WIGBERT GRABERT
Der Hohenrain-Verlag dankt und ehrt Hellmut Diwald

In den vergangenen Jahrzehnten habe ich als Verleger vieler Bücher und Herausgeber von Zeitschriften mache Autoren und Mitarbeiter an Sammelwerken kennengelernt. Aber selten gab es eine so reibungslose und so fruchtbare Zusammenarbeit wie mit Hellmut Diwald, selten ein so erfreuliches menschliches Zusammenwirken. Eine Grundlage war die gemeinsame geistige Grundhaltung und die Kameradschaft im Witikobund, dem ich als Nicht-Sudetendeutscher seit Jahren angehöre. Hinzu kam das persönliche Verstehen von Anfang an, das durch Besuche von Familie zu Familie vertieft wurde, von meiner Seite verbunden mit der wachsenden Hochachtung vor dem historischen Lebenswerk dieses Mannes und vor dem persönlichen Mut des ob seines Bekenntnisses zur geschichtlichen Wahrheit vielfach angefeindeten Wissenschaftlers.

Als Verleger zeitgeschichtlicher Werke und Inhaber einer Versandbuchhandlung mit Schwerpunkt auf historischen Titeln kam ich früh mit Diwalds Schaffen in Berührung. Mit seinem Hauptwerk Geschichte der Deutschen schnellten ab 1978 die Verkaufszahlen seiner Bücher in die Höhe, und die anschließende Diffamierungskampagne in den Massenmedien gegen den schon vorher durch anerkannte Darstellungen ausgewiesenen Historiker machte weite Leserkreise auf diesen nichtkonformistischen Geschichtsschreiber aufmerksam. Als die erste Auflage vergriffen war und dann der Propyläen-Verlag in unredlicher Weise wesentliche Aussagen auf einigen Seiten dieses Werkes ab der zweiten Auflage verfälschte, verlangten viele Bezieher auch eine Kopie des ursprünglichen Textes, dessen Inhalt manchen Kreisen in Westdeutschland »volkspädagogisch unerwünscht« war.

Dieses Buch fiel in eine Zeit wiedererwachenden Geschichtsbewußtseins der Deutschen und trug dann wesentlich zur Verstärkung ihrer Beschäftigung mit der Vergangenheit bei. Noch 1977 hatten die hessischen Historiker gegen Pläne des Wiesbadener Kultusministeriums protestieren müssen, in den Rahmenrichtlinien für die Gymnasien des Landes das Fach Geschichte ganz

535

 


abzuschaffen, und sie hatten dieses Vorhaben einen »zutiefst beschämenden Vorgang« genannt (FAZ 23. 3. 1977). Im selben Jahr signalisierte dann die von Hunderttausenden besuchte Staufer-Ausstellung in Stuttgart als eine Abstimmung mit den Füßen das wieder erwachende Interesse der Deutschen an ihrer Geschichte. In sicherem Gespür für den Zeitgeist hoben Ministerpräsident Filbinger im Ausstellungskatalog wie Bundespräsident Scheel bei der Eröffnung der Ausstellung die Bedeutung der Geschichte für Volk und Staat hervor, und als neugewähltes Staatsoberhaupt erklärte Karl Carstens nach seiner Wahl am 23. Mai 1979 gar: »Meines Erachtens sollten stärker als bisher an den Schulen die deutsche Kultur und namentlich die deutsche Geschichte behandelt werden.« Hellmut Diwald war dafür seit Jahren ein Vorkämpfer gewesen.

Neben der Förderung des allgemeinen Geschichtsbewußtseins lag ihm vor allem die deutsche Einheit am Herzen. Leidenschaftlich wandte er sich in seinen Büchern und vielen Vorträgen insbesondere innerhalb der achtziger Jahre gegen den zunehmenden Verrat am Wiedervereinigungsgebot der Präambel des Grundgesetzes und gegen die um sich greifende Neigung zur Anerkennung des Unrechtssystems in Mitteldeutschland. Lebhaft begrüßte er das ab 1986 im Hohenrain-Verlag erscheinende dreibändige Handbuch zur Deutschen Nation, für das Bernard Willms als Herausgeber zeichnete, der wie sein Erlanger Kollege sich als einer der wenigen deutschen Hochschullehrer für die Einheit aller Deutschen einsetzte und die Wirklichkeit der Nation beschwor. Im ersten Band wurde unter dem Titel Geistiger Bestand und politische Lage (1986) eine Analyse der damaligen Lage vorgenommen. Band 2 -Nationale Verantwortung und liberale Gesellschaft (1987) - war den weitgehend vernachlässigten Wechselwirkungen zwischen Volk, Nation und Staat gewidmet und behandelte die unverzichtbaren Grundlagen eines Kulturvolkes. Im dritten Band Moderne Wissenschaften und Zukunftsperspektiven (1988) kamen die Ergebnisse der neuzeitlichen Fachdisziplinen für ein modernes Weltbild zur Sprache, vor allem Verhaltensforschung und Biologie, und widerlegten insbesondere den Anspruch der linken Ideologien, für eine sinnvolle Gestaltung einer menschengerechten Zukunft sorgen zu können. Auch damit wurden wichtige Voraussetzungen für die notwendige geistige Erneuerung Deutschlands und Europas geliefert.

Als dann nach der Wiedervereinigung von West- und Mitteldeutschland ein vierter Band dieses Handbuches notwendig wurde und nach ersten Vorarbeiten ein plötzlicher Tod Willms die Feder aus der Hand nahm, sprang Hellmut Diwald auf meine Bitte hin sofort ein und übernahm die Herausgeberschaft des letzten Bandes dieses Sammelwerkes unter dem Titel Deutschlands Einigung und Europas Zukunft (1992). Er führte weitere Autoren dem Vorhaben des Handbuchs zu, und es ist sicher bezeichnend für seine große Toleranz und sein gesamtdeutsches Denken, daß er auch Egon Krenz als Mitarbeiter wünschte und gewann.

536

 


Schon schwer erkrankt, widmete er sich noch in den Monaten seines Leidens dieser Aufgabe, pflichtbewußt bis zum letzten Augenblick. Trotz seiner Qualen und des sicheren Wissens um sein Schicksal setzte er sich genau so wie vorher bei der Herausgabe der im selben Verlag erscheinenden Festschrift für seinen Freund Richard W. Eichler Warum so bedrückt? Deutschland hat Zukunft!, die zu mehr Lebensmut und Zukunftsbejahung der Deutschen aufrufen sollte, ein. Für Eichler hatte er auch schon vorher für dessen Werk Wiederkehr des Schönen, 1984 im Grabert-Verlag erschienen, das Vorwort geschrieben.

Als Historiker hat Hellmut Diwald auch wesentlich zum Revisionismus in der Zeitgeschichte beigetragen, insbesondere in seiner Geschichte der Deutschen und seinen letzten Werken wie Mut zur Geschichte und Deutschland einig Vaterland. Aufmerksam verfolgte er die Veröffentlichungen in- und ausländischer Revisionisten und litt sehr unter der Tatsache, daß in Deutschland die Freiheit der Forschung in der Zeitgeschichte praktisch aufgehoben war, daß die öffentliche Diskussion zu diesem Thema zunehmend unterbunden und die freie Meinungsäußerung zu den zentralen Fragen dieses Bereiches trotz Grundgesetzgarantie kriminalisiert wurde. In manchen Gesprächen bestärkte er mich, auf dieser Linie wissenschaftlich sauber abgesicherter Literatur zu bleiben und weiter zu veröffentlichen, auch wenn das Anfeindungen, Diffamierungen, Hausdurchsuchungen, Indizierungen und Angriffe bis hin zu einem Brandanschlag auf den Verlag nach sich zog.

Entschieden trat er immer für die Wahrheit auch in der Zeitgeschichte und die Historisierung der Zeit des Dritten Reiches ein, was wissenschaftsfeindliche Kräfte noch im »Historikerstreit« ab 1986 zu verhindern versuchten, und litt sehr darunter, daß die meisten seiner Fachkollegen sich neutral verhielten und den Opportunisten trotz besseren Wissens das Feld überließen.

Dieser Kampf gegen eine noch mächtige ideologische, das wissenschaftliche Ethos verratende Vorherrschaft in Fachkreisen wie in den Massenmedien hat ihn große Kraft gefordert und sicher auch nicht unwesentlich zu seiner tückischen Krankheit beigetragen. In seinem Bemühen, doch endlich einen Durchbruch gegen den geschichtsverfälschenden Zeitgeist zu erzielen, verzehrte er sich. Die glückliche Wiedervereinigung von West- und Mitteldeutschland durfte er noch erleben und sich damit als früherer einsamer Rufer in der Wüste vor der Geschichte voll bestätigt sehen. Sein Werk und sein Schaffen gerade der letzten Lebensjahre wirken weithin im Volk und tragen vielfältige Frucht. Eine spätere Zeit wird Hellmut Diwald als einen der wenigen aufrichtigen und mutigen Männer an unseren hohen Schulen in einer dunklen Zeit unseres Volkes anerkennen, in der die meisten Berufenen als Opportunisten schwiegen oder sich den volksfeindlichen Geboten der Umerziehung unterworfen hatten.

537

 


Zum nächsten Beitrag
Zum vorhergehenden Beitrag
Zurück zum Inhaltsverzeichnis