HANS PIETSCH
Europa und der Panslawismus

Europa war immer selbstsicher. Fast nie haben die Europäer am Bestand ihres Erdteiles gezweifelt. Man wußte, daß Staaten bestehen und auch vergehen können, die europäische Völkergemeinschaft erschien aber ewig zu währen. Sorglos hat man untereinander Kriege geführt, sich wirtschaftlich bekämpft oder gegenseitig unterstützt. Niemals (außer bei der Türkengefahr) aber hat man daran gedacht, daß Europa gegen von außen kommende Feinde gemeinsam verteidigt werden müßte. Man kannte eben keine Feinde Europas, Angriffe gegen dessen Bestand waren unvorstellbar. Deshalb wurden auch jegliche Warnungen vor Angriffen ignoriert.

Diese Ignoranz war jedoch von einer geradezu selbstmörderischen Leichtfertigkeit. Denn schon seit Generationen wurde gewarnt. Es waren die Stimmen von Karl Marx, Donoso Cortes, Alexis de Toqueville, Constantin Frantz und vielen anderen bedeutenden Kennern der Geistesgeschichte und der politischen Situation.

So hat schon Alexis de Toqueville in Die Demokratie in Amerika vorausgesehen: »Es gibt heute auf der Erde zwei große Völker, die - von verschiedenen Punkten ausgehend - zum selben Ziel vorzurücken scheinen: die Russen und die Angloamerikaner.« 1

Daneben hielt der große spanische Denker Donoso Cortes im Jahre 1850 eine aggressive Verbindung eines Panslawismus unter russischer Führung mit dem Sozialismus für möglich: »Ich halte eine Revolution in Petersburg für eine leichtere Angelegenheit denn in London.« 2

Der bedeutende deutsche Historiker Constantin Frantz schrieb schon kurz nach dem Jahre 1848: »Rußland will ein Weltreich gründen, auf dem zusammengebrochenen Österreich, und wenn Preußen nicht erkennt, daß sein Schicksal an der Weichsel und nicht am Rhein entschieden wird, dann wird dieses russische Weltreich seine natürliche Grenze an der Elbe finden, in der Linie von Hamburg nach Triest. Ferner: Zu der einen Großmacht Rußland, die Weltmacht werden will, gesellen sich die USA. Nur diese beiden Mächte werden sich behaupten.« 3

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Und Karl Marx, der sich in seinen Prognosen sonst fast immer geirrt hatte, sagte in diesem einen Fall richtig voraus: »Es wird darauf hinauskommen, daß die als natürlich erscheinende Grenze Rußlands von Danzig oder vielleicht von Stettin bis nach Triest verläuft. Und so sicher, wie eine Eroberung die andere, eine Annexion die andere nach sich zieht, ebenso wird die Eroberung der Türkei durch Rußland nur ein Vorspiel sein für die Annexion Ungarns, Preußens, Galiziens, für die letzte Verwirklichung eines slawischen Reiches, von dem gewisse fanatische panslawistische Philosophen geträumt haben.« 4

Diese Warnungen waren unüberhörbar und sind trotzdem ignoriert worden. Dabei war damals Europa durch den im Wiener Kongreß geschaffenen Deutschen Bund wohl am sichersten geschützt.

Das Gebiet des Deutschen Bundes ging von der Nordsee als Teil des Atlantiks und der Ostsee nach Süden bis nach Istrien und reichte weit gegen den Osten. Dazu kamen dann noch große, nichtdeutsche Gebiete als Teile der österreichischen Monarchie, so daß die wirtschaftlichen Grenzen von der Nord- und Ostsee bis nach Kotor in Montenegro und im Osten bis zur Linie von Tarnopol über Czernowitz bis Kronstadt reichten.

Dieses riesige Gebiet stellte keine starke und schlagkräftige militärische Macht dar. Dagegen war es bei vernünftigem Ausbau der Handelsbeziehungen der Länder untereinander unschwer zum mächtigsten Wirtschaftsgebiet zu entwickeln. Drei Meere fanden sich an seiner Grenze, reiche landwirtschaftliche Gebiete und gewaltige Bodenschätze bildeten das Fundament einer einmaligen wirtschaftlichen Stärke, die auf andere Länder anziehend gewirkt hätte. Die im Deutschen Bund vereinigte wirtschaftliche Kraft wäre bei richtiger Wirtschaftsführung unangreifbar geworden. Als deshalb in Preußen der Gedanke zur Gründung eines deutschen Reiches ohne Österreich auftauchte, wurde vor der Verwirklichung der »kleindeutschen Lösung« gewarnt.

Es war in Europa bekannt, daß schon Peter der Große durch seine Reise nach Amsterdam den Wert eines Handelshafens für das Wirtschaftsleben eines Landes kennengelernt hatte. Die westliche Grenze Rußland lag damals dicht vor Moskau, das Reich endete bei Wladiwostok. Dieser einzige Hafen Rußlands war nicht eisfrei, der Zar hatte deshalb die Stadt St. Petersburg gegründet, deren Hafen jedoch ebenfalls im Winter zufror. Damals schon ist der spätere, wenn auch blinde Glauben an den Zuwachs an Macht durch den Besitz von eisfreien Häfen entstanden. Von da anblickte Rußland nach dem Westen über Europa hinweg zu den Häfen von Stettin und Hamburg, im Süden nach den Häfen an der Küste Dalmatiens und des griechischen Mazedoniens, das 1913 von Bulgarien schon einmal erobert worden war. 5

Der Wunsch nach dem Besitz solcher Häfen wurde dann zum Kernpunkt der lose verbundenen politischen Richtung des Panslawismus. Übersehen wurde dabei allerdings, daß auch eisfreie Häfen nur dann Sinn haben, wenn bei ihnen ein reiches Wirtschaftsleben blüht, das den Überseehandel ermöglicht. Dieses hat hier fast überall gefehlt.

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Die Anhänger dieser politischen Idee fanden sich in vielen slawischen Ländern, meist unter den Russen, den Tschechen und unter den Südslawen bei den Serben. Sie hatten sich oft zusammengeschlossen oder hielten auch nur privaten Kontakt untereinander. Sie fanden sich in allen Schichten der Völker und in politisch einflußreichen Positionen. Überall entstanden Pläne, wie die Vereinigung der slawischen Völker erreicht werden könnte. Im Zuge der nach der Französischen Revolution in fast allen Völkern Europas entstandenen nationalen Bewegungen haben die Panslawisten durch ihren Zusammenschluß und ihre Ziele, nämlich Verschiebung der Grenze Rußlands nach dem Westen und Vereinigung der slawischen Völker in einem allslawischen Reich, die wohl stärkste und einflußreichste politische Kraft entwickelt. Während sich die nationalen Bewegungen in den einzelnen europäischen Ländern häufig zu einer aggressiven Gegnerschaft zu den Nachbarvölkern entwickelten, was zu Uneinigkeit und Kriegen untereinander geführt hat, haben die Panslawisten durch ihre Einigkeit und Ausdauer ihre Ziele fast gänzlich erreicht. Im westlichen Europa gab es diese Einigkeit und die wirksame Vorausplanung über Generationen hin nicht. 6

Als Beginn des aktiven und erfolgreichen Panslawismus kann das Jahr 1848 angesetzt werden.

Als vom Fünfziger-Ausschuß die Einladungen zur Teilnahme am ersten deutschen Parlament in Frankfurt an alle Bewohner des Gebietes des Deutschen Bundes ergingen, haben in Böhmen und Mähren die dort lebenden Deutschen die Einladungen angenommen und Vertreter in die Paulskirche entsandt. Die Tschechen dagegen hatten die Einladung auch erhalten, die jedoch von dem tschechischen nationalen Führer Frantisek Palacky abgelehnt wurde. Dieser hat dann sofort den Allslawischen Kongreß nach Prag einberufen, an dem Vertreter fast aller slawischen Völker teilgenommen haben. Dort wurde die Verschiebung der Grenze der slawischen Länder in westliche Richtung beschlossen. Der Balkan sollte unter Zerstörung der beiden dort vorherrschenden Staaten Türkei und Österreich zu einem südslawischen Staat und daneben zu einem mazedonischen Reich, bestehend aus Bulgarien und dem griechischen Mazedonien an der Ägäis, geschaffen werden.

Hierzu hatte der Tscheche Frantisek Zach schon 1843 einen Entwurf zur Zerstörung der Türkei und Österreichs geschaffen, den er dem späteren ersten Ministerpräsidenten des Königreiches Serbien, Ilija Garasanin, übergeben hat. Dieser hat den Plan, die »Nacertanije«, insofern abgeändert, daß nicht ein südslawisches, sondern ein großserbisches Reich erstrebt werden solle. 7

Dieses Ziel wurde durch Generationen hindurch verfolgt und größtenteils erreicht. 1878 wurde im Internationalen Kongreß von Berlin die europäische Türkei aufgelöst, und die Länder wurden verteilt, darunter Bosnien an das Kaiserreich Österreich. Der Kampf zur Zerstörung Österreichs ging weiter und wurde eingeleitet durch das Attentat von Sarajevo. Der damalige Chef des militärischen Geheimdienstes Serbiens, Dragutin Dimitrijevic, hatte in

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Zusammenarbeit mit dem russischen Botschafter in Belgrad eine Gruppe junger Serben aus Bosnien im Gebrauch von Schußwaffen und Bomben ausgebildet, bezahlt und mit falschen Papieren versehen. Sieben Attentäter aus dieser Gruppe haben dann beim Besuch des Thronfolgers Franz Ferdinand am Vidovdan in Sarajevo entlang der Fahrtroute beim Einzug des Thronfolgers ein Mörderspalier gebildet, wonach dann der Bombenwurf des Cabrinovic fehlging und Princips Kugeln getroffen haben. 8 Das Attentat war zu diesem Zeitpunkt zur Erreichung der panslawistischen Ziele notwendig, weil mit dem baldigen Ableben des greisen Kaisers Franz Josef gerechnet werden mußte und der Thronfolger Franz Ferdinand beabsichtigt hatte, die zur Kaiserkrone gehörenden südslawischen Völker der Kroaten, Slowenen und Bosnier in einem neu zu schaffenden Königreich zu vereinen. Dieses Land wäre ein unüberwindliches Bollwerk gegen die Schaffung eines großserbischen, die dalmatinische Küste in Besitz nehmenden Königreiches gewesen. Außerdem war kurz zuvor, 1913, die Spionagetätigkeit des österreichischen Chefs des militärischen Geheimdienstes, Oberst Redl, für Rußland entdeckt worden. Rußland kannte dadurch sämtliche Kriegspläne Österreichs und konnte daher eine wirksame Gegenstrategie entwickeln. Die Umarbeitung dieser Pläne wäre allerdings in wenigen Jahren abgeschlossen gewesen, so daß dann die Siegeschancen gegen Österreich enorm gesunken wären. Unter diesem Aspekt zeigen die beiden kriegerischen Angriffe Jugoslawiens gegen Österreich in den Jahren 1919 bis 1921 und 1945 mit dem Ziel der Okkupation Kärntens und auch der 1992 begonnene Krieg in Bosnien erst ihren wahren Sinn. Außerdem hatte die CSR 1918 ein rein ungarisches Gebiet mit mehr als einer Million ungarischer Bewohner okkupiert und Zustimmung hierzu im Fridensdiktat von St. Germain erhalten.

Eine Hochburg des Panslawismus befand sich in Prag, wo seit dem Slawenkongreß von 1848 Pläne zur Zerstörung Österreichs und Deutschlands, sowie zur Schaffung des Großslawischen Reiches entwickelt worden waren. Die Krone dieser Pläne entstand im »Hanus-Kuffner-Plan«, einer Gemeinschaftsarbeit von Hanus Kuffner mit mehreren Politikern seiner Richtung. Dieser Plan war während des Ersten Weltkrieges den Alliierten als Vorlage für die Neuordnung Europas zugeleitet und nach dem Krieg bekannt geworden. Er ist dann 1922 in Warnsdorf in Nordböhmen in deutscher Übersetzung erschienen. Gemäß diesem Plan sollten die Flächen der Staaten Deutschösterreich und Ungarn erheblich verringert und dadurch die slawischen Nachbarstaaten vergrößert werden.

Für Deutschland war ein »Deutsches Reservat« im Gebiet vom Raum Passau bis Leipzig, von dort nach Köln und nach Süden zum Bodensee vorgesehen. In Norddeutschland sollten mehrere Pufferstaaten gebildet werden, wenn auch mit deutschen Bewohnern, jedoch unter nichtdeutscher Oberhoheit. Die Tschechoslowakei sollte fast bis Berlin reichen, ferner sollten Oberösterreich, Passau, Teile der Oberpfalz bis Regensburg und die Grenzgebiete bis Hof an

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sie fallen. Der Nordosten Europas, einschließlich Ostpreußen und Pommern, bis etwa Stettin, sollte ebenfalls Polen oder Kleinrußland einverleibt werden. 9 Auch der Morgenthau-Plan basierte auf dem Hanus-Kuffner-Plan.

Dieser Plan hat, ähnlich wie andere solche Pläne, in Europa oder zumindest in Deutschland keine Reaktionen hervorgerufen. Lediglich die Sudetendeutschen haben schon vor Ende des Ersten Weltkrieges Kenntnis von den Zielen erhalten und von da an ihr 1945 eingetretenes Schicksal befürchtet. Schon 1848 haben ihre Abgeordneten im ersten deutschen Parlament in der Paulskirche in Frankfurt gegen die Trennung Deutschlands von Österreich plädiert, jedoch ohne Erfolg. So nahm das Schicksal der Ostgebiete seinen Lauf.

Durch die Zerschlagung der österreichischen Monarchie sind dann die vielen Probleme der österreichischen Innenpolitik plötzlich zu brennenden europäischen Problemen geworden, die bis heute Zündstoff für nicht mehr behebbare Spannungen geworden sind. 10

Dies gilt besonders für die nach dem Ersten Weltkrieg entstandene Tschechoslowakei, von der allein von Frankreich und England wegen der verfehlten Politik gegen die Sudetendeutschen am 19. 9. 1938 die Abtretung des Sudetengebietes gefordert und am 21. 9. 1938 zugestanden worden war. Auf Grund dieses Zugeständnisses hat die tschechische Regierung schon am 21. 9. 1938, also acht Tage vor dem Münchner Abkommen, die Konsequenzen gezogen und mit dem Abzug des Militärs, der Gerdamerie, der Grenzposten und der zum Zwecke der Slawisierung in das Sudetenland versetzten tschechischen Staatsbeamten begonnen. Das ergibt sich aus der Abendausgabe des Gablonzer Tagblattes vom 22. 9. 1938, in der gemeldet wird, daß Militär und Gendarmerie bereits auf tschechisches Gebiet abtransportiert worden sind, die Postbeamten das Amtsgebäude verlassen haben und der Grenzdienst von deutschen Ordner versehen wird. Damit steht fest, daß die tschechische Regierung durch die am 21. 9. 1938 begonnene Räumung, also durch kon-kludente Handlung, ihr Einverständnis in unwiderruflicher Weise erklärt hat. Deshalb ist auch die im Artikel I des Staats Vertrages Bonn-Prag vom 20. 6. 1973 enthaltene Vereinbarung über die »Nichtigkeit« des Münchner Abkommens ein rechtliches Nullum und damit unsinnig. Erst nach dem 22. 9. 1938 hat sich die Notwendigkeit eines Abkommens über die Modalitäten der Übergabe des Landes gezeigt, das dann erst angeregt und auf den 29. 9. 38 (Münchner Abkommen) angesetzt worden war. Es enthält ausdrücklich nur Durchführungsbestimmungen und weist in der Präambel ebenso ausdrücklich auf die bereits getroffene Vereinbarung der Abtretung hin. 11

In Rußland, dem führenden Staat des Panslawismus, hat sich eine andere Entwicklung ergeben. Dort wurde 1918 das sozialistische System als Staatsform übernommen. Damit hat der Panslawismus wohl die beste denkbare Tarnung erhalten. Denn alle Pläne zum Vordringen Rußlands nach Westeuropa wurden nun durch die propagierten Ziele, wie »Proletariar aller Länder vereinigt Euch« und Ausbreitung des Sozialismus zur Weltherrschaft, verdeckt.

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Von da an deckten sich die jeweiligen Endziele beider Systeme. Es fiel somit nicht auf, daß die erste sowjetische Verfassung von 1918 das Liktorenbündel - Symbol des Faschismus - als Bestandteil des sowjetischen Staatswappens zeigt, weil der ursprüngliche Sozialist Mussolini das sowjetische System in Italien einzuführen versprochen hatte. Damit wurde die Symbiose der alten, großmachtorientierten panslawistischen Politik mit dem Sozialismus sowie das Ziel, am Mittelmeer Fuß zu fassen, erkennbar. 12 Das christliche Italien hatte jedoch den materialistischen Sozialismus abgelehnt, so daß der erste Expansionsversuch gescheitert ist.

Danach provozierte die Sowjetunion den spanischen Bürgerkrieg, um über ein sozialistisches Spanien die Herrschaft über die Straße von Gibraltar und damit die Macht über das Mittelmeer zu gewinnen. Aber auch dieser Versuch, den Machtbereich nach Westen zu erweitern, ist gescheitert, nicht zuletzt deswegen, weil die wahren Ziele des mit dem Panslawismus verbundenen Sozialismus und dessen Brutalität zu erkennen waren.

Allerdings hat Rußland durch die im Jahre 1918 erfolgte Einführung des Sozialismus, bzw. dessen Vereinigung mit dem Panslawismus, das dem Sozialismus systemeigene Todesvirus der ruinösen Wirtschaftsführung in sich aufgenommen. Deshalb sind mit dem Zusammenbruch des Sozialismus auch die Erfolge des Panslawismus zerstört worden.

Dies zeigt sich auch an der Tschechoslowakei, die nunmehr durch den Einsturz des sozialistisch-panslawistischen Systems wiederum alle Volksgruppen, die 1918 in den Staat hineingezwungen worden waren, verloren hat. Hier ist allerdings zu beachten, daß sich in den Sudetenländern der größte Teil der Industrie der Monarchie befunden hatte, der Staat also übermächtig industrialisiert war.

Die erste Tschechoslowakei war schon einmal, 1938/1939, auseinandergefallen, weil keine ihrer Volksgruppen in diesem Staat bleiben wollte.

1945 wurde dann der alte, tschechische Plan zur »Entgermanisierung« durch die Vertreibung der deutschen Bevölkerung verwirklicht. Dadurch hat sich der tschechische Staat selbst seinen Todesstoß versetzt, der wirtschaftliche Verlust kann nicht mehr aufgehalten werden.

Denn bei der Vertreibung haben die Deutschen nicht nur die ihnen erlaubten dreißig Kilo Gepäck, sondern das gesamte Know how für den Betrieb des seit fast 800 Jahren bestehenden ältesten Industriereviers Mitteleuropas mitgenommen. Die Tschechen haben nur die Gebäude und die Maschinen behalten, das gesamte Wissen und die viele Jahrhunderte alte Erfahrung haben die Deutschen nach dem Westen gebracht. Das hatte zur Folge, daß der größte Teil der industriellen Gebäude verfallen und die Maschinen verrostet und dann beseitigt worden sind. Dieses zerstörte Gebiet war einmal in Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft führend. Dafür ist Johann Wolfgang von Goethe ein unbestechlicher Zeuge. Dieser hat sich bei seinen siebzehn Besuchen insgesamt mehr als drei Jahre in West- und auch Nordböhmen aufgehalten,

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wovon die erst 1899 verstorbene Ulrike von Levetzow der Generation unserer Großeltern oft und gern erzählt hat. Sie lebte als Schloß- und Gutsbesitzerin in Triblitz bei Leitmeritz, war dort sehr bekannt und beliebt und hat oft berichtet, wie Goethe im Sudetenland viele ihm adäquate Freunde gefunden hatte. 13

Zerstört worden ist auch die gesamte Kultur, aus der Persönlichkeiten wie Bolzano, Ernst Mach, Sigmund Freud, Edmund Husserl, Eugen Sänger, Ferdinand Porsche, Loschmidt, Stifter, Kafka, Rilke, Werfel, Fussenegger, Sealsfield, Franz Lehar, Leo Fall, Ralph Benatzky, Heinrich Biber, Stamitz, Mahler, Korngold, dann die im Wiener Gebiet geborenen Abkömmlinge, wie Franz Schubert, Nestroy, Ferdinand Raimund, Gustav Klimt, Karl Böhm, Erich Klaiber, Kokoschka und viele andere mehr hervorgegangen sind.

Die in der CSR lebenden Deutschen machten 24 % der Bevölkerung aus und hatten etwa 70 % des Steueraufkommens der CSR erbracht. Somit haben etwa 76 % der Bevölkerung nur noch 30 % der Steuern bezahlt. Diese Steuereinnahmen sind größtenteils weggefallen und werden nunmehr, soweit hier von den Vertriebenen neu aufgebaut wurde, in Deutschland entrichtet.

Es ist insgesamt festzustellen, daß alle von den Vertreibernationen okkupierten Gebiete wirtschaftlich ruiniert worden sind, was einen Ausblick auf die weitere Entwicklung in diesen Staaten zuläßt.

Auch beruhen die ab 1945 durchgeführten Vertreibungen auf dem einheitlichen, schon um 1850 gefaßten Plan, zu dessen Verwirklichung das Ende des Zweiten Weltkrieges die Gelegenheit geschaffen hat. Dieser Plan war allein die Frucht des Panslawismus, denn ein sozialistischer Staat hätte zumindest die Arbeiter als zum System gehörende Gruppe der Proletarier niemals enteignen und vertreiben dürfen, sondern beschützen müssen.

Während sich nun Europa einigt und einen immer festeren Zusammenhalt findet, ist eine vernünftige Wirtschaftsführung bei den Vertreibernationen auf längere Zeit hin gesehen nicht zu erwarten. Es fehlt dort überall an der für ein gesundes Wirtschaftsleben erforderlichen Erfahrung und Tradition, die sich auch durch hohe Zahlungen des Westens nicht ersetzen lassen.

Auch die alten panslawistischen Ziele, nämlich Gewinnung eisfreier Häfen an den Weltmeeren haben sich als Illusion erwiesen. Denn ohne ein blühendes Wirtschaftsleben ist auch der beste Hafen ohne Bedeutung. Alle panslawistischen Länder haben den großen Fehler begangen, ihre Ziele an Utopien und Illusionen zu hängen, die niemals zum Erfolg führen können. Man hat mit Königsberg und Stettin eisfreie Häfen erworben und bisher auch den Durchgang vom Schwarzen Meer zu den Weltmeeren gehabt, ohne daß dadurch eine entscheidende Verbesserung erreicht worden wäre.

Es wird noch Kämpfe geben, durch die der alte Ostblock wiederhergestellt werden soll. Die Gesamtwirtschaft dieses Gebietes ist jedoch zu sehr gestört worden, auch fehlen Fachleute, die in der Lage sind, Industrie und Handel aufzubauen. Solche Fachleute können nur in langer Zeit über Generationen hinweg ausgebildet werden. Bis dahin dürfte allerdings der Panslawismus

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seine Kraft verloren haben, während Europa durch den Zusammenschluß der Staaten, durch die Vereinigung der leistungswilligen und leistungserfahrenen Völker eine kaum zu überwindende Stärkung erfährt.

Anmerkungen:

1. A. de Toqueville, Die Demokratie in Amerika, Fischer-Bücherei, Bd. 138, Frankfurt / Main 1956, S. 125.

2. G. Maschke, »Juan Donoso Cortes«, in Criticón, Heft 86, Nov. /Dez. 1984, S. 247.

3. L. Lenk, »Constantin Frantz«, in Criticón, Heft 87, Jan. /Feb. 1985, S. 12.

4. Der Spiegel, »Ein Traum, der trog«, Heft 38/1991, S. 162.

5. Jordis von Lohausen, Mut zur Macht, Kurt-Vowinckel-Verlag, Berg am See 1979, S. 232 f. u. 297-308; Georg Franz, Liberalismus, Georg Callwey, München 1955, S. 364-367.

6. Dirk Kunert, Deutschland im Krieg der Kontinente, Arndt-Verlag, Kiel 1987, S. 19-28.

7. Otto Kronsteiner, »Der geheime Programmentwurf Ilija Garasanins für eine serbische Politik« und »Nacertanije«, in Die Slawischen Sprachen, Universität Salzburg, Bd. 29/1992 u. Bd. 3l/1993.

8. Willibald Gutsche, Der gewollte Krieg, Pahl-Rugenstein-Verlag, Köln 1984, S. 17-26.

9. Hanus Kuffner, Nás stát a svetový mir (Unser Staat und der Weltfrieden), Verlag der tschechischen Volksbuchhandlung Josef Springer, Prag I, in deutscher Übersetzung im Verlag Eduard Strache, Warnsdorf/Böhmen 1922.

10. Rudolf Pietsch-Niedermühl, Krailling. Von ihm stammt die Feststellung, daß erst durch die 1918 erfolgte Zerschlagung Österreich-Ungarns und Neubildung bisher nicht existierender Vielvölkerstaaten unter gewaltsamer Okkupation fremder Gebiete nicht behebbare, sehr schwere und das Gefüge Europas belastende Spannungen entstehen mußten, wobei auch wegen der andauernden Mißachtung des Selbstbestimmungsrechts vieler, in solche Staaten hineingezwungener Volksgruppen der Keim zur Entstehung auch kriegerischer Auseinandersetzungen gelegt worden ist.

11. Gablonzer Tagblatt, Abendausgabe v. 22. 9. 1938 u. »Münchner Abkommen« v. 29. 9. 1939, Präambel.

12. Wappenabbildung, in Criticón, Jahrgang 1970/73, S. 120.

13. Viktor Karell, »Goethe in Böhmen«, in Stifter-Jahrbuch 1949, Edmund-Gans-Verlag, Gräfelfing, S. 35 ff.

Verwendete Literatur

Rolf-Josef Eibicht, Die Sudetendeutschen und ihre Heimat, Gesamtdeutscher Verlag, Wesseling 1991, Beitrag v. Rudolf Pietsch-Niedermühl,»Apodikt des Volksgruppenrechts«.

Irene Neander, DerPanslawismus, Eugen-Klett-Verlag, Stuttgart, S. 7-12,28-25,53 ff.

Lajos Gogolák, »A Pánszlavizmus«, in Gyula Szekfü (Hg. ), A Magyarság es a szlavók, Budapest 1942 (Übers, v 18. 12. 1942).

Malcolm Lambert, Ketzerei im Mittelalter, Herder-Verlag, Freiburg 1991, insb. »Die böhm. Reformbewegung«, S. 395-456.

Felix Ermacora, Die sudetendeutsche Frage, Langen-Müller, München 1992.

Helmut Preidel, Die Deutschen in Böhmen und Mähren, Edmund-Gans-Verlag, Gräfelfing 1950.

Friedrich Prinz, »Böhmen und Mähren«, in Deutsche Geschichte im Osten Europas, Siedler-Verlag, Berlin 1993.

Fritz Peter Habel, Dokumentensammlung zur Sudetenfrage, Verlag Robert Lerche, München 1962.

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