ROLF-JOSEF EIBICHT
Hellmut Diwald - Geschichtserwecker und Vorkämpfer gegen eine kriminalisierte und gestohlene Geschichte

»Das Abendland geht nicht zugrunde
an den totalitären Systemen, sondern an dem
hündischen Kriechen seiner Intelligenz
vor den politischen Zweckmäßigkeiten.«
Gottfried Benn

»Wer sich zum Wurm macht,
darf sich nachher nicht wundern,
wenn er getreten wird.«
Immanuel Kant

»Der deutschen Zwietracht mitten ins Herz!«
Gerhart Hauptmann in Florian Geyer

Am 26. Mai 1993 starb in Würzburg Hellmut Diwald, Professor an der Universität Erlangen für Mittlere und Neuere Geschichte. Deutschland verlor mit ihm einen Historiker, der sich durch seine Forschungen und Publikationen unermeßliche Verdienste zur historischen Selbstbewahrung und Selbstbehauptung, zum historischen Selbstverständnis der Deutschen, ihrer geschichtlichen Identität und ihres politischen Selbstbewußtseins erworben hat. Mit einer einzigartigen Unbestechlichkeit im Dienst an der historischen Wahrheit, Klarheit, Gerechtigkeit, Objektivität und Faktentreue, den Lebens- und Überlebensrechten auch des deutschen Volkes führte dieser hervorragende Wissenschaftler einen Kampf gegen Umerziehung, Vergangenheitsbewältigung und Zeitgeist, was ihn heute schon als einen ganz großen Bekenner und einen der größten deutschen Historiker in diesem Jahrhundert auszeichnet. Durch die Kraft seiner Darstellung und Sprache war er ein ebenso brillanter Geschichtsschreiber wie begnadeter Redner. Hellmut Diwald war Künder und Deuter einer tragfähigeren und humaneren sowie einer folglich auch freiheitlich-demokratisch stabileren, weil nicht auf der Haltlosigkeit und Lüge, sondern auf den ewig tragenden Säulen alles geschichtlichen Entstandenen

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basierenden Gemeinschaftsgestaltung. Zudem war dieser vielfache Erfolgsautor Millionen von Fernsehzuschauern, etwa durch die Fernsehserie Dokumente Deutschen Daseins von Wolfgang Venohr in Zusammenarbeit mit Sebastian Haffner, in der Bundesrepublik und Österreich bekannt.

Daß Diwald umstritten war, kann dieses Urteil nur um so mehr bekräftigen, zumal er in seinem unbeirrbaren Glauben und seiner Liebe zu Deutschland durch den Triumph der Wiedervereinigung von Restdeutschland in seinen Auffassungen von den unabdingbaren nationalen Notwendigkeiten, dem Selbstbestimmungsrecht und der Freiheit aller Völker und Volksgruppen, ohne die eine wirklich tragfähige und dauerhafte Friedensordnung in Europa unmöglich ist, nachdrücklichst und zutiefst bestätigt wurde.

Die historischen Ereignisse und Notwendigkeiten gaben ihm Recht und Genugtuung für seine Beharrlichkeit, Standfestigkeit und Unbeugsamkeit im Dienst an Volk und Vaterland und bestätigten zugleich den minderen Rang eines großen Teils der deutschen Historikerschaft, die sich durch ihre pseudowissenschaftliche Vergangenheitsbewältigung vielfach im Dienst bestimmter politischer Interessen und ideologischer Systeme, der Umerziehung und des Zeitgeistes, in ihren Forschungen und Publikationen mitunter bis zur erbärmlichen und elenden Lächerlichkeit kleingeistig prostituierte und fortgesetzt prostituiert.

Es ist Hellmut Diwald, der sich als Historiker der kompromißlosen Unbestechlichkeit in der unermüdlichen Forschung nach dem, wie es denn eigentlich wirklich gewesen ist, in der nachfolgenden Darstellung dann des Eigentlichen, nämlich »warum es so gewesen« (Hellmut Diwald), für das deutsche Volk und Vaterland aus tiefster Not und nationalem Elend heraus nicht nur zu einem Bekenner, sondern auch zu einem Retter aus der Gefahr heraus und zu einem überragenden Schicksalsüberwinder offenbarte. Diwald stiftete und kündete historische Klarheit und historische Wahrheit, während große Teile der deutschen Historikerschaft bis auf den heutigen Tag die Rosse ihres völlig verfahrenen pseudowissenschaftlichen Umerziehungskarrens am nationalen Elend des eigenen Volkes permanent haltmachen lassen.

Hellmut Diwald suchte und fand auch die Freiheit und Gerechtigkeit für das deutsche Volk und Vaterland, um es vor der »geschichtlichen Selbstentäußerung« zu bewahren, während große Teile der deutschen Historikerzunft sich als Magd der durch Siegerwillkür verordneten Umerziehung und Willfährigkeit vollends demaskierten und fortgesetzt demaskieren.

Hier der Wille zur Freiheit und Würde und dort die Unterwerfung zur nationalen Würde- und Ehrlosigkeit nahezu eines ganzen Volkes. Hier der Name Hellmut Diwald mit seiner wissenschaftlichen Objektivität und Faktentreue, dort Vergangenheitsbewältigung im Dienst bestimmter antideutscher, links und linksradikal versessen-verschwommener politischer Interessen und ideologischer Systeme, unbeschreiblich fanatischer und bewußt volkspädagogisch motivierter, intendierter und verteidigter Geschichtsklitterungsmani-

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pulationen, ritualisierter Bewältigungsstrategien und pathologischer Sucht zur permanenten nationalmasochistischen Selbstanklage und Selbstbezichtigung. Hier der Name Hellmut Diwald im Dienst an einer unbestechlichen Wissenschaftlichkeit, dort die Manipulation und Deutungsmonopole aus ideologischer Versessenheit, aus einer Pseudofreiheit heraus, in der die Entartung des Pluralismus ohne Grundkonsens als praktische Anarchie die Geschichte unseres Volkes als ›Inseratenwiese‹ darbietet, auf der nach Tarif jede verkommene Umerziehungsmeinung und Fixierung ihre Billigkeit und Verworfenheit annoncieren können, gespeist durch dogmatische Vorgaben, inquisitorische Praktiken und konformistischen Meinungsdruck, volks- oder moralpädagogische Intentionen und moralisierende Gesinnungsstatements, manichäistische Schwarz-Weiß-Bilder, Tabuisierungen, Legendenbildungen und hemmungslose Einseitigkeiten, kleinkariert-versessene Dämonisierungen, moralische Empörung in aller Manipulationsabsicht statt wissenschaftlicher Durchdringung der Materie ›Geschichte‹. Es entstand ein Verlust an Wahrheit, Klarheit und Gerechtigkeit, der nur eine Freiheit in Ketten, und somit nur eine Pseudofreiheit, sein kann.

Frei geboren und dennoch in Ketten

Das deutsche Volk ist, wie andere Völker auch, frei geboren und liegt doch durch eine kriminalisierte und gestohlene Geschichte in weiten Bereichen in Ketten. Die Deutschen befinden sich nach wie vor an einem Tiefpunkt ihres nationalen Elends, in ihrem nationalen Empfinden verwirrt, armselig, verderbt, unglücklich und vor allem unmündig gehalten, ein nationales Elend, das durch eine beispiellose Geschichtslosigkeit und Geschichtsaversion die Heilungskräfte und Gestaltungskräfte des Seins aus der Tradition und Überlieferung heraus verlor. Die vielfältigen Mißstände in unserer Zeit, etwa die ethisch-sittliche Verwahrlosung durch den Verlust der Ehrfurcht vor der Geschichte, der gerechten und wahrhaften und somit sinnstiftenden und erkenntnisbringenden Würdigung des Daseins der vielen Generationen, die vor uns dachten, schufen, lebten und litten, ihrer zu einer höheren Seinsweise des Menschen schon gemachten Erfahrungen und auch Irrtümer, stehen in einem ursächlichen und unzerstückelbaren Zusammenhang.

Weil wir nicht mehr in Wahrheit und Gerechtigkeit, in Demut und Ehrfurcht, in historischer Klarheit das › Woher‹ erfassen können, wissen wir um so weniger um das ›Wohin‹ und ›Wozu‹. Wir wissen vielfach nur von der Freiheit ›Wovon‹, aber nicht mehr von der Freiheit ›Wozu‹. Dieses Verhängnis der Geschichtslosigkeit erkannte Hellmut Diwald wie kein zweiter deutscher Historiker in diesem Jahrhundert.

Zumindest ist dies die notwendige und logische Konsequenz aus allen seinen Darlegungen. Wer die Ehrfurcht vor der Geschichte kennt, verliert sich nicht in kontraproduktiv-humanitären, sozialistisch-internationalistischen

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Heils- und Irrlehren, die durch den Untergang des marxistisch-kommunistischen Totalitarismus tausendfach widerlegt sind, oder in sogenannten ›progressivem‹, allein ideologischen Sinnvermittlertum der Mißachtung auch der Würde und Humanität des schlichtweg Andersdenkenden. Er erkennt die ewig gültigen Werte und will sie bewahren und erhalten. Er weiß um den allein freiheitsstiftenden Wert der Tugenden wie Treue, Ehre, Pflicht, Dienst und Wahrhaftigkeit, Wahrheit und Objektivität, ohne die das Leben im Grunde nicht lebenswert wäre. Der vielleicht größte Anschlag der Werte-, Norm- und Traditionszerstörung durch die Jugend und Studentenrebellion gegen Ende der sechziger Jahre wurde aus der Geschichtslosigkeit heraus getragen. Ihr Motto lautete: »Die Vergangenheit war dumm und schlecht, die Zukunft wird gescheit und gut und endgültig richtig sein.« Wer fähig ist, aus der Geschichte zu lernen, kann die Vergangenheit nicht verachten, sie nicht zerstören und verwüsten lassen. Die linke und linksradikale Utopie weigert sich, aus der Geschichte Lehren zu ziehen. Ihr ebenso versessenes wie verachtenswertes ideologisches und utopisches Dogma lautet: »Wir werden es zum ersten Mal viel besser machen als alle unsere Vorfahren! Wir können es uns leisten, die Vergangenheit als schlecht zu verachten!« Nur aus einem Patriotismus und Wertkonservatismus heraus, folglich aus den Erkenntnissen und Lehren der Geschichte, der Demut vor ihr, schöpfen wir die größtmögliche Kraft, einem neuen Totalitarismus, neuen Ideologien und Utopien zu widerstehen. Hierzu kann uns nur ein tragendes Geschichtsbewußtsein befähigen: ein Geschichtsbewußtsein der historischen Wahrheit, Klarheit und Gerechtigkeit, nicht zuletzt auch für das eigene Volk und Vaterland.

Die deutsche Geschichte unterliegt heute einem Prozeß der permanenten Geschichtsverfälschung, der beseitigt werden muß. Nur ein freies Volk wird sich von den Fesseln dieser Unmündigkeit befreien; eine Unmündigkeit, die heute nun mehr und mehr als selbstverschuldet bezeichnet werden muß. Deutschland bleibt immer noch ein Wintermärchen, seitdem seit Ende des letzten großen Krieges ehrvergessen ein Volk mit großen Defiziten an nationaler Identität und Würde entstand.

Durch eine skrupellose und brutale Umerziehung und eine ebenso verlogene, perfide und infame Vergangenheitsbewältigung wurde unser Volk zunächst geistig gebrochen, durch die Herbeiführung einer multiethnischen und multikulturellen Zersetzung oder Totalüberfremdung soll es nun auch biologisch gebrochen werden.

Die traditionelle geistige und volkliche Identität der Deutschen soll zerstört werden. Die Deutschen haben ihre Widerstandskraft gegen existenzbedrohende Gefahren verloren. Sie verkennen mehr und mehr ihre eigenen Lebens- und Überlebensrechte.

»Es ist mit Erfolg gelungen«, so der sozialdemokratische Politiker und Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt in den sechziger Jahren im Verteidigungsausschuß des Bonner Bundestages, aus der ganzen deutschen Geschichte ein

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Verbrecheralbum zu machen. Der verstorbene christlich-soziale Politiker und Ex-Ministerpräsident Franz-Josef Strauß sah es im April 1985 ebenso, als er feststellte: »Kein Volk kann auf Dauer mit einer kriminalisierten Geschichte leben.«

Zuvor, im Jahre l983, stellte Hellmut Diwald klar und eindeutig fest: »Unsere Geschichte ist nicht die Geschichte eines Verbrechervolkes. Wir müssen wieder ein politisches Selbstbewußtsein entwickeln, um einen politischen Selbstwert zu haben. So, wie es bei allen Völkern in Europa selbstverständlich ist. Deshalb zerstören alle diejenigen, die unser Geschichtsbewußtsein verrotten lassen oder absichtlich verwüsten, die Wurzeln unserer Existenz.« In der Einführung zu seinem Werk Geschichte der Deutschen spricht Diwald schon 1978 unübertreffbar von »der jahrelangen Umerziehung, der inneren Umpolung des deutschen Volkes durch die Sieger des Zweiten Weltkrieges. Allen Ideen und Überzeugungen, die ihrer Meinung nach zu der politischen, moralischen, charakterlichen Korrumpierung der Deutschen geführt hatten, sollten ein für allemal ausgerottet werden. Im Bereich der Geschichte wurde dies durch einen nahezu lückenlosen Kehraus praktiziert, der sich nicht nur auf die direkten und mittelbaren Vorfahren, sondern auf die ganze deutsche Vergangenheit erstreckte. Die Geschichte der Deutschen wurde nicht sachbezogen inspiziert und interpretiert, sondern moralisch disqualifiziert«. Und er fährt fort: »Das 20. Jahrhundert ist von den Katastrophen der zwei Weltkriege geprägt. Beide Male spielte das deutsche Volk einen Part, der nicht unglückseliger hätte sein können. Deshalb ist die Lage der Deutschen in der Gegenwart bestimmt von den Ereignissen dieser Kriege und der politischen Eigenart der jeweiligen Siegermächte, unter deren Direktive sie gerieten. Unsere Nation ist auseinandergerissen, innerlich zerfetzt. . . Bei der Überprüfung unserer Geschichte waren die Siegermächte zu dem Ergebnis gelangt, daß das meiste der deutschen Vergangenheit verdorben, beschädigt, krank gewesen sei. Deshalb mußte mit dieser Vergangenheit gebrochen werden.« Und weiter: »Den Deutschen wurde in bewußter Gründlichkeit ihre Geschichte entwertet, zerstört und weggenommen.«

Zu Beginn der Umerziehung stellte der US-Publizist Walter Lippmann fest: »Erst wenn die Kriegspropaganda der Sieger Eingang in die Geschichtsbücher der Besiegten gefunden hat und von der nachfolgen Generationen geglaubt wird, kann die Umerziehung wirklich als gelungen angesehen werden.«

Wie sehr dieser durchschlagende und existentiell-zentrale Befund unseres nationalen Elends Diwald beschäftigte, zeigt allein schon der Titel einer seiner drei letzten Publikationen aus dem Jahre 1992, mit dem Titel Unsere gestohlene Geschichte. Hier schreibt Hellmut Diwald unter anderem: »In der Geschichte unserer Gegenwart des 20. Jahrhunderts gibt es zwei markante Einschnitte: den Versailler Vertrag des Jahres 1919 und den 8. Mai 1945. Am 8. Mai 1945 wurde in Europa der Zweite Weltkrieg beendet. Wer diesen Tag mit Bewußtsein erlebt hat, wer sich an ihn erinnert ohne die uferlosen Beschönigungen

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und Lügen, mit denen seit Jahrzehnten unsere Geschichte und insbesondere unsere jüngere und jüngste Vergangenheit ungenießbar gemacht wird, der weiß, daß der 8. Mai 1945 der Tag des Jammers und der Tränen war. . . ›Befreit‹ wurden wir aber auch in einem handfesten Sinn: von dem Elementarsten, was ein bewußter Mensch besitzt, von unserer Selbstachtung und unserem Stolz, von unserem Anstand, unserer Tapferkeit, von der Selbstbestimmung, von unserem Wissen, daß wir ein Volk sind, von der Freiheit der Erkenntnis, von unserer Geschichte. Millionen wurden von ihrer Heimat ›befreit‹. Angesichts dieser Summe von ›Befreiungen‹ schrie im Jahre 1946 Aloysius J. Münch, Bischof von Fargo in Norddakota, buchstäblich auf: ›Das größte Verbrechen unserer Zeit. Nichts in der Geschichte kommt dem gleich›:«

Und in einem anderen Werk schreibt Diwald: »Wie stolz sind andere Völker auf ihre Nation und ihre Geschichte, wie selbstverständlich und jenseits aller Diskussionen ist ihnen ihr Nationalgefühl. In unseren Schulbüchern dagegen, in unseren Erziehungs- und Parteiprogrammen findet sich nichts dergleichen. Dies ist das Ergebnis der alliierten Umerziehung, die nach 1945 begann. Die Architekten dieser Umerziehung waren gründliche Leute. Seit 1943 galt die reeducation bei den Westalliierten als eine beschlossene Sache. Das allgemeine Ziel wurde in einer Aktennotiz mit dem Satz umrissen: ›Wir werden die gesamte Tradition auslöschen, auf der die deutsche Nation errichtet wurde. ‹Deshalb unterlegten sie der ganzen deutschen Geschichte eine beständige Bereitschaft zu militärischer Aggression, die in unserem Jahrhundert schließlich ihren Gipfel darin erreicht habe, daß Deutschland die beiden Weltkriege vom Zaun gebrochen hätte.«

Die Demontage der deutschen Geschichte wurde eine von den Alliierten unmittelbar verordnete politische Pflicht. Und sie fanden Deutsche - horribile dictu -, die bis heute dies durchführen. Diwald hierzu: »Nach 1945 setzte ein offiziell verordnetes Bemühen um ›Revision des Geschichtsbildes‹ ein. G. Ritter, damals der große Mann der deutschen Geschichtsforschung, skizzierte 1948 den Bedarf mit dem Satz: ›In solcher Lage wird das Bemühen deutscher Historiker um eine nüchterne, gründliche, nach beiden Seiten vorurteilsfreie Revision des herkömmlichen deutschen Geschichtsbildes zu einer unmittelbar politischen Pflicht. ‹« Die deutsche Geschichte wurde somit dem »hündischen Kriechen vor politischen Zweckmäßigkeiten« (Benn) ausgeliefert. Diwald: »Generell muß man sagen, daß der Umwertung der Geschichtsbilder ein breites Spektrum fließender Manipulationen zugrunde liegt. Das reicht von belanglos scheinenden Subjektivismen über verbogene, schiefe und verzerrte Darstellungen bis zu bewußter Falschmünzerei und krassen Lügen. Wer sich die Mühe macht, dieselben Personen oder Prozesse der Geschichte in ihrer Bewertung durch west- und durch mitteldeutsche Historiker in den Zeiten des SED-Regimes zu vergleichen, dem bleibt das Kopfschütteln nicht erspart. Und sofern er das Geschäft der Geschichte ernst nimmt, hat er alle Hände voll zu tun, um nicht tiefen Depressionen zu erliegen.«

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1945 wurde unsere ganze vorherige Geschichte zu einem Irrweg erklärt und kriminalisiert. »Seitdem stampfen wir Deutschen vor allem im offiziellen und öffentlichen Bereich geduldig, mit der melancholischen Schwermut von Rindern, über die von den Siegern vorgezeichneten Wege unserer Geschichte.« Und Diwald weiter: »Hauptkategorie war dabei das Wort von der deutschen Schuld, der Kollektivschuld oder Erbschuld. Die Geschichtsschreibung legt sich aber selbst den Strick um den Hals, wenn sie sich dem Diktat moralischer Richtweisung beugt.«

1987 stellte der Erlanger Geschichtsprofessor und Berater von Bundeskanzler Helmut Kohl Michael Stürmer unübertreffbar fest: »Wir können nicht leben, indem wir ständig uns selbst, indem wir ständig unsere eigene Vergangenheit ins Nichts zerbröseln, indem wir sie zu einer permanenten Quelle von unendlichen Schuldgefühlen machen.«

Geschichtslosigkeit und Geschichtszertrümmerung, die Verfälschung der deutschen Geschichte hat ein »geschichtsloses Land« (Michael Stürmer) und ein neurotisches Volk geschaffen. Die gesellschaftlichen und außenpolitischen Fehlentwicklungen »in diesem unserem Lande« (Helmut Kohl), ja mehr noch die Fehlentwicklungen des demokratischen Systems sind zentral aus einem zerstörten historischen Bewußtsein entstanden. Das deutsche Volk schleppt sich in einem geschichtslosen Zustand dahin, der ohne Beispiel ist. Ohne Beispiel ist auch der Selbstbezichtigungs-Wahn, der nahezu zu einem religiösen Fanatismus gegen die Interessen des eigenen Volkes entartet ist. Nie zuvor wurde ein Volk gegen die eigene Geschichte so neurotisiert und aufgehetzt. Ein einmaliger und unglaublicher und beispielloser Fall in der gesamten Weltgeschichte.

Der US-amerikanische Geschichtsprofessor Harry Elmer Barnes, von der Columbia University in New York, stellte zum neurotischen Selbstbezichtigungswahn der Deutschen fest: »Obwohl eindeutig auf dokumentarischer Grundlage bewiesen worden ist, daß Hitler nicht verantwortlicher - wenn überhaupt verantwortlich - für den Krieg von 1939 gewesen ist, als der Kaiser es 1914 war, stützte man sich nach 1945 in Deutschland auf das Verdikt der deutschen Alleinschuld, das von der Wahrheit genauso weit entfernt liegt wie die Kriegsschuldklausel des Versailler Vertrages. - Das Kriegsschuldbewußtsein (nach 1945) stellt einen Fall von geradezu unbegreiflicher Selbstbezichtigungssucht ohnegleichen in der Geschichte der Menschheit dar. Ich jedenfalls kenne kein anderes Beispiel in der Geschichte dafür, daß ein Volk diese nahezu wahnwitzige Sucht zeigt, die dunklen Schatten der Schuld auf sich zu nehmen an einem politischen Verbrechen, das es nicht beging - es sei denn jenes Verbrechen, sich selbst die Schuld am Zweiten Weltkrieg aufzubürden.«

Durch die Zerstörung der deutschen Geschichte, durch die Zertrümmerung der nationalen Selbstbehauptung und Selbstbewahrung soll das deutsche Volk permanent willfährig und niedergehalten werden. Die Nutznießer dieser Verkommenheit finden sich heute nicht nur im Ausland, sondern mehr

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noch im eigenen Lande. Sie befinden sich mitten unter uns! Warum sollten die anderen, unsere sogenannten ›Freunde‹, auch deutscher als die Deutschen selbst sein. Um es zu wiederholen, weil man es nicht oft genug wiederholen kann: Die Krebsgeschwüre der nationalen Verelendung befinden sich mitten unter uns. Wir sollten es erkennen und danach handeln! Es sind jene, die auf der Basis des Elendes unseres Volkes ihre zweifelhaften Positionen errangen, jene, die Macht erlangten als Richter, Propheten und unerträglich ideologisierte Heils- und Sinn Vermittler in den Medien. Political correctness und historical correctness: damit soll alles niedergehalten werden. Man prägt und deutet, verzerrt und manipuliert die Vergangenheit in willkürlicher Art und Weise, verspielt somit die Zukunft, setzt damit die Demokratie und unser aller Freiheit aufs Spiel.

Die Rückeroberung der deutschen Geschichte, der historischen Wahrheit, Klarheit und Gerechtigkeit, ist zu einer Existenzfrage für das gesamte deutsche Volk geworden. Zum permanenten geistigen Völkermord oder Genocid an den Deutschen, durch die Zerstörung ihrer Geschichte, schreibt Diwald: »Für Arnold Gehlen reichte die Kunst, jemanden geistig wehrlos zu machen, von der Lüge bis zur Diffamierung. Deshalb hätte die internationale Konvention über die Verhinderung der Unterdrückung des Verbrechens des Völkermordes vom 9. Dezember 1948 auch einen geistigen Völkermord anerkannt und in Artik. II b definiert als ›schweren Angriff auf die physische oder geistige Integrität einer Gruppe‹. Dieser Begriff, so ergänzte Gehlen, ›umfaßt natürlich die Traditionen und Überlieferungen eines Verbandes ebenso wie ihre Ehre, und ein Volk gewaltsam von seiner Geschichte abzutrennen oder zu entehren, bedeutet dasselbe, wie es zu töten‹.«

Für Völkermord gibt es keine Verjährung. Auch für den Genocid oder Völkermord der Geschichtszerstörung unseres Volkes kann es keine Verjährung geben. Dies sollten wir nicht vergessen, um einmal auch dementsprechend handeln zu können. Wer die Existenz des eigenen Volkes durch Geschichtszerstörung bedroht, muß sich klar sein, daß er als Schreibtischtäter auch einmal dafür zur Verantwortung gezogen werden kann und wird. Wer die Verantwortung vor dem Lebensrecht der Gemeinschaft eines Volkes nicht kennt, stellt sich außerhalb dieser Gemeinschaft, als Totengräber der deutschen Selbstbewahrung, der sich einer politisch-kriminellen Verzerrung schuldig macht. Daran sollten wir denken.

Der Erlanger Geschichtsprofessor für Mittlere und Neuere Geschichte, Hellmut Diwald, war ein Wissenschaftler der Unbestechlichkeit und folglich der Unbeugsamkeit. Der Mut zur Geschichte war für ihn gleichbedeutend mit dem Mut zur Wahrheit. Er kündete und stiftete uns, er diente der historischen Wahrheit. Hellmut Diwald kannte das »hündische Kriechen der Intelligenz vor den politischen Zweckmäßigkeiten« (Gottfried Benn) nicht und wurde zu »Deutschlands aufrichtigstem Historiker« der Nachkriegszeit. Er kannte und bekannte auch die deutsche Schuld, die eigene Niedertracht und Verfehlun-

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gen ebenso wie die millionenfachen Verbrechen am deutschen Volk. Hellmut Diwald wußte um das Geheimnis des Sieges und der unabdingbaren Notwendigkeit, das Schicksal des eigenen Volkes zu wenden. Sein zentrales Vermächtnis ist - dort, wo er neben der Erkenntnis auch die Tat bedachte - die Forderung nach einer nationalen »Erweckungsbewegung« als letztem Ausweg aus der Gefahr des endgültigen Niederganges von Volk und Vaterland. Als der größte an einer Universität lehrende Geschichtserwecker in unserem Jahrhundert erkannte er glasklar das nationale Elend unseres Volkes. Wofür stand und steht Hellmut Diwald? Zum einen verkörpert er das Ideal eines kompromißlos unbestechlichen Wissenschaftlers im Dienst an der Wahrheit, Objektivität, Faktentreue und Gerechtigkeit, zum anderen war und bleibt Hellmut Diwald ein Symbol und Fanal für die Freiheit des deutschen Volkes: Noch kürzer: Ein Wissenschaftler der Wahrheit und ein Symbol der Freiheit.

Sein Vermächtnis bleibt für uns alle eine ständige Verpflichtung im Dienst an der sozialen und nationalen und somit folglich an der demokratischen Erneuerung unseres Volkes.

Grundlagen der Geschichtserkenntnis

Hellmut Diwald unterbreitete als ein Praeceptor Germaniae in seinem ganzen Schaffen einen Identitätsbeweis der Deutschen von überragender Größe und Stichhaltigkeit. Zu den Grundlagen seiner Geschichtsauffassung, dem Sinn von Geschichte, ist folgendes anzumerken. Nach Wilhelm Dilthey ist die Geschichte »eine Weise, die Welt auch zu begreifen«! Und so schreibt Diwald in seiner Abhandlung zu Dilthey: »Echtes, wahrhaft lebendiges Philosophieren muß historisch sein, und eben diese gegenseitige Durchdringung von Philosophie und Geschichte war für Dilthey entscheidend: der Mensch muß durch und aus der Geschichte verstanden werden. Das berühmte Wort, der Mensch erkenne sich nie durch Introspektion, sondern nur durch die Geschichte, ist von Dilthey weder nur philosophisch, historisch, anthropologisch oder ähnlich verstanden worden; Dilthey hat damit einen ganz neuen denkerischen Ansatz markiert.« Zur Bedeutung der Geschichte weist Diwald auch darauf hin, »daß der historische Rückblick dem Menschen unvergleichlich mehr von seiner Natur offenbart als Selbstreflexion, seelische Analyse oder tiefenpsychologische Aufklärung. Die Geschichte allein zeigt uns, wie wir geworden sind, was uns formte - und was wir zu verlieren haben«. Oder: »Geschichte ist ein Stück Substanz jedes einzelnen Menschen«, sie ermöglicht uns »das Potential der eigentlich menschlichen Befähigungen, Kräfte, Bedürfnisse zu erschließen - deshalb ist Geschichte so unentbehrlich«. Und zur verändernden Kraft des Geschichtsbewußtseins fügt er unmittelbar hinzu: »Ob wir in unserer Gesellschaft zuhause sind, ob wir noch etwas empfinden bei der Vokabel ›deutsches Volk‹, ob uns nur die Bundesrepublik etwas bedeutet oder ob uns BRD und DDR nach wie vor nur Teile von Deutschland

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sind, ob wir uns schon in einem Europa des Jahres 2200 beheimatet fühlen: das alles läßt sich heute nur durch die Geschichte und mit ihrer Hilfe aktivieren.« Die Auseinandersetzung mit der Geschichte, so Diwald an anderer Stelle, versucht den »Bestrebungen des Menschen, seinem Tun und Leiden, seinen Wünschen und seinem Versagen, seinen Festen und seiner Trauer, seiner Sehnsucht und Enttäuschung einen Sinn abzugewinnen. Deshalb fehlen auch in den großen Ereignissen niemals Bestrebungen, die in eine Richtung außerhalb der Zeit gehen. Ohne den Willen zum Bleibenden, ohne den oft so aussichtslosen Mut zur Dauer könnten wir Menschen die unentrinnbare Vergänglichkeit unseres Lebens und unserer Geschichte nicht ertragen. Mit solchen Bemerkungen stoßen wir allerdings an die Grenzen der rationalen Auslegung. Zur Einzigartigkeit und zugleich zum Sinnbildlichen des großen Ereignisses gehört ein Hauch des Mysteriösen. Dieser Rest von Unerklärbarkeit stellt sicherlich so etwas wie die Seele des Ereignisses dar. Der Respekt davor erlaubt dem Historiker nur den Versuch der Umschreibung. Schon das ist anspruchsvoll genug, denn nichts zeigt so offenkundig wie die großen Ereignisse der Geschichte, daß das Geheimnis der Welt im Sichtbaren liegt und nicht im Unsichtbaren.«

Leopold von Ranke, der »den ersten Platz der Geschichtswissenschaft des neunzehnten Jahrhunderts« (Lord Actor) innehatte, sah die Aufgabe der Geschichtsschreibung darin, »bloß (zu) zeigen, wie es eigentlich gewesen«. Diesbezüglich lautet sein berühmtes Wort: »Man hat der Historie das Amt, die Vergangenheit zu richten, die Mitwelt zum Nutzen zukünftiger Jahre zu belehren, beigemessen: so hoher Ämter unterwindet sich gegenwärtiger Versuch nicht: er will bloß zeigen, wie es eigentlich gewesen.« Diwald schreibt zu dieser Methode der Geschichtsdarstellung: »So geht sein Streben in der Abformung der konkreten Gegenstände und Begebenheiten auf. Was dadurch unerklärlich bleibt, läßt er auf sich beruhen, nur zuweilen glaubt er, die Hand Gottes über den Menschen wahrzunehmen.«

Ranke, dem nach George Peabody Gooch »die deutsche Geschichtsschreibung ihre führende Rolle im 19. Jahrhundert« verdankt, beschrieb die Aufgabe der Geschichtspräsentation wie folgt: »Ich wünsche mein Selbst gleichsam auszulöschen und nur die Dinge reden, die mächtigen Kräfte erscheinen zu lassen, die, im Laufe der Jahrhunderte mit- und durcheinander entsprungen und erstarkt, nunmehr gegeneinander aufstanden und in einen Kampf gerieten, der, indem er sich in schrecklichen und blutigen Kämpfen entlud, zugleich für die wichtigsten Fragen der europäischen Welt eine Entscheidung in sich trug. Die Aufgabe der Historiker wäre, über dem Streit der Parteien zu stehen, ihn zu begreifen, die Kämpfenden jeden in seiner Absicht zu fassen, danach seine Taten zu wägen und erst alsdann sie zu beschreiben. Jedem die Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, deren er sich in sich selber wert ist, das geziemte sich. Dagegen geschieht nur allzuoft, daß die Geschichtsschreiber, von der Unfehlbarkeit ihrer Meinung durchdrungen, in den Streit eintreten und ihn,

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soviel an ihnen liegt, mit auszufechten suchen. Die Erzählung wird selber zur Waffe, und die Historie zur Politik.« Und an anderer Stelle schreibt Ranke: »Objektivität ist zugleich Unparteilichkeit.« Und er nahm, wie er selbst darlegt, »die Geschichte wie sie ist; wir haben über Irrtum und Wahrheit schlechthin nicht zu urteilen. Es erheben sich uns Gestalt neben Gestalt, Leben neben Leben, Wirkung und Gegenwirkung. Unsere Aufgabe ist es, sie bis auf den Grund der Existenz zu verfolgen und mit völliger Objektivität darzustellen.« Und an anderer Stelle schreibt er: »Alles hängt zusammen: kritisches Studium der echten Quellen; unparteiische Auffassung; objektive Darstellung - das Ziel ist die Vergegenwärtigung der vollen Wahrheit. Ich stelle da ein Ideal auf, von dem man nur sagen wird, es sei nicht zu realisieren. So verhält es sich nun einmal: die Idee ist unermeßlich, die Leistung ihrer Natur nach beschränkt. Glücklich, wenn man den richtigen Weg einschlug und zu dem Resultat gelangte, das vor der weiteren Forschung und Kritik bestehen kann.«

Klar legt Diwald die Schlußfolgerung dar: »Für Ranke war das Streben nach absoluter Gerechtigkeit, nach Unparteilichkeit etwas Bedingungsloses.« Ranke hielt die Aufgabe - so Ranke selbst -, »die Wahrheit ans Licht zu bringen«, »immer für eine der wichtigsten Pflichten der Historie«. (Hellmut Diwald) Zu Rankes Darlegungen, der Notwendigkeit der Präsentation der Geschichte durch Wahrheit und Objektivität, schreibt Diwald 1991: »Dieses Bekenntnis wurde zum klassischen Kanon einer Geschichtswissenschaft, die als erste und oberste Pflicht ansieht, die Darstellung der historischen Vergangenheit freizuhalten von allen Verzerrungen; sie ist bis heute in den wesentlichen Bestimmungsstücken identisch mit jeder Geschichtsschreibung, die sich auf wissenschaftliche Zuverlässigkeit angewiesen sieht.«

Hellmut Diwald jedoch ging über diese Konzeption von Ranke noch hinaus. Zur Darlegung historischer Ereignisse an den Maßstäben der Wahrheit und Objektivität fügt er - so in einem Beitrag aus dem Jahre 1971 - die Aufgabe hinzu darzustellen, »warum es so gewesen. Motive, Gründe, Voraussetzungen des Menschen in der Geschichte - das zu klären und erklären ist wichtig. . . Diskursiv rationale Geschichtsforschung bedeutet nichts anderes, als daß die Reflexion auf den mitgebrachten intellektuellen Habitus, auf die Antriebe des Denkens sich fortsetzt in der Reflexion, die den historischen Erkenntnis- und Präsentationsprozeß Schritt für Schritt begleitet. Die Reflexion auf die Darstellung ist von der Darstellung nicht ablösbar. Das ist das Problem. Eine Geschichtsforschung, die glaubt, auf begleitende Reflexionen verzichten zu können, wird den Ansprüchen moderner Wissenschaft nicht gerecht. Niemand wird sie hindern, in beachtenswerter Naivität weiter ihre Stoffe so zu bearbeiten, wie bisher. Niemand aber kann und soll ihr das Los ersparen, unter den Akten, durch die sie sich gräbt, ihr eigenes Grab zu schaufeln. Der Historiker heute ist kein Immortellenfabrikant. Innerhalb einer wirklichkeits-bezogenen Geschichtsforschung entwickelt sich zwangsläufig gesellschaftspolitischer Sinn, nach Maßgabe von Rang und Qualität. Wenn dieser Sinn

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keinen Ansprüchen ausweicht und die Notwendigkeiten nicht ins Utopische verlagert, ist er identisch mit historischem Sinn. Der kürzeste Weg zur Gegenwart führt durch die Vergangenheit. Der schnellste Weg in die Vergangenheit beginnt bei der Gegenwart. Deshalb sehe ich im Geschichtsstudium die exponierteste Art, sich mit der Gegenwart zu beschäftigen. Mit ihren Spannungen, Widersprüchen, Zumutungen, Errungenschaften und Unverträglichkeiten.« Rund 25 Jahre später, 1990, auch nach einem bewegten und erfolgreichen Historikerleben, nahm er wie folgt Stellung zu den Aufgaben des Historikers: »Sein Geschäft ist die Sondierung, die Analyse der Fakten, die Darstellung der Ereignisse und die Bilanz der Entwicklung.« Und zuvor weist er darauf hin: »Distanzierung ist ein Grundelement der geschichtlichen Betrachtung.«

Geschichtsfälschungen ohne Ende

Die nahezu fünfzigjährige Pervertierung unserer Geschichte offenbart einen beispiellosen Charakterverfall öffentlich wirksamer Kreise. Mit nationaler Würde und Ehre hat dies nichts mehr zu tun. Es ist Resultat der Zerstörung von Normen, Werten und Traditionen. Denken wir immer daran, daß sich die Verursacher einer politisch-kriminellen Verzerrung der deutschen Geschichte schuldig machen, sich am Allgemeinwohl vergehen und folglich hierfür einmal zur Verantwortung gezogen werden müssen. Die Vergangenheitsbewältigung wird auch einmal umkehrbar sein und dann zu Recht betrieben werden müssen. Es kann nicht straflos hingenommen werden, die Geschichte eines ganzen Volkes permanent zu verwüsten und zu kriminalisieren.

In seinem Werk Die großen Ereignisse. Fünf Jahrtausende Weltgeschichte in Darstellungen und Dokumenten weist Diwald daraufhin, daß wir die Geschichte nicht so verwenden können, »wie wir sie zu sehen wünschen, denn dadurch degradieren wir sie zu einem Vehikel für gegenwärtige Zwecke«. Und er verweist darauf, daß historische Dokumente »nicht zu Deutungen nach unserem Geschmack berechtigen«, sie »legitimieren nicht dazu, unser eigenes Verständnis der Daseinsbedingungen und der Erfahrung von Wirklichkeit zum Maßstab des Urteils zu nehmen und damit anderen Epochen unterzuschieben . . . Historische Dokumente müssen interpretiert werden. Glanz und Elend der Interpretation bestimmen die Arbeit der Geschichtsforschung. Interpretation erlaubt aber auch die Ausbeutung des Riesenmaterials der Vergangenheit für persönliche, politische, weltanschauliche Absichten.«

Zum manipulativen Umgang mit der deutschen Geschichte schreibt Hellmut Diwald an anderer Stelle: »Zu denjenigen Gütern, um die besonders lange gekämpft wurde, gehört die Meinungsfreiheit. Heute kann jeder alles sagen, oder zumindest fast alles; bestimmte Sachverhalte sind ausgeklammert. Die staatlichen Grundlagen der BRD sollte er nicht durch Worte gefährden. Er sollte wissen, was laut Gesetz als Volksverhetzung strafbar ist. Er sollte ›Leid

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und Gefühle vieler Menschen‹ nicht mißachten. Dies und dergleichen mehr, oder weniger, steht nicht unter dem Schutz der Meinungs- und Redefreiheit. Die engsten Grenzen sind mithin dem Blankoscheck des Meinungspluralismus bei der Deutung der Geschichte gezogen. Unser Staatsverband hält sich in fast schon beklemmender Weise zurück, wenn es um Normen und sittliche Verbindlichkeiten geht. Im Gegensatz dazu haben die Behörden in den letzten fünf Jahrzehnten nirgends massiver in die Meinungsbildung eingegriffen als beim Geschichtsunterricht. Erstens, indem sie ihn stundenmäßig geradezu kastrierten. Zweitens, indem sie, bei aller Vielfalt der Schulbücher, ein bestimmtes Geschichtsbild präsentierten. Drittens, indem sie Geschichte als Exhumierung und museale Schaustellung betreiben oder alles gleichmäßig zuschmieren lassen mit dem Ketchup des verflossenen Blutes in Schlachten und Revolutionen. Viertens skizziert man die deutsche Geschichte nach wie vor als eine Chronologie von Irrwegen, törichten Handlungen und Verbrechen, so daß uns nichts anderes übrigbleibt, als die Spiegel zu verhängen. Wen wunderts, daß so eine Geschichte nichts anderes darstellt als etwas durch und durch ›Ungustiöses‹, wie ein Österreicher sagen würde. Geschichte, auch unsere Geschichte, ist kein Skandal, aber ein Skandal ist es, wie mit ihr umgegangen wird. . . Weil unsere Vergangenheit wehrlos den Händen der Gegenwart ausgeliefert wurde, haben wir heute den Zustand, den jeder kennt.«

Und so wurden in Schulen und Universitäten ganze Schüler- und Studentengenerationen umerzogen und verbogen - bis auf den heutigen Tag. Schon die französische Schriftstellerin Madame de Staël brachte es treffend so zum Ausdruck: »Wenn den Deutschen noch so großes Unrecht angetan wird, findet sich irgendein obskurer deutscher Professor, der so lange an der Objektivität herumbastelt, bis er bewiesen hat, daß die Deutschen Unrecht getan haben.« So findet man etwa in Deutschland kaum einen lehrenden Geschichtsprofessor, der die Kraft hätte, das Münchener Abkommen aus dem Jahre 1938 der historischen Wahrheit entsprechend darzustellen: als das Durchführungsabkommen einer bereits vorher erfolgten Abtretung, als die »Revision eines Unrechts« (Hellmut Diwald).

Hellmut Diwald hat Hunderte und Aberhunderte von Vergangenheits- und Umerziehungslügen, von Geschichtsklitterungen aufgedeckt. Jedoch selbst er hat nur einen Teil von dem aufdecken können, was heute möglich ist. Die real existierende und praktizierte historische Volkspädagogik geht etwa entlarvend aus einem Brief Golo Manns hervor, den er am 20. September 1961 an den Reichstagsbrandforscher Fritz Tobias schrieb. Schlagartig wird die verdeckt überwiegend vorhandene Methode erhellt: »Die Alleintäterschaft des Holländers van der Lubbe sei ihm, Golo Mann, sozusagen volkspädagogisch unwillkommen.« Und ist man nicht mit Dutzenden von schwerwiegendsten Belastungen - und nicht nur zur jüngsten Zeitgeschichte - analog verfahren, etwa mit dem Verbrechen von Katyn? Der österreichische Schrift-

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steller Victor Reimann, der im Dritten Reich aus politischen Gründen inhaftiert war, schreibt: »Man muß immer wieder daran erinnern, daß es beim heutigen Geschichtsunterreicht nicht ausgeschlossen ist, daß selbst die Untaten der Sieger den Besiegten angelastet werden, wie dies beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß die Sowjets versuchten, die ihre Morde an Tausenden polnischen Offizieren in Katyn den Deutschen anrechnen wollten. Nach diesem Muster wäre es leicht möglich, daß es in 50 Jahren im Geschichtsunterricht heißt, daß die Deutschen selbst Dresden zerstört hätten.« Und an anderer Stelle fordert Reimann: »Allmählich müssen wir aufhören, unsere eigene Geschichte im Geist der Siegermächte zu schreiben. Dieser Geist ist nämlich keineswegs vom Geist der Wahrheit und schon gar nicht vom Heiligen Geist beflügelt.« Zahllose Umerziehungslügen und Geschichtsklitterungen haben Eingang in die deutschen Lehrpläne gefunden, sie werden in den Massenmedien durch eine zeitgeistdurchsetzte und ideologisierte Sinnvermittlerkaste pausenlos wiederholt.

In seinem Buch Lexikon der Skandale (München 1988) schreibt Bernard Steidle: »Wer die gesellschaftlichen Fehlentwicklungen in der Bundesrepublik analysieren will, kommt am Thema Geschichtsverfälschung nicht vorbei. Der US-amerikanische Geschichtsprofesor Harry E. Barnes schrieb von einem Selbstbezichtigungs-Wahn, der viele Deutsche befallen habe: Zeitgeschichtlich Entlastendes wird unterdrückt, Belastendes jedoch unendlich ausgewalzt und mit den konzentrierten Mitteln der Obrigkeit in die Köpfe besonders der Jugend gehämmert.

Zwei Beispiele für die Unterdrückung von Entlastungsmaterial: Entgegen den Wendeversprechungen Kohls und seines Innenministers Zimmermann werden die vielen tausend Dokumente über Vorkriegs- und Nachkriegsverbrechen an Deutschen im polnischen Machtbereich weiterhin im Bundesarchiv unter Verschluß gehalten. Wegen Rücksichtnahme auf die westlichen Verbündeten sperrt sich die Bundesregierung ferner gegen die Veröffentlichung der Akten über die ›Kriegsverbrecherprozesse West‹. Insgesamt lagern im Auswärtigten Amt nicht weniger als 1100 Aktenordner mit 10 000 Einzelfällen unter Verschluß. Aus den Akten ergibt sich die Haltlosigkeit zahlreicher Vorwürfe gegen die Deutsche Wehrmacht. Auch werden die zweifelhaften Methoden der › Wahrheitsfindung ‹ durch Gerichte der Westalliierten deutlich.«

Erfolgswerk »Geschichte der Deutschen«

Diwalds größtes Erfolgswerk war die 1978 in einer Startauflage von 100 000 Exemplaren erschienene und in einem gegenchronologischen Verfahren - vom Heute in das Gestern, zum Ursprung zurückblickend - dargestellte Geschichte der Deutschen (Propyläen-Verlag, 760 Seiten). Von keinem anderen Fachhistoriker war es bis dahin unternommen worden, eine nüchterne,

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sachliche und leidenschaftslose Betrachtung der tausendjährigen Geschichte der Deutschen zu verfassen. Und dies zudem »mit seiner besonderen Gabe« Geschichte gleichsam wie miterlebend »mit einer so geistreichen wie verständlichen Sprache für unterschiedliche Leser auf zuschließen« (Bossdorf).

Diwald unterbreitete mit diesem begnadeten epochalen Werk einen Identitätsbeweis der Deutschen von überragender Größe und Stichhaltigkeit. Und dies ohne Ausflüchte, ohne Beschönigungen und ohne politikwillfähriges Taktieren. Auf das überaus treffende Zitat von Helmut Schmidt im Deutschen Bundestag wurde bereits hingewiesen. Bundeskanzler Helmut Schmidt, der als einer der ersten die Publikation in der Urfassung erhielt - und Diwald zuvor schon zum Festvortrag nach Bonn eingeladen hatte -, bestätigte ihm, ein überaus gutes und höchst interessantes Werk über die Geschichte der Deutschen verfaßt zu haben. Wie kein anderer wußte dieser Bundeskanzler von der Bedeutung der Geschichtsschreibung als ein Feld, auf dem es um die Werte der Gemeinschaft geht.

Erstmals nach Kriegsende wurde hier die deutsche Geschichte nicht mehr nur als »eine Einbahnstraße ins Verhängnis« dargestellt. Sie wurde endlich herausgenommen aus dem perfiden Bereich der Verdammungsurteile der Umerziehung und Geschichtsklitterungen. Herausgenommen aus einem Kriminalisierungsprozeß, der schon in den Schulen beginnt, in den Universitäten fortgesetzt wird und bis auf den heutigen Tag andauert. Diwald präsentierte ebenso belastende wie entlastende Fakten und Tatsachen. Er stellte dar, »wie es denn gewesen ist«. Diwalds Werk Geschichte der Deutschen ist ein Werk der Unbestechlichkeit, es legt nicht nur die eigenen Verbrechen, sondern auch die von anderen an Deutschen begangenen offen dar, Verbrechen an Deutschen während und nach Kriegsende, die bislang von einer ganzen Historiker-Umerziehungsgeneration überwiegend unterdrückt wurden.

Mord im Frieden

Im Kapitel »Mord im Frieden« nimmt Diwald auch zu den an Deutschen begangenen unverjährbaren Menschheitsverbrechen präzise Stellung. Während des Genozids und Völkerrechts Verbrechens der Massenaustreibung von 15 Millionen Deutschen aus Ostdeutschland und dem Sudetenland wurden 2,28 Millionen Deutschen getötet und ermordet, ebenso 120 000 Reichsdeutsche von den 2 Millionen Kriegsevakuierten, die sich zu diesem Zeitpunkt in den genannten Gebieten aufhielten. Hunderttausende von deutschen Kriegsgefangenen hat man unter der Verantwortung des amerikanischen Generals Eisenhower nach der Kapitulation vorsätzlich verhungern lassen. Zu den Morden an Deutschen im Frieden gehören weit über 200 000 deutsche Soldaten, die in Jugoslawien durch Massenerschießungen umgebracht wurden. 2 Millionen Kriegsgefangene starben in sowjetischen Lagern. Von den in Jugoslawien lebenden 520 000 Volksdeutschen wurden nach dem 8. Mai 1945

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135 000 ermordet. Diwald: »Diese Menschen starben also nach dem 8. Mai 1945, nach dem Tag, mit dem die Ära ›unserer Gemeinsamkeiten an unschätzbaren Werten‹ beginnen sollte, wie es einer der Sieger ausdrückte.« Festzustellen ist: Alle Welt weiß von den Verbrechen der Deutschen, die Welt weiß nichts von dem, was den Deutschen - und dies sogar im Frieden und nach der Kapitulation - angetan wurde. Welch ein katastrophales Versagen - unter anderem - der deutschen Historikerzunft!

Die an Deutschen begangenen Verbrechen nach der Kapitulation wären noch vielfach zu ergänzen, etwa durch die Verschleppung von etwa 1,3 Millionen deutscher Kriegsgefangener und annähernd einer Million deutscher Zivilpersonen als Arbeitssklaven in die Sowjetunion. Auf der Konferenz von Jalta (4. bis 11. Februar 1945) erhielt Stalin von den Westmächten die Zustimmung zu den Deportationen deutscher Zivilpersonen. 1951 wurden in Rumänien 40 000 Rumäniendeutsche aus dem fruchtbaren Banat im Westen des Landes in die ostrumänische Baragan-Steppe verschleppt.

Zur Nürnberger Rachejustiz, den Prozessen der Sieger über die Besiegten, zitiert Diwald unter anderem Papst Pius XII. : »Einem unbeteiligten Dritten bereitet es Unbehagen, wenn er sieht, wie nach Abschluß der Feindseligkeiten der Sieger den Besiegten wegen Kriegsverbrechen aburteilt, während sich der Sieger gegenüber dem Besiegten ähnlicher Handlungen schuldig gemacht hat.« Dem ist absolut nichts hinzuzufügen!

Niederlage der Umerziehungspäpste

Überaus interessant im Zusammenhang mit dem Bestseller Geschichte der Deutschen - gleichsam als ein Bestseller von vielen - sind die Art und Weise der zahlreichen kontraproduktiven und selbstentlarvenden Kritiken durch namhafte Geschichtsprofessoren, die ihre Masken als Päpste der historischen Umerziehung in ihren Rezensionen hemmungslos fallen ließen. Nichts könnte deutlicher die fortwährende Umerziehung, die fortwährende Kriminalisierung und Verfälschung der deutschen Geschichte bis auf den heutigen Tag deutlicher hervortreten lassen als diese seinerzeitigen Auseinandersetzungen.

Diwald zerstörte dreißig Jahre Umerziehung, und die Götzenbilder und Reeducation-Päpste der Umerziehung traten hervor mit dem Vorwurf, er würde »trotz offener Bibliotheken und Archive in aller Welt den Umfang der nationalsozialistischen Verbrechen verharmlosen«.

Treffend analysierte Wolfgang Venohr diese Geschehnisse wie folgt: »Hellmut Diwald wurde bis 1978 von den demokratischen Medien geradezu vergöttert. Nach seiner brillanten Wallenstein-Biographie, nach dem Propyläen-Beitrag Anspruch auf Mündigkeit und seinen engagierten Geschichts-Disputationen mit Sebastian Haffner in meiner Fernsehserie Dokumente Deutschen Daseins galt Diwald als ›shooting star‹, als der kommende deutsche Historiker. Dann erschien sein Buch Geschichte der Deutschen. Wolf Jobst Siedler, damals

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Ullstein-Verlag, beglückwünschte seinen Autor in einem Telegramm überschwenglich zum Erscheinen des Bandes. Kurz darauf eröffnete ein enger Mitarbeiter Augsteins im Spiegel ausgerechnet ein ehemaliger SD-Obersturmführer, die Hatz auf Diwald. Und von einem Tag auf den anderen war der Mann für die BRD-Medien als ›neofaschistisch‹ gebrandmarkt, war er erledigt.«

Dieser Akt der Infamie und Intoleranz bundesrepublikanischer Medienwirklichkeit sprengte jede Dimension einer erträglichen politischen Kultur »in diesem unserem Lande«. Hellmut Diwald bot eine sachliche und wissenschaftlich untermauerte Geschichtsdarlegung, und man antwortete ihm »mit den Methoden des intellektuellen Bürgerkrieges, so anachronistisch wie unter dem Strich erfolglos« (Bossdorf). »Gegen eine vom Verlag gebilligte Texttstelle mit Binsenwahrheiten«, so Richard W. Eichler, »kam Zensorenprotest - eine Art Gegenstück zum schüchternen Versuch des seinerzeitigen Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger, der in einer Gedenkrede nicht die üblichen Pauschalierungen ausbreitete, sondern sich um Differenzierung, also Wahrheitsfindung, bemühte.«

Die linksversessene Ideologie und Utopie in unserem Lande, so Alfred Schickel, »trachtete Diwald mit ihren Angriffen und Unterstellungen nach seiner beruflichen Existenz«. Jedoch erfolglos.

Eberhard Jäckel erklärte Diwalds Buch zu einer »verfehlten Geschichte der Deutschen«, und Golo Mann - von dem wir bereits hörten - ließ sich zu einer ebenso lächerlichen wie verfehlten Attacke hinreißen, in der er unter anderem schrieb: »Dieser Ordinarius einer, ja leider, einer bayerischen Universität leugnet den Judenmord glattweg ab.« (Spiegel Nr. 49, 4. 12. 78) Nie zuvor hatte sich ein Historiker-Umerziehungspapst vom Rang eines Golo Mann entsetzlicher blamiert und dekuvriert. Handelt es sich doch um eine versessenverschwommene kontraproduktive Selbstentlarvungsschnellschußdiffamierung aus der Hüfte heraus, bar jeder Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Denn Hellmut Diwald schrieb auf Seite 118 der Geschichte der Deutschen: »In den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten wurden seit 1942 ungezählte Menschen ermordet, Juden, Zigeuner, Homosexuelle, Menschen minderen Erbgutes oder Angehörige unterwertiger Rassen. Diese Verbrechen wurden nach der Kapitulation nicht nur zum Gegenstand von Prozessen, sondern ihnen wurde auch eine Schlüsselfunktion bei der politischen Behandlung der Deutschen zugesprochen.«

Und auf Seite 164 schreibt er: »Dies ist das grauenhafte Thema der systematischen Vernichtung eines Volkes, das für Ereignisse büßen mußte, für die es gemäß der Logik eines Wahnsystems verantwortlich gemacht wurde - ein Thema, das durch die Vokabel ›Auschwitz‹ einen entsetzlichen Symbolwert erhalten hat. Die ethische Dimension macht es fast unmöglich, den nachweisbaren Sachgehalt nüchtern zu behandeln, weil die Beweggründe und Formen des Mordens mit einer unbetroffenen Objektivität nicht in Deckung zu bringen

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sind.« Und in der Fernsehserie Dokumente Deutschen Daseins erklärte Diwald vor einem Millionenpublikum seine Einstellung zur NS-Politik unter anderem: »Dazu ist noch der ganz brutale Rassenantisemitismus gekommen! Es ist dies ein Phänomen, das es weder in Deutschland noch in der gesamten politischen Geschichte vorher in dieser Prägnanz und Entschiedenheit gegeben hat.«

Jedoch schreibt Diwald unabdingbar notwendig und unübertreffbar folgerichtig auf Seite 164 f. der Geschichte der Deutschen auch: »Man beutete eins der grauenhaftesten Geschehnisse der Moderne durch bewußte Irreführungen, Täuschungen, Übertreibungen für den Zweck der totalen Disqualifikation eines Volkes aus. . . ›Auschwitz‹ ist das deutsche Stigma dieses Jahrhunderts. Es ist ein Symbol des Entsetzens, doch es ist auch symbolisch für die sowohl tatsächlich nachzuweisende als auch gegen besseres Wissen absichtlich hineingedeutete Gleichsetzung vom Dritten Reich und Deutschland. Dies freilich gehört zu dem Prozeß einer allgemein intellektuell-sittlichen Verwirrung als Ergebnis radikaler Standortbezogenheiten und ideologischer Festlegungen, der in Deutschland bereits in den beginnenden dreißiger Jahren eingesetzt hat.«

Und in Mut zur Geschichte schreibt Diwald: »Die vielen Millionen Toten der Kriege sind ein Faktum, getötet wurde in der Geschichte ununterbrochen, getötet wird auch heutzutage an allen Ecken und Enden der Welt. Der Abscheu darüber entzieht sich weitgehend der Formulierung. Aber die Geschichte erschöpft sich bei weitem nicht in Abscheulichkeiten und Turbulenzen. Alles Große, Erstaunliche, Köstliche, Weise, Schöne, Liebenswerte, Hinreißende, Wundervolle, das der Mensch zu leisten befähigt ist, findet sich nirgends so überzeugend, so unglaublich reich facettiert wie in der Geschichte.«

Zur bundesrepublikanischen Nachkriegspolitik

In der westdeutschen Nachkriegspolitik beklagte Diwald zu Recht »die westdeutsche Willfährigkeit nach allen Seiten, wie das mangelnde Gefühl der Zusammengehörigkeit zwischen Deutschen und Österreichern oder unser Staunen über das Vaterlandsbewußtsein der Auslandsdeutschen von Südtirol bis Brasilien, von Windhuk bis Kanada«.

Diwald erkannte in der bundesrepublikanischen Nachkriegspolitik »alle Wiedervereinigungswonnen, deren sich die Unionsparteien so rührig und so unaufrichtig als nationales Mittel im Dienst nichtnationaler Zwecke bedient hatten. . . war es Konrad Adenauer viele Jahre hindurch gelungen, seinen Wählern einzureden, die westalliiert-bundesdeutsche Politik der Stärke würde unumgänglich eines Tages die sowjetische Besatzungszone aufsaugen wie der Schwamm ein Wasserpfützchen. Allen Vertriebenen würde ihr Heimatrecht erfüllt, wenn sich die Bundesrepublik nur nicht davon abbringen

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lasse, unbeirrt und ergeben im Gefolge ihrer mächtigen Verbündeten auszuharren«.

Wie klar und präzise hier Diwald schon 1978 die Situation beschrieb, zeigte dann das unabdingbar einer Revision bedürfende ›Superversailles‹ des ›2+4-Vertrages (Diktates)‹ im Jahre 1990. Hier kam zum Durchbruch, was schon Linus Kather viele Jahre zuvor als »Stimmviehmißbrauch« der deutschen Heimatvertriebenen bezeichnete. Jedoch hat die Geschichte, allein weil sie keinen Schlußstrich kennt, zum Verzicht auf Ostdeutschland und das Sudetenland das letzte Wort noch nicht gesprochen. Zum Schluß wird sich bewahrheiten, was Dr. Kurt Schumacher als Vorsitzender der SPD 1951 in Berlin aus tiefster Überzeugung heraus erklärte: »Keine deutsche Regierung und keine deutsche Partei können bestehen, die die Oder-Neiße-Grenze anerkennen. Wir lehnen Nationalverrat ab!«

Hellmut Diwald wußte immer den Gesamtzusammenhang zu erkennen: »Adenauers Politik der Stärke hing genauso illusionären Zielen nach wie die Realpolitik Brandts. Brandts Illusionen hatten eine Kontrastfärbung zu denen Adenauers: › Wir haben die Einheit verloren, und es gibt bestimmt keinen Weg zurück. ‹« Und an anderer Stelle: »Eine deutsche Wiedervereinigungspolitik mit faßbarer Grundlage war seit 1949 von keiner einzigen Regierung in Bonn betrieben worden. Die CDU/CSU hatte nie vermocht, das Verhältnis zwischen der Forderung nach Wiedervereinigung und der politischen Wirklichkeit sachlich zu umreißen und überzeugend zu erklären.«

Es ist überaus zentral, diese Einsichten Diwalds darzulegen. Wir müssen heute alles tun, um begreifen zu lernen, wie es zu einem erneuten Totalverzicht auf die deutschen Ostgebiete und das Sudetenland kommen konnte, um anschließend unabdingbar die Revision dieser nationalen Niedertracht ohne Beispiel - der Zersetzung und Verlumpung des Selbstbestimmungsrechtes des deutschen Volkes - anzustreben. Und daß wir eine Revision anstreben werden, sollte uns ein jeder glauben, komme, was da wolle.

Diese Revision müßte im Dienst an einem historischen Ausgleich und Kompromiß mit Polen und Tschechen im Interesse einer wirklich dauerhaften und tragfähigen Friedens- und Freiheitsordnung in Europa stehen. Die anderen werden erst noch von uns begreifen lernen müssen, daß vor dem Frieden die Realisation der Freiheit steht und stehen muß. Der Friede kann immer nur ein Werk der Freiheit sein. Aus der Schwäche heraus werden wir uns verbeugen müssen, aus der Stärke heraus werden wir unüberhörbar sprechen. In einer Rede vor dem Bund der Vertriebenen in Hessen zur aktuellen Lage Deutschlands, zum Thema »Deutschland nach der Vereinigung«, sagte Diwald unter anderem: »Hinter der Annexion der deutschen Ostgebiete [und des Sudetenlandes; R. J. E. ] steht nicht das Recht, sondern das Faustrecht. . . und jeder irrt sich, der glaubt, auch nur eine Vereinbarung würde in der Zukunft Bestand haben, die mit dem Faustrecht erzwungen wurde.«

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Und an anderer Stelle: »Die Tugend geschlagener Völker ist nicht die Resignation, sondern die Geduld. Das Wort gilt allerdings bloß bis zu dem Augenblick, da es nur noch eine Tugend gibt: die Geduld zu verlieren. . . Haltet Deutschland nicht für tot, ehe ihr seine Leiche gesehen habt. Aber selbst dann dürftet ihr euch irren.«

Die deutsche Einheit wäre, so Diwald, mit dem Eingehen auf die Stalin-Note vom 10. März 1952 schon Jahrzehnte früher zu erreichen gewesen: durch eine militärische Neutralität. Die Zersetzung und Zerstörung der nationalen Identität der Deutschen bis auf den heutigen Tag, der ganze Kulturverfall bis zum Zustand nahezu eines geistigen Bürgerkrieges in Fragen der nationalen Selbstbehauptung und die Veramerikanisierung auf niedrigerem kulturellen Niveau wären uns überwiegend erspart geblieben. Diwald wußte folgerichtig darauf hinzuweisen, daß die SPD Adenauer »mit Recht vorwarf, er sei in der deutschen Frage unaufrichtig, weil er nichts anderes anstrebe als schnellste Eingliederung der Bundesrepublik in das Bündnisgefüge des Westens, und zwar um jeden Preis«. Und Diwald - im Zusammenhang mit der Stalin-Note - weiter: »Damals und noch bis in die Mitte der fünfziger Jahre sah Moskau in einem frei vereinten, aber strikt militärisch neutralen Deutschland einen weit besseren Garanten seiner Sicherheitsbedürfnisse als in einem Europa, das entlang einer Linie gespalten war, an der die Armeen des Westens und des Ostens aneinanderstießen. . . Der Umstand, daß die USA dies nicht erkannten und Konrad Adenauer es nicht sehen wollte, ist die Hauptursache für Deutschlands staatliche Zerstörung, für seine nationale Verrottung im ausgehenden 20. Jahrhundert.« So Hellmut Diwald in Geschichte der Deutschen im Jahre 1978.

Im übrigen ist die versessen-verschwommene, strikt am Interesse einer rheinbündlerisch-westlerischen, schmalbrüstigen Philosophie orientierte Adenauer-Behauptung, »das Deutschland durch Neutralisierung dem Ostblock ausgeliefert werde«, durch Hellmut Diwald entkräftet und widerlegt worden. Herrschende bürgerlich-pseudonational-reaktionäre Kreise der politischen Klasse im Nachkriegsdeutschland betrieben eine Philosophie des versessen-ideologisch fixierten Antikommunismus um jeden Preis - im übrigen wurde die Brandt/Scheel-Verzichtspolitik, die zumindest eine nämliche in der äußeren Wirkung war, durch einen ebenso versessenen ideologisch fixierten Anti-Antikommunismus gespeist -, so daß sie die deutsche Wiedervereinigung »sehenden Auges verspielten«. Bonner Machthaber entschlossen sich, »gegen den national einheitlichen Staat und für den Westen zu optieren«. Und dies - horribile dictu - tun und verfolgen sie noch bis auf den heutigen Tag; und zwar so lange, bis sie endgültig Schiffbruch erleiden. Eine Alternative wäre ein »Europa der Vaterländer« (Charles de Gaulle), ein Europa der ›modernen Nationalstaaten‹, ein Europa der Nationen, der freien souveränen Völker und Volksgruppen.

Noch zweimal bot Moskau die Wiedervereinigung zum Preis militärischer

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Neutralität Deutschlands an: 1954 und 1955. Und dies zu einer Zeit und mit den nämlichen Bedingungen, wie sich gleichzeitig die Neutralität Österreichs vollzog. Nachdem man mehrmals die deutsche Einheit, von Anfang bis Mitte der fünfziger Jahre »sehenden Auges verspielte«, kam man dann zu spät zur Einsicht: »1962 entdeckte Adenauer plötzlich die Perspektiven, auf die er zwischen 1952 und 1955 von Moskau so beharrlich hingewiesen worden war. Der Kanzler bot Ende August in einem nicht veröffentlichten Brief dem sowjetischen Ministerpräsidenten Chruschtschow eine österreichische Lösung‹ für Deutschland an«. (Geschichte der Deutschen, 1. Auflage, S. 100) Und Diwald vermerkt auch: »Es behielt schließlich der Separatismus Konrad Adenauers aus den Jahren 1919 bis 1923 die Oberhand.« Am 1. Februar 1919 hielt Konrad Adenauer eine Rede vor rheinischen Politikern, in der er unter anderem ausführte: »Würde Preußen geteilt werden, würden die westlichen Teile Deutschlands zu einem Bundesstaat der Westdeutschen Republik‹ zusammengeschlossen, so würde dadurch die Beherrschung Deutschlands durch ein. . . vom Militarismus beherrschtes Preußen unmöglich gemacht.«

Die Bedingungen der Wiedervereinigung auf Grund der Stalin-Note und jene aus dem ›2+4-Vertrag‹ weichen nur in einem Punkt voneinander ab: der Mitgliedschaft zur NATO. Treffend bemerkt Diwald: »Für diesen Verbleib in der NATO haben die Deutschen, besonders die Mitteldeutschen, dann 40 Jahre der Trennung und die SED-Herrschaft auf sich nehmen müssen.« Nichts ist heute wichtiger zur Findung unserer nationalen Identität und Selbstbehauptung als die deutschlandpolitischen »Sprach- und Denkschemata der Adenauer-Zeit« einer kritischen Überprüfung zu unterziehen. Deutschlands Rückkehr zur Mitte Europas liegt im deutschen und europäischen Interesse. Dies ist nur eines der zentralen Vermächtnisse Hellmut Diwalds.

Im übrigen hatte Hellmut Diwald in seiner Unbestechlichkeit wie nur wenige andere erkannt, »mit welcher ungeheueren Leichtfertigkeit die Bundesrepublik seit 1945 (bis zum ›2+4-Vertrag‹; R. -J. E. ) auf Sand gebaut wurde«. (Deutschland - was ist es?)

Bis zur Teilwiedervereinigung von West- und Mitteldeutschland (keinesfalls Ostdeutschland) durch den ›2+4-Vertrag‹ vom September 1990 waren diese beiden Teile Deutschlands, der westliche und mittlere Rumpfteil des alten Deutschen Reiches, »freilich hinter der politisch reputierlichen Maske begrenzter Souveränität in Wahrheit nichts weiter als besetztes Land, dem eine begrenzte Selbstverwaltung zugestanden worden ist«.

Im geteilten Deutschland erkannte Diwald auch zutreffend die ungeheure Leichtfertigkeit des Eingebundenseins in die militärisch eingegangenen Verpflichtungen: »Aber für einen Wahnsinn zu sterben, mit dem klaren Wissen um den ganzen Wahnsinn: westdeutsche Gewehrläufe und Geschütze nach Osten auf Deutsche gerichtet - das ist ein Tiefpunkt sittlicher Verwahrlosung und politischer Korruption. . . Eher soll über uns die Hölle aller Verheißungen hereinbrechen, ausgelöst durch die Entschlüsse fremder Regierungen, als daß

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wir uns selbst in die Hölle stürzen.« Trösten wir uns damit: »Es gibt Wahrheiten, deren Natur so beschaffen ist, daß sie sich - sobald sie ausgesprochen werden - in Brutalitäten verwandeln.«

Bekenner der Freiheit seines Volkes

Hellmut Diwald war ein Bekenner der Freiheit seines Volkes. In der tiefen Nacht der nationalen Würde- und Ehrlosigkeit über der Bundesrepublik Deutschland prägte er unseren Mut zur Wahrheit, unseren Mut zur Geschichte.

Noch wenige Monate vor seinem Tod schrieb er über die Zeit vor der Teilwiedervereinigung mit Mitteldeutschland: »Deutschland? Das war provinziell ein Terminus aus dem Arsenal der Vertriebenensprecher, der revanchistischen Hitzköpfe, der nationalistischen Bullenbeißer, der Leute von vorgestern. Machen wir uns doch nichts vor: Wer von Deutschland sprach, der bewies seine faschistoide Gesinnung, war zumindest rechtsextrem. Das alles ist nachzulesen in unseren allzeit druckreif druckenden Zeitungen und Zeitschriften - nicht zu vergessen die Verfassungsschutzberichte und Protokolle des Bundestages, die jeder von uns Satz für Satz seit 1949 studieren kann.« (Unsere gestohlene Geschichte)

Allein die Revolution der Mitteldeutschen erbrachte die Wiedervereinigung mit den neuen Bundesländern. »Wir sind das Volk - Deutschland einig Vaterland«. Diwald verwies noch in einer der letzten Publikationen treffend darauf hin: »Daß aber der Aufstand der Mitteldeutschen auch die Bankrotterklärung der westdeutschen Altparteien, der auch so sachkundig selbstgefälligen Politiker und der gesamten Bonner Deutschlandpolitik seit 1949 bedeutet hat. . . Sie hätten einem fast leid tun können, diese Leute, die so sicher mit dem Wort und der Vernunft umzugehen wissen und so bar sind aller elementaren Empfindungen und jener Instinkte, die den Kern politischsittlichen Handelns bilden. Da hatten sie sich jahrzehntelang so viel zugute gehalten, nationales Deutsches brillant zu exekutieren, wenn sie in den Spiegel sahen. Hatten sie nicht in Hunderten von Reden und Zeitungsartikeln bewiesen, daß die deutsche Einheit ein Phantom der Ewiggestrigen sei?«

Die deutsche Wiedervereinigung war für die herrschenden politischen Klassen, »die unter dem wärmenden Gefieder der USA die Eier ihrer Interessen ausbrüten ließen« und »sich auf das transatlantisch gesalbte Westeuropa fixierten«, der Untergang ihrer »Fata Morgana der Deutschlandpolitik«. »Die Entschlossenheit und Unnachgiebigkeit der Deutschen in Sachsen und Brandenburg, in Thüringen und Mecklenburg, in Sachsen-Anhalt und Berlin waren die Motoren des Umsturzes. Dadurch allein wurde die Einheit Deutschlands von den Zungen weg und hin zu den Fakten gebracht - jenen Fakten, die man sich in Bonn weder vorgestellt noch angestrebt hatte, ja die man nie ernstlich gewollt hatte.«

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Diwalds herausragende Bedeutung und Verdienste auch in politischer Hinsicht würdigt der Sachkenner Wolfgang Venohr wie folgt: »Über jeden Zweifel erhaben sind die Verdienste des Patrioten Diwald. Er gehörte zu jener Handvoll Männer, die in den Jahren 1982 bis 1989, vor allern ab 1985, hinter den Kulissen für die Einheit Deutschlands gearbeitet haben. Mit einer Fülle von Gesprächen, Ratschlägen, Denkschriften, Vorschlägen, Schriftsätzen und Modellen zur ›deutschen Frage‹ beeinflußten sie die Deutschlandexperten und Abgesandten des Kreml, die permanent durch die BRD reisten, und bereiteten so maßgeblich den dramatischen Wandel in der Deutschland-Politik der Sowjets vor. (Selbstverständlich gingen Kopien dieser Vorschläge auch an den Bundespräsidenten und an das Bundeskanzleramt. ) Als dann im April 1989 im Kreml eine neue Deutschland-Politik beschlossen wurde, die ein Jahr später zur Wiedervereinigung führte, hatte sich das stete Bemühen dieser Handvoll gesamtdeutscher Patrioten, darunter nicht zuletzt Hellmut Diwald, voll bezahlt gemacht.«

Im übrigen sei darauf hingewiesen, daß Hellmut Diwald wie jeder wirklich überragende Geist in keiner Weise ein Dogmatiker war. So schreibt Peter Bossdorf: »Seine Lehrtätigkeit durchwehte ein anarchischer Zug, den die meisten seiner Studenten als befreiend und äußerst anregend empfanden. Ganz und gar dem Klischee des traditionellen Professors widersprechend, das im Zeitalter der Massenuniversität erst so recht Realität geworden ist, setzte er nicht auf Distanz und Autorität, sondern auf die Befähigung zu fundierter Kritik, ganz gleich, von welcher Warte sie dann erfolgen mochte.«

Politik ist nicht nur und prägt nicht nur das Schicksal, sie ist mehr als die Kunst des Möglichen. Lassen wir sie nicht länger die Kunst des Unbegreiflichen sein. Hellmut Diwald verweist darauf, »daß Politik nicht die Kunst des Möglichen ist, sondern Realisierung des Notwendigen zu sein hat«. Über die Kunst des Möglichen zur Kunst des Notwendigen!

Wir sind dazu da, um unsere Pflicht zu tun. Erfüllen wir das Vermächtnis von Hellmut Diwald, der uns zurief: »Wir sind mit dem Kopf wie in einer Reuse gefangen. Hineinstecken hat man uns können. Aber wir kommen nicht ebenso glatt wieder heraus wie hinein. Den Kopf wieder freizubekommen geht nur, wenn man mit Vehemenz die Reuse zerstört. Daß dies nicht ohne Schmerzen abgeht, versteht sich von selbst.«

Und kurz vor seinem Tod sagte er uns noch: »Die Mauer ist weg. Welch ein Triumph. Der Umsturz aber kann nur dann gesichert werden, wenn auch die inneren Mauern in Deutschland und in den Deutschen zerschlagen werden. Die Mauern, die unsere neurotische Verfassung über die Generationen hinweg aufrechterhalten sollen.« Hellmut Diwald, dem die deutsche Geschichte Lebensinhalt war, plädierte immer wieder und wieder für eine Neubestimmung der Geschichtswissenschaft. In einem seiner letzten Beiträge »Neues Deutschland - Neues Geschichtsbild« analysierte er nochmals treffend die Verkommenheit, wenn er darlegte: »Wir gehen mit der Schwermut von

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Rindern auf den Pfaden der Geschichte, die von den Siegern des 2. Weltkrieges festgelegt wurden. Die Geschichtsschreibung legt sich selbst den Strick um den Hals, wenn sie Schuldbekenntnisse vor die Überprüfung historischer Fakten stellt.« Und an anderer Stelle: »So leben wir in einer Atmosphäre beständiger Irreführungen und Entstellungen, verdeckter und als demokratische Votivbilder aufgeputzter Unwahrheiten.« Einer seiner engsten und würdigsten Freunde, Alfred Schickel, berichtet uns noch über das letzte Bemühen Diwalds: »Noch zwei Tage vor seinem Tod rief er seine Freunde zu verstärkter Forschungsarbeit auf und warb um materielle Unterstützung der aufwendigen Archivstudien.« Noch auf dem Sterbebett plagte ihn das Schicksal seines Volkes. Und sein letztes Vermächtnis lautet: »Wer sein Recht nicht wahrnimmt, gibt es preis!«

Hellmut Diwald diente seinem Volk bis zum letzten Atemzug.

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