8. KAPITEL

Das Echo auf die Attacken aus dem Volk

Die spontanen Reaktionen der Bürger liefen mittlerweile tausendfach bei Tages- und Wochenzeitungen ein, also bei jenen Organen, deren Aufgabe es ist (jedenfalls sein sollte), der Meinung der Menschen Öffentlichkeit zu verschaffen, damit diese auch gehört, respektiert und angemessen beantwortet werde. Generell möchte ich sagen, dass die überwältigende Mehrheit der Leserzuschriften aus dem In- und Ausland Empörung über die Vorwürfe gegen die Schweiz zum Ausdruck bringt.

Die nachstehend abgedruckten Lesermeinungen stammen von verschiedenen Tages- und Wochenzeitungen. Ich enthalte mich dabei bewusst jeder weiteren Bemerkung, weil die Briefe für sich selbst sprechen.

Es ist aber soviel festzuhalten, dass auch diese Briefe zum Teil so interessant sind, als ob man einen Roman liest. Viel Geschichtliches und Wertvolles tut sich darin auf und so überlasse ich es dem Leser selbst, sich mit den vielen Gedanken, Beobachtungen, Erlebnissen, Meinungen, mit den unzähligen Facetten dieser Welle aus dem Volk auseinanderzusetzen und sich ein eigenes Urteil zu bilden. Ängste, Ärger, Wut, Verwunderung und Empörung breiten sich hier in allen Bevölkerungschichten aus.

Allein, wenn die noble NZZ in einem so breiten Rahmen solche Leserbriefe abdruckt, bedeutet dies schon einiges.

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Das «Raubgold» beschäftigt seit Wochen Medien, Öffentlichkeit, Finanzwelt und Politik. Die Banken reagieren verwirrt und konfus, und die Öffentlichkeit, traditionell amerika- und judenfreundlich gesinnt, verstört auf all diese schweren Anschuldigungen und unbewiesenen Behauptungen amerikanischer Politiker und gewisser jüdischer Organisationen. Dabei müsste es zumindest allen Beteiligten, deren Blick über Europa hinausreicht, klar sein, dass dieses Vorgehen einer langbewährten amerikanischen Taktik entspricht, um die Interessen amerikanischer «Pressure Groups» durchzusetzen: Man beginnt gegen ein Land, das sich zu einem ernstzunehmenden Wirtschaftskonkurrenten entwickelt unter irgend einem humanitären Vorwand gezielt mit Hilfe von austauschbaren Organisationen, eine Medienkampagne in den USA und im Ausland. Unter dem Druck der «öffentlichen Meinung» und der angedrohten wirtschaftlichen Sanktionen wird dann das Problem vorläufig im Interesse der USA beigelegt, nur um später unter einem Vorwand wieder hervorgeholt zu werden, falls es sich als nötig erweisen sollte. Wäre es nicht besser, statt einer «Partnership for Peace» beizutreten, dieses Geld dazu zu verwenden um eine Abteilung «psychologische Wirtschaftskriegsführung» aufzubauen? - Alexandra Nogawa (Basel)

Ein nicht erfundenes Beispiel: Mein Grossvater Hugo Angermann transferierte in den dreissiger Jahren legal Geld über die Deutsche Bank in Dresden auf ein Schweizer Konto, weil er Angst und Wut verspürte über den sich abzeichnenden Weg Deutschlands. Bald wurde die Devisen-zwangsbewirtschaftung eingeführt. Er meldete sein Auslandsguthaben nicht an, weil er das gute Geld diesem Staat nicht gönnte. Zur eigenen Tarnung und im Vertrauen auf die Schweiz liess er das Guthaben «nachrichtenlos», natürlich

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auch im Kriege. Durch das Verbrechen der Bombardierung der Innenstadt Dresdens Mitte Februar 1945 werden Eigentümer und alle Erben bis auf meine Mutter getötet, alle Unterlagen vernichtet.

Die Erbin kannte weder den Namen der Bank noch Einzelheiten der Geldanlage ihres Vaters in der Schweiz. Sie schrieb in den fünfziger Jahren an die drei Schweizer Grossbanken. Bitte versetzen Sie sich in die Lage des Bankers, der das Angermann-Konto seit Jahren nachrichtenlos führt und jetzt hört, dass es zwar eine Erbin gibt, aber dass sie nichts Genaues weiss und nichts nachweisen kann. Die Versuchung zumindest ist gross, das Konto rückwirkend zu löschen und das Geld dem Bankgewinn zuzuführen. Eine kürzlich veranlasste Suche durch die von den Banken unabhängigen Stiftung Schweizerischer Banken-ombudsmann in Zürich erbrachte, dass von keiner Bank eine positive Rückmeldung kam. Ich glaube das gerne, und doch weiss ich, dass das Konto zu Kriegsbeginn existierte und kein Berechtigter es auflöste. Ebenso mag ein Libanese Geld nach England oder ein Perser Geld nach Frankreich in vermeintliche Sicherheit gebracht haben, ehe er selbst in den Wirren umkam. Dass dieses Problem nicht längst gelöst ist, spricht nicht für die Banken. - Klaus Schmiedel (Königstein)

Es scheint mir, dass es für den Jüdischen Weltkongress bedeutend einfacher wäre, das von den Nazis geraubte jüdische Gold von der Rechtsnachfolgerin des Dritten Reichs, nämlich der Bundesrepublik Deutschland, einzuklagen. Schliesslich sind die Taten der Nazis bekannt und relativ einfach zu beweisen. Es war Nazideutschland, das Belgien und die Niederlande überfallen und das Gold geraubt hat. Und man weiss auch genau, wieviel Gold sich die Deutschen aus den Staatsschätzen angeeignet, und ziemlich ge-

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nau wieviel Gold sie von Privatleuten gestohlen haben. Keiner wird behaupten, dass sie gutgläubig in den Besitz jenes Goldes gelangt sind. Es ist klar, dass es sich dabei um einen völkerrechtswidrigen Raub gehandelt hat. Warum versteift sich der Jüdische Weltkongress also auf die Schweiz, als hätte die Schweiz das Gold geraubt und 6 Millionen Juden umgebracht?

Und warum richtet sich neuerding ein Teil des Zorns des jüdischen Weltkongresses auch gegen die Zentralbanken Amerikas und Englands, die gleichfalls Nazigold gehortet haben sollen, notabene gegen die Zentralbanken jener Mächte, die Europa von den Nazis befreit und damit unzähligen Juden und anderen Menschen das Leben gerettet haben? Die Alliierten und die Schweiz sitzen auf der Anklagebank, während die Deutschen sich wohl insgeheim ins Fäustchen lachen, vor allem wenn sie vom Jüdischen Weltkongress noch aufgefordert werden, bei den Nachforschungen mitzuhelfen, um die Schweiz und die Alliierten zu zwingen, für die Taten, die die Vorfahren der heutigen Deutschen begangen haben, zu bezahlen und geradezustehen. - Christof Schauwecker (Zürich)

Vor einigen Jahren wurde mit «Erfolg» die Fichenaffäre inszeniert. Etwas später prasselte ein Trommelfeuer von Anschuldigungen betreffend die vor mehr als 50 Jahren von der Schweiz gehandhabte Flüchtlingspolitik auf die ganze Nation nieder. Und nun ist eine weitere Untat aus der Mottenkiste gezogen worden. Diesmal handelt es sich um die von schweizerischen Banken während der Nazizeit entgegengenommenen Fluchtgelder und deren Verwaltung. Von all dem, was zu den drei als Beispiel herangezogenen Forderungen nach sogenannter geschichtlicher Bewältigung (worin besteht diese überhaupt?) zu entgegnen wäre, sei zuhanden der eifrigen Ankläger und ihrem Anhang nur

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auf die alte Erfahrung hingewiesen, die Goethe seinerzeit mit folgenden Worten spöttisch umschrieben hat: «Der Handelnde ist immer gewissenlos, es hat niemand Gewissen als der Betrachtende.» - Fredy Rüfenacht (Aarau)

Bekanntlich bewundern die Österreicher die Eidgenossen, und zwar nicht nur wegen ihrer Geschicklichkeit, sich aus Kriegen herauszuhalten, sondern auch wegen ihrer wirtschaftlichen Erfolge. Um aber solche Gefühle ohne Schaden ertragen zu können, muss man manchmal auch etwas Schadenfreude geniessen, wenn in der Schweiz irgend etwas nicht so grossartig läuft wie gewohnt. Die Frage des Nazigoldes ist ein solcher Anlass, sollte aber für die Schweizer kein Anlass sein, sich in tiefer Zerknirschung zu üben. Die Schweizer Demokratie war letztlich im Gegensatz zur österreichischen austro-faschistischen Diktatur fähig, das Schweizervolk zur geistigen Landesverteidigung zu führen. Die Bereitschaft der Schweizer, ihr Land militärisch zu verteidigen, hat sich im Bewusstsein der damals schon politisch Denkenden mehr als wohltuend abgehoben von der Kapitulation Österreichs vor Hitler-Deutschland. - Heinz Kienzl (Wien)

Während der Umzingelung durch die Nazis kaufte die Schweiz von diesen geraubtes und umgeprägtes Gold und verkaufte dieses Gold an andere Länder. Dies war keine Ruhmestat der Schweiz. Besonders heftig war die Anklage des britischen Aussenministeriums. Doch mit fremdem Gold war Grossbritannien weit hemmungsloser. Während die Schweiz den Tatbestand der Hehlerei erfüllte, haben die Briten sowohl den der Veruntreuung wie auch der Hehlerei erfüllt.

Vor dem Zweiten Weltkrieg waren die baltischen Staaten eng mit Grossbritannien verbunden. Wegen der internatio-

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nalen Gefahren übergab die Republik Lettland ihre Goldreserven der englischen Nationalbank zur sicheren Aufbewahrung. Im Anschluss an den Hitler-Stalin-Pakt besetzte die Sowjetunion die baltischen Staaten. Die Besetzung und Annexion der baltischen Staaten wurde von den Westmächten nie anerkannt.

Nach einigen Jahrzehnten wurden die sowjetische Besatzungsmacht und die britische Regierung handelseinig. Obwohl die sowjetische Annexion nicht anerkannt war, übernahm England die Goldreserven der lettischen Republik zu Eigentum. Mit dem Wert des Goldes wurden britische Staatsbürger direkt entschädigt, die bei der russischen Revolution zu Schaden gekommen waren. Ferner wurden Schulden der sowjetischen Regierung in England bezahlt, und der Rest wurde den Sowjets gutgeschrieben. Damit waren die britischen Staatsbürger die einzigen, die für die Verluste in der russischen Revolution entschädigt wurden. -Bea C. Matzinger (Thalwil)

Mit einem Grossinserat in der NZZ vom 14.10.96 wirbt Michael E. Dreher, Nationalrat der Freiheitspartei, für seine Zeitschrift «Tacho», für seine Partei und für sich selbst. Die Kontroverse um die verschwundenen jüdischen Vermögen während und nach dem Zweiten Weltkrieg liefert ihm dazu willkommenen Vorwand. Schon im voraus ist Dreher «überzeugt, dass sich nach Abschluss der Untersuchungen Enttäuschungen breit machen und vielleicht neue Anschuldigungen erhoben werden». Angesichts des Zeitablaufes, des Beweisnotstandes, des Ablebens der Opfer und der meisten Täter ist Enttäuschung in der Tat zu erwarten. Das darf auf der anderen Seite kein Grund sein zur Schadenfreude! Schliesslich haben die Schweizer Behörden von damals den Nazis den Vorschlag gemacht, den J(uden-) Stempel einzuführen. In der Folge wurden an unserer

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Grenze mehr jüdische Menschen ins Verderben zurückge-stossen als hereingelassen, mit Hilfe und im Einverständnis der Aktivdienst-Generation. (Gewiss es gab rühmliche Ausnahmen, die gegen diese unmenschliche Politik ihre Stimme erhoben). Für diese andere Seite des Aktivdienstes, die ich an unserer Südgrenze 1943/44 selbst miterlebt habe, schäme ich mich zeitlebens. Dreher und seine Gesinnungsgenossen sollten sich auch an diesen Aspekt unserer Geschichte erinnern und schweigen. Sein Entlastungsversuch in Form eines Gegenangriffs ist angesichts der beispiellosen Tragödie zynisch und deplaciert. - K. Meyer (Zürich)

Fragen an Israel stellt Ihr Leser Erich Schmid aus Stockhausen (NZZ 29.10.96). Damit seine Fragen nicht unbeantwortet verhallen, sei versucht, auf das Wesentliche einzugehen. Das durch den jüdischen König David erbaute Jerusalem wies über die 3000 Jahre seiner Existenz stets eine jüdische Bevölkerungsmehrheit auf. Die El-Aksa-Moschee auf dem Tempelberg wurde auf den Überresten des zweiten Tempels gebaut. Während der 400 Jahre türkischer Herrschaft war von der Existenz eines palästinensischen Volkes nie die Rede. Der Sultan von Konstantinopel stand dem jüdischen Wiederaufbau des Heiligen Landes mit Wohlwollen gegenüber, versprach er sich doch davon einen günstigen Einfluss auf seine Finanzen. Die ersten jüdisch-arabischen Gespräche führten am 3. Januar 1919 zu einem Wiederaufbauvertrag zwischen Chaim Weizmann, dem späteren ersten Präsidenten Israels, und Faisal, dem späteren König von Syrien. Am 29. November 1947 gab die Generalversammlung der Uno ihren Segen zur Unabhängigkeit Israels. Die arabischen Staaten waren dagegen, und Israel musste seine Unabhängigkeit dreimal auf den Schlachtfeldern verteidigen. Die meisten Palästinenser, die nicht bereits im Lande geboren wurden, stammen aus den

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umliegenden Ländern. Ab 1882 war eine verstärkte Einwanderung zu verzeichnen, da der Wiederaufbau durch jüdische Siedler ihnen verbesserte Existenzmöglichkeiten bot. Von Madagaskar war übrigens nie die Rede. Im Jahre 1903 boten die Engländer den Juden Uganda als Siedlungsgebiet für aus Russland vertriebene Juden an, doch wurde diese Idee am sechsten Zionistenkongress verworfen, da für ein Ersatzvaterland kein Interesse bestand. Bereits 1856 war im damaligen Palästina von Rückwanderern die erste landwirtschaftliche Siedlung entstanden.

Wer hat Land weggenommen? Die Araber besitzen 650-mal mehr Land als der Kleinstaat Israel. Die Ölscheichs könnten einen Teil ihrer Ölmilliarden für den Aufbau und die Besiedlung der arabischen Wüstengebiete einsetzen, statt ihre Bankkonten im Westen zu vermehren. - Philippe Kind(Bie\)

Aus historisch wenig fundierten Gedanken entstammen wohl selten richtig gestellte Fragen. Umgekehrt lassen sich aus falschen rhetorischen Fragen interessante Rückschlüsse auf die Gedanken des Fragestellers ziehen. Was also steckt hinter den Fragen dieses schlecht informierten Zeitgenossen? Die Antwort auf die Frage, wer in all den Jahrhunderten vor dem Zweiten Weltkrieg wohl im heutigen Israel gelebt habe, versteht sich seiner Ansicht nach von selbst: die Palästinenser natürlich. Und auf seine nächste Frage, wer wem was weggenommen habe, gibt der Schreiber auch gleich selber die naheliegende Antwort: die Juden. Im heutigen Israel lebten während Jahrhunderten auch Juden vor dem Zweiten Weltkrieg. Die Bemühungen an den Pariser Verhandlungen nach dem Ersten Weltkrieg um eine territoriale Aufteilung Palästinas zwischen Juden und Arabern zeigen, dass der jüdisch-arabische Konflikt nicht eine Folge des Holocaust ist. Den Teilungsplan (Juden,

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Araber und Engländer hatten schon unterschrieben), hatte übrigens Frankreich in letzter Minute verhindert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dann bekanntlich ein Teilungsplan Palästinas von der Weltgemeinschaft angenommen. Nur die Araber waren damit nicht einverstanden und entfachten einen Krieg nach dem anderen gegen den neuen Staat Israel. In der Folge dieser kriegerischen Auseinandersetzungen verloren die Araber de facto ihren palästinensischen Staat. - Gabriel Juri (Zürich)

Falls es den britischen Abgeordneten Janner und Hunt gelingen sollte, die Schweiz sofort zu einer «Wiedergutma-chungs»-Summe in Sachen geraubtes oder eben nicht geraubtes Gold zu bewegen, könnten wir Parlament und Bundesrat abschaffen. Fortan würde dann ein Zeigfingerdruck aus dem Ausland genügen, um unsere Verwaltung zum laufen zu bringen. Eine Geste wäre wohl früher am Platz gewesen, heute indessen darf der Kommission nicht vorgegriffen werden, welche umfassend und ohne Druck einen Bericht erarbeiten muss, der auch für spätere Generationen wegweisend sein soll. Die Schweiz muss sich nicht nur über das Gold, sondern auch über sich selbst klarwerden. Dies kann sicher nicht anhand einer weiteren Demontage des Rechtsstaates erfolgen. - Franziska Geissler (Küsnacht)

Ohne mich einmischen zu wollen, möchte ich als jahrzehntelanger Freund der Schweiz vom Ausland her doch etwas zur sogenannten Raubgoldaffäre-Kampagne anmerken. In dieser Angelegenheit befindet sich die Schweiz bis jetzt ständig in einer rein defensiven Position, lässt sich diese geradezu aufdrängen und erweckt so verstärkt den Eindruck, ihr unangenehme Wahrheiten verbergen zu wollen. «Muss schon etwas dran sein», so denken unwillkürlich zahlreiche

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weniger gut informierte Leute. Die wöchentlich vorgeblich «neuen Enthüllungen» vorwiegend aus Richtung New York bestätigen ihnen das nur. Wäre es da nicht endlich höchste Zeit für eine offizielle, deutliche Richtigstellung von seilen des Bundesrates zur Sache? Eine Klarstellung dessen, was war und was nicht war, was zu erwarten ist und vor allem was nicht zu erwarten ist? Es bestehen doch wohl kaum Zweifel, dass hinter der überwiegenden Zahl aller derzeitigen Spekulationen, Vermutungen und verdeckten Angriffe keineswegs nur ethisch-moralische Forderungen und Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit stecken, sondern eine willkommene Gelegenheit in Richtung «hier sei etwas zu holen». Dabei werden wenig vorhandene Tatsachen und rechtliche Beweismittel überwiegend und lautstark verdeckt durch vorgeschobene moralisch-ethische Anklagen und sogar Schuldzuweisungen, welche gewissermassen der Schweiz als Ganzes in Form einer «Gewissensprüfung» gerne aufgelastet werden sollen. Spezielle clevere Anwälte in «Glücksrittermanier» warten nur auf solche Fälle, in der gar nicht unberechtigten Hoffnung, «etwas bleibt immer hängen (auch für mich)!»

Natürlich hat die Schweiz es heute schwer, schwerer sicher als vor fünfzig Jahren, da eine rechtlich einwandfreie Vergangenheit heute nicht mehr genügt. Es wird immer Einzelfälle geben, wo Fehler gemacht wurden, bewusst oder unbewusst. Fehler vor allem auch aus der damaligen europäischen und Weltlage heraus. Aber es wird viel zuwenig berücksichtigt, in welch hoffnungslos erscheinender Position sich die Schweiz damals befand. Eine freie Insel mitten in einem unfreien, diktatorisch beherrschten Europa mit höchst Ungewisser Zukunft. Umgeben von Krieg und Chaos. Wir denken immer von heute, rückblickend aus. Wenn die Schweiz überhaupt eine Art Vergangenheitsbewältigung zu leisten hat, dann eher ganz aus sich selbst her-

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aus, von innen und eigenverantwortlich vor und für ihre Geschichte und nicht gegenüber einem Pseudotribunal selbstsüchtiger Advokaten und Juden. - Ronald Lentz (Hamburg)

In der «Sonntags-Zeitung» vom l. Dezember konnte man lesen, dass SP-Präsident Bodenmann Herrn Bundesrat De-lamuraz als den «schlechtesten Wirtschaftsminister von ganz Westeuropa» bezeichnete.

Ich möchte nun gerne wissen, ob auch eine Bewertungsliste von amtierenden Parteipräsidenten vorhanden ist, und wenn ja, in welcher Zeitung diese veröffentlicht wird. -Dora Gfeller (Kilchberg)

Die Attacken des Herrn D'Amato gegen die Schweiz und die Schweizer Banken wie auch der Auftritt von Herrn Bubis in einer kürzlich ausgestrahlten Sendung des Schweizer Fernsehens, in der er den Schweizer Banken einen Kraftausdruck entgegenschleuderte, haben mich bewogen, eine Erfahrung bekanntzugeben, die ich in Sachen nachrichtenloser Vermögen gemacht habe.

In den siebziger Jahren unternahm ich als Sachbearbeiter einer Zürcher Bank etliche Nachforschungen in Deutschland und Österreich nach Eigentümern, beziehungsweise Erben von nachrichtenlosen Vermögen. Ich hatte Erfolg, indem ich die Erben ausfindig machen konnte, bis auf einen Fall in Wien. Es handelte sich dort um den Inhaber einer Apotheke. Am 25. Und 26. November 1976 habe ich die Nachforschungen durchgeführt. Diese zeitigten folgendes Resultat: Der Apotheker war Jude, was ich vorher nicht wusste. Er sei im Jahre 1938 von der Gestapo abgeholt und deportiert worden. Man habe nie mehr etwas von ihm gehört. Über Familienverhältnisse erhielt ich auch einige wertvolle Auskünfte, aber nicht erschöpfende. Bei der

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Österreichischen Apotheker-Kammer, Wien, fand man im herbeigeholten Dossier folgende Notiz:

Am J. 7.1939 wurde Herr X, da mosaischen Glaubens, der Stellung als Apotheker enthoben. Nun begab ich mich zur Israelitischen Cultusgemeinde, Wien. Hier wurde ich dem zuständigen Herrn zugewiesen. Dieser Herr wurde telefonisch avisiert, und er empfing mich im Korridor. Ich erklärte ihm den Grund meines Besuches. Er erwiderte, es sei unmöglich, Daten aus der Zeit von 1938 bis 1945 ausfindig zu machen. Es habe keinen Sinn noch Nachforschungen anzustellen über Geschehnisse, die so lange zurücklägen. Ich insistierte und sagte ihm u.a., man könnte doch im nebenanliegenden jüdischen Rothschild-Altersheim bei den Insassen oder bei Apothekern, die im Umkreis der fraglichen Apotheke domiziliert sind, eine Umfrage machen, «es gehe doch um etwas». Der Herr wurde ungeduldig, und in etwas brüskem Ton antwortete er: «Bekomm das Geld wer will, ich kann nicht helfen.» Nach diesen Worten verabschiedete er sich kurz, drehte sich um und verschwand im nächstliegenden Büro. Sehr enttäuscht über diese totale Interessenlosigkeit und Schnellabfertigung im Korridor verliess ich die Israelitische Cultusgemeinde. -Karl Engler (Zürich)

Wie der jüdische Weltkongress bin auch ich der Ansicht, dass es bei der Rückgabe fremden Eigentums nicht nur um Geld geht, sondern auch um Gerechtigkeit. Eigentum kann ausser aus Geld, Gold und Gemälden auch aus Grund und Boden bestehen. Dabei geht es doch darum, alle Eigentumswerte wieder den rechtmässigen Besitzern zurückzugeben, rückwirkend ab einem bestimmten Datum. Nun wirft der jüdische Weltkongress der Schweiz und schweizerischen Institutionen vor, diese Rückgabe absichtlich zu erschweren und zu verzögern. Dürfen wir vom Weltkongress

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erwarten, dass auch er sich an den gleichen Grundsatz hält und sich dafür einsetzt, dass der jüdische Staat alles Eigentum wieder den rechtmässigen Besitzern zurückgibt? Ob dann dieser Grundsatz ab dem Jahre 1939 oder erst ab 1967, dem Jahr, auf das sich die bekannte Uno-Resolution bezieht, angewandt werden soll, darüber kann diskutiert werden. - Hermann Wild (Zürich)

Wer die harte Realität und den massiven Druck des Zweiten Weltkrieges den dezidierten Widerstand der eigenen Familie und des Bekanntenkreises gegen den deutschen Nationalsozialismus, die jahrelangen Abwesenheiten des eigenen Vaters von Familie und Geschäft miterlebt hat, sieht sich in Anbetracht des gigantischen, weltweiten gegen die Schweiz gerichteten Spektakels verschaukelt und hintergangen. Hintergangen fühlt man sich von jenen Schweizern, die offenbar als miese Sympathisanten oder berechnende Machiavellisten mit Hitler-Deutschland kollaboriert haben, seien sie nun im Bankwesen, in der Politik oder anderswo in diesem Sinne aktiv gewesen. Ich zögere nicht, jene als gemeine Landesverräter zu betrachten, nichts weniger. Die Schweiz bzw. die Mehrheit des Schweizervolkes stellten sie nicht dar. Es müsste daher ein echtes Anliegen sein, dass sie demaskiert werden. Dafür ist es nie zu spät.

Miesgemacht fühlt man sich aber auch von jenen (meist jüngeren) Historikern, die in politisch gefärbter Froschperspektive ihre subjektivistische Schau nur auf diejenigen Phänomene richten, die die Schweiz und ihr Volk verunglimpfen. Der notwendigen Aufklärung, die dringend not täte, dienen sie nicht. Ihnen fehlt nicht nur jede Vorstellungskraft, sondern auch der gute Wille (und die Fähigkeit), einigermassen objektiv zu sein. Schliesslich bleibt man perplex vor der Masslosigkeit der arroganten Angriffe von D'Amato und Konsorten, die die Schweiz und das Schwei-

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zervolk pauschal an den Pranger stellen und auch nicht vor der Ungeheuerlichkeit zurückschrecken, die Schweiz in die Nähe der Verantwortung für den Holocaust zu rücken. Der Gipfel der Absurdität! Offenbar ist diesen Leuten jedes Mittel recht, um ihrem Machthunger, ihrem Geltungsbedürfnis und ihrer Geldgier zu frönen.

Nein, die Schweizer Bevölkerung, die jene Zeiten durchgestanden hat, verdient diese miesen Anwürfe nicht. Um so wichtiger ist es, dass heute alle Machenschaften und Beteiligten von damals objektiv entlarvt werden. Das schulden wir den leidgeprüften jüdischen Mitmenschen, die durch die Schergen des deutschen Nationalsozialismus, auf unmenschlichste Weise verfolgt, gefoltert und ermordet wurden. Das schulden wir aber auch der grossen Mehrheit des Schweizervolkes, welches während des Zweiten Weltkriegs die wahre Schweiz ausmachte und sich dem Horror des totalitären deutschen Nationalsozialismus zutiefst überzeugt entgegenstellte. - Alfred Reichmuth (Wollerau)

Wochen sind verstrichen seit Prof. Klaus Urners Vorschlag, mit den Goldgewinnen der Nationalbank eine Holocaust-Stiftung zu schaffen. Ist denn wirklich niemand da, der darauf hinweisen will, dass diese Gewinne bereits vor 50 Jahren auf Veranlassung von Bundesrat Ernst Nobs eingezogen worden sind? 100 Millionen der schliesslich im Washingtoner Abkommen geleisteten 250 Millionen Franken stammten von der SNB, und zwar ganz klar mit Bezug auf die gemachten Handelsgewinne. Es ist doch einfach sträflich, Begehrlichkeiten zu wecken in einer Zeit, wo jeder normal empfindende Amerikaner überzeugt ist, dass auch für ihn irgendwo ein Jackpot für erlittene Schmach, Produktehaftpflicht oder was auch immer warte. Und Frau Grete Beer, die im Juli in Begleitung der Medien die Schweiz bereiste? Offenbar war es ihr Onkel, der das Geld

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abgezogen hat. Für einmal wären also die Schweizer Banken (und damit wir Schweizer) aus dem Schneider. Aber da mag sich kein einziger Pressemann aufrappeln: gute Nachrichten sind schlechte Nachrichten. Es würde doch sehr interessieren, ob ihr Onkel unterschriftsberechtigt war oder sich als Erbe ausgewiesen hat. Im ersten Fall war es richtig, jede Auskunft zu verweigern, im zweiten hätte die Bank zwar fehlerhaft gehandelt, aber eben auch gezeigt, dass der Erbnachweis nicht immer stur gehandhabt worden ist. - R. Steiner (Zürich)

Dem Grossmaul Bodenmann sei Dank! Wegen seiner Dummheit wissen wir jetzt, dass gewissen Euroholikern buchstäblich jedes Mittel - bis hin zum Landesverrat -recht ist, um unser Land der Brüsseler Zentrale anzuhängen. Nun ist auch klar: Nicht der Medien-Buhmann Blocher gefährdet die bilateralen Verhandlungen, sondern das Medien-Hätschelkind Bodenmann. Blocher kämpft offen mit dem demokratischen Instrument des Referendums für ein optimales Ergebnis, Bodenmann sabotiert dieses mit heimlichem Herumtelefonieren.

Wie es sich für Feiglinge gehört, versteckt sich der Gernegross hinter seiner Immunität. Man täusche sich nicht: Ohne deren Aufhebung und ohne Sanktionen sinkt das Ansehen unseres Parlaments in der Öffentlichkeit unter die Stufe eines Kindergartens. Nur in einer Bananenrepublik müssen zwar Parkbussen bezahlt werden, während Landesverräter ohne Sanktionen davonkommen. Solange sich ferner die Genossen von einem Landesverräter (ver)-führen lassen, ist diese Partei insgesamt eine Zumutung für unsere Demokratie und verdient keinerlei Respekt mehr. Vor wenigen Tagen erst beschimpften die Sozis die SVP wegen eines Abstimmungsinserates. Man darf gespannt sein, wie die Saubermänner nun den eigenen Stall ausmisten.

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Ob die Medien etwas aus dem Desaster lernen? Laufen sie dem skrupellosen Selbstdarsteller aus Brig weiter hin-tennach? Und lässt sich das Staatsfernsehen DRS weiterhin als «Arena» für den Wichtigtuer missbrauchen? - Peter Dielhelm (Löhningen)

In seiner beispiellosen Sabotageaktion hat Peter Bodenmann gezeigt, wie weit seine Verachtung für den Bundesrat geht. Dass seine perfiden Ränkespiele von der grössten Fraktion der Bundesversammlung nicht nur hingenommen, sondern sogar noch gutgeheissen werden, muss auch den abgebrühten Beobachter schockieren. Überraschen kann es da allerdings nicht, dass Bodenmann nun verkündet, die Partei müsse international aktiv bleiben, und zynisch hinzufügt, er werde sich Mühe geben, «dies in Zukunft noch besser zu machen». Wenn die sozialdemokratische Fraktion weiterhin alles erlaubt, was ihrem Präsidenten gefällt, dann verkommt sie tatsächlich zum Bodenmann-Clan. - Michael Schmid (Zürich)

Der Disput um das Interview von Bundesrat Delamuraz nimmt immer groteskere Formen an. Unterscheidungsvermögen, Logik und damit Fair-play bleiben auf der Strecke. Am Anfang stehen Erklärungen und Entscheidungen des gesamten Bundesrates, man wolle alles tun, um die historische Wahrheit zu ergründen. Entsprechend ist eine «Task Force» im Aussenministerium und eine unabhängige Historikerkommission mit internationaler Beteiligung eingesetzt worden. Genügend Arbeitszeit wurde beiden eingeräumt, und es wurde geschätzt, die schwierige Arbeit könnte bis zu fünf Jahre beanspruchen. Das war einem amerikanischen Senator zu viel. Er behauptete die Schuld der Schweiz sei erwiesen. Deshalb müsse sie sofort einen Wiedergutmachungsfonds von 250 Millionen US-Dollar

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zur Verfügung stellen. Man habe genügend Druckmittel auf die Banken, um dieser Forderung Nachachtung verschaffen zu können. Inzwischen haben Banken und Historiker ermittelt, die bereits bekannten 38 Millionen an nachrichtenlosen, auf Schweizer Geldinstituten liegenden Vermögen seien um 4 Millionen höher.

Dann kam das Interview von Bundesrat Delamuraz, in dem er die Forderung nach einem 250 Millionen-Wiedergutmachungsfonds mit «Lösegelderpressung» verglichen hat. Die Reaktion darauf hat ihm mehrfach Recht gegeben. Zunächst ist der Sprecher der amerikanischen Regierung nicht auf den Ursprung der Kontroverse eingetreten, sondern hat, nachdem er sei Befremden über die Form der Erklärung von Bundesrat Delamuraz Ausdruck gegeben hatte, bestätigt, dass es auf die Aufklärung und Bekanntmachung der historischen Wahrheit ankäme. Dann kam die Erklärung des Präsidenten der Israelitischen Gemeinde der Schweiz. Sie betraf bezeichnenderweise nur die 42 Millionen der anerkannten nachrichtenlosen Vermögen auf Schweizer Banken. Diese sollten einem Wiedergutmachungsfonds zugeleitet werden, da sie höchstwahrscheinlich zum grössten Teil von Holocaustopfern stammen. Menschlich eine befriedigende Lösung. Die Frage ist nur, welche Rechtsgrundlage sie möglich macht. Dass die Banken die Verfügungsgewalt über ihnen anvertrauten Güter einfach abtreten, passt weder in bestehende Gesetze noch zu den Bank-Gepflogenheiten. Könnten nicht diejenigen, die glauben die Opfer vertreten zu können, überprüfbare Vorschläge ausarbeiten, an wen Zahlungen zu leisten sind? Würde dadurch nicht den Banken die Möglichkeit gegeben, in eigener Verantwortung und ohne Verzug zu handeln?

Eine sachliche Untersuchung dieser Art und ein offener Dialog darüber dürften wahrscheinlich mehr zu befriedi-

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genden Lösungen beitragen als die Erklärungen von israelischer Seite, man plane, alle israelischen Vermögen von Schweizer Banken abzuziehen, um die Schweiz zur Einsicht zu zwingen. Abgesehen von der Verwechslung der Banken mit der Regierung, bestätigen solche Drohungen nur, wie recht Bundesrat Delamuraz mit seiner vielleicht etwas zu harschen Formulierung hatte. - Rudolf Rometsch (Grindelwald)

Für die Schweiz ist es ein Gebot der Stunde, Zeichen zu setzen. Die Schweiz ist im Zweiten Weltkrieg relativ unversehrt geblieben. Ein Fonds nennen wir ihn Solidaritätsfonds, sollte unverzüglich geschaffen werden für mittellose Opfer von Nazis und deren Nachkommen.

Auch die Schweizer Banken müssen jetzt handeln, und zwar sollen alle möglichen Optionen geprüft werden (Nachforschungen von Geldern usw.). Wir dürfen uns aber weder von D'Amatos Propagandashow noch von den Drohungen von gewissen jüdischen Kreisen, ihre Gelder von Schweizer Banken abzuziehen, beeindrucken lassen. -Roland Tschaeppeler (Zürich)

Das Interview mit dem scheidenden Bundespräsidenten Jean-Pascal Delamuraz, publiziert am 31. Dezember 1996 in der Lausanner Zeitung «24 heures», las ich mit grosser Befriedigung. In einem insgesamt gut ausgewogenen Rückblick auf sein Präsidialjahr hat Delamuraz zu den Angriffen, die aus England und Amerika gegen die Schweiz und ihre Banken gerichtet wurden, in offenen Worten Stellung genommen. Damit hat er dem Unbehagen Ausdruck verliehen, das in den letzten Monaten angesichts jener Anfeindungen viele von uns plagte. Man greift nun aus Delamuraz Äusserungen die Worte «Erpressung» und «Lösegeld» heraus, mit denen er die Forderungen des Jüdischen Weltkon-

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gresses (JWC) charakterisierte, und kritisierte sie als überspitzt, ja beleidigend. Zum diplomatischen Vokabular gehören diese Wörter ja gewiss nicht, doch wenn der JWC von uns als «Zeichen des guten Willens» die Zahlung einer Viertelmilliarde Franken fordert und gleichzeitig droht, einen Boykott unserer Banken auszulösen was ist das denn anderes als eine Erpressung? Statt sich darüber zu entrüsten, dass der schweizerische Bundespräsident sich getraut, diese Dinge bei ihrem unschönen Namen zu nennen, besännen sich der JWC und seine Verbündeten besser auf einen zivilisierteren Umgangston gegenüber einem kleinen Volk, das 1933-1945 seine besten Kräfte daransetzte unabhängig und frei zu bleiben. - Huldrych M. F. Koelbing (Zürich)

Es mag manchem Schweizer erscheinen, die erneute emotionale Entladung der Holocaustopfer und ihrer Erben gelte nun einem Sündenbock, der sich für diese Rolle eignet, und dies ist offensichtlich der Finanzplatz Schweiz. Die überaus gehässigen Reaktionen des Jüdischen Weltkongresses sowie anderer Organisationen auf die mutige Stellungnahme Bundesrat Delamuraz', der sich gegen das Trommelfeuer aus Amerika und die beleidigenden Kommentare von D'Amato zur Wehr setzte und nicht nur seinen Bundesrats-kollegen, sondern auch vielen Parlamentariern (zum Beispiel Carlo Schmid) und nicht zuletzt der Schweizer Bevölkerung aus dem Herzen sprach, suchen wohl eine offensichtlich verwundbare Nation, um von ihr Wiedergutmachung schlechthin verlangen zu können. Die Sünden-bockjäger wissen nun, wo sie ihr Opfer suchen müssen, und alle Animationen ergiessen sich in den Trichter Schweiz, mit dem heuchlerischen Hinweis, unser Land könnte ein Beispiel geben. Auch als Kleinstaat (mit einem schlechten Gewissen gegenüber zurückgewiesenen jüdischen Flüchtlingen, darf sich die Schweiz durch die moralische Über-

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macht der Holocaustopfer nicht an die Wand drücken lassen. Die vorzeitige Errichtung eines Entschädigungsfonds käme einer Kurzschlusshandlung gleich. - Theo Wepfer (Uster)

Wäre ein Fonds als kleines Zeichen der Versöhnung nicht angebracht? Sie, Herr Bundesrat Delamuraz, lehnen dies ab, wenn die Schuldfrage nicht der Wahrheit gemäss auf dem Tisch liegt. Es kann für die gesamte Regierung noch sehr schwer werden. Wie würden Sie reagieren, Herr Delamuraz, wenn Ihre ganze Familie und die Verwandtschaft durch einen kriminellen Akt umgebracht worden wäre und die Banken sich über Jahre hinweg geweigert hätten, Ihnen Auskunft über allfällige Vermögen zu geben? Verstehen Sie jetzt vielleicht die Wut der Überlebenden, dass diese angesichts dieser Schuld und Tatsachen Ihnen persönlich den Vorwurf machen, dass Ihre Aussage, die Aussage eines Staatsmannes, unwürdig und der Gipfel der Unverschämtheit sei? Wäre ein Fonds für die noch lebenden Opfer nicht ein kleines Zeichen der sogenannten Wiedergutmachung, ja der Sühne? - Ruedi, Annemarie und Hanspeter Vogt (Zizers)

Ich bin stolz auf die Generation, die damals für die Geschicke unseres Landes verantwortlich war. Sie konnten unser kleines Land und seine Bevölkerung aus dem Krieg heraushalten ohne Unterstützung, ohne Verbündete, und das ist eine politische Meisterleistung, die ihresgleichen sucht. Sie verdient unsere volle Anerkennung und uneingeschränkten Dank. Da gibt es nichts zu verheimlichen, zu entschuldigen, zu bewältigen. Die damals Verantwortlichen haben die beste Politik gemacht, die in dieser Lage für unser Land möglich war. Sie haben mit der deutschen Übermacht Geschäfte getätigt, die für unser Überleben nötig waren, denn die

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Deutschen liessen in unser völlig isoliertes Land nur hinein, was ihnen passte. Diejenigen, die uns diesen Handel zum Vorwurf machen wollen, waren damals Hunderte von Kilometern von uns entfernt und haben heute noch keine Ahnung, wie unsere Lage damals war. - Ulrich Hertig (Biel)

Wenn sich alle beteiligten Parteien gegenseitig bekräftigen, es gehe nicht ums das Geld, sondern um die historische Aufarbeitung der Vergangenheit, die Moral und die Ethik, dann wird der normale Bürger hellhörig. Denn er weiss, dass diese Bekräftigungen unehrlich sind. Es geht nur um das liebe Geld! Hier ein kleiner Sofortfonds, dort ein beträchtlicher Fonds und der ganz grosse Fonds dann etwas später. Nun kommt der Bundespräsident der Schweiz und sagt im Klartext, um was es wirklich geht, und schon ist der Teufel los.

Die Wahrheit wird nicht gerne gehört - weder hier noch im Westen, noch am Mittelmeer. Auf arrogante, gefühlskalte und erpresserische Art wird der Regierung der Schweiz ein Ultimatum gestellt. Sie soll ihr unbotmässiges Verhalten gefälligst sofort ändern, sonst werde man schweizerische Interessen schädigen. - A. Bodmer (Binningen)

In Antwort des Schreibens an die «Neue Zürcher Zeitung» vom 17.12.96 von einem Leser (R Steiner, Zürich) möchte ich Ihnen mitteilen, dass die Nachricht, ein Onkel von mir habe Geld vom Konto meines Vaters bei einer Schweizer Bank abgezogen, nur ein Gerücht war

Schweizer Behörden haben dieses Gerücht mit Entschuldigung zurückgezogen. Ich hoffe, meine Erläuterung wird dem Leserbriefschreiber zu Ohren kommen. Ich habe viel durchgemacht, und diese Verleumdungen tun weh. - Greta G. Beer (New York City)

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Die Frage liegt nahe, wie denn Israel reagieren würde, wenn - vorausgesetzt, es wäre bereit, nach 50 Jahren eine Expertenkommission zur Untersuchung geltend gemachten Unrechts gegenüber der palästinensischen Bevölkerung zuzulassen -, wenn also gefordert würde, es müsse bereits zuvor Geldmittel zur Wiedergutmachung zur Verfügung stellen. Mit einiger Wahrscheinlichkeit würde man in Israel eine solche Forderung als unzumutbare Vorwegnahme und damit zwangsläufig als Präjudizierung des angestrebten Untersuchungsresultats zurückweisen. Genau dies aber hat Bundesrat Delamuraz in seinem von jüdischer Seite scharf kritsierten Interview getan. -John R. Lademann (Zumikon)

Wenn ein Bundesrat ungeachtet des volkswirtschaftlichen und aussenpolitischen Schadens für unser Land seine Zunge nicht im Zaume halten kann, wird er zur untragbaren Belastung für die Schweiz. Wer in höchstem Amt den Ruf nach einem Entschädigungsfonds für Holocaustopfer als «Lösegeld-Erpressung» diskreditiert, disqualifiziert sich selbst. Die Regierungsadministration der USA trägt sich bereits mit dem Gedanken von gezielten Handelsrestriktionen nun tatsächlich gegen den Banken- und Finanzplatz Schweiz. Bundesrat Delamuraz hat seine Pflicht längst getan. Heute aber kann er nicht, vielmehr muss er gehen - je rascher, desto besser, denn er hat in grobfahrlässiger Weise unsere Glaubwürdigkeit aufs Spiel gesetzt. - Hans-Jacob Heitz (Winterthur)

Es mag sein, dass das spontan gewählte Wort in diesem Fall nicht optimal war. Aber ich bin sicher nicht der einzige, welcher den Bundesräten dankbar ist, dass in den letzten Tagen endlich einmal der Flut von Anklagen und Forderungen - auch nicht immer in zimperlicher Sprache - in Sachen nachrichtenlose Vermögen Paroli geboten wurde.

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Es könnte auch wieder einmal gewürdigt werden, wie viele Mitbürger und Flüchtlinge in der Schweiz vom grauenhaften Holocaust verschont blieben. Wenn die Eidgenossenschaft in jenen späten dreissiger Jahren nicht die politische Entschlossenheit («... dem droht der Krieg!») sowie die finanziellen Anstrengungen für eine glaubwürdige Verteidigung (gem. Berichten deutscher Stellen) aufgebracht hätte, wer weiss? Die heute so gern ins Spiel gebrachten allfälligen wirtschaftlichen Gründe spielten in jener Periode für das Dritte Reich noch keine Rolle bzw. hätten eher für eine kampflose Besetzung - wenn sie eben ä la Skoda-Werke möglich gewesen wäre - gesprochen. Es sind jetzt in Ruhe und Würde die Resultate der verschiedenen Kommissionen abzuwarten. Ich habe als Bänkler an den Nachforschungen der sechziger Jahre persönlich mitgewirkt und weiss, dass schon damals (lange bevor Mr. D'Amato) seriös nach den «Vermögen verschwundener Ausländer» - damalige offizielle Bezeichnung - geforscht wurde. - Oskar Bürli (Urdorf)

Wie immer es sich mit den nachrichtenlosen Vermögen verhält, ist doch die Tatsache, dass die Schweiz im Zweiten Weltkrieg Tausende von jüdischen Flüchtlingen zurück-oder ausgewiesen und damit in den sicheren Tod geschickt hat, erwiesen. Dafür hat sich die Schweiz entschuldigt, aber nie materiell Wiedergutmachung geleistet. Man konnte also durchaus und, ohne sich etwas zu vergeben, sofort einen Fonds errichten, ohne die Abklärungen über die viel komplexeren Fragen der nachrichtenlosen Vermögen abzuwarten, wenn man klarstellte, dass damit das Unrecht gegenüber den zurückgewiesenen Flüchtlingen abgegolten werden solle. Diskutieren sollte man aber die Zweckbestimmung des Fonds. Holocaustopfer wurden von der BRD materiell entschädigt. Ich zweifle daran, dass es heute viele in materieller Not befindliche Opfer der Konzentrationslager gibt.

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Die seelische Unbill kann man aber nicht mehr gut machen. Deshalb sähe ich eher einen auf die Zukunft ausgerichteten Fondszweck. Man könnte zum Beispiel ( ... ) bestehende und neue israelisch-arabische Gemeinschaftsprojekte auf dem Gebiet der Erziehung, Kultur und Wissenschaft fördern. Die Schweiz würde sich dabei auf die Äufnung des Fonds und das Controlling beschränken, während die Mittelvergabe durch ein Komitee von anerkannten israelischen und arabischen Persönlichkeiten erfolgen würde. -Hans Hegetschweiler (Hedingen)

Bei der Debatte über die Schatten des Zweiten Weltkrieges geht es um die nachrichtenlosen Vermögen sowie die Gold-Transaktionen der Nationalbank während des Krieges und wie richtig bemerkt wurde (NZZ, vom 6. 1. 97), generell um unsere Haltung gegenüber den Greueln der damaligen Zeit, insbesondere wegen «unterlassener Hilfeleistung». Dazu kommt aber ein Weiteres. Ebenso, vielleicht sogar mehr noch als die Verfehlungen vor fünfzig Jahren, die in einer uns jetzt kaum mehr vorstellbaren Bedrohungslage begangen wurden, stehen die Unterlassungen der jüngeren Zeit zur Debatte. Und hierfür haben wir Heutige einzustehen. Wie kommt es, dass wir nach einem halben Jahrhundert keine überzeugende Antwort haben auf die Frage, was mit den nachrichtenlosen Vermögenswerten geschehen ist? Wir haben während eines halben Jahrhunderts im wesentlichen gehandelt, als ob nichts Besonderes geschehen wäre. Die Vermögenswerte wurden wohl von den Depositären nicht angeeignet, sondern liegen weiterhin, samt Zinsen, bereit für denjenigen, der sich als Erbe oder sonstwie als Berechtigter ausweisen kann. Das ist rechtlich korrekt - in einer normalen Situation.

Wir haben nicht erkannt, dass der Verbleib von Vermögenswerten von Holocaust-Opfern nichts gemeinsam hat

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mit einem normalen nachrichtenlosen Vermögen, sondern dass hier eine in der Abscheulichkeit des Ablebens der Berechtigten einmalige Situation vorlag, die ein ausserge-wöhnliches Handeln erfordert hätte.

Das Nichterkennen hängt mit der «handelsrechtlichen Neutralität» unseres Finanz- und Wirtschaftsplatzes vor allem in den sechziger und siebziger Jahren zusammen, mit einem Handeln und Wirtschaften, das sich selbst ein korrektes Verhalten zum unbedingten Gebot macht, aber die Augen verschliesst vor dem Umfeld. Zu denken ist an die Beschränkung des Blickwinkels auf das Vordergründige, auf den Treuhänder anstelle des wirtschaftlich Berechtigten, auf die Gesellschaft anstelle der Gesellschafter, auf den Rechtsnachfolger anstelle des ursprünglich Berechtigten. Rechtliche Abstraktionen helfen im Normalfall, aber sie bedürfen der dauernden materiellen Kontrolle des erkennbaren tatsächlichen Hintergrundes, damit im aussergewöhnli-chen Fall die Ausnahmeregelung Platz greifen kann. Das zu lange zu wenig getan zu haben bildet ein Versagen, das nicht die Väter trifft. Für die Unterlassungen nach dem Krieg können und müssen wir schon nach dem gegenwärtigen Stand der Erkenntnisse einstehen. Dazu bedarf es nicht eines Verhandeins über einen Fonds. Es bedarf einer beherzten Geste, die im Ausmass ihrer Grosszügigkeit wenigstens teilweise an das Ausmass der bisherigen Kleinlichkeiten heranreicht. In der Hoffnung natürlich, dass die laufenden Untersuchungen nichts Zusätzliches an den Tag bringen, das über individuelles Versagen hinausgeht. -Prof: Walter A. Stoffel (Freiburg)

Die Schweizer Grossbanken, vorzüglich summa cum laude durch amerikanische Durchleuchtungsinstitute ausgezeichnet, Stolz dieses Landes, mitverantwortlich am wirtschaftlichen Gedeihen einer an Bodenschätzen armen Alpenre-

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gion, willkommene Sponsoren auf allen denkbaren Spiel und Sportplätzen der Künste und Leibesübungen, Vertraute von Geldanlegern jeglicher religiösen oder politischen Zugehörigkeit und jeglichen Standes, Investoren im In- und Ausland, erfahren in diesen Wochen und Monaten eine wohl beispiellose Verleugnung statt Solidarisierung durch vermeintliche Träger der Schweizer Öffentlichkeit. Was der Bürger in letzter Zeit - sei's in der Presse oder über den Hörfunk von Schweizer Schriftstellern und Junghistorikern in oft müder oder dann rebellischer Art über schweizerische Geldinstitute mit rühmenswerter Vergangenheit vorgesetzt bekam, strotzte von erschreckender Einfalt des Denkens, Wagens und Urteilens. Pfadfinder auf der Suche nach den historischen Wahrheiten (die Wahrheit ist leider keine mathematische Grosse), die sich oberlehrerhaft zu Geschehenem und der Gegenwart recht beliebig äussern, verraten wenig Zivilcourage in der Auseinandersetzung mit Partnern, die weder bei ihrer Gesprächstaktik noch Wortwahl sich als wählerisch erwiesen haben und nur eine Wahrheit zu kennen glauben - die ihrige. - Erwin A. Sautter (Zumikon)

Gemäss der Schweizerischen Bankiervereinigung liegen 38, 7 Millionen Franken als sogenannte nachrichtenlose Gelder auf Schweizer Banken; sie wurden aber nur zum Teil in der Kriegs- und Vorkriegszeit deponiert. Der genannte Betrag umfasst nämlich alle Guthaben, die seit mehr als zehn Jahren als nachrichtenlos gelten. Diese Guthaben müssen, soweit immer möglich, den rechtmässigen Besitzern oder Erben, seien es Juden oder Nichtjuden, zugesprochen werden, schon aus diesem Grund stehen sie für einen Fonds nicht zur Verfügung. Der Betrag von 38, 7 Millionen Franken erscheint relativ klein; das hat aber klare Gründe: In den dreissiger Jahren und in den Kriegsjahren konnte gar

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nicht von einem Finanzplatz Schweiz gesprochen werden. Vielmehr stand es damals um das schweizerische Bankenwesen denkbar schlecht. «Die Eidgenössische Bank» beispielsweise konnte vor dem Zusammenbruch nur gerettet werden dank der Übernahme durch die Bankgesellschaft. Wenn damals Vermögen aus Deutschland überhaupt noch ins Ausland verschoben werden konnten, so geschah das nur in kleinem Mass Richtung Schweiz. Bevorzugte Finanzplätze waren vor allem London und New York. Von jenen namenlosen Vermögen spricht seltsamerweise kein Mensch. Ebenso spricht niemand davon, dass herrenlose Vermögen in den USA nach fünf Jahren in der Regel an den Staat fallen, während sie in der Schweiz nicht angetastet werden! - Hans Fehr, Nationalrat (Eglisau)

Hunderttausende von Schweizer Soldaten haben während des Zweiten Weltkrieges tausend, zwölfhundert und mehr Diensttage an der Grenze verbringen müssen - zum Schutz auch der jüdischen Flüchtlinge in der Schweiz! Sie haben also wohl mehr (auch materielle!) Opfer gebracht als die Geldopfer, die man den jüdischen Kreisen für ihre Flüchtlinge abverlangte. Sie haben nie dafür eine Entschädigung erhalten und auch keine verlangt. Auch Mitglieder meiner Familie haben damals grosse persönliche Opfer gebracht (materielle und immaterielle), und sie haben es wirklich nicht verdient, dass sie heute nur noch als Sündenböcke herhalten müssen. Nicht Forderungen wären zu erwarten, sondern Worte des Dankes. - Alred Sehe/er (Zihlschlacht)

Am 8.1. 1996 wurde in der Sendung «Echo der Zeit» von Radio DRS über die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg moniert. Einige Journalisten sowie Peter Bichsel («Des Schweizers Schweiz ist eine sprachlose») schneuzten bei dieser Gelegenheit wieder einmal lustvoll ins Schweizer

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Fahnentuch. So wurde gefordert, man solle doch endlich, endlich zugeben, dass es in der Schweiz während des Zweiten Weltkrieges eine geldgierige Wirtschaftskollaboration mit Deutschland gegeben habe. «Plötzlich wissen wir alle», wurde dann verkündet, «dass es die Bankgeschäfte waren, die schmutzige Diplomatie auch, welche der Schweiz ihre Unberührtheit sicherten.»

(...) Waren die Verdienste der Aktivdienstgeneration um unser Verschontbleiben tatsächlich nur ein verlogener Mythos, wie in der Sendung behauptet wurde, dann bleibt doch nur die eine Folgerung: Das Schweizervolk, Peter Bichsel gehörte schon dazu, unsere jüdischen Mitbürger und all die Zehntausende in unserem Land geflüchteten Juden haben ihre leibliche Unversehrtheit den jetzt so verfemten geldgierigen Banken und allenfalls noch schmutziger Diplomatie zu verdanken. Die Alternative hätte gelautet: Krieg mit all seinen Schrecken, Besetzung der Schweiz und somit Abtransport sämtlicher Juden zur Station «Endlösung».

In unsern von Hitlers Armeen überrollten Nachbarländern wurden, gar oft mit wohlwollender Unterstützung durch die staatlichen Behörden, Hunderttausende Juden in Viehwaggons gepfercht und auf eine grauenvolle Reise in Tod und Verderben geschickt. Keine dieser Regierungen wird heute mit Forderungen nach Vergangenheitsbewältigung überschüttet oder gar mit Boykott bedroht. Der Schweiz aber wird das damals von Nazideutschland erzwungene Lavieren zwischen Anpassung und Widerstand als moralische Schandtat angekreidet - nicht nur vom Ausland, sondern z. B. auch von intellektuellen Wichtigtuern im «Echo der Zeit».- Rosmarie Weibel-Gasser (Konolfingen)

Wie ich der NZZ vom 13.1.1997 entnehmen kann, trafen nun also im Zuge der emotional geführten Diskussionen um

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die nachrichtenlosen Vermögen die ersten dezidiert antisemitischen Leser(innen)briefe auf Ihrer Redaktion ein. Leider überrascht dies kaum: Seit dem Mittelalter werden Juden und Jüdinnen mit Gier nach Geld in Verbindung gebracht. Dieser dumpfe, schwammige Antisemitismus ist also schon lange quer durch die Bevölkerungen vieler Länder manifest. Gerade auch intellektuelle Menschen sassen und sitzen diesem Mythos auf. Als Beispiel für die Literatur können etwa Ezra Pounds Usura-Cantos oder seine Radiosendungen für das faschistische Mussolini-Italien dienen. Antisemitismus war noch nie das «Problem» einer spezifischen Bevölkerungsschicht, und genau das macht ihn unter anderem so gefährlich. Berücksichtigt man nun, dass Antisemitismus in vielgestaltiger Form auch heute noch in diesem Land latent vorhanden ist, sind Aussagen wie die von Bundesrat Delamuraz (...) bilden eine willkommene Plattform für antisemitische Agitation! Eine Entschuldigung und eine eindeutige Distanzierung von Antisemitismus ist das mindeste, was von einem Politiker seines Ranges nach einer derartigen Übertretung zu erwarten wäre. - Andi Zogg (Zürich)

(...) Der scheidende Bundespräsident hat es mit seiner bestenfalls oberflächlich verklausulierten Formulierung verstanden, das Ventil zu öffnen, und nun zischt unter Hochdruck der alte Antisemitismus aus dem durch die gegenwärtige Diskussion aufgeheizten Kessel um die nachrichtenlosen Vermögen. Was offensichtlich vielen Schweizern seit langem am Herzen gelegen hat, aber seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges bestenfalls hinter vorgehaltener Hand geflüstert wurde, darf dank obrigkeitlichem Erlass endlich wieder laut ausgesprochen werden. Der aufgestaute Antisemitismus mit den altbekannten Vorurteilen entflammt wieder mit umgeschminktem Gesicht. Die Auf-

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arbeitung der jüngeren Geschichte hat eben erst begonnen, und bereits verweigern viele Schweizer die Auseinandersetzung mit den Tatsachen. Allzulange hat man ein idealisiertes Inseldasein gefristet und an das selbstentworfene Traumbild geglaubt. Der Schrecken des Aufwachens aus der selbstgewählten Isolation ist nun um so schmerzhafter. Für viele Zeitgenossen bietet die Flucht in den Antisemitismus das altbewährte Muster, die unerwünschten (historischen) Realitäten weiterhin zu ignorieren. - F. Levy (Zürich)

Mit wachsender Sorge verfolgen viele die Auseinandersetzung zwischen der Schweiz und internationalen jüdischen Organisationen. Heute ist die Krise noch weitgehend ein Problem der Politiker und Bankfachleute. Es besteht aber die Gefahr, dass es bei einer Eskalation zu einem Problem zwischen jüdischen und nichtjüdischen Bürgern werden könnte. Nach den unqualifizierten zum Teil altbekannten, unwahren Beschuldigungen und unverhüllten Drohungen der internationalen jüdischen Organisationen fühlen sich die Antisemiten bestätigt. Sie haben ja schon immer vor der gefährlichen, rücksichtslos eingesetzten wirtschaftlichen Machtfülle und dem politischen Einfluss dieser Organisationen gewarnt. Die vom Antisemitismus nicht angesteckten Normalbürger sind hingegen stark verunsichert. Diese Verunsicherung wurde auch durch die unglücklichen populistischen Äusserungen von Bundesrat Delamuraz nicht gemildert. Dadurch könnte der Einfluss des Antisemitismus Auftrieb erhalten, und zwar nicht nur in der Schweiz, sondern in ganz Europa. Im europäischen Ausland beobachtet man zurzeit die Krise mit gemischten Gefühlen: eine gewisse Schadenfreude gegenüber der bisher beneideten Schweiz schwingt mit, aber auch das eigene schlechte Gewissen: es gibt kaum eine Nation in Europa, die keine Vergehen ge-

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genüber ihren jüdischen Mitbürgern begangen, die alles Menschenmögliche für die Rettung jüdischer Flüchtlinge getan hätte. Auch am Raubgold haben sich einige andere Finanzplätze ebenfalls bereichert. Ist die Aktion gegen die Schweiz ein Einzelfall, oder werden weitere Staaten nach bewährter Taktik einer nach dem anderen aufgerollt? Ist die Schweiz ausgewählt worden, weil da wirtschaftlich am meisten zu holen ist oder weil sie als Kleinstaat und Nichtmitglied der EU weder auf eine eigene Machtbasis noch auf Solidarität und Unterstützung in Europa zurückgreifen kann? Wer wird der nächste sein? Diese Fragen werden nicht nur von Politikern, sondern auch von einfachen Bürgern in Europa aufgeworfen.

In dieser Situation haben die jüdischen Bürger der Schweiz eine nicht ganz einfache Position. Sie sind integraler Teil des schweizerischen, aber auch des jüdischen Volkes, was zu einem Loyalitätskonflikt führen könnte. Andererseits kennen sie beide Seiten nicht nur oberflächlich, sondern von innen her und sind deshalb für eine Vermittlerrolle prädestiniert. Dass diese Chance ergriffen werden kann, beweisen die ruhigen, aber entschiedenen Sätze, die der Ehrenpräsident der Israelitischen Cultusge-meinde Zürich, S. Feigel, seiner Zuschrift an die NZZ gefunden hat. Es gelang ihm, positive und negative Aspekte in den Handlungen und Äusserungen beider Seiten in die richtigen Proportionen zu setzen. Dies gibt zur Hoffnung Anlass, dass die Stimmen der Vernunft siegen werden, bevor es zu grösseren, schwer zu reparierenden Schäden im friedlichen Zusammenleben zwischen Mehrheit und jüdischer Minderheit kommen könnte. - J. Zergeny (Seltisberg)

In der Masse der vielen Artikel, die zu diesem Themenkreis erschienen, sticht derjenige von Rolf C. Ribi wohltuend heraus. Bundesrat Delamuraz hat mit seiner unstatthaften Aus-

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serung ein fatales Signal mit einer verheerenden Wirkung ausgesandt, die zu einem unguten Klima geführt hat. Gerade deshalb ist es so wichtig, die Sachlage klar und deutlich darzulegen und die mitschwingenden Untertöne aufzuzeigen. -Vera Kronenberg, Präsidentin des Bundes Schweizerischer Jüdischer Frauenorganisationen (Basel)

Bundesrat Delamuraz hat das ausgesprochen, was die Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer empfindet. Leisetreterei und Checkbuchdiplomatie sind kein Mittel, um den Hunger auf unsere Steuergelder zu stillen. - Alma Schütz (Schmitten)

Was dieser Herr D'Amato aufführt, ist mehr als ein Angriff. Ich hätte schon längst gerne ein Wort vom Bundesrat gehört. Herr Delamuraz hat es nun gesagt. Bravo! - R. Surer (Flawil)

Nach meinem Sprachempfinden setzt der Begriff «Erpressung» zwei Fakten voraus: zum einen eine Forderung und zum ändern die Androhung von Massnahmen, die bei Nichterfüllung der Forderung realisiert werden. Beides trifft bei der «Holocaust-Affäre» zu. Der Jüdische Welt-kongress (JWC) will Geld. Falls die Schweiz nicht zahlt, werden Boykotte angedroht. Meines Erachtens hat Bundesrat Delamuraz den Begriff Erpressung daher zu Recht verwendet. - Rudolf Fügli (Pfäffikon)

Nachdem nun Bundesrat Delamuraz begründet um Verständnis für seine Reaktion ersucht hat, sollten jene, die mit Boykott gedroht haben, auf weitere Druckversuche verzichten. Von Fonds aus nachrichtenlosen Vermögen sollten zudem auch Holocaust-Opfer nichtjüdischen Glaubens berücksichtigt werden. Und: Nicht nur allfällige schweize-

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rische, sondern alle fehlbaren Banken, auch amerikanische, sollten Leistungen erbringen. Allseitige Nachforschung und Wiedergutmachung tut not. - Emil Rahm (Hallau)

Wieso ist es undenkbar, dass einem Politiker die Galle hochkommt angesichts solcher Forderungen, Ultimaten und Boykottdrohungen aus dem Ausland? Die ganze professionell organisierte Medienkampagne erschwert den beiden zur Wahrheitsfindung eingesetzten Kommissionen die Arbeit ungemein. Zudem gefährdet sie die vorhandene Sympathie und den Goodwill gegenüber den jüdischen Naziopfern in unverantwortlicher Weise. - Max Feurer (Riehen)

Vehement ist der Aufschrei im jüdischen Lager wegen des Wiederaufflammen des Antisemitismus in der Schweiz. Wo liegt die Ursache dafür? Die Antwort geben die Auftraggeber von Senator D'Amato am besten selber! Wen wundert's, wenn angesichts massivster Anschuldigungen gegen ein ganzes Volk Anerkennung in Ablehnung, Sympathie in Antipathie umschlägt? muss sich ein düsteres Kapitel der Geschichte wirklich wiederholen? - Robert Koller (Rüti)

Verfolgt man die derzeitige Diskussion um die nachrichtenlosen Gelder und die Haltung der Schweiz während des Zweiten Weltkrieges, so fällt immer wieder auf, dass niemand die Frage der Rechtspflichten eines neutralen Staates im Konfliktfalle anspricht. Der Verfasser ist zwar nicht Völkerrechtler, kann sich aber noch gut erinnern, im völkerrechtlichen Seminar gelernt zu haben, dass der neutrale Staat im Konfliktfalle verpflichtet ist, mit beiden Parteien einen handelspolitischen «courant normal» aufrechtzuerhalten. Er darf somit seinen Handel mit den Kriegsparteien weder erheblich steigern noch reduzieren. Nun war

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Deutschland für die Schweiz von jeher ein wichtiger Handelspartner. Das Deutsche Reich konnte somit de jure wie de facto ohne weiteres auf die Verpflichtung des Neutralen aus der Courant-normal-Regel pochen. Dass die Parteien dabei auch konvertible Devisen erhalten, nimmt die völkerrechtliche Regelung bewusst in Kauf. Hätte die Schweiz ihre handelspolitischen völkerrechtlichen Verpflichtungen verletzt, hätte das Deutsche Reich in Übereinstimmung mit dem Völkerrecht Retorsionsmassnahmen gegen die Schweiz ergreifen können. Dazu war es auch machtmässig ohne weiteres in der Lage. Lebenswichtig war zum Beispiel die völkerrechtlich garantierte freie Schiffahrt auf dem Rhein. Die Schweiz als belagerte Insel konnte mithin gar nicht anders, als sich soweit wie möglich an die völkerrechtlichen Vorgaben zu halten. Ihr daraus einen Vorwurf zu machen ist weder rechtlich noch moralisch angängig. Auf dem Spiel standen Hunger und möglicherweise Krieg für die eigene Bevölkerung. - Peter Plattner (Frauenfeld)

Sicher haben wir in der uns durch den Krieg aufgezwungenen Lage Fehler gemacht, aber immer in Wahrung unseres legitimen Selbsterhaltungsrechtes. Unter diesen Voraussetzungen sind die Flüchtlingspolitik der Schweiz seit 1933 und die Goldpolitik der Schweizerischen Nationalbank im Zweiten Weltkrieg zu beurteilen. Dabei ist strikte zu beachten, dass die verantwortlichen Behörden ab September 1939 unter den Zwängen der kriegerischen Ereignisse für eine ihnen unbekannte Zukunft entscheiden mussten. Sie hatten es nicht so einfach wie etwa Alfred A. Häsler, der 1967, ohne für das Land irgendwelche Verantwortung übernehmen zu müssen, den Bundesrat im nachhinein kritisieren konnte. 1939 war das Boot voll. Der Präsident der Eidgenössischen Kommission für Kriegsernährung, Prof.

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Dr. Alfred Fleisch, hat in seinem Standardwerk «Ernährungsprobleme in Mangelzeiten. Die schweizerische Kriegsernährung 1939-1946» als Schluss festgehalten: «Trotz aller Anstrengung der Landwirtschaft wäre die Ernährung nur auf einem Hungerniveau möglich gewesen, hätten nicht unsere Unterhändler immer und immer wieder trotz doppeltem Blockadering, Nahrungsmittel ins Land bringen können.» Ich erspare es mir, die Kriegswirtschaft, insbesondere die Rohstoff- und Energieprobleme, hier darzustellen, aber die Historikerkommission wird gut beraten sein, diesen Aspekt zur gerechten Beurteilung der Verantwortlichen von 1939 bis 1945 zu beachten, denn die Ernäh-rungs- und die Energielücke machten uns ab 1940, als wir von den Achsenmächten vollständig umzingelt waren, total abhängig und erpressbar. Alfred A. Häsler vermerkt in seinem Buch «Das Boot ist voll», 9. Auflage 1992, S. 328, folgendes: «6.-15. Juli [1938]: Konferenz von Evian zur Besprechung der Flüchtlingsfrage. 32 Staaten nehmen teil. Ergebnis gleich Null.» Die Schweiz war immer bereit, bei der Emigration deutscher Juden als Durchgangsland mitzuhelfen, sie in Sicherheit zu bringen. Als übervölkertes Land und wegen der damit verbundenen Schwäche der Selbstversorgung konnte sie aus dem legitimen Sicherheitsbedürfnis der eigenen Bevölkerung nur als Durchgangsland dienen. Da aber die ganze Welt sich in Evian um die Flüchtlingspolitik herumdrückte, war die Mitwirkung der Schweiz als Durchgangsland total blockiert. Ich sehe nicht ein, warum sich unser Land unter diesen Umständen als Prügelknabe für die grausame Entwicklung in Deutschland verleumden lassen soll. Nachdem 32 Staaten in Evian sich (...) gedrückt hatten, kann man der kleinen, von einer erpresserischen Hungerblockade bedrohten Schweiz nicht vorwerfen, sie habe durch Abweisung Flüchtlinge in den Tod geschickt. - Hans Bachofner (Zürich)

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Bundesrat Delamuraz hat mit seinem Interview vom Altjahrsabend die zu erwartenden Proteste ausgelöst, am Ende aber erreicht, dass sich Herr D'Amato und Sprecher führender jüdischer Organisationen nach wochenlangen Schelten und Drohungen gegen die Schweiz gemässigt haben und der Jüdische Weltkongress Forderungen nach einem 250-Millionen-Fonds in Abrede gestellt hat. Das lässt darauf hoffen, dass die peinlich späte Suche nach berechtigten Ansprüchen gegenüber den Banken und Verhandlungen über angemessene Kollektiventschädigungen auf anständige Weise und nicht mehr über die Medien geführt werden. Dass diese weiter mit Neuigkeiten in dieser Sache gefüttert werden, dafür werden das Simon Wiesenthal Center und vor allem Ed Fagan sorgen, die für ihre Mandanten Klage gegen die Schweizer Banken in Amerika führen. Seine Aussagen hat Herr Delamuraz nicht widerrufen, doch ist zweifelhaft, ob seine Warnung, dass die Schweiz in der Welt nicht nur Freunde hat, gehört worden ist. Der Sachverhalt ist nicht neu, doch hat die politische Creme zu lange auf dem Mythos unserer Armee, unserer moralischen Überlegenheit sowie unserer Sonderstellung als Vermittlernation aufgebaut. Zu wenige haben umgelernt. Politische Sonderlinge sind wir zwar, aber keine Musterknaben. Das haben viele nicht begriffen.

Es bringt auch nichts, den Schweizern Schuldgefühle einzuflössen, indem man sie an absoluten Massstäben misst, wie das einige unserer Autoren immer wieder getan haben. Das ist nur die Perversion der moralischen Arroganz. Unsere Bundesregierung im Zweiten Weltkrieg kollaborierte mit Deutschland und konnte dadurch die Schweiz vor einer Besetzung bewahren. Das war politischer Opportunismus, aber die Vorteile, welche die Schweiz daraus gezogen hat, möchten auch die Kritiker reinen Herzens in unserem Lande nicht missen. - R. Wyss (Wettiswil)

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In vielen Kommentaren und Berichten zur «Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg» wird mit keinem Satz die damalige kritische Situation und Bedrohung unseres Landes erwähnt: wir waren eingekreist vom militärisch übermächtigen und kriegswütigen Nazi-Deutschland, diktatorisch geführt von einer skrupellosen, unberechenbaren Verbrecher-Regierung, die mehrmals drohte, uns ebenfalls - wie die Nachbarländer - ins Reich einzugliedern, d. h. mit Krieg zu überziehen. Unsere Landesregierung wurde dauernd unter Druck gesetzt (...). Und hier machen sich all jene schuldig, die den Eindruck erwecken, unsere Regierung hätte damals ohne äusseren Druck, freiwillig, aus einer antisemitischen Einstellung heraus, flüchtende Juden abgewiesen. Haben denn diese Leute vergessen, dass es die erste und oberste Pflicht einer Regierung ist, für die Sicherheit, das Wohl und das Leben ihrer Bürgerinnen und Bürger zu sorgen? Genau diese Aufgabe haben die damaligen Bundesräte sehr ernst genommen. Sie mussten sich vor Augen halten, dass eine Ablehnung der Hitler-Forderungen Krieg bedeuten konnte, mit all seinen schrecklichen Folgen: Verwüstung des Landes, Elend und Not für unsere Kinder, Frauen und Männer und insbesondere auch Verfolgung der Juden. Ich war 1940 zehn Jahre alt und könnte vieles von den damaligen Bedrohungen und Ängsten berichten. Es ist billig und eine ungehörige Arroganz, wenn heute Medienleute, welche die damalige Situation und den wahren Sachverhalt nicht genau kennen, sich ein Urteil und Schuldzuweisungen anmassen und sich darüber hinaus noch profilieren wollen mit angeblich geschichtlichen Quellen, die manipulierbar sind und immer nur einen Teil der Wahrheit zeigen. - Hans Popp (Liebefeld)

In der gegenwärtigen Debatte über nachrichtenlose Vermögen und Nazigold aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs be-

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fremdet mich, dass immer wieder nur davon die Rede ist, die Schweiz müsse einen Fonds zur Entschädigung der Opfer der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft, besonders zugunsten der jüdischen Opfer derselben bereitstellen. Was dabei immer wieder übersehen wird, ist, dass die Schweiz offenbar das einzige Land in Kontinentaleuropa war, das genügend Widerstand geleistet hat, um nicht Teil des nationalsozialistischen Imperiums zu werden. Damit will ich nicht in Abrede stellen, dass auch in anderen Ländern ein starker und aktiver Widerstand gegen Hitlers Expansionspolitik bestanden hat, aber dennoch war dieser offensichtlich nicht stark genug, um Hitlers Armeen vom Überfall auf diese Länder abzuhalten. In Österreich wurden die deutschen Angriffstruppen von jubelnden Menschen-massen empfangen, und selbst Frankreich, das zu den alliierten Siegermächten zählt, liess sich in wenigen Tagen zur Hälfte besetzen, setzte im unbesetzten Teil eine Marionettenregierung ein und zählte während des Krieges weit mehr Kollaborateure als Resistance-Mitglieder. Neutrale wie die Niederlande, Belgien oder Dänemark Hessen sich innert weniger Tage und praktisch ohne Widerstand überrollen. Und obwohl sie sich immer gerne als «Opfer» sehen, haben Angehörige dieser Länder (mit Ausnahme Dänemarks, das in einer riskanten Aktion seine Juden evakuiert hat) sich an der Denunziation und Deportation von Juden in sehr aktiver Weise beteiligt. Alle besetzten Länder stellten bedeutende Kontingente von Freiwilligen an die Waffen-SS und haben somit Kriegsschuld auf sich geladen, weit mehr, als die Schweiz dies tat.

Die Schweiz hingegen hat alles unternommen, um frei zu bleiben, um nicht ein Teil des faschistischen Europa zu werden, sondern, umgeben von Feinden, ein demokratisches und freies unabhängiges Land zu bleiben. Die Kriegswirtschaft und die jahrelange Mobilisation eines grossen Teils

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der Bevölkerung haben die Schweiz bis an die Grenzen der sozialen und wirtschaftlichen Belastbarkeit geführt, und trotzdem hat sie bei einer Bevölkerung von weniger als 5 Millionen noch 230 000 Flüchtlinge aufgenommen. Die Schweizer Banken haben sich im wahrsten Sinne des Wortes neutral verhalten, denn sie haben Transaktionen aller Kriegsparteien durchgeführt, nicht nur zugunsten Deutschlands, sondern auch zugunsten der Alliierten, soweit es ihnen möglich war. Die Schweiz hat zwar Rüstungsgüter nach Deutschland verkauft, doch waren die nachrichtendienstlichen Tätigkeiten, die von der Schweiz (zuungunsten der Achsenmächte und oft zugunsten der Alliierten) ausgingen und die von Armeestellen (also nicht von Untergrundaktivisten, die gegen die offizielle Schweiz operierten) durchgeführt wurden, wahrscheinlich von weit kriegsentscheidender Natur als die Örlikon-Geschütze (die übrigens auch bei der Royal Navy und auf US-Flugzeugträgern im Einsatz standen). Unter dem Gesichtspunkt der damaligen Lage und unter der Berücksichtigung der Dinge, die in allen anderen Ländern Kontinentaleuropas geschahen, können wir der Aktivdienstgeneration jedenfalls nur Dank und Anerkennung entgegenbringen, dass sie alles unternommen hat, damit mitten im besetzten Europa wenigstens ein freies, unabhängiges und demokratisches Land überleben konnte, und nicht, wie es heute getan wird, die Schweiz als verdeckten, aber besonders eifrigen Verbündeten Nazideutschlands hinstellen. - D. Papadopoulos (Rheinfelden)

Die SP und die Grünen haben sich der internationalen Kampagne gegen die Schweiz angeschlossen. Wären diese Parteien wirklich bereit gewesen, den sechsfachen Betrag der als nachrichtenlos feststehenden Vermögen innert zweier Monate in einen Fonds zu bezahlen, dessen Verwendung

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einzig und allein in der Hand der jüdischen Weltorganisationen und des Staates Israel läge, dessen heutige Regierung den Friedensprozess im Nahen Osten blockiert? Über 200 Millionen Franken gleichsam als Vorschuss ins Blaue in einer Zeit, in der die öffentliche Hand auf allen Ebenen und in allen Bereichen spart? Kein Zweifel, die Schweiz ist verpflichtet, die historische Wahrheit über ihr Verhalten im Zweiten Weltkrieg genau aufzudecken und eine ihrer Schuld entsprechende Wiedergutmachung zu leisten. Aber was ist mit der völlig verschwiegenen nichtjüdischen Hälfte der Opfer des Dritten Reiches? Soll sie geschichtslos in der Vergessenheit verbleiben, und müssen ihre Nachkommen bei der Wiedergutmachung leer ausgehen, nur weil sie weniger finanzstark und nicht organisiert sind? Eine wirkliche Wiedergutmachung kann nicht durch Überweisung eines Geldbetrages an die jüdische Weltorganisation oder an den Staat Israel erledigt werden. Die entsprechenden Kommissionen müssen paritätisch - unter Einschluss der Vertreter der nichtjüdischen Opfer - zusammengesetzt sein. Ich kenne und schätze viele Menschen jüdischer Abstammung und weiss, dass die meisten von ihnen es ablehnen, aus dem Opferstatus ihres Volkes Kapital schlagen zu wollen. Deshalb muss es auch möglich sein, die Politik einzelner zionistischer Organisationen kritisieren zu dürfen, ohne deswegen als Antisemit verschrieen zu werden. Das Urteil über die historische Schuld der Schweiz im Zweiten Weltkrieg muss die schwierige politische Situation der damaligen Generation in Rechnung stellen. Die Nachkriegsge-neration schreibt den Verriss der Kriegsgeneration aus gepolsterten Sesseln und ohne von einem aggressiven Gegner bedroht zu sein. - Peter Mattmann-Allamand (Kriens)

Legenden sind gefährlich. Die Dolchstosslegende half den kriegslüsternen Nazis an die Macht. Eine fatale Legende

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um das Eigentum von nachrichtenlosen Vermögen geht um die Welt. Es ist erschreckend, wie in der Öffentlichkeit die nachrichtenlosen Vermögen der Banken mit Nazi-Geldern oder Holocaust-Geldern verwechselt werden. Senator D'Amato findet, wenn die Banken intensiver suchen würden, dann kämen noch mehr als die 40 Millionen zum Vorschein. Jugendliche im Ausland erklären den Medien, dass sie bereit seien, für das auf Schweizer Banken lagernde Geld ihres Volkes zu kämpfen. Einem solchen Szenario kann vorgebeugt werden. Die Schweiz muss die Eigentümer der nachrichtenlosen Vermögen publizieren und den Berechtigten eine steuerliche Amnestie anbieten. Dies sowohl bei den Banken als auch bei den vergessenen Freizügigkeitskonten der beruflichen Vorsorge. Darin wird es sich zeigen, dass die Eigentümer dieser Vermögen meist gestorbene Rentner sind, die beim Eintritt ins Altersheim einen Notgroschen verheimlicht hatten. Andere hatten ihre Familienangehörigen nicht über ihr Vermögen informiert usw.. Was von den gesetzlich Erbberechtigten nicht verlangt wird, das soll die Schweiz dem verlangten Fonds beisteuern. Hier dürfte es sich zeigen, ob es um die Wahrheitssuche oder um Geld geht. -B.C. Matzinger (Thalwil)

Nach einem halben Jahrhundert werden unkalkulierbare Forderungen an die Nachkommen jener Generation gestellt, die dank ihrer Weitsicht und unbeugsamem Erhaltungswillen sich aus der Weltkatastrophe herauszuhalten vermochte. Heute geht es um Forderungen von Entschädigungen an die Söhne und Töchter jener Eltern, die durch die fürchterlichen Ereignisse eines gnadenlosen Krieges zu Opfern wurden. Indessen: Wo auf der Welt und zu welchem Zeitpunkt konnte Ähnliches geltend gemacht werden? Welche Nachfahren von Kriegsgenerationen - sei es von nationalen oder internationalen Konflikten - sind je zu

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Entschädigungen von Kriegsopfern angehalten worden? Im Laufe der Weltgeschichte haben Hunderte, ja Tausende von Kriegsereignissen und Konflikten stattgefunden, ohne dass jemals Entschädigungen für Kriegsverluste an Private in grösserem Ausmass erfolgt wären.

Reparationsentschädigungen von Staat zu Staat gehören nicht in dieses Kapitel. Wie viele Millionen mussten in der Vergangenheit als Folge von kriegerischen Ereignissen in tristen, unzulänglichen Verhältnissen weiterleben und ihr irdisches Dasein in Elend und Siechtum verbringen? Wurde ihnen irgendwelche Abgeltung für das Ungemach zugestanden? Und es waren und sind Menschen, die meistens die Sonnenseite des Lebens kaum kennen. Dass die Situation der Fordernden jenseits des Ozeans mit jenen zu vergleichen ist, kann kaum angenommen werden. Und doch würde allen das gleiche Recht zustehen. Halten die Gegebenheiten nur annähernd einem Vergleich stand? Müssen wir damit rechnen, dass in Zukunft Millionen von Kriegsgeschädigten für erlittene und noch zu erleidende Verluste Forderungen erheben? Und an wen? Soll der jetzige Fall zum Präzedenz- und Präjudizfall mit unabsehbaren Folgen werden? - Rene Martin (Stäfa)

Laut NZZ vom 20.12. 96 hat der Jüdische Weltkongress (WJC) die Ernennung des Briten Harold James als Mitglied der Untersuchungskommission als völlig inakzeptabel bezeichnet, «weil er viele Aspekte dieser Situation im voraus und vorschnell beurteilt» habe (und nicht im Sinne des WJC). Aber was anderes als genau dies machen denn der WJC und sein Sprachrohr D'Amato seit Beginn der Kampagne? Sie urteilen und verurteilen vorschnell, mit einer gehörigen Portion Arroganz und neuerdings noch mit Erpressung, indem sich der WJC einen Boykottaufruf gegen die Schweizer Banken vorbehält, falls diese nicht tun,

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was der WJC für richtig hält. Ich bin für eine möglichst rückhaltlose, offene Aufklärung der Schatten, die sicherlich vorhanden sind. Nur, wo Schatten sind, muss es auch Licht haben.

Eine Freigabe der bisher festgestellten nachrichtenlosen Vermögen von jüdischen Opfern würde ich begrüssen. Alles andere sollen nun die Kommissionen von Bund, Banken usw. untersuchen und Schatten wie Licht unter Würdigung der damaligen Verhältnisse darstellen. Obwohl es dem WJC bekanntlich um Gerechtigkeit und nicht sosehr um Geld geht, ist zu befürchten, dass der WJC alles, was nicht seinen kühnen Vorstellungen entspricht, als «völlig inakzeptabel» zurückweisen wird. Die Weichen dazu sind mit der Diskreditierung von Harold James durch den WJC bereits gestellt worden. - Walter Häusler (Tägerwilen)

Ich bin aufgewachsen in einem Dorf im St. Galler Rheintal, das Ziel einer der grössten Flüchtlingsströme jener unseligen Zeit gewesen ist. Ich sah sie kommen. Sah ihre Lager. Sah auch, wie sie mit der Zeit auf höheren Befehl brutal unterbrochen wurden. Hörte aus nächster Nähe von den Tragödien an der nahen Grenze. Vergessen habe ich das nie. Mein Leben lang habe ich es in der Öffentlichkeit als Ausdruck meiner kollektiven Schuld bezeugt. Doch wehre ich mich gegen das Kollektivurteil, die Schweiz habe ihr Unrecht bis heute verschwiegen. Es gab damals Kämpferinnen und Kämpfer gegen dieses staatlich verordnete Unrecht.

Der bekannteste unter ihnen, der St. Galler Polizeihauptmann Paul Grüninger, der seine lebensrettenden Dienste mit Strafe und Entlassung zu bezahlen hatte, wurde kürzlich endlich rehabilitiert. Weniger bekannt waren jene vielen kleinen Leute an der Grenze die illegal Flüchtlinge versteckten und den Transport ins Landesinnere und damit ihre Rettung besorgten. Meine Eltern gehörten zu ihnen. Dank

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erhielten sie nie. Erst seit der gegenwärtigen Diskussion, da von jüdischer Seite nichts als Anklagen zu hören sind, schmerzt mich die Undankbarkeit. Legal und illegal wurde immerhin eine beachtliche Zahl von verfolgten Juden in der Schweiz aufgenommen. Darf man das heute nicht auch sagen? Ist das allzu selbstverständlich? Oder wird man dann bereits als Antisemit abgestempelt?

Während jeder Schweizer - genau wie der Bub an der Grenze - wusste oder wissen konnte, was mit den Zurückgewiesenen geschah, hatten die meisten von uns von den offenbar schmutzigen Geldgeschäften mit Nazideutschland bis heute keine Ahnung. Wir können nur hoffen, dass das gründlich untersucht wird. Tote können nicht ersetzt werden. Wohl aber zumindest bis zu einem gewissen Grad un-rechtmässig erworbenes Geld. Das soll es auch. Und zwar von jenen, die davon profitiert haben. Persönlich weigere ich mich, für die Profiteure geradezustehen. - Arnold Küster (Hedingen)

Wenn ein Fonds für Nazi-Opfer eingerichtet werden soll, müssen drei Fragen gründlich überlegt und beantwortet werden:

1. Wer soll entschädigt werden: Nur jüdische Nazi-Opfer? Alle Nazi-Opfer? Auch Betreuer (Zahler) für jüdische Opfer? Auch Betreuer (Zahler) für andere Opfer?

2. Wer soll zahlen: Die Verursacher, also Deutschland und Österreich? Die Mitläufer, also jene 12 Staaten, die Juden an die Nazis auslieferten? Die Verweigerer, also jene 36 Staaten, die im Juli 1938 zur Flüchtlingskonferenz von Evian eingeladen waren und allesamt Asyl für Juden ablehnten? Die «Appeaser», z. B. England und Frankreich, die mit Hitler Händchen schüttelten und trotz den bekannten fürchterlichen Vorkommnissen erklärten: «Peace for our time»?

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3. Was sind die Folgewirkungen: Soll für alle Kriege ein Opfer-Fonds geschaffen werden, auch für Nahost, Bosnien, Rwanda? Bevor genügende Antworten zu diesen Fragen vorliegen, sollte kein Fonds geäufnet werden. - Gottfried Weilenmann (Männedorf)

Es fällt auf, dass zur Debatte der herrenlosen Vermögen und zur Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg aus dem Munde von Christoph Blocher praktisch nichts zu vernehmen ist. Die Gründe liegen auf der Hand. Offensichtlich vertragen sich die auch von schweizerischer Seite vorgekommenen Verfehlungen und Unterlassungen gegenüber den Juden nur schlecht mit der von Christoph Blocher vorgegaukelten heilen Schweiz von gestern und der gleichzeitigen Verteufelung aktueller Bestrebungen, das heisst insbesondere jeglicher Annäherung an Europa. Mag sein, dass Blocher für sich in vielem etwas differenzierter denkt, doch geht es ihm bei seinen öffentlichen Auftritten in erster Linie darum, das zu sagen, was seine Anhänger von ihm zu hören begehren. Und dass dazu nicht unbedingt auch eher unrühmliche Episoden der Schweizer Geschichte gehören, dafür hat der sein Parteivolk aus dem Effeff kennende Vollblutpolitiker ein überaus feines Gespür. - Werner Peter (Luzern)

Es ist bekannt, dass die USA 1946 im sogenannten Washingtoner Abkommen von der Schweiz die Überweisung aller deutschen, in der Schweiz liegenden Vermögenswerte forderten, also unabhängig davon, ob die deutschen Besitzer Anhänger oder Gegner der Nazis waren. Was für Folgen das haben konnte, illustriert folgender Einzelfall: Mein Vater, Rechtsanwalt, gehörte von allem Anfang an zu den entschiedenen Gegnern der Nationalsozialisten. Zu seinen Klienten gehörte u. a. eine deutsche Familie, ebenfalls

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Gegner des Regimes, deren Vermögen er verwaltete, und so war es für ihn folgerichtig, wenn auch gefährlich, dieses Vermögen vor dem Zweiten Weltkrieg in dem Moment, dass es nach Deutschland hätte überwiesen werden müssen, in die sogenannte Familienstiftung überzuführen und so vor dem Zugriff des deutschen Fiskus zu bewahren. Es muss wohl nicht näher ausgeführt werden, dass diese Transaktion nach Schweizer Recht in bester Ordnung war. Schlimm wäre es für meinen Vater geworden, wenn die Schweiz von den Deutschen überrannt worden wäre. So konnte er nach Kriegsende aufatmen, aber nur kurz. Denn nun forderten die Amerikaner die Herausgabe, die er wieder mit Verweis auf die Stiftung verweigerte. Dadurch machte er sich nach amerikanischem Recht schuldig, was ihm jahrelang zugesetzt hat und auch hätte schaden können.

Es ist klar, dass es sich hier amerikanischerseits um das Faustrecht des Kriegsgewinners handelte. Wie viele Vermögen in welcher Grössenordnung es damals betraf, ist mir nicht bekannt. Zur historischen Würdigung darf gewiss die Marshallplan-Hilfe dagegen gehalten werden. Es soll auch nicht abgelenkt werden von Fehlern und Schuld, die die Schweizer Regierung und die Schweizer Nationalbank damals in schwierigen Zeiten auf sich geladen haben. Aber es würde dem amerikanischen Senator D'Amato gut anstehen, auch diese Seite zur Kenntnis zu nehmen, bevor er mit seinen einseitigen Anschuldigungen und fortgesetzten Forderungen gegen die Schweiz weiterfährt. - Bernhard Billeter (Zürich)

Die Palästinenser Hebrons sehen sich Besitzansprüchen ausgesetzt, deren Grund 2000 Jahre (Zeit des Titus Vespa-sianus) zurückliegt. Senator D'Amato belebt dahingegen eine nur 50 Jahre zurückliegende Aktualität. Würde er mit seinen Forderungen 2000 Jahre zurückgehen, müssten wir

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hier alle ausziehen und das Feld den Kelten bzw. deren späten Nachkommen überlassen, also den Basken, Iren, Schotten und den Kelten von Wales. - Lothar Knaak (Ascona)

Carlo Jagmetti entstammt einer Familie, deren geistige Ausrichtung man mit Fug und Recht als «prosemitisch» bezeichnen darf. Ihre Angehörigen haben zur Zeit des Zweiten Weltkrieges, als sich andere Mitbürger noch duckten, stets und kompromisslos für die Sache der Juden und gegen den Nationalsozialismus Stellung bezogen. Zum Teil haben sie freundschaftliche Beziehungen mit jüdischen Kreisen unterhalten, sicher aber alle sich gegen jeglichen Anpassungsdruck gewehrt. Dieser Mitgift auf den Lebensweg ist Carlo Jagmetti auch als Diplomat und Mensch treu geblieben. Was er am 19. Dezember 1996 geschrieben hat, war ein vertraulicher Bericht an seine Vorgesetzten, nicht zur Veröffentlichung gedacht. Im Rapportwesen hat sich ein Diplomat nicht der diplomatischen Sprache zu befleis-sen, im Gegenteil ungeschminkte Information und persönliche Eindrücke im Klartext zu schildern. Dazu gehört unter Umständen auch das Mittel einer überspitzten Wortwahl. Vertraulichkeit von Papieren benötigt jede Regierung und Armee, um ihre Handlungsfähigkeit zu gewährleisten. Wer solche Papiere veröffentlicht, begeht nicht nur einen Stil-und Rechtsbruch, sondern giesst Öl ins Feuer der Emotionen. Einmal mehr sind die Folgen der Publizität der Indiskretion anzulasten. Man kann sich darüber nicht wundern in einer Zeit, da Missbrauch einer Vertrauensstellung und Verstoss gegen Berufsethos prämiert werden. - Jürg H. Schmid-Gassmann (Zürich)

Wem hat die Indiskretion im Fall Jagmetti etwas genützt? Ausschliesslich der betreffenden Zeitung Die Jagd der Medien nach aufsehenerregenden Neuigkeiten im Dienste der

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Auflage kennt keine Grenzen mehr. Begrenzt werden könnte diese Entwicklung, wenn die Leser die Erzeugnisse solcher Medien nicht mehr kaufen würden. Dies ist jedoch eine Illusion angesichts der ebenfalls grenzenlosen Lust auf Sensationen grosser Teile der Konsumenten. Es sind die Gaffer, die bei Unfällen zur Stelle sind. Mit ihnen kann diese Art Journalismus immer rechnen. Es gab sie als Konsumenten des Schaurigen und als Schadenfreudige zu allen Zeiten. Sie waren beim Pranger und bei Hinrichtungen zugegen. Heute hocken sie in ihrer Stube und lesen die Sonntagszeitung. Gefragt wäre die Verantwortung Medienschaffender für mehr als nur für die Auflage, oder Einschaltquote. - R. Schüpbach (Lozwil)

In den sechziger Jahren sind die derzeit wieder in die öffentliche Diskussion gelangten nachrichtenlosen Vermögen in Schweizer Banken bereits einmal Gegenstand von Abklärungen auf Aufarbeitungen gewesen. Einer meiner Studienfreunde war damals Assistent eines der für diese Arbeiten Verantwortlichen intensiv an der damaligen Tätigkeit beteiligt. Er hat mir überzeugend geschildert, mit welcher Gewissenhaftigkeit operiert wurde und wie man im Zweifelsfall eher zugunsten möglicher Ansprecher gehandelt habe. Er ist überzeugt, dass seine Kollegen bei anderen Grossbanken im wesentlichen kaum anders gehandelt haben und ihre Einvernahme das heute verdunkelte Bild aufhellen würde die damals hauptverantwortlich Aktiven treten nunmehr zum Teil in biblisches Alter ein. Selbst damals noch relativ junge Beteiligte befinden sich im Bereiche des Pensionsalters.

Nachdem schwere Vorwürfe über den Umgang mit nachrichtenlosen Konten erhoben worden sind, werden die jetzt eingesetzten Abklärungsgremien nicht darum herum kommen, die Vorgänge aus den sechziger Jahren mit zu durch-

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leuchten. Angesichts des Alters der damals Wirkenden drängt sich eine vorsorgliche Beweisaufnahme auf. Es darf nicht geschehen, dass das Gewinnen von Informationen einzelner relevanter Zeitzeugen verpasst wird, wie dies seinerzeit beim Erstellen des Berichtes von Prof. Edgar Bonjour über die Geschichte der schweizerischen Neutralität stellenweise geschah. Dadurch entfielen interessante Hinweise und Auskünfte über Sachverhalte, die zu ihrer Zeit den Akten nicht oder nicht vollständig anvertraut worden waren. Man kann sich vorstellen, dass z. B. die Methode und der Geist, nach denen in den sechziger Jahren gegenüber nachrichtenlos gebliebenen Guthaben vorgegangen wurde, nur anhand mündlicher Aussagen Beteiligter und nicht allein auf Grund damaliger Aktendossiers vollständig begriffen werden können. Dies vermag aber kapitale Bedeutung für die Beurteilung der Vergangenheit zu erlangen. Dieser Umstand ist dem einen oder anderen, der sich mit solchem in der Bundesverwaltung befasst, seit geraumer Zeit bekannt. Die ersten Ansätze zur Umsetzung sind indessen in dem unerhörten Trubel, dem die Behörden in jüngster Zeit ausgesetzt worden sind, steckengeblieben. Zweck dieser Zeilen ist es, die Notwendigkeit dieser vorsorglichen Beweisaufnahmen nochmals, zum rechtzeitigen Handeln ermunternd, in Erinnerung zu rufen. - Roberte Bernhard

Israel leidet unter einer Doppelbelastung. 1967 führte es im Sechstagekrieg einen Präventivschlag gegen die Araber. Zu diesem Krieg sagte Rabin in einem Interview in «Le Monde»: «Ich glaube nicht, dass Nasser einen Krieg wollte.» In der Resolution Nr. 242 hatte die Uno im November 1967 den Abzug aus den von Israel eroberten Gebieten verlangt, vermochte aber nicht sich durchzusetzen. Jetzt muss Israel Gebiet um Gebiet von den besetzten Gebieten zurückgeben. Der Traum von Gross-Israel ist ausgeträumt.

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Dazu kommt der Historikerstreit und mit ihm das Aufarbeiten einer belasteten Vergangenheit: Schuld an den vor dem Nazi-Terror fliehenden Juden und an den zur Flucht gezwungenen, ihres Landes beraubten Palästinensern. Der israelische Politiker und Historiker Simcha Flapan beschrieb in seinem 1988 erschienenen Buch «Die Geburt Israels» eine Wirklichkeit, die weit entfernt von einer mythisch verklärten Betrachtungsweise Israel nicht als einen strahlenden David zeigt, wie es viele haben möchten. Dazu kamen nebst anderen von M. Marek aufgeführten historischen Arbeiten die Bücher von zwei bedeutenden israelischen Schriftstellern, Amos Oz und David Grossmann. (...) Sie schildern in sensibler Sprache das oft so armselige, hoffnungslose Leben der unterdrückten Palästinenser in Israel selbst und in den besetzten Gebieten. Wie auch wir Schweizer unsere schuldhafte Vergangenheit erleiden und verarbeiten müssen, so gilt das auch für das junge Israel. Mit Anteilnahme und Verständnis für menschliche Schuld wollen wir Israel und die Palästinenser auf diesem schwierigen Weg begleiten. Beide haben ein Recht darauf. - Heinz Ochsner (Beringen)

Ich danke den Schweizer Juden für ihre Sachlichkeit und den Willen, positiv auf alle Beteiligten einzuwirken. Es wäre höchste Zeit, nun diesen Fonds einzurichten mit den nachrichtenlosen Vermögen bei den Banken und einer Spende der Nationalbank. Steuergelder sollten hierfür nicht verwendet werden. Und: Der Export von Waffen sollte noch besser kontrolliert werden, damit die Schweizer Industrie sich nicht erneut schuldig macht! - Annemarie Chapuis (Liestal)

Die offizielle Schweiz hat im Zweiten Weltkrieg Schuld auf sich geladen, ebenso die Banken. Aber: Die Schweiz war damals einem enormen Druck durch die Nazis ausgesetzt.

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In Kreuzungen aufgewachsen, habe ich dies hautnah miterlebt. Dieser Druck wird in den Untersuchungen zu wenig beachtet. Was jetzt abläuft, nenne auch ich Erpressung. Sie wird von den Medien noch angeheizt - von Leuten, welche diese schwere Zeit weder erlebt haben noch verstehen können. - Heinrich Fürst (Kreuzungen)

Ich bin bestürzt, wenn ich von Hetzbriefen an die jüdischen Organisationen höre, die durch Bundesrat Delamuraz' Worte ausgelöst wurden. Ebenso berührt es mich, wenn jede kritische Haltung gleich als Antisemitismus bezeichnet wird. - Ruedi Vismara (Zürich)

Regierung und Banken drängen nun plötzlich auf eine möglichst rasche Äufnung des von jüdischen Kreisen geforderten Fonds - aus Angst vor den angedrohten Boykottmass-nahmen. Eine gründliche Untersuchung durch die Task Force sowie eine dem Ergebnis entsprechende finanzielle Entschädigung der Holocaust-Opfer würde von den Schweizern mitgetragen, jedoch nicht unter solchem Druck. - Leni Frauenfelder (Dübendorf)

Wenn hier von «der Schweiz» gesprochen wird, gehen die Vorwürfe an die falsche Adresse. Denn schuldig (...) sind diese verantwortungslosen Wirtschaftsdrahtzieher, die auch heute noch ihre Entscheide nur nach ihrem eigenen Nutzen treffen, unbekümmert darum, ob es um die Existenz des Fussvolkes geht - denn sie selbst leben ja gut. - Hans M. Suter (Freiburg)

Herr Delamuraz hat als erster und einziger die gegen die Schweiz gerichtete Hetzkampagne richtig als «Erpressung» bezeichnet. Die Reaktion der betroffenen Kreise hat ihm Recht gegeben. - M. O. Reutter (Zürich)

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Wehrwillen, Kampfbereitschaft sowie die feste Entschlossenheit unserer Armee und des Volks, sich mit allen Mitteln einem allfälligen Einfall der Wehrmacht entgegenzustellen, hätten überhaupt keinen Einfluss gehabt auf die Tatsache, dass Deutschland die Schweiz im letzten Krieg nicht angegriffen habe. Alles nur ein Mythos der Bürgerlichen, erklärte SP-Generalsekretärin Haering-Binder in der «Arena» des Fernsehens. Die Geschichte der Schweiz müsse neu geschrieben werden, denn es seien die Schweizer Banken und die Wirtschaft gewesen, die mit zweifelhaften Geschäften mit den Nazis Ungemach von unserem Land fernhielten. Wenn auch die Schweiz nicht in den Krieg verwickelt war, so wurde die Kriegsgeneration nach den schon mageren dreissiger Jahren doch um viele Lebensjahre betrogen. Verzicht und überall Einschränkungen, finanzielle Sorgen und Nöte, eine ständige, durch viele Gerüchte gespeiste zermürbende Ungewissheit sowie Angst vor dem Krieg war das Los der Mütter und ihrer Kinder, ja der ganzen Zivilbevölkerung. Die Männer standen an der Grenze, und die Hetz- und Propagandatiraden Goebbels drückten zusätzlich auf die Psyche. Und jetzt kommt eine, die die schwere Luft der Kriegsjahre nicht geatmet hat, und schlägt in einem fragwürdigen Auftritt, im Glauben, sich und ihre Partei damit zu profilieren, der Nation ins Gesicht. Frau Haering-Binder, Ihre Behauptung ist eine ungeheure Beleidigung, eine Demütigung der Aktivdienstveteranen und der gesamten Weltkriegsgeneration der Schweiz! Und ausserdem strotzt sie vor Arroganz und Blödheit. - Karl Tobler (Kappel bei Ölten)

Wenn man mich hören könnte, würde ich schreien in der Hoffnung, Senator D'Amato und Vorsitzender Avraham Burg könnten mich hören. Gerne würde ich den Amerikanern und Kanadiern vorwerfen, sie hätten mich vor 40

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Jahren abgewiesen. Ich tue es jedoch nicht, denn die Schweiz hat mich aufgenommen. Ich war 14, mein kleiner Bruder 11 und einer von Zigtausenden. Die Schweiz hat uns Obdach, Heimat, Ausbildung und später Arbeit gegeben. Ich wurde eine der ihrigen. Ich konnte in der Schweiz viel lernen. Am Anfang kämpfte ich mit Heimweh. Aber wonach? Der Kommunismus hat meine Leute ruiniert, Stalin hat mehr Menschen ausgerottet als Hitler. Hitlers Tod wurde bejubelt, Stalins Tod mussten wir im Kindesalter beweinen, denn man hat uns beigebracht, er wäre unser Vater gewesen. Unsere Verwandten, Freunde, Eltern wurden von Stalin in den Tod getrieben. Wir hatten aber keine Lobby, die für uns gekämpft hätte. Wir haben auch heute keine. Was uns angetan wurde, wird nirgends publiziert und für die Untaten, die an uns begangen wurden, werden wir nicht entschädigt. Mit Geld ist ja auch nichts gutzumachen. Das Geld müsste auch den Hungernden und Kriegsversehrten in der ganzen Welt zugesandt werden. Man müsste auch vergessen können, wie wir es konnten, denn Tote aufwecken können wir nicht. Wir haben vergessen können, auch die Kanonenrohre, in deren Maul wir geschaut haben. Die Schweiz half uns zu vergessen. Wie es schon Churchill formulierte: «Ein demokratischer Staat, der inmitten seiner Berge für Freiheit in Selbstverteidigung eintritt.» Und Churchill müsste es ja wissen. Und die Binder von der SP sollte sich dabei ein Beispiel nehmen. - Gilly Bemath (Kilchberg)

In der Schweiz ist das Schicksal jüdischer Flüchtlinge in verschiedenen Berichten und Büchern aufgearbeitet. Der Bundesrat hat zwei Kommissionen beauftragt, das Problem der nachrichtenlosen Vermögen von Nazi-Opfern (Juden und Nichtjuden) aufzuklären. Aber, dies meine Ansicht, die Gegner Nazi-Deutschlands - USA, Russland (als Nachfol-

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ger der Sowjetunion), Grossbritannien und auch Frankreich - haben endlich einmal die Frage anzugehen, warum sie nichts zum Schütze bzw. zur Rettung der von den Nazi-Schergen verfolgten Juden unternommen haben. Ich habe die Memoiren von Sir Winston Churchill (7 Bände) durchgesehen. Im Text findet sich eine beeindruckende Fülle von politischen, militärischen und wirtschaftlichen Betrachtungen und Berichten zum grossen Ringen mit Nazi-Deutschland - aber kein einziger Hinweis auf das Schicksal der Juden. Auch in der Erklärung der grossen Drei (Roose-velt, Churchill und Stalin) findet sich keine Erwähnung des Schicksals der Juden.

Janusz Piekalkiewicz formuliert in seinem Werk «Der Zweite Weltkrieg» die grundsätzliche Frage: «Warum die Verantwortlichen auf alliierter Seite keinen einzigen Luftangriff auf die ihnen von der Lage her genau bekannten Objekte oder auf Bahnlinien, über die Transporte aus den europäischen Ghettos in die Vernichtungslager rollten, angeordnet haben, bleibt eine der bisher ungelösten Fragen dieses Krieges. Immer wieder haben Amerikaner - vor allem Juden - an das War Department in Washington die vergebliche Bitte gerichtet, die US-Luftstreitkräfte auch gegen Lager einzusetzen, um so die Tötung von Millionen von Menschen zumindest zu erschweren. Das Buch ist 1985 erschienen. Ich meine, die Antwort ist immer noch ausstehend. - Jürg W. Meyer (Wettingen)

Sind unsere schärfsten Ankläger Antisemiten? Anders kann das feindselige Verhalten von ein paar in- und ausländischen Heckenschützen kaum interpretiert werden, müsste ihnen doch bewusst sein, dass ungerechtfertigte oder über das Ziel hinausschiessende Angriffe in unserem Lande das Gegenteil bewirken. Die bekannten Ausfälle des selbst in den USA umstrittenen Senators Alfonse D'Amato und von

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mehrfachen Milliardär Edgar M. Bronfman sind ebenso kontraproduktiv wie die bewusst verzerrte Wiedergabe des Strategiepapiers von Botschafter Carlo Jagmetti in der «Sonntags-Zeitung». Und als letzter der «Viererbande», der Politaktive Paul Rechsteiner, der mit dem gut inszenierten Empörungsaufschrei die Gunst der Stunde zu nutzen sucht und sich mit seiner Rücktrittsforderung gegenüber Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz parteipolitische Qualifikationen zu schaffen erhofft. Umfragen beweisen mit aller Deutlichkeit: Unqualifizierte Angriffe auf unser Land oder dessen Repräsentanten sind dazu angetan, die schweigende Mehrheit des Schweizervolkes zu mobilisieren, um sich dann schützend vor die zu Unrecht Bedrängten zu stellen. Geht man davon aus, dass sich die erwähnten Scharfmacher dieser Tatsache bewusst sind, müssten sie sich vom Ergebnis her den Vorhalt des Antisemitismus gefallen lassen! -Hansueli Bleiker (Morschach)

Die Auseinandersetzung um die «nachrichtenlosen» Vermögen hat mit dem «Manifest» einen neuen Höhepunkt erreicht. Die Herausforderung ist anzunehmen. Klarstellungen sind angebracht: 1. Unsere Geschichte braucht nicht neu geschrieben zu werden, wie die SP vorgibt. Es gibt bereits zahlreiche - keineswegs zimperliche - Publikationen zur einschlägigen Thematik. Wo Lücken bestehen, sind sie zu füllen (was bereits an die Hand genommen wurde). Sollten Schulbücher (welche eigentlich?) noch ein falsches Bild vermitteln, sind sie zu revidieren.

Wer immer noch glaubt, die Schweiz sei im Krieg eine Musternation gewesen und sei es heute noch, möge in sich (und in die einschlägige Literatur) gehen. Die Frage ist allerdings, wie weit dieser Glaube eigentlich noch verbreitet ist.Antisemitismus ist, wie jede Pauschalverdammung und jeder Rassismus, eine Kulturschande (Kultur im Sinne der

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spezifisch menschlichen Auseinandersetzung mit dem Dasein). Ihn aber mit polemischer Stimmungsmache und unsachlichen Pauschalurteilen abbauen zu wollen, ist entschieden der falsche Weg.

Ausser in literarischen Gedankenspielen dürfte es auch bei eifrigsten Bemühungen schwerfallen, den Schweizern von heute Schuldgefühle im Zusammenhang mit Ausch-witz und seinen Ursachen und Folgen einzupflanzen. «Aufarbeitung der Vergangenheit» kann für die Nachgeborenen (der Begriff hat durchaus seine Berechtigung) nur bedeuten durch vollständige Information trügerisches geschichtliches Selbstbewusstsein zu enttäuschen und Denkprozesse auszulösen. Auch die Konfrontation mit historischen Fakten bewirkt indessen nichts ohne den Geist des Verstehenwollens und der Versöhnung. Aggressivität und Anklagen ohne Ende vertreiben ihn und bewirken Verhärtung - menschliche Elementarmechanismen, die auch dann nicht ausgeschaltet sind, wenn uns apokalyptisches Entsetzen überschwemmen muss darüber, wessen der Mensch fähig ist.

Es bedrücken uns noch andere Probleme, die zu einer Erwartungshaltung gegenüber unserer Regierung Anlass geben. Ihr bei jeder Enttäuschung unser Vertrauen zu entziehen, entspricht nicht unserem Staatsverständnis. Es gilt, die Proportionen zu wahren.

Eine Auseinandersetzung, in der sich die einen gar nichts, die ändern alles leisten dürfen, erinnert an totalitäre Verhältnisse (die Manifestanten und ihre Kreise haben sich nie von den arroganten Rundschlägen gewisser Exponenten - nicht der Juden! - distanziert). Dasselbe gilt von der Manier, jede abweichende Meinung offen oder unausgesprochen als antisemitisch zu diffamieren. Das sind Merkmale einer Kriegführung nicht des Gespräches und eines «freundlichen Zusammenlebens».

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Die Zustimmung zur Errichtung eines Fonds fiele überzeugter aus, wenn sich die Postulanten nicht als fanfarenblasende Racheengel verstehen wollten. - Camille Schmid (Zürich)

Warum lösen die Banken das Problem der nachrichtenlosen Vermögen nicht in eigener Regie unter dem Motto: Weniger Staat? Die Bankvertreter sind der richtige Ansprechpartner, denn die nachrichtenlosen Vermögen liegen in den Tresoren privater Banken und nicht in eidgenössischen Zeughäusern. Gleich einer heissen Kartoffel hat man das Problem den Politikern zugeschoben, und eine unkritische Presse hat daraus eine pauschale Verantwortung der Schweiz gemacht. -R. Wünsche (Bauma)

Woher stammt die Information, wonach es «Angriffe aus den USA und aus Israel, die dem Schweizer Volk eine kollektive Schuld zuschieben wollen», gegeben habe. Mir sind, ausser losem Gerede, keinerlei derartiger tatsächlicher Anschuldigungen bekannt geworden in Verbindung mit dem Problem der nachrichtenlosen Vermögen. Es gab Meldungen über Ausländer, die ihrer Entzauberung des Bildes, das sie sich von der Schweiz als einem makellosen Heidiland gemacht hatten, Ausdruck verliehen. Solche Äusserungen dürfen wohl kaum als eine kollektive Schuldzuweisung gedeutet werden. - Andre S. Meyer (Belp)

Was so ein Jean-Francois Bergier oder Alfred A. Häsler meint, kann uns völlig egal sein. Wir waren zu Recht froh und dankbar, dieser Mörderei entronnen zu sein (...) ohne Idealisierung und Verdrängung! Auch guter Wille ist eine Zumutung, wir hatten niemandem den Krieg erklärt oder an diesem teilgenommen, im Gegenteil, wir waren abwehrbereit - dank General Guisan. W. Ambühl (Buchs)

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Sie bemühen sich, beiden Seiten einigermassen gerecht zu werden. Ihre persönlichen Ansichten in Ehren - deplaziert finde ich jedoch ihre Qualifikation des Bundesrates Dela-muraz. Seine Aussage beruhte auf Protokollen von Thomas Borer, der diese sicher nicht aus Jux verfasst hat, sondern als Ergebnis von Besprechungen, die er im Auftrag der Regierung zu führen hatte. Die inkriminierte Aussage war zwar emotionell und nicht unbedingt den protokollarischen Usanzen entsprechend. Aber sie wurde weitherum verstanden. Deshalb auch das Aufheulen der damit angesprochenen Kreise. Sie führte unter anderem dazu, dass jüdische Organisationen hinterher ihre Aussagen leugneten, Drohungen herabspielten und die Protokolle als Missverständnis glaubten bezeichnen zu müssen. - Willi Hochreutener (Zürich)

Vom grossen deutschen Volk unter Hitler, das ganz Europa an sich reissen, alle Juden ausradieren wollte und ausplünderte, spricht keiner mehr. Es sind doch die Deutschen, die noch heute die Verantwortung tragen sollten und die auch für die vielen Millionen Judengelder verantwortlich sein müssten. - Albert Annaheim (Zürich)

Wenn D'Amato und der Jewish Weltkongress so weitermachen, werden die Juden bald wieder das meistgehasste Volk sein. Besonnene Männer wie Sigi Feigel und mehr Frauen wie Lylli Nabholz gehören jetzt her. Vor allem das Volk will Sauberkeit im Nazigold! - E. Bolleter (Zürich)

Die zahlreichen Pannen um die Holocaustgelder zeigen uns mit aller Deutlichkeit: Die Schweiz ist nicht gewohnt, internationalen Druck auszuhalten und die eigene Geschichte aufzuarbeiten. Unbestritten ist, dass die Schweiz mit den verfolgten Juden im Zweiten Weltkrieg Schuld auf sich ge-

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laden hat. Dafür gibt es nur eines: eine ehrliche, und offene Politik des Bundesrates. Unbestritten ist auch, dass die Schweiz Mühe hat, die eigene Geschichte aufzuarbeiten. Der wichtigste Schritt ist aber mit der eingesetzten Historikerkommission gemacht.

Dass wir nun aber derart massiv zur internationalen Zielscheibe von selbsternannten Gerechtigkeitskämpfern geworden sind, hängt weder mit den Verfehlungen des Bundesrates und der Banken während des Zweiten Weltkrieges zusammen, noch mit dem Widerstand gegen die Ges-chichtsaufarbeitung, sondern mit dem fehlenden Krisenmanagement.

Alle politischen Pannen, vom Fauxpas von Bundesrat Delamuraz bis zur Indiskretion des Jagmetti-Papiers hätten vermieden werden können, wenn die Schweiz frühzeitig eine offene und offensive Politik geführt hätte, statt sich bis zum Eklat im Schützengraben zu verschanzen.

Bundesrat Flavio Cotti trägt dafür als Aussenminister die Verantwortung Er hat das Dossier schlecht geführt und wäre gut beraten, wenn er künftig weniger aussenpolitische Glorien in einer OSZE oder politisch belanglose Shake-hands wie mit Yassir Arafat suchte, sondern seine Hausaufgaben machte; nämlich handfeste Abkommen mit dem Jüdischen Weltkongress und mit der amerikanischen Regierung, um eine weitere Eskalation des politischen Kesseltreibens gegen die Schweiz zu verhindern. - Filippo Leutenegger (Moderator der Fernsehsendung «Arena»)

Ich habe es satt, von Besserwissern belehrt zu werden. Es sollte auch Hanspeter Thür auffallen, dass laufend von Juden und nochmals von Juden gesprochen wird. Von allen ändern Nationen, die ebenfalls unverschuldet in die Kriegswirren einbezogen wurden, wird kein Wort gesprochen. Dass die Juden als einziges Volk eine Wiedergutmachung

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seit Jahrzehnten von Deutschland laufend erhalten, darüber wird kein Wort verloren! - Hans Martin (Riischlikon)

Während der Kriegsjahre hatten wir weder Sozialhilfe noch Stempelgelder, als die Väter an der Grenze standen, hatten Selbständigerwerbende null Einkommen. Was glauben Sie, was Frauen und Kinder schuften mussten? Das steht nicht in Ihren Geschichtsbüchern. - Meta Lehmann (Münsingen)

Das Elend der besprochenen Zeit können Sie nie und nimmer beurteilen. Sie sehen auch immer darauf, dass Juden (genau wie andere Menschen) an der Grenze weggeschickt wurden. Aber wieviele Juden die Schweiz aufgenommen hatte, das wird nie gesagt. - Gabriele Wiest-Stoffel (Bolligen)

Es macht mich krank, diese Sprüche der 68er zu lesen: Einer, der dabei war, sechs Jahre in der Schweiz bleiben musste, Angst hatte, als es eines Nachts im Jahr 1940 hiess «Alarm, die Deutschen kommen» oder vor der Skihütte stand und fast 1000 Bomber flogen darüber. - Hans Stalder (Bern)

Ich werfe Ihnen nicht vor, dass Sie nicht nachvollziehen können, was uns damals bewegte und dass Sie mit Terminologien von heute operieren für eine Zeit, die in nichts der jetzigen glich. Die Geschichtsbücher verhehlen nämlich nicht nur unser Unrecht. Aber ich wünschte mir etwas mehr Zurückhaltung im Urteil!

Warum wenden Sie sich nicht einmal an Zeitzeugen? Es gibt sie und sie sind beileibe nicht alle «gaga», wie Ihre Generation vereinfachend annimmt. Vielleicht könnte dies Ihre Sicht der Dinge etwas entschärfen. Auch wir haben es satt, nur mit Anwürfen bedacht zu werden! - Didi Gumpp (Luzern)

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War die Aktenvernichtung bei der Schweizerischen Bankgesellschaft nur ein unglückliches Versehen oder sollten die alten Papiere absichtlich zum Verschwinden gebracht werden? Laut einer exklusiv der «HandelsZeitung» vorliegenden repräsentativen Umfrage des Zürcher Institutes für Markt- und Kommunikationsforschung «d&s» glaubt die Mehrheit der Befragten (42%), dass die SBG bei der Vernichtung historischer Akten bewusst Vorschriften verletzt hat. Nur gerade 34% können sich vorstellen, dass es sich dabei um ein zufälliges Versehen handelte. 24 % fällten in der Befragung kein eigenes Urteil.

In Ihrem Titel fehlt das Wörtchen «nur», und dies kann nur von jemandem ausgelassen worden sein, der die damalige Zeit nicht hautnah miterlebt hat. Im Buch «Die Schweiz muss noch geschluckt werden» von Klaus Urner ist anhand von Originaldokumenten ersichtlich, dass ab Mitte 1940 auf Anordnung Hitlers wiederholt Angriffspläne zur Eroberung der Schweiz ausgearbeitet worden sind. Unsere im Laufe des Krieges gesteigerte Wehrbereitschaft kommt darin durch die immer höhere Anzahl Divisionen zum Ausdruck, welche die Deutschen zur Eroberung der Schweiz vorsahen. - Werner Grenacher (Horgen)

Ich finde Ihren Titel verfehlt und beleidigend. Als Wehrmann stand ich bis zum Schluss als Soldat für unser Vaterland an der Grenze. Dass wir Soldaten nun so gekränkt werden, ist eine Schande. - Max Bauer (Zürich)

Im Fall einer Schweiz ohne Armee wären wir jungen Deutschschweizer spätestens nach Stalingrad für Hitler marschiert. Wer hätte dies verhindern wollen? Dann wären auch Züge von hier aus nach Auschwitz gerollt. Und wir mussten heute ganz anders über den letzten Krieg diskutieren. - Alois Block (Hochwald)

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Unsere echten Anstrengungen zur Landesverteidigung, gestützt von inständigen Gebeten, sind von Gott belohnt worden. Dem ganzen Himmel sei in erster Linie Dank gesagt, dass wir vom Schlimmsten verschont geblieben sind. - Louis-Emil Schaedler (Einsiedeln)

Zum Anhang sei hier noch erwähnt, dass einige Reaktionen noch bezüglich Nationalrat Christoph Blochers Vortrag am Zürcher SVP-Parteitag Erwähnung finden sollten, sowie die internationalen Reaktionen auf den Vortrag des Bundespräsidenten Arnold Koller vor der Vereinigten Bundesversammlung. Dabei ist den meisten ausländischen Regierungen und den jüdischen Organisationen nicht be-wusst - oder vielleicht wollen sie es nicht wissen -, dass der Beitrag der Stiftung lediglich ein Wunsch oder ein Vorschlag sein kann. Denn ob das Schweizervolk jemals diese ungeheuerliche Selbstzerstörung ihrer eigenen Währung und der Wirtschaft mit dem Geschenk von 7 Milliarden Franken annehmen wird oder ob es überhaupt zu der Überzeugung gelangen wird, dass dieser Betrag moralisch gerechtfertigt ist, bleibt bis zum nächsten Jahr noch offen. Allein die gegenwärtige Zeit mit all ihren konjunkturellen Zeichen, die auf wirtschaftliche Verschlechterung deuten, könnte zu dem führen, was die meisten Schweizer und Bankiers hoffen, eine Absage an den Bundesrat. Oder man wird wieder zur ursprünglichen Idee zurückkehren mit einer vernünftigen Basis in der Größenordnung von 100 bis 150 Millionen, die sich in diese Stiftung einbinden Hessen. Denn man muss sich doch fragen, warum die Schweiz dies alleine tun sollte, wo sie der einzige Staat auf der Welt war, der in den Kriegswirren fast dreissigtausend jüdischen Flüchtlingen das Leben schützte. Was über die letztgenannte Summe geht, soll von jenen Staaten, die Mitverantwortung tragen - vor allem aber auch von den Milliardären

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Bronflnan und Konsorten getragen werden. Sonst fühlen wir Schweizer uns nur als die Dummen. Wir sollten zahlen, dass wir uns gewehrt haben, damit nicht auch wir noch niedergemetzelt wurden.

Weit über tausend, während seines Vertrags meist mucksmäuschenstille Zuhörer in zwei Sälen vermochte der Zürcher Nationalrat und kantonale SVP-Präsident Christoph Blocher mit nur viertägiger Vorankündigung aus der ganzen Schweiz zu einem zweistündigen Vortrag «Die Schweiz und der Zweite Weltkrieg - Eine Klarstellung» nach Zürich-Örlikon zu locken. Einige Hundert weitere sollen an der Tür des überfüllten Hotels International abgewiesen worden sein. Die anwesenden kamen in den Genuss der wohl ersten Blocher-Rede mit Fussnoten (35) und Literaturverzeichnis.

Der 25seitige Text ist auf Grund seiner großen Bedeutung in diesem Buch im 6. Kapitel «Die schweizerische Eidgenossenschaft und ihre Demokratie» vollständig abgedruckt.

Der Zürcher Volkstribun, der es sich nicht nehmen liess, mehr oder weniger gewagte Analogien zur laufenden Europadiskussion zu ziehen (dasselbe, umgekehrt, aber auch Bundesrat Flavio Cotti vorwarf), setzte seinen Zuhörern eine auf profunde Kenntnis der jüngeren Schweizer Geschichte beruhende historische Lektion vor, die immer wieder von Applaus oder Gelächter (besonders, wenn es um die sich angeblich wie verwirrte Hühner benehmenden Behörden oder Intellektuellen ging) unterbrochen wurde, das Publikum aber zwei Stunden im Banne hielt. Bei aller Berücksichtigung der dunkleren Seiten des Schweizer Verhaltens zollte er der damaligen Schweiz (und der Weltkriegsgeneration) doch im gesamten «Respekt, Hochachtung und Bewunderung für ihre Politik». Den Versuch der

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Medien, ihm eine Referendumsandrohung zu entlocken, wies er konsequent zurück. Er habe nie eine solche gemacht und pflege nicht auf hypothetische Probleme zu reagieren und ziehe es vor - im Unterschied zum Bundesrat - zu überlegen, bevor er reagiere.

Blochers Rede löste gemäss Sonntagspresse unterschiedliche Reaktionen aus. In einem Interview der «Sonntags-Zeitung» sagte der Task-Force-Chef Botschafter Thomas Borer, Blochers Aussetzungen über die Historikerkommission sei kein Rückenschuss, sondern Blochers gutes Recht; für ihn selber seien die künftigen Befunde der Kommission «von wegleitender Bedeutung». Borer zeigte sich zuversichtlich, dass Blocher eine konstruktive Rolle spielen wird.

Christoph Blocher habe in seinem Referat zur Schweiz im Zweiten Weltkrieg das Unrecht an den Juden «sehr summarisch und einseitig» behandelt, kritisierte Michael Kohn, Expräsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes. In einer «patriotischen Albisgütli-Stimmung» habe der Redner einige Volltreffer gelandet, meinte Kohn. Die Munition dazu habe ihm Senator Alfonse D 'Amato geliefert mit seinen ständigen Beleidigungen und Vorverurteilungen.

Zu den vorauseilenden Kommentatoren der Blocher-Rede in Zürich gehörte auch der amerikanische Senator Alfonse D'Amato. Er liess dem Zürcher Nationalrat via Schweizer Botschaft mitteilen: «Ihre heutige in den Medien wiedergegebenen Äusserungen haben mich schockiert. Ihre Behauptung, die Schweiz habe keinen Grund dafür, sich für die mit Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg gemachten Geschäfte zu entschuldigen, ist nicht nur falsch, sie ist un-

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verschämt. Fünfzig Jahre nach dem erschreckendsten Ereignis in der Geschichte der Menschheit gibt es immer noch solche, die behaupten, sie hätten nur Befehle befolgt. Es ist schockierend und entsetzlich, dass Sie sogar eine simple Entschuldigung für die Kollaboration mit den Nazis während des Holocaust als indiskutabel ansehen. Ihre Äusserungen sind eine frostige Warnung, dass die Welt wachsam bleiben muss, damit wir unsere Fähigkeit zur moralischen Empörung nicht verlieren.»

Christoph Blochers Antwort via USA-Botschaft fiel sec aus: «Ihrer kurzen Notiz entnehme ich, dass Sie weder wissen, was in der Schweiz heute vor sich geht, noch was während des Zweiten Weltkriegs geschah.» Blocher sende ihm deshalb einstweilen den deutschen Text seiner Rede - auch auf dem Internet abruf bar - und werde ihm, nach der Übersetzung in die weiteren Schweizer Sprachen Französisch und Italienisch, noch die englische Version zugehen lassen.

Eine positive Würdigung mit einigem Staunen kam aus den USA über die splendite Stiftung. In den US-Medien erschienen erste Berichte von Korrespondenten und Redaktionsmitgliedern über die Rede von Bundespräsident Koller. Abgesehen von fehlerhaften Sensationsmeldungen in einem Teil der New Yorker Boulevardpresse und oberflächlichen ersten Kurzmeldungen in den elektronischen Medien berichteten die grossen US-Tageszeitungen einigermassen ausgewogen über den neuen Plan der Schweizer Regierung zur Entschärfung der Kontroverse um die verschollenen Holocaust-Vermögen. Der von den jüdischen Weltorganisationen noch gleichentags begrüsste Vorschlag des Bundesrates zur Schaffung einer «Schweizerischen Stiftung für Solidarität» wurde als «dramatische Geste» in der «Was-

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hington Post», als «bisher kühnstes finanzielles Manöver der Schweizer» in der «New York Times» oder als «goldene Idee» bei «Daily News», zur «Zerstreuung des internationalen Aufschreis bezüglich der Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg» von «Wall Street Journal» dargestellt.

Die wenigsten Autoren der Zeitungsartikel zogen selber den Schluss des New Yorker Senators Alfonse D'Amato, dass der Plan der Schweizer Regierung ein «erstaunliches Eingeständnis von Schuld» darstelle. Im Bericht der «New York Times» fand sich gar nicht ein einziges Zitat des Senators. Dafür hiess es in verschiedenen Artikeln, dass die Schweizer Regierung auf die «Anschuldigungen vom Holocaust profitiert zu haben, erst auf äusseren Druck» reagiert habe. Dabei wurde teilweise auch die Äusserung von Bundespräsident Arnold Koller wiedergegeben, dass die Stiftung ein «ein echtes Zeichen der Bekräftigung der humanitären Tradition der Schweiz und die Dankbarkeit für das Verschontbleiben im Zweiten Weltkrieg setzen» sollte.

In ein paar Berichten wurde dann auch noch direkt oder zwischen den Zeilen die Vermutung angestellt, dass die Rede Kollers nicht zufällig wenige Wochen vor dem möglicherweise scharfen Bericht der US-Regierung über verschollene Holocaust-Vermögen stattfand.

Entgegen ersten irreführenden Meldungen von Agenturen und im Kontrast zu den etwas sensationell aufgezogenen Schlagzeilen wurde in den Artikeln der führenden US-Printmedien einigermassen klar zwischen der allgemeinen «Stiftung für Solidarität» und dem bereits bestehenden Spezialfonds, in den nun die Nationalbank zusätzliche 100 Millionen Franken einzahlen will. Zudem wiesen die meisten Zeitungen darauf hin, dass die Stiftung erst einen

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Regierungsplan darstellt, der noch unausgegoren ist und auf härteren innenpolitischen Widerstand stossen könnte. In dem Zusammenhang wurde vielfach die Kritik des Zürcher SVP-Chefs Blocher erwähnt, der argwöhnte, dass der «Bundesrat den Kopf» verloren habe.

Die Ankündigung einer Stiftung für Solidarität durch die Schweiz ist in den ersten Reaktionen in Deutschland fast routinemässig verzeichnet worden und hat keine unmittelbare Kommentierung erfahren. Für einmal gelangte zwar die Schweiz dadurch in die Hauptnachrichtensendungen der Fernsehstationen. Auf einen Hinweis auf die Bedeutung der Geste oder auf eine genauere Gewichtung des Ereignisses wartete man zunächst vergeblich. Bei den Zeitungen, die sich zumeist nur auf kleinere Agenturmeldungen beschränkten und bloss in wenigen Ausnahmefällen kürzere Korrespondentenberichte enthielten, verhielt es sich nicht anders.

Immerhing wurde andeutungsweise Erstaunen über den geplanten Umfang der Stiftungsleistungen erkennbar. Der Berichterstatter der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» schrieb von einer «in diesem Ausmass unerwarteten humanitären Geste», verwies jedoch zugleich auf die Tatsache, dass sie ein unterschiedliches Echo in der Schweiz gefunden habe. Dementsprechend wurde vor allem Blochers Kritik wiedergegeben.

Für die Korrespondentin der «Süddeutschen Zeitung» kam die Bildung der Solidaritätsstiftung «überraschend». Dass neben der Erichtung der Solidaritätsstiftung zusätzlich die Schweizerische Nationalbank ihrerseits 100 Millionen Franken in den von den Grossbanken gebildeten Fonds für Shoa-Opfer einzahlen soll, fand nicht überall Erwähnung.

In der Berner Tageszeitung «Der Bund» erschien ein

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Leserbrief aus Deutschland unter dem Titel «Keine Hilfe für Hitler» mit dem Wortlaut:

«Die Behauptung im «Bund» vom 18. Februar, IG Farben hatte Hitler finanzielle Hilfe geleistet, entbehrt jeglicher Grundlage. Interessant ist aber, dass nach Sidney Aarburg (de Geldbronnen van het National-Socialisme-Driegesprek-ken mit Hitler, van Holkema und Warendorfs Uitg. Mij., Amsterdam 1948) «gewisse kapitalistische Kreise der USA» von 1929-1933 etwa 34 Milliarden US-Dollar an Hitler und die NSDAP gezahlt haben, u.a. süfisanterweise über die jüdische Bank Mendelssohn & Co. Amsterdam, um ein Bollwerk gegen Kommunismus und sozialistische Revolution zu sichern. - H.-J. Maurer, Bodolz (D)

Eine Stellungnahme von offizieller Seite zum Vorhaben der schweizerischen Regierung war nicht zu erwarten. Aus begreiflichen Gründen kennzeichnete grösste Zurückhaltung von Anfang an die deutschen Reaktionen auf die Schweizer Mühen im Umgang mit der Vergangenheit im Zweiten Weltkrieg und den Nazi-Raubgoldgeschäften. In den Medien fanden die Auseinandersetzungen zwar allmählich vermehrte Aufmerksamkeit.

Da und dort schimmerte zuweilen eine unterschwellige Genugtuung darüber durch, dass selbst die Schweiz nicht mehr völlig unangefochten in ihrer früheren Selbstgerechtigkeit zu verharren vermochte. Anderseits war jedoch zunehmend Verwunderung darüber zu verspüren, wie leicht sich Spitzenpolitiker in Bern und Zürich immer wieder in unhaltbare Positionen abdrängen Hessen. Angesichts des Stiftungsbeschlusses und vor allem die Höhe der dafür in Aussicht gestellten Summen verschlug es zunächst offenbar den meisten deutschen Beobachtern die Sprache.

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Die Ankündigung von Bundesrat Koller über die Errichtung des Fonds für Opfer des Shoa wurde von Radio und Fernsehen sowie sämtlichen führenden Tageszeitungen Grossbritanniens recht prominent verzeichnet. Das einflussreiche Mittagsjournal des BBC-Radios brachte einen kurzen Ausschnitt von Kollers Rede und bemühte sich mit Äusserungen vom linken Jean Ziegler, der den Fonds als «unaufrichtige Alibiübung» abtat, um ein Gegengewicht. Von den wichtigen Zeitungen kommentierten nur der «In-dependent» und die «Times» die Nachricht.

Der «Indenpendent» stellt fest, dass es doch merkwürdig sei, wie wenig schmeichelhaft sich die nationalen Stereotypen über dieses Land präsentierten, das doch in seinem Innern derart vielgestaltig und das gegen aussen so offen für Handel und Tourismus sei. Die Schweizer gälten allgemein als «geheimniskrämerisch, egoistisch, langweilig und selbstgefällig». Zu dieser Liste sei kürzlich ein wesentlich ernsterer Vorwurf dazugekommen: «Eigensinnige Kurzsichtigkeit in bezug auf den Holocaust». Die Nachricht über die Schaffung eines so grosszügigen Fonds sei daher nicht nicht nur an sich willkommen, sie widerlege auch jene Stereotypen. Obwohl die Schweizer damit auf das internationale Interesse an dieser Sache reagiert hätten und zugleich den Ergebnissen der historischen Untersuchungen zuvorkommen wollten, sei dies nichtsdestoweniger eine «grosse Geste», welche den Schweizern und ihrer Regierung zu Ehre gereiche. In dem Bericht zitiert die Zeitung allerdings auch Nationalrat Blocher mit dessen empörten Ausruf, dass die Regierung «den Kopf verloren» habe.

Der rechtsgerichtete «Daily Mail» spricht von der «bisher kühnsten Antwort» der Schweiz auf den immer lauter werdenden Vorwurf des Auslands, dass das Land unter dem Deckmantel seiner Neutralität vom Krieg profitiert habe.

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Der linksliberale «Guardian» versieht seinen Bericht mit der Überschrift «Die Schweizer werben um die Gunst ihrer Kritiker mit Fonds für Opfer».

Der den Konservativen nahestehende «Telegraph» kritisiert den Mangel an wichtigen Details in Kollers Rede - wie die Frage, welcher Anteil des Fonds den Holocaust-Überlebenden und deren Familien zugute kommen werde. Auch sei in der Rede weder die Frage der «nachrichtenlosen» jüdischen Bankguthaben in der Schweiz noch jene der grossangelegten Goldtransfers, beziehungsweise «Goldwaschaktionen» Nazideutschland in und via die Schweiz angeschnitten worden.

Die «Times» nannte in ihrem Tageskommentar die Rede Kollers «zutiefst bewegend», einen «staatsmännischen Akt», eine «visionäre Rede auf dem Niveau der grossen Deklarationen europäischer Politik - aus einem Lande, von dem man das bisher eigentlich kaum erwartet hätte». Die Implikationen dieser Ankündigung gehen jedoch nach Meinung der «Times» weit über die Busse für vergangenes Unrecht hinaus: «Erstmals in Jahrhunderten» seien die Schweizer mit der Tatsache konfrontiert worden, dass die Alpen sie nicht von der Weltmeinung abzuschirmen vermögen und dass «neutraler Isolationismus» nicht immer die beste mögliche Politik darstelle. In kleinen Schritten öffne sich die Schweiz gegenüber der Welt jenseits der Grenzen. Die Initiative der Regierung werde viel dazu beitragen, «die Engstirnigkeit zu beheben, welche den Schweizern in den letzten Monaten einen so schlechten Dienst erwiesen habe.»

Die beschränkte Fähigkeit der Schweiz, sich der eigenen Geschichte zu stellen, findet in Österreich zwar Verständnis, doch stösst die Auseinandersetzung um die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg auf eher geringes Interesse.

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Die Schweiz begehe denselben Fehler wie Österreich in Sachen Waldheim, hiess es hier, nachdem offenkundig geworden war, dass die ersten Reaktionen auf die Vorwürfe aus dem Jüdischen Weltkongress durch Edgar M. Bronf-man, unangemessen waren. Nun aber sieht die Tageszeitung «Die Presse» in der angekündigten Einrichtung eines Solidaritätsfonds «helvetische Grosse». In einem Kommentar auf der ersten Seite schrieb Andreas Schwarz, die Schweiz habe Würde gezeigt. «Gegenüber den Opfern, weil man nicht um ein paar Rappen feilschte, sondern Nägel mit Goldknöpfen macht und Unrecht gut machen will; und gegenüber den Schweizern, weil man in Bern nicht durch direkte Zahlung dem Volk ein allgemeines Schuldeingeständnis aufgezwungen hat.» Denn die Schweiz habe zwar Fehler begangen, habe aber keine faschistische, antisemitische oder kriegerische Vergangenheit. Auf dem guten Ruf der Schweiz laste allerdings der Eindruck, sie habe sich im Krieg bereichert, ihr Wohlstand basiere auf Hehlerei.

Auch die «Tiroler Tageszeitung» widmete Kollers Rede einen kurzen Kommentar. Die Leiterin des Ressorts Weltpolitik, Monika Dajc, erinnert unter dem Titel «Kritischer Blick zurück» an Gorbatschew und sein «Fazit über die einschneidenden Folgen des Zuspätkommens». Wie in Österreich sei der Anstoss aus dem Ausland gekommen. «Mit kaum für möglich gehaltener Wucht war die wahrhafte Idylle ins Gerede und unter Druck gekommen. Das vernichtende Urteil vom Land, das Kindern und Enkeln von Holocaust-Opfern die Herausgabe des Erbes verweigert, machte die Runde. Koller hat die Linie vorgegeben, doch die Mehrheit muss ihm erst noch folgen.» Auch «Die Presse» sieht die Gefahr, dass die Mehrheit Koller nicht folgt. Die helvetische Grosse wäre laut Andreas Schwarz bald wieder dahin, «wenn jetzt eine selbstzerstörerische

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Debatte beginnt, gar ein Volksentscheid an der Entscheidung nagt», den Hilfsfonds ins Leben zu rufen.

Das offizielle Frankreich hat zur Schweizer Problematik bisher praktisch geschwiegen, nicht zuletzt, weil ähnliche, wenn auch andersgelagerte Probleme zur Entschädigung jüdischer Opfer zu alliierten Raubgoldbeständen noch nicht gelöst sind. Die angesehene Zeitung «Le Monde» spielt in ihrem Kommentar darauf an, wenn sie Kollers «Anfang einer Gewissensforschung, dem andere in Europa folgen sollten», lobt. Der Berner Korrespondent von «Le Monde», Jean-Claude Buhrer, bezeichnete die Rede des Bundespräsidenten mit der ankündigung der Solidaritätsstiftung als «guthelvetische Gleichgewichtsübung» zur Beruhigung im Inland und zur Imageverbesserung im Ausland, die geteilte Reaktionen - Enttäuschung bei der Linken, Entrüstung bei der nationalistischen Rechten (das Lager von Nationalrat Blocher) - hervorgerufen habe.

Der Genfer Korrespondent der linksstehenden «Liberation», Pierre Hazan, bedauerte dagegen im direkten Widerspruch zu «Le Monde», dass Koller keine klare Stellungnahme zur Kollaboration sowie - wie die SP kritisiert - zum Antisemitismus, zur Flüchtlingspolitik und zum Finanzplatz Schweiz abgegeben habe, weil er die nationalistische und populistische Rechte nicht verärgern wollte. Die Solidartätsstiftung wird in den wenigen französischen Zeitungen, die überhaupt darüber berichtet haben, als positive Überraschung bewertet und die Höhe des Fonds als beachtlich bezeichnet, auch wenn darin der Versuch einer antizipierten Imageverbesserung erkannt wird. Der Korrespondent des konservativen «Le Figaro», Laurent Mossu, relativiert diese Grosszügigkeit insofern, als die buchhalterische Neubewertung der Goldreserven der Nationalbank - ähnlich wie bei anderen Zentralbanken - seit langem im

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Gespräch gewesen sei und so oder so erfolgt wäre. Auch die Wirtschaftszeitung «La Tribüne» - die Jean-Fran£ois Ber-gier zur Aufgabe seiner Expertenkommission interviewt hatte - sieht im Vordergrund der finanztechnischen Konstruktion für den Fonds die «politische Entscheidung» und verweist auf die notwendige Verfassungsänderung. Die «Agence France Presse» meldet aus Zürich die gemischten schweizerischen Reaktionen, welche auf einen Ungewissen Ausgang eines Volksentscheides deuten, wozu sie auch den NZZ-Kommentar erwähnt. «Le Monde» stellt der Schweiz allgemein eine zugleich schmerzliche und heilsame aber von einigen Kreisen befürchtete Vergangenheitsbewältigung in Aussicht.

Eine Feststellung wird man nicht los: All diejenigen, die die Schweiz loben und kritisieren über den Fonds - der wie Blocher befürchtet zu einem Zeitpunkt kommt, wo die Historikerkommission noch keinen Bericht veröffentlichte, eher das Gegenteil auslöste und die Schweiz als Verdächtiger bestätigt, - sind sehr froh, dass die Schweiz und nicht sie - die eine wesentlich grössere Mitschuld als die Schweizer am verheerenden Geschehen im Nazi-Reich tragen - ins Visier der Juden geraten sind. Schon die Dimension der Stiftung verschlägt Grossstaaten wie England, Deutschland und Frankreich den Atem.

Es drängt sich daher - gerade, weil diese Neubeschuldigungen immer wieder gegen die Schweiz auftauchen werden - die Frage auf, warum der Schweizer Bundesrat so kopflos handelte, obwohl er meinte, eine grosse Geste von überragender Bedeutung tun zu müssen, ohne das Volk vorher zu konsultieren. Eine schmerzliche Tatsache wird die Regierung erfahren, wenn das Stimmvolk endgültig sich von diesem Ansinnen verabschiedet. Diese inkonsequente Haltung der Landesregierung hat sie sich selbst eingebrockt

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und niemand wird ihren Mitgliedern die Verantwortung und die neu folgenden verbalen Auseinandersetzungen abnehmen können.

Während von den Bundesratsparteien die FDP keine Schuldanerkennung mit der genannten Stiftung sieht, meint die CVF, dass sie eine interessante Idee sei. Die SVP findet begreiflicherweise diese ad hoc Entscheidung des Bundesrates einen fragwürdigen Befreiungsschlag, der die Probleme nicht löst, sondern nur noch verstärken wird. Besonders, wenn letztlich das Volk an der Urne den Segen verweigert.

Nur die SP hat die Meinung, dass diese Stiftung die richtige Verbindung mit dem Bankenplatz Schweiz sei. - Aber was hätte man auch anderes von einer fragwürdigen Partei erwarten können, die lieber den Bürgern im eigenen Lande in den Rücken fällt?

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