Kapitel I

Die Strasse die zum Kriege führte

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges weigerten sich Frankreich und Großbritannien, auf jene Staatsmänner zu hören, die da sagten, daß man entweder Frieden haben oder Rache üben könne, auf keinen Fall aber beides zugleich. Die beiden Staaten brachen das Versprechen, das sie Deutschland bei Abschluß des Waffenstillstandes gegeben hatten : daß nämlich der Frieden auf der Grundlage von Präsident Wilsons Vierzehn Punkten und der vom Präsidenten der USA verkündeten Schlichtungsprinzipien geschlossen würde. 1919 schrieb Maynard Keynes in seinem Buch Die wirtschaftlichen Folgen des Friedens über den Waffenstillstand : "Die Natur des Vertrages, der zwischen Deutschland und den Alliierten geschlossen wurde . . ., ist klar und unmißverständlich. Die Bestimmungen des Friedensvertrages haben mit den Bekundungen des Präsidenten übereinzustimmen; die Friedenskonferenz hat die Aufgabe, die Einzelheiten der Anwendung dieser Bestimmungen zu erörtern. Nach einer der Klauseln des Vertrages mußte Deutschland Waffenstillstandsbedingungen auf sich nehmen, die es völlig hilflos machen mußten. . . Die Ehre der Alliierten war daher in besonderer Weise davon berührt, daß sie ihren Teil der Verpflichtungen erfüllten. Dazu gehörte auch, daß sie bei Auftreten von Unklarheiten ihre Position nicht dazu benutzen sollten, Vorteile aus dieser Lage zu ziehen." England und Frankreich setzten die Hungerblockade gegen Deutschland sechs Monate über den Waffenstillstand hinaus fort, um von den deutschen Demokraten, die die Regierung übernommen hatten, die Unterzeichnung eines Diktatfriedens zu erzwingen. Sie hatten einen Frieden ohne Annexionen und Kriegsentschädigungen versprochen, doch sie raubten deutsches Land und bürdeten der eben entstandenen Weimarer Republik Reparationen auf, unter deren Last sie zusammenbrechen mußte. Sie hatten sich zu einer allgemeinen Abrüstung verpflichtet, doch sie entwaffneten einzig und allein Deutschland, ohne selbst abzurüsten. Die Sieger weigerten sich sogar, über die Friedensbedingungen mit den Geschlagenen zu sprechen, die die Waffen aufgrund genau festgelegter, aber dann nicht eingehaltener Bedingungen niedergelegt hatten. Sie brachen ihre feierlichen Versprechungen, erniedrigten die Nation, überantworteten

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sie dem wirtschaftlichen Elend und diskreditierten damit die junge Demokratie in den Augen der Deutschen.

Die NSDAP, aus der Drachensaat von Versailles entstanden und in der Weltwirtschaftskrise, die die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland auf über sechs Millionen erhöhte, zu gewaltiger Stärke angewachsen, übernahm die Macht, als diese Wirtschaftskrise in Europa und Amerika auf ihrem Höhepunkt stand. Es war unvermeidlich, daß, nach einem Zeitraum von nur zwanzig Jahren, der Zweite Weltkrieg dem Ersten folgte.

Statt zu begreifen, daß man Vertrauen und Sicherheit, Demokratie und Wohlstand nicht auf Haß und Rachsucht gründen kann, haben die siegreichen Alliierten von 1919 Deutschland in Stücke gerissen und ihm jede Möglichkeit genommen, sich aus eigener Kraft und ohne Hilfe von außen eine neue Existenz aufzubauen. Sie waren nicht imstande, sich über einen Friedensvertrag zu einigen, haben aber brüderlich vereint das niedergeworfene Deutschland auf den Stand einer afrikanischen Kolonie hinabgedrückt.

Die Geschichte hat sich wiederholt und die Ergebnisse dieses Prozesses werden aller Wahrscheinlichkeit für Europa noch unheilvollere Folgen haben als die jener Ereignisse, die zum Zweiten Weltkrieg führten. 1945 haben die siegreichen Alliierten es den Deutschen von neuem verwehrt, auf Demokratie und Gerechtigkeit zu vertrauen. Das deutsche Volk mußte erneut mit ansehen, wie die Besatzungsmächte die Prinzipien der Gerechtigkeit verleugneten und die Demokratie zum Gespött machten. Wiederum gerieten die deutschen Demokraten in die Gefahr, den Anhängern des Totalitarismus den Weg freizumachen, da legale Methoden und alle Appelle an das Gerechtigkeitsgefühl nicht vermochten, eine faire Behandlung des deutschen Volkes zu erreichen.

Das Jahr 1918 hat Hitler hervorgebracht; 1945 war die Gefahr nahe, daß Stalin der Herrscher über ganz Europa wurde.

Wäre Frankreich nach dem Ersten Weltkrieg willens gewesen, Deutschland so großmütig und klug zu behandeln wie England nach Napoleons Niederwerfung Frankreich behandelte, so wäre möglicherweise Europa ein weiteres Jahrhundert des Friedens beschieden gewesen. Der jahrhundertealte Streit zwischen Deutschland und Frankreich hätte unter Bedingungen beendet werden können, die so vorteilhaft für beide Völker wie förderlich für das Zustandekommen eines echten Friedens in Europa gewesen

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wären. Ein Frieden, wie er der französisch-britischen Zusammenarbeit nach Jahrhunderten der Rivalität und der Kriege zwischen beiden Staaten gelang. Statt dessen versuchte Frankreich sich in eine trügerische Sicherheit zu lullen, indem es den Riesen jenseits seiner Grenzen entwaffnete, ihm aber gleichzeitig jeden Grund gab, auf Vergeltung zu sinnen.

Die erdrückende Bürde der Deutschland auferlegten Reparationen und die Tatsache, daß diesem Land eine festgegründete und ehrenvolle Stellung unter den Nationen Europas verweigert wurde, machten die deutsche Demokratie so kraftlos, daß die Nationalsozialisten die Macht an sich reißen konnten und Frankreich von eben den Gewalten zu Boden geworfen wurde, die es selbst geweckt hatte.

Es kann durchaus sein, daß die Menschheit eine einzige Lehre aus der Geschichte zieht : die nämlich, daß sie nichts aus ihr lernt. Die Erklärung für das Versagen der westlichen Demokratien, die Lehren der jüngsten Vergangenheit zu begreifen, ist aber in den unheilvollen Wirkungen der Kriegspropaganda sowie der Ignoranz und mangelnden Redlichkeit derjenigen zu suchen, die die öffentliche Meinung machen.

Immer noch ist die Feder mächtiger als das Schwert und trägt eine größere Schuld am Elend der Menschheit, wenn sie ohne Skrupel in den Dienst der psychologischen Kriegführung gestellt wird. Samuel Johnson hatte wahrlich recht, als er im 18. Jahrhundert schrieb : "Ich weiß nicht, was man mehr zu fürchten hat : Straßen voller Soldaten, die zu plündern gewöhnt sind, oder Dachkammern voller Schreiberseelen, deren einziges Metier das Lügen ist."

Die Kriegspropaganda und die Geschichtsfälschungen, in denen sich eine Unzahl von Journalisten, Schriftstellern, Professoren und Politiker ergingen, haben dem amerikanischen Volk die Überzeugung eingeimpft, daß die Deutschen aus ihrer Natur heraus der Demokratie abgeneigt und ein angriffslüsternes Volk seien, das stets von neuem versuchen werde, die Welt zu beherrschen, wenn man es nicht niederhalte und ihm in einem langen Unterweisungsprozeß, wie in einer Besserungsanstalt, die Liebe zur Demokratie beibringe.

Nur diejenigen, die sich in der Geschichte Europas auskennen, wissen, daß Deutschland erst eine kämpferische Nation wurde, als Jahrhunderte französischer Aggressionen von Richelieu bis zu Napoleons Eroberungszügen eine Reaktion hervorriefen, die es

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Preußen erlaubte, aus den uneinigen und machtlosen Königreichen, Fürstentümchen und Freien Städten, aus denen vor der französischen Revolution Deutschland bestand, den geeinten deutschen Staat zu erbauen, wie wir ihn kennen.

Die Amerikaner, denen ständig vorerzählt wurde, daß Deutschland in der neuesten Zeit dreimal Frankreich angegriffen habe, werden erstaunt sein, wenn sie lesen, was seinerzeit über den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 in Großbritannien und den Vereinigten Staaten gesagt wurde. Dies schrieb die Londoner "Times" am 16. Juli 1870 : "Das größte nationale Verbrechen, das wir seit den Tagen des ersten französischen Kaiserreiches schmerzlich bewegt in diesen Spalten aufzuzeichnen haben, ist begangen worden. Ein Krieg ist erklärt worden — ein ungerechter, aber im voraus geplanter Krieg. Das entsetzliche Unglück, das Europa in tiefste Bestürzung versetzt, ist — das steht nunmehr eindeutig fest — das Werk Frankreichs, eines einzigen Mannes in Frankreich. Es ist das Endergebnis persönlicher Herrschaft. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, auf welcher Seite die Sympathien der Welt sind. Was man auch bei früheren Gelegenheiten Preußen vorwerfen konnte : in diesem Falle wird es all den moralischen Beistand auf seiner Seite haben, der demjenigen, der die Waffen zur Selbstverteidigung erhebt, selten verweigert wird."

George Bancroft, der Gesandte der Vereinigten Staaten in Berlin gab folgenden Bericht : "Die führenden Staatsmänner so gut wie die öffentliche Meinung in Amerika betrachten diesen Krieg im Grunde genommen als einen Akt der Selbstverteidigung, was Deutschland angeht. Die wichtigste Aufgabe ist es, Deutschland für alle Zeit mit Hilfe einer besseren Grenzziehung gegen Angriffe seines westlichen Nachbarn, die in den letzten drei Jahrhunderten so häufig waren, zu schützen."

Es ist die Tragödie der Geschichte unserer Tage, daß man die Deutschen stets miserabel behandelt hat, wenn sie friedfertig gesinnt waren. Das hatte die ganz natürliche Folge, daß die Verfechter der Gewalt immer wieder die Herrschaft über die Nation gewonnen haben, nachdem es Demokraten und Antimilitaristen versagt geblieben war, eine annehmbare Regelung für die Deutschen zu erreichen oder diese vor Angriffen zu schützen.

Nachdem sie endlich zu den Waffen gegriffen hatten, um den französischen Angriff abzuwehren und nachdem sie Frankreich gezwungen hatten, seinen jahrhundertealten Ehrgeiz einer Allein-

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herrschaft über den Kontinent aufzugeben, folgten die Deutschen, da Bismarcks Einfluß verschwunden war, in Frankreichs Fußstapfen. Trotzdem ist die sehr populär gewordene Auffassung falsch, daß die Deutschen die Ursache aller Kriege der jüngsten Vergangenheit gewesen seien. In dem halben Jahrhundert zwischen dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und dem Ersten Weltkrieg hielt Deutschland Frieden, während England und Frankreich den größten Teil Afrikas eroberten und ihre Kolonialreiche in Asien ausweiteten; Rußland kämpfte gegen die Türkei, Japan und die Vereinigten Staaten verleibten sich durch Kriege gegen Spanien und Mexiko neue Gebiete ein.

Deutschland ist auch nicht allein für den ersten Akt der Tragödie der westlichen Kultur verantwortlich zu machen. Die von den Bolschewiken veröffentlichten sowie die aus den Wiener Archiven stammenden diplomatischen Dokumente, haben eindeutig bewiesen, daß das zaristische Rußland und die Habsburger Monarchie weit mehr Schuld am Ausbruch des Krieges tragen als Deutschland.

Gustav Stolper schrieb dazu in seinem Buch Die deutsche Wirklichkeit : "Nicht ein einziger Historiker von Weltruf, welcher Nationalität auch immer, hat in den zwanziger und den frühen dreißiger Jahren die Behauptung aufrecht erhalten, daß Deutschland allein die Schuld am Kriege trage. Wohl sind aber verschiedene hervorragende Historiker, besonders Engländer und Amerikaner, so weit gegangen festzustellen, daß Deutschland verhältnismäßig wenig Schuld treffe."

Diese geschichtlichen Fakten wurden von der Propaganda im Zweiten Weltkrieg in Dunkel gehüllt und sind heute vergessen. Niemand kann bestreiten, daß die Deutschen nach ihrer Niederlage im Ersten Weltkrieg eine völlige Kehrtwendung vollzogen und Pazifismus und Demokratie mit demselben Eifer huldigten, mit dem sie vorher ihren Militaristen gefolgt waren. Die Verfassung der Weimarer Republik garantierte so viele Freiheiten, daß sie Kommunisten und Nationalsozialisten sogar die Freiheit einräumte, die deutsche Republik erst zu unterminieren und dann zu zerstören.

Möglicherweise hätte die Weimarer Republik die ihr innewohnenden Schwächen überwunden, wenn Frankreich es über sich gebracht hätte, das Kriegsbeil zu begraben und eine ähnlich wohlwollende Politik gegenüber Deutschland zu verfolgen, wie das die Briten taten, die bald nach Kriegsende begriffen, daß es

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außerordentlich töricht war, die demokratischen Kräfte in Deutschland an einer unerbittlichen Erfüllung der Klauseln des Versailler Vertrages scheitern zu lassen.

Im Jahre 1923 besetzten die Franzosen gegen den Rat Englands das Ruhrgebiet, um die unermeßlichen Reparationen zu erhalten, die die deutsche Republik niemals bezahlen konnte. Die deutsche Antwort auf diese hochfahrende Unternehmung war ein Generalstreik an der Ruhr, der zwar Frankreich schließlich zum Rückzug zwang, Deutschland aber dem Bankrott überantwortete. Die daraus folgende unaufhaltsame Inflation ruinierte den Mittelstand und führte zur Entstehung der nationalsozialistischen Bewegung. Zur gleichen Zeit trieb das Elend der Arbeiterschaft viele dazu, sich von der sozialdemokratischen Führung abzuwenden und den Kommunisten zu folgen.

Das Eingreifen der USA schob den Ausbruch der Krise um ein Jahrzehnt hinaus. Amerikanische Anleihen und Kredite retteten die Weimarer Republik und gestatteten Deutschland, seine jährlichen Reparationsleistungen zu vermindern. Es schien sogar, als wolle wieder ein gewisser Wohlstand aufkommen. Ein Kern von etwa zwei Millionen ständig Arbeitslosen blieb zwar, doch die deutsche Industrie war dank der amerikanischen Hilfe modernisiert und rationalisiert worden.

Deutschlands Hoffnung, seinen Verpflichtungen nachkommen zu können, beruhte auf einer Ausweitung seines Welthandels und dem weiteren Fließen amerikanischer Kredite. Die Weltwirtschaftskrise reduzierte jedoch Deutschlands Ausfuhren drastisch, stoppte die amerikanischen Kredite und machte alle Möglichkeiten zunichte, daß Deutschland weiter Reparationen und die Zinsen für seine Anleihen zahlen konnte.

Das Smoot-Hawley-Tarifgesetz in den USA und die Entschlüsse der Ottawa-Konferenz von 1931, die das britische Commonwealth mit einer hohen Zollmauer umgaben, vollendeten den Ruin der deutschen Demokratie. Deutschlands Außenhandel sank auf die Hälfte; Arbeitslosigkeit, Bankzusammenbrüche und Konkurse brachten in alle Schichten eine solch tiefreichende Verzweiflung, daß die Extremisten auf der Rechten und Linken die demokratischen Parteien zerschlagen konnten, die sich trotz all dieser gewaltigen Schwierigkeiten mit allen Kräften bemüht hatten, das deutsche Volk zur Abwendung von den Militaristen zu veranlassen und ihm Vertrauen in eine vernünftige und friedliche Weltordnung einzuimpfen.

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Präsident Hoover unternahm daher den Versuch, die Krise in Deutschland und ganz Europa mit Hilfe seines internationalen Schuldenmoratoriums zu bekämpfen. Präsident Roosevelt jedoch gab dem Wirtschaftskrieg mit seiner Torpedierung der Londoner Weltwirtschaftskonferenz und der Abwertung des Dollars einen neuen, mächtigen Auftrieb; dieser Wirtschaftskrieg war aber nichts anderes als das Vorspiel zum Zweiten Weltkrieg.

In dieser verzweifelten wirtschaftlichen Lage, ohne Waffen, der Gleichberechtigung mit anderen Nationen beraubt, die Hälfte der Industriearbeiterschaft ohne Beschäftigung, ohne Einkünfte aus Kolonien wie Großbritannien, Frankreich, die Niederlande und Belgien, um seine beschäftigungslosen Millionen unterstützen zu können, warf sich Deutschland Hitler in die Arme. Der falsche Messias, der Arbeit und Brot und — anstelle der kraftlosen Weimarer Republik — ein freies und starkes Deutschland verheißen hatte, wurde der Zerstörer der deutschen Demokratie.

Die Nationalsozialisten nutzten nicht nur das wirtschaftliche Elend aus, sie spielten auch auf der Klaviatur der nationalen Empörung und aller möglicher Furchtkomplexe. Ein bedeutender britischer Historiker, H. A. L. Fisher, hat in einem Buch History of Europe geschrieben : "Die Deutschland durch den Vertrag von Versailles aufgezwungene Entwaffnung war von dieser Nation von Soldaten niemals willig hingenommen worden. Die Deutschen hatten alles Recht, darauf zu bestehen, daß sie entweder wiederaufrüsten durften oder daß ihre Nachbarn ernsthaft ihre Rüstungen beschneiden sollten. Mit einer seltenen Einmütigkeit forderte Deutschlands Jugend leidenschaftlich eine gleichberechtigte Behandlung; sie protestierte gegen die Fortdauer eines Systems, das sie wehrlos den Flugzeugen, Kampfwagen und der schweren Artillerie der Polen, Tschechen und Franzosen auslieferte. Die schleppenden Verhandlungen im Völkerbund brachten das Volk gegen die Sozialdemokraten in Harnisch, die für die Erfüllung der Verträge eintraten und willens waren, Opfer für den Frieden in Europa zu bringen. Sieben Jahre lang hatte Deutschland Genf umworben, doch es hatte vergebens geworben."

Den Deutschen schien es ein paar Jahre lang, als habe Hitler fast immer recht, die deutschen Demokraten aber von Grund auf unrecht gehabt. Das, was man ihnen ständig verweigert hatte, erhielt Hitler ohne Widerstand zugestanden. Von 1933 bis 1939

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erwies sich immer wieder aufs neue die Richtigkeit des Grundsatzes, daß erst Macht Recht schafft und daß den Schwachen Gerechtigkeit stets verweigert wird. Die Vereinigung mit Österreich, die den deutschen Demokraten untersagt wurde, als sie die Wirtschaftskrise, die ihre Stellung unhaltbar machte, entschärft hätten, wurde Hitler ohne weiteres gestattet. Das Recht auf Selbstverteidigung, das man der Weimarer Republik nicht eingeräumt hatte, wurde den Nationalsozialisten niemals bestritten, selbst dann nicht, als sie es schon längst dahingehend auslegten, daß es auch das Recht zum Angriff auf Andere bedeute. Nachdem Hitler an die Macht gekommen war, entdeckten die Deutschen, daß sie imstande waren, jedes Recht zu erhalten, das man ihnen verweigert hatte, als sie noch Demokraten gewesen waren.

Der einfache Deutsche, der müßig an den Straßenecken herumgestanden oder vergeblich nach Arbeit Ausschau gehalten hatte, der sich in einer Gesellschaft, die seine Arbeitskraft nicht gebrauchen konnte, als Ausgestoßener fühlte, hatte nun Beschäftigung für die Dauer und ein Gefühl der Sicherheit, solange er den Anordnungen von oben gehorchte.

Zur Zeit der Weimarer Republik waren die Weltmärkte den deutschen Ausfuhren verschlossen geblieben, doch nun hatte sie Dr. Schacht dem deutschen Handel mit Hilfe von Tauschabkommen geöffnet, die auf die von London und New York kontrollierten Währungssysteme keine Rücksicht nahmen. Die Deutschen, die sehr viel hatten entbehren müssen, als sie noch der Führung der Sozialdemokratie gefolgt waren, hatten unter der Herrschaft der Nationalsozialisten gute Arbeitsplätze und hübsche Wohnungen. Der Preis, den sie dafür zahlen mußten, war der Verlust der Freiheit, aber ein Mensch, der am Verhungern ist, wird alles dafür hingeben, seinen Magen füllen zu können.

Hitler ist tot und die Verheißung der Nationalsozialisten, ein Weltreich zu gewinnen, hat in einer fürchterlichen Niederlage und einem von allen Völkern geteilten Haß auf das deutsche Volk geendet, das seinen falschen Götzen gefolgt war und immer noch für deren Verbrechen verantwortlich gemacht wird. Von den Nationalsozialisten wie den Demokraten gleichermaßen enttäuscht, trieben die Deutschen geraume Zeit ohne jede Hoffnung auf die Zukunft dahin. War die Demokratie imstande, sie mit ebenso hohen Erwartungen zu erfüllen, wie das seinerzeit die falschen Propheten in den eigenen Reihen vermocht hatten, so schlug nun die Stunde, da ganz Europa gerettet werden konnte.

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Wir aber, die Sieger, haben die Deutschen behandelt, als seien sie Aussätzige gewesen. Als wir den deutschen Demokraten nur geringe oder gar keine Hilfe gaben, haben wir ihnen bewiesen, daß wir — wie zwei Jahrzehnte zuvor — unfähig waren, den Deutschen das Recht zu sichern, für ihren eigenen Unterhalt zu arbeiten und ihnen die gleichen Grundrechte wie anderen europäischen Völkern zu gewährleisten.

Man braucht sich nur ein wenig in der Historie auszukennen, um die volkstümliche Auffassung widerlegen zu können, daß die Deutschen von Natur aus angriffslustiger als die Franzosen, die Briten oder irgend ein anderes Volk seien. Jedes dieser Völker war abwechselnd einmal der Angreifer — aufgrund der Macht, die es besaß, der Gelegenheiten, die sich ihm boten oder des Ehrgeizes, den seine Beherrscher entwickelten.

Es ist völlig sinnlos, hier mit Vorwürfen zu kommen; denn nahezu alle Nationen sind zur einen oder anderen Zeit in Europa, Afrika oder Asien die Angreifer gewesen; selbst die Amerikaner haben auf ihrem eigenen Kontinent Eroberungskriege geführt. Ob die westliche Zivilisation am Leben bleibt, hängt jetzt von unserer Fähigkeit ab, längst vergangenes Unrecht zu vergessen, uns über nationale Vorurteile hinwegzusetzen und die Wunden des Krieges zu heilen. Falls die brudermörderischen Streitigkeiten in Europa nicht aufhören und wir nicht endlich beginnen, nach den Grundsätzen zu handeln, an die wir zu glauben behaupten, werden die Kommunisten Sieger bleiben. Der erste schlechte Frieden gebar Hitler, der zweite brachte uns Stalin.

Nur der wiedererweckte Glaube an die Prinzipien, an die wir zu glauben vorgeben und unsere Entschlossenheit, sie in die Tat umzusetzen, wird die westliche Zivilisation retten.

Der verderbliche Einfluß totalitärer Doktrinen und der Verfall der demokratischen Prinzipien spiegelt sich in der Wandlung wieder, die der Haltung der Vereinigten Staaten zwischen beiden Weltkriegen widerfuhr. Während des ersten Weltkrieges unternahm Präsident Wilson den Versuch, den Stimmen der Vernunft und der Menschlichkeit bei den Verbündeten der USA Gehör zu verschaffen. Er forderte einen Frieden ohne Annexionen und Reparationen, damit die Welt für die Demokratie gerettet werde. Während und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Präsident der Vereinigten Staaten der stärkste Verfechter einer Politik, die alle Beute den Siegern überantwortete. Die Atlantik-Charta, die er selbst mit entworfen hatte, ließ er völlig fallen.

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Präsident Roosevelt war es, der in Jalta Polen und China preisgab und Osteuropa der Terrorherrschaft der Kommunisten überantwortete. Präsident Roosevelt war es, der mit Stalin vereinbarte, daß Reparationen in Sachleistungen unter Verwendung von Deutschen als Sklavenarbeitern erzwungen werden sollten. Es war auch der demokratische Präsident der USA, der dem Morgenthau-Plan seine Zustimmung gab, der Millionen Deutscher dem Hungertod ausliefern mußte. Er war es auch, der der Enteignung und Vertreibung von Millionen Deutscher aus Schlesien, Ostpreußen, dem Sudetenland und Südosteuropa zustimmte, deren einziges Verbrechen es war, Deutsche zu sein.

Churchill, der britische Konservative und Imperialist, und nicht Roosevelt, der amerikanische Demokrat, hat sich in Jalta Stalin widersetzt, als der Diktator über ganz Rußland vorschlug, nach dem Siege Tausende deutscher Offiziere abzuschlachten. (Dieser Satz ist nicht als eine Verteidigung Churchills gemeint, der zu kurzsichtig oder zu trunken von seiner eigenen Beredsamkeit war, als daß er die verderblichen Folgen eines uneingeschränkten Beistandes für das Rußland Stalins begreifen konnte. Vergleicht man ihn jedoch mit F. D. Roosevelt, dann kann Churchill durchaus für sich in Anspruch nehmen, ein Staatsmann zu sein.) Churchill — nicht Roosevelt oder dessen liberale Helfershelfer — hat versucht, Europa vor der kommunistischen Terrorherrschaft dadurch zu bewahren, daß er sich zum Fürsprecher einer Strategie machte, die die Russen aus Osteuropa her ausgehalten und verhindert hätte, daß man mit allen Opfern, die man in diesem Kriege gebracht hatte, nichts anderes bewirkte als die Ersetzung der einen totalitären Tyrannei durch die andere.

Präsident Wilson brach zusammen und starb, als es ihm nicht gelungen war, die Verbündeten der Vereinigten Staaten zu einem Frieden der Gerechtigkeit zu überreden und die Unterstützung des Völkerbundes durch den Kongreß zu erlangen. Letzteres hätte seiner Auffassung nach die Zugeständnisse wieder ausgeglichen, die er in Versailles der Gier, den Ängsten und dem Ehrgeiz der Sieger hatte machen müssen.

Präsident Roosevelt starb, ehe noch die Folgen seiner Abkehr von moralischen Grundsätzen in der Behandlung des besiegten Feindes und seiner Bereitwilligkeit, Prinzipien und höhere Interessen der Ausführung seines Großen Planes zu opfern, offenkundig wurden. Noch vor seinem Tode muß er aber begriffen haben, daß Stalin niemals daran denken werde, die Versprechun-

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gen zu honorieren, die er ihm um den Preis des Verrates an Polen und China und der Auslieferung Osteuropas abgewonnen hatte und die den Sowjetdiktator in die Lage versetzten, ganz Europa zu bedrohen und die Macht in China zu übernehmen.

Beide demokratischen Präsidenten sind Versager gewesen, doch Wilson hat für die Gerechtigkeit gekämpft, während Roosevelt sie aus opportunistischen Beweggründen hinopferte und die Zukunft der Welt für etwas verpfändete, was er selbst zugegebenermaßen als Spiel bezeichnete und für den Glauben an seine Fähigkeit, den Sowjetdiktator zu verzaubern.

Die Wirkung der Rooseveltschen Erfolge war verhängnisvoller als die der Wilsonschen Fehlschläge. Es erwies sich, daß die Vereinten Nationen von Anbeginn an ein weit schlimmerer Versager waren als Wilsons Völkerbund. Sie sind ja jetzt de facto bereits zugunsten des Atlantischen Bündnisses mit den Feinden der Sowjetunion aufgegeben worden.

Im Kontrast zwischen Wilsons Einstellung und Zielen und denen Roosevelts spiegelt sich die veränderte geistige Haltung der amerikanischen Liberalen. Während und nach dem Ersten Weltkrieg hatten sie sich zu Wortführern eines gerechten Friedens gemacht, hatten nationale und rassische Vorurteile verdammt und sich nach Kräften bemüht, die Einflüsse des Nationalismus und des im Kriege geborenen Hasses zwischen den Völkern zu bekämpfen. Während des Zweiten Weltkrieges und in der ihm folgenden Zeit hatten sich aber die sogenannten Liberalen und Fortschrittler an die Spitze jener Leute gestellt, die die Kreuzigung des deutschen Volkes in seiner Gesamtheit forderten.

Wurde die Demokratie des Westens durch den Einfluß von Totalitaristen geschwächt, die sich als Liberale tarnten oder von den Kommunisten korrumpiert worden waren, so haben auch die Kommunisten einen Teil ihrer Kraft verloren, als sie den Kommunismus seines ihm ursprünglich innewohnenden humanitären Gehaltes und seiner weltweiten Überzeugungskraft entkleideten.

Nur Ignoranten, Verblendete und einige wenige Egoisten mit gewaltigem Ehrgeiz und sehr wenig Talent glauben heute noch daran, daß der Kommunismus der Menschheit eine gerechtere Sozialordnung und eine höhere Form der Gleichheit zwischen Menschen, Nationen und Rassen zu bieten hat.

Der Unterschied in der Einstellung und der Politik der Kommunisten heute und vor zwanzig Jahren wird am besten durch ihr Verhalten gegenüber Deutschland beleuchtet. Hier tritt der

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Gegensatz zwischen vergangener und derzeitiger Haltung, zwischen laut verkündeten Idealen und der Praxis, wie sie nunmehr angewendet wird, am deutlichsten zu Tage.

Im Jahre 1917 proklamierte Lenin die Einheit der Arbeiter in aller Welt, er prangerte den Krieg als Auseinandersetzung zwischen den Imperialisten an, reichte dem deutschen Volke die Freundeshand und wies die nationalistischen Kriegsziele des zaristischen wie des Kerenski-Regimes weit von sich. Als er sie führte, waren die Kommunisten Internationalisten — in der Theorie wie in der Praxis. Sie waren dem deutschen Volk so wenig wie irgend einem anderen feindlich gesonnen, weil sie die Massen in jedem Lande als Opfer der kapitalistischen Tyrannei und des imperialistischen Machtstrebens betrachteten.

Ein Vierteljahrhundert später hatte Stalin, der auf den von Lenin gelegten Grundlagen aufbaute, jedoch eine gänzlich andere Konzeption von dem zu errichtenden Gebäude, hatte Rußland in einen national-sozialistischen Staat verwandelt und übte am ganzen deutschen Volk Rache dafür, daß es seinen eigenen nationalsozialistischen Führern und nicht denen Rußlands gefolgt war. Lenin hatte auf sämtliche territorialen Ansprüche der Zaren Verzicht geleistet, Stalin aber verlangte alles und noch viel mehr von dem, was diese jemals in Europa und Asien zu erlangen geträumt hatten.

Da die Degeneration des Kommunismus wie der Demokratie auf parallelen Linien verlaufen war, war es nur zu natürlich, daß die Westmächte und Sowjetrußland nur in einem einig waren : der Rache an ihren besiegten Feinden. Da der Kommunismus ein Synonym für die Interessen der Beherrscher Rußlands geworden und die Demokratie dem schleichenden Gift des Völkerhasses erlegen war, taten sich die Sieger des Zweiten Weltkrieges zusammen, um die Deutschen auszuplündern und zu versklaven.

Haß ist eine mächtige Waffe in den Händen der Kommunisten, doch er raubt den Feinden der Tyrannei die Kraft. Uns wurden die Hände gebunden, als wir ein enges Bündnis mit den Tyrannen schlossen, die nur deswegen mit Hitler aneinandergerieten, weil dieser sich weigerte, gemeinsame Sache mit den russischen Nationalsozialisten zu machen.

Der Kommunismus hat seinen liberalen Inhalt eingebüßt, der ihm einst moralische Stärke verlieh, doch die Anziehungskraft, die er ausstrahlt, ist auch durch seine Unmenschlichkeiten und seine geistige Verrottung unter der Diktatur Stalins noch nicht

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abgestorben. Stalin war ein klügerer Mann als Hitler, der Machiavellis Vorschrift mißachtete, daß ein Tyrann, um Erfolg zu haben, entweder alle seine Feinde töten oder diese sich zu Freunden machen müsse. Die Zahl derjenigen, die sowjetischen Konzentrationslagern zu entrinnen vermochten, ist verschwindend gering, doch viele Juden und Demokraten, die entweder selbst in Hitlers Gefängnissen geschmachtet oder Freunde und Verwandte in ihnen wußten, erhielten die Erlaubnis, ins Ausland zu gehen, wo sie der Welt von den Greueln der Nationalsozialisten berichten konnten.

Hitler war bei der Austilgung seiner Feinde nicht ganz so rücksichtslos und erfolgreich wie Stalin und daher sind die von der Sowjetregierung begangenen Grausamkeiten weit weniger bekannt als die Verbrechen der Nationalsozialisten. Dies ist der einzige Grund dafür, daß die Erinnerung an die einmal vorhanden gewesenen humanitären und internationalen Bestrebungen des Kommunismus noch immer einen Widerhall in den Herzen von Idealisten weckt, die das stalinistische Rußland nicht kennen und sich weigern, etwas darüber zu lernen. Seine stärkste Anziehungskraft übt der Kommunismus unserer Tage jedoch auf die irrationalsten und zerstörerischsten Kräfte aus, die von jeher der menschlichen Natur innewohnen. Indem die Kommunisten auf der Klaviatur unserer Haßinstinkte und Leidenschaften spielen, nähren und schüren sie Klassen-, Rassen- und Völkerhaß und zwingen uns damit, gegen unsere ureigensten Interessen und die Sache der Freiheit zu handeln. Seitdem der Krieg zu Ende ging, haben sie viel Erfolg bei der Propagierung ihrer Auffassung gehabt, daß Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Nächstenliebe und Wohlwollen auf Sympathien mit den Faschisten hindeuten.

Als ich vor Jahren in der Sowjetunion lebte, wurde mir zum erstenmal die Einstellung der Kommunisten zum Begriff Menschlichkeit offenbar, als ich in Sebastopol die Zeilen unter dem Bild eines russischen Generals las, der im Krimkrieg die Truppen des Zaren geführt hatte : "General X war einer der gefährlichsten Feinde der Arbeiterklasse, denn er versuchte dadurch, daß er seine Soldaten anständig behandelte, deren Klassenbewußtsein einzuschläfern."

Es ist das klar ausgesprochene Ziel der Kommunisten, die Voraussetzungen für Chaos und Elend aufrechtzuerhalten oder erst zu schaffen, die allein es ihnen erlauben, die Macht an sich zu reißen. Daher war es nur zu natürlich, daß sie sich nicht nur dem

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Marshall-Plan widersetzten, sondern auch ihren ganzen Einfluß ausüben, die alten Haßgefühle und den alten Groll noch zu verstärken, der ihre Feinde uneins macht.

Die besten und klügsten Juden können von dem Appell der Kommunisten an ihr nur zu natürliches, aber vernunftwidriges Streben nach Vergeltung an allen Deutschen für die Untaten der Nationalsozialisten verführt werden. Unter den schärfsten Gegnern der Kommunisten findet man viele intelligente und freiheitlich denkende Juden; sie haben das kommunistische Konzept der Kollektivschuld und der unterschiedslosen Bestrafung von Unschuldigen und Schuldigen weit von sich gewiesen. Da sie aber Menschen aus Fleisch und Blut sind, sind manche Juden Wachs in den Händen der Kommunisten, die ihre Rachegefühle aufstacheln, um Europa besser für die sowjetische Eroberung reif machen zu können.

Mit ebenso viel Erfolg haben sich die Kommunisten der Haßgefühle der Polen, der Tschechen und anderer Völker bedient, die unter dem Joch der Deutschen geschmachtet haben. Sie haben sich dieser Leidenschaften bedient, um die befreiten Völker Stalin zu überantworten. Auf diese Weise wurden die Tscheschen, die drei Millionen Sudetendeutsche ihrer Habe beraubten und sie aus dem Lande jagten, in ihrem eigenen Land selbst Knechte der Sowjetführer.

Beschränkte sich der Einfluß der Kommunisten heutzutage auf diejenigen, die noch immer glauben, daß die Sowjetunion eine friedliebende Demokratie sei, so wäre er bedeutungslos. Es ist aber so, daß die Kommunisten, ihre Mitläufer und die von ihnen Getäuschten sich geschickt unserer irrationalen und zerstörerischen Instinkte bedienen und damit die Demokratie schwächen.

Die Männer im Kreml sind in der beneidenswerten Lage, beide Hände für die Zerstörung der freien Welt freizuhaben. Sie können dem deutschen Volk die Gelegenheit bieten, sich mit Hilfe eines Bündnisses mit der Sowjetunion am Westen zu rächen. Sie spannten den deutschen Nationalismus vor ihren Wagen und gaben ehemaligen hochgestellten Nationalsozialisten wichtige und hochbezahlte Posten in den Polizeistreitkräften, die de facto eine Armee sind, sowie in den kommunistischen Universitäten und Verwaltungsbehörden der Sowjetzone. Die Schalmeienklänge der Sowjetrussen sollen in Deutschland vor allem die ehemaligen Nationalsozialisten betören, die in den Reihen ihrer ideologischen Brüder in der kommunistischen Partei höchst willkommen sind.

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Gleichzeitig wiesen die Führer der kommunistischen Internationale ihre Gefolgsleute in den anderen Ländern an, eine Politik zu treiben, die die Deutschen, die darüber verzweifelt waren, daß die westlichen Besatzungsmächte ihnen nicht gestatteten, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, zu einem Bündnis mit der Sowjetunion veranlassen sollten.

Dieses Doppelspiel wäre allzu offenkundig, um erfolgreich zu sein, gäbe es nicht die einflußreichen Schriftsteller, Rundfunkkommentatoren, Professoren und andere Macher der öffentlichen Meinung, die sich von den Kommunisten gängeln lassen — entweder weil sie Dummköpfe oder Ehrgeizlinge sind oder wegen des Geschickes, mit dem die Kommunisten den Völker- und Rassenhaß hochspielen und damit die im letzten Krieg aufgeflammten Leidenschaften am Leben erhalten. Das amerikanische Volk hätte schon längst die selbstzerstörerische Natur der amerikanischen Deutschlandpolitik begriffen, wenn es nicht von den kommunistischen Mitläufern beeinflußt worden wäre. Dieser Einfluß tat sich auf mannigfache und subtile Weise kund : in Zeitungen, Zeitschriften und Büchern, in populären Vorträgen und den Vorlesungen von Universitätsprofessoren, unter Senatoren, Kongreßabgeordneten und Geschäftsleuten, die sich davor fürchteten, als Rotenhasser verleumdet zu werden, jenes Stigma, das all denen aufgedrückt wird, denen die kommunistische Definition für die Worte Liberalismus und Fortschritt fragwürdig erscheint.

Den Kommunisten und ihren Anhängern ist es gelungen, viele Amerikaner davon zu überzeugen, daß Gerechtigkeit und Barmherzigkeit reaktionär sind und Beweise der Sympathie mit den Geschlagenen auf faschistische Neigungen hindeuten. Sie haben es beinahe fertiggebracht, der Mehrheit der Amerikaner einzureden, daß Rache an den Besiegten, auch wenn man damit dem amerikanischen Steuerzahler eine erdrückende Last aufbürdet, der einzige Weg sei, den Frieden zu sichern.

Der kommunistische Einfluß, der sich in der Roosevelt-Ära so stark bemerkbar machte, ist weithin für die Art verantwortlich zu machen, mit der wir Deutschland behandelten und für unsere noch krassere Wiederholung der Fehler, die Frankreich und England nach dem Ersten Weltkrieg machten. Dieser Einfluß ist noch keineswegs verschwunden, obwohl das amerikanische Volk sich der daraus entspringenden Gefahren immer stärker bewußt wird.

Französische Einflüsse gesellten sich zu den kommunistischen, um dem amerikanischen Volk klarzumachen, daß Deutschland

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entwaffnet, ohne Freiheit und hinreichende Industriekapazität bleiben müsse, was seinen Fortbestand einzig und allein von Amerikas Gnaden gesichert hätte. Eine solche Politik hätte möglicherweise den Erfolg gehabt, daß die Deutschen der Sowjetunion in die Arme getrieben worden wären.

Wir haben nicht nur — und das zum zweiten Male — dem deutschen Volk eine Reparationslast aufgebürdet, die es erdrücken mußte. Wir haben diesmal das bereits übervölkerte Deutschland jener Gebiete beraubt, ohne das es seine Bevölkerung nicht ernähren konnte und wir haben ihm jene Industrien weggenommen, die die Exportgüter produzieren, aus deren Erlös anderswo nicht erhältliche Lebensmittel gekauft werden konnten. Nicht genug damit, daß wir Rußland zum Herrn Ostdeutschlands gemacht haben, das zuvor Westdeutschland mit Nahrungsmitteln versorgte, haben wir auch unsere Zustimmung zur Austreibung von zwölf Millionen Deutschen aus Schlesien — das wir Polen überließen —, aus dem Sudetenland — in dem die Deutschen seit Jahrhunderten ansässig waren — und aus Jugoslawien sowie anderen osteuropäischen Ländern mit Minderheiten deutscher Abstammung gegeben.

Sollte je einmal die Geschichte unserer Zeit von Gelehrten geschrieben werden, die von nationalen Vorurteilen frei sind, so werden die von den Siegern des Zweiten Weltkrieges begangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gleichwertig den von den Nationalsozialisten begangenen erscheinen. Ein objektiver Beobachter der Verbrechen, Narreteien und Grausamkeiten der Menschheit dürfte kaum leugnen, daß die Enteignung und Vertreibung von Millionen, deren einziges Verbrechen es war, Deutsche zu sein, eine Grausamkeit war, die der Austilgung der Juden und der nationalsozialistischen Polen- und Russenmassaker ebenbürtig ist. Die Frauen und Kinder, die auf dem endlosen Treck aus Schlesien und dem Sudetenland in das Gebiet, das vom Deutschen Reich noch übrigblieb, verhungert oder erfroren sind, mögen sicherlich gedacht haben, daß ein vergleichsweise schneller Tod in einer Gaskammer da noch barmherziger gewesen wäre.

Dieser künftige Historiker wird, wenn er die Bilanz zwischen den Verbrechen der Nationalsozialisten und denen ihrer Bezwinger zieht, auch nicht versäumen, den Demokratien jene Entscheidung zur Last zu legen, die unsere Armeen an der Elbe stoppte, um der Roten Armee zu erlauben, Berlin zu plündern und zu vergewaltigen.

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Wenn Nachahmung die aufrichtigste Form der Schmeichelei ist, dann hat niemand den Nationalsozialisten ein höheres Kompliment gezollt als ihre Besieger. Statt nach den demokratischen Grundsätzen zu handeln, für deren Rettung wir in den Krieg gezogen waren, haben wir die Atlantik-Charta zerrissen und mit unserer Verleugnung der Prinzipien des Völkerrechtes die Nationalsozialisten kopiert.

Statt unseren Glauben an die christlichen und liberalen Grundsätze zu demonstrieren, der Amerika zur stärksten Macht der Erde gemacht hat, haben wir der Doktrin der Nationalsozialisten zugestimmt, daß Macht Recht setzt. Statt den Deutschen zu beweisen, daß Hitlers Rassentheorien falsch und lächerlich zugleich waren, haben wir selbst die Rolle eines Herrenvolkes gespielt. Statt dem Gesetz Gültigkeit zu verschaffen, nach dem Einzelne nur für die Verbrechen bestraft werden können, die sie selbst begangen haben und das auch erst, nachdem ihre Schuld einwandfrei nachgewiesen wurde, haben wir die gesamte deutsche Nation für Hitlers Verbrechen in Acht und Bann getan.

Wir haben den frierenden und hungernden Deutschen in ihren, von unseren Bombenangriffen in Grund und Boden gestampften Städten bedeutet, daß sie weder Gerechtigkeit noch Gnade zu erwarten hätten, daß wir ihnen aber, obwohl wir ihnen zur Strafe für die Verbrechen der Nationalsozialisten das Recht der freien Wahl entzogen, doch beibringen würden, die Demokratie zu lieben.

Statt anzuerkennen, daß ihre bedingungslose Kapitulation uns die moralische und rechtliche Verpflichtung auferlegte, dem deutschen Volk eine gerechte Behandlung zuteil werden zu lassen, haben wir genau das Gegenteil davon getan. Wir haben in Nürnberg verkündet, daß wir uns nicht mehr länger durch die Haager und Genfer Vereinbarungen gebunden fühlten, weil Deutschland bedingungslos kapituliert habe, daß wir aber alle Deutschen dafür bestrafen würden, weil sie gleichermaßen das Völkerrecht mißachteten, als sie die Sieger waren.

Die ursprünglich den amerikanischen Besatzungstruppen erteilten Weisungen befahlen ihnen, nichts zu tun, um die deutsche Wirtschaft wieder auf die Beine zu stellen, sie bestritten jegliche Verantwortung, die Besiegten ernähren zu müssen, obwohl wir während des Krieges darauf bestanden hatten, daß die Deutschen genug Lebensmittel für die Bevölkerung der von ihnen eroberten Länder aufzubringen hatten — so unmöglich dies wegen der von

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uns ausgeübten Blockade auch war. In Potsdam kam man auch überein, daß die Sieger berechtigt waren, Reparationen in der Form von Zwangsarbeit zu erheben — eine Bestimmung, die die Russen bis zum äußersten ausnutzten. Sie haben Millionen von Kriegsgefangenen als Sklavenarbeiter zurückgehalten und in der von ihnen beherrschten Zone Männer und Frauen gezwungen, in Arbeitskommandos und in Konzentrationslagern für sie zu schuften.

Den Soldaten der Vereinigten Staaten wurde gesagt, daß sie Deutschland nicht als Befreier, sondern als Eroberer betraten. Die der Besatzungsarmee übertragene Aufgabe wurde als eine Aufgabe rein negativer Art begriffen. Sie bedeutete Entmilitarisierung, Entnazifizierung, Dezentralisierung und Entindustrialisierung. Nicht das Geringste wurde dafür getan, den Deutschen den Glauben einzuimpfen, daß der Sieg der Demokratien ihnen Freiheit, Hoffnung oder Gerechtigkeit bringen werde. Stattdessen fuhren wir damit fort, den Deutschen beizubringen, daß ihr toter Führer im Recht gewesen war, als er sagte, daß Deutschland untergehen werde, falls es nicht Sieger bleibe. Wehe den Besiegten war unser Wahlspruch, wie er der Hitlers gewesen war.

Noch drei Jahre nach ihrer bedingungslosen Kapitulation teilten wir den Deutschen Lebensmittelrationen zu, die kaum oder nicht größer waren als die in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten. Alle Deutschen, auch diejenigen, die Hitlers Kerkern entronnen waren, mußten hungern und wurden gedemütigt.

Den Deutschen wurde unter Androhung von Gefängnisstrafen untersagt, Kritik an der Sowjetunion zu üben oder sich über die unmenschliche Behandlung derer zu beschweren, die wir dem kommunistischen Terror ausgeliefert hatten. Amerikanische und deutsche Kommunisten sowie deren Helfershelfer erhielten einflußreiche Stellungen in der Militärregierung, in den deutschen Staats- und Kommunalverwaltungen, in den Spruchkammern sowie als Zeitungsherausgeber und in den Rundfunkanstalten. Wir taten alles, was wir konnten, um die Deutschen davon zu überzeugen, daß wir keinerlei Einwendung gegen die Lehren und Praktiken des Totalitarismus hatten, so lange diese den Interessen der Sowjetrussen statt dem deutschen Nationalismus dienten.

Wir machten nicht nur aus unserem Bekenntnis zur Demokratie einen üblen Scherz, indem wir amerikanischen und deutschen

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Kommunisten einen derart großen Einfluß einräumten, wir lehrten auch die amerikanische Jugend, den Prinzipien abzuschwören, für die wir, wie man dem amerikanischen Volk erzählt hatte, in den Kampf gezogen waren.

Die nach Deutschland befohlenen amerikanischen Soldaten wurde der Haß gelehrt und ihnen beigebracht, keine Gnade und kein Mitleid im Umgang mit den bitterbösen Deutschen walten zu lassen — ganz genau so wie die jungen Nationalsozialisten gelehrt wurde, die Juden zu hassen und zu verabscheuen. Der Morgenthau-Plan, dem Präsident Roosevelt während der Quebec-Konferenz zugestimmt hatte, war die Grundlage für den berüchtigten Befehl JCS 1067, in dem die Ausführungsbestimmungen für unsere ursprüngliche Besatzungspolitik niedergelegt waren. Dieser Morgenthau-Plan zur Umwandlung Deutschlands in ein Land der Äcker und Weiden wäre, hätte man ihn ausgeführt, der schlimmste Akt des Völkermordes in neuerer Zeit gewesen. Man hätte den Deutschen fast ihre gesamte Industrie geraubt; da der Grund und Boden des Landes lediglich imstande war, die derzeitige landwirtschaftliche Bevölkerung zu ernähren, wären mindestens 30 Millionen Deutsche verhungert.

Die Menschlichkeit, die ein Grundzug des amerikanischen Volkes ist, verhinderte, daß dieser niederträchtige Plan ausgeführt wurde. Unglückseligerweise blieb aber der Befehl JCS 1067 bis 1947 Grundlage für unsere Besatzungspolitik. Gemäß diesem im April 1945 General Eisenhower erteilten Armeebefehl durfte nichts unternommen werden, was geeignet war, die Wirtschaft Deutschlands wiederherzustellen oder diese zu stärken. Die Militärregierung erhielt die ausdrückliche Anweisung, die Produktion einer langen und umfassenden Liste von Industriebetrieben zu untersagen und zu verhindern.

Der Lebensmittelverbrauch der deutschen Bevölkerung sollte auf ein Minimum hinabgedrückt werden, alle vorhandenen Überschüsse waren den Besatzungstruppen und den DPs zu überlassen. Ohne jede Rücksicht darauf, daß ein Deutschland, das seiner Kornkammern im Osten durch die russische Besetzung und die Auslieferung Schlesiens an Polen beraubt war, keinerlei Möglichkeit besaß, seine Bevölkerung zu ernähren, und sei es nur mit Hungerrationen, wurden die Rationen so niedrig angesetzt, daß die Nettoüberschüsse für den Unterhalt der Besatzungstruppen und der DPs sowie für den Export verwendet werden konnten.

Der Armeebefehl JCS 1067 stellte ausdrücklich fest, daß

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Deutschland nicht besetzt wird, um befreit zu werden, sondern als Staatsgebiet einer besiegten feindlichen Nation. Ferner wurde darin festgesetzt, daß Reparationen und Wiedergutmachungen eingetrieben werden konnten und daß den Besiegten eine politische Betätigung untersagt war. Jede Fraternisierung mit dem Feind war strengstens verboten. Wir waren grimmig entschlossen, in unserer eigenen Behandlung der Besiegten die Nationalsozialisten bei weitem zu übertreffen.

Den amerikanischen Soldaten wurden Strafen angedroht, falls sie sich als Amerikaner benahmen und die Notleidenden und Hilflosen unterstutzten. Freundlichkeit, selbst gegenüber deutschen Kindern, galt als strafwürdiges Vergehen. Den GIs war es untersagt, ein wenig Speise von ihren vollen Tellern den Verhungernden zu geben, die Messe-Unteroffiziere waren angewiesen, Speisereste in die Mülltonnen zu werfen, aber sie auf keinen Fall den Deutschen zu überlassen. Nicht einmal der Kaffeesatz durfte an Deutsche weggegeben werden.

Nicht nur wurde jegliche Form von Mildtätigkeit verboten und Mitleid als unamerikanische Regung betrachtet : Soldaten und Offiziere wurden zwar nicht ausdrücklich zum Plündern ermuntert, sie wurden aber in keiner Weise davon abgehalten, die gleichen Ausschreitungen zu begehen wie Russen und Franzosen. Zu dieser Zeit war das Wort befreien im Soldatenslang gleichbedeutend mit stehlen.

Da jede Armee unvermeidlich einen bestimmten Prozentsatz von Verbrechern und kriminellen Elementen in ihren Reihen hat, werden in einem besetzten feindlichen Land stets Plünderungen und brutale Mißhandlungen der Zivilbevölkerung vorkommen. Die Instruktionen jedoch, die Washington der US-Armee erteilte, ermunterten die zügellose und brutale Minderheit noch, bestraften aber die anständige, rechtlich denkende und menschlich fühlende Mehrheit.

Es ist dem amerikanischen Volke nachzurühmen, daß viele amerikanische Soldaten trotz der Roosevelt-Morgenthau-Direktiven, die General Eisenhower ohne Protest befolgte, darauf bestanden, sich wie Christenmenschen zu benehmen. Viele von ihnen halfen den hungernden und wehrlosen Deutschen trotz aller Verbote. Andere wurden dazu durch jene Impulse getrieben, die zu jeglicher Zeit die Schranken zwischen Siegern und Besiegten zertrümmert haben.

Die amerikanischen Besatzungssoldaten durften sich als Söhne

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des Himmels fühlen, aber gleich den Engeln sahen sie die Töchter dieser Erde und siehe da, diese waren schön. Es war unmöglich, die GIs dazu anzuhalten, heimwehkrank und kriegsüberdrüssig wie sie waren, den Geboten der Rache so weit zu folgen, daß sie sich jeglicher Hinneigung zu hungernden, aber hübschen deutschen Frauen enthielten oder sich weigerten, hungerblassen deutschen Kindern Süßigkeiten zuzustecken. Weder die Anordnungen der Armee noch die Haßpropaganda der amerikanischen Presse vermochten sie davon abzuhalten, deutsche Frauen liebzugewinnen und sich mit ihnen zu verbinden; diese Frauen, die der Hunger dazu trieb, sich zu prostituieren, bewahrten sich trotzdem ihren angeborenen Anstand und gewannen sich, indem sie Freundlichkeit mit Zuneigung und Treue beantworteten, oft die Liebe der GIs, die anfangs nur darauf ausgewesen waren, die Freuden zu genießen, die der Krieg den Siegern gewährt.

Dank der natürlichen Freundlichkeit der Amerikaner, dem Gebot der menschlichen Natur und der den deutschen Frauen innewohnenden Werte wurden die unmenschlichen und völlig unrealistischen Anweisungen Washingtons von Anfang an viel öfter durchbrochen als befolgt.

Da es völlig vergeblich war, Amerikanern zu befehlen, sich wie Nazis, Kommunisten oder Roboter zu benehmen, mußte der Befehl, nicht zu fraternisieren, schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt aufgehoben werden.

Mittlerweile hatte man auch in Amerika begriffen, wie völlig absurd der Morgenthau-Plan war und welch hohen Preis man für die Vergeltung zu zahlen hatte.

Es waren nicht nur keinerlei Überschüsse erzielt worden, Westdeutschland mußte im Gegenteil mit amerikanischen Lebensmitteln versorgt werden, um Krankheiten und Unruhen zu verhindern, die den Besatzungstruppen gefährlich werden konnten.

Die Amerikaner waren eben nicht hinreichend durchdrungen von den totalitären Vorstellungen einer Kollektivstrafe für Unschuldige und Schuldige gleichermaßen, um fähig zu sein, Millionen von Menschen zum Hungertode zu verdammen. Das wäre auch dann nicht der Fall, wenn ein solches Verfahren für die Besatzungstruppen ungefährlich gewesen wäre. Diese menschliche Haltung wurde stärker, als man begriff, welche Gefahren den Besatzungstruppen drohten. Ansteckungskeime nehmen keinerlei Rücksicht auf Rassenschranken oder solche, die sich zwischen guten und bösen Nationen aufrichten, man begriff, daß ein ver-

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hungerndes Volk einen schnellen Tod in einem Aufstand gegen seine Bezwinger einem langsam einherschleichenden vorzuziehen imstande war. Deswegen wurden die amerikanischen Steuerzahler dazu aufgerufen, gerade genug Nahrungsmittel herbeizuschaffen, damit die Deutschen am Leben und unterwürfig blieben und damit keine Epidemien ausbrachen. Nach und nach verminderte sich auch der Einfluß jener sogenannten Liberalen und New-Dealer, die die Theorie verfochten, daß wir die Kommunisten lieben und die Deutschen hassen sollten.

Der ursprüngliche Plan für die amerikanische Besatzungspolitik war zu einer Zeit entworfen worden, als die Propaganda viele Amerikaner überredet hatte, daß die Sowjetunion eine friedliebende Macht und ein Beispiel für eine neue und bessere Lebensform der Demokratie sei und daß Stalin zu seinen Versprechungen stehen werde.

Als es sich immer deutlicher zeigte, daß die Sowjetregierung unwiderruflich der Feind der westlichen Demokratien war und ebenso wenig beabsichtigte, die mit uns geschlossenen Verträge zu halten wie sie das mit den zuvor mit ihren europäischen Nachbarn geschlossenen getan hatte, wurden auch die erklärten Freunde der Sowjetunion nachdenklich. Diejenigen unter ihnen, die keine Kommunisten waren, mußten zugeben, daß die Annahmen, auf denen die Politik der USA seit 1941 beruhte, aller Wahrscheinlichkeit nach falsch waren. In dem gleichen Maße, als die Bedrohung durch die Sowjets wuchs, schwand die Auffassung, daß die Deutschen die Wurzel allen Übels seien. Als es sich immer deutlicher zeigte, daß die Sowjetunion die gesamte Welt bedrohte, sah man ein, daß das, was von Europa übriggeblieben war, gegen Rußland verteidigt werden mußte — sogar, wenn man dann dem deutschen Volke seinen Irrtum verzeihen mußte, den nationalsozialistischen Führern gefolgt zu sein, und sogar für den Preis, dieses Volk in die Gemeinschaft der freien Nationen des Westens aufzunehmen.

Die Einsicht, wie furchtbar der Kommunismus jetzt die gesamte Erde bedroht, verbunden mit der Einsicht der amerikanischen Steuerzahler, daß der Preis für die Vergeltung zu hoch sei, zwangen uns, unsere Deutschlandpolitik zu ändern. An die Stelle des Morgenthau-Planes, der Deutschland in Ketten und Europa in Lumpen gehüllt lassen wollte, trat der Marshall-Plan für den Wiederaufbau Europas, der auch Deutschland amerikanische Unterstützung gewährte.

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Die Notwendigkeit einer völligen Abkehr von den totalitären Konzeptionen, die ursprünglich unserer Besatzungspolitik zugrunde lagen, wurde aber auch zu dieser Zeit noch nicht ganz erkannt.

Schon bald, nachdem ich 1948 in Deutschland eintraf, wurde mir klar, daß die zu Hause gehegte Annahme, der Marshall-Plan habe den Morgenthau-Plan völlig entthront, eine Täuschung war. Die amerikanische Politik hatte eine Wandlung erfahren, sie war im Vergleich zu den ersten Jahren der Besetzung menschlicher und klüger geworden, doch das grundlegende Muster war dasselbe geblieben.

Die Anhänger des Morgenthau-Planes dirigierten zwar nicht mehr die Politik der amerikanischen Besatzer, doch beeinflußten sie sie noch immer und waren auf wichtigen Posten der Militärregierung zu finden. Den Kommunisten und ihren Nachläufern wurde nicht mehr länger gestattet, führende Positionen in Deutschland innezuhaben, sie konnten sich aber noch immer des Beistandes unserer sogenannten Liberalen bedienen, denen man eingeredet hatte, daß ein Eintreten für eine menschenwürdige und aufbauende Politik in Deutschland ein Zeichen für reaktionäre Sympathien sei.

Der schwindende Einfluß der Kommunisten wurde ausgeglichen durch die starre Haltung der Franzosen und den Wunsch der Briten, sich der deutschen Konkurrenz auf dem Weltmarkt ein für allemal zu entledigen. Daher wurden die Demontagen und andere Maßnahmen, die Deutschland kraftlos machen, Europa schwächen, Amerika immer schwerere Lasten aufbürden und damit den Kommunisten den Weg zur Weltherrschaft bahnen müssen, noch weitergeführt.

Dieses Buch erhebt nicht den Anspruch, alle Aspekte des deutschen Problems zu behandeln. Es zielt lediglich darauf ab, dem amerikanischen Volk vor Augen zu führen, was die Vergeltung jetzt und in Zukunft kostet. Diese Kosten sind nicht allein in wirtschaftlichen Begriffen darzustellen. Die moralischen, politischen und militärischen Folgen, die sich einstellen, wenn man den Deutschen nicht allein die Freiheit, sondern auch das Recht auf Selbsterhaltung und Selbstverteidigung verweigert, könnten zur Vernichtung der westlichen Zivilisation führen, falls Amerika nicht rechtzeitig die Notwendigkeit begreift, Europa mit den Grundsätzen zu erfüllen, die es selbst groß gemacht haben.

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