Carlos W. Porter

Nicht schuldig in Nürnberg

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Copyright by Carlos W. Porter, 1996
Published by Books Unlimited
20 Madeira Place, Brighton, East Sussex BN2 1TN, England

Seitenzahlen in «Klammern» beziehen sich auf die deutsche Ausgabe des IMT-Protokolls


RUDOLF HÖß

Rudolf Höß war der Auschwitzkommandant, dessen angebliche "Geständnisse" "bewiesen" haben sollen, daß Hitler tatsächlich sechs Millionen Juden vergast hat (oder fünf Millionen, die im Nürnberger Prozeß normalerweise zitierte Zahl). Sein bekannteste Geständnis ist dasjenige, das von William L. Shirer auf S. 968–969 von "The Rise and Fall of the Third Reich" zitiert wird.

Dieses Dokument, 3868-PS, sollte in seinem Kontext gesehen werden. Die schriftliche "ex-parte" "eidesstattliche Erklärung" (wo sich nur eine der Parteien äußert – ohne der anderen Partei die Möglichkeit zu geben, durch einen Kreuzverhör vertiefende Fragen zu stellen) war ein Hauptwerkzeug der Anklage in den mittelalterlichen Hexenprozessen. Danach verschwand dieses Instrument der Rechtspflege für mehrere Jahrhunderte, um dann in den kommunistischen Schauprozessen und den Kriegsverbrecherprozessen wiederaufzutauchen.

Diese Dokumente verletzen viele Standardregeln des normalen Strafprozeßverfahrens, z.B. die Regel gegen das Stellen von Suggestivfragen, die Regel gegen die Vorlage von früher verfaßten, übereinstimmenden Behauptungen (d.h., das Fabrizieren von Beweisen, indem man in verschiedenen "Dokumenten" zehnmal dieselben Behauptungen aufstellt; in modernen Strafprozessen werden solche Dokumente nur vorgelegt, wenn sie späteren Behauptungen widersprechen), das Recht des Angeklagten, mit seinem Ankläger konfrontiert zu werden, und ihm in einem Kreuzverhör Fragen zu stellen; sowohl als auch das Recht des Angeklagten, die Aussage zu verweigern, um nicht sich selbst zu belasten. Auch wären die in Kriegsverbrecherprozessen vorgelegten "Beweise" in normalen Militärprozessen nicht zulässig. Sogar 1946 wurde die Vorlage schriftlicher Erklärungen an Eides Statt durch die Anklage in Militärprozessen, wo es um die Todesstrafe ging, durch Artikel 25 von den US Articles of War verboten. Artikel 38 forderte den Gebrauch der "Federal Rules of Evidence", d.h. der normalen Bewiesregeln vor amerikanischen Bundesgerichten.

Im Nürnberger Prozeß wurde zu keinem Zeitpunkt der Anschein vorgetäuscht, daß Höß dieses Dokument selbst geschrieben hätte. Wenn das der Fall gewesen wäre, hätte es im Dokument nicht geheißen: "Ich verstehe Englisch, so wie es im vorliegenden Dokument geschrieben ist", sondern, "Ich habe dieses Dokument selbst geschrieben". In den zweitrangigen Kriegsverbrecherprozessen (Hadamar, Natzweiler, usw.), ist es völlig normal, ganze Geständnisse zu finden, die ausschließlich in der Handschrift des Vernehmungsbeamten und auf englisch geschrieben sind, wo dann der Gefangene selbst auf deutsch die Erklärung hinzugefügt hat, daß dies seine eigenen Behauptungen seien, und daß er mit der Äbersetzung ins Englische zufrieden sei!

(Dabei ist zu bedenken, daß die Englischkenntnisse der Deutschen damals generell sehr gering waren. Die meisten hatten überhaupt keine Fremdsprache gelernt. Auch im Fall Höß ist nirgendwo belegt, daß er der englischen Sprache mächtig war. Alles spricht dagegen! [Anm. des Übersetzers]).

Ein anderer Wortlaut derselben Beglaubigungsformel findet sich auf Seite 57 im Hadamarband der "War Crimes Trials" von Sir David Maxwell-Fyfe: "I certify that the above has been read to me in German, my native tongue ["Ich erkläre, daß mir dieses Dokument in deutscher Sprache, meiner Muttersprache, vorgelesen worden ist" (auf englisch).

Angeblich wurde der Gefangene von einem Dolmetscher in Frage-und Antwortform vernommen; die Fragen wurden dann ausgelassen, und die Antworten wurden zuletzt zu einer Erklärung zusammengeflickt, normalerweise von einer anderen Person als dem Vernehmungsbeamten, der die Fragen gestellt hatte.

Zum Beispiel wurden im Belsenprozeß sämtliche Erklärungen immer von demselben Offizier, Major Smallwood, geschrieben. In diesem Prozeß, eine Art kombinierter Auschwitz-Belsen Prozeß, richteten die vom Gericht ernannten britischen und frei-polnischen Pflichtverteidiger einen völlig vernichtenden Schlag gegen die Beweise der Anklage – auch gegen die behaupteten "Selektionen für Massenvergasungen". Ihre Argumentation wurde aber zurückgewiesen, weil man unfreiwillig abgegebene Erklärungen und Gerüchte in sowohl schriftlicher als mündlicher Form für zugelassen hielt, "nicht um Unschuldige zu verurteilen, sondern um Schuldigen für schuldig zu finden" ("Law Reports of Trials of War Criminals", Vol. II (dieser dünne Band muß als Ganzes gelesen werden).

Nachdem der Offizier, der auf das Schreiben von Erklärungen spezialisiert war, ein Dokument fertiggestellt hatte, wurde es dem Gefangenen zur Unterschrift vorgelegt. Wenn die Erklärung nicht unterschrieben wurde, wurde sie trotzdem dem Gerichtshof als Beweis vorgelegt. Im Jargon der Kriegsverbrecherprozesse gingen Einwände höchstens gegen ihr "Gewicht", nicht aber gegen ihre "Zulässigkeit".

Ein Beispiel für eine nicht unterschriebene Erklärung von Rudolf Höß ist Dokument NO-4498-B. Die Buchstabe B bedeutet, daß das Dokument nur eine mit der Schreibmaschine "unterschriebene" "Übersetzung" eines in der polnischen Sprache abgefaßten und angeblich von Höß unterschriebenen "Originaldokuments", Dokument NO-4498-A. Es gibt auch ein Dokument NO-4498-C, in der englischen Sprache. Die Erklärungen A und C sind nicht der Erklärung B beigelegt, die die "beglaubigte Kopie" sein soll.

Dokument 3868-PS, das von Shirer zitiert wird, wurde auf englisch dreimal unterschrieben, aber die deutsche "Übersetzung" ist nie unterschrieben worden. Das Dokument enthält eine ganz unwichtige, aber angeblich von Höß mit einem kleinen "h" versehene Änderung, und einen ganzen Satz in der Handschrift des Vernehmungsbeamten (vgl. die großen "W") ohne Paraphierung von Höß. Natürlich ist das "h" da, um zu "beweisen", daß Höß die Erklärung "gelesen und korrigiert" hat. Der Inhalt dieses handgeschriebenen Satzes wird anderswo widerlegt (XXI 529 «584»).

Wenn eine Erklärung dem Gefangenen zur Unterschrift vorgelegt wurde, wurde sie manchmal weitgehend geändert, was dazu führte, daß es von einem Dokument oft 2 oder mehr verschiedene Versionen gibt. In diesen Fällen werden die längeren Versionen "zitiert", während die kürzeren "verloren gehen". Ein Beispiel für diese Praktik ist Dokument D-288, die Erklärung von Dr. Wilhelm Jäger (siehe Albert Speer), die von William L. Shirer auf S. 948–949 zitiert wird.

Jäger sagte aus, er habe 3 oder 4 Kopien desselben Dokuments unterschrieben. Es sei aber ein viel kürzeres Dokument gewesen. Das kürzere wurde zuerst gegen den älteren Krupp vorgelegt, bevor der Prozeß gegen ihn aufgegeben wurde. Im längeren Dokument ist die Übersetzung ins Englische mit einem früheren Unterschriftsdatum versehen als das "Original". Jägers Erscheinung vor dem Gericht war eine echte Katastrophe, aber das hat man vergessen (XV 264–283 «291–312»).

Wenn der Unterzeichner einer solchen "Erklärung" erschien, um vor Gericht auszusagen, widersprach er immer der schriftlichen Erklärung die Widersprüche sind aber vergessen. Andere Zeugen, die vorher eine Erklärung unterschrieben hatten, und deren Erscheinen vor dem Gerichts hof katastrophal war, sind u.a. General Westhoff, der seiner "Erklärung", die nicht eidesstattlich war, 27mal widersprach (XI 155–189 «176–212»); und ein "Experte für die bakteriologische Kriegsführung", Schreiber, (XXI 547–562 «603–620»). Im Fall Paul Schmidt – Hitlers Dolmetscher – wurde ihm seine "Erklärung", Dokument 3308-PS, zur Unterschrift vorgelegt, als er zu krank war, um sie sorgfältig zu lesen, und er hat sie denn auch später teilweise widerrufen (X 222 «252»); die Erklärung wurde aber trotzdem gegen von Neurath gebraucht, obwohl sich Schmidt davon distanziert hatte (XVI 381 «420–421» XVII 40–41 «49–50»). Ernst Sauckel unterschrieb eine Erklärung, die vor seiner Ankunft in Nürnberg (XV 64–68 «76–80») ausgefertigt worden war; er unterschrieb sie unter Zwang (seine Frau und seine 10 Kinder wären sonst an die Polen oder die Russen ausgeliefert worden).

Weil die Unterzeichner ganz selten (wenn überhaupt) ihre eigenen "Erklärungen" geschrieben haben, ist es ganz natürlich, daß man oft in verschiedenen Dokumenten identische, oder beinahe identische, Sätze oder ganze Abschnitte findet – auch wenn die Dokumente an verschiedenen Tagen und angeblich auch von verschiedenen Personen ausgefertigt wurden. Als Beispiele nur die Erklärungen 3 und 5 von Blaskovitz und Halder (Beweisstück 536-US und 537-US; Dokument UdSSR-471 und UdSSR 472 und 473; und Dokument UdSSR-264 und 272 (Erklärungen über die Herstellung von Seife aus Menschenfett).

Andere von Höß unterzeichneten Erklärungen sind u.a. Dokument NO 1210, das zuerst auf englisch geschrieben wurde und umfangreiche Einschiebungen, Ergänzungen, und Verbesserungen enthält, darunter 2 verschiedene Entwürfe von Seite 4 und 5. Die "Erklärung" wurde später ins Deutsche übersetzt und von Höß unterzeichnet. Das heißt, daß die "Übersetzung" in Wirklichkeit das "Originaldokument" ist – und das "Originaldokument" die "Übersetzung".

Dokument 749(b)D wurde vor der Unterzeichnung durch Höß "mündlich aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt". Die Unterschrift ist schwach bis an die Unleserlichkeit, was auf Krankheit, Müdigkeit oder Folterung deuten könnte. Die Folter wird von Rupert Butler in "Legions of Death" (Hamlyn Paperbacks) beschrieben.

Das "Geständnis", das am 1. April 1946 (das Datum war wohl ein Zufall) von Sir David Maxwell-Fyfe zitiert wurde, in dem Höß die Tötung von 4 Millionen Juden gestanden haben soll (X 389 «439–440»), (statt der 2.5 Millionen vom 5. April), hat entweder nie existiert oder ist in der Zwischenzeit "verloren gegangen".

Es ist ganz einfach nicht wahr, daß die Aussagen von Höß im Nürnberger Prozeß im wesentlichen nur die Behauptungen seiner Erklärung bestätigt haben sollen; das gilt nur für seine Aussagen im Kreuzverhör des Col. John Amen von der U.S. Army.

Im Gegenteil, Höß erschien um auszusagen, und wie gewöhnlich widersprach er seiner Erklärung und sich selbst soviel er nur konnte (XI 396–422 «438–466»).

Wo die Erklärung zum Beispiel behauptet: "Wir wußten, wann die Leute tot waren, weil ihre Schreie aufhörten" (XI 416 «460») – ganz einleuchtend eine toxikologische Unmöglichkeit – behauptet er in seiner mündlichen Aussage aber – als Antwort auf grobe, unzulässige Suggestivfragen des "Verteidigers" von Kaltenbrunner – daß die Opfer das Bewußtsein verloren hätten (XI 401 «443»), was die Frage ungeklärt ließ, genau wie er genau wissen konnte, wann die Opfer tatsächlich tot waren.

Offensichtlich vergaß er zu erwähnen, daß die Tötung von Insekten mit Zyklon 2 Tage dauerte, eine Tatsache, auf die er anderswo aufmerksam gemacht hatte (Dokument NO-036, S. 3, deutscher Text, Antwort auf Frage 25; siehe auch "Kommandant in Auschwitz", S. 155). Mit einem so langsam wirkenden Gift, wären die Leute schon erstickt, lange bevor das Gas hätte wirken können.

Höß behauptete, daß der Befehl, die europäischen Juden zu töten, mündlich (XI 398 «440»), der Befehl, die Tötungen zu verschweigen, aber schriftlich gegeben worden wäre (XI 400 «442»). Er behauptete, daß einige der Opfer in tiefen Gruben verbrannt worden wären, obwohl Auschwitz ein notorischer Sumpf war (XI 420 «464»); die Goldzähne seien auf der Stelle eingeschmolzen worden (XI 417 «460»); trotzdem hätte eine Evakuierung der Insassen, um eine Gefangennahme durch die Russen zu vermeiden, zu unnötigen Todesfällen geführt (XI 407 «449 450»); und er behauptet sogar beinahe, daß es überhaupt gar keine Tötungsprogramme gegeben habe! Dieses ist ein Zitat wert:

"Bis zum Kriegsbeginn 1939 war die Lage in den Lagern, was Verpflegung, Unterbringung und Behandlung der Häftlinge betraf, wie in jedem anderen Gefängnis oder einer Strafanstalt des Reiches auch. Die Häftlinge wurden zwar streng behandelt, aber an eine methodische Verprügelung oder schlechte Behandlung war nicht zu denken. Der Reichsführer hatte wiederholt Befehle herausgegeben, daß jeder SS Mann, der sich an einem Häftling vergreift, bestraft würde, und es sind auch verscheidentlich SS-Männer, die sich an Häftlingen vergingen, bestraft worden. Die Verpflegung und Unterkunft war zu diesem Zeitpunkt völlig denen anderer Häftlinge der Justizverwaltung gleichgestellt.

Die Unterbringung in den Lagern war in den Jahren auch noch normal; denn es gab zu der Zeit noch nicht diese Massenzuströmungen wie dann während des Krieges und bei Ausbruch des Krieges. Als der Krieg begann und Masseneinlieferungen politischer Häftlinge, und später in den besetzten Gebieten von Häftlingen der Widerstandsbewegung einsetzte[n], kamen die Baulichkeiten, die Erweiterungen der Lager nicht mehr mit der Zahl der eingelieferten Häftlinge mit. In den ersten Jahren des Krieges war dies immer noch zu überbrücken durch improvisierte Maßnahmen, später aber war dies kriegsbedingt nicht mehr möglich, da fast keinerlei Baumaterialien mehr zur Verfügung standen. [N.B. Die Leichen wurden angeblich mit Holz als Brennmaterial verbrannt.] <...> So trat dann der Zustand ein, daß immer mehr Häftlinge in den Lagern nicht mehr widerstandsfähig genug waren, den nun allmählich entstehenden Seuchen Widerstand zu bieten <...> Es war nicht so, daß man darauf ausging, möglichst viele Tote zu haben oder Häftlinge zu vernichten, sondern dem Reichsführer kam es immer wieder darauf an, möglichst jede Hand für die Rüstung einsetzten zu können <...> Diese sogenannten Mißhandlungen und Quälereien in den Konzentrationslagern, die überall im Volk und später durch die Häftlinge, die von der Besatzung befreit wurden, verbreitet wurden, waren nicht, wie angenommen, Methode, sondern es waren Ausschreitungen einzelner Führer, Unterführer und Männer, die sich an Häftlingen vergriffen <...> Wenn irgendein Vorgang auf irgendeine Art und Weise bekannt wurde, dann wurde der Betreffende natürlich sofort von seinem Posten enthoben beziehungsweise an irgendeine andere Stelle versetzt, so daß er, wenn er nicht bestraft wurde, wenn nicht genügend Beweismaterial dafür vorlag, daß er bestraft werden konnte, so wurde er eben an eine andere Stelle versetzt und von den Häftlingen weggenommen <...> Die katastrophale Lage zu Ende des Krieges war dadurch hervorgerufen worden, daß durch die Zerstörung des Bahnnetzes, durch die dauernden Bombardierungen der Werke eine ordnungsmäßige Versorgung dieser Massen – ich denke an Auschwitz mit 140,000 Häftlingen – nicht mehr gewährleistet war, wenn auch durch improvisierte Maßnahmen, Lastwagenkolonnen und ähnliche Dinge von den Kommandanten alles versucht wurde, dies zu bessern; es war nicht mehr möglich. Die Zahl der Kranken war ins Uferlose gestiegen, es gab nur noch wenige Medikamente, die Seuchen grassierten. Die arbeitsfähigen Häftlinge wurden immer wieder gebraucht. Es mußten sogar auf Befehl des Reichsführers Halbkranke noch an irgendwelchen Stellen der Indu strie, wo sie noch arbeiten konnten, verwendet werden, so daß auch dadurch alles an Raum in den Konzentrationslagern, was überhaupt als Unterbringungsraum zur Verfügung stand, von kranken und sterbenden Häftlingen überbelegt war <...> Es gab zu Ende des Krieges noch 13 Konzentrationslager. Alle anderen hier aufgezeichneten Punkte bedeuten sogenannte Arbeitslager bei den dort vorhandenen Rüstungsbetrieben <...> Wenn Mißhandlungen vorkamen, ich selbst habe keine von Wachmannschaften an Häftlingen beobachtet, so war dies nur in kleinem Maß möglich, denn es wurde von allen den lagervorgesetzten Dienststellen darauf geachtet, daß möglichst wenige SS-Männer direkt an die Häftlinge herankamen, denn im Laufe der Jahre hatte sich das Personal der Wachmannschaft dermaßen verschlechtert, daß man diese Maßstäbe, die man früher an die Lagerwachmannschaften anlegte, nicht mehr aufrechterhalten konnte. Wir hatten Tausende von Wachmännern, die kaum deutsch konnten, die aus aller Herren Länder als Freiwillige in die Verbände eingezogen waren, oder es handelte sich um ältere Jahrgänge, 50-bis 60jährige Männer, die am Dienst völlig uninteressiert waren, so daß man als Lagerkommandant dauernd darauf zu achten hatte, daß diese Männer auch den geringsten Anforderungen des Dienstes gerecht wurden. Daß es darunter Elemente nun gab, die sich an Häftlingen vergriffen, lag auf der Hand, geduldet sind sie aber nie worden. Weiter war es unmöglich, diese Menschenmassen durch SS-Männer zu dirigieren, bei der Arbeit oder im Lager, es mußten daher überall Häftlinge eingesetzt werden, die die anderen Häftlinge wiederum dirigierten, zur Arbeit anwiesen, und die Verwaltung des Lagers im Innern lag fast ausschließlich in deren Hand. Da sind natürlich sehr viele Mißhandlungen vorgekommen, die auch gar nicht abzustellen waren, denn des Nachts war fast überhaupt kein SS-Angehöriger im Lager. Es durften nur bei bestimmten Vorkommnissen SS-Männer das Lager betreten, und so waren alle Häftlinge mehr oder weniger diesen Häftlingsvorgesetzten ausgesetzt."

Frage (von Dr. Babel, Verteidiger für die SS):

"Sie haben schon Angaben gemacht über Vorschriften, die für die Wachmannschaften bestanden haben. Nun hat aber auch überall eine Lagerordnung bestanden. In dieser Lagerordnung waren doch auch Strafen vorgesehen für Häftlinge, die sich gegen die Lagerordnung verstießen. Welche Strafen waren da vorgesehen?"

Antwort:

"Als erstes, die Überweisung in die Strafkompanie, das heißt, strengere Arbeit und Beschränkung der Unterkunft und ähnliches; dann Haft im Zellengebaüde, Dunkelhaft, bei ganz Widerspenstigen Fesselung, Anbinden. Die Strafe des Anbindens wurde im Jahre 1942 oder 1943, ich kann das nicht mehr genau sagen, vom Reichsführer verboten. Denn gab es noch ein sogenanntes Strafstehen am Lagereingang, und als letztes Mittel die sogenannte Prügelstrafe. Diese Prügelstrafe konnte aber kein Kommandant selbständig verhängen, er konnte diese nur beantragen."

- Mündliche Aussagen von Rudolf Höß, am 15. April 1946 (XI 403–411 «445–454»).

Der Grund, warum Höß überhaupt ausgesagt hat, ist wahrscheinlich, daß er seine Frau und seine 3 Kinder schützen wollte, und mit der Aussage, daß nur 60 Personen von den Massentötungen gewußt hätten, versucht er offensichtlich das Leben von anderen Angeklagten zu retten. Höß versuchte, Kaltenbrunner zu retten, indem er Eichmann und Pohl belastete, die noch nicht festgenommen worden waren. (Für einen ähnlichen Fall, siehe die Erklärung von Heisig, die Räder belasten sollte, XIII 460–461 «509–510»).

Höß erschien als "Zeuge der Verteidigung"; die Anklage hat selbst ihr Kreuzverhör von ihm abgebrochen (XI 418–419 «461–462»). Vielleicht hatte sie Angst, er würde die ganze Lüge platzen lassen.

Die berühmte "Autobiographie" von Höß, "Kommandant in Auschwitz", ist wahrscheinlich im Laufe der Vernehmungen in Frage-und Antwortform wie eine riesige "Erklärung" aufgestellt und erst später ausgeschrieben worden, um in seiner Handschrift kopiert zu werden, und als Dokument ist sie nicht viel besser als die anderen Erklärungen. In der deutschen Ausgabe dieses Buches kann man lesen, daß das Feuer von den Menschenverbrennungen meilenweit weg zu sehen gewesen sei (S. 160 161), den Gestank habe man meilenweit riechen können (S. 159). Jeder im ganzem Gebiet habe von den Ausrottungen gewußt (S. 159), die Opfer hätten gewußt, daß sie vergast werden sollten (S. 110, 111, 125), trotzdem habe man sie aber täuschen können (S. 123–124; siehe auch Dokument 3868-PS), seine Familie habe aber nie etwas davon gewußt (S. 129–130). Höß sei ein chronischer Alkoholiker, der Dinge "gestehe", wenn er getrunken habe (S. 95) oder gefoltert werde (S. 145).

Es stimmt nicht – wie oft behauptet wird – daß auf Seite 126 von diesem Buch steht, daß Kapos Leichen aus den Gaskammern geräumt hätten und dabei gegessen und geraucht hätten und somit keine Gasmasken getragen hätten; der Text sagt das nicht.

Robert Faurisson hat bewiesen, daß Höß tatsächlich genau diese Behauptung gemacht hat, aber nicht im Buch, sondern während einer Vernehmung. Privater Briefwechsel mit dem Verfasser. Die polnische "Übersetzung" dieses Buches, veröffentlicht vor der Veröffentlichung des deutschen "Urtextes", scheint mit dem deutschen Text übereinzustimmen; es fehlen aber Ortsnamen und Daten im polnischen Text. Wahrscheinlich wurde das Buch zuerst auf Polnisch geschrieben, und diese Einzelheiten sind dann erst später in den deutschen Text eingeschoben worden.

Die Gesamtausgabe der ungekürzten, nicht edierten Schriften von Rudolf Höß (?) (auf polnisch) ist durch die internationale Zusammenarbeit der Bibliotheken zu entleihen ("Wspomnienia Rudolfa Hössa, Komendanta Obozu Oswiecimskiego").

JAPANISCHE KRIEGSVERBRECHERPROZESSE

Während deutsche Angeklagte für schuldig erklärt wurden, "Seife aus Menschenfett" hergestellt zu haben, (was noch in der 7. Ausgabe von Oppenheim & Lauterpachts angesehenem "International Law", Band II, S. 450, ernsthaft geglaubt wird), wurden japanische Angeklagte in mehreren Prozessen für schuldig gefunden, "Suppe aus Menschenkörperteile" gekocht zu haben.

Dies ist kein Druckfehler ("soap/soup" [Seife/Suppe]); vielmehr wurde es im Jahre 1948 als eine "bewiesene Tatsache" betrachtet, daß die Japaner eine Rasse von Menschenfressern seien, denen es zwar bei Todesstrafe verboten sei, die Leichen ihrer eigenen Toten kulinarisch zu verwerten, die aber angeblich offiziell dazu aufgefordert worden seien, Amerikaner aufzufressen. Amerikaner wurden gebraten serviert, beziehungsweise als Suppe; die Japaner hätten sogar Menschen gegessen, wenn andere Lebensmittel erhältlich gewesen seien. Das heißt, daß sich die Japaner dem Kannibalismus aus Neigung und nicht aus Notwendigkeit zugewandt hätten. Lieblingskörperteile des japanischen Meisterkochs seien Leber, Bauchspeicheldrüse, und Gallenblase gewesen; Chinesen dagegen seien in Form von Pillen verschlungen worden!

Die Prozesse, in denen dies "bewiesen" wurde, sind U.S. vs. Tachibana Yochio und 13 andere, Mariana Islands, 2.-15. August, 1946; Commonwealth of Australia, vs. Tazaki Takehiko, Wewak, 30. November 1945; Commonwealth of Australia vs. Tomiyasu Tisato, Rabaul, 2. April 1946; und der komplizierteste Kriegsverbrecherprozeß der Geschichte, der "International Military Tribunal for the Far East" (IMTFE), persönlich überwacht von Douglas MacArthur, der vom Mai 1946 bis Dezember 1948 andauerte (see "The Tokyo Judgement", vol. 1, S. 409–410, University of Amsterdam Press, 1977, S. 49,674–5 vom vervielfältigten Protokoll.

Die 25 Angeklagten, die den Prozeß überlebten, wurden alle für schuldig gefunden; 7 von ihnen wurden aufgehängt.

Man hat ihnen u.a. folgende Verbrechen zur Last gelegt:

1. "Vorbereitung, Einleitung und Durchführung eines Angriffskrieges" gegen die Sowjetunion. Tatsächlich war es die Sowjetunion, die 2 Tage nach Hiroshima unter Verletzung eines Gewaltverzichtsvertrags Japan angegriffen hat; am selben Tag wurde das "Londoner Abkommen" unterzeichnet, nach dessen Richtlinien der Nürnberger Prozeß durchgeführt wurde.

2. "Vorbereitung, Einleitung und Durchführung eines Angriffskrieges" gegen Frankreich. Frankreich liegt bekanntlich in Europa.

3. "Unzulässige Seeblockade" und "wahllos Bombardierung der Zivilbevölkerung" (Prozeß gegen Shimada). D.h., was die Briten in Europa getan hatten, war ein Verbrechen, wenn es die Japaner angeblich getan hatten.

4. "Illegale Aburteilung von Kriegsverbrechern vor einem Militärgerichtshof" (Prozeß gegen Hata und Tojo; siehe auch U.S. vs. Sawada) Wahrscheinlich die ekelerregendste Anklage von allen: die Opfer waren 7 Amerikaner, die die japanische Bevölkerung wahllos bombardiert hatten, wobei 80.000 Frauen und Kinder verbrannt waren.

5. Kannibalismus. Es wurde jedoch nicht behauptet, daß die Angeklagten persönlich irgendjemanden aufgefressen hätten.

Als Beweise dienten u.a.:

- sowjetische Berichte über Kriegsverbrechen;
- chinesische Berichte über Kriegsverbrechen;
- sowjetische Berichte, basiert auf japanischen Dokumenten, die nicht den Berichten beigefügt wurden;
- Zusammenfassungen von Berichten über japanische militäre Aggressionen in China (geschrieben von den Chinesen);
- 317 "Judge Advocate General War Crimes Reports" (amerikanische Berichte über Kriegsverbrechen, totaler Umfang: 14.618 Seiten); angeblich "zitieren" diese Berichte "erbeutete" japanische Dokumente, Tagebücher, Geständnisse von Menschenfressern, Massentötungsverordnungen, Befehle zur "Vergasung" von Kriegsgefangenen auf ferngelegenen tropischen Inseln, usw. Die "erbeuteten" Dokumente wurden in keinem Fall den Berichten beigefügt. Beweise für deren Echtheit wurden nicht benötigt.
- Erklärungen von japanischen Soldaten in Gefangenschaft in Sibirien.
- Erklärungen von japanischen Soldaten, die die Japaner als "Feinde" bezeichnen.
- Erklärungen von Offizieren der Roten Armee;
- Erklärungen von analphabetischen Ureinwohnern kleiner Südseeinseln.
- Zeitungsausschnitte. Zulässige Beweise für die Anklage, aber gewöhnlicherweise nicht für die Verteidigung. D.h., Ereignisse in China wurden bewiesen, indem man die Chicago Daily Tribune, die New Orleans Times-Picayune, den Sacramento Herald, die Oakland Tribune, den New York Herald, die New York Times, den Christian Science Monitor usw. zitierte.
- die "Erklärung" von Marquis Takugawa (die auf englisch geschrieben und ihm nicht auf japanisch vorgelesen wurde).
- die Behauptungen von Okawa. Okawa wurde für geisteskrank erklärt und in eine Irrenanstalt eingesperrt, aber seine Behauptungen wurden als Beweise verwendet.
- die Aussagen von Tanaka (ein Berufszeuge, der von den Amerikanern bezahlt wurde), Okawa, der Tanaka alles gestanden haben soll, wenn er betrunken war. Tanaka 'das Ungeheuer' Ryukichi war angeblich verantwortlich für Millionen von Greueltaten. Er wurde aber nicht angeklagt, sondern konnte überall in Japan zwanglos herumreisen.
- das Tagebuch von Kido (Gerüchte über alle, die Kido nicht mochte).
- die "Erinnerungen" von Harada. Harada hatte einen Schlaganfall gehabt, so daß man ihn nicht verstehen konnte; wie gut sein Gedächtnis war, oder genau was er meinte, war reine Vermutung; die Übersetzungen waren reines Rätselraten; viele verschiedene "Kopien" wurden von einer ganzen Reihe von Personen "verbessert", an die er nicht diktiert hatte, und die nicht dabei anwesend waren; außerdem stand er im Ruf, ein notorischer Lügner zu sein.

Die Antwort der Anklagebehörde auf die Argumente der Verteidigung am Ende der Prozesses war, alle Beweise der Verteidigung mit der Behauptung zurückzuweisen, daß Dokumente (Übersetzungen von Ausschnitten von "Kopien", ohne Unterschrift und ohne jeden Beweis für Ursprung und Echtheit) die besten Zeugen wären. Falls Anklage und Verteidigung dasselbe Dokument zitierten, habe die Verteidigung immer ohne Rücksicht auf den Zusammenhang zitiert, nie aber die Anklage. Hörensagen habe Beweiskraft, Zeitungsausschnitte ebenso; die Aussagen von Zeugen der Verteidigung hätten keine Beweiskraft, Kreuzverhör sei reiner Zeitverlust.

5 von den 11 Richtern, Richter Webb aus Australien, Richter Delfin Jaranilla aus den Philippinen, Richter A. Röling aus den Niederlanden, Richter Henri Bernard aus Frankreich und Richter R.B. Pal aus Indien, gaben ein Minderheitsvotum ab. Pal schreib eine berühmt gewordene Begründung dieses Votums von 700 Seiten, in der er die Beweise der Anklage für Greueltaten als "meistens wertlos" bezeichnete, mit der sarkastische Bemerkung, er hoffe, wenigstens eines der Dokumente sei auf japanisch geschrieben.

Eine Besonderheit von Kriegsverbrecherprozessen ist es, daß sie, statt "Beweise" vorzubringen, sich alle widersprechen. Es wurde im Tokyoprozeß behauptet, die Chinesen seien "berechtigt" gewesen, "ungerechte" Verträge zu verletzen. Japanische Bestrebungen, die Einhaltung solcher Verträge zu erzwingen, seien eine "Aggression" – eben weil die Verträge "ungerecht" waren.

Als die Atombomben abgeworfen wurden, versuchte Shigemitsu schon fast 11 Monaten (seit dem 14. September 1944) über eine Übergabe zu verhandeln. Natürlich wurde dieser Umstand in ein neues "Verbrechen" umgewandelt: "Verlängerung des Krieges durch Verhandlungen".

Die "Beweise" für einen japanischen Kannibalismus findet man im JAG Report 317, S. 12.467–8 vom vervielfältigten Protokoll, Beweisstück 1446 und 1447, S. 12.576–7, Beweisstück 1873, S. 14.129–30, und Beweisstück 2056 und 2056A und B, S. 15.032–42.

ALFRED JODL

Jodl wurde wegen Mitschuld am sogenannten Kommandobefehl erhängt, einem Befehl, britische Soldaten zu erschießen, die in Zivil kämpften, und die ihre eigenen Kriegsgefangenen erwürgten (XV 316–329 «347–362»).

Jodl verteidigte sich damit, daß das internationale Kriegsrecht dafür geschaffen worden sei, Männer zu schützen, die als Soldaten kämpften. Soldaten müßten aber ihre Waffen offen tragen, an deutlich erkennbaren Emblemen oder Uniformen identifizierbar sein und ihre Gefangenen human behandeln. Der Partisanenkrieg und die Aktivitäten britischer Kommandoeinheiten seien völkerrechtswidrig. Solche Kommandos vor Gericht zu stellen und hinzurichten sei unter Berücksichtigung der Bestimmungen des Artikels 63 der Genfer Kriegsgefangenenkonvention von 1929 durchaus zulässig. In Siehe auch Minderheitsvotum des Richters Rutledge, US v. Yamashita; Habeas Corpus Klage von Feldmarschall Milch. der Tat wurde fast niemand aufgrund des Kommandobefehls erschossen – laut Sir David Maxwell-Fyfe nur 55 in ganz Westeuropa, XXII 284 «325»). Die Absicht sei gewesen, Soldaten davon abzuschrecken, mit solchen Methoden zu kämpfen in der Annahme, sie hätten sich einfach nach einer Gefangennahme ergeben können.

Ein anderes "Verbrechen" war, daß Jodl angeblich dem Oberbefehlshaber des Heeres mitgeteilt haben sollte, Hitler habe einen schon erlassenen Befehl wiederholt, daß ein Übergabeangebot der Stadt Leningrad nicht angenommen werden dürfe. Wie so viele andere angebliche deutsche Verbrechen blieb auch dieses eine Idee ohne Ergebnis, da man nie ein Übergabeangebot bekam.

Die Absicht des Befehls sei gewesen, die Bevölkerung zum Rückzug zu zwingen, da es nicht möglich gewesen wäre, Millionen von Zivilisten oder Gefangenen zu ernähren, oder Seuchen zu verhindern. In den deutschen Linien östlich der Stadt seien Lücken offengelassen worden, um der Bevölkerung einen solchen Rückzug zu ermöglichen. Kiew, Odessa, und Charkow hätten kapituliert, seien aber miniert gewesen, und Tausende von deutschen Soldaten seien durch Bomben mit Zeitzündung getötet worden. Die Hafenanlagen seien für militärische Zwecke benötigt gewesen; die russischen Eisenbahnen hätten eine andere Spurweite als die deutschen. Man hätte nicht genügend Lebensmittel vorbringen können, um Millionen von halbverhungerten Gefangenen oder Juden zu ernähren. Die sowjetische Propagandalüge, die Deutschen hätten Millionen von russischen Gefangenen getötet, wurde von vielen Historikern geglaubt, ohne daß sie die Ursachen der Sterblichkeit kannten. Der Befehl, der Leningrad betraf, Dokument C-123, trägt keine Unterschrift.

Der Fall Jodl illustriert die Absurdität des ganzen Prozesses. Mit den Worten von Jodls Verteidiger, Dr. Exner:

"Mord und Revolution. Im Frieden hätte dies zugleich Bürgerkrieg bedeutet, im Krieg sofortigen Zusammenbruch der Front und Untergang des Reiches. Er hätte also ausrufen sollen: 'Fiat justitia, pereat patria'? Die Anklage scheint in der Tat auf dem Standpunkt zu stehen, es wäre von den Angeklagten ein derartiges Verhalten zu fordern gewesen. Ein erstaunlicher Gedanke! Ob Mord und Verrat je sittlich zu rechtfertigen ist, darüber mögen Ethiker und Theologen streiten. Für Juristen ist so etwas jedenfalls indiskutabel. Bei Strafe verpflichtet zu sein, das Staatsoberhaupt zu ermorden? Noch dazu als Soldat? Noch dazu im Kriege? Man bestraft seit jeher die Leute, die ein solches Verbrechen begehen, aber sie zu bestrafen, weil sie es nicht tun, wäre wirklich neu" (XIX 45 «54»; siehe auch XXII 86–90 «100–105»).

(In Japan wurden die Generäle übrigens gerade deswegen aufgehängt, weil sie sich in die Politik gemischt hatten.)

Zu einem anderen Punkt bemerkte Dr. Exner: "Auf einer einzigen Seite der englisch-amerikanischen Zusammenfassung der Anklage lese ich sechsmal: 'Jodl was present at' [Jodl war anwesend bei]. Was bedeutet das rechtlich?" (XIX 37 «44»).

Jodl wurde von einem der sowjetischen Ankläger, Col. Pokrovsky, gefragt: "Wissen Sie, daß die deutschen Truppen ... sowjetische Kriegsgefangene vierteilten, mit dem Kopf nach unten aufhängten und aufgespießte Gefangene auf dem Lagerfeuer rösteten. Wissen Sie das?"

Hierzu antwortete Jodl: "Daß weiß ich nicht nur nicht, sondern ich glaube es auch nicht." (XV 545 «595»).

So kann man das ganze, umfangreiche Thema der Kriegsverbrecherprozesse in 2 Sätzen zusammenfassen. (XV 284–561 «313–612»; XVIII 506–510 «554–558»; XIX 1–46 «7–55»).

ERNST KALTENBRUNNER

Während des Kreuzverhörs von Kaltenbrunner, fragte man ihn empört, wie er die Frechheit besitzen könne zu behaupten, er hätte die Wahrheit gesagt, während 20 oder 30 Zeugen alle gelogen hätten (XI 349 «385»).

Natürlich erschienen die "Zeugen" nicht vor dem Gericht; sie waren nur Namen auf einem Stück Papier. Einer von diesen Namen ist Franz Ziereis, Kommandant vom KZ Mauthausen.

Ziereis "gestand", er hätte 65.000 Personen vergast, Lampenschirme aus Menschenhaut gemacht und Geldscheine verfälscht; er soll auch eine komplizierte Aufstellung statistischer Daten vorgelegt haben, die die genaue Zahl von Häftlingen in 31 verschiedenen KZs angibt. Dann klagt Ziereis Kaltenbrunner an, er hätte befohlen, das ganze Lager (Mauthausen) zu töten, falls die Amerikaner in die Nähe rückten.

Ziereis war aber schon seit 10 Monaten tot, als er dieses "Geständnis" abgelegt haben soll; zum Glück "erinnerte" sich aber jemand plötzlich an das "Geständnis": ein KZ-Häftling namens Hans Marsalek, der auch nie vor dem Gericht erschien, aber dessen Unterschrift auf einem Stück Papier erscheint (Dokument 3870-PS, XXXIII 279–286).

Die Seiten 1 bis 6 von diesem Dokument sind mit Anführungszeichen markiert (!), einschließlich der "statistischen Tabelle", die z.B. behauptet, es gäbe 12.000 Häftlinge in Ebensee, 12.000 in Mauthausen, 24.000 in Gusen I und II, 20 Häftlinge auf Schloß Lindt, 70 Häftlinge in der Junkerschule in Klagenfurt usw. für alle 31 Lager in der Tabelle.

Das Dokument ist von sonst niemandem unterzeichnet, von dem man hätte behaupten können, er wäre beim reuevollen "Geständnis" von Ziereis dabeigewesen; keine angeblich bei der denkwürdigen Gelegenheit gemachten Notizen sind dem Dokument beigefügt. Nichts! Das Dokument trägt nur 2 Unterschriften: die von Hans Marsalek, dem Häftling, und diejenige von Smith W. Brookhart Jr., U.S. Army. Das Dokument trägt das Datum "8. April 1946". Ziereis starb am 23. Mai 1945.

Brookhart war Sohn eines Senators aus Washington, Iowa, und wohnte 1992 18 Hillside Drive, Denver, Colorado, USA. Den Brief des Verfassers hat er nie beantwortet.

Angeblich soll Ziereis zu krank gewesen sein (er starb als Folge von etlichen Schußwunden durch den Magen), um vor seinem Tod irgendein Dokument zu unterschreiben; er soll aber gesund genug gewesen sein, um dieses umfangreiche und komplizierte Dokument zu "diktieren", an das sich Marsalek dann 10_ Monate später noch genau und wortwörtlich "erinnert". Ein solches Gedächtnis ist ja für die Zeitgeschichtsforschung ein wahres Wunder, und natürlich hätte Marsalek keinerlei Motiv gehabt zu lügen. Nur Schade, daß man diesen Mann mit dem einzigartigen Gedächtnis nicht vor dem Gericht hat erscheinen lassen! Das Dokument ist auf deutsch geschrieben. Brookhart war "Ghostwriter" von Geständnissen. Er hat auch die Geständnisse von Rudolf Höß geschrieben (auf englisch, Dokument 3868-PS) sowohl als auch die von Otto Ohlendorf (auf deutsch, Dokument 2620-PS).

Das "Geständnis" von Ziereis wird immer noch von Reitlinger, Shirer, Hilberg, und anderen umherziehenden Holocausttrödlern ernst genommen.

Kaltenbrunner behauptete, es habe während des Krieges 13 zentrale KZs oder "Stammlager" gegeben (XI 268–269 «298–299»). Die Angabe von insgesamt 300 KZs seitens der Anklage sei zustandegekommen, indem man ganz normale Arbeitslager mit eingeschlossen habe. Das 13. Lager, Matzgau, in der Nähe von Danzig, sei ein Sonderlager für SS-Wachmänner und Polizisten, die wegen Straftaten gegen Häftlinge in ihrer Gewalt verurteilt worden seien, d.h. wegen physischer Mißhandlungen, Unterschlagung, Diebstahl von persönlichem Eigentum usw. Dieses Lager fiel mit seinen SS-Häftlingen am Ende des Krieges den Russen in die Hände (XI 312, 316 «345, 350»).

Kaltenbrunner behauptete, die Strafurteile von SS- und Polizeigerichtshöfen seien bei weitem viel strenger gewesen als die Urteile anderer Gerichtshöfe für dieselben Straftaten. Die SS habe häufig wegen Straftaten gegen Häftlinge und Verstößen gegen die Disziplin Prozesse gegen ihre eigenen Männer durchgeführt (XXI 264 291, 369–370 «294–323, 408–409»).

"Peinliches Verhör" sei gesetzlich erlaubt gewesen, aber ausschließlich, um Auskunft über geplante Aktionen des Widerstands zu bekommen; es habe nicht angewendet werden dürfen, um Geständnisse zu erpressen. Bei solchen Vernehmungen sei die Anwesenheit eines Arztes notwendig gewesen, und man habe dem Gefangenen nur einmal höchstens 20 Schläge mit einem Stock auf das nackte Gesäß erteilen dürfen. Man habe dies nicht später wiederholen dürfen. Andere Formen von "Nazi-Tortur" sei u.a. Einsperrung in eine dunkle Zelle, oder das Stehen während langer Vernehmungen gewesen (XX 164, 180–181 «184, 202–203»; XXI 502–510; 528–530 «556–565, 583–584»).

Kaltenbrunner und viele andere Zeugen der Verteidigung behaupteten, ähnliche Methoden würden von Polizeibehörden in der ganzen Welt verwendet (XI 312 «346»); angesehene Polizeibeamte hätten Deutschland besucht, um die deutschen Methoden zu studieren (XXI 373 «412»).

Die Beweise der Verteidigung zu diesen Themen bestehen aus Tausenden von Seiten, sowohl im Protokoll des Gerichtshofs wie in dem der Kommission, sowie aus 136,000 eidesstattlichen Erklärungen (XXI 346 373 «382–412»; 415 «458», 444 «492»).

Kaltenbrunner wurde verurteilt, weil er angeblich an einem Komplott teilgenommen hatte, alliierte Flieger zu lynchen, die bei Bombenangriffen gegen die deutsche Zivilbevölkerung abgeschossen wurden. Solche Lynchakte hätten tatsächlich gegen internationales Recht verstoßen, sie fanden aber nie statt. Im Gegenteil wurden viele alliierte Bombenflieger von deutschen Beamten vor dem Volkszorn gerettet. Die deutschen lehnten es ab, solche Methoden zu erwägen, weil sie fürchteten, daß sie zu einer allgemeinen Niedermetzelung von abgesprungenen Fliegern führen würden. Wie so viele deutsche Verbrechen, blieb auch dieses "Verbrechen" eine Idee ohne Konsequenzen (XXI 406–407 «449–450», 472–476 «522–527»).

Ein anderes angeblich von Kaltenbrunner begangenes Verbrechen war die Verantwortlichkeit für den sogenannten "Kugelerlaß". Dies soll ein Befehl gewesen sein, Kriegsgefangene mit Hilfe eines Meßgeräts zu erschießen (ein komisches Ding, das wahrscheinlich von der "pedalangetriebenen Gehirnzertrümmerungsmaschiene" des Paul Waldmann inspiriert worden war (USSR-52, VII 377 «416–417»).

Der "Kugelerlaß", Dokument 1650-PS – wenn das überhaupt ein authentisches Dokument ist, was wahrscheinlich nicht der Fall ist (XVIII 35–36 «43–44») – ist falsch übersetzt worden: der Sinn des Befehls ist, daß Gefangene, die zu fliehen versuchten, an eine "Eisenkugel" gekettet werden sollten, und nicht, daß sie mit einer Kugel erschossen werden sollten. Das Wort "gekettet" erscheint im Dokument, aber nicht das Wort "schießen" oder "erschossen" (III 506 «565»; XXI 514 «568»); Gestapo Affidavit 75; XXI 299 «332»). Das Dokument ist ein Fernschreiben; also ohne Unterschrift (XXVII 424–428).

"Sonderbehandlung" ist ein Beispiel für das häßliche Kauderwelsch einer jeden Bürokratie, und könnte wahrscheinlicýten mit "individuelle Behandlung" übersetzt werden. Es gelang Kaltenbrunner zu beweisen, daß es in einem Dokument das Recht, Champagner zu trinken und Französischunterricht zu nehmen bedeutete. Die Anklage verwechselte einen Wintererholungsort mit einem KZ (XI 338–339 «374–375»); (XI 232–386 «259–427»; XVIII 40–68 «49–80»). (Das Dokument mit dem Wintererholungsort ist Dokument 3839-PS, XXXIII 197–199, eine "eidesstattliche Erklärung").


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