FRANZ W. SEIDLER

LEBENSBORN E.V. DER SS

Vom Gerücht zur Legende

Die »Lebensborn e.V.« war eine von vielen Maßnahmen des Dritten Reiches zur Förderung des Geburtenwachstums. Seit dem Ersten Weltkrieg war die Geburtenrate in Deutschland rapide gesunken, von 894978 im Jahr 1920 auf 516793 im Jahr 1932. In keinem anderen Industrieland gab es einen derartigen Einbruch in der Geburtenstatistik[1]

Um dieser Entwicklung gegenzusteuern, gründete die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) im März 1934 das Hilfswerk »Mutter und Kind« [2]. Das »Deutsche Institut nur Jugendhilfe e. V.« unter Leitung von Heinrich Webler betreute uneheliche Kinder, deren Väter die Alimente verweigerten. Eheschließungen wurden mit Darlehen in Form von Bedarfsdeckungsscheinen nur Möbel und Hausrat bis zu 1000,- RM gefördert[3]. Junge Frauen, die sich beruflich betätigen wollten, wurden auf ihre Entfaltungsmöglichkeiten in der Familie verwiesen. Die Ehe galt als »Keimzelle des völkischen Lebens«. In pseudochristlicher Terminologie nannte man die Familie ein »völkisches Sakrament«[4]. Ehescheidungen wurden nur dann befürwortet, wenn von dem neuen Partner im Unterschied zum bisherigen Kinder erwartet werden konnten. Das Ehegesetz vom 7. Juli 1938 erkannte Unfruchtbarkeit als neuen Scheidungsgrund an. Die Spruchpraxis der Gerichte gab der Aufnahme »völkisch wertvoller Ehen« Vorrang vor der Beibehaltung zerrütteter Ehen[5]. Um die gesellschaftliche Anerkennung unverheirateter Mutter zu fördern, wurde im Öffentlichen Dienst für sie im Mai 1937 die Anrede »Frau« gesetzlich vorgeschrieben[6]. Fortpflanzungskraft und Fortpflanzungswille sollten im Rahmen der beabsichtigten Strafrechtsnovellierung geschützt werden; für den § 50 StGB war folgender Wortlaut vorgesehen: »Wer Öffentlich den Willen des deutschen Volkes zur Fruchtbarkeit lähmt oder zersetzt, wird mit Gefängnis bestraft.«[7] Maßnahmen zur künstlichen Befruchtung, wie sie der Reichsärzteführer Dr. Conti in Erwägung zog, wurden in der SS »als Eingriff in ein heiliges, nur der Natur und ihrem Wirken vorbehaltenes Handeln« abgelehnt.[8] Dort forcierte man lieber den Kampf gegen die vermeintlichen Ursachen der Kinderarmut: Geschlechtskrankheiten, Homosexualität, Prostitution und Abtreibung [9].

Auf die Abtreibungsproblematik war Himmler 1934 in seiner Funktion als Chef der Deutschen Polizei aufmerksam geworden. Die Zahl der rechtskräftig nach § 218 RS StGB Verurteilten - 1935: 3055, 1936: 5337, 1937: 6362, 1939: 7670, 1939: 5337 - besagte wenig, weil die Dunkelziffer sehr hoch war. Die Schätzungen beliefen sich auf bis zu 800000 im Jahr[10]. Einen wesentlichen Grund sah Himmler in der Verfemung, der uneheliche Mutter in ihrem Verwandten- und Bekanntenkreis ausgesetzt waren.

Zum Schutz dieser Frauen wurde am 12.12.1935 »auf Veranlassung des Reichsführers-SS« von einem Dutzend SS-Führern der »Lebensborn e.V.« gegründet. Die Rechtsform des eingetragenen Vereins wurde gewählt, um den Beitritt von Mitgliedern regulieren zu können und den Verein für Nicht-SS-Angehörige offen zu halten, obwohl dem Vorstand ausschließlich SS-Führer angehörten. Für alle höheren SS-Führer war die Mitgliedschaft obligatorisch. Sie hatten sich mit den Ideen des Lebensborn von Amts wegen zu identifizieren. Nach der Satzung hatte der Verein eine doppelte Aufgabe, zum einen, »den Kinderreichtum in der SS zu unterstützen«, und zum anderen, »jede Mutter guten Blutes zu schützen und zu betreuen und für hilfsbedürftige Mütter und Kinder guten Blutes zu sorgen«) [11]. Um sicherzugehen, daß bei nicht verheirateten Schwangeren auch der Vater den rassischen Kriterien des Nationalsozialismus entsprach, mußten die Erzeuger bereit sein, sich einer »rassenbiologischen Untersuchung« zu stellen. Frauen mit wechselndem Geschlechtsverkehr hatten keine Chance, in ein Lebensbornheim aufgenommen zu werden, weil die Vaterschaft nicht mit Sicherheit festzustellen war. »Ist der Vater guten Blutes und ebenso die werdende Mutter, so können wir mit Sicherheit ein erbgesundes, wertvolles Kind von den beiden erwarten und um dieses Kindes willen muß dieser Mutter geholfen werden; denn die auch heute in weitesten Kreisen geltende Moralauffassung ist doch die, daß man in dem jungen Mädchen, das Mutter werden soll, nicht die Mutter eines gesunden Kindes sieht, sondern man sieht in ihm nur das gefallene Mädchen, über das die eigenen Eltern und Verwandten, die sogenannte gute Gesellschaft, und nicht auch zuletzt die Kirche, den Stab brechen.«[12]

Im Sommer 1936 wurde in Steinhöring bei München in einem ehemaligen Caritas-Kinderheim das erste Lebensbornheim eröffnet.. Es erhielt den Namen »Heim Hochland« und bot nach dem Umbau 55 Müttern Platz. Der Allgemeinmediziner Dr. Ebner aus Kirchseeon in der Nachbarschaft des Heimes wurde der erste Lebensbornarzt und stieg schließlich zum ärztlichen Leiter des gesamten Lebensborn auf. Als SS-Oberführer bekleidete er 1945 den höchsten SS-Rang im Lebensborn. Seit Januar 1938 unterstand der Lebensborn e.V. dem persönlichen Stab des »Reichsführers-SS« Heinrich Himmler. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs verfügte er über sechs Entbindungsheime mit insgesamt 263 Betten für die Gebärenden und 487 Betten für Kinder. Nach den Vorstellungen Himmlers sollten in den nächsten Jahren mindestens 24 neue Heime dazukommen [13]. Bis 1944 gab es auf dem Kontinent schließlich 20 Lebensbornheime, davon sieben in Norwegen, deren Schwesternanzahl einen Hinweis auf die Kapazität gibt: Heim Taunus 22 NS-Schwestern, Hochland 18, Sonnenwiese 18, Wienerwald 15, Pommern 14, Kurmark 12, Harz 10, Schwarzwald 9, Ardennen 9, Westwald 4, Moselland 3, Friesland 3, Alpenland 1[14].

In die Heime wurden zur Entbindung ohne Vorbehalt alle Frauen und Bräute von SS-Männern und Angehörigen der Polizei aufgenommen, weil diese grundsätzlich die »rassischen Voraussetzungen« mitbrachten. Bei Unverheirateten, die nicht von SS-Männern geschwängert worden waren, wurde eine strenge Auslese getroffen. Von 100 Gesuchen wurden nur 40 berücksichtigt[15]. Nur uneheliche Mutter »guten Blutes« hatten Anspruch auf den Schutz des Lebensborn. Ledige Mutter konnten in die Lebensbornheime aufgenommen werden, sobald ihre Schwangerschaft äußerlich sichtbar war. Sie sollten die Möglichkeit bekommen, »der gesellschaftlichen Ächtung« zu entrinnen, und davor gefeit sein, ihren Posten als Lehrerin, Krankenschwester, Verkäuferin zu verlieren. Als einzige Organisation war der Lebensborn in der Lage, die Geheimhaltung einer Entbindung zu gewährleisten. Eigene Standesämter und polizeiliche Meldeämter in den Lebensbornheimen sorgten dafür, daß der Heimatgemeinde der Mutter, die sonst durch das Jugendamt die Tatsache der Geburt erfahren hätte, nichts zu Ohren kam. Die ärztliche Betreuung in den Lebensbornheimen war so gut, daß immer mehr Ehefrauen von SS-Führern sich nur die Entbindung anmeldeten. Während die Säuglingssterblichkeit im Reichsdurchschnitt bei sechs Prozent lag, betrug sie beim Lebensborn nur die Hälfte. Während des Krieges suchten auch zahlreiche Frauen von SS- und Polizeiangehörigen, die in bombengefährdeten Gegenden wohnten, die Lebensbornheime zu einer ruhigen Entbindung auf. So kam es, daß schließlich die Zahl der SS-Frauen und der ledigen Mütter in den Heimen etwa gleich groß war.

Für alle in seinen Heimen geborenen unehelichen Kinder übernahm der Lebensborn die Vormundschaft und sorgte dafür, daß diese Kinder auch nach der Entlassung der Mutter im Heim bleiben konnten. Stellte sich heraus, daß die ledigen Frauen nicht heiraten und das Kind zu sich nehmen konnten, so wurden diese Kinder nach einem Jahr in kinderlose oder kinderarme Familien von SS-Führern zur Pflege gegeben. Trotz der zahlreichen Anfragen von kinderlosen Ehepaaren wurden nur ganz wenige der in Lebensbornheimen geborenen Säuglinge zur Adoption freigegeben, weil die Mütter in der Regel ihre Kinder nicht verlieren wollten. Bis zum September 1939 waren nur sechs Frauen dazu bereit [16]. Um die Familienbindungen Vater-Mutter-Kind zu fordern, verschaffte der Lebensborn für entlassene Mütter, wenn sie in ihren Beruf zurückkehren wollten, geeignete Arbeitsplätze in der Nähe des Vaters[17]. Der Lebensborn sorgte auch dafür, daß die Kindsväter ihren finanziellen Verpflichtungen gerecht wurden. Wenn SS-Männer uneheliche Kinder bekamen, zahlte der Lebensborn sofort die Kinderzulage an die Mutter aus und verlangte die Summe vom SS-Verwaltungsamt zurück. Von dort wurden die unehelichen Väter zur Kasse gebeten. Als im Vorstand des Lebensborn über die säumigen Zahler gesprochen wurde, erklärte SS-Obergruppenführer Pohl: »Man darf den unehelichen Vätern das Leben nicht zu leicht machen. Die soll man ordentlich rankriegen. Das ist eine Erziehungssache der Schutzstaffel. Das muß als gröbster Verstoß gegen den Geist der SS angesehen werden.«[18]Die Auswertung einer 5-Monats-Statistik 1941/42 ergab folgendes Bild über die Verhältnisse in den Lebensbornheimen:

59,6% waren uneheliche Mütter, bei denen es sich in 29,1% um einen ledigen Kindsvater handelte und in 30,5% um einen verheirateten. Die Geheimhaltung wurde in 85,8% der Fälle von der Kindsmutter und zu 80 % vom Kindsvater gewünscht. Das waren 43,1% aller Heimaufnahmen. 46,2% der Erzeuger erkannten die Vaterschaft an. 4,1% der Heimaufnahmen führten zu Eheschließungen.

Ehelich gebärende Mütter wurden zusammen mit ihrem Kind in der Regel nach 45 Tagen entlassen. Wenn uneheliche Kindsmütter das Haus verließen, so war das in der Regel nach 88 Tagen, während das Kind 297 Tage im Heim blieb. Das Durchschnittsalter der Kindsmütter betrug 25,6 Jahre. Fast die Hälfte waren kaufmännische Angestellte (40,5 %), ohne Beruf waren 25,2 %. Von den Kindsvätern stammten 25,8 % aus dem Kreis der hauptamtlichen SS-Angehörigen, 12,1% von der Wehrmacht, 5,9% von hauptamtlichen Parteimitgliedern, 13,5% von höheren Beamten und Akademikern. Von den Kindsmüttern waren 48% evangelisch, 19% katholisch und 33% gottgläubig. Von den Kindsvätern waren 32% evangelisch, 14% katholisch und 53% gottgläubig. Nach den SS-Fragebögen entsprachen 68,7% der Mütter dem rassischen Ausleseprinzip der SS. Bei den Kindsvätern waren es 73,3%. Der Lebensborn übernahm in 36,2% der Geburten die Vormundschaft. Nur 6,3% der Neugeborenen wurden zur Adoption freigegeben. Damit konnte nur jeder zehnte Antrag von Ehepaaren auf Adoptionskinder zufriedengestellt werden[19].

In den Lebensbornheimen des Reichsgebietes wurden zwischen 1936 und 1945 rund 12 000 Kinder geboren. Nur etwa die Hälfte von ihnen war ehelich.

In den besetzten Gebieten West- und Nordeuropas übernahm der Lebensborn im Zweiten Weltkrieg neue Aufgaben. Die »Verordnung über die Betreuung von Kindern deutscher Wehrmachtsangehöriger in den besetzten Gebieten«, die Hitler am 28. Juli 1942 herausgab, wurde zwar ohne Mitwirkung des Lebensborn entworfen, ermöglichte es ihm jedoch, sich bei der »Erhaltung und Förderung rassisch wertvollen germanischen Erbgutes« einzuschalten. Als der Führererlaß im Februar 1943 auf die Kinder aller Reichsdeutschen ausgedehnt wurde, erhielt der Lebensborn das Betreuungsrecht für alle unehelichen Kinder, die von Deutschen in Norwegen gezeugt wurden. Norwegerinnen, die bereit waren, ihr Kind in Deutschland auf die Welt zu bringen, konnten in ein Lebensbornheim im Reichsgebiet verbracht werden. Etwa 2500 machten davon Gebrauch. Für die anderen wurden in Norwegen neun Lebensbornheime eingerichtet. 6500 Frauen brachten dort ihre Kinder zur Welt [20].

In den besetzten Niederlanden begegneten dem Lebensborn mehr Vorbehalte als in Norwegen. Reichskommissar Seyß-Inquart zeigte sich weniger entgegenkommend als Terboven, dem Lebensborn Aktionsmöglichkeiten einzuräumen. Er fürchtete die Zunahme der SS-Befugnisse. Bis zur Invasion der Alliierten im Juni 1944 gelang es dem Verein nicht, ein einziges eigenes Heim einzurichten. Alle Holländerinnen, die sich zur Geburt ihrer unehelichen Kinder, die sie von Besatzungssoldaten empfangen hatten, an den Lebensborn wandten, mußten nach Deutschland gebracht werden. Ebenso ergebnislos wie in Holland waren die Bemühungen des Lebensborn, in Dänemark Fuß zu fassen.

Anders in Belgien. In dem Lebensbornheim, das im März 1943 unter dem Namen »Ardennen« in Wegimont bei Lüttich eingerichtet wurde, konnten 20 »werdende Mütter germanischen Blutes, […] die von reichsdeutschen Wehrmachtangehörigen oder Fremdländischen Angehörigen deutscher Hilfsorganisationen, die germanischen Blutes sind«, Kinder empfangen hatten, untergebracht werden.

Der Soldatenkinder im besetzten Frankreich - bis Mai 1943 waren es 50000 - nahm sich die Witwe des französischen Generals Huntzinger an, mit dem Ziel, ihre Eingliederung in die französische Gesellschaft trotz aller Anfeindungen durch die Zivilbevölkerung zu bewerkstelligen. Himmler sah »wertvolles deutsches Blut« entgleiten. Um die Kinder für Deutschland zu gewinnen, lies er das Schloß Menier bei Chantilly unter dem Namen »Westwald« Ende 1943 als Lebensbornheim einrichten [21].

In den besetzten Ostgebieten gab es keine Lebensbornheime. Die Einrichtung eines Hauses in Krakau, dem Sitz des Generalgouverneurs, scheiterte am Widerstand des Reichsgesundheitsführers Dr. Conti. Er fürchtete das Eindringen der SS in seine medizinischen Zuständigkeiten[22]. Bei den Versuchen, sich im Rahmen der nationalsozialistischen Volkstumspolitik in den besetzten polnischen Gebieten Einfluß zu verschaffen, stieß der Lebensborn auf den Anspruch der NSV, die »Eindeutschung« fremdvölkischer Kinder in eigener Regie vorzunehmen. Allein im Warthegau errichtete die NSV bis Ende 1942 600 Kindergärten für 12000 Kinder unter der Regie des »Hilfswerks Mutter und Kind«. Für Kinder deutscher Wehrmachtangehöriger entstanden besondere Entbindungsanstalten. Nur unter dem Einsatz der vollen Autorität Himmlers konnte der Lebensborn in den eingegliederten bzw. besetzten Gebieten Polens wenigstens kleinere Aktivitäten entfalten. Er übernahm die Betreuung von Waisen und Pflegekindern zwischen zwei und sechs Jahren, die angeblich von ermordeten volksdeutschen Eltern stammten und vor bzw. beim Kriegsausbruch als Findelkinder unter polnischem Namen in polnischen Waisenhäusern und Familien versteckt worden sein sollten[23]. Da alle Abstammungsunterlagen vernichtet worden waren, konnten diese Kinder nur aufgrund ihres »rassischen Erscheinungsbildes« identifiziert und »dem Deutschtum zugeführt« werden. Das war Aufgabe des Rasse- und Siedlungshauptamts der SS. Ende 1942 erschienen die ersten Transporte mit solchen Kindern in den Heimen Hochland und Pommern. Ein Jahr später wurde für diese sogenannten »Ostkinder« in Oberweiß bei Gmünden am Traunsee ein eigenes Heim unter dem Namen »Alpenland« eröffnet.. Diejenigen, die von deutschen Familien adoptiert wurden, erhielten den Namen der neuen Eltern. Insgesamt waren von der Eindeutschungsaktion des Lebensborn 250-300 Kinder aus Polen betroffen[24]. Dazu kamen einige Kinder aus Südosteuropa, deren Väter als Partisanen erschossen und deren Mutter in Konzentrationslager eingewiesen worden waren [25].

Mit der Beteiligung an der Eindeutschung von Kindern aus den besetzten Ostgebieten hatte sich der Lebensborn von den ursprünglichen Bestimmungen seiner Satzung entfernt. Eigentlich sollte nur mit den in den Heimen geborenen unehelichen Kindern ein neuer »Born des Lebens« geschaffen werden, aus dem eine »auserlesene Jugend, wertvoll an Körper und Geist, der Adel der Zukunft« hervorgehen sollte [26].

Um die Kinder von ausländischen Zwangsarbeiterinnen in Deutschland, die »Träger zum Teil deutschen und stammesgleichen Blutes« waren und als »wertvoll« angesehen wurden, kümmerte sich der Lebensborn nicht. Das war Sache der NSV. Sie wurden sogenannten »Ausländerkinder-Pflegestätten« zugewiesen[27]. Nur ganz wenige »rassisch besonders wertvolle werdende Mütter, die den Bedingungen des Lebensborn entsprachen«, konnten ihre Kinder in Lebensbornheimen auf die Welt bringen. Die Übernahme der Kinder dieser Handvoll ausländischer Zwangsarbeiterinnen in die Betreuung des Lebensborn war wie bei den deutschen Frauen »nur mit Zustimmung der Mutter möglich«. Es ist kein Fall bekannt, daß einer Mutter das Kind weggenommen wurde[28].

Den Bemühungen für ledige Mütter entsprechend, setzte sich Himmler auch für uneheliche Kinder ein, selbstverständlich nur für die, welche den rassischen Kriterien des Nationalsozialismus entsprachen. Die Verbesserung ihrer Rechtslage versuchte er im Einvernehmen mit dem Reichsminister des Innern zu erreichen. In einem Schreiben vom 27. Juli 1939 teilte dieser Himmlers Meinung, daß die Stellung der unehelichen Kinder nicht nur in rechtlicher Hinsicht »verbesserungsbedürftig« sei, »sondern daß es mehr noch darauf ankommt, ihnen im täglichen Leben die gleichen Daseinsbedingungen zu verschaffen wie ehelichen Kindern«. Dabei lasse sich allerdings nicht verkennen, »daß es auf lange Zeit hinaus noch schwierig sein wird, die in weiten Kreisen des Volkes bestehenden Vorurteile gegen uneheliche Kinder auszuräumen. Die zu lösende Aufgabe muß daher bis auf weiteres noch darin bestehen, den unehelichen Kindern die Verheimlichung ihrer unehelichen Geburt vor unberufenen Personen zu ermöglichen«. Frick schlug vor, die rassenpolitische Klärung der Abstammungsverhältnisse bei unehelichen Kindern zu unterlassen, weil dadurch die Vaterschaftsfrage aufgeworfen werde [29]. Für Schulzwecke sollte eine abgekürzte Geburtsurkunde ausgestellt werden, die die uneheliche Geburt nicht erkennen ließ [30]. Dem Mißstand, das der Makel der Unehelichkeit selbst Kindern gefallener Soldaten anhing, wenn diese ihre Ehewilligkeit nicht vor dem Tod beim Bataillonskommandeur zur Niederschrift hinterlegt hatten, sollte durch eine Lockerung der Personenstandsvorschriften abgeholfen werden. Eine einfache Erklärung des Kindsvaters, daß er ehewillig sei, sollte zur nachträglichen Eheschließung mit der Mutter und zur Ehelicherklärung des Kindes genügen[31].

Nach dem Krieg wurde der Lebensborn vor dem Amerikanischen Militärgerichtshof I in Nürnberg als »Fall Acht« vom 10. Oktober 1947 bis zum 10. März 1948 verhandelt. 14 Funktionäre des Rassen- und Siedlungshauptamts, der Volksdeutschen Mittelstelle und des Lebensborn waren angeklagt wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, insbesondere wegen der Entführung von Kindern fremder Völker, um diejenigen, welche als rassisch wertvoll angesehen wurden, nur eine Eindeutschung auszuwählen, wegen der Wegnahme von Kindern zum Zwecke der Ausrottung oder Eindeutschung von Ostarbeiterinnen sowie wegen der Plünderung Öffentlichen und privaten Eigentums in Deutschland und in den eingegliederten und besetzten Gebieten. Die Vertreter der Anklage, Telford Taylor und James M. McHaney, machten den Lebensborn e. V. als Ganzes, als Institution, nur die Verbrechen zur Schwächung feindlicher Nationen und zur Erhöhung der Bevölkerungsziffer des Deutschen Reiches verantwortlich. Außerdem habe der Lebensborn jüdische und polnische Krankenhauser übernommen sowie jüdische Wohnungen und Waren beschlagnahmt. Das Urteil nach einer sechsmonatigen Prozeßdauer erstaunte die Öffentlichkeit vor allem, was den Lebensborn e.V. betraf. Alle Angeklagten wurden freigesprochen, was ihre Lebensbornaktivitäten anging. In der Begründung hieß es:

»Aus dem Beweismaterial geht klar hervor, daß der Verein Lebensborn, der bereits lange vor dem Krieg bestand, eine Wohlfahrtseinrichtung und in erster Linie ein Entbindungsheim war. Von Anfang an galt seine Fürsorge den Muttern, den verheirateten sowohl wie den unverheirateten, sowie den ehelichen und unehelichen Kindern. Der Anklagevertretung ist es nicht gelungen, mit der erforderlichen Gewißheit die Teilnahme des Lebensborn und der mit ihm in Verbindung stehenden Angeklagten an dem von den Nationalsozialisten durchgeführten Programm der Entführung zu beweisen […] Der Lebensborn hat im allgemeinen keine ausländischen Kinder ausgewählt und überprüft. In allen Fallen, in denen ausländische Kinder von anderen Organisationen nach einer Auswahl und Überprüfung an den Lebensborn überstellt worden waren, wurden die Kinder bestens versorgt und niemals in irgendeiner Weise schlecht behandelt. Aus dem Beweismaterial geht klar hervor, daß der Lebensborn unter den zahlreichen Organisationen in Deutschland, die sich mit ausländischen nach Deutschland verbrachten Kindern befaßten, die einzige Stelle war, die alles tat, was in ihrer Macht stand, um den Kindern eine angemessene Fürsorge zuteil werden zu lassen und die rechtlichen Interessen der unter seine Obhut gestellten Kinder zu wahren.«[32]

Die Tätigkeiten des Lebensborn von 1936 bis 1945 und das Urteil des Militärgerichtshofs machen eigentlich unverständlich, warum der Lebensborn bis in die Gegenwart als eine Institution dargestellt wird, die Primar der »Rassenzüchtung« und »Rassenveredelung« gedient habe[33]. BDM-Mädchen und RAD-Maiden, die »dem Führer ein Kind schenken« wollten, hatten sich in den Lebensbornheimen ausgewählten SS-Soldaten getroffen, um dort in der Pflege des nordischen Blutes Kinder zu zeugen. Von den in den Lebensbornheimen Geborenen seien Tausende zur Adoption an SS-Familien weitergeleitet worden. Auch am Programm der Eindeutschung polnischer und jugoslawischer Kinder habe sich der Lebensborn beteiligt. Es ist von 100000 bis 200000 die Rede. Ostarbeiterinnen in Deutschland, die sich gegen eine Abtreibung wehrten, seien die Kinder vom Lebensborn entrissen worden, um aus ihnen Deutsche zu machen[34]. Am eifrigsten berichtete man jedoch über die Funktionen des Lebensborn als Zeugungsort und »Zuchtstätte« nur nordische Elitemenschen. Der Fantasie waren keine Grenzen gesetzt.

In dem Buch »Follow my Leader« von Louis Hagen sah das Verfahren nur die zu »Zuchtstuten« ausgewählten Mütter in Oberbayern ungefähr so aus, »daß die Betreffende in der Tegernseer Jugendherberge bis zum 10. Tag nach dem Beginn ihrer Periode zu warten hatte, dann ärztlich untersucht wurde und anschließend mit einem SS-Mann schlief, der seine Pflicht auch noch bei einem anderen Mädchen zu erfüllen hatte. Nach Feststellung der Schwangerschaft hatte sie die Wahl gehabt, entweder nach Hause zurückzukehren oder sofort in das Entbindungsheim zu gehen.«[35]

In dem Buch »Das ist Germany« beschreibt Judy Barden die Begegnung mit übriggebliebenen schwangeren Frauen, »die dem Führer ein Kind schenken wollten«, unmittelbar nach der Kapitulation in einem Lebensbornheim im Mai 1945:

»Was sie zu berichten hatten, war einfach niederschmetternd […] Ihr Lebensziel bestand darin, ihre Art fortzupflanzen. Sie waren Idealtypen, die sich ursprünglich freiwillig zu dieser Beschäftigung gemeldet hatten. Nachdem sie einmal die Prüfung auf ihre Gesundheit, Schönheit und die nötigen weiblichen Rundungen bestanden hatten, wurden sie in die verschiedenen Offziererholungsheime verschickt, und dort blieben sie, bis sie schwanger waren. So einfach war die Sache. War es so weit, dann wurden sie mit jedem Luxus versorgt, der in Deutschland damals noch zu haben war. Die Pflege, die man ihnen angedeihen ließ, war unendlich viel besser als die der Mutter eines ehelichen Kindes. Sie trugen dazu bei, ein starkes Deutschland zu schaffen. Sie waren stolz auf ihren Beruf und völlig gleichgültig gegenüber der Tatsache, daß sie den Namen des Vaters ihres Kindes nicht kannten.«[36]

1958 veröffenlichte die Zeitschrift »Revue« eine zehnteilige Reportage über den Lebensborn e.V. mit dem Untertitel »Was Millionen nicht wußten, deckt Revue für Millionen auf«. Der Autor Will Berthold beteuerte: »Das ist kein Roman. Was hier geschrieben wird, ist kaum faßbare Wahrheit.« In Wirklichkeit war es nichts als ein Roman. Fast alle Aussagen über den Lebensborn waren unzutreffend. Am Beispiel der Liebe zweier junger Menschen sollte der Lebensborn als unmenschliche Zwangsentbindungsanstalt entlarvt werden, wo allen Muttern, die sich nur das Unternehmen zur Verfügung stellten, die Kinder weggenommen wurden. Er sei die Endstation einer Einrichtung gewesen, die Himmlers Befehl ausführte, »das uneheliche Kind planmäßig zu zeugen. Wie man Autos produziert. Wie man Geflügel auf der Hühnerfarm züchtet«[37].

Diese Darstellung legte der Filmproduzent Arthur Brauner seinem Lebensbornfilm zugrunde, der 1961 mit großem Erfolg in deutschen und ausländischen Kinos lief. Seine Handlung ist von der Wahrheit noch weiter entfernt als der Roman. Die erste Szene dieses Films beginnt wie folgt: Ein bulliger SS-Obersturmbannführer baut sich vor einer Gruppe halbnackter BDM-Mädchen auf. »Kameradinnen«, schnarrt er, »seid ihr wirkliche Nationalsozialisten? Mit heißem Herzen? Mit ganzer Hingabe?« »Ja! Ja!« jauchzen die Maiden. »Ich danke Euch Kameradinnen! Wenn ihr Euch jetzt in eine Liste eintragt, dann seid ihr ausgewählt, eine neue Rasse zu gründen und dem Führer ein Kind zu schenken.« Eilfertig treten die Mädchen an einen Tisch, um sich in die Fortpflanzungsliste einzutragen.

In der »Illustrierten-Filmbühne« wurde der Inhalt des Films wie folgt propagiert: »In sadistisch kranken Gehirnen war während des tausendjährigen Reiches die Idee des Lebensborn entstanden, der den Begriff der erdbiologischen Fortpflanzung der germanischen Edelrasse über die Liebe zweier Menschen zu stellen versuchte. Auch eine Gruppe blutjunger Menschen aus dem Bund Deutscher Mädchen hat sich in idealistischem Überschwang zu dieser Institution gemeldet und nimmt auf Schloß Sternberg im Warthegau an einem sogenannten Lehrgang zur Erneuerung des reinrassigen Germanentums teil. Diese BDM-Mädchen wurden dazu ausgewählt, rassisch wertvolle Kinder zu gebären, die wie Lichtträger die Zukunft des Volkes garantieren sollten. So jedenfalls macht SS-Obersturmbannführer Maier-Westroff den jungen Dingern mit verlogener Pathetik ihre künftige Aufgabe klar […]«[38] Der Spiegel veröffenlichte eine wohlwollende Besprechung dieses Films unter dem vielsagenden Titel »Braute des Führers«[39]. Die Zeit behauptete sogar, dem Film lagen 150 Originalunterlagen des Münchner Instituts nur Zeitgeschichte zugrunde, aus denen hervorgehe, daß im Lebensborn »rassisch wertvolles Menschenmaterial zum Zwecke der Aufzucht einer charakterlich und vor allem erbbiologisch wertvollen nordischen Rasse zusammengetrieben wurde […]«[40]

Die Legende wucherte weiter. Als einen Ort der »gelenkten Fortpflanzung« stellten die Journalisten Marc Hillel und Clarissa Henry den Lebensborn 1975 in ihrem pseudowissenschaftlichen Buch »Lebensborn e. V. Im Namen der Rasse« dar. Davon ausgehend, daß die NS-Terminologie sehr oft Sachverhalte verschleierte, z. B. unter »Sonderbehandlung« die Einweisung in ein KZ oder gar die Ermordung meinte, interpretierten die beiden Franzosen den Sprachgebrauch in den Lebensbornheimen in ihrer Art. Unter »Schwestern« verstanden sie einfach »Zeugungshelferinnen«, die sich bereit erklärt hatten, ein uneheliches Kind zu bekommen. Sogar lebende Zeugen führten sie vor: Ein Ehepaar, das seit dem Zweiten Weltkrieg in München in der Ismaningerstraße 95 wohnte, bestätigte ihnen, das ihr Haus im Krieg ein Offiziersklub gewesen war, in dem immer neue Mädchen ein- und ausgingen, die von der Zentrale des Lebensborns nur Zuchtzwecke ausgewählt worden waren. Aufgrund solch fragwürdiger Aussagen und mit Hilfe begrifflicher Uminterpretationen entstand eine Darstellung, die das französische Fernsehen zur Grundlage eines Dokumentarfilms machte[41].

Das Zweite Deutsche Fernsehen kaufte den Film auf und strahlte ihn am 23. Mai 1975 unter dem Titel »… dem Führer ein Kind zu schenken. Lebensborn e. V. - Hitlers Zuchtstätten für arischen Nachwuchs« aus. Die Fernsehzeitschrift Gong pries den Film mit folgenden Ausführungen an: »Bericht über den Nazi-Lebensborn. Auf Veranlassung von Himmler wurde 1936 der Lebensborn e.V. gegründet - eine Nazi-Organisation zur Aufzucht ›rassisch und erbbiologisch gesunder Kinder‹. Zu jenen, die damals in Lebensborn-Heimen auf Bestellung gezeugt und geboren wurden, gehört auch die Französin Ingrid de Fouw. Bei der Suche nach ihrer Identität fand sie mit Hilfe des Roten Kreuzes heraus, das sie die Tochter eines SS-Mannes und einer Schwedin ist.«[42]

Auch in der popularwissenschaftlichen Literatur findet sich die Legende vom Lebensborn als Rassenzuchteinrichtung. Die Zeit-Bild-Ausgabe »Der Zweite Weltkrieg« skizziert den Lebensborn mit folgenden Worten: »Die Lebensborn-Heime […] nehmen auch Frauen auf, die heimlich ihr außereheliches Kind zur Welt bringen, während ihre Männer an der Front kämpfen. Doch wichtiger ist die Zusammenführung von Menschen, die zur Züchtung der ›neuen Rasse‹ geeignet befunden werden.«[43]

In einer von der Bayerischen Landeszentrale nur politische Bildung herausgegebenen Abhandlung über den Nationalsozialismus heißt es noch 1989: »Unter dem Namen ›Lebensborn e.V.‹ wurden seit 1936 vierzehn Heime gegründet, die der Züchtung ›rassisch und erbbiologisch wertvoller Kinder dienten. In diesen Heimen lebten ›rassisch und erbbiologisch wertvolle‹ Mütter, die nicht verheiratet waren. Die von ihnen geborenen Kinder sollten von SS-Familien adoptiert werden, denn die Aufgabe des Vereins war es, den Kinderreichtum in der SS zu fordern.«[44] Aus der Satzung des Lebensborn e.V., die dazu abgedruckt wird, läßt sich diese Aussage nicht ableiten[45].

Selbst ein Seriöser Historiker wie Michael Kater behauptete: »In direkter Anwendung genetischer Theorien suchte Himmler im Lebensborn Typen mit griechischen Nasen heranzuzüchten.«[46] Eine andere Historikerin meinte nachweisen zu können, der Lebensborn habe »ähnliche Menschenzuchtziele« verfolgt wie die Hegehöfe in Darres Plänen, »in allerdings anderem Geiste«[47]. Ein ganz krasses Beispiel für das verbreitete Fehlurteil über den Lebensborn ist das Buch »Seerets of the SS«:

»Das Programm des Lebensborn, der Zuchtungseinrichtung, das Himmler 1936 aufgestellt hatte, um die Geburtenrate der Superrasse zu erhöhen, war ein weiterer Beweis nur den Gefühlsbankrott der SS. Grundidee des Programms war, ideale Frauen auszusuchen und sie zu ermutigen, Geschlechtsverkehr mit Angehorigen der SS zu fuhren, die als die rassische und politische Elite des Reichs galt. Die schwangeren Frauen wurden in Mutterhausern untergebracht, die von Himmler landauf landab eingerichtet waren; dort wurde den Frauen bis zur Geburt ihrer Kinder eine vorzugliehe medizinische Fursorge zuteil. Nach der Geburt erhielten sie Sonderzuwendungen von der Regierung. Die Kinder wurden sorghaltig betreut, denn sie sollten ja eines Tages die Musterburger des Tausendjahrigen Reiches werden.«[48]

Solche Darstellungen, die vor allem in den Medien der Siegermächte weite Verbreitung fanden, hatten ihre scheinbare Rechtfertigung in folgenden Hypothesen: Der Lebensborn habe sämtliche belastenden Dokumente am Ende des Krieges vernichtet, um sich reinzuwaschen. Diese Behauptung ist offensichtlich falsch, weil mehr Unterlagen über den Lebensborn in den Archiven verfügbar sind als von vielen anderen NS-Einrichtungen. Zum zweiten transferierte man die Rassenzuchtungstheorien, die in der Literatur des Dritten Reiches auftauchten, unter Ausnutzung der Sexualfantasie der Autoren in grober Verallgemeinerung zur Praxis der radikalsten nationalsozialistischen Organisation, nämlich der SS. Drittens behauptete man, die Nachkriegsaussagen über den Lebensborn entsprächen der Wahrheit, weil bereits vor 1945 Gerüchte über den Lebensborn im Umlauf waren.

Gemunkelt wurde über den Lebensborn in der Tat bereits während des Zweiten Weltkrieges. In der besonderen psychologischen Situation des Krieges zirkulierten viele Gerüchte. Die Nachrichtenbeschränkungen einerseits und die einseitige Informationspolitik des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda andererseits waren der Verbreitung selbst der unmöglichsten Spekulationen förderlich. Ohne Quellenangabe von Mund zu Mund weitergegeben, stellten Gerüchte einen wesentlichen Bestandteil der informellen Kommunikation der Menschen dar. Manchmal verdichteten sich unzusammenhängende Fakten mit Phantastereien zu Gerüchten, manchmal wurden Meldungen der Feindpropaganda aus Rundfunksendungen oder von Flugzetteln weitergegeben, manchmal wurden Berichte anderer zum Beweis des eigenen Informationsvorsprungs mit eigenen Vorstellungen ausgeschmückt. Im weiteren Verlauf der Zirkulation war der wahre Kern schließlich nicht mehr feststellbar, weil die auditiven Komponenten jedes Weitererzählenden in den Vordergrund traten[49].

Die Gerüchte um den Lebensborn hatten damals vermutlich verschiedene Quellen. Es könnte vorgekommen sein, daß das hauptamtliche Personal des Lebensborn trotz der strengen Anweisungen zur Verschwiegenheit etwas aus der Arbeit der Institution durchsickern ließ, das bei den Zuhörern um so verwunderlicher wirken mußte, als in der Öffentlichkeit nichts über den Lebensborn bekannt war[50]. Himmler wollte mit dem Lebensborn nämlich erst dann an die Öffentlichkeit treten, wenn er beeindruckende Erfolge vorweisen konnte. Bis zu diesem Zeitpunkt sollte der Lebensborn als eine SS-interne Angelegenheit behandelt werden, über deren Fortschritte lediglich die Führungsspitzen der SS informiert wurden. Jede Veröffentlichung in der Presse war verboten[51].

Einige Parolen über den Lebensborn konnten von verheirateten Frauen in Umlauf gesetzt worden sein, die ihre Kinder in Lebensbornheimen geboren hatten und keinen Anlaß sahen, als Verheiratete den Ort und die Umstände ihrer Niederkunft zu verheimlichen und die, soweit sie nicht durch schriftliche Erklärungen zur Verschwiegenheit gebunden waren, Andeutungen über die große Zahl lediger Mutter in den Lebensbornheimen machten. Das Zusammenleben der verheirateten und der ledigen Frauen verlief nicht immer komplikationslos. Beide Gruppen wurden gleich behandelt. Die Verheirateten hatten den Ehering abzulegen. Alle Heiminsassinnen wurden nur mit »Frau« und Vornamen angesprochen. Jede Diskriminierung der Ledigen sollte vermieden werden. Das paßte vor allem den Ehefrauen von höheren SS-Führern gar nicht. Als sich ein SS-Offizier über die Behandlung seiner Frau in Steinhöring beklagte, wurde er belehre, das der Lebensborn seine Heime nicht als billige Entbindungsgelegenheiten nur verheiratete SS-Frauen unterhalte, »sondern daß sie in erster Linie nur die wertvolle uneheliche Mütter zur Verfügung« stünden. Frauen von SS-Führern könnten Aufnahme finden, wenn sie bereit seien, sich in das Milieu des Heimes einzufügen[52].

Einzelne SS-Führer äußerten sich gelegentlich unzufrieden über den Lebensborn, weil die Beiträge, die sie als Pflichtmitglieder für den Verein zu leisten hatten, beträchtlich sein konnten. Die Höhe hing von der Zahl ihrer eigenen Kinder ab. Einem ledigen SS-Gruppenführer wurden z. B. monatlich acht Prozent von seinem Sold einbehalten, d.h. etwa 250 RM. Ende 1939 waren von den 238000 Männern der SS 15777 Mitglieder im Lebensborn e.V., 3851 höhere SS-Führer als Pflichtmitglieder, 9738 freiwillige Mitglieder aus der Allgemeinen SS, 833 Mitglieder von der Deutschen Polizei, 1355 Mitglieder aus sonstigen Organisationen der SS. Ihr Beitragsvolumen belief sich auf 423 000 RM[53]. Viele von ihnen konnten nicht einsehen, weshalb um den Lebensborn so viel Geheimniskrämerei getrieben wurde. Besonders in der Verfügungstruppe, der späteren herrschte die Ansicht vor, »daß diese Organisation etwas Dunkles und Geheimnisvolles« sei[54]. Unklarheiten aber waren der beste Nährboden für Gerüchte.

Für die Geburt ihrer außerehelichen Kinder brauchten nur ganz wenige SS-Männer auf den Lebensborn zurückzugreifen. Es stammte nämlich nicht einmal ein Prozent aller Kinder von verheirateten SS-Männern aus außerehelichen Beziehungen, von insgesamt 12081 Kindern nur 135[55]. Was die vorehelichen Kinder anging, war die Lage etwas anders. Verärgert stellte Himmler im August 1939 fest, daß zahlreiche Heiratsanträge von SS-Männern unbearbeitet im Reichssicherheitshauptamt lagen, weshalb die Eheschließungen monatelang verzögert wurden. Ein großer Teil der Heiratsunterlagen war unvollständig. Die Fragebogen überforderten viele Heiratswillige. Die ärztlichen Gutachten über die Gesundheit beider Partner und die Herstellung der Ahnenbogen zur Feststellung der »Rassereinheit« brauchten viel Zeit. Dieser Tatbestand mag der Anlaß nur eine Anordnung Himmlers gewesen sein, die die Gerüchtebildung über den Lebensborn anzuheizen geeignet war: Im zweiten Kriegsmonat erließ er einen Befehl für die gesamte SS und Polizei, in dem die Männer aufgefordert wurden, »über die Grenzen vielleicht sonst notwendiger bürgerlicher Gesetze und Gewohnheiten hinaus« für Nachwuchs zu sorgen. Für alle ehelichen und unehelichen Kinder, die von SS-Männern gezeugt und deren Vater im Kriege fallen würden, werde die SS die Vormundschaft übernehmen. Himmler versprach für die werdenden Mutter und für die Kinder zu sorgen. Der Befehl endete mit dem Appell: »SS-Männer und Ihr Mütter dieser von Deutschland erhofften Kinder zeigt, daß Ihr im Glauben an den Führer und im Willen zum ewigen Leben unseres Blutes und Volkes ebenso tapfer, wie Ihr nur Deutschland zu kämpfen und zu sterben versteht, das Leben nur Deutschland weiterzugeben willens seid!«[56] Das war ein Freibrief zur Zeugung von Kindern außerhalb der Ehe.

Der »Stellvertreter des Führers«, Rudolf Heß, führte die Kampagne auf Parteiebene weiter. Am 24. Dezember 1939 veröffentlichte er im »Völkischen Beobachter« den »Brief an eine unverheiratete Mutter«, in dem er ähnlich argumentierte wie Himmler: »In dem Bewußtsein, daß die nationalsozialistische Weltanschauung der Familie die Rolle im Staat gegeben hat, die ihr gebührt, können in besonderen Notzeiten des Volkes besondere von den Grundregeln abweichende Maßnahmen getroffen werden. Gerade im Krieg, der den Tod vieler bester Männer fordert, ist jedes neue Leben von besonderer Bedeutung nur die Nation. Wenn daher rassisch einwandfreie junge Männer, die ins Feld rücken, Kinder hinterlassen, die ihr Blut weitertragen in kommende Geschlechter, Kinder von gleichfalls erbgesunden Mädchen des entsprechenden Alters, mit denen eine Heirat aus irgendeinem Grunde nicht sofort möglich ist, wird für die Erhaltung dieses wertvollen nationalen Gutes gesorgt werden. Bedenken, die in normalen Zeiten ihre Berechtigung haben, müssen hier zurückstehen.«[57]

Solche die christliche Moral beleidigenden Äußerungen konnten auch in einer Diktatur nicht unwidersprochen bleiben, wenn die Kirchen sich nicht selbst aufgeben wollten. Am Sonntag, dem 14. Januar 1940, nahm der in der katholischen Kirche am Fest der Heiligen Familie verlesene bischöfliche Hirtenbrief über die Ehe zu den Aufforderungen zum Bruch des sechsten Gebots Stellung. Im Hirtenbrief des Kardinals Faulhaber, München, hieß es: »An der gottgewollten Ordnung der christlichen Ehevorbereitung und Eheschließung kann auch der Krieg nichts andern […] Unkeuschheit vor der Ehe und Ehebruch bleiben zu allen Zeiten und unter allen Zeitverhältnissen Schande und schwere Sunde.«[58] Bischof Sproll von Rottenburg schrieb in einem Hirtenbrief: »Die unglücklichen Kinder unserer Bewahranstalten sind lebendige und traurige Zeugen unbeherrschter Menschen, zum größten Teil stammen sie aus außerehelichem Verkehr.«[59] In ähnlichem Sinn äußerten sich auch andere Bischöfe.

Die sexuelle Freizügigkeit, die Himmler den Polizei- und SS-Angehörigen anempfohlen hatte, stieß auch in der Wehrmacht auf Kritik. Viele Soldaten sahen darin eine Aufforderung an die Angehörigen der SS, »sich den Frauen der im Felde stehenden Soldaten zu nähern«. Am 30. Januar 1940 mußte Himmler seinen Befehl vom 28. Oktober 1939 erläutern. Er stellte es als selbstverständlich hin, daß die Frauen von Wehrmachtsangehörigen von Belästigungen durch SS-Kameraden verschont wurden. Das sei »einfachstes und selbstverständlichstes Kameradengesetz«[60].

Nach dem Militärstrafrecht oder nach der Kriegssonderstrafrechtsverordnung konnten ehebrecherische Soldaten nicht bestraft werden. Deshalb wies die Rechtsabteilung der Wehrmacht die Militärrichter an, allgemeinstrafrechtliche Schritte einzuleiten, wenn Angehörige der Wehrmacht in die Ehen von Soldaten einbrächen. Das Delikt konnte nach § 172 RStGB und die Beleidigung des Ehemannes nach § 61 RStGB geahndet werden[61].

Die sowjetische Flugblattpropaganda machte sich die Angst vieler Soldaten der Wehrmacht zunutze, daß ihre Frau in der Heimat Freiwild nur die SS sein konnte. Ein Flugblatt, das 1941 über den deutschen Linien abgeworfen wurde, war zwar in seiner grafischen Gestaltung unglaubwürdig, erregte jedoch durch den Text auf der Rückseite das Mißtrauen gegen Himmler und die SS, deren Sonderkommandos im Rücken der Front, das Völkerrecht mit Füßen tretend, unter der Zivilbevölkerung Furcht und Schrecken verbreiteten und denen man deshalb jede Gemeinheit zutraute: »Auf Befehl Himmlers zwingen die SS-Leute eure Frauen, Bräute und Schwestern, mit ihnen in geschlechtlichen Verkehr zu treten und uneheliche Kinder zu gebären.«[62] Von dem Versuch, Zwietracht zwischen Wehrmacht und SS zu säen, ließ die Flugblattpropaganda der UdSSR bis zum Schluß des Krieges nicht ab. In einem der letzten Flugblätter, die über russischem Territorium 1944 abgeworfen wurden, hieß es: »Deutsche Soldaten. Ihr braucht keinen Urlaub, die SS befriedigt eure Frauen und Bräute!«[63]

In der Bevölkerung des Reiches erzählte man sich, daß Mädchen oder Frauen gelegentlich von Angehörigen der Waffen-SS angesprochen und unter Berufung auf einen Befehl des Reichsführers-SS zum Geschlechtsverkehr aufgefordert wurden. Zumindest ein Fall ist belegt. Eine Frau aus Schwerin berichtete der Gestapo:

»Am Mittwoch, den 16. Februar 1944, mittags gegen 14.00 Uhr erschien in meiner Wohnung ein mir unbekannter SS-Angehöriger in feldgrauer SS-Uniform, welcher mich nach der Zahl meiner Kinder fragte. Ich antwortete ihm darauf, daß ich zwei Kinder habe. Der Mann erwiderte dann, daß ein SS-Mann mindestens vier Kinder haben müsse, dies sei Befehl. Außerdem habe der Reichsführer-SS angeordnet, daß alle SS-Angehörigen verpflichtet seien, auch außereheliche Kinder zu zeugen. Auf meine Einwendungen wurde mir dann erklärt, dies sei eine vaterländische Pflicht. Auch dürfe ich aus einem außerehelichen Geschlechtsverkehr keine Ehescheidungsklage ableiten. Als ich darauf zu weinen anfing, sagte der Unbekannte, das so wie ich heute schon mehrere SS-Frauen geweint hätten.«[64]

In die Gerüchteküche über die »bevölkerungspolitischen Aktivitäten« der SS wurde auch der Reichsarbeitsdienst der weiblichen Jugend einbezogen. Ein SD-Bericht führte aus: »Besonders von katholischer Seite wird verbreitet, daß die Führerinnen des weiblichen RAD sich an ihre Arbeitsmaiden gewandt hatten, um diese zu überreden, das jede Arbeitsmaid dem Führer zum Geburtstag ein Kind schenken solle. Die Waffen-SS sei dazu bestimmt, Kinder mit den Angehörigen des weiblichen RAD zu zeugen. Ein Mädchen habe mitgeteilt, das in ihrem Lager ein Anschlag mit dem Wortlaut ausgehangen habe: »40 Arbeitsmaiden schenken dem Führer ein Kind […]« In Hamburg wurde ein evangelischer Pastor eingesperrt, weil er bei einem Krankenbesuch folgendes Gerücht verbreitet habe: »In einem Arbeitsdienstlager des weiblichen Arbeitsdienstes fragte die Lagerführerin die Mädel: Wer von Euch will Adolf Hitler ein Kind schenken? Nur zwei Mädel hatten abgelehnt. Für die Bereitwilligen rückte abends eine SS-Abteilung in das Lager ein.« Der Pastor habe seine Angaben um so glaubhafter gemacht, als er behauptete, von diesem Vorfall durch die Tochter eines seiner Angehörigen unterrichtet worden zu sein, die Mitglied des fraglichen Lagers und eines der ablehnenden Mädchen gewesen sei[65].

Ein Oberfähnrich des Heeres bat im März 1944 seinen Bruder, der bei der SS diente, um Auskunft, welche Bewandtnis es mit folgendem Gerücht habe, das in der Artillerieschule II in Groß-Born umlaufe: »Die SS sucht gesunde junge Mädchen, die gern Kinder haben möchten, aber nicht heiraten wollen, legt sie zusammen und läßt ihnen von gesunden und einwandfreien Männern Kinder andrehen. Sobald dann die Kinder geboren sind, werden sie den Muttern weggenommen und auf Kosten des Staates erzogen […] Was ist denn eigentlich wahr daran? […] Denn restlos aus den Fingern kann man so etwas ja nicht saugen.«[66] Statt eine Antwort zu sagen, leitete der Adressat das Schreiben an den SD weiter. Das gleiche geschah mit dem Brief einer Frau, die bei einer SS-Dienststelle in Leipzig anfragte, »wo sich die von der SS eingerichteten Begattungsheime befinden, besonders in der Umgebung von Lübeck«. Sie habe von einer Freundin davon gehört. Die Untersuchungen, die der SD daraufhin anstellte, ergaben, daß das Gerücht von einem Angehörigen der Luftwaffe ausging, dessen Vernehmung veranlaßt worden sei[67].

Aus seinem Wohlgefallen über uneheliche Kinder seiner SS-Männer machte Himmler kein Hehl. Er selbst ging mit gutem Beispiel voran. Mit seiner Geliebten Hedwig Potthast zeugte er zwei Kinder: Helge und Nanette Dorothea. Himmler übte sich auch als Berater für uneheliche Mütter und wies den medizinischen Leiter des Lebensborn, Dr. Ebner, an, genauso bereitwillig Auskunft zu geben, wenn er gefragt wurde. Mit der holländischen Baronesse Jul op ten Noord führte Himmler im Herbst 1943 eine Korrespondenz über die bevorstehende Geburt ihres unehelichen Kindes, das sie von einem höheren Polizeioffizier erwartete. Sie bekam folgenden Rat: »Ich schlage Ihnen vor, 1-2 Monate vor der Entbindung in eines unserer Lebensborn-Heime zu gehen und dort ihr Kindchen zu erwarten. Die Beurkundung [.. .], daß Sie ein Kind geboren haben, geschieht geheim. Nach einigen Monaten verlassen Sie das Heim, lassen Ihr Kind dort und wenn Sie Ihren Dienst in der Reichsschule wieder angetreten haben[68], warten Sie noch einige Zeit, um dann mit mir eine Korrespondenz zu beginnen, die bald auf den Lebensborn übergeleitet wird, in der Sie mitteilen, Sie hatten sich entschlossen, ein Kind zur Erziehung anzunehmen, worauf ich Ihnen dann Ihr eigenes Kind zunächst unter einem anderen Namen übergeben werde.«[69] Eine andere unverheiratete Frau führte im Januar und Februar 1944 eine Korrespondenz mit dem Lebensborn München über die Frage, wie sie von ihrem verheirateten Geliebten drei Kinder bekommen könne, ohne daß dieser und ihre Umgebung etwas von den Schwangerschaften und Geburten erfahren.

1943 erkundigte sich Himmler bei SS-Obergruppenführer Sepp Dietrich nach den unehelichen Kindern von Angehörigen der Leibstandarte. »Du erzähltest mir vor längerer Zeit, das die Männer der Leibstandarte eine erfreulich große Anzahl von Kindern haben. Ich mochte nun gern die Namen von den Kindern und den Müttern, soweit inzwischen die beiden sich nicht geheiratet haben, bekommen. Jedes dieser Kinder stellt einen großen Wert dar, insbesondere nachdem doch sehr viele der Väter in der Zwischenzeit gefallen sein werden.«[70] Erst ein halbes Jahr später antwortete ihm Dietrich mit dem Hinweis, daß die Truppe im Einsatz sei und möglichst wenig mit Meldungen und Statistiken belastet werden sollte[71].

Gegen die Anfeindungen und Gerüchte konnte sich der Lebensborn in der Öffentlichkeit nicht wehren, da er nur die Öffentlichkeit offiziell nicht existierte. Nur innerhalb der SS konnten Fehlbeurteilungen korrigiert werden. Erstmals mußte sich der Leiter des Gesundheitswesens im Lebensborn 1942 gegen falsche Vorwürfe wehren. In seinem Erfahrungsbericht betonte er vor den anwesenden Zuhörern aus der SS, daß die Arbeit, die von ihm geleistet werde, »eine solide und, wie von der SS nicht anders zu erwarten, durchaus anständige« sei. Er fuhr fort: »Was man an offenen und versteckten Vorwürfen auch von seiten mancher SS-Führer zu hören bekommt, zeugt von einem krassen Unverständnis über diesen Sektor der SS-Arbeit. Es ist weder wahr, daß die SS-Männer zu Kinderzeugung um jeden Preis angehalten werden, dafür vielleicht noch ein Handgeld bekommen, und daß der Lebensborn dann diese Kinder auf Kosten der anderen SS-Führer aufzieht, noch ist es wahr, daß wir mit unserer Arbeit die Ehe unterminieren oder gar zerstören, weil wir angeblich das uneheliche Kind fördern. Wir wissen so gut wie jeder andere, das die Ehe, allerdings nur die kinderreiche, das Fundament des Staates ist.«[72]

Die Legende vom Lebensborn als einer nationalsozialistischen Zuchtanstalt erhielt nach dem Krieg erneuten Auftrieb, als Himmlers Masseur Felix Kersten von Aussagen des Reichsführers-SS zum Thema Ehe und Familie berichtete. Danach soll Himmler vorgeschlagen haben, nach dem Krieg die Einehe aufzuheben und den Helden des Krieges, die das Deutsche Kreuz in Gold, das Ritterkreuz, das Eiserne Kreuz 1. Klasse oder die silberne bzw. goldene Nahkampfspange verliehen bekommen hatten, das Recht zu geben, eine zweite Ehe neben der ersten einzugehen. Diese Maßnahme sollte in erster Linie dazu dienen, den Kinderreichtum Deutschlands zu vermehren und die Ausfälle des Zweiten Weltkriegs auszugleichen. Um den unverheirateten Frauen Mutterglück zu verschaffen, habe Himmler geplant, ihnen »wertvolle, rassisch einwandfreie Männer als Zeugungshelfer« zu empfehlen. Jede Frau, die das dreißigste Lebensjahr vollendet habe, ohne ein Kind zu besitzen, sollte es »als ihre Ehrenpflicht gegenüber dem Reiche ansehen«, Kinder zu bekommen. »Dann wird die große Zeit des Lebensborns gekommen sein«, habe Himmler hinzugefügt.

Abträglicher als diese Spekulationen über die Zukunft war für den Lebensborn der von Kersten als »erstaunlich« kolportierte Satz Himmlers, daß sich bereits während des Krieges »jede unverheiratete Frau, die allein stehe, aber sich nach einem Kind sehne, vertrauensvoll an den Lebensborn wenden könne«. Diese Aussage ließ, als sie zehn Jahre nach dem Krieg bekannt wurde, die Mutmaßungen über den Bordellcharakter des Lebensborn neu aufleben. Die wenigsten Leser wußten, das Kersten kein glaubwürdiger Zeuge für eine solche Bemerkung war, deren Sachverhalt nirgendwo belegt ist[73]. Bekannt ist dagegen die Stellungnahme des Rasse- und Siedlungshauptamtes an einen Angehörigen der Luftwaffe, der um die Benennung eines »Zeugungshelfers« bat und der zur Antwort bekam, er solle sich selber darum kümmern[74]. Aber die Fantasie aller war durch die Hinweise Kerstens neu beflügelt. Selbst der Deutsche Bundestag beschäftigte sich damals mit der Angelegenheit. Als die Abgeordnete Frau Dr. Dr. hc. Lüders von der Freien Demokratischen Partei, angeregt durch die neu entfachte Diskussion, bei der Bundesregierung etwas über das Schicksal der im Lebensborn geborenen unehelichen Kinder wissen wollte, gab der Bundesminister des Innern Dr. Schröder folgende Auskunft: Der Lebensborn sei in der Lage gewesen, »ganz selbständig zu arbeiten«, weil er eigene Entbindungsheime, eine eigene Vormundschaftsabteilung, eine Vermittlungsabteilung für Kinder, eine Gerichtsabteilung und ein Standesamt besaß. Deshalb könnten weder die Jugendämter noch die Polizeibehörden genaue Angaben über die einzelnen Kinder machen. Der Minister versprach der Abgeordneten jedoch, beim Internationalen Suchdienst in Arolsen/Waldeck das Material einsehen zu lassen, das von den Alliierten nach der Beschlagnahme und Auswertung dorthin verbracht worden sei[75].

Der Bericht, den die von ihm beauftragte Amtsrätin Weider nach Auswertung aller Akten abgab, enthielt keinen Hinweis, daß die Lebensbornheime zu etwas anderem gedient hatten als zur Entbindung von Schwangeren und zur Bewahrung von Kindern[76]. Sie waren weder SS-Bordelle noch Beschälanstalten, noch Rassenfarmen des Nationalsozialismus.

Anmerkungen

  1. Statistisches Jahrbuch nur das Deutsche Reich 1941/42, S. 66.
  2. Vgl. Vorländer, H., Die NSV. Darstellung und Dokumentation einer nationalsozialistischen Organisation, Boppard 1988, S. 62 ff.
  3. Vgl. Deutsche Jugendhilfe; 1937-1938, H. 5, S. 45.
  4. Vgl. Klinksiek, B., Die Frau im NS-Staat, Stuttgart 1982.
  5. Reichsgesetzblatt, I 1938, S. 807 und 932ff.; vgl. Blasius, D., Ehescheidung in Deutschland 1794-1945, Göttingen 1987, S. 188ff.
  6. Vgl. Anordnung des Reichsjustizministers Nr. 2697, in: Reichshaushalts- und Besoldungsblatt vom 21. Juni 1937.
  7. Bundesarchiv R 22/966.
  8. Conti, L., Denkschrift »Erhöhung der Kinderzahl durch Eheanbahnung, Eheberatung und Wahlkinder«, Bundesarchiv NS 20/30, Band 2; Stellungnahme des Reichsarztes-SS v. 27. August 1940, Berlin Document Center SS-HO 5721.
  9. Vgl. Thompson, L. W., Lebensborn and the Eugenics Policy of the Reichsführer SS, in: Central European History, 1971, H. 4, S. 56.
  10. Vgl. Anm. 1; Grunberger, R., Lebensborn. Himmler's Selective Breeding Establishment, in: Wiener Library Bulletin, 1962, H. 16, S. 52.
  11. Vgl. § I der Satzung des Lebensborn vom 12. Dezember 1935, Bundesarchiv NS 19/329.
  12. Besprechung der SS-Gruppenführer 1937 in Tölz, Institut nur Zeitgeschichte MA 284, Bl. 715ff.
  13. Sitzung des Vorstandes des Lebensborn e.V. am 5. April 1939, Bundesarchiv NS 20/30, Band 1.
  14. Bleuel, H. P., Das saubere Reich. Theorie und Praxis des sittlichen Lebens im Dritten Reich, Bern u.a. 1972, S. 192.
  15. Vortrag Ebner bei einer Besprechung der SS-Gruppenführer 1937 in Tirol, Institut für Zeitgeschichte MA 284, Bl. 715ff.
  16. Bundesarchiv NS 19/2649; zur geplanten Neuordnung des Adoptionswesens vgl. Deutsche Jugendhilfe, 1938, H. 1, S. 43 ff.
  17. Lilienthal, G., Der »Lebensborn e.V.« Ein Instrument nationalsozialistischer Rassenpolitik. Forschungen zur neueren Medizin- und Biologiegeschichte, hrsg. von Mann, G. und Kümmel, W. F., Band 1, Stuttgart/New York 1985, S. 54ff.
  18. Vgl. Anm. 13.
  19. Bundesarchiv NS 20/30, Band 2.
  20. Bei Kriegsende waren in Norwegen rund 9000 Kinder mit deutschem Vater und norwegischer Mutter registriert. Vgl. Kjendsli, V., Kinder der Schande, Berlin 1988, S. 39.
  21. Vgl. Lilienthal (Anm. 17), S. 172ff.
  22. Schriftwechsel zwischen Brandt und Conti vom November 1942, Berlin Document Center SS-HO 5352.
  23. Zu den Sonderaufgaben, die Himmler dem Lebensborn bei Beginn des Krieges zuwies, gehörte »die Betreuung der Witwen und Kinder ermordeter Volksdeutscher in Polen«. Vgl. Tätigkeitsbericht 12. 12. 1935 bis 31. 12. 1939, Bundesarchiv NS 20/30, Band 1, S. 23; Anordnung Nr. 67/I des Reichskommissars für die Festigung des deutschen Volkstums, Eindeutschung von Kindern aus polnischen Familien und aus ehedem polnischen Waisenhäusern, Bundesarchiv NS 20/30, Band 1.
  24. Vgl. Lilienthal (Anm. 17) S. 205 ff.
  25. Vgl. u.a.: Der Reichsführer-SS, Richtlinien für die Durchführung der Aktionen gegen Partisanen und sonstige Banditen in Oberkrain und Untersteiermark vom 25. Juni 1942, Berlin Document Center O. 217 II.
  26. Programmschrift des Lebensborn, in: Walendy, U. (Hrsg.), Europa in Flammen, Band 1, Vlotho 1966, S. 260.
  27. Vgl. Rundschreiben des Hauptamtes für Volkswohlfahrt vom 9. Oktober 1943, in: Vorländer (Anm. 2), S. 428ff.
  28. Vgl. Behandlung schwangerer ausländischer Arbeiterinnen und der im Reich von ausländischen Arbeiterinnen geborenen Kinder, in: Documenta occupationis, Bd. 5, hrsg. von K. M. Pospieszalski, Poznan 1952, S. 296ff.
  29. Bundesarchiv NS 20/30, Band 1.
  30. Personenstandsgesetz vom 19. Mai 1938, in RGBI I 1938, S. 533ff.
  31. Bundesarchiv R 58/184 Eintragung vom 6. Mai 1940.
  32. The RuSHA Case, in: Trials of War Criminals before the Nuernberg Military Tribunals under Control Council Law NO. 10, New York 1950, H. 5, S. 163.
  33. Vgl. nach PZ 58, Der letzte Krieg, hrsg. von der Bundeszentrale für politische Bildung, September 1989, S. 10.
  34. Vgl. Hillel, M./Henry, C., Lebensborn e. V., Im Namen der Rasse, Wien/ Hamburg 1975.
  35. Hagen, L., Follow my Leader, London 1951, S. 256.
  36. Barden, J., Freundin und candy, in: Settel, A. (Hrsg.), Das ist Germany, Frankfurt/M. 1950, S. 150.
  37. Berthold, W., Lebensborn e.V. Tatsachenroman, München 1975, S. 16.
  38. Illustrierten-Filmbühne Nr. 05607.
  39. Der Spiegel v. 4. Januar 1961, S. 59ff.
  40. Die Zeit v. 3. Februar 1961, Beilage S. IV.
  41. /Henry (Anm. 34).
  42. Gong v. 22.-28. März 1975, S. 45.
  43. Vgl. Der Zweite Weltkrieg. Zeit-Bild, Heidelberg/Wien 1979, S. 274.
  44. Hampel, J., Der Nationalsozialismus, Band 2: Friedenspropaganda und Kriegsvorbereitung 1935- 1939, hrsg. von der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1989, S. 323.
  45. Ebda., S. 337.
  46. Kater, M. H., Das »Ahnenerbe« der SS 1935-1945, Stuttgart 1974, S. 205.
  47. Conrad-Martius, H., Utopien der Menschenzüchtung. Der Sozialdarwinismus und seine Folgen, München 1955, S. 101. _
  48. Infield, G.B.B., Secrets of the SS, New York 1982, S. 138, übersetzt vom Verfasser.
  49. Vgl. Schub, H., Das Gerücht. Psychologie des Gerüchts im Krieg, München 1981, S. 14ff.
  50. Vgl. Strafandrohungen nur SS-Angehörige, die Vertrauensstellungen beim Lebensborn e.V. erhalten sollen, v. 19. Juli 1940, Bundesarchiv NS 7/246.
  51. Niederschrift über die Sitzung des Aufsichtführenden Vorstandes des Lebensborn e.V. am 5. April 1939, S.2, Berlin Document Center SS-HO 1838.
  52. Bundesarchiv NS 20/30, Band 1.
  53. Bundesarchiv NS 20/30, Band 1. Von der NSV bekam der Lebensborn einen jährlichen Zuschuß zwischen 700000 und 1000000 RM, »weil die Tätigkeit des Lebensborn e.V. der der NSV nahesteht« Vgl. Schreiben Ebner an den Aufsichtführenden Vorstand, SS-Gruppenführer Pohl, 21. Juni 1938, Berlin Document Center SS-HO 5373.
  54. Aktenvermerk Ebner vom 30. August 1938, Bundesarchiv NS 20/30, Band 1: Niederschrift über die Sitzung des Aufsichtführenden Vorstandes des Lebensborn e.V. (Anm. 51), S. 4.
  55. Bleuel (Anm. 14), S. 194
  56. Der Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei im Reichsministerium des Innern vom 28. Oktober 1939. Bundesarchiv NS 20/30, Band 1.
  57. Völkischer Beobachter v. 24./25./26. Dezember 1939, S. 10.
  58. Meldungen aus dem Reich vom 5. Januar 1940, Bundesarchiv 258/147, Blatt 54.
  59. Ebda.
  60. Bundesarchiv NS 2/276.
  61. Vgl. Befehl vom 1. September 1943, Bundesarchiv/Militärarchiv RH 14/ 31, Blatt 84, und Richterbriefe Nr. 8 vom 1. Mai 1943, Bundesarchiv/Militärarchiv RH 14/28, Blatt 73 ff. - Kriegsgefangene, die geschlechtliche Beziehungen zu deutschen Soldatenfrauen aufnahmen, wurden mit Zuchthaus bestraft.. Befehl OKH vom 7. Januar 1944, Bundesarchiv/Militärarchiv RH 14/27, Blatt 10.
  62. Flugblatt-Propaganda im 2. Weltkrieg, Band 12, hrsg. von Kirchner, K., Erlangen 1989, Abb. 26.
  63. Bericht des SD-Abschnittes Schwerin v. 28. März 1944, Bundesarchiv NS 6/244.
  64. Ebda.
  65. Meldungen aus dem Reich 1938-1945. Die geheimen Lageberichte des Sicherheitsdienstes der SS, hrsg. und eingeleitet von Boberach, H., Band 10, Hersching 1984, S. 3646ff.
  66. Bericht des SD-Abschnittes Schwerin (Anm. 63).
  67. Institut nur Zeitgeschichte, Fa 202.
  68. Jul op ten Noord war Angestellte der Kolonialschule Rendsburg, wo sie den Auftrag hatte, »volksdeutsche Kolonien in Rußland und im Generalgouvernement zu besuchen, um Erfahrungen für die Erziehung der Schülerinnen der Reichsschulen für den Ostgedanken zu sammeln«.
  69. Bundesarchiv NS 19 neu/795, Bl. 9ff.
  70. Bundesarchiv NS 20/30, Band 2.
  71. Bundesarchiv NS 19 neu/458.
  72. Vortrag Ebner über die Lebensbornarbeit, Bundesarchiv NS 20/30, Band 2.
  73. Vgl. Kersten, F., Totenkopf und Treue. Heinrich Himmler ohne Uniform, Hamburg 1955, S. 223 ff.
  74. Schreiben SS-Brigadefuhrer Hofmann v. 30. August 1940, Berlin Document Center SS-HO 5721.
  75. Vgl. Verhandlungen des Deutschen Bundestages, Stenographische Berichte 1955, Band 23, S. 3314ff.
  76. Kinder aus der SS-Retorte, in: SZ v. 21. Februar 1955, S. 3.

Der Autor

Franz W. Seidler, geb.1933 in Widstadtl/Süd. Studium der Geschichte, Germanistik und Anglistik an den Universitäten München und Paris. 1955 Promotion mit einer Arbeit aber die Geschichte des Begriffs »Revolution«. Seit 1973 Professor nur Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr, München. Wichtigste Veröffentlichungen: Frauen zu den Waffen? Marketenderinnen, Helferinnen, Soldatinnen, Bonn 1978; Das Militär in der Karikatur. ›Kaiserliches‹ Heer, Reichswehr, Wehrmacht, Bundeswehr und Nationale Volksarmee im Spiegel der Pressezeichnung, München 1982; Fritz Todt. Baumeister des Dritten Reiches, München 1986; Die Organisation Todt. Bauen nur Staat und Wehrmacht, Koblenz 1987; Deutscher Volkssturm. Das letzte Aufgebot 1944/45, München 1989.


Zurück zum Inhaltsverzeichnis »Die Schatten der Vergangenheit«