Methoden und Ziel

Obwohl sich die Untersuchungen des Senators McCarthy im wesentlichen auf die Fälle des sogenannten Malmedy-Prozesses beschränken, fordert er doch eine gründliche Überprüfung sämtlicher amerikanischer Verfahren gegen Kriegsverbrecher. Die in den Vereinigten Staaten so oft behauptete Annahme, die Verfahrensmängel, Folterungen und andern Greueltaten im Zusammenhang mit dem Malmedy-Prozeß seien Ausnahmeerscheinungen gewesen, erwies sich als irrig. Es handelte sich vielmehr bei der gesamten Prozeßführung gegen die angeblichen Kriegsverbrecher um ein einziges wohldurchdachtes System einzelner Methoden mit dem Ziel : vor der Weltöffentlichkeit unter allen Umständen die mit einem ungeheuren Propagandaaufwand behaupteten Humanitätsverbrechen der Deutschen "unter Beweis" zu stellen.

Die Methoden zur Erreichung dieses Zieles waren je nach der Eigenart des anstehenden Falles verschieden. Im Malmedy-Prozeß standen auf Grund der Art der erhobenen Beschuldigungen nur wenig Belastungszeugen zur Verfügung. Die behaupteten Verbrechen waren Taten, bei deren Begehung kaum Zeugen anwesend gewesen sein konnten. Folglich legten die Ermittler den Schwerpunkt ihrer Tätigkeit auf die Erlangung von Geständnissen, d.h. — wie sie es verstanden — auf die Methoden : Scheinverfahren, Scheinhinrichtungen, Folterungen, Erpressungen und andere Greueltaten. Wo ganz unplanmäßig Zeugenaussagen aufkamen, die den erpreßten Schuldbekenntnissen der Angeklagten widersprachen, wurden sie oftmals dem Gerichtshof vorenthalten.

Dokumente

In anderen Prozessen kamen andere Methoden zur Anwendung. Da spielten beispielsweise Dokumente die große Rolle. Es ist bekannt, daß sich sämtliche wichtigen deutschen Archive in den Händen der Siegermächte befinden. Mit der Dienst- und Privatkorrespondenz der Angeklagten war dasselbe der Fall. Die Anklagebehörden hatten naturgemäß alles nur irgendwie Erreichbare sofort mit Beschlag belegt und nachher in den Prozessen gab es dann Hunderte von Einzelfällen, in denen den Angeklagten oder ihren Verteidigern die Einsichtnahme in die für ihren Standpunkt wichtigen Dokumente verweigert wurden. Um nur einige hier anzuführen :

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Im Falle Sievers (Ärzteprozeß) wurden die entlastenden Jahrgänge seines Tagebuches trotz mehrfacher Anträge der Verteidigung nicht herausgegeben, ebensowenig wie andere entlastende Schriftstücke, obwohl sich dieselben im Besitze der Anklagebehörde befanden und von ihr bei früheren Vernehmungen Sievers' vorgelegt worden waren. Im Falle Brack wurde die Einsichtnahme in verschiedene Beutedokumente abgelehnt, obwohl sie genau bezeichnet worden waren. Andere Dokumente wurden nur unvollständig herausgegeben. So waren beispielsweise beim Dokument 1151/PS stets zwei Blätter entfernt.

Man könnte leicht einige Hundert solcher Beispiele anführen, wie ebenso die Zahl der Fälle, in denen nicht verweigerte Dokumente erst dann dem Gerichtshof vorgelegt wurden, wenn die Angeklagten keine Möglichkeit mehr hatten, dazu Stellung zu nehmen, ein wohldurchdachtes System erkennen lassen.

So lag im Falle des Professors Gebhardt die Aussage des KZ-Lagerkommandanten Suhren seit Herbst 1945 in Händen der Anklagebehörde. Trotzdem wurde sie während des ganzen Prozesses zurückgehalten und erst nach der Vernehmung Gebhardts im rebuttal vorgelegt, sodaß Gebhardt nicht mehr darauf eingehen konnte.

Diese Methode kam in fast allen Prozessen zur Anwendung. Am stärksten aber wohl im Nürnberger Ärzteprozeß. Hier wurde sie gegen Schluß des Verfahrens auf eine Spitze getrieben, die ihresgleichen nicht einmal in den übelsten Fällen der politischen Monstre-Prozesse finden dürfte :

Das bis dahin mündliche Verfahren vor dem Tribunal wurde plötzlich in ein schriftliches umgewandelt, indem das Gericht erklärte, es wünsche seitens der Verteidigung nur ganz kurze Plädoyers. Der tatsächliche und rechtliche Inhalt des Vorbringens der Verteidigung und die kritische Würdigung von Belastung und Entlastung sollte dafür in Form von "closing briefs" dem Gericht vorgelegt werden, und zwar bis zu einem bestimmten Zeitpunkt. Dieser Anordnung kamen sämtliche Verteidiger pünktlich nach.

Plötzlich erklärte eine Abteilung des Generalsekretariats, mit der Übersetzung dieser "closing briefs" nicht fertig zu werden, was zur Folge hatte, daß schließlich die Urteile verkündet wurden, ohne daß dem Gerichtshof die "closing briefs" vorgelegen hatten.

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Es bedarf keines Hinweises, daß die Anklagebehörde rechtzeitig die "closing briefs" von den deutschen Verteidigern erhalten hatte. Darüber hinaus läßt sich an Hand der Empfangsbestätigungen eindeutig nachweisen, daß die "closing briefs" dann erst nach Verkündung der Urteile dem Gericht übergeben wurden.

Im Falle des Angeklagten Mrugowsky wurde der "closing brief" auch dann noch nicht vollständig übersetzt, sondern nur mit großen Lücken dem Gericht vorgelegt. Dabei hatte der Präsident des Gerichtshofes bei einer Besprechung mit dem Leiter der Übersetzungsabteilung und vier Anwälten, darunter dem Verteidiger Mrugowskys, entschieden, daß die "closing briefs" vollständig zu übersetzen seien.

Feststellungen anderer Gerichtshöfe

In anderen Fällen bezog sich die Anklage einfach auf die Feststellungen vorher stattgefundener Kriegsverbrecherprozesse, auch dann, wenn es sich nachgewiesenermaßen um ganz grobe Irrtümer handelte. So wurde — um nur ein Beispiel von Dutzenden zu nennen —:

im Falle Professor Rose (Ärzteprozeß) die Frage an den Sachverständigen der Anklage, Professor Ivy aus Chicago, ob es nach seiner Ansicht als Arzt und Wissenschaftler möglich und denkbar sei, daß bei Versuchen mit Malaria-Tertiana von tausend Versuchspersonen dreihundert sterben konnten, vom Präsidenten des Gerichtshofes als unzulässig abgelehnt. Trotzdem wurde dann die unwahre Feststellung eines amerikanischen Militärgerichtshofes in Dachau, daß bei diesen Versuchen dreihundert Personen gestorben seien, in das Urteil gegen Rose aufgenommen, obwohl die Verteidigung dem Gericht eine Stellungnahme des international anerkannten englischen Forschers Professor Mellamby, London, vorlegte, der diese Behauptung als "groteske Unwahrheit" kennzeichnete.

Der Fall mit den Lampenschirmen aus Menschenhaut

Das System der Anklage läßt sich in keinem Falle verleugnen. Im Zusammenhang mit der Beeinflussung der Weltöffentlichkeit, einer Aufhetzung der Massen, die einer ehrlichen Wahrheitsfin-

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dung nur abträglich sein konnte, verdient aber als besonders charakteristisch vor allem ein Vorkommnis hervorgehoben zu werden :

Durch die Zeitungen und Rundfunksender der ganzen Welt wurde bekanntlich die Nachricht verbreitet, die Deutschen hätten sich aus Menschenhaut Lampenschirme gefertigt. Welche Wirkung diese mit einem ungeheuren Propagandaaufwand monatelang in allen möglichen Versionen wiederholte Meldung hatte, braucht nicht besonders bemerkt zu werden. Es ist jedenfalls sicher, daß, wo überall das Wort Deutscher genannt wird, sich auch sofort die Vorstellung von den aus Menschenhaut gefertigten Lampenschirmen aufdrängt und so der Deutsche als Verkörperung grausamsten Sadismus hingestellt wird.

Was war aber wirklich mit jenen aus Menschenhaut hergestellten Lampenschirmen?

Vor dem Internationalen Militärgerichtshof Nr. 1 in Nürnberg hatte die Anklage tatsächlich aus präparierter Menschenhaut gefertigte Lampenschirme vorgelegt, als Beweismittel für die Grausamkeit der Deutschen in KZ's, d.h. also auch als Beweis dafür, daß die in aller Welt verbreiteten Meldungen über diese Unmenschlichkeit der Wahrheit entsprechen. Als die deutschen Verteidiger der Angeklagten darauf mit dem Hinweis protestierten, diese Lampenschirme seien ja Asservate eines deutschen Gerichtes, das die Verbrecher zum Tode verurteilt habe, und daß es Pflicht der Anklage sei, von dieser Tatsache das Gericht zu unterrichten, gab es in der Vormittagssitzung des 12. Dezember 1945 eine erregte Debatte mit Justice Jackson, dem amerikanischen Hauptankläger in Nürnberg. Niemals, so stellte Jackson sein und seiner Ankläger Prinzip heraus, könne er davon das Gericht informieren, niemals könne er zwei Herren dienen!

Wenn auch die Tatsache der Lampenschirme aus Menschenhaut bleibt, so dürfte sie doch dadurch, daß ein deutsches Gericht die Täter dieses abscheulichen Verbrechens zum Tode verurteilt hatte, ein völlig anderes Bild ergeben. Die Deutschen oder den "deutschen Charakter" für solche Untat verantwortlich zu machen, ist ein mindestens ebenso lächerliches und übles Unterfangen, als wenn man in Deutschland beispielsweise den sadistischen Massenmörder Petiot als Verkörperung des Franzosentums hinstellen würde.

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»Sadismus perverser Hirne . . . « Die Folterungen in Oberursel

Man wird schwerlich eine Grenze der Mittel finden, die angewendet wurden, um die deutschen Kriegs- und Humanverbrechen zu "beweisen" und propagandistisch auszuwerten. Ein besonderes dunkles Kapitel stellt dabei die Behandlung der Angeklagten dar. Abgesehen von den in vielen Fällen stattgefundenen Folterungen und anderen Greueltaten zur Erlangung von Geständnissen, wurden die meisten Angeklagten mit hundert kleinlichen Schikanen gequält und gemartert. "Weich-machen" nannte man das in der Sprache der amerikanischen Ermittler. Bis zu welchen schauerlichen Exzessen solche Schikanen führten, zeigt der Bericht, den der deutsche Arzt, Dr. August Bender, über seine Erlebnisse im Vernehmungslager Oberursel eidesstattlich zu Protokoll gegeben hat :

"In Kenntnis der Bedeutung einer eidesstattlichen Erklärung sowie des Umstandes, daß unwahre eidesstattliche Versicherungen gerichtlich verfolgt werden, erkläre ich hiermit an Eides Statt, was folgt :

Am 14. September 1945 wurde ich, zusammen mit Hans Theodor Schmidt, Hans Meerbach, Max Schobert, Albert Schwartz und Otto Barnewald aus dem Kriegsgefangenenlager Bad Aibling (Bayern) zur Dienststelle des C.I.C. Freising zurückgebracht. Am gleichen Tage traf Dr. Gerhard Schiedlauski, aus Dachau, Bunker 1, kommend, dort ein. Wir blieben bei der uns bereits von früher bekannten C.I.C.-Dienststelle bis zum 17. September 1945 und wurden unter Begleitung von Personal des C.I.C. Freising zu einer amerikanischen Dienststelle nach Oberursel bei Frankfurt a. M. gebracht. Am Abend des gleichen Tages trafen wir dort ein. Ich wurde sofort zusammen mit Hans Theodor Schmidt in eine Zelle gesperrt. Ohne Verabreichung einer Verpflegung oder eines Getränkes beließ man uns darin bis zum nächsten Morgen. Nach dem Frühstück mußten wir unser Gepäck, unsere Wertsachen, Dokumente und Geld abgeben. Das wenige Gepäck erhielt ich später zurück. Der größte Teil meiner Habe und Wertsachen war bereits vorher bei Dienststellen des C.I.C. Augsburg und Ludwigsburg abgenommen worden. Mehrfache Meldungen und Reklamationen bei amerikanischen Dienststellen waren bis heute ohne Erfolg. Bei einem Transport von Augsburg nach Freising wurde ich und die soeben benannten Per-

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sonen am 7. Juli 1945 von vier amerikanischen Soldaten in Anwesenheit eines Oberleutnants durchsucht, und man nahm mehrere Uhren weg. Eine davon schnallte sich der Oberleutnant an den Arm. Einer der Soldaten trug deren vier.

Im Laufe des Vormittags verschloß dann ein Sergeant mit Hilfe eines Spezialschlüssels das Zellenfenster und die elektrische Heizung wurde in Betrieb gesetzt. Die zunehmende Wärme machte sich allmählich unangenehm bemerkbar. Als wir dann einen Posten darauf aufmerksam machten, erhielten wir als Antwort ein Hohnlachen, die Heizung blieb angeschaltet.

Am Abend — es mag gegen 20 Uhr gewesen sein — hörte ich großen Lärm und lautes Schreien auf dem Flur. Bald danach holte man mich aus der Zelle. In dem langen Baracken-Korridor standen, in regelmäßigen Abständen an den Wänden verteilt, zahlreiche Amerikaner und bildeten eine Gasse. Durch diese mußte ich bis ans andere Ende der Baracke hindurchlaufen, während man mit Gurten, Besen, Stöcken, Eimern und dergleichen aufs Heftigste auf mich einschlug. Dazu erhielt ich Fußtritte und Faustschläge, besonders auf Rücken, Gesäß, die Bauchgegend und den Unterleib. Durch Beinstellen und Stöße versuchte man mich zu Fall zu bringen. Zuletzt stieß man mich in eine Schreibstube. Hier mußte ich mich unter Geschrei und Schlägen in der Anwesenheit eines amerikanischen Hauptmannes und einiger Mannschaften nackt ausziehen. Die schweren Militärschuhe behielt ich jedoch, nachdem die Schnürriemen entfernt worden waren, vorerst noch an.

Dann trieb man mich, nunmehr durch die Stiefel stark behindert, mehrmals innerhalb der Gasse unter denselben Begleitumständen wie vorher hin und her. Wie mir später meine Kameraden sagten, waren besonders auf meinem Rücken und Gesäß und den Oberschenkeln große blaue Hautverfärbungen und breite Striemen zu sehen. Plötzlich stieß man mich dann in einen völlig dunklen Raum, in welchem es ungewöhnlich heiß war.

Wie ich im Laufe der Zeit feststellte, war es eine Zelle von etwa 1,70 m : 2,50 m Bodenfläche und etwa 2,50 m Höhe. Sie hatte kein Fenster, keine Einrichtung für Luftzufuhr oder Luftabzug. Dagegen waren Wände und Decke sorg-

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fältig unter Vermeidung von Ritzen mit Wärme isolierendem Material verkleidet. Der Boden bestand aus Holz, welches ebenfalls fugendicht verlegt war.

An der der Tür gegenüberliegenden Wand befand sich in etwa 1 Meter Höhe ein allseitig mit Blech verkleideter Heizkörper, der elektrisch betrieben wurde und laut Typenschild eine Leistung von 2000 Watt hatte. Die Schaltung war außerhalb der Zelle neben der Tür angebracht.

Während es mir in der ungeheuren Hitze nach der soeben durchgemachten körperlichen Anstrengung nur schwer gelang, eine regelmäßige Atmung zu erzielen, wurde plötzlich die Tür aufgerissen und jemand unter Faustschlägen und Fußtritten regelrecht in die Zelle hineingeworfen. Sehen konnten wir uns nicht in der absoluten Finsternis, jedoch hörte ich bald, daß es Hans Theodor Schmidt war. Seine Atmung und sein Puls ließen besser als Worte das eben Überstandene erkennen.

Nach einiger Zeit erhielten wir dann in Anwesenheit zahlreicher Mannschaften von einem Sergeanten Verhaltungsmaßregeln : Hinsetzen oder gar Hinlegen sei strengstens verboten. Wir hätten ständig zu stehen. Wehe uns, wenn wir anders als im Stehen in strammer Haltung mit dem Blick zu der der Tür entgegengesetzten Wand angetroffen würden!

Da von diesem Augenblick an durch anscheinend ausgesuchte Posten von brutalster Gesinnung und Handlungsweise nach Ablauf von spätestens 10 bis 15 Minuten regelmäßig die Tür geöffnet oder durch Lärmen mit dem Schlüsselbund ein öffnen vorgetäuscht wurde, war an eine körperliche oder geistige Entspannung nicht mehr zu denken. Ob ich im Laufe der nun folgenden zwölfeinhalb Tage geschlafen habe, weiß ich nicht. Jedenfalls hat man mich, und das infolge einer durch Mißhandlung zugezogenen Knieverletzung, nur einmal nicht in der vorgeschriebenen Weise angetroffen.

Während wir nun standen und der Schweiß an uns herunterlief, würden wir plötzlich mit mehreren Eimern kalten Wassers übergossen. Außerdem goß man reichlich

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Wasser über den elektrischen Heizkörper. Sofort war die Zelle mit Wasserdampf angefüllt. Man verschloß die Tür und schaltete das Licht aus.

Die Hitze wurde nunmehr unerträglich und jeder Atemzug zur Qual. Die bisher schon erheblich vermehrte Herzschlagfolge ging in ein Herzjagen über. Infolge des allmählichen Verdunstens des auf dem Boden stehenden Wassers wurde dieser Zustand nicht nur für Stunden unterhalten, sondern mit der Zeit sogar noch verschlimmert.

Nicht genug damit, fesselte man uns nach einiger Zeit noch aneinander. Zunächst Brust an Brust, dann Rücken an Rücken und später Seite an Seite. Außerdem schob man durch die, um einen schmalen Spalt geöffnete Tür einige Rohre und rief : "Gas, Gas!" Statt Gas blies man jedoch eine derartige Menge eines weißen Pulvers — anscheinend D.D.T.-Pulver — in die Zelle, daß für einige Zeit das Atmen unsägliche Mühe bereitete und die Augen stark schmerzten.

Die Fesseln wurden mehrfach von einem Amerikaner überprüft und jedesmal noch enger in ihrem Schließmechanismus zusammengepreßt. Dieser bestand anscheinend aus mehreren den Arm zirkulär umfassenden scharfkantigen Ringen.

An der Fesselstelle entstanden stärkste Schmerzen, und infolge der Stauung der Blutzirkulation kam es zu Schwellungen der Hände. Diese wurden dann nach einiger Zeit übelster Schmerzen allmählich gefühllos, während der Schmerz an der Fesselungsstelle umso heftigere Formen annahm. Als nach endlos erscheinender Zeit die Fesseln abgenommen wurden, zeigten sich, besonders an meinem linken Unterarm, mehrere messerrückenbreite zirkuläre Einschnitte, aus denen Blut sickerte. Der vierte und fünfte Finger meiner linken Hand war für einige Zeit nicht beweglich, während eine Störung der Berührungsempfindung im Gebiete des Handrückens noch längere Zeit nachher bestand.

Im Laufe der Nacht wurde dann, unter den gleichen Begleitumständen wie vorher Hans Schmidt, Albert Schwartz in die Zelle hineingeworfen. Er berichtete, er sei mit un-

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seren vier anderen Kameraden, Hans Meerbach, Otto Barnewald, Max Schobert und Dr. Gerhard Schiedlauski, in einer anderen Zelle ähnlichen Mißhandlungen wie wir unterzogen worden. Er war völlig erschöpft.

Bis zum Morgen wurden wir dann noch von den Posten in den regelmäßigen zehn bis fünfzehn Minuten Abständen mit Fußtritten, Faustschlägen, Anspucken usw. behandelt.

Vom Morgen des 19. September 1945 an war dann eine Planung und Regelmäßigkeit der Folterungen und eine Diensteinteilung unter dem amerikanischen Personal, welches die Folterungen durchführte, feststellbar. Auch konnte man bald auf den Zweck des sorgfältig geplanten Vorhabens schließen. Letzten Endes hatte man uns ja auch nicht ohne besondere Absicht in Freising versammelt und dann mehrere hundert Kilometer weit transportiert.

Während der Dauer der Folterung — sie wurden zwölfeinhalb Tage lang ohne eine Minute Unterbrechung durchgeführt — wechselten sich drei Sergeanten in regelmäßigem, anscheinend acht-Stunden-Turnus ab. Sie kamen spätestens alle eineinhalb Stunden in die Zelle und führten wie nach einem Programm Mißhandlungen durch, regelmäßig, tags und nachts. Sie waren stets in Begleitung mehrerer Personen in amerikanischer Uniform und wurden zudem von Personen, manchmal von dem Hauptmann, aus dem Hintergrund beobachtet. Einer der Sergeanten, offenbar ein Frontsoldat, war mit den Vorgängen nicht einverstanden, sagte mir dies und fügte hinzu, er müsse wohl oder übel auf Befehl des Hauptmanns handeln. Im übrigen stecke eine höhere Dienststelle als Urheberin dahinter.

Der zweite Sergeant war die personifizierte Brutalität und ein Folterknecht ausgesuchtester Art, dem das Foltern überdies sichtlich Vergnügen bereitete.

Der dritte führte die Folterungen zynisch mit Überlegung durch und glaubte scheinbar auf psychischem Gebiet gleiche Leistungen erzielen zu können, wie sie unter seiner Behandlung auch körperlich sichtbar wurden.

Diese drei Sergeanten führten die regelrechten Folterungen durch, welche nach einem gewissen System erfolgten,

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während Mannschaften und Posten wahllos Mißhandlungen aller Art vornahmen.

Während der ersten neun von den zwölfeinhalb Tagen befand ich mich mit Hans Schmidt und Albert Schwartz zusammen in der vorher beschriebenen Zelle, in absoluter Finsternis, unter der ständigen Einwirkung von Hitze. Vom 10. bis 13. Tag trennte man mich von meinen Kameraden und unterzog mich in einer anderen Zelle unter Einwirkung von Kälte Folterungen ganz besonderer Art.

Als Folterungen und Mißhandlungen kamen unter anderem zu Anwendung :

Schläge mit der Faust, hauptsächlich auf den Kopf, in den Nacken, ins Gesicht, in die Herz- und Magengegend und in den Unterleib.

Schläge mit der Handfläche ins Gesicht. Schläge mit der Handkante auf den Kehlkopf und die seitliche Halsgegend.

Heftige Stöße mit den Spitzen der gespreizten Finger, unter besonderer Verwendung der Fingernägel, in die Zwischenrippenräume.

Schläge mit der Rückseite der Finger, unter besonderer Verwendung der Fingernägel, auf die Augäpfel.

Druck mit dem Daumen auf die Augäpfel. Quetschen und Verdrehen der Ohrmuscheln und der Nase.

Quetschen und Zerren der Brustdrüsen, des Warzenhofes und der Brustwarzen unter besonderer Verwendung der Fingernägel.

Schläge mit Hilfe von Werkzeugen, die geeignet sind, Verletzungen zu verursachen, wie : Gurte, Schnallen an Leibriemen, Stöcke, eigens zu diesem Zwecke durchnäßte Handtücher, Eimer, wahllos über den ganzen Körper.

Fußtritte in den Bauch, den Unterleib, das Gesäß, die Beine.

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Tritte mit den Fußsohlen in die seitliche Kniegegend, auf die Füße und Hände, ganz besonders auf die Zehen- und Fingernägel. Wundreiben des Schienenbeines.

Zerreißen des Nagelfalzes der Zehennägel mit den Gummisohlen und Absätzen der amerikanischen Dienstschuhe.

Erzeugen von Schmerzen durch büschelweises Ausreißen der Kopfhaare.

Ausreißen der Barthaare, der Augenbrauen, der Achsel- und Schamhaare.

Stiche mit Nadeln, Zerstoßen der Haut mit den harten Borsten eines groben Straßenbesens.

Beibringung von Verbrennungen mit Hilfe des elektrischen Heizkörpers und glimmenden Zigaretten, Erzeugung von Qualen durch Hitze, Kälte, Nässe, Luftmangel, Dunkelheit. Durch Hunger, Durst und Drohungen. Durch Verhinderung der Klosettbenutzung, Verhinderung jeglicher Körperpflege oder Reinigung.

Durch Attacken sadistischer Art.

Durch Zwang zum Zigarettenrauchen mit Verschlucken brennender Zigarettenreste.

Durch Erzeugung körperlicher Erschöpfung mit Hilfe von Kniebeugen, Liegestütz mit Armbeugen, Stillauf auf der Stelle.

Unwürdige Behandlung, indem ich als Kriegsgefangener Offizier und Arzt in völliger Nacktheit unter den vorher erwähnten Verhältnissen zwölfeinhalb Tage zubringen mußte.

Ständiges Angespucktwerden ins Gesicht, und auf den Körper ohne Möglichkeit der Reinigung.

Versuchter Zwang, Auswurf von Amerikanern vom Boden aufzulecken oder ihre Stiefel mit dem Munde zu berühren.

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Ausgießen von Mahlzeiten auf den Boden mit versuchtem Zwang, diese aufzulecken.

Ausgießen von Breimahlzeiten auf den Kopf und den Körper oder löffelweises Anspritzen, besonders ins Gesicht.

Während eines äußersten Hunger- und Durstzustandes Vorhalten von Speisen und Getränken mit nachfolgendem sichtbarem Verschütten oder Wegnahme. Oder Verabreichung mit Pfeffer und Senf ungenießbar gemachten Mahlzeit.

Reinigung der Zelle mit einer abgenutzten, unbrauchbaren Zahnbürste.

Beschimpfungen unflätigster Art und Verleumdungen.

Besondere Erwähnung bedarf die ständig bis an die obere äußere Grenze des eben erträglichen gehaltene Hitzeeinwirkung. Sie wurde in dieser Hinsicht sorgfältig dosiert. Bei offensichtlichem Kreislaufversagen — man nahm Pulskontrollen vor —, körperlichem Zusammenbruch oder Ohnmacht, wurde bis zur soeben feststellbaren Erholung des Betreffenden etwas Frischluft zugeführt und die Heizung vermindert, um dann aber anschließend umso heftiger in Betrieb gesetzt zu werden. Wir waren also ständig einem Erstickungsgefühl, verbunden mit heftigsten Beschwerden von seiten des Kreislaufs ausgesetzt. Hinzu kam die Qual der unerträglichen Hitze und der Sauerstoffmangel der Atemluft mit entsprechenden Folgeerscheinungen.

Wurden wir mit Wasser übergossen, so war die Qual infolge des sich bildenden Wasserdampfes besonders groß. Manchmal wurde dieser Zustand tagelang unterhalten. Das Wasser bedeckte den Boden und unterhielt bei ständigem Verdunsten mit steigernder Wirkung den Zustand. Zudem standen wir dabei ständig im Wasser.

Die Finsternis wurde nur während der Mißhandlungen durch Einschaltung der elektrischen Beleuchtung für kurze Zeit unterbrochen. Die Mahlzeiten mußten wir, so gut es eben gehen wollte, versuchen, im Dunkeln einzunehmen. Während der ersten vier Tage erhielten wir morgens und abends je knapp 1/4 Liter Wasser und eine etwa halbteller-

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große, knapp fingerdicke Scheibe Weißbrot. Während der nachfolgenden Zeit morgens und abends etwa 1/4 Liter Kakao oder Kaffee, eine Scheibe Weißbrot und 1/2 Liter Suppe oder eine feste Mahlzeit von etwa 1/2 Liter Volumen. Infolge der Hitzeeinwirkung und der geringen Flüssigkeitszufuhr war die anfangs in stärkstem Maße vorhandene Schweißsekretion vom vierten Tage ab kaum noch feststellbar. Später war sie praktisch überhaupt nicht mehr vorhanden. Die Lippen wurden borkig, die Zunge schwoll an und wurde wund. Sprechen und Essen verursachten größte Beschwerden. Der Urin nahm eine zunehmend dunklere, braunrote Farbe an und betrug zum Schluß nur wenige Kubikzentimeter täglich, bei Einzelentleerung nur wenige Tropfen. Es lag also praktisch eine Anurie vor. Der Puls war hart und gespannt. Am Herzen machten sich Rhythmusstörungen bemerkbar und es traten Extrasystolen auf. Die Schlagfolge sank auf 35 bis 40 Schläge je Minute ab. Bei meinen Kameraden machten sich zunehmend Wahnvorstellungen bemerkbar, die sogar zu gegenseitigen tätlichen Angriffen führten. Zeitweise waren sie nur mit größter Mühe ansprechbar oder zu beruhigen. Dieser Zustand wurde gefördert und unterhalten durch die Mannschaften und Drohungen des sich anscheinend für psychiatrisch befähigt haltenden Sergeanten, der seine für einen Laien nicht auf den ersten Blick als völlig minderwertige Praktiken erkennbaren Beeinflussungsversuche immer wieder durchführte.

Zum Abort wurden wir, während zahlreiche Amerikaner die übliche Gasse bildeten, morgens, mittags und abends getrieben. Im Abortraum selbst wurde jedoch durch Schläge, Fußtritte oder Belästigungen alles getan, um ein Urinieren oder eine Benutzung des Klosetts zu verhindern. Ein Sergeant und ein Unteroffizier taten sich hierbei besonders hervor. Der Unteroffizier wurde offenbar von sadistisch-sexuellen Motiven getrieben und beherrscht.

Der Wasserkran und die Spülvorrichtung wurden jedesmal ausgiebig in Betrieb gesetzt, vermutlich um das Verlangen nach einem Schluck Wasser noch zu steigern. Da wir im Abort meist keine Gelegenheit fanden, ließen wir den Urin in die Zelle selbst. Der salzige Geschmack des auf dem Boden stehenden Wassers, das wir in höchster Not tranken, mußte wohl davon herrühren.

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An einem Abend zwang man uns, den Zellenboden mit etwas Wasser und außergewöhnlich viel Seife unter Verwendung von Zahnbürsten zu bearbeiten. Jedoch gab man uns zum Nachspülen und Aufwischen kein Wasser mehr, sondern übergoß stattdessen so ganz nebenbei unsere Beine und Füße mit heißem Wasser. So verblieb die Seife auf dem Boden — wie sich bald zeigte, nicht ohne Grund.

In der Nacht holte man uns aus der Zelle, und dann wurden wir, zusammen mit unseren vier Kameraden, erhitzt wie wir waren, völlig nackt ins Freie getrieben. Hier jagte man uns mit bloßen Füßen auf einen mit grobem Splitt und Asche bedeckten Platz bis zur Erschöpfung umher. Die auf dem Zellenboden befindlichen Seifenreste taten dann später an unseren wunden Fußsohlen die erforderliche Wirkung. Nicht genug damit, pinselte der Hauptmann eigenhändig ausgiebig Jod in die Wunde. Dann mußte jeder einen Schuh anziehen, vermutlich um ein besonders unbequemes Stehen zu erzielen.

Für mich wirkten sich diese Seifenreste ganz besonders übel aus : Etwa am dritten Tage der Folterungen hatte man mich systematisch mit dem Gesäß gegen den glühend-heißen Heizkörper gedrängt und auf den Sitzflächen je zwei gut handtellergroße Brandwunden beigebracht. Machte mir, wenn ich mich in unbewachten Augenblicken hinsetzte, das Sitzen bisher schon große Beschwerden, so wurde es nun unerträglich. Eine ärztliche Behandlung der Wunde erfolgte natürlich nicht. Statt dessen pinselte man reichlich Jod hinein und später kratzte man mit einem Stück Holz mehrere Male den Wundschorf ab. Außerdem wurde systematisch auf die Wunden geschlagen und getreten.

Am Abend des achten Tages holte man mich aus der Zelle und ich mußte in einer Ecke des Korridors mit über den Kopf erhobenen Händen niederknien. Da man anscheinend bemerkt hatte, daß ich absoluter Nichtraucher bin — man hatte mich schon mehrfach zum Rauchen gezwungen —, mußte ich nun sechs oder sieben Zigaretten hintereinander rauchen. Der Hauptmann zwang mich, die brennenden Zigarettenreste jedesmal zu verschlucken. Während des Rauchens drängten sich mehrere Amerikaner dicht an mich heran und bliesen mir, während man mir meine Nase zu-

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preßte, den Rauch ihrer Zigaretten ins Gesicht. Um ein Inhalieren des Rauches zu erzielen, versuchte man durch Zusammenpressen meines Brustkorbes eine Atemnot mit nachfolgenden tiefen Einatmungen zu erzwingen.

Dann trieb man mich unter Schlägen und Tritten durch die übliche Gasse ans andere Ende der Baracke in eine dort befindliche Zelle. Es war ein Bretterverschlag von knapp einem Quadratmeter Bodenfläche und etwa 2,50 Meter Höhe. Es war weder ein Fenster noch eine Heizvorrichtung vorhanden. Zwischen unterer Türkante und Fußboden befand sich eine handbreite Öffnung. Der Raum schien sonst zum Unterbringen von Besen und Putzgerät gedient zu haben und war völlig verschmutzt.

In dieser Zelle war nur ein Stehen oder Hocken möglich. Da sie dicht am Eingang der Baracke lag, deren Tür ständig offenstand, strömte durch die Öffnung unter der Zellentür fortwährend kalte Luft herein und erzeugte infolge der Ritzen in den Bretterwänden starke Zugluft. Ich war völlig nackt, hatte acht Tage unter stärkster Hitzeeinwirkung gestanden, erhielt auf Anordnung des Hauptmannes keine Decke oder dergleichen und litt nun unter diesen Umständen ganz besonders unter der Kälteeinwirkung. Es waren die letzten Tage im September. In der Zelle herrschten praktisch Außentemperaturen, in ihrer unangenehmen Wirkung durch die Zugluft noch erheblich gesteigert. Unter diesen Verhältnissen mußte ich weitere dreieinhalb Tage zubringen. Aus in englischer Sprache geführten und von mir zufällig mitgehörten Gesprächen hatte ich entnommen, daß man in Hinsicht auf mich mit den bisherigen Ergebnissen nicht zufrieden war. Körperlich wäre ich in einer noch zu guten Verfassung und mit den bisherigen Methoden sei mir nicht beizukommen, auf psychischem Gebiete scheinbar überhaupt nicht. Dies bestätigte mir dann später fast wörtlich ein Sergeant.

Die dann mit noch geringeren Zwischenpausen als bisher durchgeführten Mißhandlungen und Folterungen übertrafen dann auch an Brutalität und Intensität alles bisher Dagewesene. Entweder waren die dafür Verantwortlichen und die Ausführenden sich scheinbar nicht bewußt, welch schwere Körperschäden mit bleibenden Folgen oder sogar

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mit tödlichem Ausgang ihre Maßnahmen hätten haben können, oder es bestand tatsächlich die Absicht, mich zu ruinieren. Zum Glück gelang es mir, meistens unter Zuhilfenahme meiner medizinischen Kenntnisse oder durch mit höchster Willensanstrengung durchgeführte Täuschungsmanöver, dem Schlimmsten Einhalt zu gebieten.

An einem Vormittag waren die Wände der Zelle und der Fußboden derartig mit Blut beschmutzt, daß man mir zur Entfernung des Blutes einen ganzen Eimer und ein großes Scheuertuch brachte.

Am Morgen des vierten Tages in dieser Zelle und des dreizehnten insgesamt brachte man mich plötzlich in einen Duschraum. Hier konnte ich mich waschen und rasieren. Ich erhielt Bekleidung und kam in eine normale Zelle. Die Behandlung war plötzlich korrekt. Am 4. Oktober 1945 setzte man mich und meine sechs Kameraden in aller Eile in einen Kraftwagen und brachte uns nach Ludwigsburg. Gründe für diese plötzliche Wendung glaube ich inzwischen erfahren zu haben.

An objektiv nachweisbaren Körperschäden hatte ich erlitten :

Haarlose Stellen auf dem Kopf infolge büschelweisen Ausreißens der Haare.

Zerreißung des linken Trommelfelles mit nachfolgender mehrere Wochen dauernder Sekretion und üblichen Begleiterscheinungen. Eine mehrere Wochen bestehende Gleichgewichtsstörung und bis heute vorhandene Herabsetzung des Hörvermögens auf dem rechten Ohr. Vermutlich eine Schädigung des Innenohres.

Eine äußerst schmerzhafte Verletzung des rechten Auges infolge wiederholten Schlagens mit den Fingernägeln. Für einige Tage war das Auge völlig geschlossen, eine blutig-seröse Sekretion bestand für einige Zeit, ferner Mückentanzen und Flimmern. Später traten Glaskörpertrübungen auf.

Eine Wunde an der Lippe mit Narbenbildung.

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Vorübergehende Lockerung der oberen Schneidezähne. Auf Rücken, Gesäß, Oberschenkeln blutunterlaufene und verfärbte Hautstellen und Striemen. Beulen am Kopf.

An beiden Sitzflächen gut handtellergroße Brandwunden zweiten Grades, die erst später abheilten.

Kleinere Verbrennungen am ganzen Körper, verursacht durch glimmende Zigaretten.

Unzählige Stichverletzungen infolge Stoßens der Haut mit Besenborsten.

Zirkuläre blutige Einschnitte an den Unterarmen, besonders dem linken, infolge Fesselungen.

Schädigung des Innenbandes des linken Knies mit Schwellung und Gehbehinderung infolge Tretens in die seitliche Kniegegend. Verletzung des linken Fußgelenkes mit Erguß.

Schwellungen und Gehbehinderung infolge von Fußtritten.

Verletzung an den Fußsohlen infolge Laufens mit bloßen Füßen über grobe Asche und Splitt.

Hautabschürfungen an den Schienbeinen und Verletzungen am Nagelfalz der Zehen- und Fingernägel.

Eine Arhytmie und Extrasystole des Herzens, die sich noch monatelang bemerkbar machten und zeitweise noch heute auftreten.

Wie ein Hohn mutet es an, daß ich — und auch die Kameraden — regelmäßig einem angeblichen Arzt vorgeführt wurde. Dieser hatte offensichtlich nur die Aufgabe, den noch vorhandenen Grad der Lebensfähigkeit festzustellen. Zur Untersuchung und Behandlung meiner zahlreichen Verletzungen erklärte er sich wegen völligen Mangels an Instrumenten, Medikamenten und Verbandsmaterial für außerstande. Eine Behandlung ist daher auch nicht erfolgt.

Während der Folterungen wurden von dem amerikanischen Hauptmann immer wieder Fragen in einer Form gestellt,

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wie ich es bereits früher während zahlreicher Vernehmungen beim C.I.C. Freising erlebt hatte. Einige Male führte ein amerikanischer Oberleutnant in Anwesenheit eines Hauptmannes solche Befragungen durch. Der Oberleutnant betrat dabei jedesmal die Zelle. Ein Protokoll wurde nicht geführt.

Die eidesstattliche Erklärung, auf fünfzehn Schreibmaschinenseiten geschrieben, dient zur Vorlage bei Gerichten und Behörden.

Kreuzau über Düren (Rhld.), Feldstraße 14,
den 6. November 1948.

Stempel : Dr. med. A. Bender
gez. Dr. Bender
Kreuzau-Düren (Rhld.)

Die eigenhändige Unterschrift des Dr. August Bender wird hiermit amtlich beglaubigt.

Kreuzau, den 8. November 1948.

(Siegel) Der Amtsdirektor :
gez. Küpper."

Wer diesen Bericht liest, möchte meinen, es handele sich um eine schauerliche Erzählung von Edgar Allan Poe oder um eine Schilderung aus dem finstersten Mittelalter. Aber solche unmenschlichen Torturen sind Tatsachen unserer Zeit, und sie wurden von denen vorgenommen, die zum Schütze der Menschheitsrechte über den Atlantik kamen, um uns Kultur beizubringen!

Was der Arzt Dr. Bender in seiner eidesstattlichen Erklärung bis ins einzelne schildert, wird von einer Reihe anderer Zeugen, die seinerzeit gleichfalls Gefangene im Lager Oberursel waren, bestätigt. Abgerundet wird das Bild dieses Falles jedoch erst dadurch, daß die Amerikaner dem Doktor Bender und seinen Kameraden später in Dachau einen Prozeß machten. Der Anklagevertreter beantragte gegen ihn das Todesurteil, das Gericht verurteilte ihn in einer Verhandlung, in der er kein einziges Wort sprach, zu zehn Jahren Gefängnis, während er dann, nach Abänderung des Urteils im Juni 1948 sang- und klanglos aus der Haft entlassen wurde.

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Zeugenbehandlung, Entlastungszeugen

Das "Weich-machen" von Angeklagten ist im Gegensatz zur "zweckvollen Bearbeitung" von Zeugen allerdings gar nicht so einfach. Der Angeklagte ist seiner ganzen Situation entsprechend zäher und widerstandsfähiger als ein Zeuge, dem es ja schließlich nicht gleich um den eigenen Kopf geht. Es ist darum kein Zufall, daß sich die Anklagebehörden in den Fällen, wo Zeugen zur Verfügung standen, mit ganz besonderer Vorliebe diesen zuwandten. Hier brauchte man keine Foltermethoden anzuwenden. Ein paar Packungen Zigaretten, ein paar Versprechungen oder eine "Belehrung" genügten oftmals, um die Aussagen zu erlangen, die für den Prozeß gebraucht wurden. Entlastungszeugen ließen sich ebenso leicht einschüchtern oder ausschalten, wie Belastungszeugen zu den gewünschten Erklärungen veranlaßt werden konnten. Die "Prozeßordnung", nach der die Anklagebehörden vorzugehen pflegten, tat ein übriges.

Doch ein ernstliches Problem der Entlastungszeugen, die das Vorbringen der Anklage hätte gefährden können, gab es überhaupt nicht. Dafür hatte nicht nur die in aller Welt gegen die Angeklagten in Bausch und Bogen ausgelöste Haß- und Hetzpropaganda gesorgt, nicht nur die planmäßig erzeugte Angstpsychose, sondern auch die Maßnahmen, die tatsächlich gegen Entlastungszeugen getroffen wurden. Was sich in dieser Beziehung abspielte, sei nur an Hand einiger Beispiele aus dem Rahmen eines einzigen Verfahrens, des Ärzteprozesses, veranschaulicht.

Daß Entlastungszeugen gefesselt in den Gerichtssaal geführt wurden, war keine Seltenheit.

Daß Entlastungszeugen oftmals wochen- und monatelang im Nürnberger Gerichtsgefängnis zurückgehalten wurden, wie z.B. der für Professor Handloser erschienene Dr. Hartleben, den man nach Beendigung seiner Aussage noch 40 Tage im Gefängnis festhielt, war ein durchaus übliches Verfahren.

Der als Entlastungszeuge für den Angeklagten Hofen erschienene Paul Friedrich Dorn, ehemaliger Häftling des Konzentrationslagers Buchenwald, erklärte im Zeugenstand, daß ihm vom VVN (Verband der Verfolgten des Nazismus) schwere Repressalien angedroht worden seien, wenn er als Entlastungszeuge in einem Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozeß auftreten würde.

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Der ebenfalls für Hofen erschienene holländische Staatsangehörige Piek erklärte dem Rechtsanwalt Dr. Gawlick, dem Verteidiger von Hofen, daß ihm von einer Sekretärin des Staatsanwaltes Mr. Hardy gesagt worden sei, er dürfe auf keinen Fall für Höfen aussagen.

Der ehemalige Häftling des Konzentrationslagers Dachau, Rudi Taubmann, München, wurde von der Anklagebehörde vernommen in der Absicht, ihn als Belastungszeugen gegen Professor Beiglböck zu rufen. Als er sich dazu als nicht geeignet erwies, wurde er von einer amerikanischen Angehörigen der Staatsanwaltschaft aufgesucht, die ihn gegen Versprechen von Kleidern und Möbelstücken darauf verpflichten wollte, keinem deutschen Anwalt darüber irgendwelche Aussagen zu machen.

Der als Zeuge für Handloser aufgerufene Dr. B. S. wurde unmittelbar nach seiner Zeugenaussage und im direkten Zusammenhang damit aus seiner Stellung als Abteilungsleiter am Hygienischen Institut einer westdeutschen Universität suspendiert.

Als der Schweizer Universitätsprofessor Iselin aus Basel ein günstiges Gutachten für den angeklagten Professor Gebhardt abgegeben hatte, wurde die Staatsanwaltschaft dagegen beim Rektorat der Universität Basel vorstellig, worauf sich Professor Iselin für sein Verhalten zu rechtfertigen hatte.

In den Fällen gegen Schröder und Becker-Freyseng war der Verteidigung als Entlastungszeuge der Berliner Professor Dr. Eugen Haagen bewilligt worden. Plötzlich war Haagen aus Berlin verschwunden. Er konnte erst Monate später in Händen eines französischen Gerichtes festgestellt und dann nach Nürnberg gebracht werden. Dieses verspätete Eintreffen Haagens hatte zur Folge, daß er bei der Abwicklung des Falles Schröder nicht rechtzeitig gerufen werden konnte, vor allem aber, daß seine Aussagen fehlten, um zahlreiche Belastungszeugen der Anklagebehörde gegen Schröder, Rose und Becker-Freyseng der Unwahrheit zu überführen, so unter anderem die Belastungszeugen Edith Schmidt, Grandjän usw.

Es stellte sich heraus, daß Haagen im amerikanischen Sektor Berlins durch englische Sicherheitspolizei verhaftet und

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nach Verhör durch amerikanische Dienststellen an Frankreich ausgeliefert worden war. Die amerikanische Anklagebehörde hatte also volle Kenntnis, wo sich Haagen während der ganzen Zeit aufhielt. Da jedoch vorausgesetzt werden mußte, daß seine Aussagen die Unwahrheit wichtiger Belastungszeugen feststellen würden, wurde sein Aufenthalt vor Gericht und der deutschen Verteidigung geheimgehalten, obwohl die Anklagebehörde dauernd auf Haagens Tätigkeit als ein schwer belastendes Moment gegen die Angeklagten Schröder, Rose und Becker-Freyseng hinwies.

In einem anderen Falle, gegen Professor Gebhardt, hatten zwei Zeuginnen entlastend ausgesagt, nämlich Frau Dr. med. Lange-Valdez und eine polnische Staatsangehörige. Auf die Benachrichtigung und den Druck der Anklagebehörde wurden beide in Berlin wohnhaften Zeuginnen durch den VVN bedroht und von weiteren entlastenden Aussagen zurückgehalten.

Im Falle Sievers war einer der wichtigsten Entlastungszeugen der Zeuge Feix. Die Verteidigung stellte seinen Aufenthalt im Ausland fest und hatte bereits seine Zusage, als Entlastungszeuge für Sievers zu erscheinen, als ein amerikanischer Offizier bei Feix erschien mit der Frage, ob er bereit sei, als freiwilliger Zeuge mit nach Nürnberg zu kommen. Feix folgte dieser Aufforderung und suchte am Vormittag seines Eintreffens sofort die Verteidigung auf. Am Mittag des gleichen Tages bereits teilte er der Verteidigung mit, daß es ihm von der Anklage verboten sei, mit der Verteidigung zu sprechen. Er wurde dann durch die Anklagebehörde bevorzugt untergebracht und verpflegt. Auf Beschwerde wurde der Verteidigung mitgeteilt, daß ihr der Zeuge zu gegebener Zeit zur Verfügung stehen würde. Es vergingen Wochen, ohne daß die Verteidigung etwas über Feix erfuhr. Schließlich erfolgte auf die wiederholten Nachfragen der Verteidigung die Mitteilung, Feix habe mit angeblich unbekanntem Ziel Nürnberg verlassen. Nach Monaten erst konnte festgestellt werden, daß Feix infolge seiner Weigerung als Belastungszeuge gegen Sievers aufzutreten, selbst inhaftiert worden war, um so nicht mehr erreichbar zu sein.

Derartige und ähnliche Vorkommnisse bedingten, daß zahlreiche Entlastungszeugen aus Furcht vor politischer oder wirtschaftlicher

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Verfolgung überhaupt nicht in Erscheinung treten konnten, während es anderen zum Teil direkt verboten wurde. Als Beispiele dafür seien — ebenfalls aus dem Komplex des Ärzteprozesses — nur folgende Fälle angeführt :

Der Ordinarius für Physiologie der Universität Zürich, Schweiz, der weltbekannte Forscher Professor Dr. Emil Abderhalden, schrieb dem Verteidiger von Becker-Freyseng, daß er es nicht wagen könne, sein entlastendes Gutachten über den Seewasserversuch durch einen Schweizer Notar beglaubigen zu lassen, aus Furcht, sonst erheblichen Schwierigkeiten ausgesetzt zu sein.

Im Januar 1948 verhinderte auf Grund seiner dienstlichen Eigenschaft der Dekan der medizinischen Fakultät einer süddeutschen Universität, Professor Dr. H. H., daß der Professor für Physiologische Chemie, Dr. K., ein Gutachten über den Seewasserversuch abgab, mit der Begründung, daß diese Fragen nicht in das Gebiet des physiologischen Chemikers gehörten. Umgekehrt hatte der Belastungszeuge der Anklage, der amerikanische Professor Dr. Ivy, erklärt, daß dieser Versuch überhaupt nur von einem physiologischen Chemiker beurteilt werden könne. Professor K. war von sich aus zur Erstattung eines entlastenden Gutachtens bereit gewesen.

In zahlreichen anderen Fällen, in denen wichtige Entlastungszeugen von den Verteidigern der Angeklagten beantragt worden waren, wurde ihre Hinzuziehung entweder vom Gericht abgelehnt oder aber, wenn sie in einzelnen Fällen bewilligt worden waren, ihr Erscheinen auf andere Weise oftmals verhindert.

So wurde der neutrale Sachverständige, der international bekannte Professor Dr. Blanc, Marocco, Institut Pasteur, nicht bewilligt, obwohl er sich bereit erklärt hatte, zur Aussage nach Nürnberg zu kommen. Durch das Nichterscheinen von Professor Blanc wurde im Fall Rose anscheinend belastendes Material allein durch völlig unsachkundige Laien vorgebracht, während ein neutraler, sachverständiger Zeuge den wahren Tatbestand hätte sofort aufklären können.

Zum gleichen Fragenkomplex hatte die Staatsanwaltschaft zweimal den französischen Forscher Professor Legroux vom

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Institut Pasteur, Paris, als Sachverständigen zu sich geholt. Nachdem er jedoch der Anklagebehörde die wissenschaftliche Richtigkeit der von Rose und dem Zeugen, Professor Haagen, gemachten Angaben bestätigen mußte, verhinderte die Staatsanwaltschaft sein Erscheinen im Zeugenstuhl.

Für den Angeklagten Mrugowsky war vom Gericht auf Antrag der Verteidigung der Zeuge Dr. Murthum, der sich als Gefangener im Lager Dachau befand, bewilligt worden. Zwei deutschen Anwälten wurde jedoch in Dachau von der amerikanischen Lagerkommandantur die offizielle Mitteilung gegeben, Murthum befände sich nicht in Dachau. Als er einige Zeit später auf erneuten Antrag der Verteidigung denn doch nach Nürnberg gebracht wurde, bestätigte er, daß er sich in Dachau befand, als den deutschen Anwälten von amtlicher amerikanischer Seite das Gegenteil mitgeteilt worden war.

Berufszeugen, »Scheinzeugen«, Kriminelle

Dem Ausschalten der Entlastungszeugen, wofür die angeführten Vorkommnisse nur einige Beispiele aus der Fülle ganz analoger Ereignisse sind, steht das "Pflegen" der Belastungszeugen seitens der Anklagebehörden gegenüber.

Vorwiegend wurden die Belastungszeugen aus den Reihen der ehemaligen KZ-Häftlinge gewählt, die in ihren Aussagen verständlicherweise die wenigsten Hemmungen hatten. Oftmals kamen sie von reinen Vergeltungsabsichten gegenüber den Angeklagten getrieben, nur zu großzügig den Anklägern entgegen, die ihrerseits alles taten, sie "einsatzreif" zu machen und zu halten.

Der als Belastungszeuge gegen Professor Beiglböck aufgerufene österreichische Staatsangehörige Vorlicek gab dem Verteidiger Beiglböcks, Dr. Steinbauer, nach Abschluß des Prozesses eine eidesstattliche Erklärung darüber ab, daß er durch die Staatsanwaltschaft zu seinen belastenden Aussagen beeinflußt worden sei und wieviel Zigaretten und andere Mangelwaren er dafür von der Staatsanwaltschaft erhalten habe.

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Im Falle gegen Professor Brandt verhielt es sich ähnlich. Der Belastungszeuge Neef erklärte im Zeugenstuhl, daß er Karl Brandt auf Grund seines "markanten Gesichtes" als früheren Besucher eines Konzentrationslagers wiedererkenne. Später gab er dem Verteidiger von Professor Brandt eine eidesstattliche Erklärung darüber ab, daß ihm von der Staatsanwaltschaft vor seiner Zeugenaussage die Fotografie der Angeklagten vorgelegt worden sei zum Zwecke der Identifizierung Brandts im Gerichtssaal und daß er tatsächlich Professor Brandt vorher nie gesehen habe.

Aber auch das sind nur wenige Beispiele von vielen, die angeführt werden können.

Die Belastungszeugen erhielten grundsätzlich die gleiche Verpflegung wie die amerikanischen Offiziere. Auf ihre rote Zeugenkarte bekamen sie in reichlichem Maße nicht nur Zigaretten, sondern auch andere damals sehr begehrte Mangelwaren. Auf dem Schwarzen Markt in München war deshalb dieser Ausweis, der von den Anklägern je nach Bedarf verlängert werden konnte, ein sehr gefragtes Handelsobjekt. Als dann später — gegen Ende 1946 — die Zeugen der Anklage in einem Lager untergebracht wurden, verschlechterten sich zwar ihre äußeren Lebensbedingungen, doch sorgte der Bayrische Staatskommissar für politisch und rassisch Verfolgte durch Ausgabe von Zusatzkarten dafür, daß ihre Lebensmittellage immer noch beneidenswert blieb.

Viele Zeugen hielten sich lange Monate im Lager auf. Ihre einzige Tätigkeit war, Aussagen zu machen. Davon lebten sie ganz oder doch wenigstens überwiegend. Sie wurden "Berufszeugen" genannt, und waren eine der stärksten Stützen der Ankläger, die sich natürlich alle Mühe gaben, diese Schäfchen bei der Stange zu halten.

"Blinde Zeugen" hießen diejenigen Belastungszeugen, die nichts mehr wußten, was der Anklagebehörde hätte dienlich sein können. "Blind" zu werden war deshalb wegen des damit verbundenen Entzuges der materiellen Vorteile von den meisten Zeugen sehr gefürchtet. Darum entpuppten sich dann viele von ihnen zu sogenannten "Scheinzeugen", die ihren Namen nach ihrem Kollegen Heinrich Schajn trugen. Schajn hatte im Mauthausen-Prozeß außerordentlich belastend ausgesagt, obwohl er die von ihm vorgebrachten Wahrnehmungen gar nicht gemacht haben konnte,

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da er zu der betreffenden Zeit überhaupt nicht im KZ war. Deshalb also der Name "Scheinzeugen".

Es kam auch nicht selten vor, daß Zeugen, die über die zur Verhandlung anstehenden Gegenstände nichts oder nur sehr wenig wußten, das, was sie in ihrer Umgebung zufällig darüber aufgeschnappt hatten, nicht nur als eigenes Wissen unter Eid vorbrachten, sondern auch an andere "Berufszeugen" gegen Geld oder andere Gegenleistungen verkauften.

So konnte es passieren, daß diese Zeugen in den verschiedensten Prozessen, in denen sie auftraten, die widersprechendsten Aussagen machten. Es ist kein Fall bekannt, in dem sie deswegen zur Rechenschaft gezogen worden wären. Bemerkenswert mag in diesem Zusammenhang das Verhalten des Belastungszeugen Dr. E. K., der heute im Kulturleben der Bundesrepublik eine viel beachtete Rolle spielt, sein :

Dr. K. stellte offensichtlich als Ergebnis der Vorvernehmungen, seine belastenden Aussagen nicht nur so dar, als handele es sich um selbst Erlebtes (bis er schließlich im Kreuzverhör der Verteidigung einschränken mußte, daß seine Aussagen fast ausschließlich vom Hörensagen Dritter und Vierter stammen), sondern er machte auch über ein und dieselbe Angelegenheit, nämlich das sogenannte Ding'sche Tagebuch, im Ärzteprozeß am 6. bis 8. Januar 1947 und im Prozeß gegen Pohl und andere im April 1947 beeidete Aussagen, die sich völlig widersprechen.

Ebenso machte derselbe Belastungszeuge Dr. K. völlig widersprechende Angaben in zwei Prozessen bezüglich der sogenannten "illegalen Häftlings-Lagerleitung" des Konzentrationslagers Buchenwald. Während er im Ärzteprozeß unter Eid aussagte, darüber nichts zu wissen, erklärte er ebenfalls als beeidigter Zeuge vor einem amerikanischen Militär-Gerichtshof im Buchenwald-Prozeß in Dachau im Sommer 1947, daß er selbst dieser illegalen Häftlings-Lagerleitung angehört habe. —

Die sogenannten "prominenten Zeugen" waren größtenteils vielfach vorbestrafte Kriminelle. August Vieweg, Höllen-Reiner, Ignaz Bauer, die gegen Professor Beiglböck auftraten, konnten ihre langen Strafregister nicht unterschlagen, während die

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Liste der Vorstrafen des Belastungszeugen Tschofing, die von Graz aus per Post nach Nürnberg geschickt wurde, nie in die Hände der Verteidigung gelangte. Die Beiziehung der Straflisten wurde überhaupt oftmals unter irgendwelchen Vorwänden abgelehnt oder — wenn sie von der Verteidigung in einzelnen Fällen doch herbeigeschafft werden konnten — wurden gegen ihre Einführung in den Prozeß formale Bedenken erhoben.

Amtsbekannt als Verbrecher übelsten Typs waren, um hier von Hunderten nur einige zu nennen, außerdem :

der Belastungszeuge Magnus Keller. Er war als Häftlingslagerältester in den Konzentrationslagern Dachau und Mauthausen eingesetzt gewesen und hatte dort zahlreiche Menschen zu Tode gequält.

Der Belastungszeuge Joseph Nietscho saß als Berufsverbrecher in verschiedenen deutschen KZ's und hatte sich, wie die anderen Belastungszeugen David Zimmet, Poprawka und Kanduth, nach der Kapitulation abermals kriminell vergangen. Alle vier wurden auf Grund ihrer belastenden Aussagen und offenbar als Anerkennung dafür aus der Straf- bzw. Untersuchungshaft entlassen.

Ein weiterer berüchtigter Berufszeuge war Geiger, der sich im Außenlager Gusen des KZ's Mauthausen in übelster Weise an den Häftlingen vergangen hatte. Weil er gegen 86 Angeklagte als Belastungszeuge auftrat und in jeder Beziehung den Anklagebehörden gegenüber sehr willig war, blieb er selbst straffrei. —

Eine Theateraufführung in Dachau

Ende 1947, zum Abschluß der großen Prozesse in Dachau, gaben die Amerikaner den deutschen Anwälten und ihrem Personal einen "Kameradschaftsabend". Dabei wurde mit viel Geschick ein Theaterstück aufgeführt, das die Lächerlichmachung der Dachauer Prozesse zum Gegenstand hatte. Alle Schauspieler waren Amerikaner. Sie spielten eine Verhandlung die den tatsächlich stattge-

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fundenen in ihrem Ablauf genau glich. Die Mitglieder des Gerichtes waren jedoch Lahme, Betrunkene und Blinde. Der Belastungszeuge der auftrat, war ein typischer Berufszeuge und hieß bezeichnenderweise "Schwarzhandel". Seine anfänglich verworrenen Aussagen wurden sofort präziser, als ihm der "Ankläger" ein paar Schachteln Zigaretten zuschob. Als ihm dann schließlich auch noch Geld angeboten und ausbezahlt wurde — gegen den Protest des Verteidigers natürlich —, machte der Zeuge "Schwarzhandel" sofort alle gewünschten Aussagen. Nach kurzer Beratung wurde der "Angeklagte" dann mit pathetischem Wortschwall zum Tode durch den Strang verurteilt.

Das war zwar nur eine Episode am Rande der im Namen der Gerechtigkeit und Humanität durchgeführten Kriegsverbrecherprozesse. Aus ihr zeichnet sich aber jenseits aller Schuld oder Unschuld der Angeklagten die fraglos trübe, unzulängliche Kulisse ab, vor der jenes neue, dauerhafte Recht zum Schütze des Individuums und zum Schütze der Menschlichkeit geschaffen werden sollte.

Die Völker der Vereinten Nationen waren mit großen, heiligen Idealen nach Nürnberg gekommen. Was aber haben die von ihnen bestellten Vertreter hier in Deutschland daraus gemacht? Ganz abgesehen von der in Nürnberg wieder einmal neu dokumentierten alten Erfahrung, die der Angeklagte Dr. Romberg seinem Verteidiger im Gerichtssaal des Justizpalastes als spaßigen Schüttelreim auf den Tisch legte :

"Willst' der Strafe du entrinnen,
mußt du auch den Krieg gewinnen",

zeitigten jene Prozesse nur Ergebnisse, die uns alle mit Furcht und Mißtrauen erfüllen. Wird es nicht so sein, daß die Politiker aus solcher Art der internationalen Prozeßirerei die Lehre ziehen : "Wer Krieg führt, muß ihn mit allen Mitteln gewinnen und darf — auch wenn die Sache schief zu gehen beginnt — niemals einlenken, denn er kämpft ja jetzt nicht nur für sein Vaterland, sondern auch — gleichgültig wie die Schuldfrage liegen mag — um seinen höchsteigenen Hals"?

Die Welt hoffte auf einen heiligen Kodex des Friedens und der Menschenrechte. Wir Deutsche erwarteten nichts als Gerechtig-

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keit für uns alle, wie für jeden einzelnen, der sich zu verantworten hatte. Wo aber ist das Recht zu finden, das Recht, von dem der französische Rechtslehrer Julien Bonnecase sagte, es sei eine "primäre Idee, eine Offenbarung des Absoluten"? Welche Nation repräsentiert nun eigentlich das einzige, uneingeschränkte Recht, wenn es möglich sein kann, daß internationale Gerichtshöfe Verfahren zuließen, wie wir sie erlebten? Das ist die entsetzliche Frage, die Nürnberg heraufbeschwor.

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Für diese elektronische Auflage wurden die folgenden Korrekturen vorgenommen :

Wennersturm — Wennerstrum (10x)
S. 6 (Inhaltsverzeichnis) : Theateraeufführung — Theateraufführung
S. 7 (Vorwort) : Michiavelli — Machiavelli
S. 13 : amerikanschen Gefängnisverwaltung — amerikanischen
S. 25 : pernicioeser — perniziöser
S. 35 : Kommisionen — Kommissionen
S. 37 : Kommisson — Kommission
S. 38 : ins einzelne gegende — gehende
S. 40 : spiegeln (...) wieder — wider
S. 47 : Grenium — Gremium
S. 48 : schlechsten — schlechtesten
S. 49 : Untersuchungsauschusses — Untersuchungsausschusses
S. 55 : Bullingen — Büllingen (2x)
S. 56 : vorlänge — vorläge
S. 59 : durch den Lügendetetkor — Lügendetektor
S. 61 : sei alt geng — genug
S. 62 : die Ermittlung (...) beschlossen hätten — hätte
S. 63 : unverwischbtrer — unverwischbarer
S. 66 : Cennecticut — Connecticut
S. 69 : Mellemby — Mellamby
S. 79 : Kubiszentimeter — Kubikzentimeter
S. 79 : immer weder durchführte — wieder
S. 81 : Außtemperaturen — Außentemperaturen
S. 83 : Extrasystolie — Extrasystole
S. 85 : Angtpsychose — Angstpsychose
S. 85 : im Gefägnis — Gefängnis
S. 88 : der internatioanal bekannte — international
S. 88 : Institute de Pasteur — Institut Pasteur
S. 88 : Legreux — Legroux
S. 89 : Institute de Pasteur — Institut Pasteur


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