Das Rudolf Gutachten auf http://www.vho.org/D/rga/rga.html

2.5.5. Erfahrungen in der Praxis außerhalb deutscher Konzentrationslager


Daß die Bildung durch Eisenblau blaufleckig gefärbter Wandflächen tatsächlich die Folge von Blausäurebegasungen sein kann, kann durch einen in der Fachliteratur beschriebenen Fall plakativ demonstriert werden. In der periodisch erscheinenden Bauschäden Sammlung wurde nämlich vor mehr als 10 Jahren berichtet,[170] welche Folgen die Blausäure-Begasung einer wenige Wochen zuvor frisch verputzten, stark mauerfeuchten Kirche hatte. Dort traten nach einigen Monaten überall intensiv blaue Flecken auf. Erst nach über einem Jahr war die Reaktion abgeschlossen. Der neue Putz mußte komplett abgeschlagen werden, da der Eisencyanidkomplex nicht anders zu entfernen war.

Betrachtet man die Bildungsbedingungen des Eisenblaus in diesem Bauschadensfall, so handelte es sich um kühle, durch eintretendes Grundwasser zusätzlich feuchte Wände, deren alkalische Zementverputze erst einige Wochen vor der Begasung aufgebracht worden waren. Der Verputz war somit anfangs alkalisch und feucht genug, um große Cyanidmengen aufzunehmen. Mit zunehmender Abbindung des Zementverputzes sank schließlich der pH-Wert, womit die Reaktion zum langzeitstabilen Eisenblau einsetzte. Diese Abreaktion des absorbierten Cyanids war erst nach etwa 2 Jahren zum Eisenblau vollständig abgelaufen. Die Vorstufe dieser Reaktion, die Bildung wesentlich farbschwächerer Eisencyanide (Blutlaugensalze), könnte demnach tatsächlich schon einige Zeit früher abgeschlossen gewesen sein.

Abbildung 29: im August 1976 wurde diese evangelischen Kirchen von D-96484 Meeder-Wiesenfeld mit Zyklon B begast. Anschließend verfärbte sich der Putz überall fleckig blau. [170]

Berichte über blau angelaufene Wände nach Blausäurebegasungen zur Schädlingsbekämpfung in Räumen mit feuchten, eisenhaltigen Verputzen sind in der Fachliteratur alles andere als unbekannt, wie ein jüngster Literaturüberblick gezeigt hat.[171]
Daß Blaufärbungen mit HCN begaster Gebäude die Ausnahme und nicht etwa die Regel sind, dürfte zum einen daran liegen, daß in den vergangenen Jahrzehnten der HCN-Begasungspraxis vor allem schon länger in Benutzung befindliche, also mit alten, abgebundenen Verputzen versehene Gebäude begast wurden, zumal neue Gebäude selten von Schädlingen befallen sind. Zum anderen verlangen die Vorschriften bei Entlausungen mit Blausäure, daß die begasten Räumlichkeiten trocken sein müssen und nach Möglichkeit geheizt sein sollen. Schließlich gilt es zu bedenken, daß im zivilen Betrieb jede Räumlichkeit meist nur einmal im Laufe vieler Jahrzehnte begast wird, so daß es insbesondere in den in der Regel trockenen, abgebundenen und warmen Wänden nicht zu großen Anreicherung von Cyaniden kommen kann. Im Gegensatz hierzu stehen die Entlausungsgebäude und die vermeintlichen 'Menschengaskammern' zur Zeit des Dritten Reiches, die unmittelbar nach ihrer Errichtung, also zu einem Zeitpunkt, als Beton, Mörtel und Verputze noch nicht gänzlich abgebunden waren, im den Dauereinsatz traten bzw. getreten sein sollen.

Daß in dem oben zitierten Bauschadensfall in einer Kirche schon nach nur einer Begasung der ganze Wandputz blau anlief, lag an den besonders (un)günstigen Umständen: hier war etwa einen Monat vor der Begasung ein frischer Zementmörtelverputz aufgebracht worden, der noch nicht völlig abgebunden und zudem aufgrund des allgemeinen Zustandes der Kirche feucht war. Frappierende Ähnlichkeit zu diesem Fall haben die angeblichen 'Gaskammern' der Krematorien II und III in Birkenau. Diese feucht-kühlen Kellerräume wurden erst kurz vor ihrer Indienststellung fertiggestellt und sollen dann im Dauerbetrieb mit Blausäure beaufschlagt worden sein - im Gegensatz zu obiger Kirche, die nur einmal begast wurde.


Anmerkungen

  1. G. Zimmermann (Hg.), Bauschäden Sammlung, Band 4, Forum-Verlag, Stuttgart 1981, S. 120f., bezüglich des im August 1976 in der evangelischen Kirchen von D-96484 Meeder-Wiesenfeld aufgetretenen Schadensfalles. Dank gebührt Herrn W. Lüftl, Wien, der diesen Fund machte, sowie Herrn O. S., der den Bauschadensfall als leitender Architekt ausbaden durfte und mir nähere Details schilderte.

  2. E. Emmerling, in: M. Petzet (Hg.), Holzschädlingsbekämpfung durch Begasung, Arbeitshefte des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, Bd. 75, Lipp-Verlag, München 1995, S. 43-56. Ob die in dem Beitrag zitierten Beispiele möglicherweise alle über Umwege nur auf den oben zitierten Fall verweisen, muß zunächst offen bleiben.



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