Vorwort des Herausgebers
Ein Wort zuvor und an alle

Der hier vorliegende Sammelband zur Erinnerung an den verstorbenen Hellmut Diwald, Universitätsprofessor für Mittlere und Neuere Geschichte an der Universität Erlangen, ist zusätzlich der Wiedergewinnung der verlorenen nationalen Würde und Identität, der nationalen Selbstbehauptung und Selbstbewahrung des deutschen Volkes gewidmet. Das Werk gilt der Erinnerung an einen Historiker, dessen Leben aufopferungsvoll und mit nie verzagendem Mut im Dienst an der deutschen Geschichte stand und somit der in seiner kompromißlosen Unbestechlichkeit zu einem Historiker im Dienst an der historischen Wahrheit, Klarheit und Gerechtigkeit, zu einem Symbol der Freiheit und nationalen Erneuerung wurde.

Durch den epochalen Umbruch in Europa seit 1989 wird Deutschland zu seiner zentralen mitteleuropäischen Rolle zurückkehren; es ist bereits dorthin aufgebrochen, weil es sich dieser Zwangsläufigkeit nicht entziehen kann. Entscheidend für seine zukünftige Rolle in Europa wird jedoch die Wiederherstellung der seit 1945 bis heute anhaltend zerstörten nationalen Identität sein. Die Zukunft unseres Kontinents mitgestalten kann nur eine Nation, die über eine innere Stärke und Selbstgewißheit, das heißt über nationale Identität, verfügt.

Die Notwendigkeit, die Nachkriegsphase der zerstörten deutschen Geschichte zu beenden, ist unabdingbar und unentrinnbar vorgezeichnet. Hellmut Diwald gilt in großen Teilen unseres Volkes, und seine Befürworter und Leser wachsen ständig, als ein für die Lösung dieser Schicksalsaufgabe zu Lebzeiten wirkender Geschichtserwecker und Vorkämpfer gegen eine kriminalisierte und gestohlene Geschichte. Durch die Teilwiedervereinigung von West- und Mitteldeutschland haben wir Deutschen eine größere Freiheit zur Geschichte zurückgewonnen, die wir nutzen müssen.

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Ein Jahr nach dem Tode von Hellmut Diwald haben sich in dem vorliegenden Erinnerungs- und Vermächtnisband 34 namhafte Autoren: Historiker, Politikwissenschaftler, Völkerrechtler, Soziologen, Philosophen, Publizisten und ein Bischof der katholischen Kirche, zusammengefunden, um Hellmut Diwald ihren Dank und ihre Anerkennung auszudrücken. Jeder einzelne legt somit in seinem Bekenntnis zu oder in seinem Respekt vor Hellmut Diwald ein Bekenntnis zur nationalen Würde und zur historischen Wahrheit, Klarheit und Gerechtigkeit auch für das deutsche Volk und Vaterland ab. Die spontane Bereitschaft dieser Autoren - und weit mehr noch hätte man ebenso berücksichtigen können -, an diesem Sammelband zu Ehren Hellmut Diwalds mitzuwirken, hat ein Werk entstehen lassen, das gleichsam zu einem Handbuch der nationalen Selbstbewahrung und Selbstbehauptung wurde.

Die Beiträge bilden einen nahezu geschlossenen Kreis unserer menschlichen und nationalen Lebensfragen. Von den 34 Autoren sind 21 namhafte Sudetendeutsche. Diese Autoren stehen nicht nur für das derzeitige West- und Mitteldeutschland, welches erst vor wenigen Jahren zum kleinsten Deutschland in der deutschen Geschichte vereinigt wurde, das heißt ohne Ostdeutschland und das Sudetenland, sie stehen darüber hinaus auch für ihre Heimat Sudetenland, die deutschen Heimatgebiete in Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien. Sie teilen somit eine der ganz zentralen Lebensäußerungen von Hellmut Diwald, nämlich das Ringen um die immer noch vorenthaltene Heimat, auf die wiederum nicht nur die Sudetendeutschen, sondern das deutsche Volk insgesamt, wie im übrigen auch auf die Ostgebiete (Schlesien, Ostbrandenburg, Pommern, Ostpreußen), nicht verzichten können und nie verzichten werden.

Tschechen und Polen haben die historische Chance, als Vertreiberländer ihre »Raubsicherungspolitik« nun endlich preiszugeben und sich zu einem epochalen und historischen Ausgleich mit uns Deutschen zu arrangieren und zusammenzufinden - im Interesse einer wirklich dauerhaften und tragfähigen europäischen Friedensordnung. Tschechen und Polen sollten einsehen: Sie haben kein Recht auf das, was ihnen nicht gehört. - Wir achten die Rechte und Empfindlichkeiten der Tschechen und Polen, aber die unsrigen sollten auch von ihnen geachtet und respektiert werden. Wir jedenfalls schließen seit der Charta der deutschen Heimatvertriebenen von 1950 jede neue Vertreibung und jedes neue Unrecht aus. Tschechen und Polen sollten endlich einsehen, daß es uns Deutschen unmöglich ist, über Nacht auf ein Viertel des geraubten Deutschlands, mit über 15 Millionen deutschen Heimatvertriebenen und 2,4 Millionen bei dem Genocid oder unverjährbaren Völkerrechtsverbrechen der Massenaustreibungen Getöteten und Ermordeten, gänzlich zu verzichten.

Da Diwald Sudetendeutscher war, beschäftigt sich das vorliegende Werk somit auch mit Fragen zur historischen, politischen, staatsrechtlichen und völkerrechtlichen, immer noch offenen sudetendeutschen Frage, was wohl für Ostdeutschland analog zu gelten hat. Der Sammelband ist somit auch gleich-

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zeitig ein zentrales heimatpolitisches Werk für die sudetendeutsche Volksgruppe, die größte und stärkste Landsmannschaft in der Bundesrepublik Deutschland. Hellmut Diwald erhält folglich durch hochrangige Persönlichkeiten und Repräsentanten der sudetendeutschen Volksgruppe in diesem Werk gleichzeitig Dank und Anerkennung für sein Wirken um unsere Heimat Sudetenland und somit für die Anliegen der deutschen Heimatvertriebenen insgesamt.

Warum ist dies so bedeutungsvoll? Der Kampf um die Interessen der deutschen Heimatvertriebenen, gleichsam ein Ringen um die zentralen Lebens- und Überlebensrechte des ganzen deutschen Volkes, stellt das Herzstück jeder Rückgewinnung der entkriminalisierten deutschen Geschichte und der nationalen Identität dar. Mehr noch: Die Frage der Oder-Neiße-Gebiete (Schlesien, Ostbrandenburg, Pommern und Ostpreußen) und des Sudetenlandes (der Randgebiete Böhmens, Mährens und Sudetenschlesiens) ist für uns Deutsche mehr als die unabdingbare und völlig unverzichtbare Verwirklichung unseres jahrhundertelang angestammten Heimatrechts durch selbstverständliche Rückkehr und Neubesiedlung, durch die Rückgabe des geraubten privaten und öffentlichen Eigentums - im Rahmen des Möglichen - und die selbstverständliche Wiedergutmachung. Mit Ostdeutschland und dem Sudetenland ist für das deutsche Volk unabdingbar seine nationale Würde, Ehre und Identität verbunden. Solange wir aber über Ostdeutschland und das Sudetenland in Form eines historischen Ausgleiches und Kompromisses nicht frei mitentscheiden können, sind und bleiben wir demzufolge würde- und ehrlos.

Die Revision von Annexion und Deportation ist für uns Deutsche zur Wiedergewinnung unseres Selbstseins, unserer Selbstbehauptung und Selbstbewahrung, zur Rückgängigmachung unserer historischen ›Selbstentäußerung‹, unabdingbar. Hellmut Diwald stellte klar und eindeutig fest: »Jedoch weder der Kriegsausgang noch die Vertreibung können die Tatsache annullieren, daß es sich bei dem Sudetenland [und bei Ostdeutschland; R. J. E. ] um deutschen Siedlungsraum, um Siedlungssraum des deutschen Volkes gehandelt hat und daß eine solche historische Tatsache auch ein historischer und damit politischer Anspruch ist und bleibt.« Und an anderer Stelle: »Hinter der Annexion der deutschen Ostgebiete [und des Sudetenlandes; R. J. E. ] steht nicht das Recht, sondern das Faustrecht. . . , und jeder irrt sich, der glaubt, auch nur eine Vereinbarung würde in Zukunft Bestand haben, die mit dem Faustrecht erzwungen wurde.«

Das Münchener Abkommen aus dem Jahre 1938 war eine Vereinbarung, zu der es keine Alternative gab, weil niemand 3,3 Millionen Sudetendeutsche erschaffen hatte, um sie von etwa 7 Millionen Tschechen entnationalisieren, terrorisieren und unterdrücken zu lassen, indem die Sudetendeutschen 1918 mit militärischer Gewalt in einen Staat hineingezwungen wurden, in den sie nicht hineingehörten und nicht hinein wollten, so muß es ein erneutes

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Abkommen zur Verwirklichung von Heimatrecht, Rückkehr und Wiedergutmachung geben. Das Münchener Abkommen aus dem Jahre 1938, das lediglich die zwischen Engländern, Franzosen und Tschechen bereits vorher vereinbarte Abtretung des Sudetenlandes an das Deutsche Reich nun auch vertraglich im nachhinein fixierte, als Durchführungsabkommen einer bereits vorher erfolgten Abtretung, könnte hier durchaus Vorbild sein. Und dies völlig unbeschadet der Ansichten einiger weniger historischer und politischer Analphabeten in den eigenen Reihen.

Und erinnern wir uns daran, daß Jean-Paul Sartre 1938 überaus klarsichtig das Münchener Abkommen als »Friedenscharta des zwanzigsten Jahrhunderts« begrüßt hatte. Der britische Premierminister Chamberlain nannte es »die Gewährung des Selbstbestimmungsrechtes mit zwanzigjähriger Verspätung«, und der vergeblich von den Tschechen um Stellungnahme ersuchte amerikanische Präsident Roosevelt, der den Tschechen erst gar nicht antwortete, sandte an die vier Staatsmänner in München ein nachdrückliches Danktelegramm. In medias res: Auch dies gehört zentral zur Entkriminalisierung der deutschen Geschichte. Tschechen und Polen werden erkennen müssen, daß die Notwendigkeit der Verwirklichung von Heimatrecht, Rückkehr und Wiedergutmachung vor allem auch in ihrem eigenen Interesse liegt. Denn wie sonst sollten je die überwiegend verwüsteten und darniederliegenden ostdeutschen und sudetendeutschen Heimatgebiete wieder aufgebaut werden als in Gemeinsamkeit der Völker? Die Vernunft wird hier Sieger sein, und die Deutschen sind dazu bereit. Die Falschdarstellung in bezug auf das ›Münchener Abkommen‹, die »Revision eines Unrechts«, wie Hellmut Diwald es nannte, ist eine der zahlreichen Geschichtslügen der kriminalisierten und gestohlenen Geschichte der Deutschen. »Wer die Geschichte eines Volkes kriminalisiert, macht es krank.« (Hellmut Diwald) Europa und die Welt werden auch einmal die Verbrechen zur Kenntnis nehmen müssen, die millionenfach den Deutschen, und dies nach Kriegsende und im Frieden, sozusagen als Mord im Frieden, angetan wurden. Die deutschen Heimatvertriebenen waren von Anfang an bereit, den circulus vitiosus von Gewalt und Gegengewalt zu durchbrechen, aber es kann hier keine einseitige Bereitschaft zu einer Lösung führen.

Jeder Leser wird wohl hier schon erkennen, daß das Geschichtsbewußtsein nahezu von existentieller Bedeutung ist. Dennoch bleibt das Sudetendeutsche nur ein Teilbereich im unermeßlichen Wirken Hellmut Diwalds. Er stand für die Geschichte des ganzen deutschen Volkes, stellte darüber hinaus europäische und Weltgeschichte dar. Dies dürfen wir nicht aus den Augen verlieren.

Dankesworte

Allen Mitautoren des Sammelbandes danke ich sehr herzlich, insbesondere Dr. Alfred Schickel und Dr. Alfred Ardelt. Vor allem danke ich aber seiner

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Exzellenz Weihbischof Gerhard Pieschl. Denn wo wäre die Welt nicht schon versunken, wenn es nicht wie Bischof Pieschl Diener an dem gäbe, was uns Menschen das Höchste ist: der Glaube an einen Gott? Unvergeßlich bleibt sein Bekenntnis: Loquor non tacui - Ich rede und habe nicht geschwiegen!

Alle Mitautoren haben durch ihre Beiträge Hellmut Diwald geehrt, der immer nur das Beste gewollt hat im Dienst an der Wahrheit und Gerechtigkeit. Mut zur Wahrheit ist Mut zur Geschichte.

Nie zuvor fand ich einen verständnisvolleren und in der harmonischen Zusammenarbeit aufgeschlosseneren und charaktervolleren Verleger als Wigbert Grabert vom Hohenrain-Verlag, den man nicht zu Unrecht »den mutigsten Verleger Deutschlands« nennt. In seinem verlegerischen und im übrigen auch publizistischen Ringen um die nationale Würde und Ehre des deutschen Volkes hat er folglich nicht ohne Grund seinem Autor Hellmut Diwald, wie er auch im Dienst an der historischen Wahrheit stehend, freundschaftlich sehr nahegestanden. Zum hier vorliegenden Sammelband schreibt Wigbert Grabert im Euro-Kurier 1/94 treffend: »Als vor einem Jahr Professor Dr. Hellmut Diwald starb, verlor die Geschichtsschreibung einen ihrer fähigsten Köpfe und das deutsche Volk einen überzeugenden Verteidiger seiner Identität. Das Buch beschwört das anständige Deutschland gegen Verzicht und Verrat, gegen Kulturlosigkeit und Materialismus und liest sich wie ein Programm zur Erneuerung Deutschlands.«

Mein besonderer Dank gilt auch hier meinem Freund Siegfried P. B. Stief, der mir in unserem gemeinsamen Ringen um eine demokratische, soziale und nationale Erneuerung schon seit vielen Jahren unverzichtbar zur Seite steht. Wahre Freundschaft ist rar und immer ein unermeßliches Geschenk. Nicht zuletzt möchte ich auch Dr. Rolf Kosiek danken: als Autor, Lektor und Kritiker.

Ich bitte jeden geneigten Leser herzlich, auch die Andersdenkenden, die im vorliegenden Sammelband abgedruckten drei Kurzbeiträge von Hellmut Diwald, nämlich »Die Schuld am Zweiten Weltkrieg«, »Der Überfall« und »Zum 8. Mai 1945«, in jedem Fall zu beachten.

Unseren Kritikern sei mit Diwald die Erkenntnis zuteil: »Haltet Deutschland nicht für tot, ehe ihr seine Leiche gesehen habt. Aber selbst dann dürftet ihr euch irren.«

München, Anfang April 1994 Rolf-Josef Eibicht

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