KARSTEN EDER
Leistungen und Verdienst Hellmut Diwalds aus der Sicht seiner Landsleute in Österreich

Den vorgesehenen Titel meines Beitrages (»Die Sudetendeutsche Landsmannschaft in Österreich dankt und ehrt Hellmut Diwald«) muß ich nach reiflicher Überlegung ändern, denn er wäre sicher nicht im Sinne Hellmut Diwalds. Eine Begrenzung auf die Sudetendeutsche Landsmannschaft in Österreich würde verschiedene lokale sudetendeutsche Gruppierungen ausschließen, die dieser zwar nicht direkt angehören, aber trotzdem laufend positive Leistungen einbringen.

Zudem wäre es sicher auch nicht in seinem Sinne, ihn nur zu ehren, denn unser Landsmann aus Südmähren wollte aktives Handeln. Aus diesen Gründen kann ein Beitrag nur wie oben angeführt lauten. Darüber hinaus hat Diwald aber einen noch größeren Kreis von Menschen bei uns angesprochen. Sie sind jene Menschen, die sich eingehend und kritisch mit der Geschichte befassen und auch bereit sind, die Lehren aus dieser zu ziehen, um Fehler für die Zukunft zu vermeiden oder dies wenigstens zu versuchen.

Daß Hellmut Diwald gedankt werden soll, ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit, und dies ist ja auch der Sinn dieses Buches. Mehr aber noch, es soll das Wirken des Sudetendeutschen Hellmut Diwald aus Südmähren aufzeigen und es auch jenen Mitmenschen übermitteln, die sich bisher zu wenig mit seiner Tätigkeit oder überhaupt noch nicht damit befaßt haben. Bekanntlich werden die Leistungen eines Menschen erst dann anerkannt, wenn er gestorben ist. Es wirft sich hier die bittere Frage auf, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, Hellmut Diwald zu Lebzeiten zu unterstützen, zu fördern und verschiedene seiner Gedanken in die Tat umzusetzen, statt jetzt mit Kränzen in bildlichem Sinne seine Arbeit zu würdigen. Hatte er nicht viel zu wenig Unterstützung und Beachtung, während er lebte und arbeitete? Wurden seine Bücher und seine Artikel nicht viel zu wenig beachtet und verbreitet? Wäre hier ein wenig mehr nicht viel sinnvoller gewesen? Er hätte

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eine Menge Fragen beantworten können, wenn man ihn gefragt hätte, eine Menge an Wissen einbringen können, wenn man bereit gewesen wäre, es zu verarbeiten. Wurden seine Bücher entsprechend ausgewertet und verbreitet? Er hat rund ein Dutzend geschrieben sowie unzählige Artikel in Fachzeitschriften und anderen Publikationen verfaßt. Er tat dies bis zur letzten Minute, ehe er am 26. Mai 1993 seinem schweren Krebsleiden erlag. Er war nicht nur einer der bekanntesten Historiker Deutschlands, sondern auch der breiteren Öffentlichkeit als Verfasser zahlreicher Geschichtswerke, im wahrsten Sinne des Wortes, bekannt. Auch als Vortragender bei Kongressen, Tagungen und anderen Veranstaltungen war er bekannt, gern gesehen und gehört, aber von außen angefeindet. Dies spricht eher für seine Qualitäten, wenn man seine Gegner genauer unter die Lupe nimmt.

Er widmete sich in seinem Studium der Religions- und Geistesgeschichte, der Literaturgeschichte, um sich dann verstärkt der Neueren Profangeschichte zuzuwenden. Seit 1965 lehrte der 1958 habilitierte Hellmut Diwald an der Universität Erlangen-Nürnberg Mittlere und Neuere Geschichte.

Er hat sich mit seinen Studenten nicht im elfenbeinernen Turm der Universität verschanzt und die Gegenwart beim Betrachten der Vergangenheit verstreichen lassen; das bewies nicht zuletzt sein heißumstrittenes Buch über die Geschichte der Deutschen. Kritiker und Professorenkollegen warfen ihm vor, trotz offener Bibliotheken und Archive in aller Welt den Umfang der nationalsozialistischen Verbrechen zu verharmlosen. Während ihm hierzulande bis in die Nachrufe hinein diese Zweifel als unverbesserliche deutsch-nationale Gesinnung verargt wurden, bemühten sich verantwortungsbewußte Historiker aus aller Welt in letzter Zeit um mehr Klarheit und Wahrheit.

Hellmut Diwald als engstirnigen Nationalisten zu bezeichnen ist zwar eine übliche und bisher zum Teil erfolgreiche Taktik, um Nichtgleichgesinnte zu verleumden, geht aber gerade bei ihm voll daneben. Er ist wie nicht wenige sudetendeutsche Landsleute in einer übernationalen Lebens- und Denkungsart aufgewachsen. Dies gaben ihm seine tschechische Mutter und sein aus der Wiener Gegend stammender Vater mit. Lokale Begrenzungen auch geistiger Art gab es für ihn daher nicht. Er war im Geiste des »alten Österreichs« bester Prägung aufgewachsen.

Was können die Österreicher sudetendeutscher und anderer Herkunft von Hellmut Diwald lernen, was berücksichtigen, was an seinem Lebenswerk schätzen? Was kann oder soll man von einem Historiker erwarten, damit er diese Bezeichnung verdient? Folgende Grundvoraussetzungen kann, muß man als Mindestmaß fordern:

- Ein Historiker hat selbst zu forschen und darf sich nicht damit begnügen abzuschreiben;

- ein Historiker darf nicht einseitig forschen, sondern hat sich allen vorhandenen Geschichtsquellen zu widmen und sie ohne Vorurteile zu erschließen;

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- ein Historiker muß Mut zu der von ihm erarbeiteten Wahrheit besitzen oder was er als solche zu erkennen meint, dies, auch wenn diese nicht den augenblicklichen Erkenntnissen entspricht. Er muß sie aber auch zur Diskussion stellen.

Hellmut Diwald tat dies in vorbildlicher Art und Weise und wurde dadurch zum Vorbild für viele Bürger, die an einer von Propaganda freien Geschichte Interesse haben. In Österreich ist es auch schwieriger als in der Bundesrepublik, großräumige Geschichtskenntnisse der Öffentlichkeit zur Kenntnis zu bringen.

Hier ist es seit Jahrzehnten üblich gewesen, das Besondere Österreichs im deutschen Kulturkreis nicht als solches zu bezeichnen, sondern als etwas anderes, nämlich nicht in diesen Rahmen Passendes. Trennen und Distanzieren galt und gilt zum Teil noch immer als modern und richtig: in einer Zeit des europäischen Zusammenschlusses eine völlige falsche Einstellung. Es wäre aber auch falsch, alles zu vereinheitlichen und zu verschmelzen. Nur die Einheit in der Vielfalt hat Chancen auf Erfolg. Das heißt nicht, daß Zusammenhänge verschwiegen werden dürfen oder aus taktischen Gründen unter den Tisch fallen.

In Wien fand Ende Oktober 1993 ein Symposium unter dem Titel »Vertreibung - Flucht - Deportation« zwischen Aufrechnung und Verdrängung statt. Es befaßte sich mit unseren Fragen und Problemen und war von Referenten aus der Bundesrepublik, der Tschechischen Republik und Österreich gestaltet. Es heißt hier: »Flucht und Vertreibung sind in den letzten Jahren wieder zu einem aktuellen politischen und humanistischen Problem geworden. Die Vertreibung der Deutschen im Anschluß des Zweiten Weltkrieges und die Integration dieser Flüchtlinge prägten die politische Kultur in Österreich. Die Auseinandersetzung mit dieser Vertreibung wurde in Österreich bislang nur selten wissenschaftlich thematisiert und gehört somit zu den letzten ›Tabu-Themen‹.«

Bei der Diskussion vertraten einige Referenten Ansichten, die die unseren hätten sein können, und ernteten dafür folgenden sinngemäßen Ausspruch: Man darf auch als Historiker nicht alles sagen, was man als Forschungsergebnis erarbeitet hat, um den Vertriebenen verbänden keine Argumente zu liefern. Mit einem Wort, die Wahrheit darf nicht gesagt werden, weil sie nicht identisch ist mit dem bisher verbreiteten Geschichtswissen. Fehler sollen also weiter beibehalten werden, nur weil man selbst dazu beigetragen hat, sie zu verbreiten.

Gerade aus solchen Gründen ist es mehr als notwendig, Aussagen von Historikern wie Hellmut Diwald zu besitzen, der offen aussprach, was er erarbeitet hatte, und kein Blatt vor den Mund nahm, egal, was dadurch für ihn entstehen konnte. Seine Aussagen waren immer zielführend in politischer Sicht, und es waren wissenschaftliche Aussagen, auch in rechtlichen Belangen exakt und richtig. Sie waren sogar durchführbar, wie es die Geschichte später

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bestätigte. Bei ihm lagen die Fakten auf dem Tisch, ob und wann sie umgesetzt werden, war und ist eine andere Sache. Es ist dies jedoch nicht die Aufgabe von Historikern, sondern von Politikern. Die Historiker, deren Aufgabe es ist, die geschichtlichen Fakten möglichst wahrheitsgetreu ersichtlich zu machen, können nur geschichtliche Gegebenheiten rekonstruieren und aufhellen. Verantwortungsvollen Politikern obliegt es, aus diesen Erkenntnissen und den vorliegenden Gegebenheiten die Planung für Gegenwart und Zukunft zu machen und das Mögliche zu realisieren. Wer sich davor drückt, ist fehl am Platze, und wer wissentlich oder aus verantwortungslosem Leichtsinn falsche Fakten verarbeitet, ist wie ein Chemiker, der aus unvereinbaren Chemikalien eine Substanz mischt, die sich früher oder später zersetzt oder zur Explosion führt. Wir haben dies in der neueren Geschichte mehrmals erleben müssen.

Hellmut Diwald war Südmährer. Diese meist bäuerliche Bevölkerung hat eine stärkere Bindung zum Heimatboden als viele andere sudetendeutsche Landsleute, die im kaufmännischen, technischen, industriellen und kulturellen Bereich beheimatet waren und sind. Er hatte vor allem Ehrfurcht vor der Geschichte, und bei ihm ist ersichtlich, daß es ihm vor allem um die Fragen ging: Woher - wohin - wozu und womit? Er glaubte auch an die Zukunft und war bestrebt, seinen Teil dazu beizutragen - dies ohne Wenn und Aber.

Auch aus österreichischer Sicht teilen wir seinen Standpunkt, daß es keinen Sinn hat, die Vergangenheit zu verdammen, ohne aus ihr zu lernen und sich damit der Möglichkeit zu entziehen, Konstruktives und Positives für die Zukunft zu schaffen. Es gehört auch dazu, sich zu der eigenen Geschichte und Identität zu bekennen und seine Standpunkte jederzeit und jedem gegenüber zu vertreten, der darüber informiert werden sollte. Daß dies nicht nur Freunde schafft, ist keine Neuigkeit, aber sicher der bessere Weg, als schweigen und zustimmen, wo man nicht schweigen und zustimmen darf, wenn man verantwortlich denkt und handelt. Gerade an der Grenze zu den ehemaligen kommunistischen Ländern ist dies wichtig, denn die Umwandlung dort ist noch lange nicht abgeschlossen. Nur wer durchführbare Konzepte hat, ist in dieser Situation in der besseren Position.

Die Bundeskanzler Julius Raab und Bruno Kreisky, beide sudetendeutscher Herkunft, haben stets ihre Meinung offen und ehrlich ausgesprochen und ließen niemanden in Zweifel, was sie meinten, ebenso wie der ehemalige Bundespräsident Dr. Rudolf Kirchschläger und zahlreiche andere, aber immer noch zu wenige Politiker. Sie wurden wegen ihrer ehrlichen Meinung eher geschätzt als geächtet, und auch heutige Politiker brauchen sich deswegen keine Sorgen zu machen. Es trägt eher zu deren Bekanntheit bei, wie dies zum Beispiel beim Wiener Landtagsabgeordneten Gerhard Zeihsei, der auch aus Südmähren stammt, der Fall ist.

Zur Entschuldigung der Spätgeborenen - die heute alles besser wissen, auch wie man es damals hätte machen sollen - muß allerdings gesagt werden, daß sie kein erlebtes, sondern nur ein erlerntes Geschichtsbild haben, und das

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ist ein wesentlicher Unterschied. Raab und Kreisky wußten, worüber sie sprachen und auch warum. Die Lebensgeschichte des ehemaligen Bundespräsidenten Dr. Kirchschläger berichtet von seinen Erfahrungen nach dem Zweiten Weltkrieg sowie als Botschafter in Prag.

Im Gegensatz dazu mußten wir erleben, wie ein in den Jahren des Zweiten Weltkrieges geborener »Historiker«, der heute in einer meinungsbildenden Position sitzt, die Geschichte sieht. Er unterdrückt die Aussagen von echten Zeitzeugen, weil allein »er weiß, wie es damals war«, und jene würden nur Propaganda von sich geben. Seine Aussagen über die Heimatvertriebenen ähneln so stark der nationalistischen und kommunistischen Propaganda, daß deren Ursprung nicht zu verleugnen ist. Dieser sich demokratisch bezeichnende Meinungsbildner wollte auch den Sudetendeutschen bei einer Diskussion zeigen, wie sie sich zu verhalten hätten, bevor man sie als demokratische Organisation anerkennen könne. Er glaubt sogar im Recht zu sein, wie dies viele Menschen während der Inquisition, der Hexen Verbrennungen und der Glaubenskriege auch waren. Leider wird er unterstützt und steht nicht allein.

Gerade deswegen sind die Forschungen und Aussagen von Hellmut Diwald für uns von so großer Wichtigkeit. Sie müssen in die Waagschale für die historische Wahrheitsfindung eingebracht werden, denn die anderen Gewichte liegen bereits darauf. Ein ausgewogenes Resultat ist notwendig, wenn man zu wirklich verwertbaren Ergebnissen kommen will. Dazu müssen alle verantwortlich denkenden Menschen, Zeitzeugen, Historiker und Meinungsbildner ihr Wissen einbringen. Der Journalist Dr. Hugo Portisch hat zum Beispiel mehr für eine sehr wahrheitsgetreue neue österreichische Geschichte eingebracht als ein großer Teil der Zeitgeschichtler. Auch hier liegt der Grund offen, er hat ein erlebtes Geschichtsbild und war und ist bemüht, Lücken aus diesem durch Quellenstudium aus erster Hand zu schließen.

Was ist eigentlich ein Geschichtsbild? Hellmut Diwald hat dies einmal klar umrissen: »Die kürzeste Formel dafür lautet: Die Gesamtheit der Vorstellungen, die jemand von der Geschichte hat. Dabei kann es sich um die Geschichte des eigenen Volkes handeln. Es kann aber auch eine bestimmte Vorstellung vom Ablauf der Weltgeschichte sein. Man kann die erwähnte ›Gesamtheit der Vorstellungen‹, die ein Geschichtsbild ausmacht, noch weit genauer umreißen. Ein Geschichtsbild kann auch derjenige haben, der nichts von der mühseligen, kreislaufbelastenden Art der Geschichtsforschung kennt, wie sie an den Universitäten betrieben wird. Das heißt: Das Geschichtsbild eines derart erfreulich unbefangenen Menschen ist vor- oder unwissenschaftlich, wenn man die Forderungen der heutigen Geschichtswissenschaft und ihr Pochen auf Mindestforderungen der Genauigkeit dagegen hält. Schließlich kennen wir nicht nur die Geschichtsbilder von Einzelpersonen, sondern auch diejenigen von Gruppen, Großgruppen, Völkern und Nationen.

Wie entsteht ein Geschichtsbild? Durch das Erzählen von historischen Ereignissen oder durch zusammenhängende Berichte vom Verlauf der Ge-

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schichte, dabei spielt es eine wesentliche Rolle, wer von der Geschichte erzählt: Eltern, Verwandte, Schullehrer, Dozenten an den Universitäten, Politiker, Meinungsmacher der Medien oder wortkundige Sachbuchautoren. Ein Geschichtsbild entsteht immer auch aufgrund bestimmter Prägungen der jeweiligen Gegenwart. Wer nach 1945 aus seiner Heimat ausgetrieben wurde, der wird wegen der persönlichen Erfahrung eines grauenhaften Abschnitts der Nachkriegsgeschichte ein anderes Geschichtsbild besitzen als etwa ein Winzer im Binnenland, den möglicherweise zur selben Zeit die Weinernte stärker interessierte als das Weinen derjenigen, die aus der Heimat gejagt wurden.

Geschichtsbilder können also in einem beträchtlichen Ausmaß selbst das Ergebnis der Geschichte, eines Geschichtsprozesses sein, Geschichtsbilder sind Ausweise der Kultur, und nur wer richtige davon hat, sollte sie herzeigen. Darauf können und sollen wir immer hinweisen.«

Hellmut Diwald hat nicht nur als Historiker gewirkt. Er hat auch klare Zukunftsvorstellungen erarbeitet, obwohl dies nicht im Aufgabenbereich eines Historikers liegt. Für uns, egal, wo immer wir jetzt leben, gilt folgende Richtlinie, die besonders für unsere Führung auf allen Ebenen gilt: Im eigenen Namen kann niemand auf die Rechte einer Gemeinschaft, einer Volksgruppe oder eines Staates verzichten. Einzelpersonen können daher nur auf ihre persönlichen Rechte verzichten.

Die Repräsentanten der Volksgruppe haben die Verpflichtung, jene Möglichkeiten zu schaffen, die Einzelpersonen die Umsetzung ihres Willens ermöglichen.

In diesem Sinne arbeiten auch wir, die Sudetendeutschen in Österreich, und danken Hellmut Diwald, denn er hat mehr für uns getan, als viele Landsleute glauben.

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