43 in den Tod geführt worden sind" gefunden hat, von denen er auf Seite 311 seines Buches spricht. Denn man muß sich schließlich darüber verständigen: gab es in Polen vor dem Kriege 3,3 Millionen Juden, wie es einstimmig alle Statistiker einschließlich der jüdischen behaupten, oder 5.700.000, wie Frau Hannah Arendt zu behaupten genötigt ist, nachdem 5.000.000 ausgelöscht sein sollen, und
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nachdem Herr Shalom Baron — seinen Titel als Professor für jüdische Geschichte an der Universität von Columbia vor sich herschwingend — am 14. April 1961 vor dem Tribunal zu Jerusalem behauptete, von denen 700.000 noch gelebt hätten als 1945 das Land durch die russischen Truppen befreit worden sei. (?) Tatsächlich bekommt man Lust, all diese Leute einmal zusammen einzuladen — diese drei und die Vielzahl der anderen gleicher Sorte —, damit sie sich einmal untereinander abstimmen und ins Einvernehmen bringen könnten, bevor wir es unternehmen, uns selbst darüber zu verständigen. Für den besonderen Fall des Herrn Raul Hilberg müßte man diesem sogar empfehlen, sich erst einmal ins Einverständnis mit sich selber zu setzen: auf S. 670 seines Buches sucht er uns tatsächlich klar zu machen, daß die 9.190.000 Juden, die, wie er behauptet, während des Krieges in den von Deutschland besetzten Gebieten lebten, nur 3.770.500 überlebt hätten, was also 5.419.500 Tote ausmachen würde, aber auf S. 767 — man erfährt nicht durch welches mathematische Geheimnis — werden aus den 5.419.500 Toten plötzlich 5.100.000. Außerdem muß man festhalten, daß er in Polen samt Rußland und den Donauländern, in denen die statistischen Schwierigkeiten liegen, nur 50.000 Überlebende gefunden hat, während sein Kollege Shalom Baron deren 700.000 fand, die, lt. einer Zeitung, die in der Schweiz in französischer Sprache erscheint (Europe Réelle, Lausanne, Nr. 44, Dez. 1961) der periodisch erscheinende "Jedioth Hazem" aus Tel Aviv (Nr. 143 von 1961) ohne mit der Wimper zu zucken schreibt, "daß die Zahl der polnischen Juden, die außerhalb Polens wohnen, ungefähr 2 Millionen betragen". Im Gegensatz hierzu, und wahrscheinlich zum Ausgleich, haben die jüdischen Dokumentationszentren von Paris und Tel Aviv in Übereinstimmung die Zahl der in dem von Deutschland besetzten Teil Rußlands getöteten Juden auf 1 1/2 Millionen geschätzt, und das Institut für jüdische Weltangelegenheiten des jüdischen Kongresses ("Eichmann verbündet sich mit der Hierarchie des III. Reiches"), das ich bereits erwähnte, nennt deren 1 Million. Herr Raul Hilberg aber findet nur 420.000! — Dies alles stimmt nicht gerade sehr ernst, und ich schäme mich ein
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bißchen für die Zunft, die spezialisierte Professoren besitzt, deren Dokumente, die ja für alle die gleichen sind, eine derart verschiedene Sprache sprechen.
Nachdem dies klargelegt ist, wollen wir dem Kaiser geben, was des Kaisers ist: m. W. ist von allem, was bis heute an derartiger Literatur veröffentlicht worden ist — in der man die Nürnberger Dokumente immer durchknetet nebst den dazugehörigen Zeugenaussagen, die von Jahr zu Jahr umfangreicher werden, wo man sie verdreht und sich das letzte Gehirnfältchen verbiegt, um ihnen das beste abzugewinnen; wodurch sie aber auch immer widersprüchlicher untereinander werden gegenüber der Behauptung, daß mehr oder weniger 6 Millionen Juden im zweiten Weltkriege umgebracht worden seien. "Die Vernichtung der europäischen Juden" ist zweifellos das Genaueste und Vollständigste all dieser Veröffentlichungen. Nichtsdestotrotz, ohne jedoch rechtsgültiger zu sein als alles, was sonst noch vorher in dieser Art veröffentlicht worden ist, ist es das Angreifbarste und einzigartig daher, daß, indem man seine Schwäche offenlegt, man auch zugleich alles andere trifft. So habe ich mich denn entschlossen, ihn für diese neue Studie als Aufhänger zu nehmen. Ich denke, man wird dafür Verständnis haben, daß ich nicht jede einzige der 790 Seiten vornehme, von denen es ungefähr keine nicht verdiente, unter die Lupe genommen zu werden. Um jede Kleinigkeit zu untersuchen, hätte ich ja ebensoviel Seiten nötig, wie Herr Raul Hilberg deren gebrauchte, um seine Behauptungen aufzustellen, und das wäre ermüdend. Ich sagte bereits, daß es Herrn Raul Hilberg nicht gelungen ist, das auszudrücken, was die Dokumente wirklich besagen, weil er sie eben so hingenommen hat, wie sie ihm übergeben wurden, d. h. umgearbeitet und aus ihrem Zusammenhang herausgerissen. Ich werde mich also darum bemühen, den Zusammenhang wieder herzustellen, indem ich sie einander gegenüberstelle und mich nur gelegentlich bei den allzu großen Verstößen aufhalte.
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Zu Beginn meiner Studie zur Überführung des Herrn Raul Hilberg denke ich vor allem an die Studenten der Politik an der Universität Vermont. Ich will ihnen wünschen, daß an dieser Universität der Lehrstuhl für Politische Wissenschaft mit einem Lehrstuhl für Geschichte gekoppelt ist, denn sollte andernfalls zufällig einer von ihnen eines Tages die Ehre haben, die Vereinigten Staaten als Botschafter in Deutschland zu vertreten, so würden die Deutschen ihn sicherlich sofort für einen Abgesandten des Mondes halten, wenn er nichts anderes über den Nationalsozialismus, seine Herkunft, seine allgemeine und vor allem seine soziale Politik weiß, als was ihm von Herrn Raul Hilberg vorgesetzt worden ist. Ich kann mir nicht vorstellen, wie sie auch nur die ersten Schritte in diesem Amte tun könnten, ohne eine ganze Anzahl von Fehlern zu begehen, die jenen unverständlich wären und — für ihn — und die Vereinigten Staaten leider auch! — ebensoviel schmerzliche Demütigungen bedeuten würden. Was die anderen anbelangt, die sich nicht so hohe Ziele gesetzt haben, so stehen auch sie vor empfindlichen Problemen: denn wenn die wirtschaftlichen Begriffe, die Herr Raul Hilberg vertritt, von der gleichen Art sind wie die historischen — und man kann daran kaum zweifeln, nachdem man seine Statistiken gelesen hat —, so werden diejenigen, die selbst Professoren werden wollen, uns vor das Problem stellen, daß die Mittelmäßigkeit von einer Generation auf die andere übertragen wird, und ich wage gar nicht, mir die katastrophale Wirkung auszumalen, die dies auf die Zukunft der allgemeinen Politik der Vereinigten Staaten haben könnte, wenn solche, nachdem sie große Staatsbeamte geworden sind, damit arbeiten müßten. Ich kann es nicht verhehlen, daß mir tatsächlich all dies große Besorgnis einflößt, und um mich recht zu verstehen, muß ich hier einen kurzen Vergleich anführen, dessen Thema die folgende Meinung vertritt: Geschichte ist eine Folge historischer Abläufe. Die Wahrheit des M. de Lapalisse? Der Form nach ja. Durch ihren Widerspruch wird etwas anderes daraus. Manche Historiker sind der Ansicht, daß jeder historische Augenblick dem Menschen nichts als Probleme darbietet, die nur eine einzige Lösung kennen: ihre eilige
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Erklärung. Daraus folgt, daß von Urzeiten her alle historischen Augenblicke in eine starre Linie eingegliedert werden, die den Sinn der Geschichte ausmachen, und indem man jeden einzelnen untersucht, kann man die Folge voraussehen: ein vorgefaßtes Geschichtsbild. Die einzige Frage, die der Mensch sich stellen kann, ist nicht, wohin er gehen will noch was er tun muß, um sein Ziel zu erreichen, sondern nur noch, wo er tatsächlich hingeht. Die Antwort darauf: es genügt ihm, rückwärts zu schauen und dann die Linie zu verlängern: hinter ihm und vor ihm wird er den Sozialismus sehen. Höchstens könnte er ein wenig zurückweichen (z. B. angesichts der Form, die der Sozialismus in Rußland angenommen hat) und seinen Lauf verlangsamen. Keinesfalls aber kann er anhalten oder die Richtung wechseln. Der Boden brennt unter seinen Füßen und auf beiden Seiten der Straße sieht er den tödlichen Abgrund. Trotzdem geht er auf den Sozialismus zu, nur mehr oder weniger schnell. Solcher Art Historiker sind die Marxisten, und sie besaßen die Gunst des 19. Jh. Aber indem sie sich auf nichts weiter als auf die Stellung des Individuums in der Geschichte zurückzogen, wurde diese Vorstellung derart vereinfacht, daß sie die Gunst des 20. Jh. verloren haben und ihresgleichen heute dabei ist, zu verschwinden.
In ihrer Gesamtheit sehen die heutigen Historiker in der Tat, daß jeder historische Augenblick eine Fülle von Problemen aufrollt, daß vom Menschen aus gesehen jeder einzelne von ihnen eine Unzahl von Lösungen in sich birgt, trotzdem vielleicht — oder sogar selbstverständlich — nur eine einzige gut und richtig ist und die anderen mehr oder weniger schlecht. Zwischen der guten und den mehr oder weniger schlechten hängt die Wahl allein von einem Gewissensfunken ab, um die Lösung richtig zu treffen. Zudem wissen diese Herren, daß ein Mensch sich ein ganzes Leben lang in der Fülle all der Probleme recht häuslich niederlassen kann, ohne je von ihrem Vorhandensein Kenntnis zu nehmen; und denjenigen, die sie gewahr werden, erscheinen sie mehr oder weniger schwerwiegend, wichtig oder gar dringend. Da man nicht alle auf einmal erörtern kann, ist man ge-
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zwungen, jedes einzelne in festgelegter Reihenfolge vorzunehmen. Die Festlegung dieser Reihenfolge verlangt aber bereits ein so hohes Maß an Gewissenhaftigkeit, daß, wenn die Entscheidung darüber einmal gefallen ist, die Lösung der Frage sich von selbst anbietet. Je nach dem Maß des Gewissens — man beachte, daß es sich hier um ein Gesamt-Gewissen vor einem Gesamt-Problem handelt, und daß die geistige Reife dieses Kollektivs im umgekehrten Verhältnis zu den Wesen steht, aus denen es sich zusammensetzt — sah jeder einzelne in jedem historischen Geschehen eine mehr oder minder große Fülle von Fragen, die ihm gestellt wurden, und diejenigen, die sie nicht sahen, sind noch nicht einmal durchaus die Unbeachtlichsten. Die Vorstellung von den Dingen, denen der einzelne sich gegenübergestellt sieht, ist also bereits eine Arbeit an der Zahl und Art von Fragen, die er begreifen muß. Gleichwie es letzten Endes eine Arbeit dieser Vorstellung ist, zugleich die Wichtigkeit, Schwere und Dringlichkeit jeder einzelnen Frage zu entscheiden. Außer der Rangordnung, in der er sie entscheiden will und der Lösung die ihr zukommt, können die Umstände, die zu seinem Eintritt in die Ereignisse geführt haben, auch recht verschiedener Art sein.
Und widersprüchlichster Art! Und all dies macht aus dem Wesen der Geschichte einen Ablauf, der vorwärtsdrängt, zurückweicht, einen Zickzackweg einschlägt, im Kreise oder durch Engpässe führt, jedenfalls alles mögliche ist, nur nicht eine gerade Linie.
Zu den zwei Fundamentalgrundsätzen zurückkehrend zeigt sich diese Theorie also folgendermaßen: Die Geschichte räumt dem Menschen ein sehr großes Feld ein. Gleichzeitig war er ihr aber zu allen Zeiten gegenübergestellt und zwar unter immer neuen Umständen, die ihn immer wieder überrascht haben und dann über ihn hinweggeschritten sind. In dieser Rolle ist er immer dazu verurteilt gewesen, sich seiner Erfahrung entsprechend zu verhalten, d. h. ein wenig wie der Zauberlehrling des Märchens, der seine Rolle mit ebensowenig Erfolg gespielt hat. All dies ist eine Frage des Gewissens, und die Grenzen der
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Wissenschaft sind zugleich die Grenzen der menschlichen Möglichkeiten.
Da man nun um das riesenhafte Mißverhältnis weiß, das zwischen der außerordentlichen Vielschichtigkeit der Fragen, den Umständen jedes geschichtlichen Augenblicks und den sehr begrenzten Mitteln, die der Mensch besitzt, sie im Gedächtnis zu behalten, und weil man andererseits weiß — und das ist eine der wenigen Gewißheiten —, daß diese Tatsachen das Ergebnis der gesamten Auswirkungen früherer Generationen, nicht aber die Schöpfung eines einzelnen Menschen sind, der sie beschlossen hätte — bleibt ihm keine andere Wahl, als sich dem einstweilen zu beugen oder durch Selbstmord zu entziehen; kurz gesagt, daß der Mensch weder verantwortlich für die Lage ist, in der er sich befindet, noch für die begrenzten Mittel, um wieder herauszukommen. Die Historiker und im großen ganzen auch die Spezialisten der Wissenschaft vom Menschen müssen demnach über ein großes Maß von Nachsicht in ihrem Urteil über das Verhalten eines Zeugen verfügen, wenn sie dagegen etwas einzuwenden haben.
Man wird einem ihrer weiteren Vorzüge gegenüber nicht unempfindlich sein: in der Einstellung karthesisch und wie ihr Meister niemals "etwas als wahr hinnehmend", es sei denn sie wüßten, "daß es tatsächlich so wäre", mißtrauen sie überkommenen Ideen aus denen die Dogmen entstehen, die sie verabscheuen, und sie haben keine andere Richtschnur als die Ergebnisse ihrer Beobachtungen, die durch strenge und gründliche Zergliederung erhärtet werden. Der Historiker jedoch, der sich von diesen Zwangsvorstellungen gelöst hat, weil er niemals die Möglichkeit besitzt, alles zu wissen — weder durch Schlußfolgerungen noch durch Nachdenken — hat durch alle Zeiten hindurch seine Rolle gespielt, wenn nicht durch moralische Überlegungen in seinem Inneren, so doch wenigstens nicht durch ausführliches Darlegen seiner Irrtümer und Unvollkommenheiten in Schußweite seiner Akten, also mehr oder weniger — und eher mehr als weniger — nach Erfahrungen. Gleichzeitig aber bedenkt er, daß man die Geschichte in verschiedenartigster Weise
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betrachten kann, und daß dies immer so bleiben wird, solange man nicht alle Möglichkeiten besitzt sie tatsächlich zu kennen. Diese Verfahrensweise hat den doppelten Vorteil, den Menschen der Gegenwart in die verschiedensten Richtungen seines historischen Schicksals zu lenken, d. h. alle Wege zu öffnen, die der Gesamtheit des Denkens, durch die sich das auszeichnet, was wir "Kultur" nennen, einerseits, und andererseits durch die Suche nach neueren und dem Zweck besser angepaßten Mitteln alles kennen zu lernen. Dem verdanken wir z. B. die Soziologie und die Biosoziologie, die zwar noch sehr in den Anfängen stecken, da die eine kaum 100 Jahre alt ist und die andere eben erst geboren wurde, die jedoch, vorausgesetzt, daß der Mensch bei dieser Gelegenheit einigermaßen im historischen Denken verbleibt, eine große Hoffnung sein können.
Nun gibt es auch Historiker und Spezialisten für die Wissenschaft vom Menschen, die andere Lehrmeinungen und Arbeitsweisen vertreten. Bei ihnen ist alles vorgefaßte Meinung und Dogma. Ihr einziger Gesichtspunkt ist: die klassenlose Gesellschaft, der sich die Gesellschaft unglücklicherweise ja auch nähert, da alle anderen Wege verstopft sind. Dem Menschen ist einzig die Rolle vorgeschrieben: mehr oder weniger stark oder auch gar nicht ihre endgültige Beschleunigung voranzutreiben wie den Klassenkampf und wenn es nur — wie gesagt — wäre, um mehr oder weniger schnell dazu zu gelangen.
Alles Dazwischenliegende erscheint demgegenüber unwichtig und unbeachtlich.
Daneben gilt es dann noch mehr oder weniger künstlich aufgestellte Dogmen: Die geschichtliche Aufgabe des Proletariats, die Vernunftlehre in einer schändlich täuschenden Weise, der historische Materialismus, das Klassenbewußtsein, usw. usw. . . .
Und das alles zwischen 1840 und 1850, d. h. ohne Beziehung zu den Tatsächlichkeiten, da doch eine zuverlässige Philosophie noch in den Windeln lag und weder die Soziologie und vor allem die Biosoziologie noch gar nicht geboren waren. Das sind offenbare Wahrheiten, und im übrigen heute von der Geschichte überholt. Ist das nicht eine kindische Methode: Hegel sagt, Marx
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sagt, Lenin sagt, Stalin, Roosevelt und Ben Gurion sagen . . .? Kein bißchen Verpflichtungsgefühl, die Richtigkeit dieser Propheten zu untersuchen. Die Leute merken z. B. gar nicht, daß wir nicht mehr im Zeitalter von Hegel und Marx leben und seit ihren Tagen viele Wasser aller Flüsse unter den Brücken der Welt hindurchgeflossen sind, daß die sozialen Unterschiede innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft mehr und mehr verschwunden sind, daß sie sich in eine Unzahl von Arten aufgelöst haben, die sehr nahe beieinanderliegen, jedenfalls wesentlich weniger gegensätzlich zueinanderstehen als zur Zeit der Klassen. Und da fordern sie auch noch den Menschen der Gegenwart dazu auf, auf die Beschleunigung von etwas zu drücken, das gar nicht mehr vorhanden ist und damit eine historische Aufgabe zu erfüllen an einem rein hypothetischen Proletariat, das wenig zum Streik geneigt ist. So gesehen ähneln sie erstaunlich jenen Militärs, denen man nachsagt, ihre Technik hinke immer hinter dem Kriege her und zwar dadurch, daß sie bei einer historischen Epoche oder Augenblick stehenbleiben.
Herr Raul Hilberg ist gleich um mehrere historische Augenblicke verspätet. "Luther sagt"! Kann man so etwas überhaupt noch in den Mund nehmen? 1963! Ich erfinde nichts: In seiner Einleitung zu "Die Vernichtung der europäischen Juden" setzt er uns ganz eingehend und ernsthaft auseinander, daß der Nationalsozialismus in grader Linie aus dem mittelalterlichen Antisemitismus Deutschlands, seinem katholischen Glauben und von Luther stamme! Dies ruft mehrere Anmerkungen hervor:
1. Luther war kein Anti-Semit sondern ein Anti-Jude, was ein großer Unterschied ist . . . Die Historiker gestehen in der Tat zu, daß es acht semitische Völker gab (Assyrer, Chaldäer, Phönizier, Hebräer, Samariter, Syrer, Araber und Äthiopier), und daß zumindest davon noch drei heute existieren (Araber, Hebräer oder Juden und Äthiopier), und es sind lediglich die Juden, mit denen es der mittelalterliche Katholizismus und Luther zu tun hatte.
2. Jener Anti-Judaismus hatte nur religiöse Bezüge. Die ka-
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tholische Kirche jener Zeit sowie auch Luther glaubten, daß alle Völker der Erde außer den Juden der Allbegnadigung teilhaftig werden könnten und waren davon durchdrungen im Rausch ihrer Glaubenspropaganda. Weiter ging das nicht.
3. Alle mittelalterlichen Europäer waren Anti-Juden und dies überall mit gleicher Stärke. In Ländern wie die Niederlande, wo das Luthertum sich genauso erhalten hat wie zur Zeit Luthers, in anderen wie Spanien und Ungarn, wo die römische Kirche noch genauso geblieben ist wie im Mittelalter, hat sich das anti-jüdische Gefühl bemerkenswert auf dem Stand der letzten sechs Jahrhunderte gehalten. Keines aber von ihnen wurde Schauplatz einer ähnlichen Erscheinung, wie es der Nationalsozialismus unter diesem Gesichtswinkel gewesen ist. Demgegenüber ist es gerade im heutigen Deutschland, daß sowohl die lutherische als auch die römische Kirche den Fragen der Wissenschaft gegenüber aufgeschlossen sind.
4. Der Nationalsozialismus war aber nicht etwa aus rassischen Gründen antisemitisch. Er unterhielt z. B. die besten Beziehungen zu den Arabern. Er hätte auch die besten zu den Juden unterhalten, hätten diese nicht die Forderung erhoben, als besonderes Volk — auserwählt obendrein — in Deutschland zu leben, und die Beziehungen zu den Arabern wären kaum besser geworden, hätten sie gleiche Forderungen erhoben. Seine Haltung ist aus folgendem zu erklären: einesteils durch seinen Volkstumsbegriff (auf einem vorbestimmten Raum eine reine Rasse gegen ihre Bastardierung zu schützen), andererseits durch die internationale zionistische Bewegung, der es eine entscheidende Rolle nicht nur an der Entfesselung des ersten Weltkrieges zuschreibt (angeblich um Palästina zu bekommen), und am Versailler Diktat (das angeblich alle Möglichkeiten für das jüdische Volk bot, nachdem es Palästina erhalten hätte, auch noch den ganzen mittleren Orient zu erhalten, indem es sich auf den Bolschewismus stützte).
So kam es denn, daß der Nationalsozialismus von Anfang an die Juden beschuldigte, für alles Unglück, das Deutschland durch Versailles getroffen hatte, verantwortlich zu sein. Zur
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Macht gekommen, hörte er nicht auf, sie anzuklagen einen zweiten Weltkrieg heraufzubeschwören und andauernd mit dem Bolschewismus zu liebäugeln in der Hoffnung, Deutschland zu vernichten und sich dadurch die Hilfe des Bolschewismus im Mittleren Orient zu verdienen.
Dies sind die beiden hauptsächlichsten Grundlagen für die nationalsozialistische Politik den Juden gegenüber. Antisemitismus? Das heißt gleichzeitig zu viel und zu wenig behauptet. Rassenkampf ist das richtige Wort. Beide Grundlagen haben keinerlei Verwandtschaft, weder durch Angleichung noch als Folge mit dem Anti-Judaismus der katholischen Kirche des Mittelalters und mit dem Luthertum, und man ist etwas peinlich berührt, wenn man einen so hoch renommierten und anscheinend auch sehr anerkannten amerikanischen Professor daran erinnern muß, wenn nicht gar überhaupt erst davon zu unterrichten. Aber 1933 (damals war Herr Raul Hilberg noch ein Junge) und besonders seit 1945 (wo er knapp erwachsen war) haben derart viele Zeitungen der Ansicht gehuldigt, daß der Nationalsozialismus seine Wurzeln in die katholische Kirche des Mittelalters und ins Luthertum tauche, und daß daher der Anti-Semitismus und der Rassenhaß eine deutsche und sogar typisch deutsche Tradition habe, daß Herr Raul Hilberg als ein Mann, der vornehmlich von vorgefaßten Meinungen und Dogmen lebt, dies hingenommen hat, ohne es auf seinen Wahrheitsgehalt zu prüfen. In seinem Falle heißt es also nicht einmal: Luther sagte, sondern: Volksmeinung sagt. Und das ist schlimm für einen Universitätslehrer. Um gründlich unterrichtet zu sein, hätte er dabei nur "Das Weltbild des Judentums, Grundlagen des Antisemitismus" des Österreichers Bruno Amman (Wien 1939) oder "Warum-woher-Aber wohin?" des Deutschen Hans Grimm (Lipoldsberg 1954) zu lesen brauchen. Trotzdem das eine von einem Parteigenossen geschrieben wurde und das andere von einem unabhängigen Geist, der aber in den höchsten Stellen von Partei und Staat feste Freunde besaß, sind beide Studien besonders ernst zu nehmen, weil sie die begründetsten Unterlagen über die Her-
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kunft des nationalsozialistischen Rassenbewußtseins und über die Lösung der Judenfrage, wie er beabsichtigte, enthalten.
Aber natürlich: Herr Raul Hilberg denkt wie alle seinesgleichen nicht daran, daß man, um hinreichend informiert zu sein, mal auch etwas anderes lesen muß als das, was von Propheten und politischen Freunden stammt.
Einmal in diese Mühle hineingeraten, hat er nun keine andere Sorge mehr, als nachzuweisen, daß diese Verkünder und politischen Freunde recht haben. Und so schreitet man von Irrtum zu Irrtum, denn alles ist ja miteinander verkettet. Nachdem Herr Raul Hilberg z. B. eine falsche Vorstellung vom nationalsozialistischen Rassengedanken hat, kann er keine richtige Vorstellung von dessen echtem historischen Gehalt haben. So erhebt er denn zur Grundlage, daß Hitler entschlossen gewesen wäre, die Juden auszurotten, denn: Chaim Weizmann und Ben Gurion haben es ja gesagt . . . Auf Grund dieser Behauptung gibt er (S. 257) einen Abriß der berühmten Reichstagsrede vom 30. I. 1939:
"Heute muß ich mal wieder Prophet spielen: Wenn dem jüdischen Kapital innerhalb und außerhalb Europas gelingen sollte, noch einmal die Völker in einen Weltkrieg zu stürzen, würde die Folge davon nicht eine Bolschewisierung der Erde und damit ein Sieg des Judentums, sondern die Vernichtung der Juden in Europa sein."
Ich hatte bereits einmal hinsichtlich der Hoßbach-Dokumente Gelegenheit zu bemerken, daß drohende Reden dieser Art bei den Staatsmännern der ganzen Welt zu finden sind. Die Historiker werten sie für gewöhnlich als Überbleibsel jener Herausforderungen, die sich die antiken Helden zuriefen und maßen ihnen keinerlei Bedeutung bei. Zwischen den beiden Kriegen haben die Staatsmänner Rußlands davon im Überfluß gegen den Kapitalismus Gebrauch gemacht.
Nach dem Kriege hat Herr Chruschtschow Wort für Wort die gleichen Drohungen gegen die Amerikaner geschleudert, indem er sogar bei der UNO-Sitzung 1960 (man verzeihe mir die Wiederholung) mit seinem Schuh auf das Pult schlug. In Nürnberg
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hat man nur einmal diesen Absatz jener Rede zitiert (T. III. p. 527), ohne ihr jedoch Gewicht beizulegen. Er kommt nicht in den Anklagen vor. Herr Raul Hilberg hält dies offenbar für falsch, und er besteht mit aller Bestimmtheit darauf, indem er (S. 266) als Beweis für Absicht der Vernichtung einen weiteren Absatz aus einer Rede im Sportpalast vom 30. September 1942 zitiert:
"Es gab eine Zeit, da die Juden über meine Prophezeiungen lachten. Ich weiß nicht, ob sie heute noch lachen, oder ob sie die Lust zum Lachen verloren haben. Aber ich kann hier nur wiederholen: sie werden überall das Lachen verlernen, und ich werde auch mit dieser Voraussage recht behalten." —
Selbst dieser Abschnitt ist in Nürnberg nicht festgehalten worden. Er wurde nicht einmal vorgebracht! Er ist nicht wichtig. Weshalb? Am 30. Januar 1939 hatte die Zusammenfassung der Juden in Lagern noch nicht begonnen (Nach dem jüdischen Historiker Til Jarmann gab es bei Beginn des zweiten Weltkrieges nur 6 Konzentrationslager, und sie enthielten alle zusammen 21.300 Internierte, von denen 3000 Juden waren. "Aufstieg und Niedergang Nazi-Deutschlands", N. Y. 1959), und am 30. September 42 begann stufenweise mit der Besetzung Europas durch die Deutschen die Konzentrierung der Juden (März 42), die erst nur in Polen stattgefunden hatte (1940—41). Zweifellos hatte Herr Raul Hilberg dies vorausgesehen, denn auf 700 Seiten setzt er uns einen genauen Plan von vier Etappen auseinander, von der erst die letzte die Vernichtung betraf. Die drei anderen folgen einander so: Beschreibung des Judentums, Enteignung und Internierung (im Hinblick auf die sichere Vernichtung und um alles recht leicht verständlich zu machen). Herr Raul Hilberg könnte uns nun entgegnen, daß man — lt. seiner Darstellung — um ein Unternehmen von einer derartigen Spannweite anzulegen, Zeit brauche, und daß man 1942 noch nicht sehr weit mit den Vorbereitungen gediehen sein konnte, was aber nicht hindere, daß es vorgesehen gewesen sei.
Worauf nun eigentlich seine Überzeugung beruht, erfährt man nicht. Herr Raul Hilberg reicht uns kein einziges Dokument ein,
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das diesen Plan stützt, der selbst in Friedenszeiten sehr viel mehr Zeit zur Ausführung gebraucht haben würde (1933—39) um etwa 600.000 Juden (?) insgesamt für Deutschland 1933 + Österreich ab 1938 + Tschechei 1939, die Deutschland während dieser Zeit in Händen hatte, fortzuschaffen und zu vernichten, geschweige denn 6 Millionen mitten im Kriege (1942—44).
Nicht minder überraschend ist es, daß Herr Raul Hilberg, nachdem er uns auf Seite 174 mitgeteilt hat, daß die Vernichtung der Juden nach diesem genauen Plan vor sich gehen sollte, uns weiter unten (S. 256) erzählt, daß "Hitler mit seiner Politik der Judenvernichtung gezögert habe, bis er davon überzeugt gewesen sei, daß er keine andere Wahl habe. Von 1938—1940 habe er außerordentliche Versuche unternommen, um einen groß angelegten Plan zur Auswanderung anlaufen zu lassen". Bis hierhin nahm ich Herrn Raul Hilberg ernst. An anderer Stelle seines Buches will er uns klarmachen (S. 256), daß 1,4 Millionen Juden von den Einsatzgruppen vernichtet worden seien. Aber nachdem er all seine Beweise erschöpft hat (C. R. der Chefs dieser Einsatzgruppen, Zeugenaussagen der überlebenden Opfer usw.) fehlen ihm noch 500.000 Tote, um zu seiner Gesamtzahl zu kommen. So nimmt er kaltlächelnd aus eigener Vollmacht noch 250.000 als "Auslassungsfehler" und weitere 250.000 unter "als Lücke in unseren Quellen". Tapsiger kann man ja nun schon nicht vorgehen!
Außerdem: Über all diese von Hitler gegebenen Vernichtungspläne, die in Herrn Raul Hilbergs Buch alle 50—100 Seiten wiederkehren, über all diese Reden und Gegenreden sowie über den Ablauf eines methodischen Planes besteht heute bereits Klarheit, und 1961 hinkte Herr Raul Hilberg nur noch hinter einer historischen Entdeckung her. Es ist so, wie ich bereits in "La Terre Retrouvée", Paris, 15. Dez. 1960 gesagt habe: Dr. Kubovy, Direktor des jüdischen Zeitgenössischen Weltdokumentationszentrums in Tel Aviv, hat gewußt, daß ein Vernichtungsbefehl weder von Hitler noch von Himmler, Heydrich, Göring usw. vorliegt. —
Wollte man in diese Einzelheiten eingehen, würde man gar
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nicht aufhören, all diese Versuche des Herrn Raul Hilberg — Beweise von Tatsachen vorzubringen — anzuführen, deren er sich schuldig gemacht hat: Seine Darstellung der "Kristallnacht" vom 9./10. November 1938 und die Anklage, die er auf Grund dessen gegen die Führer des III. Reiches schleudert, daß sie sie vorbereitet hätten, beruhen auf Telegrammen eines Polizeikommissars und eines Verantwortlichen der NSDAP, die alle vom 10. November 1938 datiert sind und von ganz kleinen Leuten ausgehen (pp. 19 u. 655); die Einsatzgruppen, die er in Polen 1939 in Aktion zeigt, obgleich sie erst 1941 geschaffen wurden (Ohlendorff in Nürnberg, 3-1-46 T IV p. 322), seine Auslegung des deutschen Begriffes "Judenfrei", der auf ein erobertes Gebiet angewandt bedeutet, daß sich dort keine Juden befinden sollen, weil man sie in Lager zusammengefaßt hat, und von dem er behauptet, daß er ihre "Vernichtung" bedeute, um von ihnen befreit zu sein; eine Dokumenten-Sammlung wie die der Wannsee-Protokolle, in denen der Ausdruck "weitere Lösungsmöglichkeit" — new solution possibility —, das er mit "further solution possibility" übersetzt (S. 264); die Juden, die er zweimal sterben läßt wie die von Simferopol, "Befreiung von 10.000 Juden, die dort im Dezember 1941 lebten, damit das Heer ruhig Weihnachten feiern könnte" (S. 192), und die dann am 7. Februar 1942 vernichtet wurden (S. 245); all die Juden, von denen er uns auf S. 192 erzählt, daß die Sowjets "die jüdische Bevölkerung zwischen Smolensk und Moskau aus vielen Städten völlig evakuiert hätten" (hinter den Ural, von wo sie mit eigenen Mitteln östlich nach Hongkong oder südlich nach der Türkei und den Mittleren Orient fuhren, um sich Palästina zu nähern, wo sie aber nicht ankommen konnten); die 10.000 von Chermigor, von denen aber nur noch 300 übrig waren, als die Deutschen kamen (ibid); die von Mariopol und von Taganrog, die bis auf den Letzten von den Sowjets evakuiert waren (ibid), und im ganzen 1.500.000 (S. 190), die von der allgemeinen Statistik der jüdischen Gesamtverluste nicht erfaßt wurden, denn es wäre sonst unmöglich, auf eine Summe von 5.419.500 (S. 670) zu kommen oder auch von 5.100.000 (S. 767); derart dicke
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Rechenfehler wie diesen: 3.350.000 als 1939 in Polen lebende Juden anzugeben (S. 670), 3.000.000 Tote für 1945 (S. 767) und nur 50.000 Überlebende (670) usw. usw. . . .
Aber wozu weiter darauf herumreiten? Ich nehme an, daß ich ziemlich genaue Vorstellungen von den Methoden und kleinen Tricks des Herrn Raul Hilberg vermittelt habe, so daß der Leser dadurch feuerfest gemacht worden ist. Somit wäre der Augenblick für mich gekommen, von seinen Zeugen, deren Zeugenaussagen und seinen Dokumenten zu sprechen.
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