GERHARD PFOHL
Heimat – Oder: Philologie des Eigenen

Deutschland - das ist für mich meine Sprache,
also die Essenz meines geistigen Daseins

(William S. Schlamm).

Grüß' dich, Deutschland, aus Herzensgrund!

Joseph von Eichendorff.

I.

Inbegriff der Philologie des Eigenen ist die Heimat. Heimat ist das Bleibende, das Sichere, sie ist die Erbgnade 1. Adalbert Stifter, dem wir die Lehre des sanften Gesetzes verdanken, hat seine Erzählung Aus der Mappe meines Urgroßvaters (1841/42) 2 mit dem Wort des Dichters Egesippus eingeleitet: Dulce est inter maiorum versari habitacula et veterum dicta factaque recensere memoria. Süß ist es, dort bleiben zu können, wo die Vorfahren gewohnt haben, und im Gedächtnis zu bewahren, was unsere Alten uns zu sagen hatten, was sie in ernster Sitte geleistet haben. Heimat, Heimatlichkeit ist ein wesentliches Element der menschlichen Selbstfindung und Entfaltung in der Auslegung Goethescher Persönlichkeit 3. »Ohne Heimat keine Welt, ohne Heimat keine Humanität« (Richard Weiß). Heimatlosigkeit ist Elend. Mittelhochdeutsch heißt dieses Wort ›ellende‹, althochdeutsch ›elilenti‹ und seine Etymologie ist ›anderes, fremdes Land, Verbannung, Not‹; der elende Mensch ist also der ausgewiesene Mensch. Bittere Erfahrung des Kampfes um die Heimat ließ daher die Böhmerwäldler seit alters das Glück der Heimat schätzen und dermaßen dankbarer Seele mag das zärtliche Dialektwort »s Hoamatl« erwachsen. »Glücklich, ohne es zu wissen, ohne es zu schätzen, sind oft Menschen, die ihr Leben lang eine Heimat haben. Andere freuen sich bewußt, dankbar, wenn sie an vielen verschiedenen Orten ein Stückchen Heimat

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finden« 4. Zu den Letztgenannten gehören wir, denen das Böhmerwaldlied zum Schicksalslied geworden ist. In der Nachumsturzzeit 1918 pflegten unsere Eltern im Anschluß an das Böhmerwaldlied zu singen:

»Wir wollen die Hütten grau und alt
an Deutsche nur vererben,
wir wollen im deutschen Böhmerwald
deutsch leben und deutsch sterben«.

Den übrigen Deutschen, wo immer sie auch wohnten, galt das Lied, das schlicht in Wort und Weise von Heimat und Fremde singt, als eines der bekanntesten Lieder des Heimwehs 5. Dieses Lied wurde zur bitteren Wirklichkeit an uns Böhmerwäldlern. Andreas Hartauer hat es zu Anfang der siebziger Jahre vorigen Jahrhunderts aus der Tiefe seines Gemütes, aus wirklicher Heimwehnot gleich uns geschaffen, »nicht auf Bestellung, wie viele andere Heimatlieder entstanden sind« 6. Was einst der Wald ihm rauschte, macht auch uns die Seele schwer 7. Sie haben uns die Heimat enteignet und wußten als europäisches Volk doch, daß die Väter unserer Kultur, die Griechen, bereits im 8. Jahrhundert vor Christus Heimat als höchstes Gut und Heimatlosigkeit als tiefstes Elend beschrieben hatten 8.

Da wir aber nicht Liebediener dieser Welt sind, gehören zu uns in besonderer Weise unsere Toten. »Aber erst Gräber schaffen Heimat, erst unsere Toten geben uns Licht« (Ernst Bertram: Die Berggräber). Sicher: Schweigen ist das große Recht der Toten (Hamerling). Aber Reden ist die Pflicht derer, die leben. Was wir sagen ist unpolitisch, doch es ist nicht beziehungslos zur Politik. Wir sind also nicht charakterlos genug, diejenigen Landsleute totzuschweigen, die tot sind, weil jeweilige ›Obrigkeit‹ sie getötet hat (auch Terrorbomber kamen von oben). Da drüben wurden sie gemartert, abgeschlachtet, ermordet. Wir wollen mit unseren Toten nicht aufrechnen, aber wir konstatieren, daß wir verbittert und unendlich traurig sind. Wir kritisieren weiter nicht mehr, aber wir konstatieren es: unablässig 9. Es ist seit langem Mode geworden, Unrecht an Deutschen nicht zu publizieren, geschweige denn es zu verurteilen; das Höchste, was man aufbringt, ist psychologisches Verständnis für die Übeltäter. Auch für uns ist es gesagt worden: »Eine größere Liebe hat niemand als die, daß einer sein Leben hingibt für seine Freunde« (Joh. 15,13). Siegesfeiern sind peinlich. Totenehrung ist immer human. Unseren Toten dürfen wir das doch wohl sagen: wir warten auf euch am Ende der Zeit, bis wir uns wiedersehn. Und ganz gewiß ist es uns beschämende Niedertracht, empörende, was in deutschem Namen von den Nationalsozialisten an Verbrechen und Knechtungen geschehen ist 10.

Im den Jahren 480 und 479 wurde Athen von den barbarischen Persern eingenommen, diese zerstörten dabei die Heiligtümer und viele andere Bauten - man wollte sie ursprünglich als Ruinen zur mahnenden Erinnerung bestehen lassen; ganz ähnlich wollte man in Hamburg den Rest der St.

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Nikolaikirche, welche verbrecherische alliierte Bomben zerstört hatten, als Mahnmal stehen lassen.

Geistige Heimat des Menschen entwickelt sich im kleinen Winkel, nicht im Großraumbüro der Internationale, wo man sich nicht im lokalen Dialekt, sondern nur mit dem Flaggenalphabet verständigen kann. Wir erkennen Vaterlandslosigkeit als Betrüblichkeit, wollen nicht die propagierte Vaterlandslosigkeit, die krank macht, weil gewisse Gesellen Heimat rauben. »Die Liebe zur ganzen Menschheit kostet gewöhnlich nichts als eine Phrase, die Liebe zum Nächsten erfordert Opfer«, soviel lernen wir von Peter Rosegger. Nichts anderes als Entfremdung des Menschen von sich selber ist die One-World-Bewegung von Hochgradfreimaurerei und Kommunismus, von diesen hinterherhinkenden Sozialisten, Konservativen, Kirchenmännern; zu ihnen paßt die Vergötzung von Demokratie und Sozialismus, paßt der Betrug, höchstes Wesen sei der Mensch 11. »Nicht human sollen wir sein, sondern Kinder Gottes« (Lagarde). Derart ein One-World-Mensch wird Freiwild der Machinationen; denn er hat nicht die Freiheit der Kinder Gottes, von der jene nichts wissen wollen, weil sie wissen, warum . . . Deswegen lassen sie den Menschen von ›Heimat‹ zur ›Gesellschaft‹ abstürzen und verwelken. Gesellschaft ist Denken in Rudeln, Handeln in Rudeln, ist Unwahrheit auch der großen Städte 12. Heimat ist Innigkeit und Gottesnähe, ist daher Individualität und Persönlichkeit 13. Wer die Heimat vergißt, vergißt sich selbst und gibt sich auf. Heimat ist das nähere Dasein: Nirgends, Geliebte, wird Welt sein, als innen; dann ist Hiersein herrlich, Hiersein allein ist schon viel 14.

Wenn wir mit Eduard Spranger auch »den Bildungswert der Heimatkunde« schätzen, so wissen wir auch, daß die Bewußtheit eigener Kultur fremde Kultur nicht verwirft. Von Barbara König kennen wir »die Wichtigkeit, ein Fremder zu sein« (Abh. Mainz 1979): daß Distanz auf Nähe zielt; »Nähe wozu? Das bleibt die große Frage. Wahrscheinlich müßte man Gott erwähnen« (S. 12); »vom ersten Atemzug an haben wir nichts dringlicher im Sinn als dies: Nähe zu finden, zu Hause zu sein« (S. 3).

Jacob Grimm war auf der Lübecker Versammlung der Germanisten 1847 zum Vorsitzenden gewählt worden; »bei dem Bankett in Travemünde (. . . ) brachte der Oberappellationsrat Pauli einen Toast auf Jacob Grimm aus«, die Schlußworte waren: »Jacob Grimm bringe ich dieses glas!« »Jacob Grimm erhob sich zur erwiderung, aber das gefühl übermannte ihn. ›ich liebe mein Vaterland, mein Vaterland ist mir immer über alles gegangen ‹ . . . thränen erstickten seine stimme, er sank seinem freunde Dahlmann in die arme - es war der ergreifendste augenblick dieses tages« (Kleinere Schriften, VIII, S. 466 f. ). 15 »Grimm liebt sein Vaterland über alles - aber nur deshalb, weil es nicht nur die eigne Identität garantiert, sondern auch deren Erweiterung. Das Faszinosum Heimat speist sich für Jacob Grimm durch seinen Exotismus«. 1830 hielt er in Göttingen seine Antrittsrede, lateinisch, über die Heimatliebe: De desiderio patriae 16. Um und um, alles in allem sowie vollends war das ehrwürdige Gefäß

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seiner philologischen Andacht die Heimatlichkeit. Solche bewährt sich und besteht zum Exempel in der bäuerlichen dörflichen Rechtsquelle des Weistums; in Jacob Grimms gesammelten »Weisthümern« 17 spüren wir Echtheit und Wert des aus der Ortsnähe gewonnenen Rechtsempfindens und Rechtswissens, wie sie in den Dorfweisungen, d. h. Verkündigungen ergehen. »Zu den Stadtrechten verhalten sie sich wie kräftige frische Volkslieder zu dem zünftigen Meistergesang« (Rechtsaltertümer X), vor allem sind sie für Jacob Grimm »Materialien für das sinnliche Element«. »Durch nichts anderes aber wird das Band zur Heimat und ihre Unentbehrlichkeit so beleuchtet und ans Licht gezogen wie durch die Gemeinschaftlichkeit der Sprache. (. . . ) Ich behaupte, daß weder ein Volk wirklich blühen kann, das seine Muttersprache vernachlässigt, noch eine Sprache verfeinert werden kann von einem Volke, das seine Freiheit verloren hat. Die Aufteilung einer Sprache aber in mehrere Dialekte oder, treffender, ihre Verschmelzung aus mehreren Dialekten scheint mit der Geschichte der jeweiligen Völker durch ein sehr enges und sozusagen sichtbares Band verknüpft zu sein. Darin können wir die höchste Vorsehung des göttlichen Wesens nicht genug bewundern« 18. »Die Muttersprache aber, die das festeste Fundament des Staates ist, sollten wir unermüdlich pflegen und verfeinern und nicht daran zweifeln, daß, so weit und breit sie in Kraft steht, auch Deutschland sich erstreckt« 19. All das sagt uns Jacob Grimm »der große Deutsche und Begründer der Wissenschaft vom Deutschen« (20) in seiner lateinischen Rede De desiderio patriae, die sein einziges lateinisches ›opus‹ blieb, welches ausgerechnet von deutscher Heimat, Liebe zum deutschen Vaterland und von deutscher Sprache redete.

»Ich liebe mein Vaterland, mein Vaterland ist mir immer über alles gegangen«. Über alles, sagt Jacob Grimm. Und mir ergeht es wie manchem, dessen ganzes Wesen ergriffen ist, wenn das Deutschlandlied erklingt. Und wir fragen durchaus, welcher der Name des Vaterlandes sei, für das so viele unserer Kameraden kämpfend sterben mußten: sein Name ist ein Haupt-Wort: Deutschland, nicht dessen Schwundstufe im politisch links wie rechts leider so gewollten Präpositionalausdruck »in diesem Lande«.

Der aus Böhmisch Eisenstein stammende jüdische Schriftsteller Hans Weigel schrieb 1978 das Buch Das Land der Deutschen mit der Seele suchend; es ist ein gelegentlich sogar zärtliches Buch, dessen erstes Kapitel »Bayerisch Eisenstein« heißt. Ich selbst stamme auch aus Eisenstein im Böhmerwald und ich darf meine allgemeinen Gedanken in immer kleinere heimatliche Kreise bringen und pars pro toto also sagen: Weil wir die Vertreibung und Beraubung auch heute noch als himmelschreiendes Unrecht empfinden und zu bezeichnen wagen, tragen wir im Herzen ein bestimmtes Bild von Eisenstein mit seinen Menschen und seiner alten Lebensart, das 1945/46 erstarrt ist: unser geliebtes Eisenstein bleibt uns jung in alle Ewigkeit. Frei von den Belastungen und mancher Dummheit der zu nahen Nachbarschaft und dem Talmi unserer lastenden Gegenwart erstrahlt es um so heller gleichsam makellos als unser

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goldenes Zeitalter. Und einmal enteignet wurde den deutschen Heimatvertriebenen die Heimat doppelt geschenkt, wurde sie ihnen plötzlich heilig; wer einen geliebten Menschen an den Tod verloren hat, der weiß, wie zurückgebliebene, ehedem unscheinbare Gegenstände auf einmal heilig und weihevoll werden. Nicht mehr können wir die Wege gehen, die unsere Eltern, Geschwister und Freunde gegangen sind, nicht mehr dieselben Räume beleben. Nur eines ist Trost: Die Sterne der Heimat strahlen uns auch an fernem Ort -eigentlich und übertragen 21. Jugendliebe, zaghafte Erlebnisse, alte Jugendsünden bescherten uns unvergeßlich unendliche Poesie; mehr als einmal war es, als wir uns wünschten: Zum Augenblicke dürft ich sagen: verweile doch, du bist so schön! 22 Auch dies: Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, von dem goldnen Überfluß der Welt! 23 Zu rasch kam der gewaltsame Abschied. Abschiednehmen ist immer ein bißchen Sterben, ist freilich nie Sterben für immer. Das mag ein wenig trösten. Aber: Fahrt in die Fremde ist ›the journey of no return‹. Wenn jene Machthaber schon unsere Gemeinsamkeit brutal zerstört und vielen von uns die Jugend enteignet haben, so stellen wir ihnen das starke Bewußtsein unserer Gemeinschaft gegenüber, die sich verwirklicht im Bewußtsein unserer Zusammengehörigkeit, der gegenseitigen Hilfe und des alljährlichen Wiedersehens bei der Kirwa in Zwiesel, bei der wir auf jeden neuen alten Bekannten jedesmal wieder zusagen unser ganz schlichtes, aber stolzes »I bin ara Eisenstoina«. Die Not hat uns gelehrt, was wir einander bedeuten, wie sehr wir aneinander hängen, daß es nicht arm und reich, hoch und tief, links und rechts, schön und weniger hübsch zu betonen gilt. Wir erkennen, daß wir im Grunde alle dieselben sind. Es zählt eben nicht, was wirklich nicht zählt. Bei uns herrscht das strenge unbequeme Gesetz von Bescheidenheit und Demut. Man sollte Erdenhaftes nie überschätzen. Wir sind geradezu eine Idealgemeinde, ein Idealstaat im kleinen, modern geredet ein klassenloses Modell 24. Für uns ist nicht wichtig, was einer geworden ist, sondern was einer war und unverändert - hoffentlich - heute noch ist und wenn's der alte Lauser ist. Wir wollen - so gesehen - nichts vergessen und nichts dazulernen, wollen alles reduzieren auf ein Minimum, das eigentlich ein Maximum ist: das Einfache und das Leise, unsere Menschlichkeit! 25

Trotzdem: die vertreibende Barbarei hat doch das eine Ungute erreicht: das Ende jeweils einer Gemeinschaft der Sprache eines herzlichen und herzinnigen Dialektes liebherber Ruppigkeit, der Gewohnheiten, Gebräuche und der guten Sitten: Ende einer ganzen deutschen Kulturlandschaft. Und wenn es sein wird, daß der Böhmerwald uns nicht mehr zurückgegeben wird, dann wird Josef Jungwirth traurig recht behalten: mit seinem Gedicht, das er dem letzten Mann vom Böhmerwald widmet.

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II.

Das Eigene und Fremdes ist ein großes Thema unserer kleinen Zeit; weil Interiorität und Idiologie 26 fehlen, Renaissance des Eigenen also not tut. Es gibt das Eigene und das Andere, Eigennutz und Andernutz, Eigenverständnis und Fremdverständnis, Heimweh und Fernweh. Und Gemeinsamkeit ist das Eigene plus das Eigene 27. Das Neue Testament kennt das Wort Gleichheit nicht, Freiheit sehr wohl 28. Selbstfindung ist die Wirkung von Sinnerfüllung, ist selbsteinschätzender Respekt vor sich selber, Selbstachtung, Gespür und Gefühl für den Eigenwert. Den Verlust des Eigenen und somit des Eigentlichen sollten wir beklagen. Die selbstquälerische Überschätzung des Fremden enteignet unser Selbst. Es gibt Fremde, welche ›Selbstbestimmungsrecht‹ am liebsten nur für Nichtdeutsches sich wünschten, aber es gibt auch die schlimmere Selbsterniedrigung. Wie oberflächlich muß einheimische Wissenschaft zum Beispiel sein, wenn sie fremde Sprache wählt und die Unübersetzbarkeit des Eigenen ihr nichts ausmacht. Und viel allgemeiner: sie wissen nicht, was mein und dein ist; vielleicht hat es sittigende Kraft, wenn sie erst wieder wissen, was - in weiterer Sinngebung - mein ist.

Zwischen Zeitgeist und heiligem Geist besteht eben eine Gleichung nicht. Das Narrenschiff des Zeitgeistes besteigen immer mehr und immer lieber, Untertanen so gern wie Obertanen 29. Und wir alle leiden an den jungen Wörtern, mit welchen Emporkömmlinge uns belästigen und stören 30. »Die herrschen wollen, lieben die Republik, die gut beherrscht sein wollen, lieben nur die Monarchie« (Joseph Joubert). Vieler Zeitgenossen »Leben ist so praktisch, so kompliziert, so hektisch, so aktiv, daß ihnen wenig Zeit zum Denken bleibt« 31. Die Herren Positivisten und Utilitaristen halten Hof und geruhen, das laue Lüfterl ihrer Empirie für einen pfingstlichen Sturmwind zu halten: Lüftlmaler. Sie sind eben nicht besser, aber schlimmer sind die Lügner der offiziellen Lüge, welche die perenne Unwahrheit hoffähig gemacht haben, so arg, daß die Ehrlichen als Lumpen respective Narren gelten. »Die einzige Art zu betrügen, die zuweilen noch Erfolg hat, ist - offenherzig zu sein« (Ludwig Borne, egtl. Löb Baruch, 1786-1837). Aber die Ehrlichen müssen es sich gefallen lassen, daß Lügner ihnen die Grabsprüche meißeln, und das ist schlimm für die der Belehrung bedürftige Jugend. Die großen Naturwissenschaftler haben ihre Kinderkrankheiten der Exaktheitsschwindsucht allenthalben hinter sich gebracht und sind Philosophen geworden, die kleinen sind geblieben was sie waren 32. Viele Geisteswissenschaftler entgeistigen sich zurück zu nacktem Naturalismus 33, Mathematismus und Normierungsfetischismus, zum Beispiel neuzeitlicher Grammatiker, die sogenannte naturwissenschaftliche Exaktheit, Empirismus, kindische Zahlengläubigkeit imitieren. Wenn man schon hörig sein will, suche man sich andere Weide, Augenweide etwa. Ich war Atheist, bis ich merkte, daß ich Gott bin.

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Aber Narrenschiff der Zeit, allgemein, kann Rettungsboot werden, wenn man sich vergessener oder vernachlässigter Ethik besinnt, der altnordischen etwa: »Die Freiheit und Unabhängigkeit des Einzelnen ist uns wichtiger als die Macht, die man durch die Disziplin einer Gemeinschaft gewinnt«, sagt der dänische Physiker Niels Bohr. Die isländische Sage zeigt Männer, »die vor allem frei sein wollten und die eben deshalb auch das Recht der anderen respektierten, ebenso frei zu sein. Gekämpft wurde um Besitz oder Ehre, aber nicht um die Macht über andere. Natürlich weiß man auch nicht mehr so genau, wieviel von diesen Sagen auf historische Begebenheiten zurückgeht. Aber in diesen knappen, chronikartigen Darstellungen dessen, was in Island geschah, steckt eine große dichterische Kraft, und daher ist es nicht so merkwürdig, daß diese Bilder auch heute noch unsere Vorstellung von Freiheit bestimmen. Im übrigen ist wohl auch das Leben in England, in dem die Normannen ja früh eine große Rolle gespielt haben, von diesem Geist der Unabhängigkeit geprägt worden. Die englische Form der Demokratie, die Fairneß und die Rücksicht auf die Vorstellungen und Interessen eines anderen, die hohe Bewertung des Rechtes mögen doch alle auch aus dieser Quelle stammen. Wenn die Engländer ein großes Weltreich aufbauen konnten, so haben dabei diese Wesenszüge sicher eine große Rolle gespielt. Freilich ist im einzelnen auch viel Gewalt geübt worden, wie bei den alten Wikingern« 34.

Das sagt gottlob nicht ein Deutscher, sondern ein Däne. Deutschtümelei von gestern war so falsch wie der Antigermanismus von heute es ist. Für das Germanenbild muß man nicht die Barbarentheorie unfreundlich kritiklos übernehmen, man muß nicht aus jedem Buch über Germanen eine von Selbsthaß triefende Spottschrift machen. Durchaus zu Gesichte und Geschichte steht uns das Attribut »Volk der Dichter und Denker«; denn es leitet sich von dem Engländer Edward George Bulwer her: 1837 widmete er seinen Roman Ernst Maltravers »to the great German people, a race of thinkers and of critics«: dem großen deutschen Volk, einem Geschlecht von Denkern und Kritikern 35. So sind wir eben deutsch wie wir germanisch sind, aber unsere Tradition ist noch weiter.

Ich meine dies: Das Humanum hat für uns ein unkündbares Verhältnis zum Divinum. Hab und Gut im schönsten Sinn dieses Wortpaares ist alsodann unser Glaube. Tuitio fidei, Schutz des Glaubens: eine vornehmere Pflicht als diese kann es deswegen für uns nicht geben. Denn wir müssen wissen, daß wir Gott Glauben nicht schenken, sondern schulden. Aber ein anderer ist der Weg der neueren Menschheit, den Grillparzer uns warnend beschreibt: von der Humanität durch die Nationalität zur Bestialität. »Der Weg der neueren Menschheit geht Von der Humanität Durch die Nationalität Zur Bestialität.« Welchen Weg aber halten wir für den rechten? Von drei Hügeln ist abendländische Humanitas ins Tal unserer Geschichte gelangt: von der Akropolis, vom Kapitol, von Golgotha. Aber alle Weisen des Menschseins gipfeln auf Golgotha.

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Es sind große Namen, welche die großen europäischen Themata, Mensch zu sein, bestimmten und die alle unsere Formen, uns auszudrücken, prägten. Homer, Hippokrates, Sankt Benedikt. Von ihnen allen wissen wir - historisch sozusagen - höchstwenig, sie treten hinter ihrem Werk zurück: es gibt die homerische Frage, den Ungewißheit verratenden Sammelbegriff Corpus hippocraticum, die Kontroverse um die Regula Benedicti und die Magister-Regel. Und trotzdem ist ihre Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte übergroß. Dem hippokratischen Eid 36 danken wir das monumentale Vermächtnis von der durch Menschenhand unverletzlichen Würde des ungeborenen Lebens und damit der Frau. Würde: das ist der ganze Mensch, nicht der kasuistischmedizinisch-juristisch zerkleinerte. Und von der Agrikultur bis zur Cultura animi sind wir benediktinische Menschen. Wer bei uns halbwegs lesen und schreiben kann, ist weitläufiger Verwandter Ordinis Sancti Benedicti. Und wer über die weltweite antikische Wirkung etwas erfahren will, der lese Johannes Urzidils hübsches Buch Amerika und die Antike 37. Darum heißt die Wissenschaft, der dieses Kulturerbe vornehmlich anvertraut ist, ›klassische Philologie‹; »dieses erst am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts aufgekommene Epitheton ist oft beanstandet worden, aber es soll ein äußeres Zeichen dafür sein und bleiben, daß diese Philologie nicht dem modernen Aberglauben einer ›wertfreien‹ Wissenschaft verfällt« (Rudolf Pfeiffer, »Von der Liebe zu den Griechen«, in Ausgewählte Schriften, S. 287).

Schutz des Glaubens, tuitio fidei aber fordert Bewußtsein des Eigenen, Eigenbewußtsein unserer Kultur. Nicht verwaschener ubiquitärer Humanismus ist vonnöten, sondern Philologie des Eigenen. Ihr gegenüber hat die Kirche versagt, als sie die Latinität preisgab, und die CSU, als sie halbherzig wurde gegenüber dem humanistischen Gymnasium. Wir wollen nichts wissen von entsakralisierendem Sozialritus, von provinziell-landeskirchlicher Sprachregelung. Um Sprache, die am strengsten den geschichtlichen Zusammenhang bis zur Gegenwart wahrt, legt sich wie ein Kreis die Religion 38. »Aller Glaube lebt weithin in und durch Sprache. Insoweit ruht seine Erkenntnis auf Sprach Verständnis« 39. Heilig, urgermanisch ›hailagaz‹, heißt etymologisch ›un verletzbar, voll guter Kraft‹. Das Heilige ist die Wurzel der Religion und des religiösen Kultes; denn Kult ist die Verehrung des Heiligen. Philologie des Eigenen also: Sprache und Religion, beide sind enge miteinander verbunden; bei uns sogar ganz spezifisch auf folgende Weise: der älteste überlieferte Beleg für das Wort ›deutsch‹ ist ›theodisca lingua‹ und heißt ›Sprache des Volkes‹, heißt volkhafte Abgrenzung von der grenzunwilligen universalen Latinität der Kirche. Demgegenüber ist die moderne Entwicklung rückschrittlicher Verlust der Sprache: Wer Latinität einreißt, baut Grenzmauern auf. Ehedem war - wie gesagt - Deutsch Volkes Sprache, Latein Idiom des Klerus; heute reden sie beide deutsch und religiöses Verständnis, religiöse Verständigung ist geringer denn je. Es muß überdies gar nicht sein, daß der Priester sich im Gewand so unwohl wie in seiner Sprache nicht mehr vom Laien unterscheidet.

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Ein anderes: es gibt heute Phänomene, die einem gewisse Phänomene alter Kreuzzugssituation über Nacht begreiflich machen 40. Aber anders als wir hatten die damals Betroffenen ein Bewußtsein von Eigenwert: sie wußten, wer sie waren, und sie wußten daher auch, wer ihre Gegner seien. Wissen sollten wir so viel: daß das noch immer leistungsfähigste Propaideuma zum Begreifen des Humanum die alte christkatholische Kulturtradition ist; abendländischchristlich aber wird der Mensch nicht durch lauter Subtraktionen und Neutralitätsakte, durch das Absehen vom eigenen Geworden- und Gewachsensein: was dabei herauskommt, ist nur physiognomielose Ubiquität von Religion, Zivilisationsbrei und am Ende antiseptische Barbarei und Krankheit; Europäer und Christ kann man nur werden durch Ausweiterung des Individuellen in die Tiefenräume einer humanen Erfahrung der vielen Generationen, zu der die Antike nun einmal in einer unaufkündbaren Endgültigkeit den Grund gelegt hat, auf dem das Christentum ›katholon‹ d. h. allumfassend wurde 41.

Vielleicht wird die katholische Kirche einmal über den Quasirebellen Lefebvre gleichermaßen gnädig urteilen wie heute, allzuheutig über den wirklichen Rebellen und Antisemiten Dr. Martin Luther, dem die Messe ein »Meßgreuel« war und der schwachsinnige Kinder als »massa carnis«, Fleischklumpen, zu bezeichnen beliebte, die man ersäufen solle. Der Herr Doktor war zusätzlich noch ein humorloser alleswisserischer Grobian.

Vergesse in allem keiner, was Adalbert Stifter uns eingeschärft hat: »Denn was nur als groß auf Erden besteht, besteht durch Sitte und Treue. Wer heute die alte Pflicht verrät, verrät auch morgen die neue«.

»Katholisch, das ist die Religion, die ich liebe, sie ist so malerisch« weiß Paul Claudel. Malerisch ist dritte Konfession, Fusionsprodukt aus katholisch und evangelisch, keineswegs. Lernen können wir von den Juden, von ihren Bildern und ihrer Weise zu glauben. Katholiken gehören wie Juden zu den Kindern Abrahams, welcher der Vater aller Glaubenden ist. Man ist erschüttert, wenn man jüdischen Gottesdienst anhört, erschüttert ob seiner gewaltigen Großartigkeit und erschüttert beim Vergleich mit liturgischem Kunstgewerbe, das übrig geblieben ist oft dort, wo die größte Liturgie der abendländischen Welt zerstört ist. Bei jüdischer Liturgie versteht man u. U. nichts und doch alles, bei uns versteht man alles und versteht am Ende (da und dort zumindest) die Welt nicht mehr. Die liturgischen Demoskopen täuschen sich. Es gilt, was auf dem Feldweg Heideggers sich ereignet: Die Wenigen werden die Bleibenden sein.

III.

Das homerische Epos hat einen Formelvers für die Anrede eines Fremden: »Tis pothen eis andren? Pothi toi polis ede tokees?« Wer bist du und woher von den Menschen kommst du? Wo ist deine Stadt, wo sind deine Eltern? Seine Eltern nicht kennen ist traurig, sie nicht kennen zu wollen ist unverschämt. Wer nicht nach seinen Eltern fragt, mißachtet die Frage nach sich selbst. Homer fragt den

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anderen, den Fremden: wer bist du? Hier beginnt die europäische Schöpfung, hier beginnt unser ureigenes Menschentum. »Wer bist du« also ist noch homerisch, die vorsokratischen Philosophen und schon gar der große Sokrates fragen sodann: Wer bin ich? Die Fähigkeit zu dieser Frage ist eine Leistung, die größte Leistung aller Zeiten, mit ihr haben die Griechen Europa geschaffen; mit den Antworten rackern wir uns heute noch ab letztendlich ganz natürlich erfolglos. Das aber mindert nicht die Leistung der Frage, weil sie ein Zeichen der mutigen Selbsterkenntnis ist. ›Gnothisauton‹ ›erkenne dich selbst! ‹ lautete später der delphische Auftrag, dem Sokrates demütig diente, dessen Suchen die Erkenntnis krönte ›ich weiß, daß ich nichts weiß‹. Es ist schon herzig, daß der gewiß schwarze Neger Leopold Sedar Senghor 42 unsere Politiker auf den ›homo Europaeus‹, auf Europäertum des Geistes, auf Griechisch und Latein, auf die Kostbarkeit des humanistischen Gymnasiums aufmerksam machen muß. Wir verfügen bereits so wenig über abendländische Gemeinsamkeiten, daß wir erst eine Schulung abhalten müssen, damit wir ein gemeinsames Vokabular erreichen. Wer nicht weiß, wer er ist, ist arm dran. Der ziel- und sinnlose Taten- und Geschwindigkeitswahn unserer Zeit läßt solche Antwort der Selbstfindung nicht zustande kommen: »Ich hab zwar ka Ahnung, wo i hinfahr, dafür bin i eher durt« 43. Dank der totalen Analyse ist der Mensch ein durchsichtiger Hanswurst geworden 44, aber wer und woher er ist, weiß er weniger denn je. Das überrascht den nicht, der weiß, daß Wissenschaft der jeweilige Stand unserer Irrtümer ist.

Europa als Lebensform und das Lob des Westens, das gibt es 45. Für Karl Jaspers liegt »die Eigentümlichkeit Europas in der Kopplung von Freiheitsbegriff, Geschichte, Wissenschaft und Technik« 46. Die das nicht wissen, tummeln sich in ihrer peinlichen Gschaftlhuberei und gönnen ihren eigenen Kindern nicht, was ihnen fehlt, Beispieles halber das humanistische Gymnasium. Aber unser Humanum hat eben unbezweifelbaren Bezug zum Klassischen. Gewissen Politikern mag in ihren billigen Kram, der uns so viel Geld kostet, anderes passen, unsereiner aber, der sich selber waschen muß (= selber den Kopf waschen muß), reinigt sich anders, sieht das alles anders. Auch die oftmalige Minifizenz von Ministern und Politikern kann der Magnifizenz der klassischen Exempel nichts anhaben. Der antikisch-deutsche humanistische Kosmos begeistert sich im Ausruf ›Voilà un homme!‹ Dessen lateinische Übersetzung ist ›Ecce homo!‹, und diese bringt uns zurück in unsere eigentliche Geborgenheit. Man schaut nicht gut aus, wenn man einem anderen ähnlicher schaut als sich selbst. Der Mensch ist nicht nur die zeitgenössische Präsenz von Körperlichkeit und Korpulenz, er ist vielmehr archaisch sowohl wie modern; in ihm lebt etwas von der kulturellen Identität durch Zeit und Raum. Wenn die Vergangenheit sich nicht auf die Gegenwart auswirken darf, dann kann diese Gegenwart sich nicht auf die Zukunft auswirken - dann ist die Gegenwart bedeutungslos. Wenn wir die Klassik retten, dann wird das bleiben, was sein muß; es beschreibt sich in dem Satz: Caesar non supra grammaticos, der

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Kaiser steht nicht über den Philologen. Allen denen, die unsere klassische-christliche-germanische Vergangenheit verraten, erwidere ich mit Bert Brecht: Habt doch nun endlich mit euch selbst Erbarmen! Tät'st Du Dir selbst vertrauen, war alles Kinderspiel. Und Hölderlin: Oft zürnt' ich weinend, daß du immer blöde die eigene Seele leugnest. Bei all dieser Pädagogik geht es nicht um Wissenstümelei, sondern um eine Quintessenz aller Schule, welche Josef Schmidt der Schullehrer von Außergefild vor hundert Jahren schon in das goldene Dictum gefaßt hat: »Hoch über allem Wissen steht das Herz« und mein Kamerad Sepp Skalitzky, geliebter Schullehrer auch, hat uns darauf aufmerksam gemacht. Der Schullehrer Schmidt hat erfaßt, was heute nur den Gescheitesten einleuchtet, daß waschechte Schule auf Begreifen und Verstehen aus ist, darauf aus, Kräfte und Fähigkeiten aufzufalten und nicht Boanlkromerei von Wissen zu sein.

Die Medizin kennt den Begriff der ›facies hippocratica‹, des hippokratischen Gesichts, und sie meint damit die Frage, ob der Patient die veränderten Gesichtszüge eines Sterbenden hat. Dieser Begriff kommt aus dem Corpus hippocraticum, wo Hippokrates den Arzt belehrt darauf zu achten, ob das Gesicht des Kranken sich selbst ähnlich geblieben ist. Dann sei es gut. Schaut es sich selbst aber nicht ähnlich, dann ist der Kranke moribund. Wörtlich heißt es: »Bei den akuten Krankheiten muß man auf folgendes achten: In erster Linie auf das Gesicht des Kranken, ob es dem Gesicht gesunder Menschen gleicht, vor allem aber, ob es sich selbst gleicht. So wäre es nämlich am besten, am schlimmsten aber, wenn es ganz und gar unähnlich ist« (Sigerist). Wie ist es da um die Physiognomie unserer Kultur, auch der religiösen, bestellt? Hat sie noch ihr Gesicht? Sieht sie sich noch ähnlich? Oder liegt sie im Sterben? Facies hippocratica? Oder sind wir selber an ihrem Tod schuld? Weil wir ihr nicht ihr Gesicht lassen. Geschichtslosigkeit verursacht eben Gesichtslosigkeit. Sehen wir uns noch gleich oder schaut uns eher etwas ähnlich? Schauen wir nicht eher anderen ähnlich, die wir nicht sein dürfen und im Grunde auch gar nicht sein wollen? Sind wir uns nicht so unähnlich, ist das Gesicht der Kultur sich so unähnlich, daß es - facies hippocratica - Gesicht des Sterbenden ist? Touristisch-folkloristische Fremdtümelei setzt uns die Masken fremder Kulturen ins Gesicht, wie normenlüsterne Pädagogik und Medizin eher darauf achten, daß der Mensch anderen eher ähnlich sieht als sich selbst. Wenn wir nicht aufhören sollen, uns selber ähnlich zu sein, müssen wir etwas tun; denn auch die Denkmäler für die alten und großen Fragen werden müde: monumenta fatiscunt. Soviel Politik ist sinnlos und das ist ärger, als wenn sie nur falsch wäre. Es hängt viel an dem, was das unser Eigene sei. Odysseus mußte nach langen Jahren seiner Odyssee heimkehrend seiner Gattin Penelope seine eigene Einerleiheit bewahrheiten, durch geheime, aber wichtiger noch: deutliche Zeichen, Wahrzeichen seiner selbst (Od. XXIII 110, 153/240, 295). Ich bin optimistisch: alle unsere schwarzseherischen Rechnungen veranstalten wir ohne die Komponente Herrgott; aber Europa ist auch kräftig genug, sich selbst

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zu erneuern, es hat etliche Wiedergeburten hinter sich, Renaissancen; wir brauchen nur eine neue Renaissance, die geschehen wird, wenn wir dem anthropozentrischen Humanismus widersagen, Demut vor Gott zurückgewinnen, unseren großen Herren des Momentanen so manche Hoffart abgewöhnen und austreiben.

Sanfte Verschwörung: damit sind wir dort, wo ich sein will. Sie merken es schon: das sanfte Gesetz des Adalbert Stifter: unter seinem Namen haben wir uns wiedergefunden und nach dem Gesetz seiner still-sanften Gesinnung haben wir 1945 begonnen, geduldig die Harmonie wiedergutzumachen, gestörte von denen, die uns davongejagt haben. Was uns von Adalbert Stifter so heimelig ankommt, ist sein ›sanftes Gesetze Wir vermuten nicht zuviel, wenn wir es mit seiner Schulzeit bei Benediktinermönchen verbinden, deren Wesen die ›discretio Benedictina‹ ist, die hinwieder pädagogisch ist, Paideia Benedictina ruhiger Bildung und stillen Gelehrtentums. Ich meine die acht Jahre der frühesten Stifterschen Jugend in Kremsmünster, die seine schönsten waren, »weil sie die reinsten waren«, dort hütete ihn sein geliebter Lehrer und Landsmann Pater Placidus Hall (aus Oberplan stammend wie er); es waren Jahre der Klösterlichkeit, die wiederkehrt in der »windstillen« Welt des »Nachsommers«. Stifters sanftes Gesetz quillt aus schöner Seele des benediktinischen Ethos, aus großem Programm individualistischer Pädagogik. Gemäß Benedikts Gebot der Ordensregel darf der Abt nicht Normen errichten, denen der Mönch zu entsprechen oder an denen er zu zerbrechen hätte, vielmehr ist es äbtliche Aufgabe, die Virtus des Einzelmönchs zu ermitteln und sie individuell zu protegieren. Gegenüber dieser benediktinischen Erziehung und Bildung nimmt sich so mancher didaktischer New Look museal aus. Genau daher, von Benedikt her aber leitet sich Adalbert Stifters sanftes Gesetz, das er in der Vorrede zu den Bunten Steinen zusammen mit seinen Ansichten über Großes und Kleines begründet. »Ich bin ein Mann des Maßes und der Freiheit« sagte er. Wir wollen das sanfte Gesetz zu erblicken suchen, wodurch das menschliche Geschlecht geleitet wird, wir wollen es suchen und halten! Diese Vorrede stellt für »den Freund der Dichtung Stifters ein ähnliches Dokument dar wie für Beethovenfreunde das Heiligenstädter Testament« (Mühlher). Und diese Vorrede hat rettende Bezüglichkeit zu gegenwärtiger Notwendung, sie verrät, wie sehr oft klein ist, was als groß gilt. Und wir wissen, daß die Böhmerwaldkinder gelehrig sind; ich darf eines von ihnen zitieren, keinen Geringeren als Seine Exzellenz den hochwürdigsten Herrn Bischof von Passau Antonius Hofmann, der sich in seinem Wappen nennt ›Minister in medio vestrum‹: Diener in eurer Mitte. Stifters sanftes Gesetz ist aus der Revolution von 1848 auch zu verstehen, gegen die es sich richtet, liebte es doch die organische Evolution. Daher ist es, daß die linke Literaturwissenschaft mit Stifter keine Freude hat. Wir aber empfinden ausgerechnet das, was anderen nicht behagt, als kostbares Vermächtnis und hinterlassene Botschaft des Böhmerwaldes an die gutwillige Welt: eben das sanfte Gesetz, mit dem unser

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Landsmann Adalbert Stifter uns auf monastische Weise eingeordnet hat in die große europäische Dimension. Es möge sein deutscher Beitrag zur Humanität 47.

Anmerkungen:

1. Karl Heinrich Waggerl, Vagabund an der Leine, Ullstein Buch Nr. 412, S. 67. -Bezaubernd und rührend ist meines nunmehr in Gott ruhenden greisen jüdischen Freundes Reinhold Regensburger Kleiner Liebesbrief an das große Berlin (gedruckt in der Offizin Chr. Scheufele in Stuttgart 1967), der vom heimatfernen englischen Cambridge aus geschrieben wurde.

2. Im »Heidedorf« sang Stifter das hohe Lied der Heimat.

3. »Volk und Knecht und Überwinder, sie gestehn zu jeder Zeit: Höchstes Glück der Erdenkinder sei nur die Persönlichkeit« (Goethe). Vgl. Jose Ortega y Gasset, Um einen Goethe von innen bittend, 1932.

4. Abt Norbert Mußbacher (Stift Lilienfeld), Kristallisation - Gedichte, 1977, S. 34.

5. Rudolf Kubitschek, »Tief drin im Böhmerwald«. Das Lied der Böhmerwäldler, Carl Maasch's Buchhandlung A. H. Bayer, Pilsen, 21941. Prof. Kubitschek, »der Kubo«, war mein Lehrer für Deutsch und Geschichte an der Pilsener Oberschule: eine liebenswürdige nonkonformistische Gestalt!

6. Kubitschek, aaO. , S. 8 u. U.

7. Karl Franz Leppa, »Andreas Hartauer / Was einst der Wald dir rauschte, / macht uns die Seele schwer; / was einst dein Herz erlauschte, / klingt über Land und Meer«.

8. »Du Lied des Heimwehs, Odyssee!« (Geibel). Homer, Odyssee I 57/59: »Aber Odysseus sehnt sich danach, auch nur den Rauch über seinem Vaterland aufsteigen zu sehen, bevor er sterbe«. Odyssee IX 34/36: »Denn nichts ist doch süßer als unsere Heimat und Eltern, wenn man auch in der Fern' ein Haus voll köstlicher Güter, unter fremden Leuten, getrennt von den Seinen, bewohnet« (Voß). Odyssee XIII 353 f. : »Da freute sich also der göttliche Dulder Odysseus und war glücklich über sein Vaterland, er küßte die fruchtbare Erde«. Vgl. das Preislied des Dichters Sophokles auf seine Heimat im Oidipus auf Kolonos, 668-719; zu hypsipolis/apolis vgl. Antigone 368/371- Euripides, Medea 649 f. : »Es gibt kein höheres Übel, als des Vaterlandes beraubt zu werden«.

9. Beim Einmarsch der Russen in die Tschechei am 21. August 1968 jammerte die Presse. Aber wo war 1945/46 die Empörung, als Deutsche Böhmens malträtiert, gemordet, verbannt wurden? Das Ausland, das doch immer ein so gutes Gewissen hat, verharrte in peinlicher Stummheit, die deutsche Lizenzpresse sowieso. Aber als anständiger Mensch hat man jederzeit und überall seine protestierende Stimme zu erheben, wenn Unrecht geschieht. Man genügte ja oft nicht einmal der Chronistenpflicht, der Pflicht zur neutralen Berichterstattung. Und überdies muß man wissen, daß die größten Gemeinheiten von Obrigkeiten ausgehen. Daher müssen wir unentwegt aufpassen, daß Obrigkeit nicht Niedrigkeit wird.

10. Vgl. aber auch Erik v. Kuehnelt-Leddihn, in Zeitbühne, Mai 1983, S. 22/24, Juni 1983, S. 24/26, und in der Zeitung Die Presse. Unabhängige Zeitung für Österreich (spectrum 26. /27. Juni 1982).

11. Wolfgang Borowsky, Die »neue Welt« - Vorspiel der Hölle. Biblische Betrachtung zur antichristlichen One-World-Bewegung in der Hoffnung auf Jesus Christus. Den belogenen und verratenen Völkern und der verfolgten Kirche gewidmet, Saterland Verlag, 1982; S. 56 f. ; Friedrich Holtschmidt (Hg. ), Stern von Bethlehem. Ursprung, Wesen und Ziel der Freimaurerei, Hünstetten/Taunus 1981; R. Sebott, »Die Freimaurer und die Deutsche Bischofskonferenz‹‹, in Stimmen der Zeit, 1981, S. 75/87;]. Stimpfle, Die Freimaurerei und die Deutsche Bischofskonferenz, Zu dem Artikel von Reinhold Sebott (aaO. , S. 409-422).

12. Vgl. Rilkes Gedicht »Die großen Städte sind nicht wahr«, im Stundenbuch.

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13. Vgl. Oscar Schneider, Heimatpflege zwischen Tradition und Fortschritt, Heideck 1976.

14. Formulierungen in diesem Satz nach Rilke: 3. , 7. , 9. Duineser Elegie.

15. Ulrich Wyss, Die wilde Philologie. Jacob Grimm und der Historismus, München 1979, S. 264.

16. Jacob Grimm, De desiderio patriae. Antrittsrede an der Göttinger Universität, gehalten am 13. November 1830. In dieser Rede findet sich »eine Polemik gegen das Haus Habsburg, das, im Besitz der höchsten Reichsgewalt, die Bedeutung der Sprache als ›uniam reip. causam plerumque‹ vernachlässigte« (Wyss, aaO. , S. 270).

17. Bde. I/IV 1840/1863. Rudolf Hübner, Jacob Grimm und das deutsche Recht, 1895; Eberhard Freiherr von Künßberg, Deutsche Bauernweistümer, 1926.

18. Jacob Grimm, De desiderio patriae, ed. W. Ebel, S. 12.

19. Ebenda, S. 17.

20. Ebenda, S. 19.

21. Vgl. das Lied aus den Kriegsjahren: »Länder und Meere, so schön und so weit, Ferne, zu Märchen und Wundern bereit, alle Bilder müssen weichen, nichts kann sich mit dir vergleichen! Dir gilt mein Lied in der Ferne, Heimat. Heimat deine Sterne, sie strahlen mir auch am fernen Ort. Was sie sagen, deute ich ja so gerne als der Liebe zärtliches Losungswort. Schöne Abendstunde, der Himmel ist wie ein Diamant. Tausend Sterne stehen in weiter Runde, von der Liebsten freundlich mir zugesandt. In der Ferne träum' ich vom Heimatland«. Erich Knauf (Text), Werner Bochmann (Musik), 1942.

22. Goethe, Faust II (»Vorhof des Palastes«).

23. Gottfried Keller, Abendlied.

24. Gewiß sind wir keine gleichförmige Gesellschaft, aber wer Leistung vollbringt, wem ein Werk gelingt, er soll nach rascher Genugtuung gleich diese abstreifen.

25. Mich rührt so sehr / böhmischen Volkes Weise, / schleicht sie ins Herz sich leise, / macht sie es schwer. / Wenn ein Kind sacht / singt beim Kartoffeljäten, / klingt dir sein Lied im späten / Traum noch der Nacht. / Magst du auch sein / weit über Land gefahren, / fällt es dir doch nach Jahren / stets wieder ein (Rainer Maria Rilke).

26. Idios griech. , heißt ›eigen‹.

27. Eduard Spranger, Der Bildungswert der Heimatkunde. Mit einem Anhang »Volkstum und Erziehung«, 31952; Georg Migersdorffer, »Von der Geburtsheimat zur geistigen Heimat. Zum antiken Modell eines Bewußtseinswandels« (Vierteljahrsschrift des Adalbert-Stifter-Instituts des Landes Oberösterreich 25,1976, S. 131/142).

28. Erik von Kuehnelt-Leddihn, »Die linke Versuchung des Christentums«, in Zeitbühne, Juli/August 1980 S. 23 ff.

29. Heinz Friedrich, Im Narrenschiff des Zeitgeistes. Unbequeme Marginalien, München 1972.

30. Hans Weigel, Die Leiden der jungen Wörter. Ein Antiwörterbuch, 1974.

31. Das sagte Tocqueville szt. über die Amerikaner.

32. Hans Daiber, in Der Reiz der Wörter, Stuttgart 1978, S. 39 f. ; Friedhelm Kemp, S. 122/ 124.

33. Vgl. Charles Lichtenthaeler, Geschichte der Medizin, Köln-Lövenich 31982, S. 245.

34. Niels Bohr in Werner Heisenberg: Der Teil und das Ganze. Gespräche im Umkreis der Atomphysik, München 31976.

35. Erich Kleinschmidt, »Konservative Revolution und heroischer Existentialismus«, in DVjs, 57, 1983, S. 469/498, bes. S. 481.

36. Die griechische Antike kannte auch einen Richter-Eid, für attische Bürger, der höchst beachtlich ist, der aber über keine Wirkungsgeschichte verfügt; Wilhelm Krause, Die Griechen. Von Mykene bis Byzanz, Wien 1969, S. 289 u. 333 ff. -Die entschiedensten Gegner des Abtreibungsparagraphen 218 sind Gynäkologen. Wo sie kompetent sind, dort endet die Kompetenz der Juristen. H. -P. Krieglsteiner u. R. Strigl, »Konfliktberatung beim Schwangerschaftsabbruch. Ärztlich bedeutsame Gesichtspunkte«, in Bayerisches Ärzteblatt, 1980, S. 935/947.

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37. Reihe »Lebendige Antike«, Zürich-Stuttgart 1964.

38. Formuliert nach F. Stroh, Handbuch der germanischen Philologie, Berlin 1952, S. 30.

39. Ebenda, S. 639.

40. Vgl. D. Schmitz-Burchartz, »Handamputationen als Strafmaßnahme«, in Medizinische Welt, 32, 1981, S. III.

41. Von ›das noch immer leistungsfähigste Propaideuma‹ an sind viele Formulierungen Otto Seel (offener Brief zum Terminologiekurs der Medizinstudenten) entnommen; die damit ausgedrückten Inhalte verantworte ich.

42. Senghors Rede Über den Wert des Unterrichts in den klassischen Sprachen, Rom 1973, wurde in der Übersetzung von Prof. Walther Kraus, Wien, von der »Arbeitsgemeinschaft zur Förderung humanistischer Bildung in Bayern e. V.« (Vorsitzende: Prof. Dr. -Ing. Gerd Albers, Prof. Gerhard Pfohl, Rechtsanwalt Dr. iur. Wilhelm Faltlhauser)1983 als eigene Werbeschrift für das humanistische Gymnasium und die humanistische Universität herausgegeben.

44. Kurt Marko, »Gerontokratische Epigonen, rebellierende Frauen, jugendliche Waldgänger«, in Unser Epigonen-Schicksal. Nichts Neues unter der Sonne, Herder-Bücherei Initiative 35, Freiburg 1985, S. 130.

45. Manfred Schlapp, in Unser Epigonen-Schicksal Nichts Neues unter der Sonne, aaO. , S. 165; vgl. G. Pfohl, »Der fortschrittelnde Mensch ein durchsichtiger Hanswurst und Strizzi. Oder: Katholischer Wein läßt sich trinken, katholischer Gspritzer nicht«, in Arzt und Krankenhaus, 57, 1984, S. 183/186.

45. Reinhold Schneider, Europa als Lebensform, Köln-Olten 1957; Richard F. Behrendt, Lob des Westens, Zürich 1947.

46. Karl Jaspers, »Vom europäischen Geist«. Vortrag gehalten bei Rencontres Internationales de Genève im September 1946, München 1947.

47. Bekenntnishaft ist die Strophe des Arbeiterdichters und Sozialisten Karl Bröger: »Immer schon haben wir eine Liebe zu dir gekannt, / bloß: wir haben sie nie bei ihrem Namen genannt. / Herrlich zeigte es aber deine größte Gefahr, / daß dein ärmster Sohn auch dein getreuester war. / Denk es, o Deutschland.«

(Schreibweise und Zeichensetzung dieses Beitrages nach ausdrücklichem Wunsch des Verfassers)

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