"Wenn die Gerechtigkeit untergeht,
so hat es keinen Zweck mehr, daß
Menschen auf Erden leben."

(Kant.)

Vorwort

Keine Entwicklung der Vergangenheit hat sich als so verhängnisvoll und tiefgreifend erwiesen, wie die Erhebung der Politik zur totalen Herrscherin über das Recht. Die von Machiavelli dargestellten Maximen — und Politik ist auch heute noch nichts anderes — als Grundlage des Gemeinschaftslebens sanktioniert, bedeutet nichts weniger als die allumfassende Anerkennung des Grundsatzes "Macht geht vor Recht". Wir wissen aus blutigstem Erleben nur zu gut, daß diese Antithese der Gerechtigkeit und Humanität keine bloße Theorie ist.

Aber eben darum sollten gerade wir für Unrecht und Heuchelei besonders empfindlich sein. War es nicht die Wurzel unseres Übels, daß im nationalsozialistischen Staat der "politische Zeitgeist" das Recht machte? Müssen wir nicht heute dafür büßen, daß wir es zuließen und gar nicht mehr sahen, wie die urtümlichsten Rechte mit Füßen getreten und geschändet wurden? Wenn man von einer wirklichen "Kollektivschuld" des deutschen Volkes sprechen kann, dann ist sie in dem mangelnden Rechtsbewußtsein der Gesamtheit begründet.

Das Recht aber ist unteilbar. Es gilt gegenüber allen Menschen, gleich welcher Rasse oder Partei. Es ist, wie der französische Rechtslehrer Julien Bonnecase sagte, "eine primäre Idee, eine Offenbarung des Absoluten". Deshalb ist jedes politisch infizierte Recht Unrecht, ebenso wie ein parteiisch orientiertes Rechtsbewußtsein niemals der Gerechtigkeit dienen kann.


Unter diesen Gesichtspunkten, gerade als Lehre der Schuld, die uns die Welt sicher nicht zu Unrecht vorwirft, soll hier der Versuch einer anderen Betrachtung der sogenannten Kriegsverbrecherprozesse angestellt werden. Das Problem, ob oder in welchem Maße die Angeklagten schuldig waren, wird nicht berührt. Auch die zahlreichen formal-juristischen Argumentationen für und gegen die rechtlichen Fundamente der Prozesse bleiben außer Betracht. Zur Diskussion steht ganz allein, fußend auf den Idealen, aus denen heraus diese Kriegsverbrecherprozesse entstanden, die Frage, ob man den Angeklagten anständige Verfahren gemacht hat oder ob auch in Nürnberg der Grundsatz "Macht geht vor Recht" seine Geltung behaupten konnte. Die Angeklagten sind noch nie zu Worte gekommen. Es ist nichts als ein billiges, dringendes Verlangen elementarsten Rechtsbewußtseins, auch sie einmal zu hören und die Kulissen, vor denen sich jene Monstre-Prozesse abspielten, zu beleuchten.

F. O.


Jodl : »Eines Tages aber wird mein Geist . . . «

Am Sonntag, dem 13. Oktober 1946, mittags um 12 Uhr 30, wurde den im Nürnberger Justizpalast einsitzenden Angeklagten des großen Kriegsverbrecher-Prozesses bekanntgegeben, daß der Kontrollrat die gestellten Gnadengesuche abgelehnt habe. Ein amerikanischer Oberst, umgeben von einem internationalen Gefolge höherer Offiziere, ging von Zelle zu Zelle und verkündete den Verurteilten mit nüchternen Worten die endgültige Kontrollrats-Entscheidung. Als er in Jodls Zelle trat, legte dieser ein Buch, in dem er gerade gelesen hatte, beiseite und stand — wie es die Hausordnung des Justizpalastes gebot — auf, knöpfte den Kragen seines grauen Uniformrockes zu und stellte sich, die Hände auf dem Rücken, mit gespreizten Beinen an die Wand unter das doppelt vergitterte Zellenfenster.

". . . hat der Kontrollrat Ihr Gnadengesuch abgelehnt . . ."

Auf diese unwiderruflich den Tod durch den Strang bedeutenden Worte des Amerikaners verbeugte sich Jodl leicht und entgegnete mit fester Stimme : "Auch diese Entscheidung ist mir eine Ehre."

Die Post brachte für Jodl täglich ganze Bündel Briefe ins Gefängnis, von Freunden und von Kameraden. In den letzten Tagen glich seine Zelle einem einzigen Blumenbeet. — "Nun hat das Schicksal endgültig gesprochen, nun ist Klarheit, nun wird marschiert :

Und noch immer das Lied meines Lebens erklingt,
Und ein Tönen geht um,
Wie vom Schlegel, der über das Kalbfell springt,
Terum, tumm tumm, terum . . ."

schrieb Jodl an seine Frau.

"Ach, ich könnte immer so weiter schreiben, aber in meinen Ohren klingt schon der vertraute Infanterie-Zapfenstreich und ganz leise das alte, wohlbekannte Lied . . . Ich hatt' einen Kameraden . . . Ich

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grüße meine Lieben, ich salutiere vor meinen Kameraden. Ich grüße mein ewiges Deutschland!"

Das waren Jodls Abschiedsworte in seinem letzten Brief. Am nächsten Morgen wurde er unter den Galgen geführt. Man gab ihm denselben Tod wie einem Streicher, einen schlechteren Tod wie einem Hamann oder Kürten oder einem Petiot.

Doch :

"Eines Tages aber wird mein Geist umgehen, um an die Türen der Opportunisten anzuklopfen",

hatte er noch kurz vor Vollstreckung des Urteils prophezeit und weiter an seine Frau geschrieben :

"Denn sie mögen mit mir tun was sie wollen, aber das möchte ich, daß Du noch erlebst, daß mein Name voll Ehrfurcht in Deutschland genannt wird, für das allein ich gestorben bin, nicht um Ruhm oder Reichtum, nicht für Partei und Macht." —

Der Name eines Kriegsverbrechers soll "voll Ehrfurcht" genannt werden? Der Geist eines Kriegsverbrechers soll umgehen und an die Türen der Opportunisten klopfen? Man könnte, wenn man diese Worte und das Urteil gegen Jodl isoliert betrachtet, solche Prophezeiung für die letzte grandiose Anmaßung eines dünkelhaften Landknechtsführers halten. Aber in gleicher oder doch ähnlicher Weise — und das erscheint als bemerkenswertes Symptom — äußerten sich fast alle in Nürnberg oder einem der anderen "war criminal prisons" Hingerichteten. Sie alle gaben vor, für Deutschland zu sterben. Sie fühlten sich als Märtyrer, die ihr Leben ihrem Land geweiht hatten und noch auf dem Schafott, der Bühne, auf der bisher jeder Komödiant kläglich versagte, sprachen sie begeisterte, feierliche Worte für ihr Volk. Bis zum letzten Augenblick stritten sie aber auch gegen das Gesetz, das Stab über sie — und nicht nur über sie — brach.

Professor Karl Brandts letzte Worte vor seiner Hinrichtung in Landsberg

"Ich stelle fest, daß dieses eben verlesene Urteil eines amerikanischen Militärtribunals der formelle Ausdruck eines politischen Racheaktes ist."

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Mit solcher kalten Anschuldigung begann auch Professor Dr. Karl Brandt, der Hauptangeklagte des großen Nürnberger Ärzteprozesses seine Worte, die er unmittelbar vor seiner Hinrichtung am 2. Juni 1948 um 10 Uhr 10 im Hof der Landsberger Festung sprach. Er stand, umgeben von den Exekutionsbeamten, ungebeugt auf dem Schafott. Mit ruhiger, gefaßter Stimme fuhr er fort :

"Dieses sogenannte Urteil dient — abgesehen auch von der bestrittenen Zuständigkeit des Gerichtes selbst — nicht der Wahrheitsfindung und nicht dem Recht :

Man verstehe die Rebulistik, welche General Lucius D. Clay durch diesen Akt deckt, wenn der Ankläger des Nürnberger Ärzteprozesses feststellt, das Verfahren habe zwar gezeigt, daß Karl Brandt von den und den Versuchen nichts gewußt habe, da er es aber "hätte wissen müssen", werde er nachträglich zum Mittäter.

Wie kann überhaupt die Nation, welche die Spitze in der Durchführung von Humanversuchen in jeder nur ausdenkbaren Form hält, wie kann es diese Nation wagen, andere, welche höchstens die vorgemachten Versuchsanordnungen nachmachen konnten, deswegen anzuklagen und zu verurteilen?

Und gar Euthanasie! Man schaue heute auf Deutschland und seine ausgeklügelt hingehaltene Not!

Da ist es freilich nicht verwunderlich, wenn die Nation, welche vor der Geschichte der Menschheit ewig das Kainszeichen von Hiroshima und Nagasaki tragen wird, wenn diese Nation versucht, sich hinter moralischen Superlativen zu vernebeln. Sie braucht dabei kein Recht zu beugen : Recht ist hier nie gewesen! Im Ganzen nicht wie im Einzelnen. Es diktiert die Macht. Und diese Macht will Opfer! Wir sind solche Opfer. Ich bin ein solches Opfer!

Aber eben darum ist es auch keine Schande, auf diesem Schafott zu stehen : Ich diene hier bereit und mit ganzem Einsatz meinem Vaterland! Durch Kameraden vor mir ist es schon so geworden : Der Galgen von Landsberg ist das Symbol innerer Verpflichtung aller Aufrechten und Aufrichtigen!

Ich bedaure als Offizier, daß Angehörige der amerikanischen Armee sich dazu hergeben, Handlanger für Heuchelei und politischen Mord zu sein, und daß sie so den Schild ihres Soldatentums weiterhin beflecken. Ich kann sie darum nicht

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hassen. Henker und ihre Mittler sind mir weder Partner noch Gegner. Ich habe für sie nur Verachtung, tiefste Verachtung.

Mein Herz ist frei!

Ich gedenke meiner Freunde —

Ich gedenke meiner Mitarbeiter im weitesten Sinne; sie haben in dem furchtbaren Kriege ihre Pflicht phrasenlos erfüllt.

Ich gedenke meiner armen, mir heiligen Heimat, meines Volkes und seiner Jugend, die strebend sich bemüht und sucht — sich und das Ewige.

In ihm fühle auch ich mich wohlgeborgen. Und ich habe in dieser für mich feierlichen Stunde dem Leben zu danken, daß es mich als ganzen Menschen nahm : Ich habe seine Schmerzen ertragen, und es hat mir seine Freuden nicht vorenthalten. Ja! ich habe das Schöne erlebt — wenn mir auch das Niedrige nicht erspart blieb. Der Begrenzung bin ich begegnet und ich durfte dennoch das Unendliche ahnen, in Ehrfurcht und in heiterer Andacht.

Mein Dank für das schwere Glück eines Daseins ist mein Bekenntnis zum Leben! Ihm wollte ich dienen mit meinem ganzen Leben.

Ihm wollte ich Helfer sein!

Aber immer habe ich mich auch geplagt und gesorgt und immer habe ich auch gekämpft für meine Überzeugung und um meines Gewissens willen :

aufrecht, aufrichtig und mit offenem Visier.

So sah ich es und so wollte ich das Leben.

So habe ich gelebt — Nein! so — lebe — ich!

Meine alten Eltern und mein tapferer Sohn brauchen sich meiner nicht zu schämen. Ich bin ihnen nahe und in unerschütterbarer Zuversicht verbunden. In Liebe ist mit mir meine Frau —

Ich — bin — bereit."

Karl Brandt ist tot, erhängt Er und seine angeklagten Kameraden, Ärzte und Wissenschaftler von Weltruf, haben bis zuletzt einen

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verzweifelten Kampf gegen die niederdrückende Gewalt der Nürnberger Ankläger geführt.

Und ihr Kampf hörte mit ihrer Hinrichtung nicht auf :

»Ich habe einen Schwur abzulegen . . . «
Der Nachruf am Grabe Karl Brandts

Noch am gleichen Tage an dem die Amerikaner Professor Brandt erhängten, fanden sich an seinem frischen Grabe Angehörige und Freunde von ihm ein, darunter auch seine tapfere Frau.

Ein einfacher deutscher Arzt aber, der von der amerikanischen Gefängnisverwaltung zur ärztlichen Betreuung der in Landsberg Inhaftierten angestellt war, fing an, in diesem Freundeskreise ein paar Worte zu sprechen :

"Ich habe einen Schwur abzulegen : das Sterben dieses Mannes verpflichtet uns alle — nicht zur Rache oder Vergeltung —, das wäre nicht seine Art, nein, vorwärts zu schauen und ihm nachzuleben. Sein Tod ist uns Verpflichtung in ganz anderem Sinne : Gesundheit und Freude! So hat er mich mit seinen strahlenden Augen begrüßt am 17. März, ihrem Hochzeitstag, den wir drüben im Bau mit Professor Beigelböck in seiner Zelle begingen. So hat er mir in seinem Abschiedsbrief geschrieben : Gesundheit und Freude, tragen Sie das weiter!

Ja, Gesundheit! Das ist doch unser ärztlicher Auftrag, aber nun in einem vertieften Sinne : der inneren Gesundung unseres armen deutschen Volkes und Vaterlandes, das er so heiß geliebt, dem sein Leben gehört hat.

Und Freude? Was hat Freude in dieser Stunde, hier am Grabe des teuren Mannes zu tun? Ja, das ist eben sein Vermächtnis an uns : Vorwärtsblickende Freude, Mut und Zuversicht! —

Vor kurzem sprach ich mit Karl Brandt über Albert Schweitzers Wort von der Ehrfurcht vor dem Leben. War diese Ehrfurcht vor dem Leben nicht seines Lebens Inhalt? Hat er sie uns nicht gelehrt und war er nicht gerade darin Vorbild für uns deutsche Ärzte und die deutsche Jugend?

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Karl Brandt, Du warst wahrhaftig ein Arzt vom Geist des Paracelsus : Arzt und Priester, Forscher und Helfer. Dein Leben war bis zur letzten Stunde eine Hingabe an den Beruf. Drüben im Bau, in dieser einzigartigen Schicksalsgemeinschaft so vieler wertvoller Menschen, wahrhaft deutscher Männer, hast Du bis zuletzt diesem priesterlichen Arzttum gelebt, Mittelpunkt und Vorbild uns allen.

Ich, ein kleiner deutscher Arzt, rufe die deutschen Ärzte und die deutsche Jugend auf, dies Vermächtnis Karl Brandts als Verpflichtung und Verantwortung zu übernehmen, treu sein Gedächtnis zu wahren und ihm nachzuleben. Das geloben wir Dir. — Dank Dir, Karl Brandt!"

»Morde, Brutalitäten, Grausamkeiten . . . «
aus dem Urteil

Sind das Worte aus einer anderen Welt? Worte aus einem anderen Deutschland, die jener einfache Arzt am Grabe des gerade Gehängten gesprochen hat? Wie konnte er dies tun? Nach über siebenmonatiger Verhandlung hatte bekanntlich ein amerikanisches Militär-Tribunal rechtskräftig über Brandt geurteilt :

"Wir entscheiden, daß Karl Brandt verantwortlich war, mithalf, Vorschub leistete, zustimmte zu, und verbunden war mit Plänen und Unternehmungen, welche die Durchführung medizinischer Experimente an Nichtdeutschen, ohne Zustimmung der Betreffenden mit einschloß, und an anderen Greueltaten, in deren Verlauf Morde, Brutalitäten, Grausamkeiten, Folterungen und andere unmenschliche Taten begangen wurden. Soweit diese verbrecherischen Handlungen nicht Kriegsverbrechen darstellten, waren sie Verbrechen gegen die Menschlichkeit."

Welch' unfaßbare Kluft zwischen diesem rechtskräftigen Urteilsspruch eines amerikanischen Militärgerichtshofes und jenen Worten des Nachrufes am Grabe des Gehängten! Der kleine deutsche Arzt, der den Nachruf sprach, wurde darauf von den Amerikanern aus seiner Stellung entfernt. Das erschütternde Problem aber, welches seine aufrichtige Haltung so eindeutig bezeichnete, kann mit einer derartigen Maßnahme nicht aus der Welt ge-

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schafft sein. Am allerwenigsten für uns, die wir den Namen des Volkes tragen, das auch von diesen gehängten Männern — ganz gleichgültig, ob wohl oder übel — einmal vertreten wurde. Ein Geist geht um bei uns und klopft an die Türen . . . Es ist sicher nicht der Geist Jodls oder Brandts oder Görings oder wie sie auch geheißen haben. Aber es ist der Geist des ewigen, unteilbaren und unparteiischen Rechts, das nicht noch einmal zum Knecht irgendeines "politischen Zeitgeistes" werden darf!

Brandts Schlußworte im Ärzteprozeß

Karl Brandt fühlte sich als Opfer der Rache. Er fühlte sich unschuldig und hatte sein Schicksal vor dem Nürnberger Tribunal mit folgenden Worten zu rechtfertigen versucht :

"Es gibt ein Wort, das scheint so einfach : Befehlen. Und was an Ungeheuerlichem birgt es. Wie maßlos sind die Konflikte, die hinter dem Gehorchen sich verstecken.

Beides traf mich : Gehorchen und Befehlen.

Beides ist Verantwortung.

Ich bin Arzt. Und vor meinem Gewissen steht diese Verantwortung als Verantwortlichkeit für Mensch und Leben.

Nüchtern stellt die Anklage die Behauptung von Verbrechen und Mord dagegen und erhebt die Frage meiner Schuld.

Es wäre ohne Bedeutung, wenn Freunde und Patienten sich vor mich stellten, um Gutes über mich zu sagen : Ich hätte geholfen, ich hätte geheilt. Es wären viele Beispiele da für meinen Einsatz in Gefahr und meine Bereitschaft.

Das ist jetzt belanglos.

Ich werde einer Anklage um meinetwillen nicht ausweichen. Doch es ist der Versuch der menschlichen Rechtfertigung, meine Pflicht allen gegenüber, die an mich persönlich glauben, die mir vertrauten und die sich auf mich verlassen haben, sowohl als Mensch, wie als Arzt, als auch auf den Vorgesetzten.

Ich habe den Menschenversuch, wie dieser als Problem mir auch begegnet sein mag, nie als eine Selbstverständlichkeit angesehen, auch nicht dort, wo er ungefährlich ist.

Aber ich bejahe aus Gründen der Vernunft seine Notwendigkeit. Ich weiß, aus dieser erwachsen Widersprüche.

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Ich kenne die Differenzen, die das ärztliche Gewissen stören und ich kenne die innere Not, die einem bedrängt, wenn Befehl oder Gehorsam die Moral jeglicher Form bestimmen. Für den Versuch ist es gleich, ob dieser mit oder entgegen einem Willen ausgeführt wird. Denn es bleibt für das Individuum das Ereignis sinnwidrig, sinnwidrig, wie mein Tun als Arzt zu sein scheint, wenn man es isoliert betrachtet.

Der Sinn liegt tiefer :

Kann ich mich als einzelner der Gemeinschaft entziehen? Kann ich außerhalb und ohne sie sein? Konnte ich, der ich ein Teil von ihr bin, ausweichen, weil ich sage : Ich will vom Sinn dieser Gemeinschaft leben, aber ich will ihr kein Opfer bringen. Nicht an Leib und nicht an Seele. Ich will mein Gewissen freihalten, mag sie sehen, wie sie zurecht kommt. Und doch sind wir, sie und ich, irgendwie identisch. So muß ich denn trotzdem die Widersprüche hinnehmen und die Folgen tragen, wenn sie auch unverständlich bleiben.

Ich muß sie tragen wie das Schicksal meines Lebens, das mich vor seine Aufgaben stellt.

Der Sinn ist das Motiv, das der Gemeinschaft gilt.

Trage ich hier um ihretwillen eine Schuld, so werde ich diese um ihretwillen verantworten.

Es war Krieg. Der Einsatz in ihm ist immer der Gleiche. Seine Opfer treffen uns alle.

Ich stehe zu ihnen.

Aber sind diese Opfer mein Verbrechen? Habe ich die Gebote des Menschlichen getreten und verachtet? Bin ich über Menschen und ihr Leben hinweggegangen, wie wenn es nichts ist?

Man wird auf mich zeigen und rufen "Euthanasie" und fälschlich "Nutzlose", "Arbeitsunfähige", "Unwerte".

Was ist gewesen? Hat nicht Pastor Bodelschwingh mitten aus seiner Arbeit in Bethel noch im vergangenen Jahr gesagt, ich wäre ein Idealist und kein Verbrecher?

Wie konnte er das?

Und hier stehe ich unter furchtbarster Anklage. Wie wenn ich nicht nur nicht Arzt wäre, sondern auch ein Mensch ohne Herz und Gewissen. Glaubt man, es sei mir ein Vergnügen gewesen, als ich den Ermächtigungsauftrag zur Eu-

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thanasie erhielt? 15 Jahre hatte ich am Krankenbett mich gemüht und jeder Patient war mir ein Bruder.

Jedes kranke Kind habe ich umsorgt, wie wenn es mein eigenes wäre.

Da traf mich das Los.

Ist das Schuld?

War nicht mein erster Gedanke, den Rahmen der Euthanasie einzuengen? Habe ich nicht im Augenblick meiner Einschaltung die Begrenzung gesucht und "kritischste" Beurteilung der Unheilbaren verlangt?

Waren nicht Ordinarien unserer Universitäten dabei?

Wen konnte es geben, der besser fachlich geschult war?

Aber ich will nicht von diesen Durchführungsfragen sprechen.

Ich wehre mich gegen den Anwurf der Unmenschlichkeit und der niederen Gesinnung!

Gegenüber dieser Anklage gilt auch mein Recht auf Menschlichkeit!

Ich weiß, wie schwer das Problem ist. Ich habe mit tiefer Inbrunst mich damit gequält. Aber hier half keine Philosophie oder andere Weisheit.

Hier lag der Erlaß und darauf stand mein Name.

Man sage nicht, ich hätte mich krank stellen sollen. Ich lebe mein Leben nicht, um ihm auszuweichen, wenn es mir begegnet. So habe ich die Euthanasie bejaht.

Ich kenne das Problem wohl; es ist so alt wie der Mensch. Aber es ist kein Verbrechen gegen den Menschen! Und keins gegen die Menschlichkeit.

Ich kann hier nicht als Geistlicher glauben oder als Jurist denken.

Ich bin Arzt und sehe das Gesetz der Natur als das Gesetz der Vernunft.

Durch dieses wuchs in meinem Herzen auch die Liebe zum Menschen. So trage ich sie vor meinem Gewissen.

Als ich in jener Zeit mit Pastor Bodelschwingh, dem einzigen ernsthaften Warner, der mir persönlich bekannt wurde und begegnete, sprach, da schien es zuerst, wie wenn unsere Gedanken weit voneinander stünden. Aber je länger wir

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sprachen und je offener wir dabei wurden, um so näher und enger wurde unser gegenseitiges Verstehen. Es war damals kein Reden um Worte. Es war ein Kämpfen und Suchen, auch über den Menschen hinaus.

Wie der alte Pastor Bodelschwingh nach vielen Stunden ging und wir uns die Hände reichten, war sein letztes Wort :

Das war der schwerste Kampf in meinem Leben.

Ihm wie mir blieb dieser Kampf.

Es blieb auch das Problem.

Wenn ich heute sagen würde, ich wünschte, dieses sei mir nie in seiner erschütternden Dramatik begegnet, dann könnte das nur aus Oberflächlichkeit sein, um es selbst bequemer zu haben. Ich stehe aber in meiner Zeit und erlebe, daß sie in allem voller Gegensätze ist.

Irgendwo in ihr muß jeder Stellung beziehen.

Ich habe vor mir selbst das tiefe Bewußtsein, daß, als ich zur Euthanasie "ja" sagte, dies wie heute in der Überzeugung tat, es ist richtig.

Der Tod kann Erlösung sein.

Der Tod ist Leben — wie die Geburt.

Niemals sollte er Mord werden.

Ich trage eine Last, aber es ist nicht die Last des Verbrechens. Ich trage diese meine Last, wenn auch mit schwerem Herzen, als meine Verantwortung.

Ich bestehe mit ihr vor mir und meinem Gewissen als Mensch und als Arzt."

Gnadengesuche

Als dann doch das Todesurteil ausgesprochen wurde, sandten zahlreiche Ärzte, an der Spitze Professor Sauerbruch, dem Gericht Gnadengesuche für Brandt. Wie auch der alte Pastor Bodelschwingh noch im Rundfunk sagte, Brandt sei kein Verbrecher, sondern ein Idealist, schrieb ein angesehener Medizinalrat dem Präsidenten des Gerichtshofes :

"Es fehlen bei Brandt die beiden wesentlichen Kriterien, die zur Charakterisierung eines Kriminellen gehören : die moralische Minderwertigkeit und das asoziale Verhalten gegenüber der Gemeinschaft." —

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"Wo das rechte, ideale Wollen dieses Mannes aus so vielen Argumenten erwiesen ist, bitte ich Sie, Herr Präsident, dieses Moment neben der Last der Beschuldigungen doch auch beachten zu wollen und Professor Brandt zu begnadigen" — —

heißt es in der Eingabe eines ehrwürdigen katholischen Priesters vom Orden der Salvatorianer. Dieser Priester hatte Brandt im Dezember 1943 an der Ostfront im Dnjeper-Brückenkopf vor Bobruisk erlebt. Er hatte gesehen, wie Brandt in der Heiligen Nacht im aufopfernden persönlichen Einsatz zahllosen Verwundeten das Leben rettete und er wußte auch, daß Karl Brandt das entscheidende Wort für die katholischen Ordensschwestern gesprochen hatte, damit sie in den Lazaretten und Krankenhäusern weiter bleiben konnten.

Aus Zürich schrieb ein amtierender Pfarrer an den Präsidenten des Gerichtshofes :

"Wenn ich auch wußte, daß Karl Brandt meinen Christusglauben nicht teilte, so galt mir seine Gestalt doch als Inbegriff des menschlich Schönen, Edlen, Erstrebenswerten. Ich war überzeugt, daß es sich da um einen jener ganz seltenen Menschen handelte, denen zu begegnen größtes Glück bedeutet auf Erden. Als mir Dr. Brandt im Mai 1933 anläßlich einer jener wenigen Begegnungen, die wir im Laufe der Jahre hatten, seinen nationalsozialistischen Glauben darlegte, geschah es mit der Überzeugtheit und Begeisterung eines echten Idealisten. Brandt verstand damals die Parole "Gemeinnutz geht vor Eigennutz" im edelsten Sinne und freute sich darüber, wie nun über alle Klassengegensätze hinweg zwischen Hoch und Niedrig Gemeinschaft entstand . . . Ich bin überzeugt, daß Karl Brandt ein außerordentlicher, zu hohen Dingen befähigter Mensch ist, der mit seinem großen Können, seiner hingebenden Hilfsbereitschaft, vor allem aber mit dem Adel seiner Persönlichkeit noch vielen Menschen zum Segen werden könnte. Es wäre ein furchtbarer Verlust, wenn dieser Mensch jetzt sterben müßte . . . Aus der Tiefe meines Herzens hoffe ich, daß es Ihnen möglich sei, die Schuldfrage im Falle Brandt erneut zu prüfen, die Persönlichkeit Dr. Brandts wertzuschätzen, das Todesurteil zu revidieren und den Angeklagten seiner so wichtigen ärztlichen Tätigkeit zurückzugeben. Gebe es Gott der Barmherzige, daß auch mein Wort hierzu etwas beizutragen vermochte."

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Aber all' die Gnadengesuche, die für Professor Brandt beim Präsidenten des Militärtribunals und beim amerikanischen Militärgouverneur eintrafen, aufzuführen, hieße einen besonderen Band füllen. Kranke, denen er als Arzt geholfen hatte, Kollegen und Hochschullehrer, Geistliche, der Leiter des Evangelischen Hilfswerks, ehemalige Widerstandskämpfer und Persönlichkeiten des Auslandes sandten für diesen Mann, den der amerikanische Militärgerichtshof als gemeinen Kriegs- und Humanverbrecher bezeichnete, Gnadengesuche nach Nürnberg. Es war alles umsonst.

Ein englischer Arzt fand in einem Brief an Professor Brandt die folgenden, sicherlich bemerkenswerten Worte :

" . . . Ich selbst bin Wissenschaftler und beurteile eine Situation rein objektiv, was zwar meine Landsleute heute nicht tun . . . Wieder muß ich der Ungerechtigkeit, die jetzt in Deutschland Oberhand gewann, zusehen . . . Wir wissen aber, daß Sie in erster Linie in der Anklagebank standen, weil sie Adolf Hitlers Leibarzt waren . . .

Vergessen Sie aber bitte nicht, daß viele Ihrer Kollegen hier sind, mit den Gedanken bei Ihnen. Ihre Leistung auf dem Gebiete der Medizin war eben einmal triumphierend und deshalb der Haß anderer Menschen Ihnen gegenüber. Daß zu jeder experimentellen Wissenschaft Opfer gefordert werden, können Anti-Wissenschaftler natürlich nicht verstehen. Erst dann leuchtet bei diesen Leuten der Verstand auf, wenn sich eine Krankheit zur Epidemie verbreitet hat und die Menschen um Hilfe schreien . . .

Bleiben Sie weiter tapfer! Möge Ihnen dann einmal im Jenseits der Segen unseres Herrgotts zuteil werden."

Sicher haben alle diese guten Worte viel dazu beigetragen, daß Professor Brandt und seine Kameraden ihren letzten Kampf aufrecht durchstanden. Aber in Nürnberg, in Dachau, in Ludwigsburg, in Rastatt oder wie die hundert Orte dieser traurigen Berühmtheit auch heißen, saßen ja nicht nur die Männer, denen die unmenschlichsten Verbrechen vorgeworfen wurden, auf der Anklagebank, sondern das gesamte deutsche Volk stand dort unter Gericht. Diese Tatsache darf nie vergessen werden. In Landsberg wurden nicht nur Professor Brandt und seine Kameraden, sondern die gesamte ärztliche Wissenschaft Deutschlands dem Henker überantwortet. Wie Brandzeichen haften an uns allen jene Urteile und Begründungen, die — wenn sie rechtens wären — ein unverlöschbares Schandmal abendländischen Menschentums darstellen.

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Hier hat das Rechtsempfinden, das Rechtsbewußtsein jedes einzelnen einzusetzen! "Morde, Brutalitäten, Grausamkeiten, Folterungen, und andere unmenschliche Taten . . ." Gleich schwerwiegende Worte wurden in die Urteile gegen fast alle in den Kriegsverbrecher-Prozessen verurteilten Deutschen aufgenommen und als jeden von uns niederzwingende Kollektivschuld eines ganzen Volkes der Welt dokumentiert. Eine Belastungspsychose, wie sie die Geschichte des Rechts in solchem Ausmaße vorher nicht erlebt hatte, brach über die Beschuldigten, über achtzig Millionen Deutsche herein. Wer hielt ihr stand? Wer blieb unter ihrer verfälschenden Wirkung objektiv, wertete nichts als Tatsachen und sah dort Probleme, wo solche vorhanden waren? Die Nürnberger Anklagebehörden sicherlich nicht.

Siegfried Handloser, letzter Heeres-Sanitätsinspekteur
und Chef des Wehrmachts-Sanitätswesens
an das amerikanische Militärtribunal

Professor Siegfried Handloser, der ehemalige Chef des Wehrmachts-Sanitätswesens, sagte als Angeklagter im Ärzte-Prozeß in seinem Schlußwort am 19. Juli 1947 vor den Richtern dazu :

"Bei meiner ersten Vernehmung hier in Nürnberg im August 1946 eröffnete mir der Vernehmer :

Sie sind der Chef des Wehrmachts-Sanitätswesens gewesen. Ob Sie von den unzulässigen Versuchen etwas gewußt haben oder nicht, spielt keine Rolle. Als Chef sind Sie für alles verantwortlich.

Kommen Sie nicht mit der Ausrede, bei anderen Nationen sei ähnliches oder gleiches geschehen. Das steht gar nicht zur Diskussion. Die Deutschen stehen unter Anklage, nicht die anderen.

Berufen Sie sich nicht auf Ihre Zeugen. Diese sagen natürlich zu Ihren Gunsten aus. Wir haben unsere Zeugen und an diese halten wir uns.

Dies waren die Leitsätze der Anklage bis zum letzten Tag dieses Verfahrens.

Sie sind mir unverständlich geblieben, weil ich immer geglaubt habe, ein Verbrecher müsse ein Mensch sein, der Un-

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recht tut und weil ich der Meinung war, auch die Anklagebehörde habe das Bestreben, objektiv zu sein, wenigstens nach Schluß des Beweisverfahrens.

Das Schlußplädoyer hat mich aber belehrt, daß ich mich geirrt habe. Der Vortrag der Anklagebehörde war keine Würdigung des Beweisergebnisses, sondern eine zusammenfassende Wiederholung der einseitigen Anklagebehauptung ohne jede Berücksichtigung dessen, was das Beweisverfahren in meinem Fall ergeben hat . . .

Wenn etwas mich in der seelischen Not der letzten Monate hätte versöhnen können, so das Bewußtsein, vor diesem Gericht, vor dem deutschen Volk und vor der Weltöffentlichkeit klargestellt zu sehen, daß der schwere allgemeine Vorwurf der Anklage gegen das Sanitäts-Offizierkorps sich als durch nichts begründet erwiesen hat . . . .

Als letzter Heeres-Sanitäts-Inspekteur und als Sanitäts-Chef der deutschen Wehrmacht gedenke ich mit Stolz der Sanitätsoffiziere aller Grade, deren unermüdlichen und aufopferungsvollen Hingabe zahllose Verwundete und Kranke dieses furchtbaren Krieges ihr Leben, ihre Heilung und ihre Existenzmöglichkeit verdanken. Nie und nirgendwo waren die Verluste eines Sanitäts-Offizierkorps größer, als die Verluste der Sanitätsoffiziere der deutschen Wehrmacht in Erfüllung ihrer Pflicht.

Vor mehr als hundertfünfzig Jahren ist für die deutschen Militärärzte und ihren Nachwuchs der Leitsatz

Scientiae — Humanitati — Patriae

geprägt worden. Wie die Sanitätsoffiziere in ihrer Gesamtheit, so bin auch ich diesem Wahlspruch zu jeder Zeit im Denken und Handeln treu geblieben.

Möge es in Erkenntnis und als Auswirkung der Geschehnisse der letztvergangenen Epoche den vereinigten Bemühungen der Völker gelingen, für alle Zeiten das unermeßliche Unglück eines Krieges zu verhüten, dessen furchtbares Antlitz niemand besser kennt als der Militärarzt."

Die Schlußworte Professor Roses

Ein anderer Angeklagter des Ärzte-Prozesses, Professor Gerhard Rose, Wissenschaftler von Weltruf und dann über Nacht mit der Anklage schwerster Humanitätsverbrechen überzogen, ging in

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seinem Schlußwort weiter auf die einseitige Art der Beweiserhebung ein und behandelte das Problem der Menschenversuche, deren er angeklagt war, von seinem Standpunkt, der mindestens deshalb alle Beachtung verdient, weil es der Standpunkt der Verteidigung ist, der bisher — wie die Argumente der Verteidigung überhaupt — totgeschwiegen wurde. Professor Rose sagte seinen Richtern am 19. Juli 1947 :

"Die Wissenschaftler, die unter die Angeklagten dieses Prozesses eingereiht sind, sehen sich einer Hauptschwierigkeit gegenüber. Sie besteht darin, daß rein wissenschaftliche Fragen durch die Anklagebehörde zu politisch-ideologischen gestempelt worden sind.

In der Einleitungsrede des Herrn Generalstaatsanwaltes Taylor ist die vorwiegend politische und weltanschauliche Natur der Anklage mit denkbar größter Klarheit zum Ausdruck gebracht worden.

Gegenstand der gegen mich persönlich erhobenen Anklagen ist mein Verhalten gegenüber den staatlich angeordneten Menschenversuchen anderer deutscher Forscher auf den Gebieten der Fleckfieberbekämpfung und Malariabekämpfung.

Derartige Arbeiten haben mit Politik und Weltanschauung nichts zu tun, sondern dienen dem Wohle der Menschheit. Die gleichen Probleme und Notwendigkeiten ergeben sich — unabhängig von jeder politischen Ideologie — überall dort, wo gleiche Seuchengefahren zu bekämpfen sind.

Wie Claus Schilling im Rahmen seiner Malariaforschung zum Menschenversuch gezwungen war, haben vor ihm und nach ihm Malariaforscher der verschiedensten Nationen Versuche an lebenden Menschen durchführen müssen.

Wie Haagen aus eigener Initiative mit Zustimmung der für ihn maßgebenden staatlichen Stellen die Verträglichkeit eines neuen lebenden Fleckfieberimpfstoffes an Menschen erprobt hat, hat das vor ihm im Rahmen der Pestbekämpfung Ihr großer Landsmann Richard P. Strong an Eingeborenen der Philippinen, die nicht amerikanische Bürger waren, mit Zustimmung Ihrer Regierung getan.

Wie Dr. Ding auf Weisung der höchsten und letztentscheidenden Instanzen der deutschen zivilen Gesundheitsverwaltung in Zeiten größter Fleckfiebergefahr den Wert von

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Fleckfieberimpfstoffen am Menschen geprüft hat, haben das andere vor ihm getan, bei weniger dringender Notlage, ebenfalls im Einverständnis, teils auf Weisung ihrer Regierung.

Welche tatsächliche Rolle ich in Wirklichkeit entgegen den Behauptungen der Anklage bei den deutschen Menschenversuchen mit Malaria und Fleckfieber gespielt habe, habe ich vom Zeugenstand aus bekundet. Die rechtliche Würdigung meiner Handlungen hat Ihnen mein Verteidiger, Herr Dr. Fritz, bereits vorgetragen. Ich brauche dem nichts hinzuzufügen. Welche Haltung ich gegenüber dem Menschenversuch in der medizinischen Forschung grundsätzlich eingenommen habe, habe ich nicht erst in diesem Gerichtssaal, sondern zu Zeiten der uneingeschränkten Macht der Nationalsozialistischen Deutschen Regierung dargelegt. Damals wurde mir das Wort von dem Mann entzogen, nämlich von Professor Schreiber, der vor fast einem Jahr in diesem gleichen Saal sich zum Vorkämpfer ärztlicher Ethik aufwarf.

Die Tatsache ist unbestritten, daß Menschenversuche, die sachlich genau das Gleiche darstellen wie die, an denen mir zu Unrecht eine Beteiligung vorgeworfen wird, auch in anderen Ländern durchgeführt worden sind, und nicht zuletzt in den Vereinigten Staaten, die als Kläger gegen mich auftreten.

Das hat die Anklage dazu geführt, den Schwerpunkt ihrer Beschuldigungen auf die äußeren Verhältnisse der von den deutschen Behörden zur Verfügung gestellten Versuchspersonen zu verlegen. Dabei ist die Frage der Freiwilligkeit der Versuchspersonen in den Vordergrund gestellt worden. Ich will nicht die Frage erörtern, wie weit der mit dem Versuch beauftragte Arzt für diese äußeren formellen Fragen verantwortlich ist, geschweige denn der Arzt, der den Versuchen so fern gestanden hat, wie ich selber. Ich möchte nur zu der grundsätzlichen Frage der Freiwilligkeit einige Bemerkungen machen.

An sich ist ein derartiger Prozeß wohl die ungünstigste Atmosphäre, um Fragen ärztlicher Ethik zu erörtern. Aber diese Fragen sind nun einmal hier aufgeworfen worden und müssen daher auch beantwortet werden.

Wer als Forscher einen Einblick in die Geschichte der lebensgefährlichen medizinischen Versuche hat, weiß mit Sicherheit von jeher das eine :

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Abgesehen von den Selbstversuchen von Ärzten, die die verschwindende Minderheit derartiger Versuche darstellen, ist die Freiwilligkeit der Versuchspersonen meist eine Täuschung, im besten Fall ein Selbstbetrug des Arztes, der den Versuch vornimmt, oft genug aber eine bewußte Irreführung der Öffentlichkeit. In der Mehrzahl der Fälle liegt bei ethischer Prüfung des Sachverhaltes eine Ausnutzung der Unwissenheit, des Leichtsinns, der wirtschaftlichen Notlage oder sonstigen Zwangslage der Versuchspersonen vor. Ich darf nur auf das Beispiel verweisen, das dem Gericht durch Herrn Ivy in Form der Vordrucke für die amerikanischen Malariaversuche vorgelegt worden ist. Sie sind selbst in der Lage zu prüfen, ob an Hand der Informationen dieses Vordruckes Personen vom durchschnittlichen Bildungsniveau eines Zuchthäuslers sich ein ausreichendes Urteil von den Risiken eines Versuches mit perniziöser Malaria bilden konnten.

Dieser Sachverhalt wird von jedem ehrlichen Forscher in persönlicher Unterhaltung zugegeben, so ungern er auch in der Öffentlichkeit eine derartige Feststellung machen wird. Daß ich selbst ein grundsätzlicher Gegner des gefährlichen Menschenversuches bin, ist Ihnen, meine Herren Richter, bekannt. Der Staat oder eine menschliche Gemeinschaft, die im Interesse des höheren Wohls der Gesamtheit auf den Menschenversuch aber nicht verzichten wollen, handeln nur dann ethisch, wenn sie sich auch offen zu der daraus erwachsenen Verantwortung bekennen und z.B. Feinden der Gesellschaft zur Sühne ihrer Vergehen dieses Opfer auferlegen und nicht den Weg einer Scheinfreiwilligkeit wählen, die das Risiko des Versuchs zum größten Teil der Versuchspersonen, die unfähig ist, die möglichen Folgen zu beurteilen, aufbürden.

Der Herr Staatsanwalt hat in seinem Plädoyer das Vorwiegen von Affidavits bei der Beweisführung der Verteidigung kritisiert. Die Schwierigkeiten für einen in Haft befindlichen Angeklagten im heutigen Deutschland, andere Dokumente zu beschaffen, sind so gut wie unüberwindlich. Um nur einige Beispiele zu erwähnen :

Bei der Behandlung der Malaria-Experimente Schillings hat die Anklagebehörde dem Hohen Tribunal unter anderem einen Auszug des bekannten Dachauer Urteils vorgelegt. Bezüglich der darin getroffenen Feststellungen über die Zahl der Todesopfer bei diesen Versuchen habe ich im Zeugen-

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stand erklärt, daß ich lieber als Angeklagter hier sitzen, als meine Unterschrift unter ein Gutachten setzen wolle, das diese Feststellung bestätigt. Wie recht ich mit dieser Äußerung gehabt habe, ergibt sich aus dem leider erst jetzt bei meinem Verteidiger eingegangenen Brief des Professors Mellamby von der Universität London, der die Behauptung, es seien hierbei zirka 300 Versuchspersonen gestorben, als eine groteske Unwahrheit bezeichnet hat. Mein Verteidiger hat in seinem Plädoyer den entsprechenden Wortlaut dieses Briefes zitiert. — Die Anklagebehörde hat damals bei der Vorlage des Auszuges des Dachauer Urteils versprochen, auch die gesamten Akten des Dachauer Prozesses zur Verfügung zu stellen. Leider sind meine Bemühungen, in diese Akten Einsicht zu nehmen, vergeblich gewesen.

Als der Staatssekretär Dr. Conti sich während des Krieges mit dem Gedanken trug, den sich in Italien aufhaltenden Schilling wieder in Deutschland mit einer Aufgabe zur Erforschung der Malaria zu betrauen, wurde ich als damaliger Leiter der Tropenmedizinischen Abteilung des Robert-Koch-Institutes vom Reichsinnenministerium beauftragt, zunächst ein Gutachten zu erstatten. In diesem Gutachten lehnte ich aus Gründen, die ich im Zeugenstand auseinandergelegt habe, Schillings Plan ab. Wäre mein Rat befolgt worden, hätten die Versuche Schillings in Dachau überhaupt niemals stattgefunden. Während der Dauer dieses Prozesses habe ich mich bemüht, in den Besitz dieses Gutachtens zu gelangen. Aber auch insoweit blieb mir ein Erfolg versagt, obwohl sich dieses Gutachten sehr wahrscheinlich sogar hier im Hause befindet.

Ebenso vergeblich bemüht habe ich mich um die Erlangung des für meine Verteidigung so wichtigen Aktenvermerks, den ich der Zeugin Block über meine Besprechungen mit dem Staatssekretär Dr. Conti und dem Präsidenten des Robert-Koch-Institutes, Gildemeister, diktiert habe, nachdem ich von der Durchführung der Fleckfieber-Experimente in Buchenwald Kenntnis erlangt hatte.

Mein spärlicher Briefwechsel mit Professor Haagen befindet sich offenbar vollständig im Besitz der Anklagebehörde. Trotzdem ist er Ihnen nur teilweise vorgelegt worden. Diese Tatsache hat der Anklagebehörde Gelegenheit gegeben, den aus dem Zusammenhang gerissenen Inhalt unrichtig zu interpretieren. Ich habe leider keine Möglich-

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keit, die Vorlage der fehlenden Dokumente, die eine eindeutige Aufklärung des Sachverhaltes zu meinen Gunsten erbringen würde, zu erzwingen.

Für die Beurteilung der Arbeiten Haagens wäre — worauf schon mein Verteidiger hingewiesen hat — die Aussage eines unparteiischen Sachverständigen von entscheidender Bedeutung gewesen. Ich kann es daher nur bedauern, daß die von mir beantragte Vernehmung des Franzosen Georges Blanc — des besten Kenners dieses Fachgebietes — nicht erfolgt ist, obwohl er sich bereit erklärt hatte, vor diesem Hohen Tribunal als Sachverständiger zu erscheinen.

Professor Legroux vom Institut Pasteur in Paris hat sich während der Dauer des Prozesses wiederholt in Nürnberg aufgehalten. Die Anklagebehörde hat nach Rücksprache mit ihm darauf verzichtet, ihn als Sachverständigen für die schwierigen, sich aus der Arbeit Haagens ergebenden Fragen in den Zeugenstand zu rufen.

Ich bitte das Hohe Tribunal hieraus seine Schlußfolgerungen zu ziehen und im übrigen das Fehlen dieser sämtlichen Beweismittel nicht zu einem Nachteil für mich werden zu lassen.

Herr Staatsanwalt McHaney hat in seinem Plädoyer ausgerufen, der Arzt unter den Angeklagten müsse noch gesucht werden, der sich solchen Experimenten, wie sie hier zur Anklage stehen, selbst unterworfen habe. Ich fühle mich hier nicht getroffen. Nicht nur durch meine Aussage, die ich hier vor Ihnen gemacht habe, sondern auch aus meiner Krankengeschichte, die längst vorlag, bevor ich mit dieser Anklage überzogen wurde, ergibt sich, daß ich mich nicht nur wiederholt als Versuchsperson zur Prüfung von Impfstoffen zur Verfügung gestellt, sondern mir im Dienste und bei meinen Forschungsarbeiten wiederholt Infektionen, darunter Cholera, Fleckfieber, Malaria und Hepatitis-epidemica, zugezogen habe, an deren Folgen ich noch heute zu leiden habe.

Herr Staatsanwalt McHaney hat schließlich in seinem Plädoyer behauptet, daß alle hier Angeklagten, damit also auch ich, des Mordes schuldig seien. Falls das Gericht das vorliegende Problem unter diesem Gesichtspunkt betrachten sollte, würde ich bedauern, überhaupt nur ein Wort zu mei-

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ner Verteidigung gesagt zu haben. Glauben Sie aber mir, daß ich mich bei allen meinen Handlungen, die hier erörtert worden sind, nur von höchstem Pflichtbewußtsein habe leiten lassen —, dann lege ich mein Schicksal vertrauensvoll in Ihre Hände."

Professor Rose wurde zwar nicht zum Tode, dafür aber zu einer für ihn sicher lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Daraus ergibt sich, von welchem Standpunkt das Gericht die dargelegten Probleme tatsächlich betrachtet hat. —

Die Verfahrensführung der Ankläger, die in fast jedem der Kriegsverbrecherprozesse immer wieder von der Verteidigung angegriffen wurde, begründet sich allerdings auf die angewandte Prozeßordnung des anglo-amerikanischen Rechts. Während nach der deutschen Strafprozeß-Ordnung die Staatsanwaltschaft verpflichtet ist, auch die den Angeklagten entlastenden Momente zu berücksichtigen, existiert solcher Passus in den in Nürnberg angewandten prozessualen Verfahrensvorschriften nicht. Für die Durchführung normaler Kriminalverfahren ist solche Methode sicher geeignet, denn da ist der Angeklagte über die zur Verhandlung stehenden Gegenstände meistens besser unterrichtet, als die Anklagebehörde. Wenn es aber darum geht, in einem großen politischen Prozeß Schuld und Recht von Zusammenhängen, die über die sachliche Kenntnis der einzelnen Angeklagten weit hinausgehen, die bei äußerster Kompliziertheit größtenteils auch mit den undurchdringlichen Schleiern staatlicher Geheimnisse umgeben sind, zu klären, dann dürfte eine einseitige Beweiserhebung der Anklagebehörde höchst ungeeignet sein. Hinzu kommt, daß die wegen Kriegs- oder Humanverbrechen unter Gericht gestellten Angeklagten seit Monaten oder gar Jahren in strenger Haft gehalten wurden, also nahezu völlig isoliert waren, während die Ankläger unbeschränkte Möglichkeiten zur Herbeischaffung des ihnen genehmen Beweismaterials hatten. "Unrichtig interpretiert", "aus dem Zusammenhang gerissen" habe die Anklagebehörde solche Beweismittel und entlastende Dokumente dem Gerichtshof vorenthalten, sagte Professor Rose im Ärzteprozeß dazu.

Es sind jedoch nicht nur die Angeklagten und ihre Verteidiger gewesen, die solche schweren Angriffe gegen die Prozeßführung, insbesondere gegen die Methoden der Ankläger geführt haben. Abgesehen von den Stimmen zahlreicher neutraler Beobachter aus fast allen Ländern, verdienen in diesem Zusammenhang vor allem drei Vorgänge, welche um die europäischen Kriegsverbrecherprozesse gewaltiges Aufsehen erregten, Beachtung. Beachtung, nicht

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nur weil sie einen, den Außenstehenden sehr überraschenden Einbilde in die internen Verhältnisse der für diese folgenschwere Rechtsauffassung verantwortlichen Besatzungsbehörden vermitteln, sondern auch weil durch sie uns Deutschen einmal eine Möglichkeit des demokratischen Regierungssystems mit allen seinen Vor- und Nachteilen in der Praxis vorgeführt wurde.

Richter Charles F. Wennerstrum greift die Verfahrensführung an

Den ersten dieser Vorfälle veranlaßte der amerikanische Richter Charles F. Wennerstrum aus Cariton — Iowa. Er, der als Vorsitzender des Kriegsverbrecherprozesses gegen die deutschen Süd-Ost-Generäle amtiert hatte, gewährte vor seinem Abflug aus Deutschland dem Korrespondenten der "Chicago-Tribüne", Hal Foust, ein außerordentlich aufschlußreiches Interview. Darüber berichtet die amerikanische "Stars and stripes" in ihrer Europa-Ausgabe vom Dienstag, dem 24. Februar 1948, auf der ersten Seite folgendes :

"Chicago, 23. Febr. (AP). Laut einer copyright-Meldung der Chicago-Tribüne aus Nürnberg vom heutigen Tage soll Judge Charles F. Wennerstrum, US-Mitglied der Kriegsverbrechergerichte, gesagt haben :

"Sieg in irgendeinem Krieg ist nicht der beste Richter über Kriegsverbrecher-Schuld."

Dieser Oberste Richter aus dem Staate Iowa fügte hinzu : "Man kann versuchen wie man will, es ist unmöglich, den Angeklagten, ihren Anwälten und ihrem Volke klarzumachen, daß das Gericht bemüht ist, die Menschheit als solche zu repräsentieren und nicht den Staat, der die Mitglieder des Gerichtes bestellte." . . .

"Das Drei-Richter-Kollegium brachte anschließend sein Bedauern darüber zum Ausdruck, daß ein derartiger Prozeß von einer Macht allein geführt werden muß, andere Länder hätten daran teilnehmen müssen, damit die Frage der Parteilichkeit beseitigt worden wäre."

Wennerstrum soll gesagt haben :

"Was ich über den nationalen Charakter der Gerichte gesagt habe, gilt auch für die Anklagebehörde. Die großen

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Ideale, aus welchen heraus diese Gerichte geschaffen worden sind, sind nicht in Erscheinung getreten."

Wennerstrum sagte :

"Die Anklage versagte in der Wahrung der Objektivität, einer Objektivität ohne Rache und ohne persönliche Gelüste für Verurteilung, sie hat versagt in ihren Bemühungen, Präzedenzfälle zu schaffen, welche der Welt dazu dienen, künftige Kriege zu vermeiden und Richtlinien festzulegen für künftige Regierungen und Armeen." "Die ganze Atmosphäre ist hier wenig schön . . . die Prozesse sollten dazu dienen, die Deutschen von der Schuld ihrer Führer zu überzeugen. Sie haben die Deutschen nur davon überzeugt, daß ihre Führer den Krieg gegen strenge Eroberer verloren haben.

Der größte Teil des Beweismaterials in den Prozessen sind Dokumente, aus dem tonnenweise erbeuteten Dokumentenmaterial herausgegriffen. Die Anklage besorgte dieses. Die Verteidigung bekam nur solche Dokumente, welche die Anklage als sachlich für den Prozeß hielt." —

Wennerstrum sagte : "Die Gerichte sind davon in Kenntnis gesetzt worden, daß kein sachliches Material zurückgehalten wird, aber ich bin sicher, die deutschen Angeklagten, ihre Verteidiger und das deutsche Volk haben kein Vertrauen zu der Beschaffung von Beweismaterial durch die Anklage." "Unser Gericht bestimmte die Prozeßordnung in der Form, daß, wenn die Anklage ein Dokument nur auszugsweise einbrachte, sie der Verteidigung den kompletten Text des Dokumentes zur Verfügung stellen mußte zwecks Einbringung als Beweismaterial für die Verteidigung. Die Anklage erhob schärfsten Einspruch gegen diese Verordnung. — General Taylor (Brig.-Gen., Telford Taylor, Hauptankläger für Kriegsverbrechen) versuchte eine außergerichtliche Zusammenkunft der Gerichtsvorsitzenden zustande zu bringen zwecks Aufhebung des Gerichtsbeschlusses."

"Das Fehlen der Möglichkeit der Berufung hinterläßt bei mir das Gefühl, daß das Recht gebeugt worden ist. Hätte ich vor sieben Monaten gewußt, was ich heute weiß, wäre ich nie nach hier gekommen."

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General Taylor bestreitet

General Taylor sah sich durch diesen schweren Angriff aus den Reihen seiner eigenen Richter dann genötigt, an Charles F. Wennerstrum einen Brief zu schreiben. "Da Ihre Äußerungen den Interessen und der Politik der Vereinigten Staaten abträglich sind, dürfen sie nicht ohne Erwiderung bleiben", heißt es darin, und mit schärfsten Worten bestreitet er die Einzelheiten, auf die sich Richter Wennerstrum in seinem Interview berufen hatte. "Ich würde noch stärkere Ausdrücke wählen, wenn es nicht so scheinen würde, als ob Ihr Verhalten auf eine zerrüttete und anormale seelische Verfassung zurückzuführen ist", schreibt der amerikanische Hauptankläger in seinem Brief weiter und schließt mit der verschieden deutbaren Prophezeiung : "Ihnen selbst werden Ihre eigenen Worte, dessen bin ich sicher, weit mehr schaden, als was ich in diesem Brief sagen konnte."

Es bedarf keines Kommentars, wenn der amerikanische Hauptankläger den Vorsitzenden eines Kriegsverbrecher-Gerichtes eine "zerrüttete und anormale seelische Verfassung" zu unterschieben versucht, um damit dessen außerordentlich schwerwiegenden Vorwürfen auszuweichen. Richter Wennerstrum wird sich sicher nicht viel daraus machen und jenem "Schaden", den er nach General Taylors Worten zu erwarten habe, in Ruhe entgegensehen. Das Renommee der amerikanischen Anklagebehörden dürfte General Taylor mit seinem Brief jedenfalls kaum gehoben haben.

»In tiefster Beschämung habe ich den Spott . . .«
Brief des amerikanischen Anwaltes Carrol an General Clay

Auch den zweiten bemerkenswerten Vorfall, von dem hier die Rede sein muß, rief ein amerikanischer Jurist, der Rechtsanwalt Earl J. Carrol, Mitinhaber der bekannten Anwaltsfirma Foley & Carrol, hervor. Carrol wollte in Nürnberg den Angeklagten Krupp als Verteidiger vertreten. Ein entsprechendes Gesuch des Herrn Krupp wurde jedoch vom Gerichtshof III abgelehnt. Daraufhin fuhr Carrol nach Berlin zu General Clay und erklärte diesem, er sei unter solchen Umständen bereit, nach Amerika abzureisen, um die Rechtsgültigkeit nicht nur solcher Politik, sondern auch der gesamten Nürnberger Verfahren überprüfen zu lassen. Am 28. Dezember 1947 fand eine zweite Unterredung zwischen beiden statt, diesmal in Frankfurt. Am 2. Januar 1948 telefonierten sie miteinander, und am gleichen Tage schrieb

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General Clay an Carrol einen Brief, auf den dieser dann mit einer Stellungnahme antwortete, die in die Geschichte der Kriegsverbrecherprozesse als ein unbedingt ehrendes Zeugnis aufrechten Amerikanertums eingegangen ist :

"Sehr geehrter Herr Clay!" schrieb Carrol an den amerikanischen Militär-Gouverneur, ". . . Ich glaubte Ihnen, als Sie mir am 28. Dezember sagten, daß der wirkliche Grund zur Ablehnung von Herrn Krupps Gesuch in grundsätzlichen Erwägungen liege, aus denen "außenstehende" Anwälte ausgeschlossen werden sollen, — trotz der Tatsache, daß am selben Tage ein anderer Gerichtshof in Nürnberg einen gegenteiligen Beschluß faßte, in dem er das Gesuch eines anderen amerikanischen Anwaltes bewilligte. Ich bin immer noch der Ansicht, daß Sie diese Erklärungen vollkommen im guten Glauben machten und in Unkenntnis dieser gegenteiligen Stellungnahme.

Jeder Angeklagte hat aber das Recht auf ein gerechtes Verfahren. Zumindest würde es sehr schwierig sein, die Welt und die Nachwelt davon zu überzeugen, daß ein Prozeß gegen die Besiegten vor einem Gerichtshof der Sieger gerecht und unparteiisch war.

Jedoch drängt der große Idealismus unseres Volkes und sein unerschütterlicher Glaube an amerikanische Demokratie und Gerechtigkeit zu dem Glauben, daß Amerika in der Lage sei, einen solchen Prozeß zu führen. Es hoffte dadurch, ein umfangreiches völkerrechtliches System herauszukristallisieren und auf einen festen Boden zu stellen, das als Grundlage eines gerechten und dauernden Friedens für die Völker und der Welt dienen würde.

Es ist aber augenscheinlich, daß eine kleine Gruppe diesen großen Idealismus unseres Volkes mißbraucht. Nürnberg als Sinnbild der Gerechtigkeit gedacht, wurde in ein Werkzeug der Rache verkehrt.

In Nürnberg wurde den Angeklagten jeder Schein eines gerechten Verfahrens verweigert. Viele von ihnen saßen mehr als zwei Jahre in Haft, bevor sie unter Anklage gestellt wurden. Während dieser Zeit wurde ihnen jede Verbindung mit der Außenwelt verweigert. Es wurde ihnen jede Gelegenheit, ihre Verteidigung vorzubereiten, verweigert. Mehrere Jahre lang waren sie hilflos, während Legionen von Staatsanwälten mit dem Eifer von Fanatikern daran arbeiteten, einen Rechtsfall gegen sie aufzubauen.

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Diese gleichen Eiferer hatten jedes vorhandene Dokument an sich genommen. Sie gruben jedes Körnchen von Beweismaterial gegen die Angeklagten aus. Eine große Anzahl dieser Dokumente, die dazu geeignet waren, die scheinbar belastende Wirkung von Urkunden abzuschwächen, oder die tatsächlich Beweismaterial zugunsten der Angeklagten darstellten, sind in der Zeit, in der sie in ihrem Gewahrsam waren oder ihrer Kontrolle unterstanden, verschwunden.

Eine große Anzahl Zeugen haben sie für lange Zeit in Haft gehalten, manche mehr als zwei Jahre. Sie haben den Angeklagten die Gelegenheit verweigert, viele solcher Zeugen zu sprechen. Sie haben fast jede Person, die mit den Fällen in irgendwelcher Verbindung stand, zu Belastungszeugen gestempelt und dann eine Reihe Verfügungen treffen lassen, die den Verteidigern verbietet, solche Zeugen zu vernehmen. Sie haben sogar ein System geschaffen, nach welchem Entlastungszeugen vom Verteidiger des Angeklagten nur in Gegenwart eines Vertreters der Anklagebehörde verhört werden konnten. Sie haben die Schaffung eines lächerlichen Systems herbeigeführt, das fast jede verbotene Form vom Hörensagen und Dokumenten als "Beweismaterial" gegen die Angeklagten zuläßt. Ein "Beweismaterial", das von jedem gekannten Rechtssystem der modernen Welt abgelehnt wird, und das nach jedem Gebot des Rechts und der Vernunft gar kein Beweismaterial ist, da es jeder erdenklichen Art von Betrug und Fabrikation ausgesetzt ist. Prominenten Belastungszeugen werden alle möglichen Annehmlichkeiten gewährt. Wenn die Verteidigung eine Person als Entlastungszeugen bezeichnet, bevor sie ihn auf den Zeugenstand stellt, kann er nur in Gegenwart eines Vertreters der Anklagebehörde vernommen werden. Wenn die Verteidigung einen Zeugen nicht im voraus bezeichnet, hat er in Nürnberg, während er darauf wartet, als Zeuge aufgerufen zu werden, keine Möglichkeit, irgendwo zu schlafen oder zu essen.

Ein umfangreiches System militärischer Verordnungen hat den Angeklagten seines gesamten Vermögens beraubt und damit das Recht, die Kosten für seine Verteidigung zu bestreiten.

Kurzum, er ist gebunden, mundtot gemacht und hilflos, während die Anklagebehörde jede Möglichkeit hat, seine Verurteilung zu einer Gewißheit zu machen.

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Ein nahezu vollkommenes System ist geschaffen, um Aussagen gegen den Angeklagten zu erzwingen und Zeugen, die zu ihren Gunsten Zeugnis ablegen können, einzuschüchtern.

In tiefster Beschämung habe ich den Spott, der in Nürnberg mit der amerikanischen Justiz getrieben wird, mit angesehen.

Die dafür Verantwortlichen wissen, daß das Übel, welches sie angerichtet haben, nicht mehr lange verborgen bleiben kann. Sie wissen auch, daß das amerikanische Volk niemals dulden wird, was sie im Namen Amerikas getan haben. Sie wurden vom amerikanischen Volk bezahlt und ihre Bezahlung war gut. Sie mißbrauchten aber das amerikanische Vertrauen und mögen das auf sie gesetzte Vertrauen und ihren Amtseid in solchem Ausmaß verletzt haben, daß sie sich für das, was sie taten, strafrechtlich verantwortlich gemacht haben. Sie wissen, sie haben sich den Unwillen ganz Amerikas zugezogen. Um diesem Unwillen zu entgehen, suchen sie nun Pflicht und Verantwortung auf eine mythische internationale Körperschaft zu übertragen, in dem sie sich Internationale Tribunale nennen.

Das amerikanische Volk vertraute denen, die in Nürnberg an der Spitze stehen, seine Macht, sein Geld und vor allem seine Ehre an, und legte ihnen die heilige Verpflichtung auf, Gerechtigkeit zu üben. Sie aber mißbrauchten das Geld, indem sie das Vertrauen des amerikanischen Volkes enttäuschten dadurch, daß sie Nürnberg als Werkzeug der Rache anstatt Forum der Gerechtigkeit benutzten. Sie haben die heiligste Treuepflicht verletzt, die jemals irgendwelchen Händen von einem großen und guten Volk anvertraut wurde.

Dadurch haben sie dieses Volk in den Sumpf internationaler Mißachtung gezogen. Sie haben unsterbliche Schande über Amerika gebracht . . .

Irgendwie aber muß das wirkliche Gerechtigkeitsgefühl des amerikanischen Volkes zum Ausdruck kommen. Ich selbst zweifele nicht daran, daß dies erreicht werden wird, wenn einmal die Travestie und der Verrat in Nürnberg erkannt sind.

Daß Sie eine gründliche Überprüfung der grundsätzlichen Fragen, um die es in Nürnberg geht, wünschen, ist ein

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hoher Beweis Ihres Amerikanertums. Auf der anderen Seite stehen aber jene, die diese Überprüfung unter allen Umständen vermeiden möchten und die ihr Äußerstes tun werden, um solche Überprüfung von grundsätzlichen Dingen auf irgendwelche kleinliche persönliche Angelegenheit hinüberzuspielen. Einige dieser Leute bekleiden hohe Stellungen. Es würde ein schändliches Unrecht sein, wenn ihnen ihr Täuschungsmanöver gelänge.

Ergebenst!

Earl J. Carrol."

»Die amerikanische Militärjustiz — eine Schande für Amerika«.
Aus dem Kongreßbericht . . . Protokoll

Es ist im einzelnen nicht bekannt, in welcher Weise Herr Clay auf diesen Brief seines Landsmannes Carrol reagiert hat. Sachlich hat er wohl kaum etwas daran aussetzen können, denn wesentlich schwerere Vorwürfe als die von Carrol geäußerten, wurden schon kurze Zeit später in Untersuchungsberichten amtlicher amerikanischer Kommissionen bestätigt und Gegenstand längerer Verhandlungen und Debatten vor dem amerikanischen Senat. Die Vereinigung amerikanischer Friedensfreunde ("National Council for Prevention of War"), der Federal Council of Churches, die American Civil Liberties Union, eine Anzahl kirchlicher Würdenträger und viele Privatpersonen drangen in Washington auf eine amtliche Untersuchung der in Deutschland durchgeführten Verfahren gegen Kriegsverbrecher. Sie stützten ihr Verlangen einerseits auf die immer deutlicher werdenden Zweifel am Fairneß dieser Verfahren und andererseits auf dem Umstand, daß trotzdem den verurteilten Deutschen vom amerikanischen Obersten Bundesgerichtshof die Möglichkeit, ihre Urteile anzufechten, versagt wurde. Darauf brachte der Senator William Langer am 27. Januar 1949 im amerikanischen Senat eine entsprechende Entschließung ein, die im Kongreßbericht der Verhandlungen und Debatten des 81. Kongresses der ersten Sitzungsperiode — "Die amerikanische Militärjustiz — eine Schande für Amerika" — folgenden Wortlaut hat :

"Der Zweck dieser Entschließung ist, eine Untersuchung herbeizuführen über die Art der Justiz, wie sie durch unsere überseeischen Streitkräfte gehandhabt wird. Mehr als

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hundert Millionen Menschen außerhalb der USA und ihrer Staatsgebiete unterliegen der gerichtlichen Verfolgung und Bestrafung jetzt unter amerikanischer Flagge.

Die Betreffenden können vor Gericht gestellt werden wegen Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Verbrechen gegen die Besatzungsmacht. Im Falle der Verurteilung sind schwere Strafen zu erwarten. Diese Gerichte und Gerichtssysteme sind jedoch, jedenfalls bis jetzt, nicht irgendeinem regelrechten Gericht der USA unterstellt. Der Militäroberbefehlshaber des betreffenden Gebietes hat praktisch das letzte Wort.

Wie bei einem von Verfassung und Kontrolle so weit entfernten System zu erwarten war, sind zahlreiche Mißbräuche aufgetreten. Diese Mißbräuche haben sich durch die entarteten Verfahrensregeln gebildet. Diese Verfahrensregeln sind nämlich amerikanischen, kontinental-europäischen und russischen Ursprungs. Die Folge ist, daß diese Regeln alles andere sind, als was sie nach amerikanischen Begriffen sein müßten.

Die offenkundigsten Mißbräuche bestehen z. Zt. in Deutschland. Bei dem Gericht der amerikanischen Militärregierung in Dachau sind bis 12. 8. 1948 1672 Fälle verhandelt worden; nach den letzten Berichten an das Armeeministerium wurden 1416 Personen verurteilt. 297 Todesurteile wurden ausgesprochen, nach Zeitungsnotizen sind davon 217 vollstreckt worden. 39 Angeklagte stehen noch unter Todesurteil. (Das Armeeministerium berichtet nur von 29, und diese Zahl ist durch verschiedene Veränderungen inzwischen auf 14 gesunken.)

Das klingt wie ein Justizbericht über verbrecherische Mitglieder einer verbrecherischen Verschwörung. In Wahrheit wird daraus bei näherer Untersuchung einer der bedauernswertesten Mißgriffe der Justiz in der Geschichte.

Eine Zwei-Männer-Zivil-Kommission, die auf Ersuchen von Staatssekretär Royall eine Übersicht über die Verfahren herstellte, kam nach den USA zurück und berichtete, daß die folgenden Methoden angewendet worden waren, um Geständnisse zu erzwingen :

Schläge und brutale Fußtritte,

Ausschlagen von Zähnen und Zertrümmerung von Kinnbacken,

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Scheinverfahren,

Einzelhaft,

Quälerei mit brennenden Spänen,

Vortäuschung von Priestern,

äußerst herabgesetzte Essenrationen,

Entziehung geistlichen Zuspruchs,

Versprechen auf Freispruch.

Richter E. Le Roy van Roden aus Media, Pa., und Richter Gordon Simpson vom Obersten Gerichtshof von Texas, die die Kommission bildeten, empfahlen Staatssekretär Royall nach diesen aufregenden Entdeckungen, daß ein großes Gnadenprogramm für die meisten der Verurteilten gestartet werde. Sie empfahlen weiter, die 29 Todesurteile nicht zu vollstrecken.

Ob aus Blindheit oder aus Rache — wir wollen es auf Härte oder Nachlässigkeit zurückführen —, die Armee machte jedenfalls weiter und hängte sechs von den Männern, für die Begnadigung empfohlen worden war. Kirchliche Würdenträger in Deutschland und in USA sind entsetzt.

Kardinal Joseph Frings aus Köln, Bischof Neuhäusler aus München, und Bischof Wurm aus Stuttgart stehen an der Spitze des Protestes. Kardinal Frings erklärte, die Erhängungen würfen die Versöhnung der beiden Nationen für Jahre zurück.

Der Bundesrat der Kirchen Christi in Amerika hat um Gerechtigkeit für diese Menschen gebeten. Seiner Abordnung an Generalstaatsanwalt Tom Clark wurde bedeutet, daß das Justizministerium in der Angelegenheit nicht zuständig sei. Die amerikanische Union für Bürgerliche Freiheiten, die mit dem Fall befaßt ist, hat erfahren, daß die Beschuldigung, es seien Methoden dritten Grades angewendet worden, offenbar richtig ist; sie sucht nach einem Weg, hier etwas zu veranlassen.

Die Christian Century erklärt, die vorliegenden Beweise deuten an, daß die amerikanische Justiz, wie sie von der Wehrmacht gehandhabt werde, eine Schande für die USA sei.

Diese Entschließung ist so gefaßt, daß sie auch Fälle wie den der Frau Wilma Ybarbo einschließen könnte. Ihr

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wurde durch einen unserer Richter in Deutschland erklärt : "Wenn ein Amerikaner das amerikanische Mutterland verläßt, dann läßt er die amerikanische Verfassung hinter sich." Sie könnte auch den Fall des GI erfassen, dessen Beine erfroren waren und dann abgenommen werden mußten, nachdem er in einem Armeegefängnis festgehalten worden war. Sein Fall wurde gestern in der Zeitung gebracht.

Wir können nicht einen doppelten Rechtsbegriff haben, einen für uns daheim und einen für den Export. Wir müssen diesen empörenden Abweichungen von den amerikanischen Grundsätzen in den besetzten Gebieten auf den Grund gehen, und wir müssen diesen Zustand ändern."

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