Kapitel II

Der Geist Berlins

Das Berlin vom Sommer und Herbst 1948 erinnerte mich an das Schanghai von vor zehn Jahren. Damals in China wie heute in Deutschland lebten die Amerikaner, Briten und Franzosen sicher und behaglich, während die Eingeborenen gegen einen Feind ihr Leben aufs Spiel setzten, der sich darauf vorbereitete, uns anzugreifen, sobald die Zeit dafür reif war. Seit einem Jahrzehnt hatten sich die Vereinigten Staaten und Großbritannien bemüht, gute Beziehungen zu den japanischen Aggressoren aufrechtzuerhalten — trotz des Blutbades in Nanking und anderer Verbrechen gegen die Menschlichkeit, obwohl Japan die westlichen Interessen in China mißachtete, trotz der zahllosen Beleidigungen und feindseligen Handlungen wie der Blockade der britischen Konzession in Tientsin und der Bombardierung des amerikanischen Flußkanonenbootes PANAY. In Deutschland versuchten wir, zu einer Verständigung mit der Sowjetregierung zu gelangen — trotz der Blockade Berlins und obwohl Moskau offen seine bitterste Feindschaft gegen die westlichen kapitalistisch-imperialistischen Mächte verkündete.

In den ersten Jahren des chinesisch-japanischen Krieges, als ich als Zeitungskorrespondentin in China lebte, behandelten die Amerikaner und Engländer, während sie versuchten, ihre eigenen Interessen durch Zugeständnisse an Japan und die Preisgabe Chinas zu retten, die Japaner mit viel mehr Respekt als die Chinesen, die schließlich unsere Schlachten ebenso schlugen wie die eigenen. Während des Kalten Krieges in Europa unternahmen wir alles, um die Russen nicht zu provozieren; wir ersuchten Stalin, in Moskau unsere Botschafter zu empfangen, um mit ihnen über die Berlin-Krise zu sprechen; wir setzten uns damit über die Interessen des deutschen Volkes hinweg, wie wir das zehn Jahre zuvor in China getan hatten. Ebenso, wie wir damals den japanischen Militaristen die Freundschaftshand geboten hatten, falls sie nur davon Abstand nehmen wollten, unsere Interessen zu schädigen, versicherten wir nun dem Sowjetdiktator, daß wir wiederum bereitwillig mit ihm zusammenarbeiten wollten, falls er seine Forderungen in vernünftigen Grenzen hielt. Wir machten noch immer das gesamte deutsche Volk für Hitlers Verbrechen verantwortlich, waren aber gleichzeitig willens, Stalin seine Ver-

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brechen zu vergeben und zu vergessen, wenn er nur nicht uns und unsere Freunde angriff. Wir verdammten die Deutschen, weil sie sich der Diktatur der Nationalsozialisten gefügt hatten, waren aber immer wieder nur allzu bereit, unsere im Krieg geborene Zusammenarbeit mit den russischen Nationalsozialisten zu erneuern.

Wir behandelten die Vertreter des Sowjetdiktators mit größter Zuvorkommenheit und beschworen Stalin, eine Einigung mit uns herbeizuführen, die es uns erlaubte, ihn in die Arme zu schließen. Wir fuhren jedoch damit fort, die demokratischen Führer der Bevölkerung Berlins als weit unter uns Stehende zu behandeln, die nicht würdig waren, sich mit uns gemeinsam an den Verhandlungstisch zu setzen und auf dem Boden der Gleichberechtigung mit uns über unsere gemeinsame Verteidigung zu sprechen. General Clay und sein Stab, die zuvor keine Skrupel gehabt hatten, die militärischen Repräsentanten der blutigen Tyrannei Stalins zu bewirten und sich von diesen bewirten zu lassen, kamen mit den gewählten Vertretern der Berliner Bevölkerung nie anders zusammen denn als Herren, die ihren Untergebenen Befehle erteilten. Es ist zwar richtig, daß man sich gegenüber dem Berliner Bürgermeister und den Mitgliedern des Berliner Stadtparlamentes etwas höflicher benommen hat, man war aber keineswegs geneigt, sie als Freunde zu behandeln.

In Schanghai gab es die Internationale und die Französische Konzession, wo die Weißen, geschützt von ihren eigenen Soldaten und der Machtfülle ihrer Regierungen, in Sicherheit lebten und sich all der Bequemlichkeiten und materiellen Vergünstigungen erfreuten, die einer Herrenrasse zu Gebote standen. Die Masse der chinesischen Bevölkerung aber kämpfte, arbeitete und hungerte in der Chinesenstadt. Die Japaner besaßen eine eigene Konzession, die sie als Sprungbrett für ihren Angriff auf China benutzten, genau so wie die Russen ihren Sektor in Berlin hatten, von dem aus sie ihre Angriffe ansetzen konnten.

In Berlin gab es keine Eingeborenenstadt; das gesamte Stadtgebiet war unter den vier Herrenvölkern aufgeteilt; diese erfreuten sich besonderer Privilegien, die denen vergleichbar waren, die die Westmächte und Japan als Folge der ungleichen Verträge und ihrer exterritorialen Rechte in China besaßen. Wir, die Westmächte, hatten uns unsere bevorzugte Stellung in China durch Eroberungskriege und Drohungen gewonnen; die Deutschen, die wir nun gleich den minderwertigen Völker Asiens behandelten,

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waren in diese Situation geraten, weil ihr eigener Angriffskrieg in der Niederlage geendet hatte.

Die Zustände in Berlin glichen so sehr denen, die ich in Schanghai in den zwanziger und dreißiger Jahren kennengelernt hatte, daß ich mich ständig dabei ertappte, unwillkürlich von der britischen, amerikanischen, französischen und russischen Konzession zu sprechen. Die Deutschen, die von der amerikanischen Militärregierung gemeinhin als eingeborene Bevölkerung bezeichnet wurden, lebten in den gleichen jämmerlichen Behausungen, waren so kümmerlich ernährt und so recht- und verteidigungslos wie die Masse der chinesischen Bevölkerung; die Eroberer erschienen ebenso gefühllos gegenüber den Leiden der Deutschen zu sein wie das die Weißen gegenüber den Eingeborenen Indiens und Chinas in den schlimmen Zeiten gewesen waren, als der westliche Imperialismus auf der Höhe seiner Macht gestanden hatte. Der ständige Anblick von Armut und Hunger und der Glauben an unsere eigene moralische Überlegenheit hatte unser Gewissen abgestumpft.

In China hatten die Vertreter des Westens beträchtlich mehr Sympathien für die armselig bewaffneten Chinesen bekundet, die den Japanern Widerstand zu leisten versuchten, als die Mehrzahl der Amerikaner und Briten in Berlin gegenüber den Deutschen, und das, während ein Teil ihres Landes mit unserem Einverständnis bereits von den Sowjetrussen geknechtet wurde. Damals wie heute wünschten wir mit den Aggressoren ins Geschäft zu kommen, doch haben wir zumindest mit den Chinesen sympathisiert und sie in ihrem Kampf ermuntert. Da die Chinesen nicht einer uns feindlich gesinnten Nation angehörten, war es in Ordnung, sie zu bedauern und Geld zu ihrer Unterstützung zu sammeln. Andererseits waren die Chinesen keine Weißen und daher erschien Washington wie London die japanische Aggression gegen China bei weitem nicht so verrucht wie der deutsche Angriff auf Europa.

Als ich 1938 aus China in die USA kam, bemerkte ich, daß man dort viel erboster über den Überfall auf die Tschechoslowakei war als über die Eroberung eines Teiles von China durch die Japaner, denen dies dank des amerikanischen und britischen Kriegsmaterials gelang, das sie im großen Umfang von uns kaufen durften.

Sun Yat Sen hat das China des 19. und frühen 20. Jahrhunderts als Halbkolonie bezeichnet, was besagen sollte, daß dieses Land

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noch schlimmer daran war als eine Kolonie. Alle Westmächte beuteten im Bündnis mit Rußland und Japan China aus und unterdrückten es, aber keiner dieser Staaten trug die Verantwortung für die Verteidigung des Landes. Jetzt schien es mir, als sei Deutschland in etwa der gleichen Lage. Seine Besieger lagen zwar miteinander im Streit, hielten aber im trauten Verein Deutschland nieder. Seine Bevölkerung, der alle Möglichkeiten zur Selbstverteidigung geraubt worden waren, besaß keinerlei Garantien dafür, daß der Westen sie gegen einen Angriff der Sowjets zu verteidigen beabsichtigte. Sie fürchtete, daß jeden Augenblick Rußland und die Mächte des Westens zu ihrem beiderseitigen Vorteil die Vereinbarungen von Jalta und Potsdam zu neuem Leben erwecken konnten. Die Deutschen hatten in den ersten Besatzungsjahren mehr als genug Beweise dafür erhalten, daß die demokratischen Grundsätze für ihre Besieger wenig oder gar keine Bedeutung besaßen und daß nur Stalins Habgier und offen bekundete Feindseligkeit gegen Amerika die Kluft zwischen den Siegern aus Ost und West aufgerissen hatte.

Den Deutschen in Berlin und den Westzonen wurde nur deswegen gestattet, wieder die Köpfe höher zu tragen, weil ihre Beherrscher sich in die Haare geraten waren. Sie wußten nur zu gut, daß sie, die Besiegten, falls Stalin den Westmächten Konzessionen machte, erneut unterdrückt und von den westlichen Besatzungsmächten gezwungen würden, vorzugeben, daß die Kommunisten Demokraten seien und zu erlauben, daß Stalins Untergebene in eine Koalitionsregierung aufgenommen wurden.

Wehrlos, wie sie waren, hätte man von den Berlinern erwarten können, daß sie fatalistisch alle Schläge hinzunehmen bereit gewesen wären, die das Schicksal für sie bereithielt. Stattdessen wurden in ihnen wieder geistige Kräfte mächtig, deren bloßes Vorhandensein während der 13 Jahre nationalsozialistischer Herrschaft geleugnet worden war. Sie bekundeten im Unglück mehr Courage und Tapferkeit als in all den Tagen von Hitlers Macht und Herrlichkeit. Sie, die von all den Völkern Europas der furchterregenden Macht Sowjetrußlands mutterseelenallein und auf geringste Entfernung gegenüberstanden, wagten es trotzdem, ihr zu trotzen.

Vielleicht ist es die Wahrheit auf Erden wie im Himmel, daß die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein werden. Frankreich, das dereinst im Kampf um die Freiheit in Vorderster Front gestanden hatte, schien jetzt im Willen und im Mut, der

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Tyrannei zu widerstehen, hinter Deutschland zurückzubleiben. Die Franzosen, die zehn Jahre zuvor gefragt hatten : "Warum für Danzig sterben ?" sagten jetzt : "Was, wir sollen für Berlin sterben ?" Die Berliner aber, Angehörige einer soeben noch feindlichen Nation, hatten durchaus recht mit der Annahme, die Westmächte könnten in diesem Augenblick nicht begreifen, daß Europa unteilbar und es notwendig sei, Grundsätze wie eigenes Interesse gleichermaßen zu verteidigen. Sie hörten nicht den Anruf unbewaffneter Millionen in Deutschland und Osteuropa, daß, falls sie nicht jetzt dem kommunistischen Terror zu widerstehen wagten, alle Waffen und Atombomben der USA später nicht imstande sein würden, unsere Zivilisation zu retten.

Ohne Waffen, hungrig, in Lumpen gehüllt und im Schmutz der bombenzerstörten Häuser ihrer einst so stolzen Stadt lebend, eingedenk der Tatsache, daß die Westmächte keinen Konflikt mit den Sowjets wagen würden, um sie vor Verhaftungen und Menschenraub durch die Kommunisten sogar in den Westsektoren der Stadt zu schützen, weigerte sich die Bevölkerung Berlins trotzdem, zu Kreuze zu kriechen.

Sie wurden darin von General Clay ermutigt, dessen Haltung gegenüber den Deutschen zwar noch immer die eines Eroberers war, der aber Stalin kühn entgegengetreten war und der das Außenministerium veranlaßt hatte, den Sowjets nicht nachzugeben, als diese ihre Blockade begannen. Es wurde behauptet, daß Clay zu Beginn einen bewaffneten Geleitzug diese Blockade durchbrechen lassen wollte, daß aber Washington, die Briten und die Franzosen ihn daran gehindert hatten. Der Bürgermeister von Berlin und die Stadträte widersetzten sich zwar der herrischen Behandlung, die ihnen so oft seitens der Militärregierung zuteil geworden war, erkannten aber an, daß vor allem General Clay das Verdienst für die Organisierung der Luftbrücke und die Erhaltung eines freien Berlin zukam.

Ich hatte den Eindruck, daß — im Ganzen gesehen — sich die amerikanischen Militärs gegenüber den Deutschen besser benahmen und ihnen mehr Sympathie und Respekt bekundeten als unsere Zivilisten. Unter den Zivilbeamten der Wirtschafts-, Finanz- und Informationsabteilungen der Militärregierung fand man immer noch einen kräftigen Einschuß von Morgenthau-Anhängern. Man weiß ja, daß diejenigen, die die Schlachten schlagen müssen, weniger anfällig für Haßgefühle sind als Zivilisten, die niemals gelernt haben, einen tapferen Gegner zu respektieren.

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Viele Offiziere der USA, Piloten der Luftwaffe und GIs gaben ihrer Bewunderung für die Tapferkeit der Berliner offen Ausdruck. Oberst Babcock, der stellvertretende amerikanische Stadtkommandant, erklärte mir im August : "Die Courage dieser Leute ist wahrhaft bewundernswert. Die Mitglieder der Stadtverordnetenversammlung setzen jedesmal, wenn sie sich zu einer Zusammenkunft begeben, Leben und Freiheit aufs Spiel, da das Stadthaus im russischen Sektor liegt und wir ihnen dort keinen Schutz gewähren können."

Ich begriff, wie wahr diese Bekundung war; denn ich hatte tags zuvor die Bekanntschaft Jeannette Wolffs, einer Führerin der Sozialdemokraten gemacht, die auf dem Heimweg von einer solchen Versammlung von den Kommunisten mißhandelt und von den Schergen Stalins mit der Beschimpfung dreckige Jüdin bedacht worden war. Schlimmerem war sie nur entgangen, weil ein Polizist im Sowjetsektor, der sie aus der Zeit kannte, als beide gemeinsam in einem Konzentrationslager Hitlers gesessen hatten, unter seine Fittiche nahm und in Sicherheit brachte.

Trotz aller Ermutigung, die ihnen vonseiten der Militärregierung zuteil wurde, hatten die Berliner nicht nur mit den im größten Teil der amerikanischen Presse verbreiteten antideutschen Ressentiments, sondern auch mit dem Einfluß von Friedensaposteln wie Walter Lippmann und Sumner Welles zu rechnen. Das Ausmaß dieses Einflusses wurde in Deutschland überbewertet, weil die New York Herald Tribune das einzige amerikanische Blatt mit einer Europa-Ausgabe war und weil die kommunistische Presse Deutschlands eifrig Lippmanns und Sumner Welles Leitartikel ausschlachteten, um zu beweisen, daß man in den USA gar nicht beabsichtige, General Clays harter Haltung in Berlin Rückendeckung zu gewähren.

Während einer Zusammenkunft im Berliner Amerikahaus erzählte mir ein deutscher Redakteur einen Witz, der soeben in der Stadt umlief : Ein Telegramm, das eine Massenversammlung Berliner Bürger nach Washington gesandt hatte, lautete : "Faßt Mut, seid ohne Furcht und gebt den russischen Drohungen nicht nach. Wir stehen Mann für Mann hinter Euch !" Dieser Satz war Ausdruck einer sehr handgreiflichen Wahrheit. Es waren wirklich der Mut der Berliner und ihre trotz aller unerträglichen Härten unwandelbare Unterstützung unseres Widerstandes gegen Rußland, die den USA die Rückendeckung gaben, in Berlin auszuhalten.

Es war sehr interessant, die Bekehrung mancher Besucher Ber-

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lins zu beobachten. Mochten sie sich bei ihrer Ankunft noch so sehr gegen eine solche Vorstellung wehren, beim Abschied waren doch sehr viele von ihnen — zumindestens teilweise — davon überzeugt, daß die Hauptstadt des mit Schande bedeckten Dritten Reiches die Kernzelle des Widerstandes gegen die totale Tyrannei geworden war. Dieser offenkundige Widersinn ist nicht nur das Ergebnis des rapiden Ablaufes der Geschichte unserer Tage. Man muß sich auch daran erinnern, daß in den düsteren Zeiten, als Hitler zum Machthaber Deutschlands aufstieg, Berlin stets für seine Gegnerschaft gegen die Nationalsozialisten bekannt war. Die Stadt unterlag erst, nachdem die Kommunisten gemeinsame Sache mit den Nationalsozialisten gemacht hatten, um die deutsche Demokratie zu zerstören.

Im August und September 1948 und noch stärker Ende November, als Dunkelheit und Kälte die Leiden der Bevölkerung noch erhöhten, erschien es mir, als sei aus der Asche der in Ruinen liegenden Stadt ein Phönix emporgestiegen. Ein neuer, entschlossener, gehärteter und von allen Schlacken befreiter demokratischer Wille bestärkte die unbewaffnete Bevölkerung Berlins darin, dem waffenstarrenden Sowjetrußland mit einer Tapferkeit Widerstand zu leisten, die in ganz Europa nicht ihresgleichen hatte. Deutscher Mut, deutsche Disziplin und Zielstrebigkeit dienten endlich, von Berlin aus gesehen, der Verteidigung und nicht der Zerstörung der westlichen Zivilisation.

Diese Einmütigkeit der Bevölkerung Berlins im Kontrast zu den Spaltungen, die die demokratischen Kräfte Frankreichs und sogar Großbritanniens schwächen, war umso bemerkenswerter, als die Deutschen aus Amerika viel weniger Ermutigung und Hilfe empfingen als jedes andere europäische Land. Es ist zwar richtig, daß die USA das deutsche Volk davor bewahrt haben, in Massen zu verhungern, doch stand es hinsichtlich der Zuteilung von amerikanischen Lebensmitteln und Rohmaterialien stets an letzter Stelle. Noch einschneidender war zu dieser Zeit, daß den Deutschen noch nicht der moralische Beistand gewährt wurde, der daraus entsprang, als Mitkämpfer in der von den USA geführten Widerstandsfront gegen die kommunistische Aggression aufgenommen zu sein. Obwohl sie in dem weltweiten Kampf gegen die kommunistische Tyrannei in vorderster Front standen, wurden die Deutschen noch immer über die Schulter angesehen, weil sie sich vorher der Führung der Nationalsozialisten unterworfen hatten. Während sie um ihre Freiheit kämpften, schlepp-

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ten sie noch immer die Ketten hinter sich drein, an die sie die Demokratien zur Strafe für Hitlers Verbrechen gefesselt hatten. Trotzdem haben die Deutschen in Berlin ganz Europa eine Lektion erteilt, vor allem den in sich zerfallenen und von Furcht erfüllten Franzosen. Sie setzten ihr Leben für die Freiheit aufs Spiel, während andere lediglich über ihre Hingabe an die Demokratie schwätzten.

Die Deutschen, so will mir scheinen, haben durch bittere Erfahrungen gelernt, daß heute der Kampf nicht nur zwischen Wirtschaftssystemen, Klassen oder Nationen geführt wird, sondern um die Werte der westlichen Kultur. Eine Nation, deren beste Geister wußten, daß diese Nation schwere Schuld auf sich geladen hat, bewies nun in Berlin weit mehr Mut im Widerstand gegen das Böse als andere, die niemals in Versuchung geführt wurden, niemals erfahren hatten, welches die Folgen sind, wenn man sich einer Diktatur unterwirft, die alle sittlichen Werte negiert.

Die Neuerweckung geistiger Werte, der Glaube an die Unzerstörbarkeit der menschlichen Seele und die Bereitschaft, für die Freiheit zu sterben — mit einem Wort, die Erkenntnis, wie wichtig die Unantastbarkeit jener Werte ist, die über Sein und Nichtsein unserer Kultur entscheiden, schien mir die Hoffnung zu erklären, die die belagerte Stadt Berlin erfüllte.

Las man die amerikanische Presse, so war das ebenso niederdrückend wie der Anblick der zusammengebombten und von Bränden verzehrten Häuser Berlins, die sich Meile um Meile in jedem Sektor der Stadt hinzogen. Man hatte das dumpfe Gefühl, daß die Rollen vertauscht worden waren, die die Deutschen und die die siegreichen und mächtigen Demokratien spielten. Mußte man nach den meisten amerikanischen und britischen Zeitungsberichten und Kommentaren urteilen, war der Berlin-Konflikt nichts anderes als ein neuer, rein machtpolitischer Aspekt; es schien, als sei diese Stadt, in der der Westen auf den Osten traf, nur ein Punkt auf der Landkarte, so viel oder so wenig wert wie irgend ein anderes Objekt des Schachers im amerikanisch-russischen Konflikt.

Man konnte nur ironisch lächeln, wenn man die Kommentare Walter Lippmanns, Sumner Welles' oder anderer Leute las, die nahezu täglich in der von den Russen lizensierten deutschen Presse zitiert wurden. Dieselben Leute, die ein Übereinkommen mit Rußland befürworteten, das die in Berlin lodernde Fackel der Freiheit auslöschen mußte, tadelten General Clay dafür, daß er

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Rußland entgegentrat, statt sich darauf zu konzentrieren, den Geist der Deutschen zur Freiheit des Individuum und zur Demokratie zu bekehren.

Wie war es möglich, so kam einem in Berlin der Gedanke, daß jemand sich immer noch in dem Wahn wiegen konnte, die Bestrafung für eine Meinung durch Entnazifizierungsgerichte, Entkartellisierung, eine Bodenreform oder das bloße Predigen demokratischer Grundsätze werde den Ausgang des Kampfes um Deutschland entscheiden ? Wie war es möglich, daß diese und viele andere Artikelschreiber nicht zu begreifen vermochten, daß unser Beispiel, unsere Taten, unsere eigene Haltung im Angesicht der totalitären Aggression, unsere Hilfe und Unterstützung für die kämpfenden Demokraten Berlins es war, wichtiger waren als alles andere ? Wenn wir uns zugunsten eines zeitlich begrenzten Waffenstillstandes im Kalten Kriege aus dem Kampf zurückzogen und die Berliner der Überwältigung durch die Sowjetunion überließen, war es wahrscheinlich für alle Zeiten unmöglich, das deutsche Volk dazu zu bringen, an unserer Seite zu kämpfen. Der Widerstandsbewegung in Polen, der Tschechoslowakei und anderer Satellitenstaaten der Sowjets mußte damit der Todesstreich versetzt werden.

Wenn wir noch einmal Rußland umschmeichelten und die betrogen, die auf unser Versprechen, Berlin nicht aufzugeben, bauten, so war wohl die unheilige Allianz zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten imstande, die vielversprechende demokratische Erneuerung der in Ruinen liegenden Stadt auszulöschen. Dann konnte Deutschland ein weiteres Mal veranlaßt werden, die Kultur des Westens abzulehnen, statt ein Bollwerk zu deren Verteidigung zu werden.

Eine Sozialdemokratin erklärte mir während der Verhandlungen in Moskau : "Ihr könnt nicht einfach Menschen wie Figuren auf einem Schachbrett behandeln, die man ermutigt für die Freiheit gegen die Tyrannei zu streiten, die man, wenn Amerika und Rußland sich in den Haaren liegen, vorwärtsschiebt, aber beim nächsten Zug opfert, um Rußland einen Gefallen zu tun. Solltet Ihr euch noch einmal mit den Sowjets über unsere Köpfe hinweg und auf unsere Kosten einigen, werdet Ihr niemals mehr imstande sein, in uns jenen Geist zu erwecken, der uns jetzt an eurer Seite hält, obgleich Rußland weitaus stärker ist und trotz des Terrors, den die Kommunisten benutzen, um den menschlichen Geist zu zerbrechen."

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Als ob man den Hamlet ohne den Prinzen von Dänemark aufführen wollte, wurden in den meisten amerikanischen Kommentaren die Rollen der beiden Hauptdarsteller geflissentlich übergangen. Gelegentlich wurde dem Mut und der Ausdauer der Berliner Tribut gezollt, die täglich durch ihren Widerstand gegen die Sowjets im Ostsektor der Stadt Freiheit und Leben aufs Spiel setzten. Einer über ihre Köpfe und die aller übrigen Deutschen in Moskau, Washington, London oder Paris hinweg gefällten Entscheidung wurde allerdings kaum Erwähnung getan. Die gewählten Repräsentanten der Berliner in der Stadtverordnetenversammmlung erhielten noch nicht einmal die Erlaubnis, als Berater an den fehlgeschlagenen Währungsverhandlungen teilzunehmen, die im September in Berlin begannen. Wir waren noch immer die Sieger und die Deutschen die Besiegten. Während wir immer wieder dem russischen Diktator die Hand der Freundschaft entgegenstreckten, weigerten wir uns noch immer, die Deutschen als unsere Verbündeten anzusehen, die täglich bewiesen, wie echt ihr Bekenntnis zur Demokratie war.

Das deutsche Volk hat viel zu viel gelitten, als daß es nicht realistisch dächte. Viele Deutsche waren zu Beginn der Besatzungszeit durchaus bereit, für die Sünden der Nationalsozialisten Buße zu tun, weigerten sich aber verständlicherweise, der These zuzustimmen, daß es anderen Nationen straflos erlaubt sein dürfe, Verbrechen wider die Menschlichkeit zu begehen.

Als ich Ende November nach Berlin zurückkehrte, stellten die Deutschen noch mehr Fragen. Warum exportierten die Briten Flugzeuge und Maschinen in die Sowjetunion und reparierten sogar die Transportfahrzeuge der Sowjetarmee in ihrem Sektor Berlins ? Warum brachten die Franzosen insgeheim Maschinenanlagen von Berlin nach Rußland ? Warum waren die in Paris tagenden Vereinten Nationen nicht bereit, die sowjetische Blockade Berlins zu verurteilen — diese war doch ein offenkundiges Verbrechen gegen die Menschlichkeit ? Warum wurden noch immer Maschinen demontiert und aus den westlichen Besatzungszonen in die Tschechoslowakei und andere sowjetische Satellitenstaaten gebracht ?

Ich war niemals der Meinung gewesen, daß die Olympischen Spiele sehr wichtig seien, doch Deutsche aus allen Schichten fragten mich im August 1948 in Berlin, wieso wir den Ausschluß deutscher Sportler von den in diesem Sommer in England veranstalteten Spielen rechtfertigten, wenn doch die gleichen Leute,

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unter ihnen Lord Vansittart, die alle Deutschen für die Grausamkeiten der Nationalsozialisten verantwortlich machten, 1936 nach Berlin gekommen waren, um als Gäste Hitlers an den Olympischen Spielen teilzunehmen.

Die Berliner setzten unsere früher bekundete Bereitschaft, mit den Nationalsozialisten zu fraternisieren, unserer eben erst bekundeten Bereitwilligkeit gleich, die Sowjetunion als demokratischen Staat anzuerkennen und Hand in Hand mit Stalin allen Deutschen Freiheit und Eigentum zu rauben und ihnen zu verwehren, glücklich zu sein. Warum sollten nur sie, die Deutschen, bestraft werden, andere aber nicht ?

Trotz all dieser Fragen und Zweifel an unserer Vertrauenswürdigkeit blieben die Berliner standhaft. Die bemerkenswerteste und kennzeichnendste Tatsache schien mir, daß weder unsere so lange fortgesetzte Beschwichtigungspolitik gegenüber Rußland, weder unsere Behandlung der Deutschen als besiegtes und rechtloses Volk noch unsere anfangs praktizierte Gleichsetzung des Kommunismus mit der Demokratie es fertiggebracht hatten, den Glauben in westliche Bekundungen und Grundsätze zu zerstören.

Hier, inmitten der Ruinen und dem Schutt, mitten unter einem großen Volk, das Krieg und Niederlage sowie der Abscheu der ganzen Welt vor den Naziverbrechen, der alle Deutschen als gleich strafwürdig erscheinen ließ, dazu verurteilten, wie Asiaten zu leben; hier, wo die Kinder in Lumpen und barfuß herumliefen und ihre kalten Schulzimmer nur verließen, um in unbeleuchteten Zimmern auf ihre Mütter zu warten, die von der Arbeit zurückkamen — einer Arbeit der chinesischen Kulis gleich, dem Ziegelaufschichten, dem Ziehen schwerer Last durch die Straßen, der Männerarbeit auf den Flugplätzen —, hier fand man, trotz Hunger, Erniedrigung und knochenbrechender Schufterei keine Verzweiflung, keinen Haß gegen Ost noch West, keine sinnlose Rachgier, weder Nihilismus, zynischen Defaitismus und Eigennutz, sondern den standhaften Glauben an die Werte der westlichen Kultur, die die Nazis verneint und zu deren Wiederbelebung die Politik der westlichen Besatzungsmächte so wenig getan hatte.

In dieser Stadt, in der die Gegner der Nationalsozialisten so erbittert, aber nicht erbittert genug gefochten hatten, um Hitler daran zu hindern, an die Macht zu kommen, fühlte man in jedem Wort, jeder Tat, nicht nur in denen des Bürgermeisters und der Stadtverordneten, sondern der Masse der Bevölkerung, die harte Entschlossenheit, daß solches sich nie wieder ereignen dürfe.

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Ein Student aus dem in der Sowjetzone gelegenen Rostock, der mich im September in Berlin besuchte, berichtete mir, daß die deutschen Arbeiter drüben den Krieg, auch wenn er ihren Untergang bedeuten sollte, dem Elendsleben unter kommunistischer Herrschaft vorziehen würden. Er berichtete mir auch, wie niederdrückend es sei, jede Nacht über das Radio zu hören, daß die Westmächte noch immer in Moskau verhandelten, obwohl sie zuerst erklärt hätten, daß sie erst verhandeln wollten, wenn die Blockade Berlins aufgehoben worden sei. Er sagte mir : "Wir dürfen nur die von den Russen lizensierten Zeitungen lesen und finden dann doch Schlagzeilen wie Die große Niederlage der Amerikaner und vernehmen, wie Ihr Stalin anbettelt, mit Euch zu reden und Verträge zu schließen."

Ich sprach mit vielen anderen Besuchern und Flüchtlingen aus der Sowjetzone, mit aus der Sowjetunion zurückgekehrten Kriegsgefangenen und einigen Leuten, die aus den Konzentrationslagern Buchenwald und Sachsenhausen in der Sowjetzone entkommen oder entlassen worden waren, wo Hunderttausende von Deutschen noch schlimmer behandelt wurden als die Opfer Hitlers in diesen Lagern. Ich traf andere, die offensichtlich frei waren, denen aber das Leben in der Sowjetzone Deutschlands wenig besser erschien als das in einem Gefängnis. Sie alle wiederholten den Satz, den ich überall in Berlin zu hören bekam : "Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende !"

In Amerika ist das Wort : "Gib mir die Freiheit oder gib mir den Tod !" nur noch ein Widerhall aus längst vergangenen Tagen und nicht mehr ein gebieterischer Anruf für Menschen, die Freiheit als Selbstverständlichkeit hinnehmen. Diese Freiheit, für die anderthalb Jahrhunderte zuvor Männer gefochten haben und gestorben sind, wird von jenen für wertvoller als das Leben erachtet, die in oder nahe der Sowjetzone leben und eine Knechtschaft erleben müssen, die weit schlimmer ist als die, die jemals unter der Herrschaft der Könige Europas zu finden war.

Der Begriff Demokratie hat allzu viel von seinem Inhalt durch seine Gleichsetzung mit dem Begriff Kommunismus eingebüßt, als daß man ihn sehr oft in Berlin zitiert hören kann. Ein älteres und reineres Wort hört man aus dem Munde des Volkes und seiner Führer : Freiheit. Dieses Wort Freiheit war in aller Munde, als die Bevölkerung Berlins nach der Vertreibung ihrer Stadtverordneten durch kommunistische Schlägertrupps und Polizei aus dem Stadthaus sich vor der düsteren, vom Feuer verzehr-

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ten Ruine des Reichstagsgebäudes am 26. August zu einer großen Demonstration zusammenfand. Als sie dieses Wort hörte, antwortete die hungrige, schäbig gekleidete Menge mit dröhnendem Beifall.

Die Gesichter der Menschen um mich herum waren von Entbehrungen und Sorgen gekennzeichnet. Von all diesen Leuten, den mageren Kindern und den vor der Zeit gealterten Frauen, hätte man erwarten sollen, daß sie glücklicher gewesen wären, hätte man ihnen Brot und Frieden versprochen, doch erst, als ein Sprecher rief : "Wir kämpfen nicht nur für Berlin, sondern die Freiheit überall in der Welt !", leuchteten die müden Gesichter auf, dröhnte der Beifall.

"Wir haben keine Waffen, doch unser Geist ist stärker als der ihre", sagte der vom Volk gewählte Bürgermeister von Berlin, Ernst Reuter, den die Russen daran hinderten, sein Amt auszuüben. Die Augen der Zehntausende wandten sich den russischen Soldaten zu, die ganz in der Nähe beim sowjetischen Kriegsehrenmal Wache hielten.

Zyniker mögen vielleicht sagen, daß die Berliner gar keine Demokraten seien, daß sie lediglich den Terror der Russen fürchten, den jeder von ihnen in der einen oder anderen Form erlebt habe. Es ist wohl richtig, daß jeder Deutsche, mit dem man in Berlin spricht, eine Tragödie erlebt hat : die Frauen, die von Sowjetsoldaten vergewaltigt wurden; die Mütter, deren Männer oder Söhne bei der Plünderung der Stadt durch die Russen abgeschlachtet wurden oder noch immer in sowjetischen Bergwerken oder Fabriken als Sklavenarbeiter zurückgehalten werden; diejenigen, deren Angehörige erst vor kurzem von den Kommunisten verhaftet und in die gefürchteten Konzentrationslager in Buchenwald und Sachsenhausen geschickt worden sind. Reuter hatte an jenem Tage die Menge aber erst auf seiner Seite, als er sagte : "Könnte das russische Volk frei reden, es würde mit uns zusammen für die Freiheit kämpfen."

Eine andere, sehr volkstümliche Rednerin, die liebenswürdige und gütige Frau Annedore Leber, deren Mann nach dem 20. Juli von den Nationalsozialisten ermordet wurde, erklärte während einer Versammlung unter freiem Himmel in Spandau, an der ich teilnahm : "Nicht jeder Russe ist verantwortlich für die Verbrechen derjenigen, die ihn beherrschen. Wir alle wissen, daß manche Russen sich sehr freundlich uns gegenüber benommen haben. Sie sind Opfer des gleichen Systems, das unsere Brüder in

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der Sowjetzone unterdrückt und nun uns alle in Berlin bedroht. Deutschland muß wieder ein Teil der westlichen Welt werden. Um die Freiheit zu gewinnen, müssen wir den Hunger auf uns nehmen und dem Tod ins Auge sehen. In den Jahren der Wirtschaftskrise haben viele von euch gesagt : 'Schlimmer kann es jetzt nicht mehr kommen', doch später fandet ihr heraus, daß es unter den Nazis schließlich noch sehr viel schlimmer war. Heute aber wissen wir trotz all der bösen Ernährungsschwierigkeiten — keine Berlinerin weiß heute, ob sie morgen ihre Familie noch satt bekommt —, daß alles noch schlimmer würde, wenn die Russen unsere Herren würden. Wir wissen, daß wir in die Zwangsarbeiterlager verschleppt und mit den gleichen Methoden wie unter den Nazis traktiert würden. Die neuen PGs — die Kommunisten — sind dieselben wie die alten PGs."

Jede Rede, die ich hörte, jedes Gespräch, das ich mit Deutschen aller Schichten in Berlin hatte, überzeugte mich davon, daß nicht nur die große und allgegenwärtige Furcht vor Rußland die Deutschen antreibt, dem Kommunismus zu widerstehen. Es sind ebensosehr die Erfahrungen, die sie unter den Nationalsozialisten gemacht haben und das Wissen, daß der Kommunismus eine Wiederholung all dessen bringen wird, das die Deutschen auf unserer Seite des Eisernen Vorhanges ausharren läßt.

Die erfahren haben, was es heißt, unter einer totalitären Diktatur zu leben, wissen besser, daß die Freiheit das höchste Gut ist als diejenigen, die Knechtschaft niemals gekannt haben. Dies erklärt vielleicht, warum die Deutschen, obwohl sie ein Jahrhundert lang bewiesen haben, daß sie sich gern der Autorität beugen, heute weniger anfällig für die kommunistische Propaganda sind als die Amerikaner, die Freiheit als ein ihnen durch ihre Geburt verbrieftes Recht ansehen und sich nicht einmal vorstellen können, was es bedeutet, ohne sie zu leben.

Die Berliner gewannen ihre Selbstachtung und die Achtung der gesamten deutschen Nation durch die Tapferkeit zurück, mit der sie der kommunistischen Drohung widerstanden, die ihnen selbst und ganz Europa galt. Die einstigen Feinde der Demokratie sind deren tapferste Verteidiger geworden.

Berlin ist nicht Prag — das ist mehr als nur ein patriotisches Schlagwort. Es drückt die Entschlossenheit der Deutschen aus, dem Westen zu beweisen, daß diejenigen, gegen die wir gestern kämpften, im weltweiten Kampf gegen den Totalitarismus mehr unseres Vertrauens würdig sind, als einige unserer ehemaligen

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Verbündeten, auf die wir unser Vertrauen setzten, deren Führer sich aber kampflos dem kommunistischen Druck ergaben.

Während eines langen Gespräches, das ich mit Ernst Reuter hatte, sagte er mir, in der Stadt habe man das Gefühl, daß die Deutschen durch ein bestimmtes Verhalten vieles wiedergutmachen und "es dem Westen unmöglich machen könnten, sie noch länger wie Eingeborene zu behandeln."

Als ich ihn fragte, wie es möglich sei, daß die Deutschen nach all dem, was sie nicht nur unter den Nationalsozialisten, sondern auch unter den westlichen Besatzungsmächten erlebt hätten, nicht allesamt Nihilisten geworden seien, antwortete Reuter : "Jetzt haben wir eine Möglichkeit, uns selbst zu helfen : zu kämpfen, um uns selbst zu verteidigen, auch wenn wir waffenlos sind. Die beste Kur gegen die Verzweiflung ist Handeln. Das Berlin von heute ist stolz auf sich selbst. Wir haben unsere Selbstachtung zurückgewonnen und wir vertrauen darauf, daß wir eines Tages auch eure Achtung erringen."

Für die Amerikaner und Briten waren die Erinnerungen an den Krieg allerdings noch zu frisch, als daß sie die Deutschen schon wieder als Verbündete akzeptiert hätten. Mochten auch die amerikanischen Soldaten, vom General bis zum GI, zu der Überzeugung gekommen sein, daß die Deutschen unsere besten Verbündeten auf dem Kontinent werden könnten, so schlossen doch die in der Heimat noch vorhandenen Ressentiments, die blinde Angst der Franzosen und die ursprünglich durch unsere Besatzungspolitik festgelegte Verhaltensweise eine radikale Änderung unserer Einstellung zu den Deutschen aus. Seit wir begriffen hatten, daß man mit Stalin keine Geschäfte machen konnte, hatten wir eine halbe Schwankung vollzogen : wir hatten begonnen, Westdeutschland zu neuem Leben zu erwecken und hatten uns weiteren Demontagen widersetzt. Freundschaftliche Beziehungen zum deutschen Volk wurden jetzt eher gutgeheißen als gehemmt, doch immer noch wollte es uns nicht gelingen, die Deutschen von gleich zu gleich zu behandeln. Wir waren noch immer in der totalitären Auffassung befangen, daß einige Nationen gut seien und den Frieden liebten, andere jedoch bösartig und angriffslustig. Wir weigerten uns noch immer, die Tatsache anzuerkennen, daß Menschen überall eben Menschen sind und daß es unsere wichtigste Aufgabe sein müßte, die wirklich liberalen Kräfte, die man unter allen Völkern findet, zu ermutigen und zu unterstützen.

Im belagerten Berlin fuhren die dem Personal der Alliierten

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vorbehaltenen amerikanischen und britischen Omnibusse immer noch fast leer durch die Stadt, während die Deutschen zu Fuß herumwanderten oder in langen Reihen auf die wenigen und überfüllten Straßenbahnen und Omnibusse warteten, die unter dem Druck der russischen Blockade noch verkehren konnten. Wir, die Eroberer, hatten noch immer die besten Häuser mit Beschlag belegt und uns geräumige Wohnungen reserviert, während die Mehrzahl der Berliner in schmutzstarrenden Kellern und bombenbeschädigten Wohnungen hausten. Wir hatten im Überfluß zu essen und konnten gute Sachen trinken, wir hatten sogar frische Milch, die auf dem Luftwege aus Dänemark herangebracht wurde; die Babys in Berlin hatten keine Milch und außer den Schwarzmarkthändlern hatte kein Deutscher genug zu essen. Die Demarkationslinie zwischen den Besatzungsmächten und den Eingeborenen war noch immer vorhanden, sie verlief sogar zwischen den Toiletten in den Büros der Militärregierung : einige davon waren den Amerikanern vorbehalten, andere durften auch von deutschem Personal benutzt werden. Acht von 24 Stunden hatten wir elektrisches Licht, die Deutschen dagegen nur für zwei Stunden und nur so viel Gas, um täglich einen Kessel voll Wasser zu erhitzen. In einigen Teilen des Westsektors der Stadt gab es Strom und Gas nur um 1 Uhr nachts; völlig erschöpfte Frauen, die den ganzen Tag übergearbeitet hatten, mußten mitten in der Nacht aufstehen, um kochen und waschen zu können. Wir aber konnten bis 23 Uhr in hellerleuchteten Räumen tanzen. Als der Winter kam, waren unsere Häuser und Wohnungen Tag und Nacht mollig warm, die Deutschen aber hatten keine Kohlen. Die völlig überfüllten deutschen Krankenhäuser lagen im Dunkeln, es gab dort keine Arzneien und selbst Verbandsstoffe fehlten; in den fast leeren amerikanischen und britischen Krankenhäusern brannte das Licht die ganze Nacht hindurch.

Die Kraftfahrer und anderen deutschen Angestellten der Militärregierung, von den Stenotypistinnen bis zu den Sachverständigen, erhielten ihre Gehälter und Löhne mit sechs Wochen Verspätung — weil wir 1945 den Russen die Kontrolle über die Berliner Banken eingeräumt hatten. Nur ein Viertel dieser Zahlungen wurde in der nach der Währungsreform eingeführten Westmark geleistet. Die anderen drei Viertel wurden in Ostmark gezahlt, die nur ein Viertel jener Westmark wert waren, die wir nur halben Herzens als Zahlungsmittel für Berlin anerkannt hatten. Unsere Beschwichtigungspolitik — man kann es auch höf-

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licher unseren Wunsch nennen, die Russen nicht zu provozieren — veranlaßte uns, die Berliner — auch diejenigen, die für uns arbeiteten — dadurch zu bestrafen, daß wir die Ostmark zum legalen Zahlungsmittel erklärten.

Die Währungsreform vom Juni 1948 wird in einem späteren Kapitel behandelt werden, ich muß aber schon jetzt einiges zu der seltsamen Politik der Finanzabteilung der Militärregierung bemerken. Diese Abteilung gab mit der Einführung der Westmark den Russen den ersten Vorwand für die Blockade der Stadt, weigerte sich aber dann, ausreichende Westmarkbeträge einzuführen, die es der Stadtverwaltung und der Militärregierung gestattet hätten, Löhne und Gehälter in dieser Währung zu zahlen. Wir flogen unter gewaltigen Kosten Nahrungsmittel nach Berlin ein, nahmen aber Ostmark dafür in Zahlung und stützten im Effekt dadurch den Wert der von den Russen gedeckten Währung.

Da die Banken im Sowjetsektor lagen und die Kommunisten das für die Lohnzahlungen benötigte Geld zurückhalten konnten, hatten sie die Stadtverwaltung in ihrer Gewalt. Sie waren auch imstande, die Konten jedes Fabrikbesitzers zu blockieren.

Hätten wir aber mehr D-Mark mit Flugzeugen herangebracht, wäre mehr von diesem Geld in russische Hände gelangt und hätte zum Kauf der Waren benutzt werden können, die aus den westlichen Besatzungszonen dringend benötigt wurden. Wir nahmen zwar Ostmark für die in die Stadt geflogenen Waren in Zahlung, der freie — oder schwarze — Markt wurde jedoch von den Russen kontrolliert; D-Mark wurden für die meisten nicht rationierten Waren verlangt, wie etwa für die geringen Mengen frischer Früchte, Frischgemüses und Kohlen, die in den Sowjetsektor gelangten. D-Mark wurden auch beim Kauf von Bekleidung und Haushaltswaren verlangt, die bald nach der Währungsreform in den Läden erschienen. Die Schwierigkeit lag darin, daß wenig oder gar nichts in der Sowjetzone gekauft werden konnte, weil die Russen sie für sich selbst ausbeuteten. Die in geringen Mengen durch die Blockade nach Berlin gebrachten Güter oder die Rohstoffe, die für ihre Herstellung benötigt wurden, mußten mit D-Mark bezahlt werden. Es war nur zu verständlich, daß die Russen nicht beabsichtigten, Waren, die ihrer Kontrolle unterstanden, gegen Ostmark zu verkaufen.

Unter diesen Umständen wäre es vernünftiger gewesen, die Lebensmittelzuteilungen für alle Arbeiter im Westsektor ohne Bezahlung abzugeben, statt dafür Ostmark anzunehmen.

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An dem Tage, an dem ich Berlin über die Luftbrücke verließ, wurde mir ein kleines, aber bezeichnendes Beispiel für die Hemmnisse zuteil, die uns unsere Haltung gegenüber den Deutschen im Kalten Krieg um Berlin bescherte.

Als ich die deutschen Arbeiter beobachtete, die die Maschine ausluden, die mich nach Frankfurt bringen sollte, sagte der amerikanische Luftwaffenpilot, der neben mir stand : "Wir werden heute mindestens eine halbe Stunde später abfliegen. Wie Sie sehen, besteht unsere Ladung aus Flugzeugkabeln und die Deutschen können das Zeug nicht schnell genug entladen. Nicht nur, weil es so schwer ist, sondern weil sie auch keine Handschuhe haben."

Die USA gaben jede Woche Millionen Dollar aus, um Berlin zu versorgen. Die Luftbrücke war ein Wunderwerk amerikanischen Organisationstalents; dies wurde mir so recht bewußt, als ich an den Kopfhörern des Funkers im Befehlsturm des Flughafens die Befehle mithörte, die alle paar Sekunden den in Zwei- oder Dreiminuten-Abständen aufsteigenden oder landenden Flugzeugen gegeben wurden. Ein Verschätzen um Sekunden oder ein Fehler bei der Berechnung von Zeit, Flughöhe und Position mußte unheilvolle Folgen haben. Alle Bewegungen dieser Art wurden aber verlangsamt und todmüde amerikanische Piloten zu einer Fünfzehn-Stunden-, statt der üblichen Zwölf-Stunden-Schicht gezwungen, weil ein paar hundert Dollar oder etwas mehr nicht vorhanden waren, um die Deutschen, welche die Flugzeuge beluden und entluden, mit Handschuhen auszustatten.

Offensichtlich war diese Unterlassungssünde nicht auf Knauserei zurückzuführen, obgleich damit wohl Cents gespart, aber Dollars zum Fenster hinausgeworfen wurden. Nein, es war etwas anderes : der gewohnte Anblick hungriger, frierender, in Lumpen gehüllter Menschen während der drei Jahre der Besetzung eines eroberten Landes hatte unsere Gefühle abgestumpft und uns zweifelsohne zu dieser kostspieligen Mißachtung der menschlichen Bedürfnisse jener Deutschen verleitet, die in Berlin gemeinsam mit uns arbeiteten. Die GIs, die Piloten und amerikanischen Mechaniker, mit denen ich auf dem Flugplatz und während dieses und weiterer Flüge sprach, behandelten die Deutschen keineswegs vom Standpunkt einer Herrenrasse aus. Im Gegenteil : sie machten mich auf die barfüßigen Frauen aufmerksam, die Sand auf die Startbahn streuten und sie riefen : "Haben Sie jemals so etwas gesehen ! Sind diese deutschen Frauen nicht prächtig ?" Mein Pilot

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sagte zu mir : "Ich war immer der Meinung, daß man nur in China Frauen so arbeiten sehen könne wie die hier. Ich habe niemals im Traum daran gedacht, daß weiße Frauen das könnten. Die sind wirklich in Ordnung, ich bewundere sie."

Ich bewunderte sie auch, doch im Stillen dachte ich darüber nach, wie man sich fühlen mußte, wenn man nachts nach Hause ging, um zu kochen und sich um die Kindern zu kümmern, nachdem man den ganzen Tag über wie ein Schwerarbeiter geschuftet hatte. Ich fragte mich auch, wie diese in Lumpen gehüllten Frauen es fertigbringen würden, im Winter zu arbeiten.

Diese Frauen sind der stumme Chor, die niemals besungenen und zu Tode erschöpften Heldinnen dieses dank der Luftbrücke zu einem Drama emporgewachsenen Kampfes. In Berlin gab es mehr als zweimal soviel Frauen wie Männer und daher trugen sie die Hauptlast des Kampfes. Viele von ihnen hatten ihre Männer verloren oder warteten vergeblich auf deren Rückkehr aus den russischen Kriegsgefangenenlagern. Sie sind die einzige Stütze ihrer Kinder und oft auch einer Großmutter oder Verwandter, die während der Luftangriffe zu Krüppeln oder Blinden wurden. Tag um Tag mußten sie sich nicht nur ihren Lebensunterhalt verdienen, sondern auch ihre frierenden und hungrigen Kinder umsorgen und pflegen, bekamen aber selbst niemals genug zu essen, um satt zu werden.

Die Ration für Berlin betrug zu dieser Zeit 1800 Kalorien; vor der Blockade, als die Alliierten genug Lebensmittel hätten herbeischaffen können, war es noch weniger gewesen. Man staunte in Berlin darüber, wie Körper und Seelen dieser Frauen, deren Leben eine unablässige Kette von Schindereien und ohne jegliche Freude war, ohne jegliche Hoffnung auf ein künftiges glückliches Eheleben, diese endlose Prüfung durchstehen konnten. Diese Berlinerinnen wußten aber, daß da noch immer etwas war, was sie noch nicht verloren hatten und für das sie bis zu ihrem Ende ausharren wollten, um es ihren Kindern zu erhalten : die Freiheit. Eine weit größere Zahl Frauen als Männer hatte während der Oktoberwahlen von 1946, die den Kommunisten eine Niederlage einbrachten, ihre Stimme abgegeben und im Dezember 1948 stimmten 86 Prozent der Bevölkerung für die demokratischen Parteien. Im glücklichen Westen ist ein so großer Prozentsatz von Wählern niemals zur Wahlurne gegangen, obwohl es dort Straßenbahnen, Untergrundbahnen, Autos und genug freie Zeit gibt.

Ich besuchte die Heime einiger deutscher Arbeiter und ihrer

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Familien und fragte mich, wie diese Frauen es eigentlich fertigbrachten, einen Keller oder ein oder zwei mühsam zusammengeflickte Räume in einem Mietshaus in blitzsauberer Ordnung zu halten — trotz der Überfüllung und obwohl heißes Wasser und ausreichend Seife fehlten. Ihre Kinder, die unter solchen Umständen in anderen Ländern schmutzig und verschlampt wären, sahen immer noch recht gepflegt aus, weil ihre Mütter ihre Bekleidung ständig stopften und flickten.

Statt daß dieser bewundernswerte Fleiß der deutschen Frauen Sympathie und Achtung erweckte, verführte er viele Amerikaner zu der Meinung, daß es den Deutschen doch recht gut gehe. Frau Roosevelt zum Beispiel berichtete, nachdem sie sich einen oder zwei Tage in Berlin aufgehalten hatte, sie habe keine heruntergekommenen und hungrigen Kinder gesehen und die Deutschen schienen auch nicht so arm zu sein wie die Franzosen und andere ehemalige Opfer der nationalsozialistischen Angreifer. Sie kann unmöglich Zeit genug gehabt haben, mehr von Berlin zu sehen als Dahlem und Zehlendorf, wo die amerikanischen Besatzer lebten — Vororte, in denen früher die wohlhabenden Leute lebten und die wir niemals so nachhaltig bombardiert haben wie die Arbeiterviertel Berlins. Auch wenn sie die ärmeren Viertel der Stadt besucht haben sollte, dürfte Frau Roosevelt ihre Meinung wohl kaum geändert haben. Um das Mitleid bestimmter Herrschaften zu erwecken, tut man wohl gut daran, jene Bettler nachzuahmen, die sich dadurch ein gutes Leben zu machen verstehen, daß sie verlumpt und voller Schmutz das Mitleid der Mildherzigen erwecken.

Ich wünschte nur, alle diese selbstzufriedenen Besucher und Bewohner Berlins aus den Ländern der Sieger hätten sehen können, was ich gesehen habe und daß sie dann so viel Phantasie besessen hätten, sich einmal in die Lage der meisten Berliner Frauen und Kinder zu versetzen.

Es gab einige Beamte der Militärregierung, die so fühlten wie ich. Elizabeth Holt zum Beispiel, die Frau eines Beamten des Auswärtigen Amtes und selbst Assistentin des Leiters der Abteilung Erziehung und Religion der Militärregierung, war ständig im Kontakt mit deutschen Frauen. Sie verzehrte sich in dieser Aufgabe, nicht nur darum, weil sie diesen Menschen half und sie ermutigte, sondern auch, weil sie weder Ruhe noch Freude am Leben zu empfinden vermochte, wenn sie an all das Leid um sie herum dachte. Ich habe Mrs. Holt meine ersten Kontakte mit

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deutschen Frauen zu verdanken, die in der Sozialarbeit aller drei Parteien — der SPD, CDU und FDP — tätig waren.

Ursula Kirchert, eine Sozialdemokratin, nahm mich in eine Klinik mit, wo ich einen ganzen Morgen damit verbrachte, die Prozession der Kranken, der Krüppel, der Unterernährten und der Alten zu beobachten, denen jegliche Hilfe zuteil wurde, die die Ärzte ihnen geben konnten — obwohl Arzneien und noch mehr wirklich hochwertige Nahrungsmittel fehlten. Einer der Patienten hatte einen riesigen Abszeß am Halse, der, nachdem er geöffnet worden war, mit Papier verbunden werden mußte, weil die Deutschen keine Baumwollbandagen, keine saugfähige Wolle und kein Leinen besaßen. Der Stationsarzt erzählte mir, daß seine größte Schwierigkeit die war, daß medizinische Artikel nur mit D-Mark gekauft werden konnten, weil die Sowjetzone nicht imstande war, sie zu liefern. Die Folge davon war, daß die Sozialversicherungsfonds, die von den Russen kontrolliert werden, für den Kauf von Arzneien nicht verwendet werden und diejenigen Patienten, deren Löhne oder Pensionen hauptsächlich in Ostmark gezahlt wurden, sie auch nicht erwerben konnten.

Die bemitleidenswertesten, am härtesten arbeitenden Berliner waren die Frauen mit Kindern, deren Männer im Krieg gefallen oder noch immer in Kriegsgefangenschaft waren. Noch schlimmer daran waren die Flüchtlinge aus Schlesien, die aus ihren Häusern hinausgeworfen und nach Westen getrieben wurden, ohne mehr zu besitzen, als das, was sie auf dem Rücken mit sich fortschleppen konnten.

Ich besuchte eine Schlesierin, deren Mann, so hoffte sie, noch Kriegsgefangener in Rußland und nicht bereits tot war. Sie hatte drei kleine Kinder und sie alle waren nach Berlin gewandert; das jüngste Kind wurde von der Mutter getragen. Ihre Mutter und ihr Vater waren Berliner und noch eine Woche vor meinem ersten Besuch hatten alle miteinander in zwei winzigen Räumen gelebt. Nun war sie glücklich, denn sie hatten in einen nicht allzu feuchten Keller im gleichen Haus ziehen können. Die Frau besaß keine Wäsche, ihre Möbel waren zwei Matratzen und eine Kiste, die als Tisch benutzt wurde. Ihr ältestes Kind, ein zwölfjähriges Mädchen, versorgte die beiden Jüngsten, während die Mutter als Trümmerfrau arbeitete.

Ein paar Stockwerke höher fand ich ein Ehepaar, das meinte, es gehöre zu den glücklichsten Leuten der Welt, weil der Mann, der fünf Jahre lang als vermißt galt, vor ein paar Tagen heimge-

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kehrt war. Seit 1943 hatte die Frau von ihm keine Nachricht erhalten und ihn bereits als tot betrachtet. Ihre Freude war unbeschreiblich, als er plötzlich auftauchte; man hatte ihn freigelassen, weil er zu krank war, um noch arbeiten zu können. Ich fragte mich, wie er jemals wieder mit den Rationen gesund werden konnte, von denen die Berliner auf irgendeine wunderbare Weise existierten; seine Frau war aber so glücklich, ihn wieder bei sich zu haben, daß sie sich keine Gedanken über ihr schweres Leben machte. Der Mann sagte zu mir : "Hätten die Russen sich anders verhalten, hätten sie uns für sich gewonnen. Dafür ist es jetzt zu spät. Nach der Behandlung, die wir von ihnen erlebt haben, werden wir niemals wieder etwas von ihnen wissen wollen. Ich werde wahrscheinlich für den Rest meines Lebens ein Krüppel bleiben, wenn ich aber wieder kämpfen könnte, würde ich mit den Amerikanern zusammen gegen die Sowjets losgehen."

An einem anderen Tag besuchte ich eine Witwe mit zwei Kindern, deren Mann an der russischen Front gefallen war. Seit kurzem wohnte sie mit ihren beiden jüngeren Schwestern zusammen, die drei Jahre im Ural als Sklavenarbeiter der Russen verbracht hatten. Die eine war Näherin gewesen, die andere Landarbeiterin und beide sahen aus wie typische Proletarierinnen. Trotzdem wurden beide im März 1945 verhaftet, in einen Keller eingesperrt und so lange geprügelt, bis sie gestanden, BDM-Mitglieder gewesen zu sein. Offensichtlich hatten die Sowjetsoldaten, die sie verhaftet hatten, den Befehl erhalten, eine bestimmte Anzahl von Nazis zusammenzutreiben, und der einfachste Weg, das zu bewerkstelligen, war, alle mitzunehmen, die sie erwischen konnten und sie so lange zu schinden, bis sie zugaben, Nationalsozialisten gewesen zu sein. Nachdem sie einen in ihnen unverständlichem Russisch abgefaßten Wisch unterzeichnet hatten, wurden sie in Viehwagen in den Ural verfrachtet. In diesem Wagen waren 43 Menschen gewesen, von denen einige erstickt oder verdurstet waren. Sie hatten lediglich alle zwei Tage einen Becher Wasser erhalten. Im Gefangenenlager angekommen, erhielten sie den Auftrag, Ziegel zu brennen. Sie wurden gezwungen, die heißen Ziegel mit den nackten Händen aus den Öfen zu nehmen und ganze Karrenladungen von ihnen 14 Stunden lang im Tag zu schieben. Viele der deutschen Frauen in dem Lager waren gestorben — in einem Jahr mehr als die Hälfte der ursprünglichen Zahl. Der Typhus hatte viele von ihnen dahingerafft, obwohl eine deutsche Lagerärztin ihnen zu helfen versucht hatte. Der Lager-

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leiter, ein Volksdeutscher, war sehr brutal gewesen. Wahrscheinlich hatte er durch die Übernahme dieses Postens sein sonst bereits verlorenes Leben gerettet. Die Gefangenen hatten auf Holzbänken und ohne Decken schlafen müssen. Ihre einzige Nahrung waren Gemüsesuppen und eine kleine Brotration. Kontakte zur russischen Bevölkerung waren streng untersagt; die Frauen wurden von bewaffneten Wachen zur Arbeit getrieben und von ihnen nach zehnstündiger Arbeit wieder ins Lager zurückgeführt. Ein paar dieser Wachsoldaten hatten sich anständig benommen, die meisten waren Schinder gewesen.

Von Greueln will heute niemand mehr etwas hören. Niemand kümmert sich um die Leiden unschuldiger Deutscher, man ist aber immer noch nur zu bereit, sie für die Verbrechen der Nationalsozialisten bezahlen zu lassen. Ohnmächtiges Mitleid erfüllte mich, als ich erfuhr, daß nur eines der beiden deutschen Mädchen die Erlaubnis erhalten hatte, im amerikanischen Sektor von Berlin bleiben zu dürfen. Das andere wurde gezwungen, im russischen Sektor zu leben, wo es jeden Augenblick erneut verhaftet werden konnte, weil es zuvor nicht in Berlin gelebt hatte. Es besteht nämlich eine Anordnung, daß nur die Leute registriert werden und Lebensmittelkarten erhalten, die vor 1945 in Berlin gewohnt hatten. Der älteren der beiden Schwestern ging es ziemlich schlecht, doch sie hätte sicherlich einen Raum für beide gefunden, wenn nur die amerikanischen Behörden ihr gestattet hätten, die jüngere Schwester bei sich aufzunehmen.

Nicht nur die Armen und die Opfer des Kommunismus waren es, die in Berlin Mitleid erregten. Auch die völlig überarbeiteten Witwen und Frauen von Kriegsgefangenen waren, wenn sie nur Kinder hatten, wahrscheinlich weniger unglücklich als etwa meine deutsche Haushälterin im Pressehauptquartier. Sie versorgte ein leerstehendes Haus, das für auf Besuch befindliche amerikanische Journalistinnen reserviert war; es gab so wenige von ihnen und diese wenigen kamen so selten, daß dieses Haus fast immer leerstand. Sie war kein Mädchen mehr, aber noch keineswegs alt und sehr gut aussehend, doch Tag um Tag war sie mutterseelenallein. Ihr Bräutigam war im Krieg gefallen und ihre einzige noch am Leben befindliche Verwandte war ihre Mutter, der aber nicht erlaubt war, mit ihr in diesem den Siegern und ihren Dienern vorbehaltenen Hause zu leben. Da diese Frau zu den Dienern gehörte, hatte sie zwar mehr zu essen als die meisten anderen Berliner, doch der Hunger des Herzens ist sicherlich schlimmer als

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der des Körpers. Sie war nicht der Typ, der sich in allzu leichte Liebesaffären verstricken konnte; sie hatte keinen amerikanischen Freund noch war es wahrscheinlich, daß sie jemals die Gelegenheit haben würde, einen Deutschen kennenzulernen, der sie heiraten würde. Die Zukunft hatte ihr nichts anderes zu bieten als Einsamkeit.

In diesen Tagen des Unglückes war es die Standhaftigkeit der deutschen Frauen und ihre eiserne Entschlossenheit, ihre Familien am Leben zu erhalten, die Deutschlands Stärke auch in der tiefsten Niederlage begründete.

Da ich selbst sechs Jahre in der Sowjetunion gelebt hatte, wußte ich, was es bedeutete, eine Frau zu sein und in einer Welt, die von der ihren nicht sehr verschieden war, um Nahrung und Wohnraum für eine Familie kämpfen zu müssen. Es war unausbleiblich, daß ich mich diesen Frauen aufs Tiefste verbunden fühlte. Jetzt durfte ich mich der gleichen Privilegien erfreuen wie der Rest der amerikanischen und britischen Zeitungsberichterstatter und Besatzer, ich hatte aber nicht das Gefühl, daß ich zu ihnen gehörte. Die Erinnerung an das Leben, das ich in Moskau geführt hatte, als ich leben mußte, wie das ganz gewöhnliche Russen taten, war noch zu lebendig in mir.

Die meisten Amerikaner und sogar die Briten haben keinen rechten Begriff davon, was Hunger wirklich bedeutet und finden es durchaus in Ordnung, gut zu essen und in schönen Autos herumzufahren, während die Eingeborenen hungern und zu Fuß laufen müssen. Es war nicht etwa so, daß ich besser als die anderen gewesen wäre oder eine stärkere Vorstellungskraft besessen hätte; es waren lediglich meine Erfahrungen, die ich in der Vergangenheit gemacht hatte und die hautnahe Berührung mit der Sowjetmacht, die mir all dies so lebendig vor Augen stellten. Wenn ich deutsche Frauen sah, die schwere Lasten durch die Straßen schleppten, so erinnerte ich mich daran, daß ich einstmals nichts dabei gefunden hatte, 20 Kilo Kartoffeln nach Hause zu tragen und nur glücklich darüber gewesen war, so viel zum Essen ergattert zu haben. Wenn ich die mageren Berliner Kinder mit ihren traurigen Augen erblickte, dann dachte ich an meinen eigenen, in Moskau geborenen Sohn, der niemals wirklichen Hunger gelitten hatte, der aber so geworden wäre wie diese deutschen Kinder, wenn es mir nicht gelungen wäre, nach der Verhaftung meines Mannes mit ihm aus Rußland zu entkommen. Wenn ich deutsche Wohnungen aufsuchte, die lediglich aus einem einzigen

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baufälligen Raum bestanden, dann rief ich mir die ebenso überfüllten und feuchten Behausungen ins Gedächtnis zurück, in denen ich und meine russischen Freunde und Bekannten vegetiert hatten. Wenn ich mir im PX-Laden Zigaretten, Schokolade und Seife kaufte, dachte ich daran, was in längst entschwundenen Moskauer Tagen ein Päckchen mit Kaffee, Seife oder Toilettenpapier von irgendeinem Freund in England mir bedeutet hatte. In Deutschland empfand ich Scham darüber, einem dieser fremden Besucher Moskaus zu gleichen, die in den Intourist-Hotels in Saus und Braus gelebt hatten, während die Russen Hunger litten. Wenn ich Deutsche einlud, mit mir im Presse-Club zu essen, erinnerte ich mich daran, was es einmal für mich bedeutet hatte, von einem zu Besuch weilenden Ausländer zu einem guten Mittagessen in ein Moskauer Hotel eingeladen zu sein. Wenn ich die deutschen Kellner in den uns Siegern vorbehaltenen Klubs und Hotels beobachtete, dachte ich an ihre Kollegen in den Moskauer Intourist-Hotels, die gleich diesen Deutschen für andere Leute leckere Speisen auftrugen, ohne selbst etwas davon zu erhalten. Trinkgelder waren im kommunistischen Rußland verboten gewesen; Russen gaben sie zwar, Fremde aber nur selten, weil man ihnen erklärt hatte, es sei unter der Würde eines Kellners, sie im Vaterland des Sozialismus anzunehmen. In Deutschland war es ebenfalls untersagt, Trinkgelder zu geben (da Deutsche unser Besatzungsgeld nicht benutzen durften) außer in der Form von ein oder zwei auf dem Tisch liegengelassenen Zigaretten.

Das Schlimmste war, daß mich das Benehmen der Beamten der Militärregierung gegenüber den Deutschen nur allzu sehr an die hochnäsige Geringschätzung erinnerte, mit der die kommunistischen Bürokraten die einfachen Russen behandelt hatten. Es war nicht so, daß die Amerikaner bereits gelernt hätten, sich ebenso arrogant zu benehmen wie die Mitglieder der herrschenden Klasse in der Sowjetunion. Es war erfreulicherweise noch viel von dem natürlichen amerikanischen Hang zu Freundlichkeit und Großmut zu bemerken, doch diesen Amerikanern war beigebracht worden, die Deutschen als Menschen zweiter Klasse zu behandeln und viele von ihnen war der Meinung, die Bekundung von Sympathie oder Freundlichkeit zeuge von schlechten Manieren.

Ich vermochte nicht, mich den Deutschen überlegen zu fühlen; denn auch ich war einmal schuldig geworden. Wenn die Deutschen es verdienten, für alle Zeiten zu leiden, weil sie einmal dem falschen und bösen Vorbild der Nationalsozialisten gefolgt waren,

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so mußte auch ich gleich vielen anderen Briten und Amerikanern bestraft werden, weil wir einmal Kommunisten oder Mitläufer der Kommunisten oder von ihnen Düpierte gewesen waren. "Hier gehe ich, doch nur dank der Gnade Gottes", so dachte ich ständig bei mir in Berlin und den anderen, von Bomben zerschlagenen deutschen Städten, wo ein Volk, verdammt von der ganzen Welt, unfähig, sich zu verteidigen, hungrig und ohne Rechte und Freiheiten, nur dank seiner unzerstörbaren Lebenskraft und den Tröstungen der Religion weiterzuleben imstande war.

Ich weiß, daß die Impulse und Illusionen, die mich in meiner Jugend zur Kommunistin machten, gar nicht so grundlegend verschieden von jenen waren, die so viele junge Deutsche veranlaßt hatten, Hitler zu folgen. Ich war eine Engländerin, ich war als Sozialistin erzogen worden, ich lebte in einem reichen Land und in der Hauptstadt eines Weltreiches, über dem in jenen Tagen die Sonne niemals unterging, doch meine einzige Sorge galt der Befreiung des gesamten Menschengeschlechtes und nicht der meines Vaterlandes allein. Ich hatte mich dem Kommunismus in die Arme geworfen, weil er allen Menschen die Gleichheit zu bringen versprach, unabhängig von Nation, Rasse oder Glaubensbekenntnis. Das kommunistische Ideal war mir als die Erfüllung des jahrhundertealten Kampfes der Menschheit für Frieden und Gerechtigkeit erschienen.

Die Nationalsozialisten hatten nicht an die gleichen edelmütigen Beweggründe und die Idee des Internationalismus appelliert, wie das die Kommunisten getan hatten. Nur allzu vielen jungen Deutschen muß aber anfangs der Nationalismus als der einzige Weg erschienen sein, dem deutschen Volk, das sie in die Fesseln des Vertrages von Versailles geschlagen sahen, Freiheit und Gleichberechtigung zu bringen. Als Hitler ihnen Arbeit und Brot versprach, das Ende der Arbeitslosigkeit und ein stolzes und starkes Deutschland anstelle der schwachen und wehrlosen Weimarer Republik, wird wohl keiner dieser Menschen geahnt haben, daß er sie dazu verführen werde, entsetzliche Grausamkeiten zu begehen und einen Angriffskrieg vom Zaune zu brechen. Auch ich hatte ja nicht gewußt, daß der Kommunismus die Liquidierung von Millionen russischer Bauern bedeutete, ein Hungerleben für die Arbeiter und Sklavenarbeit in einem bis dahin noch nie erlebten Ausmaß. In Rußland hatte ich erlebt, wie junge Männer und Frauen durch Appelle an ihren Idealismus dazu getrieben wurden, die sogenannten Kulaken auszurotten — ein Verbrechen

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so groß und furchtbar wie die Judenvernichtung durch die Nationalsozialisten. Mir erscheint es gleichermaßen schrecklich, Menschen für ihre Klasse wie für ihre Rasse zu töten oder in Konzentrationslager zu werfen.

Ich konnte es ganz einfach nicht verstehen, daß dieselben Amerikaner, die Stalins blutige Willkürherrschaft während und nach dem Krieg verherrlicht hatten, jetzt hartnäckig darauf bestanden, eine zeitlich nicht begrenzte Bestrafung aller Deutschen zu fordern. Wenn alle Deutschen der Teilhaberschaft an Hitlers Verbrechen für schuldig befunden wurden und jeder, der jemals Nationalsozialist gewesen war, für alle Zeiten verdammt sein sollte, dann müssen die Kommunisten aller Länder und auch diejenigen, die sich von ihnen verführen ließen und sie unterstützten, für die von Stalin begangenen Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden.

Ich war aus Rußland entkommen und als Ausländerin war es mir gelungen, die kommunistische Partei zu verlassen, ohne daß ich, Jahre bevor ich die Sowjetunion verließ, liquidiert wurde. Wäre ich aber geblieben, das wußte ich, hätte mich die Sowjetdiktatur gezwungen, schreckliche Dinge zu tun, falls das Leben meines Mannes und meines Sohnes der Preis für meinen Ungehorsam gewesen wäre. Da ich unter der kommunistischen Diktatur gelebt habe und daher weiß, was Terror bedeutet, kann ich den Deutschen nicht zum Vorwurf machen, nicht gegen Hitler revoltiert zu haben wie das andere Leute tun, die in Amerika in Sicherheit leben und sich ihr ganzes Leben hindurch der von den Vätern überkommenen Freiheiten erfreuen durften.

Ein anderer Grund neben meinen russischen Erfahrungen, die Deutschen nicht als schlechtere Menschen ansehen zu können als andere Leute, hat zweifellos seine Ursache darin, daß ich als Engländerin geboren wurde. Ich erkenne an, daß die Deutschen den bösen Fehler gemacht haben, den Spuren der Briten, Franzosen, Niederländer und Belgier in einem Zeitalter gefolgt zu sein, als die Bildung von Imperien nicht mehr als respektable Betätigung erachtet wurde — es sei denn für Kommunisten. Ich vermag aber nicht einzusehen, warum die Deutschen, die keine asiatischen oder afrikanischen Kolonien besitzen, die sie ausbeuten können, für von Natur aus angriffslustiger als diejenigen Nationen Westeuropas gehalten werden, die stattliche Einkünfte aus ihren Kolonien beziehen. Ich war aber ob meiner eigenen, in der Vergangenheit begangenen Fehler und meiner verlorenen Illusionen

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unfähig, dem gesamten deutschen Volk die Schuld an den Verbrechen der Nationalsozialisten zu geben ebenso wie ich mich nicht als verantwortlich für die Übeltaten der britischen Imperialisten oder die vergangenen und gegenwärtigen Grausamkeiten der Sowjetdiktatoren betrachtete. Die Strafe für meine hinter mir liegenden Narreteien war gewesen, daß ich in Rußland meinen Mann verlor. Ich hatte aber meinen Sohn gerettet und war mit ihm in die freie westliche Welt entkommen. Die Deutschen, Unschuldige wie Schuldige, hatten gnadenlose Bombenangriffe, den Hunger, die Qualen der Ehemänner, Söhne und Bruder in russischen Gefängnissen und den Schimpf der gesamten Welt erduldet. Ich hatte das Gefühl, daß das Ausmaß ihrer Strafe in keinem Verhältnis zu der meinen stand.

Mit einem Gefühl der Scham hörte ich den Deutschen, welcher das Auto fuhr, das mir in Berlin zur Verfügung stand, zu mir sagen : "Ich habe jetzt drei Jahre für die Amerikaner gearbeitet, aber Sie sind der erste Mensch, der zu mir wie zu einem menschlichen Wesen gesprochen hat." Ich hatte ihn gefragt, wieviel er verdiene, wie viele Stunden er arbeiten müsse, ob er Frau und Kinder habe, ob diese auch genug zu essen bekämen und wie er nach Hause komme, wenn er mich nachts vor meinem Hotel verlassen habe. Ich glaube nicht, daß der Umstand, daß ich einiges Interesse an seiner eigenen Lage bekundete noch die Schokolade, die Seife und die Zigaretten, die ich ihm gab und daß ich mein reichhaltiges Frühstück mit ihm teilte, die Barriere zerbrach, die sein korrektes Benehmen als Bediensteter zwischen uns beiden errichtet hatte, das Benehmen eines Besiegten gegenüber seinem neuen Herrn. Erst als ich ihm eines Tages erklärte, daß wir meiner Meinung nach die Deutschen wie ein Kolonialvolk behandelten, wurde er mitteilsamer und freundlich. Meine Bemerkung war durch den Anblick der halbnackten, barfüßigen deutschen Jungens veranlaßt worden, die auf den Tennisplätzen des Presseklubs die Bälle aufsammelten. Ich war der Meinung, daß sie selbst Tennis spielen sollten statt wie kleine Sklaven umherzurennen. Dieser Mann gab mir, von der anderen Seite her gesehen, einen Eindruck davon, wie unsere ursprüngliche Politik des Faßt die Deutschen hart an ! die Masse der deutschen Bevölkerung beeinflußt hatte. "Ich nehme an", sagte er zu mir, "daß die Grobheit und der Mangel an Takt, den die Amerikaner bekunden, auf die Riesengröße ihres Landes zurückzuführen sind. Wahrscheinlich gehen viele Amerikaner niemals zur Schule und lernen, wie man sich anstän-

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dig benimmt und deshalb sind sie so grob und taktlos." Ich sagte ihm, daß er im Irrtum sei und versuchte zu erklären, daß die Amerikaner in Wirklichkeit gar nicht unerzogen oder herzlos seien : Der Haß gegen die Brutalitäten der Nazis und der daraus gezogene Schluß, daß alle Deutschen Strafe und harte Behandlung verdienten, habe anfangs unsere Besatzungspolitik inspiriert. Ich vermochte ihn nicht zu überzeugen. Wie, so fragte er, könne ich die freundliche und bedachtsame Haltung der Amerikaner gegenüber den Russen erklären, wenn die im nationalsozialistischen Deutschland begangenen Grausamkeiten die Amerikaner dazu geführt hätten, sich unmenschlich gegenüber dem besiegten Deutschland zu benehmen. Das Gegenwort zu Unmenschlichkeit, das Wort Menschlichkeit, hörte ich am meisten auf deutschen Lippen. Dieses Wort ist schwer zu übersetzen, weil es so viel gleichzeitig bedeutet : ein eines Menschenwesens würdiges Betragen, Anstand, Freundlichkeit, Rücksichtnahme auf andere, Respekt vor dem anderen Individuum ohne Rücksicht auf dessen Nationalität, Klassenzugehörigkeit, Religion oder persönliche Macht — all das also, was einen freien Mann von einem Rohling, einem Sklaven, einem Roboter unterscheidet.

Die Einsicht, daß die Menschenrechte — im guten, altehrwürdigen Sinn des 18. Jahrhunderts, der die französische und amerikanischen Revolution inspirierte — den Vorrang haben und daß kein Wirtschafts- und Sozialsystem, das sie leugnet, erträglich ist, haben die sozialistische, liberale und christdemokratische Partei Berlins im Angesicht der kommunistischen Bedrohung ihrer Freiheit geeinigt. Hier, an der vordersten Front des Konfliktes zwischen westlicher Demokratie und sowjetischer, totalitärer Tyrannei, war der wiedergeborene Glaube an die Ideale der Renaissance, der Reformation und der Gegenreformation zu finden.

Hier fand man eine Einigung wie nirgendwo anders in Europa, zwischen Ungläubigen und Christen, Protestanten und Katholiken, Sozialisten, Liberalen und Konservativen. Sie alle wußten, daß der Kampf um die Herrschaft über diese Welt vor allem ein Kampf zwischen dem Individuum, der Maschine und dem Staate ist, der uns alle zu seinen Sklaven machen will; mit den Totalitären, die uns alle auf die Stufe von Tieren herabziehen wollen, indem sie die Verantwortung des Einzelmenschen, Gewissen und Menschlichkeit leugnen sowie den Leuten, die darauf beharren, daß man Sicherheit nur durch die Unterwerfung unter die Tyrannei gewinnen könne.

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Vielleicht, so dachte ich, ist es der neue Inhalt des Sozialismus, wie er sich in Berlin darbietet, wo die Sozialdemokraten die stärkste Partei und die Führer im Kampf gegen den Kommunismus sind, der die größte Hoffnung für die westliche Zivilisation darstellt.

Die Einigkeit, die Sozialisten, Christliche Demokraten und Freie Demokraten bei ihrem Widerstand gegen den Ansturm der Kommunisten bewiesen, wurde nur möglich, weil die Mitglieder aller drei Parteien anerkannten, daß keine dieser Parteien das Monopol der Wahrheit für sich beanspruchen konnte und daß Toleranz, Redlichkeit und Menschlichkeit die Grundvoraussetzungen einer freien Gesellschaft sind. Die meisten Berliner haben nichts zu verlieren als ihre Freiheit. Vielleicht ist es dies und die schrecklichen Prüfungen, die sie durchgestanden haben, die ihnen die klare Erkenntnis dessen, auf was es allein ankommt und ihre innere Stärke gibt. Sie haben sich an ihr hartes Leben so gewöhnt und so viel erlitten, daß diejenigen unter ihnen, die daran nicht zerbrochen sind, eine Geistesstärke besitzen, wie sie heutzutage selten zu finden ist.

Es überraschte mich, daß es unserer ursprünglich eingeschlagenen Besatzungspolitik nicht gelungen war, die deutsche Jugend in Zyniker, Opportunisten oder rücksichtslose Egoisten zu verwandeln. Wir hatten ja schließlich während der ersten beiden Jahre unserer Anwesenheit als Besatzungsmacht unsere demokratischen Grundsätze und Ideale zum Gespött gemacht, nicht nur dadurch, daß wir sämtliche Deutschen, einschließlich der Insassen der Gefängnisse Hitlers, als Parias behandelten, sondern auch, indem wir alle möglichen Entschuldigungen für die von den Sowjets begangenen Grausamkeiten fanden und die Kommunisten als Demokraten behandelten. Wir hatten sogar darauf bestanden, daß Kommunisten in die Verwaltung der deutschen Städte und Länder aufgenommen wurden und sie als Richter bei den Spruchkammern eingesetzt. In Berlin zum Beispiel hatte die alliierte Kommandantur, obwohl die Wahlen vom Oktober 1946 den Sozialisten, Demokraten und Christdemokraten 80 Prozent der Stimmen eingebracht hatten, eine Mehrheitsregierung abgelehnt und darauf bestanden, daß die Kommunisten in eine Koalition aufgenommen wurden, obwohl deren Partei — die SED — nur 19 Prozent aller in der Stadt abgegebenen Stimmen erhalten hatte. Auch später noch gestatteten die britischen und amerikanischen Besatzungsbehörden den Deutschen nicht, die Kommu-

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nisten hinauszuwerfen, die noch immer in den Wirtschafts-, Arbeits- und Gesundheitsämtern der Westsektoren saßen, es sei denn, sie erwiesen sich als untüchtig oder als offenkundige Zuträger der Russen.

Ich weiß natürlich sehr gut, daß Berlin nicht nur nicht Prag, sondern auch nicht ganz Deutschland ist. Das Entscheidende an Berlin schien mir aber zu sein, daß es dort eine Bewegung gab, die ganz Deutschland zu einer echten Demokratie zu machen imstande war und die durch ihr Beispiel die gespaltenen und verwirrten antitotalitären Kräfte in Europa und Amerika mit neuem Leben erfüllen und einigen konnte.

Es gab jedoch eine düstere Kehrseite dieses hoffnungsfreudigen Bildes, das Berlin bot. Einige der in der Wolle gewaschenen Nationalsozialisten hatten sich mit den Kommunisten zusammengetan und es bestand die Gefahr, daß ein neuer, aggressiver deutscher Nationalismus erstand — diesmal unter der Sowjetflagge statt unter der mit dem Hakenkreuz. Frühere Theoretiker des Nationalsozialismus hatten Lehrstühle an der Universität im russischen Sektor Berlins und in Städten der Sowjetzone inne.

Vielleicht noch entscheidender ist der Umstand, daß die Russen in ihrer Zone einen rücksichtslosen wirtschaftlichen Druck ausüben, um die demokratische Opposition zu unterdrücken. Nur verläßliche Studenten können sich immatrikulieren lassen und Sonderzuwendungen in Geld und anderer Form werden nur denjenigen gewährt, die die kommunistische Diktatur unterstützen. Alle Deutschen, die der Sowjetunion von Nutzen sind oder sein könnten, erhalten die berühmten Pajok-Pakete. Auf die Leute, die nur um materieller Vorteile willen der SED beitreten, können die Russen möglicherweise nicht zählen. Ihre verläßlichsten Bundesgenossen und die, die uns am gefährlichsten sind, sind die ehemaligen Nationalsozialisten, die hoffen, durch eine Unterwerfung unter die Sowjets und eine Zusammenarbeit mit ihnen gegen den Westen Hitlers Tausendjähriges Reich vielleicht wiedererstehen zu lassen.

Die in Berlin offenkundig werdende politische Schwäche der Kommunisten beweist, daß es noch zu wenige Nationalsozialisten oder andere Kollaborateure gibt, die die kommunistische Diktatur verstärken könnten. Trotzdem wäre es ein Irrtum anzunehmen, daß die Deutschen auf alle Fälle auf unserer Seite bleiben müßten, selbst dann, wenn wir ihnen weiterhin die Rechte freier Menschen verweigern.

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