Generaloberst Lothar Rendulic:

"Dies wurde vollends klar, als zu Haufen geschichtete Tote auf der Leinwand erschienen, unter denen sich auch ein SS-Mann in Uniform befand."

ZEUGE NR. 26

RENDULIC Lothar, Generaloberst, untadeliger deutscher Truppenführer alt-österreichischer Prägung, Buchautor von "Glasenbach - Nürnberg - Landsberg".

VERFOLGUNG: Interniert in Glasenbach, dem Konzentrationslager für Deutsche nach dem Krieg, in Nürnberg nach verbrecherischem Schauprozeß zu langjähriger Haft verurteilt.

Fehler im Greuelfilm: jüdische Leichen als SS-Kameraden identifiziert. Eine Panne Alfred Hitchcocks? Richter Wennerstrum übt Selbstkritik.

DER DACHAU-BETRUG:

Generaloberst Rendulie berichtet aus seiner Zeit im KZ Glasenbach auf Seite 39:

Lothar Rendulic (54 KB)

Zeuge Nr. 26: Generaloberst Lothar Rendulic.

Um diese Zeit, es war Frühsommer 1946, begann sich der aufkommende Antagonismus zwischen den USA und Rußland bereits ziemlich klar abzuzeichnen. Wir konnten nur wenig in den Zeitungen finden, waren aber dafür um so genauer hierüber durch die für die amerikanische Verwaltung arbeitenden Gefangenen unterrichtet. Diese kamen mit Amerikanern ins Gespräch und hörten Nachrichten sowie Ansichten. An einem späten Frühjahrsabend hatten sich alle Gefangenen des Compounds auf dem großen Platz zwischen den Baracken zu versammeln. Es sollte uns ein Film über Dachau vorgeführt werden, den wir uns anzusehen hatten. An einer Barackenwand wurde eine große weiße Leinwand befestigt, und dann begann die Vorführung. Wir hatten von den verabscheuungswürdigen Vorkommnissen in diesem Konzentrationslager nach dem Krieg in den Lagern und besonders in Glasenbach viel gehört. Die im Film vorgeführten völlig ausgemergelten Gestalten erweckten stärkstes Mitgefühl und größte Abscheu, vor den widerlichen Mißhandlungen. Bald konnte aber bemerkt werden, daß dieser Film mit wenig Geschick, aber um so deutlicherer Absicht gestellt war. Dies wurde vollends klar, als zu einem Haufen geschichtete Tote auf der Leinwand erschienen, unter denen sich auch ein Mann in SS-Uniform befand. Dieser wurde von den anwesenden SS-Männern sogleich als ein Unteroffizier der Bewachungsmannschaft erkannt, der offenbar nach der Besetzung des Lagers erschlagen oder erschossen worden war. Die beabsichtigte Wirkung des Films ging besonders hierdurch stark verloren. Diese Filmvorführung war der einzige Versuch von seiten der Lagerverwaltung, die Gefangenen anzusprechen. Es hieß, daß der Film einen erzieherischen Zweck verfolgen sollte. Dieses Ziel wurde nicht erreicht, wobei die Ursache jedoch nicht bei den Gefangenen lag, die sehr aufgeschlossen waren für jede Dokumentierung aus der jüngsten Vergangenheit: Diese suchten die meisten von ihnen kritisch zu weiten. Der Grund des Mißerfolges lag zum überwiegenden Teil in der Unzugänglichkeit des Films selbst.

Die späte Reue eines Nürnberger Richters.

Genaraloberst Rendulic berichtet auf Seite 191:

Das Interview.

Drei Tage nach dem Ende des Prozesses erlebte ich eine besonders große Überraschung. Der Vorsitzende des Gerichtes, Richter Charles T. Wennerstrum, hatte vor seinem Abflug aus Nürnberg am 22. Februar 1948 einem Vertreter der "Chicago Tiibune" ein Interview gegeben, in dem er sagte: "Wenn ich vor sieben Monaten gewußt hätte, was ich heute weiß, wäre ich niemals hierhergekommen. Die hohen Ideale, die bei der Schaffung dieses Gerichthofes als Leitgedanke, verkündet worden sind, haben sich nicht erfüllt. Die Sieger im Krieg sind nicht die besten Richter über Kriegsverbrechen. Die Anklagebehörde zeigte keine Objektivität, frei von Rachsucht und Ehrgeiz. Die meisten Beweismittel waren Dokumente, die aus Zentnern erbeuteter Dokumente ausgewählt wurden. Die Verteidigung hatte nur Zutritt zu Dokumenten, welche die Anklagebehörde als belangvoll für den Prozeß erachtete. Der Hauptankläger, General Taylor, suchte die Anordnung des Gerichtes, daß von einem Dokument nicht nur Auszüge, sondern das ganze Dokument der Verteidigung zugänglich gemacht werden müsse, zu vereiteln. Es wurden Juristen, Schriftführer, Vernehmer und Ermittler beschäftigt, die erst in den letzten Jahren Amerikaner wurden und die in den Haßgefühlen und Vorurteilen Europas befangen waren." Schließlich erklärte Richter Wennerstrum, das Fehlen einer Berufungsmöglichkeit gäbe ihm das Gefühl, daß hier der Gerechtigkeit nicht Genüge getan worden sei. Als ich dieses Interview las, stand ich wie alle Angeklagten und Anwälte vor einem psychologischen Rätsel. Der Vorsitzende des Gerichtshofes, der uns vor drei Tagen schuldig gesprochen hatte, gab selbst ein vernichtendes Urteil über wesentliche Seiten des Verfahrens ab. Es ging vor allem neben der allgemeinen Charakteristik der Anklagebehörde daraus hervor, welches Verfahren von dieser im Hinblick auf die Dokumente befolgt wurde, die das Um und Auf für die Verteidigung bedeuteten. Dieses entscheidende Hemmnis der Verteidigung, auf das von uns immer wieder hingewiesen wurde, war also auch vom Gericht erkannt worden, und trotzdem hat es verurteilt.

Auch den Gedanken, daß ihm etwa die vorhandenen Dokumente für die Verurteilung genügt hätten, mußte ich ablehnen, da von uns allen eingehend dargelegt worden war, daß die aus dem Zusammenhang gerissenen Dokumente, die für Belastungszwecke verwendet wurden, in ihrer Bedeutung und Tragweite nur aus den fehlenden, sie aber ergänzenden und erläutemden Dokumenten beurteilt werden konnten. Es wäre auch nach den Äußerungen des vorsitzenden Richters nicht zu begreifen, wenn das Gericht dies nicht auch erkannt hätte. Sensationell wirkte die Kritik an dem Hauptankläger Telford Taylor einerseits, weil hier eine Person direkt genannt wurde, dann aber auch, weil sie ein charakteristisches Licht auf die Anklagebehörde warf, die sich für ihre Zwecke keineswegs immer mit ganzen Dokumenten begnügen wollte, die ohnehin nach ihrerAnsicht Belastendes enthielten, sondern bestrebt war, selbst von ihnen nur die Teile zu bringen, die ihr für ihre Zwecke am geeignetsten erschienen. Man kann dann auch verstehen, daß der von Wennerstrum an der Anklagebehörde gerügte Ehrgeiz wohl nur das Streben sein konnte, mit allen Mitteln zu einer Verurteilung zu kommen. Nicht weniger erschütternd war die Feststellung Wennerstrums, daß er niemals nach Nürnberg gekommen wäre, wenn er das vor sieben Monaten gewußt hätte, was er im Februar 1948 wußte. Dies muß zur Annahme führen, daß er, als er Einblick in die tatsächlichen Verhältnisse bekam, nicht mehr zurück konnte. Es mußten starke Kräfte am Werk gewesen sein, die es ihm unmöglich machten, eine Änderung der von ihm gerügten Gegebenheiten herbeizuführen und die ihn zwangen, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Wenn ihn also die Verhältnisse abgehalten hätten, nach Nürnberg zu kommen, so mußte er sie jedenfalls abgelehnt haben. Trotz der Rätselhaftigkeit des Interviews gaben wir uns keinen Illusionen hin und wußten, daß auch die von ihm erfolgte Aufdeckung von Mißständen unsere Lage nicht ändern würde. Wir hofften aber, daß es bei einer vielleicht einmal zu erreichenden Überprüfung des Verfahrens zur Geltung gebracht werden könne.


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