Die Schatten der Vergangenheit

Impulse zur Historisierung des Nationalsozialismus

(es werden insgesamt nur fünf Beiträge hier gepostet werden!)

Herausgegeben von Uwe Backes/Eckhard Jesse Rainer Zitelmann

Zeitgeschichte
Ullstein Buch Nr. 33161
im Verlag Ullstein GmbH,
Frankfurt/ M- Berlin

Um ein Nachwort erweiterte Ausgabe
Umschlagentwurf: Hansbernd Lindemann
Alle Rechte vorbehalten
© 1990 Verlag Ullstein GmbH,
Propylaen Verlags GmbH
Frankfurt/M – Berlin
Printed in Germany 1992
Druck und Verarbeitung: Clausen & Bosse, Leck
ISBN 3 548 331610
April 1992


Martin Broszat
zum Gedenken

(1926-1989)


Hier erhältlich:


INHALT

Uwe Backes/Eckhard Jesse/Rainer Zitelmann
Zu diesem Band: S. 11

 

I. Orientierungsversuche

Uwe Backes/Eckhard Jesse/Rainer Zitelmann
Was heißt: »Historisierung« des Nationalsozialismus?: S. 25

Helmut Fleischer
Eine historisierende Betrachtung unseres Zeitalters
Zur Notwendigkeit einer epochenübergreifenden Betrachtung von Weltkrieg, Sowjetrevolution und Faschismus: S. 58

Ernst Nolte
Abschließende Reflexionen über den sogenannten Historikerstreit: S. 83

Imanuel Geiss
Massaker in der Weltgeschichte. Ein Versuch über Grenzen der Menschlichkeit: S. 110

Klaus-Georg Riegel
Die innerparteilichen Säuberungskonzeptionen von Hitler und Stalin. Ein Vergleich: S. 136.

 

II. Nationalsozialismus

Enrico Syrinx
Intentionalisten und Strukturalisten. Von einem noch immer ausstehenden Dialog: S. 169

Gunther Mai
Arbeiterschaft zwischen Sozialismus, Nationalismus und Nationalsozialismus. Wider gängige Stereotype: S. 195

Rainer Zitelmann
Nationalsozialismus und Antikommunismus. Aus Anlaß der Thesen von Ernst Nolte: S. 218

Albrecht Ritschl
Zum Verhältnis von Markt und Staat in Hitlers Weltbild. Überlegungen zu einer Forschungskontroverse: S. 243

Jürgen W. Falter
»Anfälligkeit« der Angestellten - »Immunität« der Arbeiter? Mythen über die Wähler der NSDAP: S. 265

Franz W. Seidler
Lebensborn e.V. der SS. Vom Gerücht zur Legende: S. 291

Fritz Tobias
Ludendorff, Hindenburg, Hitler. Das Phantasieprodukt des Ludendorff-Briefes vom 30. Januar 1933: S. 319

Bernd-Jürgen Wendt
Durch das »strategische Fenster« in den Zweiten Weltkrieg. Die Motive Hitlers: S. 344

Daniel Koerfer
Ernst von Weizsäcker im Dritten Reich. Ein deutscher Offizier und Diplomat zwischen Verstrickung und Selbsttäuschung: S. 375

Hans-Heinrich Wilhelm
Offene Fragen der Holocaust-Forschung. Das Beispiel des Baltikums: S. 403

Margeas Vestermanis
Der lettische Anteil an der »Endlösung«. Versuch einer Antwort: S. 426

Werner Wegner
Keine Massenvergasungen in Auschwitz? Zur Kritik des Leuchter-Gutachtens: S. 450

 

III. »Vergangenheitsbewältigung«

Andreas Maislinger
»Vergangenheitsbewältigung« in der Bundesrepublik Deutschland, der DDR und Österreich. Psychologisch-pädagogische Maßnahmen im Vergleich: S. 479

Christa Hoffmann
Die justitielle »Vergangenheitsbewältigung« in der Bundesrepublik Deutschland. Tatsachen und Legenden: S. 497

Michael Wolffsohn
Das Bild als Gefahren- und Informationsquelle. Von der »Judensau« über den »Nathan« zum »Stürmer« und zu Nachmann: S. 522

Eckhard Jesse
Philosemitismus, Antisemitismus und Anti-Antisemitismus. Vergangenheitsbewältigung und Tabus: S. 543

Herbert Ammon
Antifaschismus im Wandel? Historisch-kritische Anmerkungen zur Aktualität eines Begriffs: S. 568

Wolfgang Kowalsky
Die Vergangenheit als Crux der Linken. Zur Auseinandersetzung um »antifaschistische« Stragtegien und die »nationale Frage«: S. 595

Uwe Backes
Objektivitätsstreben und Volkspädagogik in der NS-Forschung. Das Beispiel der Reichstagsbrand-Kontroverse:
S. 614

Abkürzungsverzeichnis: S: 636

Auswahlbibliographie: S. 637

Die Autoren: S. 648 (hier hinter jedem Beitrag)

Nachwort zur Taschenbuchausgabe: S. 656

 


 

UWE BACKES / ECKHARD JESSE / RAINER ZITELMANN

WAS HEISST: »HISTORISIERUNG« DES NATIONALSOZIALISMUS?

Zensiert, damit Sie dumm bleiben.

»Historisierung« teilt mit vielen Begriffen der historisch-politischen Sprache das Schicksal, daß sein Bedeutungsgehalt vage ist, Fehldeutungen somit programmiert sind. Wer eine »Historisierung des Nationalsozialismus« fordert, muß darauf gefaßt sein, mit dem ubiquitären Vorwurf der »Relativierung« oder »Verharmlosung« konfrontiert zu werden. Eine nähere Bestimmung dessen, was mit »Historisierung« gemeint ist, erscheint unerläßlich.

Die Hinterlassenschaften des Nationalsozialismus, die durch ihn bewirkten Verheerungen, erschweren ein ruhiges Urteil. Die Befürchtung, man kenne zumindest mittelbar als Apologet des nationalsozialistischen Herrschaftssystems erscheinen, fuhrt mitunter zu unbalancierten Einschätzungen. Mehr als vier Jahrzehnte nach dem Ende des Dritten Reiches wird man nicht müde, vor dem Nationalsozialismus und seinen - vermeintlichen - Nachfolgeorganisationen zu warnen, wie isoliert und moribund diese auch immer sein mögen. Die von ehrenrührigen Insinuationen geprägte Auseinandersetzung um das »Tausendjährige Reich« - der »Historikerstreit« war dafür ein charakteristisches Exempel - tobt heftiger denn je. Vor 1933 ist die Gefährlichkeit Hitlers und seiner Bewegung weithin unterschätzt worden, auch und gerade von seinen Gegnern, obwohl seine machtbewußte Dynamik nur schwer zu übersehen war. Heute hingegen werden marginale Symptome nur eine Aufwertung nationalsozialistischen Gedankenguts oft überzeichnet, abgesehen davon, daß das Öffentliche Wirken von Extremisten gerade ein Kennzeichen des demokratischen Verfassungsstaates ist. Die besondere Ghettoisierung und Stigmatisierung von Rechtsextremisten muß hingegen als ein - aus der jüngsten Geschichte erklärliches - Charakteristikum der politischen Kultur der Bundesrepublik gelten.

Die folgenden Überlegungen mögen der Versachlichung einer emotionsträchtigen Materie dienen. Eine umfassende theoretische Klärung des Begriffs der »Historisierung« steht allerdings noch aus, kann auch im vorliegenden Beitrag nicht geleistet werden. Die nachstehenden Anmerkungen sind daher als »Annäherungen« zu begreifen, die die Notwendigkeit des bereits im Gang befindlichen Prozesses der »Historisierung« begründen sollen. Sie mögen weiter zeigen, wo in der konkreten Einzelforschung der Forderung nach einer »Historisierung« des Dritten Reiches bereits entsprochen worden ist - und wo nicht.

Plädoyer für eine Historisierung des Dritten Reiches

Als Martin Broszat, bis zu seinem Tod im Oktober 1989 Direktor des Münchner Instituts nur Zeitgeschichte, 1985 in einem Aufsatz nur die »Historisierung« des Dritten Reiches placierte[1], war der Wirbel nicht vorherzusehen, den seine Forderung auslösen sollte. Durch den im Jahre 1986 aufgebrochenen »Historikerstreit« trat die Frage nach der »Historisierung« in das Zentrum wissenschaftlicher und politischer Erörterungen. Wenn Broszats Postulat so intensiv aufgegriffen wurde, daß heute fast alle Diskussionsteilnehmer[2] beteuern, eine »Historisierung« des Nationalsozialismus sei notwendig, wünschenswert und unvermeidlich, so deutet dies auf Defizite der Geschichtsschreibung hin. Wer eine »Historisierung« des Nationalsozialismus fordert, nimmt offenkundig Anstoß an bestimmten Formen der bisherigen Auseinandersetzung mit der Geschichte des Dritten Reiches. Allein die verquaste Begriffsbildung der »Historisierung« wirft ein bezeichnendes Licht auf die mangelnde Offenheit der Diskussion. Unzulänglichkeiten der Terminologie dürfen jedoch das Ansprechen konkreter Probleme nicht verhindern. Was also ist unter »Historisierung« zu verstehen?

Der Begriff der »Historisierung« knüpft offenkundig daran an, daß die Qualität von Gegenwartsanalysen häufig durch subjektive Befangenheit beeinträchtigt wird. Da der nach Erkenntnis Strebende sowohl Subjekt als auch Objekt der Analyse ist, erscheinen Einseitigkeiten und Verzerrungen der Wahrnehmung unvermeidlich. Die »Historisierung« von etwas Vergangenem ergibt nur dann einen Sinn, wenn dieses Vergangene der Gegenwart noch seinen Stempel aufdruckt, sie formt und bestimmt. »Historisierung« meint also zunächst die Herstellung großerer subjektiver Distanz zum Objekt der Analyse - vergleichbar etwa mit der Erforschung jahrhundertelang zurückliegender Epochen[3]. »Historisierung« in diesem Sinne schließt persönliche Anteilnahme an menschlichen Schicksalen keineswegs aus, ist auch mit dem Anlegen ethischer Maßstäbe vereinbar. Die Forderung wendet sich jedoch gegen eine von moralisierenden Gesinnungsstatements und manichäistischen Schwarz-Weiß-Bildern bestimmte Geschichtsbetrachtung. Dies macht es unumgänglich, das sich der mit der Rekonstruktion und Interpretation historischer Ereignisse befaßte Forscher auf das Objekt seiner Untersuchung »einläßt«, sein »Innenleben« durchleuchtet, das Selbstverständnis analysiert und die Motivationsstruktur der Akteure erschließt. Pädagogische Intentionen dürfen dem geschichtswissenschaftlichen Bemühen nicht vorgelagert sein, sondern haben von den Erträgen der Forschung ihren Ausgang zu nehmen. Die Forderung nach »Historisierung« wendet sich auch gegen eine selektive Verarbeitung historischer Phänomene. Ziel der Analyse muß eine möglichst facettenreiche Darstellung sein, die keine Tabuzonen kennt. Bei der Einordnung und Beurteilung historischer Erscheinungen und Konstellationen spielen Vergleiche eine zentrale Rolle. Die Behauptung der »Unvergleichbarkeit« bestimmter Ereignisse (wie etwa der nationalsozialistischen Judenvernichtung) stellt eine contradictio in adjecto dar. Denn der Befund der »Singularität« eines Ereignisses setzt komparative Betrachtungen gerade voraus.

Martin Broszat liefert in seinem Aufsatz von 1985 keine Definition, obgleich er die Notwendigkeit der »Historisierung« des Nationalsozialismus anhand zahlreicher Beispiele umschreibt, wenn auch meist nur ex negativo. Seiner Diagnose haftet viel Treffendes an: »Wenn das Dritte Reich beginnt, geht der Autor auf Distanz. Das Einfühlen in historische Zusammenhänge bricht ebenso ab wie die Lust am geschichtlichen Erzahlen. Die Geschichte des Nationalsozialismus wird nicht mehr verdrängt, aber sie verkümmert zur Pflichtlektion«[4] - wobei hinzuzufügen wäre, daß diese auch eine Form der Verdrängung sein kann. Broszat zog mit seinem Plädoyer vor allem gegen die »Ausklammerung von Tabu-Zonen«[5] zu Felde, wie sie sich etwa in Darlegungen über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus zeigten und noch immer zeigen, auch wenn sich die NS-Interpretationen im Laufe der Geschichte der Bundesrepublik - nicht zuletzt als Reaktion auf den Wandel der politischen Kultur - vielfältig verschoben haben[6].

Von einer apologetischen Sichtweise konnte bei Broszat keine Rede sein: »Das zur Stereotypie verflachte Diktum der ›nationalsozialistischen Gewaltherrschaft‹ kann wohl nur durch starker differenzierende historische Einsicht auch moralisch neu erschlossen werden.«[7] Wer das System des Dritten Reiches ausschließlich als »nationalsozialistische Gewaltherrschaft« wahrnimmt, kann nicht erklären, wieso Millionen von Menschen vom nationalsozialistischen System - jedenfalls eine Zeitlang - gewonnen worden sind. Die Verwendung dieser beliebten Formel ist auch nicht frei von apologetischen Momenten, können sich doch Akteure gleichsam als Entschuldigung auf die Unmöglichkeit und Aussichtslosigkeit von Widerstandsaktivitäten berufen.

Schon vor 1985 hatte Broszat vorsichtig das »Verlangen nach einer bedächtigeren, vielleicht auch gerechteren Historisierung dieser nicht mehr ›jüngsten‹ Vergangenheit«[8] hervorgehoben, dabei aber auch auf mögliche Fehldeutungen hingewiesen. Die »vordergründige Pädagogisierung der Hitler-Zeit«[9] erschwert in der Tat die wissenschaftliche Durchdringung des historischen Phänomens, leistet vielmehr einer bequemen Anklagehaltung Vorschub. Damit wird weder dem Verständnis des historischen Geschehens gedient noch die unbefangene Lösung aktueller politischer Fragen gefördert. Bereits im Jahre 1981 hatte Broszat - wie später auch - die »Sonderbehandlung des Nationalsozialismus gegenüber dem geschichtlichen Vorher und Nachher«[10] beklagt. Historische Verbindungslinien und Zusammenhänge werden auf diese Weise gleichsam eskamotiert.

In der Folgezeit - nach dem »Historikerstreit«, in dem u.a. die »Singulärität« der nationalsozialistischen Verbrechen zur Debatte stand - sah sich Broszat herausgefordert, seine Position gegen unterschiedlich motivierte Kritik[11] zu verteidigen. So wandte er sich in einem Beitrag[12] anläßlich des »Historikerstreits« entschieden gegen Nolte, der doch nur auf seine - wie immer zu bewertende - Weise versucht hatte, die Maximen der »Historisierung« umzusetzen. In einem Briefwechsel mit Saul Friedländer, einem der schärfsten Kritiker der »Historisierung«[13], verteidigte Broszat sein Konzept[14], auch wenn er konzedierte, der Begriff der »Historisierung« sei »vieldeutig und miverständlich«[15]. Unter dem Titel »Was heißt Historisierung des Nationalsozialismus«[16] äußerte sich Broszat abschließend zu einer Thematik, die ihn immer wieder bewegt hatte[17]. Hier modifizierte er seine Position insofern, als er jetzt weniger die Historisierung der NS-Zeit auf sein Panier schrieb, vielmehr »die längst im Gange befindliche Unvermeidlichkeit dieser Historisierung«[18] bewußt machen wollte - offenbar eine Reaktion auf Einwände von Kritikern.

Selbst Broszat, der in einer Reihe von wegweisenden Anläufen des Öfteren Versuche zu einer »Historisierung« des Nationalsozialismus unternommen hat, kommt nicht umhin, dem im Prinzip von ihm abgelehnten Jargon Tribut zu zollen, wenn er sich einiger Wendungen bedient, die einer wissenschaftlichen Erörterung des Nationalsozialismus abträglich sind. Auch die Autoren dieses Beitrages leugnen nicht, das ihnen selber bisweilen eingestanzte Formulierungen ohne wissenschaftliche Aussagekraft unterlaufen. Die »Rituale einer falschen Unterwürfigkeit«[19] müssen überwunden werden - im Interesse der historischen Erkenntnis, die sonst nicht vorankommt; zugleich aber auch im Interesse der Moral, denn auf die hergebrachte Weise wird die Erinnerung an das Geschehene verschüttet. Nachträglicher Widerstand ist wohlfeil.

Der Historiker als Ankläger, Richter, Verteidiger oder Kriminalbeamter?

Wer die Zeit des Dritten Reiches lebendig halten will, muß sich Rechenschaft von der Funktion des Historikers ablegen. Welche Aufgabe obliegt ihm? Soll er anklagen oder verteidigen, soll er sich als Richter verstehen oder nur als Kriminalbeamter? Soll - und kann er als Wissenschaftler Werturteile fällen oder dies dem Leser überlassen? Schließt die eine Rolle die andere notwendigerweise aus?

Die Pose des Anklägers gegenüber den Akteuren des Dritten Reiches ist nach wie vor verbreitet. Die von Broszat kritisierte »lautstarke Distanzierung, die so lange erfolgte und noch geschieht«[20], ist kontraproduktiv, so sehr angesichts der im Dritten Reich begangenen Verbrechen eine derartige Haltung verständlich ist. Sie ist einem differenzierten Verständnis der Vergangenheit abträglich, verfestigt alte Urteile und sagt mehr über Auffassungen der Historiker aus als über den zu beschreibenden Gegenstand.

Neben der in vielen Darstellungen vorherrschenden Anklagehaltung gibt es allerdings eine nicht zu unterschätzende apologetische Literatur über den Nationalsozialismus. Rechtsextremistische (Winkel-)Verlage haben sich seit Jahren auf diese Thematik spezialisiert. Einschlägige Publikationen zeichnen sich durch eine kaum zu überbietende Einseitigkeit aus: Begierig werden alle Argumente aufgegriffen, die dazu geeignet scheinen, die »deutsche Schuld« zu minimieren und die »Kriegsschuld der Sieger« zu maximieren. Die NS-Apologetik zeichnet allerdings insofern kein geschlossenes Bild des Nationalsozialismus, als in eklektizistischer Manier alles komprimiert und kompiliert wird, was auch nur den Anschein erweckt, es könne das Dritte Reich in einem helleren Licht erscheinen lassen. Die Gattung der rechtsextremistischen Literatur über den Nationalsozialismus ist gleichsam ein verzerrtes Spiegelbild vorherrschender Sichtweisen, die sich allerdings - bei allen Defiziten - doch durch ein weitaus größeres Maß an Differenzierungsfähigkeit auszeichnen. Beide Perspektiven bedingen sich aber gegenseitig: Die Anklagehaltung wird durch die Furcht motiviert und bestärkt, eine nüchterne Darstellung, die anscheinend oder auch nur scheinbar »entlastende« Tatbestände zur Sprache bringt, könne einer apologetischen Fixierung Vorschub leisten. Umgekehrt ist die rechtsextremistisch gefärbte Literatur zum Teil eine Reaktion auf lange Zeit dominierende Schwarz-Weiß-Stereotypen, gegen die sich im Kern ja auch die Forderung nach einer »Historisierung« richtet. Während deren Anhänger aber nur ein differenziertes Bild placieren, setzen Rechtsextremisten den Einseitigkeiten herrschender Geschichtsschreibung eine noch größere Einseitigkeit entgegen.

Wie soll man auf Apologien reagieren? Nicht weiter führt eine indignierte Haltung, welche durch eine aggressive Anti-Position die kritisierte Sichtweise in ihrem Bemühen indirekt bestärkt. Eifer verfestigt bloß die Vorurteile der anderen Seite. Erst recht unangemessen ist jede Form einer Verbotsmentalität. In der Bundesrepublik existiert seit dem Jahre 1953 eine Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften, die nur auf Antrag von Jugendämtern tätig werden darf. Kinder und Jugendliche sollen vor unsittlichen, zu Gewalttätigkeiten aufreizenden oder den Krieg verherrlichenden Schriften geschützt werden. Einer gefestigten Rechtsprechung entsprechend gehören auch solche Arbeiten dazu, die den Nationalsozialismus verteidigen und seine Rassenlehre propagieren. Seit dem Jahre 1960 sind mehr als hundert NS- und kriegsverherrlichende Medien auf den Index gesetzt worden. Auch wenn diese Zahl nicht sonderlich hoch erscheint, ist dennoch die indirekte Wirkung nicht zu verkennen. Autoren, die sich aus einer rechtsextremistischen Sicht mit der Geschichte des Dritten Reiches befassen, müssen gegebenenfalls mit einer Indizierung ihrer Arbeiten rechnen. Auf den Index kamen u. a. Werke wie die von Arthur Butz, Richard Harwood und Wilhelm Stäglich[21], welche die Massenvernichtung der Juden durch den Nationalsozialismus in Abrede stellen, aber auch Schriften wie die von Udo Walendy, welche die deutsche Schuld am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges bestreiten. Für eine indizierte Schrift besteht Werbeverbot. Noch gravierender aber ist der Umstand, daß Autoren, deren Arbeiten indiziert sind, als sozial geächtet gelten. Weltfremd ist folgende Aussage: »In der Indizierung einer Schrift einen moralischen Vorwurf zu sehen, ist grundfalsch. Es stellt auch keinen Mißbrauch der Schrifttumsfreiheit dar, ein jugendgefährdendes Buch zu schreiben, genausowenig wie es ein Mißbrauch der Wissenschaftsfreiheit ist, Giftstoffe herzustellen und zu verkaufen. Es muß nur verhindert werden, das diese Stoffe in falsche Hände geraten.«[22] Unstimmig ist das Bild deshalb, weil der Produzent solcher Literatur es als einen Makel empfinden muß, wenn seine Arbeit sich auf dem Index wiederfindet.

Im Prinzip auf der gleichen Linie wie das Hantieren mit dem Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften, die als Vehikel der Vergangenheitsbewältigung mißbraucht wird, liegt die moralische Brandmarkung derjenigen, die es wagen, die Literatur der lunatic fringe zwecks Überprüfung eines Sachverhalts heranzuziehen. Damit sei ganz unvermeidlich eine Aufwertung abseitiger Positionen verbunden[23]. Die Diskussion um das leidige und in modifizierter Form verabschiedete »Auschwitz-Gesetz«[24] wirft einen Schatten auf die alles in allem gefestigte politische Kultur der Bundesrepublik. Auf diese Weise läßt sich Vergangenheit verdrängen, nicht »bewältigen«.

Was not tut, ist eine inhaltliche Auseinandersetzung mit tatsächlich oder auch nur vermeintlich rechtsextremistischen Positionen.

Als David Irving in den siebziger Jahren die Auffassung zu begründen suchte,. Hitler habe - bis zum Oktober 1943 - nichts von der Judenvernichtung gewußt[25], da griffen Martin Broszat und Hans Mommsen diese Annahme eines »Revisionisten« auf, indem sie sich mit den Argumenten in der Sache auseinandersetzten und eigene Thesen von der Improvisierung der Judenvernichtung entwickelten[26]. Auf diese Weise wurde die Auffassung eines »Revisionisten« revidiert, zugleich aber die Forschung vorangebracht. So bleibt zu hoffen, daß die Wissenschaft intensiver die Argumente derjenigen widerlegt, die behaupten, im Dritten Reich habe es eine systematische Vernichtung von Juden mittels Gaskammern gar nicht gegeben.

Wenn weder Anklage noch Verteidigung die Aufgabe des Historikers sein kann, muß es gleichwohl auch Verteidiger und Ankläger geben, denn nur dort, wo sich derartige Positionen zu Wort melden, geht aus dem Streit der Argumente ein sachgerechtes Urteil hervor. Der Einwand, jeder Historiker habe ohnehin nach dem Motto »audiatur et altera pars« zu handeln, sticht insofern nicht, als die Institution des Gerichts mit gutem Grund am Verteidiger festhält, obwohl der Richter die Aufgabe hat, das Für und Wider sorgfältig gegeneinander abzuwägen und selbst der Staatsanwalt zur Berücksichtigung entlastender Indizien verpflichtet ist.

Nach Ernst Nolte lehnt die Wissenschaft Schauprozesse ab und verlangt »die Durchführung regulärer Gerichtsverfahren […], in denen Entlastungszeugen wirklich angehört werden und die Richter nicht bloß zum Schein von den Anklägern verschieden sind.«[27] Wer für Gerechtigkeit plädiert, will nicht durch die Hintertür außerwissenschaftlichen Motivationen zum Durchbruch verhelfen. Auf den Vorwurf von Hans Mommsen, Nolte bezwecke eine »Exkulpation Deutschlands«[28], antwortet dieser mit einem interessanten Gedankenexperiment: »Nehmen wir nur einen Augenblick an, eine solche ›Exkulpation Deutschlands‹ wäre wirklich mein Ziel. Dann sollte Mommsen sich doch fragen, ob es sich dabei nicht um eine sehr sinnvolle, sehr notwendige Selektion handelt, da seit Jahrzehnten eine ›Inkulpation Deutschlands‹ mit so viel Intensität und von so vielen Autoren betrieben worden ist, daß die Wissenschaft aus Mangel an einer Gegenposition in die Gefahr gerät, zur ›Legende‹ nach dem Muster der (heute vielleicht ehemaligen) Staatsideologie der Sowjetunion herabzusinken.«[29]

Unabhängig davon, ob eine »Inkulpation Deutschlands« tatsächlich mit Vehemenz betrieben wird, erscheint der Gedankengang hilfreich. In anderen, weniger sensiblen Bereichen der Geschichtsschreibung ist es üblich, das gleichsam wie in einem Gerichtsverfahren »Verteidiger« und »Ankläger« auftreten, die Be- und Entlastungszeugen heranziehen (die Zeugen sind dabei in der Geschichtswissenschaft die Quellen). Während beispielsweise ein Historiker wie Matthias Gelzer, selber ein Bewunderer von Julius Cäsar, sehr viel beweiskräftiges Material zu Tage förderte, das diesen in einem günstigen Licht erscheinen ließ[30], tat sein Schüler Hermann Strasburger das Gegenteil: In Abgrenzung zur Sichtweise Geizers führt er Zeitzeugen vor, die den römischen Alleinherrscher kritisch-negativ beurteilten[31]. Das eifrige Bemühen des einen wie des anderen, möglichst viel ent- bzw. belastendes Material zu Tage zu fördern, führte insgesamt zu einer Bereicherung der Geschichtsforschung um die Einordnung Cäsars, wenngleich aus heutiger Perspektive beide Interpretationen als einseitig gelten müssen[32].

Auch außerwissenschaftliche Antriebe und Vorurteile können eine produktive Triebkraft im Erkenntnisprozeß sein. »Der überzeugungslose Historiker vermag neue Erkenntnisse nicht zu erzeugen. Nur wer mit Leidenschaft etwas beweisen will, findet die Beweise auch. Natürlich muß er beweisen und darf nicht entstellen oder gar fälschen. Aber daß er Vorurteile haben darf, ja haben muß […] das kann nicht bestritten werden.«[33] Zwar verabsolutiert Eberhard Jäckel hiermit eine Antriebskraft im Forschungsprozeß, denn es gibt andere wichtige Motive - z. B. die menschliche Neugier -, die mit Vorurteilen wenig zu tun haben. Aber natürlich kann auch die Leidenschaft ein Vorurteil zu beweisen, eine nützliche Triebkraft sein. Die so gewonnenen Ergebnisse müssen freilich dadurch eine Korrektur erfahren, daß andere Wissenschaftler, die unterschiedliche, sogar kontere Vorurteile beweisen wollen, ihre Befunde in die Debatte einzubringen vermögen.

Wie das schon genannte Beispiel der Thesen David Irvings zeigt wirkt die Auseinandersetzung mit einem Historiker, der tendenziell die Rolle des »Verteidigers« übernimmt, nur die Geschichtswissenschaft unter Umständen fruchtbar. Die Ansicht Wolfgang Wippermanns, es sei »keineswegs notwendig gewesen, das auch Fachwissenschaftler so intensiv auf Irving eingegangen sind«. zumal dessen These nicht nur »skurril«, sondern auch »politisch gefährlich«[34] sei, übersieht, daß auch ein »Exkulpator«, dessen Anliegen wissenschaftlich, politisch und moralisch nicht akzeptabel ist, bestimmte Fakten und von anderen Autoren unzureichend beachtete Deutungsmöglichkeiten ermitteln kann. Oftmals wird er auf »wunde Punkte« der Gegenseite hinweisen, auf Defizite und Ungereimtheiten. Vergleicht man den Prozeß der Erkenntnissuche in der Geschichtswissenschaft mit einem Gerichtsverfahren, so müssen natürlich kompetente und intelligente Verteidiger zugelassen, ja sogar gesucht werden, soll es sich um einen fairen Prozeß bei der Wahrheitsfindung handeln. Auch der verabscheuungswürdigste Schwerverbrecher verdient Gerechtigkeit - wie jeder Angeklagte. Hinter der Ansicht, man dürfe keine Autoren zur Kenntnis nehmen, die eine Verteidigung bestimmter Aspekte oder Personen des Dritten Reiches unternehmen, steht - unausgesprochen - die Meinung, die besondere moralische Verwerflichkeit einer Tat müsse dazu führen, dem Angeklagten das Recht auf Verteidigung zu entziehen.

In der Ablehnung dieser Position sind sich die Herausgeber einig. Allerdings gehen die wissenschaftstheoretischen Auffassungen darüber auseinander, ob der Wissenschaftler im allgemeinen oder der Historiker im besonderen Werturteile zu fällen vermag. Kann, darf, muß er gar Richter sein, oder erschöpft sich seine Aufgabe darin, gleich dem Kriminalbeamten, Indizien und Beweise zu sammeln und zu ordnen, zwecks Rekonstruktion des historischen Geschehens?

Natürlich wissen auch die Historiker, welche die letztgenannte Position vertreten, daß es in den meisten Fallen kaum möglich ist, subjektive Verzerrungen zu vermeiden, die sich aus der Standortgebundenheit des Forschers ergeben. Es gehe jedoch nicht an, aus der Not eine Tugend zu machen, d. h. aus den sich bei der Erreichung der Objektivität ergebenden Schwierigkeiten zu folgern, man solle auf das Streben danach ganz verzichten. Die wissenschaftliche Objektivität sei als Ziel- und Orientierungspunkt unverzichtbar, weil die Alternative letztlich auf eine parteiliche Wissenschaft hinauslaufe - im Dienst bestimmter politischer Interessen oder ideologischer Systeme. Wertungen des Historikers vermittelten ohnehin keine zusätzlichen Informationen über den historischen Gegenstand, sondern nur über Wertsysteme oder politische Einstellungen des Forschers. Daß der Historiker als Staatsbürger Stellung zu politischen Ereignissen beziehen kann, verstehe sich von selbst. Aber im Unterschied zu seinen wissenschaftlichen Befunden dürfe er in diesem Fall keinen Wahrheitsanspruch erheben, weil sich Werturteile eben nicht wissenschaftlich begründen ließen.

Jürgen W. Falter, Exponent erfahrungswissenschaftlichen Denkens[35], wendet sich in dem im vorliegenden Band veröffentlichten Beitrag dagegen, Werturteile über den Nationalsozialismus auf erfahrungswissenschaftliche Befunde stützen zu wollen. Für Falter, von der unüberbrückbaren Kluft zwischen Sein und Sollen überzeugt, können Werturteile wissenschaftliche Erkenntnisse beeinträchtigen. »So wie der Krebsforscher, der seinen Untersuchungsgegenstand nicht zuletzt deshalb gewählt hat, weil er ihn bekämpfen will, wird sich auch der mit der Verfolgung von Minderheiten, der Entstehung des biologistischen Antisemitismus oder mit Vernichtungslagern beschäftigte Historiker davor hüten, seine Abneigung gegenüber seinem Forschungsobjekt auf seine Analyse abfärben zu lassen, er wurde damit seinem Anliegen der objektiven, d.h. vom Einzelforscher unabhängig gültigen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung keinen guten Dienst erweisen.«[36] Allerdings sieht Falter durchaus die Möglichkeit, seine Fragestellung an einem normativen Bezugsrahmen auszurichten, so daß er - beispielsweise - die Judenvernichtung auch als verbrecherisch werten kann.

Wer eine normative Grundposition vertritt (den Historiker also auch in der Rolle des Richters sieht), hält hingegen daran fest, daß der Wissenschaftler nicht bei der möglichst exakten Eruierung der Tatsachen stehen bleiben dürfe. Man müsse vielmehr auch zu einer Einordnung und Bewertung auf der Grundlage ethischer Maßstäbe gelangen. Zwar sei die korrekte Ermittlung der Faktenbasis ein zentrales Ziel wissenschaftlichen Bemühens und das immanente Verständnis historischer Erscheinungen eine Voraussetzung jeder weitergehenden Interpretation. Eine Humanwissenschaft müsse darüber hinaus jedoch auch Antworten auf Fragen geben, die die Menschen existentiell berührten: Welche Konsequenzen haben unterschiedliche Herrschaftsformen nur die betroffene Bevölkerung? Auf welche Weise lassen sich Machtmißbrauch und Willkürherrschaft eindämmen? Wie läßt sich ein friedliches Mit-, Neben- und Gegeneinander von Menschen mit unterschiedlichen Interessen, Meinungen und Anschauungen durch institutionelle Mittel erleichtern? Fragen dieser Art setzten ein Wertsystem voraus, dessen Aussagen mit historischem Erfahrungswissen fundiert werden kennen. des außerordentlichen Komplexitätsgrades der darauf zu gebenden Antworten wiesen diese keinen so hohen Grad an Erkenntnisgenauigkeit auf, wie das etwa nur die Eruierung mit empirisch-quantifizierenden Methoden erfaßbarer Tatbestände gelte. Dennoch erfüllte eine Humanwissenschaft ihre Aufgabe nur teilweise, ließe sie existentielle, wenn auch hochkomplexe Fragen unbeantwortet.

Der Vergleich geschichtswissenschaftlicher Arbeit mit einer Gerichtsverhandlung hinkt insofern, als es dem Richter um ein definitives Urteil geht (Revisionen sind eine Ausnahme), während der Forscher stets nur »Revisionen« offen sein muß[37]. Auch die Epoche des Dritten Reiches laßt sich hiervon nicht ausnehmen.

Unabhängig davon, ob man stärker dem Bild des Richters oder dem des Kriminalbeamten zuneigt, hat eine volkspädagogische Betrachtungsweise keine Berechtigung. Wer meint, dieses oder jenes Ergebnis passe nicht so gut in das vorherrschende Geschichtsbild und müsse daher heruntergespielt, ignoriert oder gar verfälscht werden, sollte sich vor Augen halten, daß in einer offenen Gesellschaft die Wissenschaft nicht die Magd der Politik sein darf. Betrachtungsweisen, die politischen oder pädagogischen Maximen einen Vorrang vor geschichtswissenschaftlichen Erkenntnissen einräumen (wie etwa im Falle einer sich »emanzipatorisch« verstehenden Geschichtsschreibung), sind wissenschaftsfremd. Wer in dieser Weise »volkspädagogisch« argumentiert[38], verstößt gegen die Prinzipien der scientific community. Häufig liegt volkspädagogisch motivierten Verhaltensweisen die Annahme von der mangelnden Mündigkeit des »Laien« zugrunde, wenn man etwa glaubt, der Forscher müsse in der Öffentlichkeit anders argumentieren (aus Angst vor dem Mißbrauch wissenschaftlicher Erkenntnisse) als im Gelehrtenzirkel. Dominieren volkspädagogische Perspektiven, besteht die Gefahr, daß risikoscheue Arbeiten, die sich brav in gängigen Bahnen bewegen, überhandnehmen und Thesen, die wider den Stachel des Konformismus löcken, ins Hintertreffen geraten. Zum Fortschritt der Wissenschaft gehört aber auch und nicht zuletzt der Mut zum Unbequemen.

Es war Golo Mann, der in einem Brief an den Reichstagsbrandforscher Fritz Tobias die Auffassung vertrat, die Alleintäterschaft des Holländers van der Lubbe sei ihm »sozusagen volkspädagogisch unwillkommen«[39], allerdings mit dem Zusatz, er werde diese These akzeptieren, wenn sie stimme. Natürlich ist es die Ausnahme, daß sich ein Historiker zu einem »volkspädagogischen« Ansatz bekennt, ist der Begriff doch diskreditiert. Der Einwand, man baue mit der Kritik an der Volkspädagogik einen Popanz auf, da es kaum jemanden gäbe, der sich eigens dafür ausspreche, verfängt insofern nicht, als zahlreiche Autoren unterschwellig einer volkspädagogischen Perspektive huldigen, ohne sich auf diesen entlarvenden Begriff zu berufen. Ähnliches gilt nur das Argument des »Frageverbotes«. Frageverbote existieren, obwohl sich niemand expressis verbis zu inne bekennt.

Volkspädagogik und Frageverbote sind auch und gerade für die NS-Forschung abzulehnen. Für sie dürfen prinzipiell keine anderen Maximen gelten als nur die Geschichtsschreibung über irgendeine andere Epoche der deutschen oder ausländischen Geschichte. »Man kann nicht gleichzeitig die Blockade des deutschen Geschichtsbewußtseins durch den Nationalsozialismus bedauern und an seiner Abriegelung gegenüber geschichtlichem Verstehen festhalten. Die ›Nominalisierung‹ unseres Geschichtsbewußtseins kann auf die Dauer die NS-Zeit nicht aussparen, kann nicht nur um sie herum erfolgen.«[40] Der Einwand, die Zeit des Nationalsozialismus liege erst ein halbes Jahrhundert zurück und seine inhumanen Folgen seien schließlich auch heute noch handgreiflich zu spüren, kann nicht verfangen. In einer offenen Gesellschaft muß zwischen der Rolle der Wissenschaft und jener der Politik getrennt werden. Wissenschaft ist nicht die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.

Wer vor Auschwitz, das gleichsam als Signatur einer Epoche figuriert, zu kapitulieren gewillt ist, stellt der Geschichtswissenschaft ein Armutszeugnis aus. »Auschwitz ist ein Niemandsland des Verstehens, ein schwarzer Kasten des Erklärens, ein Historiographische Deutungsversuche aufsaugendes, ja, außerhistorische Bedeutung annehmendes Vakuum. Nur ex negativo, nur durch den ständigen Versuch, die Vergeblichkeit des Verstehens zu verstehen, kann ermessen werden, um welches Ereignis es sich bei diesem Zivilisationsbruch gehandelt haben könnte. Als äußerster Extremfall und damit als absolutes Maß von Geschichte ist dieses Ereignis wohl kaum historisierbar. Ernst gemeinte Historisierungsbemühungen endeten bislang in geschichtstheoretischen Aporien. Anders gemeinte, relativierende und das Ereignis einebnende Historisierungsversuche enden hingegen notwendig in einer Apologie.«[41] Dan Diner plädiert hiermit indirekt für ein Frageverbot. Die Geschichtswissenschaft soll darauf verpflichtet werden, ständig die Unverstehbarkeit von Auschwitz zu postulieren. Wenn Auschwitz als »äußerster Extremfall und damit als absolutes Maß von Geschichte« firmiert, so kann das doch nur durch den historisierenden Vergleich festgestellt werden. Alles andere sind Setzungen, die nicht überzeugen können. Ähnliches gilt nur die Frage nach der Singularität des NS-Systems.

Noch weiter als Diner geht Dolf Sternberger, vielleicht der Doyen der westdeutschen Politikwissenschaft. Für ihn artet der Versuch, Auschwitz zu verstehen, in »virtuelle Mitschuld aus. […] Es gibt hier nichts zu verstehen. Diese Vorgänge entziehen sich dem Verständnis, der Versuch ist zur Ohnmacht verurteilt.«[42] Auf diese Weise hebt Sternberger Auschwitz in den Bereich des Numinosen. Unter wissenschaftlichen wie moralischen Gesichtspunkten ist das höchst problematisch. Wer verbrecherische Regimes wie das des Dritten Reiches mit ihren Untaten nicht rational zu erklären sucht, leistet einen wissenschaftlichen Offenbarungseid. Er stellt das Kategoriengerüst der eigenen Disziplin indirekt in Frage. Und wer sich voller Abscheu von den Verbrechen abwendet, muß sich fragen lassen, ob dieser Abwehrhaltung nicht auch ein moralisches Desinteresse innewohnen kann: So genau wolle man es nun doch nicht wissen. Bezeichnenderweise war gerade in den fünfziger Jahren, als die »Vergangenheitsbewältigung« nicht sonderlich fortgeschritten war, die Dämonisierung der Nationalsozialisten weitverbreitet. Solche Stereotypen, die auf einem Schwarz-Weiß-Klischee beruhen und der Komplexität des Geschichtsprozesses nicht Rechnung tragen, weil sie die Interaktion der Handelnden ausblenden, setzen keine Lernprozesse in Gang.

Während für Sternberger, lange Zeit regelmäßiger und einflußreicher Berater der FAZ, die »Historisierung« »nicht allein vergeblich, sondern auch verwerflich«[43] ist, betrachtet FAZ-Herausgeber Joachim Fest den Prozeß der Historisierung des Nationalsozialismus als unaufhaltsam und unentbehrlich. »Denn er hat die mächtigste denkbare Kraft auf seiner Seite: die Zeit. Nicht die, die vergessen macht, sondern die aus neuen Fragestellungen auch zu geschärftem moralischen Empfinden führen kann.«[44] Diese Argumentation darf aber nicht in dem Sinne verkürzt werden, als spreche man sich für die »Historisierung« allein deshalb aus, weil sie nicht aufzuhalten sei. Mit zunehmender Zeitdauer kommt es unvermeidlich zu einer »Relativierung« des historischen Geschehens. Neuere historische Ereignisse fordern ihren Tribut. Das ist nur die eine Seite der Argumentation. Mindestens ebenso wichtig erscheint die Betonung der Unentbehrlichkeit der Historisierung. Nur auf diese Weise leistet man wissenschaftlichen Ansprüchen Genüge.

Auf anderen Gebieten gilt das als ganz selbstverständlich. Beispielsweise: Nur wenige Jahre nach dem Höhepunkt des Terrorismus in der Bundesrepublik Deutschland beauftragte - auf Initiative der Ständigen Konferenz der Innenminister der Länder - das Bundesministerium des Innern eine interdisziplinär arbeitende Gruppe von Wissenschaftlern mit der empirischen Erforschung des Terrorismus. Wie immer man den wissenschaftlichen Ertrag der in der ersten Hälfte der achtziger Jahre vorgelegten Bücher[45] bewertet, es bestand unter den Autoren darin Konsens, daß moralische Empörung über die Morde der Terroristen kein Ersatz nur eine wissenschaftliche Durchdringung der Materie sein kann.

Stagnation und Fortschritt in der Einzelforschung

Die »Historisierung« des Nationalsozialismus ist nicht nur eine Forderung bzw. ein Programm, sondern auch ein sich seit Jahren vollziehender Prozeß. Zum einen hat die Geschichtswissenschaft bereits seit den fünfziger Jahren eine Reihe bedeutender Studien zur Geschichte des Nationalsozialismus hervorgebracht, die aufgrund ihrer quellenkritischen Akribie, der Differenziertheit der Analyse und des Bemühens um eine vielschichtige Erfassung historischer Tatbestände ein solides Fundament bildeten, auf dem weiterführende Arbeiten aufbauen konnten. Zum anderen resultiert der Prozeß der Historisierung aus dem Wechsel der Historikergenerationen. Mit wachsendem zeitlichen Abstand vom Objekt der Untersuchung klingt auch das subjektive Gefühl biographisch begründeter Verstrickung und/oder Verantwortlichkeit (sei es als »Opfer«, sei es als »Täter«) ab, das einer differenzierten Betrachtung der NS-Epoche so lange im Wege stand.

Allerdings besteht immer noch eine augenfällige Diskrepanz zwischen dem einseitigen Bild des Dritten Reiches, wie es beispielsweise in Medien und Schulbüchern oftmals vermittelt wird, und den zunehmend differenzierten Ergebnissen, wie sie sich in Spezialstudien widerspiegeln, die das breite Publikum jedoch meist nicht erreichen. Der Gegensatz zwischen den in der Öffentlichkeit nach wie vor wirksamen Klischees und der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus schlägt sich auch in der Sprache nieder.[46] Martin Broszat kritisierte zu Recht die sprachliche Form der Darstellungen über den Nationalsozialismus und insbesondere über seine Führungspersönlichkeiten: »Der Gegensatz der historischen Sicht- und Behandlungsweise, bis in die Sprache hinein, blieb aber auch später spürbar und nicht selten gerade, wenn Historiker der alten Schule sich mit dem Nationalsozialismus befassen. Da spürt man oft: Wo es mit dem Nationalsozialismus anfängt, ändert sich die Diktion. Hier beginnt, man merkt es, ein unwürdiges Kapitel der Geschichte. Die Hauptpersonen des historischen Schauspiels, sonst ein besonderer Anziehungspunkt feinsinnig-biographisch deutender Historie, Männer wie Hitler, Göring, Goebbels, Heydrich, Himmler wie sollte man diese Figuren, hochgeschwemmt aus der Gärung eines ungebildeten Massenkleinbürgertums, auch einordnen in die Galerie geschichtlicher Persönlichkeiten - werden reduziert zu Schemen, Ausgeburten des Bösen, die Beschreibung fluchtet in den Wortschatz der Dämonologie. Golo Mann verweigert Hitler, der Unperson in seiner ›Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts‹ sogar den Namen, spricht nur von ›H.‹.«[47]

Diese Beobachtung war vor zehn Jahren, als Broszat sie formulierte, zweifelsohne richtig. Inzwischen sind jedoch biographische Arbeiten erschienen wie beispielsweise die beiden Goring-Biographien von Stefan Martens und Alfred Kube[48], die Otto-Straßer-Studie aus der Feder von Patrick Moreau[49], Ronald Smelsers[50] Lebensbeschreibung des DAF-Führers Robert Ley oder die biographischen Skizzen über 22 führende NS-Persönlichkeiten aus der »braunen Elite«[51]. Obwohl sich manche Autoren immer noch genötigt sehen, die Distanz zum Objekt ihrer biographischen Studien durch gehäuften Gebrauch abwertender Adjektive zu demonstrieren, zeichnen sie sich doch insgesamt durch ein höheres Maß an Nüchternheit, Obiektivität und Differenziertheit aus als frühere Studien. Heute ist beispielsweise die Feststellung möglich (ohne als »Apologet« des NS-Regimes denunziert zu werden!), daß Hermann Goring eben nicht zu der »Nazi-Clique« gehörte, die Deutschland in den Krieg treiben wollte. Und die These, Robert Ley habe eine in manchen Bereichen fortschrittliche, auf »Chancengleichheit« nur die Angehörigen der »deutschen Volksgemeinschaft« zielende Sozialpolitik betrieben, wird in der Regel nicht mehr als schlimme »Verharmlosung« des Nationalsozialismus mißverstanden.

Denn natürlich ist es ein Irrtum, die Verbrechen der Nationalsozialisten könnten durch ihre Erfolge in der Sozial- und Wirtschaftspolitik relativiert werden. Die Furcht, das eine lasse sich am Ende gegen das andere »aufrechnen«, hat den Blick nur die in mancher Hinsicht durchaus progressive NS-Sozialpolitik verstellt. Die von vielen Angehörigen der älteren Generation vertretene Ansicht, der Nationalsozialismus habe nicht nur schlechte, sondern auch gute Seiten gehabt, wurde oft vorschnell als ein Ausdruck mangelnder Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, als ein Indiz nur die gescheiterte »Entnazifizierung« oder gar als Warnsignal pur die Virulenz rechtsextremistischen Gedankenguts denunziert. Wie die neuere Forschung belegt, zeichnete sich das NS-System gerade durch einen spezifischen Dualismus aus, der dessen Stabilität bis weit in den Zweiten Weltkrieg hinein garantierte: Während eine Minderheit von »rassisch« Ausgegrenzten, politisch Oppositionellen und anderen Randgruppen verfolgt, gedemütigt und letztlich »ausgemerzt« wurde, nahm das Regime auf soziale Belange der Arbeiterschaft in hohem Maße Rücksicht. Laut Marie-Luise Reckers Studie über die »Nationalsozialistische Sozialpolitik im Zweiten Weltkrieg«[52] war der Durchhaltewille der Bevölkerung, die Hitler bis in den Untergang folgte, auch ein Ergebnis nationalsozialistischer Sozialpolitik. Wer nicht sehen will, das bestimmte Maßnahmen der Sozialpolitik deutliche Verbesserungen gegenüber der Weimarer Republik brachten, erfaßt nicht die komplexe Wirklichkeit des Dritten Reiches. Werden mit diesem Eingeständnis die Greuel der Konzentrationslager verharmlost und die Mordmaschinerien der Vernichtungslager beschönigt? Die Frage ernsthaft zu stellen heißt, sie zu beantworten.

Gleichwohl blieb der wichtige Bereich der nationalsozialistischen Sozialpolitik lange Zeit ein »weiser Fleck auf der historischen Landkarte«[53]. Der Hamburger Historiker Detlev Peukert hat überzeugend die Gründe für die Vernachlässigung dieses Themengebietes benannt: »Für orthodoxe marxistische Autoren ist Sozialpolitik ohnehin ein eher unbeliebtes Thema, weil es sich in einem auf den Topos der Ausbeutung konzentrierten sozialökonomischen Ansatz nur unter Inkaufnahme von Widersprüchen plazieren läßt […]. Eine Hebung des Lebensstandards im Zuge des Wirtschaftsaufschwungs und der Vollbeschäftigung und gewisse sozialpolitische Verbesserungen ausgerechnet im als primär arbeiterfeindlich definierten Faschismus zu konzedieren, konnte nicht zu den gewünschten Resultaten marxistischer Forschung gehören. […] Jedoch ging es der liberalen demokratischen Historiographie, der die theoriekonformen Beweisnöte der DDR-Forschung fremd waren, nicht viel besser. Sie meinte wohl, sich aus volkspädagogischen Gründen zurückhalten zu müssen, weil im ›totalitären Unrechtsstaat‹ nicht sein kann, was nicht sein darf, nämlich die Existenz gewisser sozialpolitischer Verbesserungen.«[54]

Zunehmend setzt sich in den letzten Jahren in der NS-Forschung die Einsicht durch, daß der Nationalsozialismus in vieler Hinsicht modernisierend wirkte - und der Modernisierungsschub im Dritten Reich keineswegs absichtswidrig erfolgte, wie Ralf Dahrendorf und David Schoenbaum meinten[55], sondern durchaus intendiert war. Wolfgang Mommsen hat einmal festgestellt, die Weigerung, dem Nationalsozialismus das nur positiv erachtete Epitheton ›Modernisierung‹ zuzugestehen, reflektiere einen »politisch-moralischen Ansatz«. Weil Modernisierung »in der gegenwärtigen Öffentlichen Meinung als positives Moment angesehen«[56] werde, wolle man den Nachweis führen, daß der Nationalsozialismus nicht modernisierend gewirkt habe. Nach Mommsen ist ein solcher politisch-moralischer Ansatz legitim, wenn er explizit formuliert wird. Tatsächlich jedoch haben politisch-moralische Intentionen in diesem wie auch in vielen anderen Fallen lange Zeit der wissenschaftlichen Erkenntnisfindung im Wege gestanden. Historische Spezialstudien wie z.B. die von Franz Sonnenberger über die Schulpolitik im Dritten Reich[57], von Michael Prinz über die Angestellten im Nationalsozialismus[58] oder von Bernhard Kroener über die Veränderungen in der sozialen Zusammensetzung des Offizierskorps[59] belegen die gewollt modernisierende Wirkung des NS-Regimes. In Gesamtdarstellungen über das Dritte Reich überwiegt aber noch das ältere Bild; die Modernisierungswirkungen des Nationalsozialismus seien, wenn überhaupt, dann höchstens absichtswidrig erfolgt - im Gegensatz zu den angeblich anti-modernistischen Zielsetzungen des Regimes[60]. Natürlich dauert es immer eine Zeit, bis sich die Resultate der historischen Einzelforschung in komplexeren Gesamtdarstellungen, und am Ende dann sogar in Schulbüchern und Medien niederschlagen.

Das time-lag ist jedoch nicht der einzige und nicht der entscheidende Grund nur den deutlichen Widerspruch zwischen dem in Medien gezeichneten Bild des Dritten Reiches und den Befunden historischer Forschung. Bei Wissenschaftlern überwiegen zunehmend die Neugier und das Bedürfnis des »Verstehens«. Besonders nur die jüngere Historiker-Generation spielen Rechtfertigungs- und Anklagebedürfnisse keine zentrale Rolle mehr. Darstellungen in den Medien und der politischen Bildung orientieren sich jedoch oft an vordergründigen politischen Ambitionen. So wird häufig argumentiert, diesen oder jenen Sachverhalt dürfe man nicht in dieser Weise sehen oder darstellen, weil das politisch unerwünschte Folgen haben könnte. Leider wirkten und wirken solche Motive und Überlegungen auch in der Geschichtswissenschaft. Die Spezialforschung scheint allerdings mehr Raum für nüchterne, um Objektivität bemühte Darstellungen zu geben, nicht nur, weil sie sich primär außerhalb des Öffentlichen politischen Disputes vollzieht, sondern vor allem auch deshalb, weil sich der Forscher leicht mit dem Hinweis »abzusichern« vermag, die Befunde einer Einzeluntersuchung änderten nichts am Gesamtbild des »Unrechtsregimes«. Dies ist an sich auch richtig. Vergleicht man das Geschichtsbild mit einem Mosaikbild, dann ändert sich durch das Auswechseln von ein oder zwei Mosaiksteinchen natürlich am Gesamtbild wenig. In den letzten Jahren werden jedoch immer mehr Mosaiksteine ausgetauscht, was auch zu einer Veränderung des Gesamtbildes führen dürfte.

Viele, lange Zeit als gesicherte Ergebnisse geltende Annahmen wurden durch die historische Forschung erschüttert. Beispielsweise war das Bild vom Nationalsozialismus als einer »Kleinbürgerbewegung« sehr einseitig und in dieser Einseitigkeit eben falsch, wie die Ergebnisse der Wähler- und Mitgliederstudien von Jürgen W. Falter[61] und Michael Kater[62] gezeigt haben. Trotz eines gewissen Unbehagens, mit dem manche Historiker die Befunde dieser Untersuchungen zur Kenntnis nahmen. setzten sich die in der empirischen Forschung gewonnenen Ergebnisse jedoch relativ rasch durch und werden auch schon in Gesamtdarstellungen über das Dritte Reich referiert[63].

Schwieriger verhält es sich mit anderen Problemkreisen, die politisch brisanter erscheinen. Kaum ein Gebiet der Geschichte ist so gut durchdrungen wie die nationalsozialistische Außenpolitik und der Weg in den Zweiten Weltkrieg. Allerdings steht die Einordnung der NS-Außenpolitik in das internationale Mächtesystem, die »In-Beziehung-Setzung« der NS-Außenpolitik zur zeitgenössischen Außenpolitik der übrigen Machte nach wie vor aus[64]. Während viele mit Blick auf die Herrschaftsstruktur des nationalsozialistischen Deutschland - mit Recht - darauf hinweisen, ein wirkliches Verstehen sei nicht möglich, wenn immer nur Hitler als Akteur auftritt, wird eine entsprechende Blickrichtung auf außenpolitischer Ebene nach wie vor tabuisiert. Dabei ist wissenschaftlich unumstritten, daß das internationale Mächtesystem auch schon zu jener Zeit ein hochkomplexes und -kompliziertes System kommunizierender Röhren war. Die im Hinblick auf den Kriegsausbruch aus der Betrachtung der »Strukturen« auf außenpolitischer Ebene sich ergebende Einsicht wertet Eberhard Jäckel etwas hilflos als »beunruhigend, weil sie die Annahme der Zwangsläufigkeit der Entwicklung nahelegt, während der Krieg andererseits auch vermeidbar erscheint. Hätten ihn ein paar Umstände, etwa der Tod Hitlers im Jahre 1938, verhindern können, was fast sicher erscheint, oder war er seit vielen Jahrzehnten vorprogrammiert, was auch plausibel erscheint?«[65]

Der positiv zu bewertenden Tendenz einer stärkeren Berücksichtigung der nationalsozialistischen Sozialpolitik geht in den letzten Jahren leider eine gewisse Vernachlässigung der nationalsozialistischen Augenpolitik einher, die einstmals ein Schwerpunkt der Zeitgeschichtsforschung war. Möglicherweise reflektiert diese Vernachlässigung der Außenpolitik Tendenzen, die auch außerhalb der NS-Forschung wirksam sind. In der Tat besteht »bei manchen Historikern sicher eine dem historischen Wunschdenken entspringende Abneigung gegen eine Beschäftigung mit internationaler Politik, weil sich die fortdauernde Härte, Rücksichtslosigkeit und Kälte der Mächtepolitik, ihr Ignorieren ideologischer Verwandtschaften und Sympathien am wenigsten als Lehrstücke für Entwürfe zu einer ›besseren‹ Welt eignen.«[66]

Gerade im Bereich der Erforschung der nationalsozialistischen Außenpolitik waren und sind nach wie vor außerwissenschaftliche Motive anzutreffen, die den Erkenntnisprozeß behindern. So wäre ein rationaler Disput über die provokativen Thesen des britischen Historikers A. J. P Taylor 1961 in seinem Buch über die »Ursprünge des Zweiten Weltkrieges« für die Forschung ergiebig gewesen[67]. Anlaß zur Kritik war geboten, denn z. B. das von Taylor gezeichnete Hitler-Bild (für ihn war Hitler letztlich ein gewöhnlicher Revisionspolitiker) konnte keineswegs überzeugen. Andererseits hatte er aber auch den Finger auf manche wunden Punkte der Geschichtsschreibung gelegt. Der oft fast hysterische Tonfall, in dem man auf Taylor reagierte, die mangelnde Gelassenheit, mit der man sich mit ihm auseinandersetzte, vor allem aber auch die inhaltlich teilweise abwegigen und wissenschaftlich unhaltbaren »Argumente«, die man ihm entgegenhielt, belegten allzu deutlich eine volkspädagogische Vorgehensweise[68]. Man befürchtete vor allem, die deutsche Alleinschuld am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges könne »relativiert« werden. Diese übermächtige Furcht erschwerte einen rationalen Diskurs. Die Art und Weise, wie man auf Taylor reagierte, war geeignet, ein Exempel zu statuieren, und hat die sachbezogene Erörterung dieser Fragen bis heute erschwert. Allerdings beginnt man in den letzten Jahren, sich von dem primär volkspädagogisch motivierten Begriff der »Entfesselung« des Zweiten Weltkriegs zu lösen. Erst wenn diese Thematik frei von der Furcht vor einer Relativierung der deutschen Kriegsschuld erörtert werden kann, läßt sich von einer überzeugenden »Historisierung des Nationalsozialismus« sprechen.

Dies gilt ebenfalls nur einen anderen hochgradig sensiblen Themenbereich, nämlich für die Geschichte der »Endlösung«. Wie bereits erwähnt, haben Martin Broszat und Hans Mommsen in Auseinandersetzung mit den Thesen David Irvings eine »revisionistische« Interpretation der Genesis der »Endlösung« entwickelt. Galt es bis dahin als unumstritten, Hitler sei der Initiator der »Endlösung« gewesen, so kamen die beiden Historiker zu dem Schluß, das Geschehen habe sich relativ unabhängig von der Person des Diktators und wahrscheinlich ohne einen von ihm ausgehenden Befehl entwickelt. Eine ähnliche Sicht vertritt auch der amerikanische Historiker Arno J. Mayer in seiner vielbeachteten Studie »Der Krieg als Kreuzzug«. Auch er bestreitet, daß Hitler und die Nationalsozialisten den »Judeozid« von Anfang an geplant hatten[69].In den Jahren bis 1939 habe Hitler in der Judenpolitik »keine klare Linie« verfolgt[70]. Für Hitler, Himmler und Heydrich sei die Errichtung der Judenreservate nicht die provisorische Vorstufe einer fest geplanten »Endlösung« gewesen[71]. »Der antijüdische Feldzug war kein Selbstzweck und entwickelte sich nicht in aufeinanderfolgenden Schritten, die vorausbestimmt waren und mit Notwendigkeit in der Massenvernichtung kulminierten.«[72]

Allerdings fand die »funktionalistische« Deutung keineswegs nur Zustimmung, sondern stieß bei den Anhängern der »intentionalistischen« Schule auf vehemente Kritik. Für Historiker wie Eberhard Jäckel ist der Schlüssel zum Verständnis der »Endlösung« in Adolf Hitlers Weltanschauung zu sehen. Die Debatte muß bislang als unentschieden gelten, denn beide Richtungen »haben Ergebnisse erarbeitet, die es ausschließen, als wissenschaftliche Verirrungen abgetan zu werden«[73].

Leider wurde in dieser Kontroverse jedoch wiederum nicht ausschließlich wissenschaftlich argumentiert. Kritiker von Mommsen und Broszat befürchteten, deren Sichtweise könne zu einer Entlastung Hitlers führen und dessen Verantwortung für den Massenmord an den europäischen Juden verkleinern. Gegen diesen Vorwurf führten die Vertreter der »funktionalistischen« Richtung das Argument ins Feld, eine Interpretation, die von der Befehlsgebung Hitlers ausgehe, entlaste die unteren Instanzen von ihrer Verantwortung und führe zu einer Ausblendung gesellschaftlicher Ursachen. Beiden Argumenten gemeinsam ist, daß die Frage der Richtigkeit und Unrichtigkeit einer wissenschaftlichen Deutung nicht an ihrer Übereinstimmung mit den Quellen gemessen wird, sondern nach ihrer Erwünschtheit im Sinne der Bestätigung oder Revision eines vorherrschenden Bildes. Dann liegt aber, ähnlich wie in der einstigen Kontroverse um die Urheberschaft des Reichstagsbrandes[74], der Verdacht nahe, das die Diskussionsteilnehmer sich von der Morgensternschen Devise leiten lassen, »daß nicht sein kann, was nicht sein darf«. Gerade bei den besonders sensiblen und politisch aufgeladenen Themenbereichen der NS-Forschung, also insbesondere der Holocaust-Problematik und der Frage nach den Ursachen des Zweiten Weltkrieges, spielen solche wissenschaftsfremden Überlegungen immer noch eine Rolle.

»Linke« Historiker kennen »revisionistische« Thesen formulieren, ohne das sie sogleich als gefährliche Apologeten des Nationalsozialismus denunziert werden. Man stelle sich nur einen Moment vor, ein Historiker wie z.B. Ernst Nolte hätte zur »Endlösung«, zum Reichstagsbrand oder auch zum deutschen Widerstand provokative Ansichten à la Hans Mommsen oder Arno Mayer vertreten! Zwar mußte sich auch Mommsen - vornehmlich von konservativen Historikern - den (unberechtigten) Vorwurf gefallen lassen, er »verharmlose« das NS-Regime, aber er wurde keineswegs in der infamen Weise Öffentlich verleumdet wie beispielsweise Andreas Hillgruber oder Ernst Nolte im »Historikerstreit«.

Gleichwohl gibt es inzwischen wohl kaum noch einen bekannten Forscher zum Nationalsozialismus, der sich nicht schon des Vorwurfs seiner »Verharmlosung« ausgesetzt sah. Es ist nur eine scheinbare Paradoxie, das es in Wirklichkeit keinem dieser Historiker, ob nun Martin Broszat, Klaus Hildebrand, Andreas Hillgruber, Hans Mommsen, Ernst Nolte, um eine Rechtfertigung oder auch nur Beschönigung des Nationalsozialismus geht. Die inflationäre Verwendung des »Verharmlosungs«-Vorwurfs könnte bei Außenstehenden bzw. historischen »Laien« den fatalen Eindruck erwecken, als gäbe es in der Historikerschaft eine übermächtige Tendenz zur Apologetik. Dies ist jedoch erfreulicherweise keineswegs der Fall. Wer eine wissenschaftliche These mit dem Hinweis zu widerlegen sucht, sie sei »gefährlich«, argumentiert verräterisch. Entweder ist ein Befund zutreffend oder unzutreffend, möglicherweise auch teilweise zutreffend etc. Die Kriterien, um dies zu überprüfen, sind in der Geschichtswissenschaft vorgegeben: Übereinstimmung mit den Quellen, Stringenz der Argumentation etc. Kein Kriterium für die Richtigkeit einer wissenschaftlichen These ist hingegen die Erwünschtheit möglicher politischer Folgewirkungen.

Perspektiven.

Wie die knappe Forschungsskizze gezeigt hat, ist die in den fünfziger und sechziger Jahren noch dominierende volkspädagogische Geschichtsbetrachtung im Verlaute der letzten beiden Jahrzehnte im Rückgang begriffen und einem distanzierteren, differenzierteren Umgang mit der Geschichte des Dritten Reiches gewichen. Trotz aller Fortschritte ist aber die dezidierte Forderung nach einer »Historisierung« der NS-Epoche begründet. Erstens haben neuere Forschungstendenzen noch in zu geringem Maße Eingang in die Geschichtsbewußtsein vermittelnden Medien (Schulbücher, populäre Darstellungen, Fernsehsendungen) gefunden. Und zweitens halten sich auch in der Geschichtswissenschaft hartnäckig Restbestände eines vom Postulat der »Vergangenheitsbewältigung« bestimmten moralisierenden Umgangs mit der Zeit des Dritten Reiches, wird die Forschung in manchen Bereichen immer noch durch Tabus und wissenschaftsfremde Motive blockiert.

Wer etwa den Nationalsozialismus nur von seinem Ende her zu beurteilen gewillt ist, muß sich den Vorwurf gefallen lassen, er suche das Geschichtsbild vom Dritten Reich in eine eindimensionale Richtung zu drängen. Vor allem fängt eine solche Darstellung nicht die widersprüchlichen Tendenzen ein - der Moderne und des Reaktionären, des sozialen Veränderungs- und des rassischen Ausgrenzungs- und Vernichtungswillens[75]. »Nicht alles, was sich in der NS-Zeit ereignete und historisch bedeutsam war, diente nur den diktatorischen und inhumanen Herrschaftszielen des Regimes. Die zum Teil auch in der Geschichtswissenschaft noch immer bestehende Tendenz, alle in die NS-Zeit fallenden Veränderungen, etwa auf dem Gebiet der Wirtschaft und des Rechts, gänzlich unter dem Gesichtspunkt ihrer Funktion nur die Stabilisierung dieser Herrschaft zu interpretieren, zwingt sozusagen noch nachträglich auch die vor- und außernationalsozialistischen Bestände deutscher Geschichte unter das Diktat der Nazi-Herrschaft und schottet die zwölf Jahre nach vorn und hinten hermetisch ab.«[76] Es obliegt der Geschichtswissenschaft also, sich weiter von solchen Vorstellungen zu lösen.

Dieses nüchterne Bild der Hitler-Zeit kann sich nur dann auf breiter Front durchsetzen, wenn es von einer anderen Form der Vergangenheitsbewältigung begleitet wird. Stereotypen, die Vergangenheit sei bis auf den heutigen Tag »verdrängt« worden und »unaufgearbeitet« geblieben, stimmen so nicht. Sie ignorieren die Bemühungen jener, die sich schon früh - und nicht ohne Erfolg - dagegen gewandt haben. Es war unmöglich, zur Tagesordnung überzugehen. Gleichwohl mußte versucht werden, die Mitläufer gesellschaftlich zu integrieren.

Daß es dazu keine angemessene Alternative gibt, zeigt die Entwicklung im anderen deutschen Staat nach dem Sturz der kommunistischen Diktatur. Man muß gegenüber den politisch Verantwortlichen und ihren Verbrechen keineswegs für eine Generalamnestie plädieren, die schon gar nicht mit einer Amnesie verbunden sein darf, aber es führt kein Weg daran vorbei, daß eine neue, offene Gesellschaft sich von Rachegelüsten freizuhalten hat. Es geht wesentlich um die Beseitigung von antidemokratischen Strukturen, weniger um die Bestrafung der Täter von gestern. Selbst Rainer Eppelmann, der während der kommunistischen Herrschaft wegen seines Eintretens nur Menschenrechte drangsaliert worden ist, kommt nicht um folgende Feststellung herum: »Wir müssen jetzt einen Schlußstrich ziehen und sagen, laßt uns nach vorn gucken in dem Bewußtsein, daß es hinter uns viel Schuld gibt.«[77]

Sicher ist es vorschnell, jetzt in der DDR einen »Schlußstrich« unter die jüngste Vergangenheit ziehen zu wollen. Und auch die in der Öffentlichen (nicht: in der veröffentlichten) Meinung der Bundesrepublik so beliebte Forderung nach einem »Schlußstrich« unter die NS-Vergangenheit ist nach wie vor nicht akzeptabel. Berechtigt ist sie nur dann, wenn sie im Sinne eines »Schlußstriches« unter ritualisierte Formen der Vergangenheitsbewältigung - mit den bekannten Stereotypen der »Betroffenheit« - verstanden wird.

Nicht zufällig findet der Begriff der »Vergangenheitsbewältigung«, der bislang nur den Umgang mit der leidvollen NS-Vergangenheit reserviert war, nun auch wie selbstverständlich für die Auseinandersetzung der Bürger im anderen Teil Deutschlands mit der kommunistischen Vergangenheit Berücksichtigung. Natürlich gibt es nicht nur Übereinstimmungen, sondern auch beträchtliche Unterschiede: Die Verbrechen im Hitler-Staat waren von anderer Qualität als die in der SBZ bzw. in der DDR. Andererseits stellen sich insofern analoge Probleme, als es sich in beiden Fällen um den Übergang von einem diktatorischen zu einem demokratischen System handelt.

Auch die künftige Geschichtsschreibung über die DDR wird vielleicht vor ähnlichen Fragen stehen, wie gegenwärtig die NS-Historiographie, obgleich die Ausgangspunkte verschieden sind. Während es seit den siebziger Jahren in der Bundesrepublik manchmal die Tendenz gab, im Zeichen eines überspitzten Anti-Antikommunismus ein geschöntes Bild des politischen Systems in der DDR zu zeichnen, bestehen in der Geschichtswissenschaft der Bundesrepublik keinerlei Anzeichen nur übersteigerten Anti-Antifaschismus, der zu einer Apologie des NS-Regimes führen könnte. In beiden Fallen muß die Wissenschaft jedoch der Versuchung zu Schwarz-Weiß-Bildern und zu einer »Indienstnahme« durch die Politik widerstehen.

Man wurde die Autoren dieses Bandes falsch interpretieren, erhöbe man ihnen gegenüber den Vorwurf, sie redeten irgendeiner Form der »Geschichtspolitik« das Wort. Es kann und darf nicht um »kulturelle Hegemonie« gehen, und zwar von keiner Seite. Dies liefe auf einen Mißbrauch der Geschichtswissenschaft hinaus. Beim sogenannten »Historikerstreit« ist immer wieder vor einer »Sinnstiftung« der Geschichte gewarnt worden - zu Recht. Der Eindruck mußte sich allerdings einstellen, das manchen Kritikern nicht der Versuch der Sinnstiftung an sich mißfiel, sondern lediglich deren Richtung. Wer den Nationalsozialismus als Negativfolie benötigt, um andere mißliebige Positionen bekämpfen zu können, bedient sich einer weder moralisch ausgewiesenen noch wissenschaftlich zulänglichen Instrumentalisierung.

Anmerkungen

  1. Vgl. Broszat, M., Plädoyer nur eine Historisierung des Nationalsozialismus, in: Merkur, 1985, H. 5, S. 373-385. Der Beitrag ist wiederabgedruckt (und wird im folgenden auch danach zitiert), in: Graml, H./Henke, K.-D. (Hrsg.), Nach Hitler. Der schwierige Umgang mit unserer Geschichte. Beitrage von Martin Broszat, München 1986, S. 159-173. Dieser Sammelband wurde breit und positiv rezipiert. Vgl. beispielsweise Knoll, J. H., in: Die Zeit v.24. April 1987; Kershaw, I., in: Bulletin German Historical Institute London, 1987, H. 3, S. 29-32; Jesse, E., in: Der Staat, 1987, H. 4, S. 619-621; Zitelmann, R., in: SZ v. 30. September 1986.
  2. Selbst Jürgen Habermas betonte in seinem den »Historikerstreit« auslösenden »Zeit«-Artikel, es gäbe »gute Gründe für eine historisierende Distanzierung von einer Vergangenheit, die nicht vergehen will.« So ders., Eine Art Schadensabwicklung. Die apologetischen Tendenzen in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung, in: »Historikerstreit«. Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung, München 1987, S. 72. Allerdings unterschied er zwei Arten der »Historisierung«, die sich in der Praxis so nicht ergeben: »Die einen gehen davon aus, daß die Arbeit des distanzierenden Verstehens die Kraft einer reflexiven Erinnerung freisetzt und damit den Spielraum für einen autonomen Umgang mit ambivalenten Überlieferungen erweitert; die anderen möchten eine revisionistische Historie in Dienst nehmen für die nationalgeschichtliche Aufmöbelung einer konventionellen Identität« (ebd., S. 73). Zur Kritik an den »Grenzen einer solchen Historisierung« siehe Thamer, H.-U., Monumentalität oder Banalität des Bäsen? Von der Notwendigkeit einer Historisierung des »Dritten Reiches«, in: Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen (Hrsg.), Streitfall Deutsche Geschichte. Geschichts- und Gegenwartsbewußtsein in den 80er Jahren, Essen 1988, S. 185-195 (Zitat: S. 194).
  3. Siehe auch den Beitrag von Helmut Fleischer in diesem Band.
  4. Broszat (Anm. 1), S. 161.
  5. Ebda., S. 169.
  6. Vgl. Faulenbach, B., NS-Interpretationen und Zeitklima. Zum Wandel in der Aufarbeitung der jüngsten Vergangenheit, in: APZG, B 22/87, S. 19-30.
  7. Broszat (Anm. 1), S. 159.
  8. Ders., Eine Insel in der Geschichte? Der Historiker in der Spannung zwischen Verstehen und Bewerten der Hitler-Zeit (1983), in: Graml/Henke (Anm. 1), S. 114.
  9. Ebda., S. 115.
  10. Ders., Grenzen der Wertneutralität in der Zeitgeschichtsforschung: Der Historiker und der Nationalsozialismus (1981), in: Ebda., S. 110.
  11. Vgl. beispielsweise: Haug, W. F., Vom hilflosen Antifaschismus zur Gnade der späten Geburt, Berlin 1987, S. 279-284. Siehe die Auseinandersetzung mit verschiedenen Kritikern des »Historisierungs«-Ansatzes bei Kershaw, I., »Normalität« und Genozid: Das Problem der »Historisierung«, in: Ders., Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick, Reinbek bei Hamburg 1988, S. 289-320.
  12. Broszat, M., Wo sich die Geister scheiden. Die Beschwörung der Geschichte taugt nicht als nationaler Religionsersatz, in: »Historikerstreit« (Anm. 2), S. 189-205.
  13. Vgl. Friedländer, S., Überlegungen zur Historisierung des Nationalsozialismus, in: Diner, D. (Hrsg.), Ist der Nationalsozialismus Geschichte? Zu Historisierung und Historikerstreit, Frankfurt/M. 1987, S. 34-50.
  14. Vgl. Broszat, M./Friedländer, S., Um die »Historisierung des Nationalsozialismus«. Ein Briefwechsel, in: VfZ, 1988, H. 2, S. 339-372.
  15. Ebda., S. 340.
  16. Vgl. Broszat, M., Was heißt Historisierung des Nationalsozialismus?, in: HZ, 1988, H. 1, S. 1-26.
  17. Vgl. beispielsweise Meier, Ch., Nachruf auf Martin Broszat, in: VfZ 1990 H. 1, S. 23-42.
  18. Broszat (Anm. 16), S. 4. Ähnlich ebda., S. 5
  19. Fest, J., Die geschuldete Erinnerung. Zur Kontroverse Ober die Unvergleichbarkeit der nationalsozialistischen Massenverbrechen, in: »Historikerstreit« (Anm. 2), S. 100.
  20. Broszat, M., Eine Insel in der Geschichte?, in: Graml/Henke (Anm. 1), S. 120.
  21. Butz, A., Der Jahrhundertbetrug, Vlotho 1977 (Entscheidung Nr.2765 der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften v. 17. Mai 1979); Harwood, R., Starben wirklich sechs Millionen Juden?, Vlotho 1977 (Entscheidung Nr. 2722 der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften v. 9. November 1978); Stäglich, W., Der Auschwitz-Mythos. Legende oder Wirklichkeit?, Tübingen 1979 (Entscheidung Nr. 3176 der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften v. 11. März 1982).
  22. So Raue, R, Literarischer Jugendschutz. Was kann nach dem Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften indiziert werden?, Berlin 1970, S.36.
  23. Ernst Nolte mußte sich im »Historikerstreit« diesen Vorwurf mehrfach gefallen lassen. Vgl. statt vieler: Schoeps, J. H., Treitschke redivivus? Ernst Nolte und die Juden, in: Zeitschrift Für Religions- und Geistesgeschichte, 1988, H. 2, S. 170-176.
  24. Vgl. dazu einige Hinweise in dem Beitrag von Eckhard Jesse im vorliegenden Band.
  25. Vgl. Irving, D., Hitler's War, New York/London 1977. Inzwischen hat Irving seine Position weiter radikalisiert, indem er den systematischen Gaskammermord an Juden bestreitet.
  26. Vgl. Broszat, M., Hitler und die Genesis der »Endlösung«. Aus Anlaß der Thesen von David Irving, in: VfZ, 1977, H. 4, S.739-775; Mommsen, H., Die Realisierung des Utopischen: Die »Endlosung der Judenfrage« im »Dritten Reich«, in: GG, 1983, H. 3, S. 381-420.
  27. Nolte, E., Die Epoche des Faschismus - Voraussetzungen und Auswirkungen, in: Gauly, Th. M. (Hrsg.), Die Last der Geschichte. Kontroversen zur deutschen Identität, Köln 1988, S. 82.
  28. So Mommsen, H., Das Ressentiment als Wissenschaft. Anmerkungen zu Ernst Noltes »Der europäische Bürgerkrieg 1917-1945. Nationalsozialismus und Bolschewismus«, in: GG, 1988, H. 4, S. 509.
  29. Nolte, E., Das Vor-Urteil als »strenge Wissenschaft«. Zu den Rezensionen von Hans Mommsen und Wolfgang Schieder, in: GG, 1989, H. 4, S. 542.
  30. Vgl. vor allem: Gelzer, M., Caesar. Der Politiker und Staatsmann, 6. Aufl., Wiesbaden 1960 (1921).
  31. Vgl. Strasburger, H., Cäsar im Urteil der Zeitgenossen, in: HZ, 1953, H.2, S. 225-264. Siehe dazu die Kritik von Gelzer, M.. War Caesar ein Staatsmann? in HZ 1954. H. 3. S. 449-470.
  32. Zur Cäsar-Forschung vgl. Gesche, H., Caesar, Darmstadt 1976.
  33. Jackel, E., Vom Kampf des Urteils gegen das Vorurteil, in: Dülfer, J./ Martin, B./Wollstein, G. (Hrsg.), Deutschland in Europa. Kontinuität und Bruch. Gedenkschrift für Andreas Hillgruber, Frankfurt a.M./Berlin 1990 S. 12 f - Wichtig ist Jäckels Hinweis, daß der Historiker »nicht entstellen oder gar fälschen darf«. Wenn Historiker im Extremfall selbst die Quellen »erstellen«, weil sie auf anderem Wege ihre Vorurteile nicht zu beweisen vermögen - wie bei der Debatte über die Urheberschaft des Reichstagebrandes -, so muß das zu einer unnachsichtigen Ahndung der Zunft führen. Glücklicherweise sind solche Verstöße gegen das Berufsethos jedoch die Ausnahme.
  34. Wippermann, W., Einleitung, in: Ders. (Hrsg.), Kontroversen um Hitler, Frankfurt/M. 1986, S. 113, Anm. 184.
  35. Vgl. Falter, J. W., Die drei »Schulen« der deutschen Politikwissenschaft, in: Beyme, K. v./Czempiel, E.-O./Kielmansegg, R Graf/Schmoock, R (Hrsg.), Politikwissenschaft.. Eine Grundlegung, Bd. 1: Theorien und Systeme, Stuttgart u.a. 1987, S. 295-300; ders., Der »Positivismusstreit« in der amerikanischen Politikwissenschaft. Entstehung, Ablauf und Resultate der sogenannten Behavioralismus-Kontroverse in den Vereinigten Staaten 1945-1975, Opladen 1982.
  36. Vgl. ders., »Anfälligkeit« der Angestellten - »Immunität« der Arbeiter? Mythen über die Wähler der NSDAP, im vorliegenden Band.
  37. Vgl. dagegen Hofer, W., 50 Jahre danach - über den wissenschaftlichen Umgang mit dem Dritten Reich, in: Lill, R./Oberreuter, H. (Hrsg.), Machtverfall und Machtergreifung. Aufstieg und Herrschaft des Nationalsozialismus, München 1983, S. 189-219.
  38. Es versteht sich von selbst, daß etwa politische Bildung oder eine populärwissenschaftliche Darstellung nicht automatisch volkspädagogisch sein muß. Natürlich ist es legitim (und sogar notwendig), Sachverhalte zu vereinfachen. Allerdings darf das nicht in tendenzloser Weise geschehen.
  39. Brief von G. Mann an Fritz Tobias v. 20. September 1961 (Archiv Tobias).
  40. Broszat (Anm. 1), S. 172.
  41. Diner, D., Zwischen Aporie und Apologie. Über Grenzen der Historisierbarkeit des Nationalsozialismus, in: Ders. (Anm. 13), S. 73.
  42. Sternberger, D., Unzusammenhängende Notizen über Geschichte, in: Merkur, 1987, H. 8, S. 737.
  43. Ebda, S. 747.
  44. Fest, J., Nachwort, 21. April 1987, in: »Historikerstreit« (Anm. 2), S. 390.
  45. Vgl. folgende Buchreihe: »Analysen zum Terrorismus 1-4/2«, Opladen 1981-1984. Siehe dazu Kreissl, R., Die Studien zum Terrorismus, in: Kritische Justiz, 1983, H. 3, S. 311 -324; ders., Staat und Terrorismus. Anmerkungen zu den Terrorismusstudien, in: Ebda., 1985, H. 1, 15-28; Backes, U./ Jesse,E., Politischer Extremismus in der Bundesrepublik Deutschland, Bd. l. Köln 1989, S. 263-280.
  46. Die Sprache der Darstellungen zur NS-Zeit sollte einmal genauer untersucht werden. Problematisch ist nicht nur die Überfrachtung mit negativwertenden Adjektiven, die beim Leser Zweifel an der Abgewogenheit der jeweiligen Studie nahten können. Ein Zeichen mangelnder Selbstsicherheit ist auch die Anführungsstriche-Manie. Wer bestimmte Ausdrucke nicht in Anführungszeichen setzt, muß befürchten, ihm konnte eine mangelnde Distanz zum Nationalsozialismus nachgesagt werden. Nicht nur Begriffe wie »Führer«, - sondern auch das »Dritte Reich«, der »Lebensraum«, die »Machtergreifung«, die »Erfolge« Hitlers, die »progressiven« Elemente der NS-Sozialpolitik usw. müssen in Anführungszeichen gesetzt werden. Andererseits gilt es bis heute als selbstverständlich, daß der Begriff »Nazis« auch in der wissenschaftlichen Literatur benutzt werden darf (und zwar ohne Anführungszeichen), obwohl es sich um einen Kampfbegriff des Antifaschismus handelt. »Historisierung« des Nationalsozialismus heißt auch, daß der Historiker ein höheres Maß an Nüchternheit und Zurückhaltung in der sprachlichen Form der Darstellung finden sollte. Siehe auch Kershaw, l., Die Historiker und das Problem, den Nationalsozialismus zu erklären, in: Ders. (Anm. 11), S. 38: »Alle seriösen Wissenschaftler (deutsche ganz besonders) zeigen schon allein durch ihren Sprachgebrauch - etwa durch die häufige Verwendung von Ausdrucken wie ›verbrecherisch‹ oder ›Barbarei‹ in Verbindung mit dem Naziregime -, daß sie den Nationalsozialismus moralisch verabscheuen.«
  47. Broszat (Anm. 10), S. 100f
  48. Vgl. Martens, S., Hermann Göring. »Erster Paladin des Führers« und »Zweiter Mann im Reich«, Paderborn 1985; Kube, A., Pour le mérite und Hakenkreuz. Hermann Göring im Dritten Reich, 2. Aufl., München 1987 (1986).
  49. Vgl. Moreau, R, Nationalsozialismus von links. Die »Kampfgemeinschaft Revolutionörer Nationalsozialisten« und die »Schwarze Front« Otto Straßers 1930-1935, Stuttgart 1984.
  50. Vgl. Smelser, R., Robert Ley. Hitlers Mann an der »Arbeitsfront«. Eine Biographie, Paderborn 1989.
  51. Smelser, R./Zitelmann, R., Die braune Elite. 22 biographische Skizzen, 2. Aufl., Darmstadt 1990 (1989).
  52. Recker, M.-L., Nationalsozialistische Sozialpolitik im Zweiten Weltkrieg, München 1985.
  53. So Peukert, D., Zur Erforschung der Sozialpolitik im Dritten Reich, in: Otto, H.-U./Sunker. H. (Hrsg.), Soziale Arbeit und Faschismus, Frankfurt a.M. 1989, S. 36.
  54. Ebda., S. 37f
  55. Vgl. Dahrendorf, R., Gesellschaft und Demokratie in Deutschland, Mnchen 1965; Schoenbaum, D., Die braune Revolution. Eine Sozialgeschichte des Dritten Reiches (1966), Munchen 1980; Turner, H. A., Faschismus und Anti-Modernismus, in: Ders., Faschismus und Kapitalismus in Deutschland, 2. Aufl., Göttingen 1980, S.157-182.
  56. Mommsen, W., Diskussionsbeitrag zu einem Referat von Horst Matzerath und Heinrich Volkmann über »Modernisierungstheorie und Nationalsozialismus«, in: Kocka, J. (Hrsg.), Theorien in der Praxis des Historikers. Forschungsbeispiele und ihre Diskussion, Göttingen 1977, S. 102-116, hier S. 107.
  57. Vgl. Sonnenberger, F., Der neue »Kulturkampf«. Die Gemeinschaftsschule und ihre historischen Voraussetzungen, in: Broszat, M./Fröhlich, E./ Grossmann, A. (Hrsg.), Bayern in der NS-Zeit, Bd. 111. Herrschaft und Gesellschaft im Konflikt, Teil B., München/Wien 1981, S. 235-327.
  58. Vgl. Prinz, M., Vom neuen Mittelstand zum Volksgenossen. Die Entwicklung des sozialen Status der Angestellten von der Weimarer Republik bis zum Ende der NS-Zeit, München 1986.
  59. Vgl. Kroener, B. R., Auf dem Weg zu einer »nationalsozialistischen Volksarmee«, in: Broszat, M./Henke, K.- D./Woller, H. (Anm. 19), S. 651-682.
  60. Vgl. zur Modernisierungsthematik: Prinz, M./Zitelmann, R. (Hrsg.), Nationalsozialismus und Modernisierung, erscheint Darmstadt 1991; Herf, J., Reactionarv Modernism. Technology, culture, and politics in Weimar and the Third Reich, Cambridge u.a. 1986; Zitelmann, R., Nationalsozialismus und Moderne. Eine Zwischenbilanz, in: Süß, W. (Hrsg.), Übergange. Zeitgeschichte zwischen Utopie und Machbarkeit. Beitrage zu Philosophie, Gesellschaff und Politik (Festschrift für Hellmuth G. Bütow zum 65. Geburtstag), Berlin 1990, S.195-223. Eine Gegenposition vertritt: Alber, J., Nationalsozialismus und Modernisierung, in: KZfSS, 1989, H. 3, S. 346-365.
  61. Falter, J. W./Lindenberger, T./Schumann, S., Wahlen und Abstimmungen in der Weimarer Republik. Materialien zum Wählerverhalten 1919-1933, München 1986; Falter, J. W., Wahlen und Wählerverhalten unter besonderer Berücksichtigung des Aufstiegs der NSDAP nach 1928, in: Bracher, K. D./Funke, M./Jacobsen, H. A. (Hrsg.), Die Weimarer Republik 1918-1933. Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Düsseldorf 1987, S. 484-504. Einen Überblick über die Studien zur Wähler- und Mitgliederschaft der NSDAP vermittelt: Manstein, R, Die Mitglieder und Wähler der NSDAP 1919-1933. Untersuchungen zu ihrer Schichtmäßigen Zusammensetzung, 2. Aufl., Frankfurt a.M. 1989 (1988).
  62. Kater, M., The Nazi Party. A Sociale Profile of Members and Leaders 1919-1945, Cambridge, Mass. 1983.
  63. So bei Thamer, H.-U., Verführung und Gewalt. Deutschland 1933-1945, Berlin 1986, S. 172ff.
  64. Erste Ansätze finden sich bei Hildebrand, K., Krieg im Frieden und Frieden im Krieg. Ober das Problem der Legitimität in der Geschichte der Staatengesellschaft 1931-1941, in: HZ, 1987, H. 1, S. 1-28; unter allgemeinen Aspekten siehe ders., Die »Krimkriegssituation« - Wandel und Dauer einer historischen Konstellation, in: Dülffer/Martin/Wollstein (Anm. 33), S. 37-51; ferner Martin, B., Amerikas Durchbruch zur politischen Weltmacht. Die interventionistische Globalstrategie Roosevelts 1933-1941, in: MGM, 1981, H. 1, S. 57-98.
  65. Jäckel, E., in: Altrichter, H./Becker, J. (Hrsg.), Kriegsausbruch 1939. Beteiligte, Betroffene, Neutrale, München 1989, S. 261.
  66. Hillgruber, A., Politische Geschichte in moderner Sicht, in: Ders., Die Zerstörung Europas. Beitrage zur Weltkriegsepoche 1914 bis 1945, Frankfurt a.M./Berlin 1988, S. 16.
  67. Taylor, A. J. P., The Origins of the Second World War, London 1961 (dt. Ausgabe: Die Ursprünge des Zweiten Weltkrieges, Gütersloh 1962). Zur Diskussion um den Kriegsausbruch 1939 und die Thesen von Taylor vgl. Niedhart, G. (Hrsg.), Kriegsbeginn 1939. Entfesselung oder Ausbruch des Zweiten Weltkrieges?, Darmstadt 1976.
  68. Als besonders negatives Beispiel einer volkspädagogischen Argumentation, die wissenschaftlich in vieler Hinsicht mehr als fragwürdig ist und im Tonfall in keiner Weise dem wissenschaftlichen »Umgangston« entspricht, vgl.: Hofer, W., »Entfesselung« oder »Ausbruch« des Zweiten Weltkrieges?, in: Niedhart, G. (Anm. 67), S. 470-513.
  69. Mayer, A. J., Der Krieg als Kreuzzug. Das Deutsche Reich, Hitlers Wehrmacht und die »Endlösung«, Hamburg 1989, S. 183, 401-521.
  70. Ebda., S. 207
  71. Ebda., S. 401.
  72. Ebda., S. 250. Ähnlich wie Mommsen und Broszat wendet sich auch Mayer dagegen, eine »alleinige und direkte Verantwortlichkeit Hitlers« (S.568) zu postulieren. Mayers zentrale These lautet, der Juden-Massenmord sei vor allem eine Reaktion der Nationalsozialisten auf das Scheitern des Rußland-Feldzuges gewesen.
  73. So Gerhard Schreiber in seinem ebenso kenntnisreichen wie abgewogenen Forschungsbericht: Ders., Hitler. Interpretationen 1923-1983. Ergebnisse, Methoden und Probleme der Forschung, Darmstadt 1984, S. 301. Vgl. auch Jäckel, E./Rohwer, J. (Hrsg.), Der Mord an den Juden im Zweiten Weltkrieg. Entschlußbildung und Verwirklichung, Stuttgart 1985. Eine insgesamt abgewogene Darstellung dieser Forschungskontroverse gibt: Kershaw, I., Hitler und der Holocaust, in: Ders. (Anm. 11), S. 165-208.
  74. Vgl. dazu den Beitrag von Uwe Backes im vorliegenden Band.
  75. In der Gesamtdarstellung von Thamer (Anm. 63) ist die Doppelbödigkeit des nationalsozialistischen Systems recht gut geschildert worden.
  76. Broszat (Anm. 1), S. 172.
  77. »Wir haben Lynch-Stimmung«. DDR-Minister Rainer Eppelmann über Stasi-Vergangenheit und Regierungsbildung, in: Der Spiegel v. 2. April 1990, S.21

Die Autoren

Uwe Backes, geb. 1960 in Greimerath/Kreis Trier-Saarburg. Studium der Politikwissenschaft, Geschichte und Germanistik an der Universität Trier. 1987 Promotion zum Dr. phil. mit einer Arbeit über die Theorie des politischen Extremismus. Seit 1988 Akademischer Rat a.Z. beim Lehrstuhl Politische Wissenschaft der Universität Bayreuth. Wichtigste Veröffentlichungen: Totalitarismus - Extremismus - Terrorismus. Ein Literaturführer und Wegweiser im Lichte deutscher Erfahrung (mit Eckhard Jesse), 2. erweiterte Aufl., Opladen 1985; Reichstagebrand, Aufklärung einer historischen Legende (mit Karl-Heinz Janßen, Eckhard Jesse, Henning Köhler, Hans Mommsen, Fritz Tobias), 2. erweiterte Aufl., München-Zürich 1987; Politischer Extremismus in der Bundesrepublik Deutschland (mit Eckhard Jesse), Bd. I: Literatur, Bd. II: Analyse, Bd. III: Dokumentation, Köln 1989; Politischer Extremismus in demokratischen Verfassungsstaaten. Elemente einer normativen Rahmentheorie, Opladen 1989; Jahrbuch Extremismus & Demokratie (Hrsg. mit Eckhard Jesse), Bonn 1989ff.

Eckhard Jesse, geb. 1948 in Wurzen/Leipzig. Studium der Politikwissenschaft und Geschichte an der Freien Universität Berlin. 1982 Promotion zum Dr. phil. mit einer Arbeit über die Gestaltung des Wahlrechts in der Bundesrepublik Deutschland. 1989/90 Habilitation mit einer Arbeit über die Probleme der streitbaren Demokratie. Seit 1990 Hochschuldozent im Fach Politikwissenschaft an der Universität Trier. Wichtigste Veröffentlichungen: Die Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Einführung in das politische System, 7. erweiterte Aufl., Berlin 1986; Wahlrecht zwischen Kontinuität und Reform. Eine Analyse der Wahlrechtsdiskussion und der Wahlrechtsänderungen in der Bundesrepublik Deutschland, Düsseldorf 1985; Wahlen. Die Bundesrepublik Deutschland im Vergleich, Berlin 1988 (erweiterte englische Fassung: London 1990); Politischer Extremismus in der Bundesrepublik Deutschland, Bd. I: Literatur, Bd. II: Analyse, Bd. III: Dokumentation, Köln 1989 (zusammen mit Uwe Backes); Streitbare Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland. Das Beispiel des Extremistenbeschlusses von 1972, erscheint Bonn 1991.

Rainer Zitelmann, geb. 1957 in Frankfurt am Main. Studium der Politikwissenschaft und Geschichte an der Technischen Hochschule Darmstadt. 1986 Promotion zum Dr. phil. mit einer Arbeit über Hitlers Selbstverständnis als Revolutionär. Seit 1987 Wissenschaftlicher Assistent am Zentralinstitut nur sozialwissenschaftliche Forschung der Freien Universität Berlin. Wichtigste Veröffentlichungen: Hitler. Selbstverständnis eines Revolutionärs, 3. Aufl., Stuttgart 1990; Adolf Hitler. Eine politische Biographie, 3. Aufl., Göttingen-Zürich 1990; Die braune Elite. 22 biographische Skizzen (hrsg. mit Ronald Smelser), 2. Aufl., Darmstadt 1990; Nationalsozialismus und Modernisierung (hrsg. mit Michael Prinz), Darmstadt 1991.


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