Haus Grimm, Bericht über die Folterungen an SS-Männern; aus dem Buch 'Woher? Wohin? Aber wozu?"

"Warum macht ihr mich nicht ganz tot?" stöhnte er. "Warum macht ihr mich nicht tot, ich kann nicht mehr!'

ZEUGE NR. 10

GRIMM Hans: deutscher Dichter und Denker. "Volk ohne Raum". Reichstagsabgeordneter. Gegenspieler des Nationalsozialismus. In seinem meisterhaften Werk "Woher? Wohin? Aber wozu?" (Klosterverlag) findet sich die erste maßvolle Darstellung der historischen Persönlichkeit Adolf Hitler.

Im Zusammenhang mit Auschwitz: Fälschungsverdacht. Mangelhafte Untersuchung. Typhus und alliierte Bomben als Todesursache unter KZ-Häftlingen. Bestialische Folterungen an SS-Wachmannschaften. Auf den Seiten 500 und 501 des angerührten Werkes heißt es:

Hans Grimm (56 KB)

Zeuge Nr. 10: Hans Grimm, Dichter.

Die ärgste Verkehrtheit aber bei den Erklärungen zu der Schuldfrage in den KZ-Angelegenheiten und gegenüber den Juden liegt darin, daß man die Dinge nicht unerbittlich durchprüfte bis auf den letzten Grund und die letzte Ursache und jegliche Beziehung der Dinge zueinander verschwieg, wo nicht gar fälschte. Über Bergen-Belsen und was dort vor sich ging, enthält der von Cyril Connolly herausgegebene Sammelband "The Golden Horizon" (Weidenfeld and Nicholson, London) einen Beitrag von Alan Moorhead. Die Londoner Monatsschrift "European" vom März 1954 weist auf diesen Bericht mit folgenden Sätzen hin: Moorhead besuchte kurz nach Einstellung der Kämpfe 1945 das Konzentrationslager Belsen zusammen mit einer Gruppe anderer Journalisten. Belsen ist das Lager, wo infolge schwerer Bombenangriffe auf die Zufahrtswege ein Zusammenbruch der Versorgung mit Nahrungsmitteln und Wasser erfolgte und Typhus ausbrach, durch den Hunderte der Gefangenen umkamen. Die Alliierten erschienen und trafen auf die schauderhaften Zustände. Sie brachten Lebensmittel und Medikamente, sie verbrannten die Toten und die verseuchten Baracken. Sie setzten die Wachmannschaften gefangen und folterten sie; und sie waren so besessen von der Propaganda gegen die deutschen "Hunnen", daß sie selbst geradezu geschwelgt zu haben scheinen in Greuelhandlungen und mit Stolz ihr eigenes Handwerk den besuchenden Journalisten vorwiesen. Moorhead erzählt: Ein junger britischer Militärarzt und ein Hauptmann der Pioniere verwalteten das Lager... Der Hauptmann schien in besonders guter Laune... Als wir uns den Zellen der gefangenen SS-Wachmannschaften näherten, brach beim aufsichtführenden Sergeanten die Wut aus. Der Hauptmann sagte: "Wir haben heute morgen eine Vernehmung stattfinden lassen. Ich fürchte, die Gefangenen sind nicht gerade hübsch anzusehen." Den Journalisten wurden die Zellen geöffnet, wo die stöhnenden und blutenden Gefangenen lagen. Moorhead erzählt weiter: "Der Mann, der mir zunächst lag und dessen Hemd und Gesicht blutverkrustet waren, machte zwei vergebliche Versuche, ehe es ihm gelang, in Kniestellung auf die Füße zu kommen. Als er stand, zitterte er heftig und versuchte, die Arme abwehrend auszustrecken. Hoch, schrie der Sergeant. Alle kamen hoch und hielten sich aufrecht an der Wand. Weg von der Wand! Sie stießen sich ab von der Wand und standen frei schwankenden Körpers... In einer anderen Zelle hatte der Militärarzt soeben eine Vernehmung beendet. Los, schrie der Sergeant, steh auf! Der Mann lag in seinem Blut auf der Erde... Er stützte seine zwei Arme auf einen hölzernen Stuhl und gab sich einen Stoß, ein zweiter Versuch, und ihm gelang, auf die Füße zu kommen. Er reckte seine Arme uns entgegen. Warum macht ihr mich nicht ganz tot, stöhnte er. Warum macht Ihr mich nicht tot, ich kann nicht mehr...

Der dreckige Bastard hat das schon den ganzen Morgen gesagt. - In dem Bericht, den Moorhead über Belsen und die schrecklichen Zustände dort vor der Befreiung gibt, heißt es: "War da Sadismus am Werk bei den Deutschen? Im großen und ganzen nein. Greuelhandlungen sind in diesem Lager verhältnismäßig selten vorgekommen... Was die Häftlinge umbrachte, waren nicht Greuelhandlungen, sondern Vernachlässigung."

Moorhead fügt nicht hinzu: "So war das, bis die Alliierten kamen." Gewiß waren die Wachmannschaften zum Teil schuld an den Zuständen im Lager, wennschon ihnen in den letzten Wochen alles über den Kopf gewachsen war als Folge der Bombenabwürfe, des fehlenden Wassers, der Seuche und der Überfüllung. Eine Untersuchung war vorzunehmen, was ihr Tun angeht. Aber die Verbrechen, die Herr Moorhead beschreibt, wurden von englischen Soldaten mit Bedacht begangen, und ihre SS-Gefangenen litten nicht aus Vernachlässigung.


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