ERSTER TEIL

Historische Wahrheit oder politische Wahrheit? 1)

Über unser heikles Thema gibt es eine — sagen wir — offizielle Ansicht. Daneben aber gibt es die geschichtliche Wahrheit. Leider sehen sich die offizielle Ansicht und die geschichtliche Wahrheit nicht ähnlich! Ich brauche wohl nicht besonders zu betonen, daß die offizielle Ansicht für mich kein Gewicht besitzt: sie ist eine politische Wahrheit.

Nach dem Kriege — nach allen Kriegen — ist die politische Wahrheit Alleinbesitz des Siegers. Ich bin kein Mann der Politik und noch weniger ein Sieger: ich spreche als Historiker und suche daher nur die geschichtliche Wahrheit, jene Wahrheit, die Jahrhunderte überdauert und sich immer gleich bleibt. Um diese Wahrheit zu ergründen, muß man leidenschaftslos, aber sachlich alles prüfen; wie in einer Universität.

Über die deutschen KZ's hat man drei Dinge behauptet:

  1. Deutschland hätte sie erfunden: das ist nicht wahr;
  2. In diesen KZ wären Greueltaten einer solchen Grausamkeit begangen worden, wie es sie bisher in der Weltgeschichte nicht gegeben hätte: das ist nicht wahr;
  3. Das deutsche Volk trüge die Schuld für diese Greuel: das ist auch nicht wahr!

*         *
*

Erstens: Deutschland hat die KZ's nicht erfunden!

Es wäre für mich einfach, nur zu erklären, daß in Rußland seit 1927 und in Frankreich seit 1938 KZ's errichtet worden sind. Ich möchte hier aber lieber eine kleine Begebenheit aus meiner eigenen Erfahrung erzählen: als ich im KZ Dora ankam, wurde ich — ich erinnere mich noch sehr gut daran — mit den folgenden scharfen Worten empfangen: "Aha, die Franzosen! Na, jetzt wißt ihr auch, was ein Lager ist. Schadet euch nichts! Hier wird man es euch schon beibringen!" Es waren die Spanier, die die KZ's der Regierung Daladier in Frankreich nicht vergessen hatten.


1) Vortrag, der in 15 westdeutschen Städten und in Wien in der Zeit vom 24. März 1960 bis 8. April 1960 verlesen wurde.

13


Von den russischen KZ's weiß man heute, daß sie noch schlimmer als die deutschen waren: das wurde besonders durch das Buch der Margarete Buber-Neumann bekannt. Man weiß heute auch, daß Frankreich in Algerien mehrere KZ's errichtet hat, die ebenso schlimm sind wie die deutschen: das sind geschichtliche Tatsachen; aber gleichzeitig ist es ein geschichtliches Problem.

Schon lange vor Christi Geburt kannten die Ägypter nur dieses Mittel, um die Juden unschädlich zu machen — und Babylon erlebte seinen wunderbaren Aufstieg nur durch die Zusammenfassung seiner Arbeitssklaven in Lagern. Auch die Engländer griffen zu diesem Mittel gegenüber den unglücklichen Buren, und Napoleon III. errichtete 40 Jahre vor ihnen das Lager Lambessa.

Darüber werden Sie in meinem Buche "Die Lüge des Odysseus" mehr lesen können oder vielleicht schon gelesen haben. Sie werden dort auch lesen können, daß die KZ's bei allen Völkern ebenso schrecklich waren wie die in Deutschland, die in Rußland und in Algerien: es war und ist immer derselbe Mechanismus ohne wesentliche Unterschiede.

Während der deutschen Besatzung gab es in Frankreich eine Vereinigung der Familien der Verschleppten und der politischen Internierten. Wenn sich eine Familie an das Büro dieser Vereinigung wandte und um Aufklärung bat über das Schicksal ihres verschleppten Angehörigen, erhielt sie von einer hohen deutschen Behörde den nachfolgenden Bericht 2):

"Lager Weimar. — Das Lager liegt 9 km von Weimar entfernt und ist durch eine Eisenbahn mit der Stadt verbunden. Es befindet sich in einer Höhe von 800 m ü. d. M.

Es ist umgeben von drei konzentrischen Stacheldrahtzäunen. Innerhalb des inneren Zaunes liegen die Baracken der Gefangenen, zwischen dem ersten und dem zweiten die Fabriken und Werkstätten, in denen Zubehörteile für Rundfunkgeräte sowie Maschinenteile hergestellt werden.

Zwischen der zweiten und der dritten Umzäunung liegt ein unbebautes Gelände, dessen Abholzung zur Zeit zu Ende geht. Hier wird eine Lagerstraße und das Geleise einer Kleinbahn gebaut. Der innere Stacheldrahtzaun ist elektrisch geladen und mit unzähligen Beobachtungstürmen versehen, auf denen sich immer je drei bewaffnete Männer befinden. Am zweiten und dritten Zaun gibt es keine Posten, aber bei den Fabriken liegt eine Kaserne der SS;


2) Meines Wissens ist dieser Bericht nur von Jean Puissant in seinem Buch "La Colline sans oiseaux" (= Der Hügel ohne Vögel) angeführt worden. Das Buch, eine ehrliche und genaue Monographie, die beste Zeugenaussage, die über die KZ's geschrieben wurde, erschien 1945 bei den "Editions du Rond-Point", Paris.

14


nachts machen SS-Männer hier und im äußeren Kreis Rundgänge mit Hunden.

Das Lager hat eine Ausdehnung von etwa 8 km und beherbergt etwa 30 000 Insassen. Zu Beginn des nationalsozialistischen Regimes waren hier politische Gegner interniert. Von den Insassen besteht die Hälfte aus Franzosen, die Hälfte aus Angehörigen anderer Nationen: antinationalsozialistische Deutsche, die aber die deutsche Staatsangehörigkeit behalten haben und die Mehrheit der Blockältesten stellen; Russen, unter ihnen Offiziere der Roten Armee; weiter Ungarn, Polen, Belgier, Holländer usw.

Die Lagerordnung ist folgende:

4.30: Aufstehen. Waschen mit entblößtem Oberkörper unter Aufsicht. Das Waschen ist Pflicht.

5.30: 0,5 Liter Suppe oder Kaffee mit 450 g Brot (manchmal gibt es weniger Brot, dafür dann aber reichlich Kartoffeln guter Qualität); 30 g Margarine, eine Scheibe Wurst oder ein Stück Käse.

12.00: Kaffee.

18.30: einen Liter gute dicke Suppe.

Um 6 Uhr morgens Abmarsch zur Arbeit. Das Antreten erfolgt gruppenweise, je nach der Arbeitsstätte: Fabrik, Straßenbau, Waldarbeit usw ... Die Männer jeder Gruppe stellen sich Arm in Arm in Fünferreihen auf, damit eine gute Ausrichtung und eine gute Übersichtlichkeit gewährleistet sind. Dann erfolgt der Abmarsch hinter der Musikkapelle (bestehend aus 70 bis 80 Häftlingen in Uniform: rote Hose, blauer Rock mit schwarzen Aufschlägen).

Der Gesundheitszustand im Lager ist sehr gut. Er untersteht einem Verschleppten, Herrn Prof. Richet. Ärztliche Visite täglich. Es gibt zahlreiche Ärzte, eine Krankenstube und ein Krankenhaus wie bei einem Regiment.

Die Internierten tragen die Kleidung der deutschen Strafgefangenen, hergestellt aus einem verhältnismäßig warmen Kunsttuch. Die Unterwäsche wird bei Ankunft im Lager desinfiziert. Es gibt je zwei Mann eine Decke.

Es gibt keine Kirche im Lager. Unter den Internierten befinden sich aber zahlreiche Geistliche, die jedoch im allgemeinen verschwiegen haben, daß sie es sind. Diese sammeln die Gläubigen zu Gesprächen, zum Beten des Rosenkranzes usw ...

Freizeit. — Vollkommene Freizeit gibt es im Lager am Sonntagnachmittag. Der Sonntagabend wird angenehmer gestaltet durch

15


eine aus Häftlingen bestehende Laienbühne, die Theaterstücke aufführt, Kinovorstellungen: ein oder zwei Mal in der Woche (deutsche Filme), Rundfunk: in jeder Baracke (deutsche Wehrmachtsberichte). Die Häftlingskapelle bringt schöne Konzerte. Alle Gefangenen sind sich darüber einig, daß es ihnen in Weimar besser geht als in Fresnes oder in den französischen Gefängnissen. Wir möchten den Familien der Internierten noch mitteilen, daß der alliierte Bombenangriff auf die Fabriken in Weimar keine Opfer unter den Internierten gefordert hat.

Schließlich sei noch gesagt, daß die Mehrzahl der Züge, die Compiègne und Fresnes im August verlassen haben, nach Weimar geleitet worden sind."

Vor dem Nürnberger Gericht haben mehrere Angeklagte diesen Text zitiert. Der Bericht gab aber nur die Theorie wieder; in Wirklichkeit lebten wir völlig anders. Ich möchte Ihnen für diesen Unterschied zwischen Theorie und Praxis eine Erklärung geben, die Sie sofort verstehen werden:

Die Geschichte von der Mondfinsternis, die man in den Kasernen Frankreichs erzählt, wird sich hier in Deutschland nicht viel anders abspielen: Der Oberst sagt eines Tages zum Major, daß eine Mondfinsternis stattfinden wird, und daß die Vorgesetzten diese Erscheinung von allen Soldaten beobachten lassen und sie ihnen erklären sollen. Der Major gibt den Befehl an den Hauptmann weiter, und schließlich gelangt er durch den Gefreiten in folgender Form an die Soldaten: "Auf Befehl des Herrn Obersten findet heute abend um 23 Uhr eine Mondfinsternis statt. Alle, die nicht an ihr teilnehmen, erhalten vier Tage Arrest."

So ähnlich entwickelten sich auch die KZ's. In Frankreich hatte die demokratische Regierung Daladier (1938) sich das Lager Gurs für die Spanier ausgedacht und gleichzeitig auch die Lagerordnung festgelegt: die Ausführung dieser Bestimmungen wurde dann Gendarmen anvertraut, die leider nur über begrenzte interpretatorische Fähigkeiten verfügten.

Der nationalsozialistische Staat hat die deutschen KZ's gegründet, hat die dort zu herrschende Lagerordnung bestimmt und hat die Verwirklichung dann in die Hände der "Tschauchs" gelegt, in die Hände alter unausgebildeter Arbeitsscheuer, die man zu dem Zweck unter den Lagerinsassen ausgesucht hatte.

In den deutschen KZ's waren diese "Tschauchs" — die aus unserer Mitte ausgewählt waren — unser größtes Unglück. Sie bildeten einen Apparat: die Häftlingsführung, auf die ich später noch zu sprechen komme.

Margarete Buber-Neumann sagt, daß es in Rußland (Karaganda) dasselbe war. In Italien unter Mussolini (auf den Liparischen Inseln) gleich-

16


falls, auch in Spanien (Miranda), in Griechenland nach dem Kriege (Makronissos), in den französischen Nachkriegslagern für Pétainisten (La Noé, Carrère usw.) und heute in Algerien, wo es mehr als hundert Lager gibt.

Zu diesem Punkte darf ich abschließend also wohl sagen, daß es in allen Ländern irgendwann in ihrer Geschichte KZ's gegeben hat, welche Regierungsform diese Länder zu der Zeit auch besaßen — und daß es noch immer KZ's gibt. Man muß noch hinzufügen, daß alle diese Lager genau so schrecklich waren oder sind, wie es die in Deutschland waren.

Warum aber wurde nur Deutschland angeklagt, und warum wird es auch weiterhin als einziges Land angeklagt? Das ist die Frage, die allergrößte Frage unserer Zeit! Ich werde am Ende meines Vortrages darauf antworten. Vorher aber will ich das Problem der Greuel in den deutschen KZ's erörtern und die Frage, wer schuld ist an diesen Greueln. Das ist der zweite Punkt meiner Vorlesung.

*         *
*

Die Frage der Greuel und die Frage nach den Schuldigen sind untrennbar. Und nun werde ich Sie vielleicht in Erstaunen setzen: diese Greuel will ich nicht vor Ihnen beschreiben. Sie haben schon sehr viel, sicher schon zu viel darüber gehört. Daher möchte ich Sie bitten, jetzt nur eines zu behalten: es ist viel Wahres an allem, was man über diese Greuel berichtet, es wird aber auch stark übertrieben. Man muß mit dem Komplex der "Lüge des Odysseus" rechnen, der Neigung aller Weitgereisten, ihre Erlebnisse zu übertreiben. Diesen Komplex haben alle Menschen und infolgedessen auch die Internierten. Die Menschen brauchen das Wunderbare, im Häßlichen wie im Schönen. Jeder der Internierten hoffte und wünschte, aus dem Abenteuer mit einem Heiligenschein, mit dem Ruhm eines Helden oder eines Märtyrers heimzukehren. Und jeder schmückte seine Odyssee noch aus, ohne sich zu überlegen, daß die Wirklichkeit an sich schon reichlich genügte. Aus diesen Übertreibungen des Odysseus, die man ruhig als gemäßigt und naiv bezeichnen darf, hat man in alten Zeiten ein schönes, unvergängliches Epos geschaffen. Mit den häßlichen Übertreibungen der Internierten macht man aber heute Politik. — Das ist nicht dasselbe! Das ist wesentlich trauriger und gefährlicher!

Das Problem der Schuld an den Greueln ist — geschichtlich, nicht moralisch — wichtiger als die endlosen Reden darüber, ob es 4 oder 46 Krematorien in Auschwitz gab, und ob es 2 Millionen Opfer gegeben hat — wie ein vor kurzem erschienenes Buch sagt — oder 6 Millionen — wie man bisher behauptet hat — oder 9 Millionen — wie noch heutzutage einige Zeitungen in der Welt verkünden — oder 45 Millionen — wie ein unga-

17


rischer Kommunist erklärt hat. Dazu haben Zeugen die unwahrscheinlichsten Berichte gegeben, besonders über Vorgänge, die sie nicht selber gesehen haben. Es gibt eine Riesenmenge von Schwätzern, die sich alle widersprechen; wir aber sind verpflichtet, geschichtliche Klarheit zu schaffen.

In der Schuldfrage gibt es eine einleuchtende Wahrheit: das deutsche Volk als solches ist unschuldig — total unschuldig. Man hat ihm zwei Dinge vorgeworfen: es hätte die Regierung gewählt und nie gegen die Greuel protestiert.

Zu dem ersten Vorwurf ist zu sagen, daß kein Volk jemals seine Regierung bestimmt. In allen Staaten wird die öffentliche Meinung von den Zeitungen gemacht — und die großen Zeitungen gehören den Leuten, die das Geld haben. Unter diesem Aspekt gesehen wird eine Wahl sehr leicht zu einer Verfälschung des Volkswillens. Zu dem zweiten Vorwurf ist zu sagen, daß das deutsche Volk nie gewußt hat, was in den Lagern vor sich ging. Das wußte nicht einmal immer die am Tor der Lager Posten stehende SS!

Und wie ist es heute? Auch das französische Volk weiß nicht, was in den algerischen Lagern vorgeht; es weiß nicht einmal, was in den französischen passiert.

Eine Schuld bleibt unbestritten: seit 1933 hat die deutsche Regierung KZ's bauen lassen und sie benutzt. Die Tatsache, daß Rußland, Italien, Griechenland, Spanien, England und Frankreich das gleiche taten, ist keine Entschuldigung für Deutschland. Aber umgekehrt können sich Rußland, Italien, Griechenland, Spanien, England und Frankreich nicht zu Richtern aufwerfen. Eins ist ja wohl klar: nur ein Land, das keine Lager gebaut hat, kann hier Richter sein!

Warum sind alle Lager in allen Ländern so schrecklich? Hier ist die Antwort: weil es einfach unmöglich ist, in einem Lager die Beachtung einer Ordnung durchzusetzen. Um das zu verstehen, muß man wenigstens wissen, wie so ein Lager verwaltet wird.

Die deutschen Lager wurden unter der Aufsicht der SS von den Häftlingen selbst verwaltet, und das erklärt alles. Die wirkliche Verwaltung des Lagers war die Häftlingsführung. Diese Häftlingsführung war überaus mächtig und stützte sich auf die SS, die dieser Gruppe auch immer half. E. Kogon, der Hauptzeuge für diese Dinge, sagt selber in seinem Buch "Der SS-Staat" über die Häftlingsführung:

"Ihre Aufgaben waren folgende: Aufrechterhaltung der Ordnung im Lager, Überwachung der Disziplin, um ein Eingreifen der SS usw ... zu vermeiden." (Seite 62)*),


*) Alle zitierten Seitenzahlen beziehen sich auf die französischen Ausgaben der zitierten Bücher.

18


und:

"Die SS-Lagerleitungen waren nicht imstande, Zehntausende von Häftlingen anders als rein äußerlich und durch plötzliche Eingriffe zu kontrollieren." (S. 275.)

Und welches Ziel hat die Häftlingsführung angestrebt? Hier ein Beispiel aus demselben Buch:

"Das Häftlingsbüro der Arbeitsstatistik leitete in den Lagern bekanntlich die Verwendung der Arbeitskraft unter Kontrolle und auf Anweisung des Arbeitseinsatz- und des Arbeitsdienstführers. Die SS war dem Ausmaß der Anforderungen im Laufe der Jahre nirgends mehr gewachsen. In Buchenwald machte SS-Hauptsturmführer Schwartz nur einmal den Versuch, selbst einen Transport von tausend Häftlingen zusammenzustellen. Nachdem er fast das ganze Lager einen halben Tag lang auf dem Appellplatz hatte stehen lassen, um es durchzumustern, brachte er glücklich 600 Mann zusammen. Die ausgemusterten Leute, die aus den Blockreihen hatten heraustreten müssen, verschwanden einfach wieder nach allen Seiten hin. Kein Mensch ging Schwartz zur Hand." (Seite 286, a. a. O.)

Meiner Meinung nach lag kein Hindernis dafür vor, daß Schwartz' Erfahrung sich jedesmal wiederholte, wenn es darauf ankam, einen Transport nach irgendeinem Arbeitsort zusammenzustellen: wenn dies der SS nie gelungen wäre, hätte sie auch nichts besseres verdient. Aber:

"Von da hat der Arbeitseinsatzführer alle Fragen der Arbeitseinteilung den Häftlingen der Arbeitsstatistik überlassen," sagt Herr Kogon Seite 286.

Und nachdem auf dem Appellplatz ausgesucht worden war, war es nicht mehr möglich, "nach allen Seiten hin zu verschwinden" wie bei Schwartz: mit dem Gummiknüppel in der Hand zogen alle Kapos, alle Blockältesten, der ganze Lagerschutz usw ... eine drohende Sperre gegen jeden Fluchtversuch. Neben ihnen nimmt sich der SS-Hauptsturmführer Schwartz geradezu wie ein Menschenfreund aus. Sie waren Kommunisten, Antifaschisten, Antihitlerianer usw ...; aber sie konnten nicht dulden, daß irgendwer die von Hitler errichtete Ordnung der Unternehmen störte oder die Kriegsanstrengungen des Dritten Reiches durch Entwischen zu vermindern suchte. Dafür hatten sie das Recht, die Häftlinge zu bestimmen, die zum Transport eingeteilt werden sollten, und stellten die Listen dazu mit einem Eifer auf, der über jedes Lob erhaben war ...

19


Es muß noch erwähnt werden, daß die Häftlinge, die der Häftlingsführung angehörten, auch immer die Schlauesten waren, skrupellos und wenig anständig. Um es ganz genau zu sagen: in dieser Umgebung, wo alle Rassen der Welt und alle sozialen Schichten vertreten waren, konnten sie als die liederlichsten Kerle von allen bezeichnet werden!

Und was geschah unter ihrer Führung?

Eugen Kogon sagt noch:

"Die Häftlinge haben tatsächlich nie das Wenige voll erhalten, das für sie vorgesehen war. Zuerst nahm sich die SS weg, was ihr paßte. Dann "organisierten" sich die Häftlinge, die in den Magazinen und Küchen beschäftigt waren, nach Strich und Faden ihr Teil weg. Dann zweigten die Stubendienste tüchtig für sich und ihre nächsten Freunde ab. Der Rest gehörte dem schäbigen gewöhnlichen Häftling!" (Seite 107 a. a. O.)

Es ist notwendig genau darzulegen, daß jeder, der nur einen winzigen Teil der Lagerautorität im Lager vertrat, damit gleichzeitig das Recht hatte, sich einen Teil "vorwegzunehmen": der Lagerälteste, der die Verpflegung für alle erhielt und an seine Untergebenen weitergab, der Kapo oder der Blockälteste, die zuerst sich selbst reichlich bedachten, der Vorarbeiter des Kommandos oder der Stubenälteste, die das Brot einteilten oder die Suppe in die Näpfe füllten, der Polizist, der Schreiber usw ... Es ist eigenartig, daß Kogon dies gar nicht erwähnt.

Alle diese Leute lebten von dem Ertrag ihrer Diebstähle wie die Maden im Speck und schritten mit blühendem Antlitz durchs Lager. Sie kannten keine Skrupel.

Für die Krankenstube der Häftlinge gab es in den Lagern eine Krankensonderverpflegung, die sogenannte "Diät". Als Zusatzverpflegung wurde sie sehr geschätzt, und der überwiegende Teil landete bei den Honoratioren des Lagers, bei Blockältesten, Kapos usw. In jedem Lager gab es Kommunisten oder Kriminelle, die jahrelang neben ihren weiteren Vorteilen auch noch Krankensonderverpflegung erhielten. Es war vor allem eine Frage der Beziehungen zur Krankenküche, wo nur Angehörige der im Lager herrschenden Gruppe arbeiteten — oder eine Frage der Dienste, die man dafür im Tausch bieten konnte: die Kapos der Schneiderei, der Schusterei, der Kleiderkammer, der Gerätekammer usw. lieferten gegen diese Verpflegung das, was die anderen dafür von ihnen verlangten. Im Lager Buchenwald wurden auf diesem Wege von 1939 bis 1941 fast 40 000 Eier im Lager verschoben.

Während dieser Zeit starben die Kranken, weil ihnen die Sonderverpflegung, die die SS für sie vorgesehen hatte, vorenthalten wurde. Kogon beschreibt den Mechanismus dieses Diebstahls, indem er ihn einfach als

20


eine Form des "Systems D" darstellt, das von allen Häftlingen praktiziert wurde, die mit der Lebensmittelzubereitung und -verteilung zu tun hatten. Das ist ungenau und gleichzeitig ein Zeichen des Wohlwollens gegenüber der Häftlingsführung.

Es gab also zwei Gründe, aus denen die Häftlinge vor Hunger sterben konnten, zwei Gründe, die sich ergänzten, ob es sich nun um Kranke oder Gesunde handelte, um die normale Ration oder um die Sonderverpflegung: erst bediente sich die SS und dann die Häftlingsführung, wobei noch bemerkt werden muß, daß die SS im allgemeinen sich nicht selber bediente oder nur sehr wenig nahm: sie ließen etwas für sich vorwegnehmen und wurden damit besser bedient. Es gab auch zwei Möglichkeiten, verprügelt, bzw. mißhandelt zu werden. Angesichts dieser Lage gab es wenig Häftlinge, die es nicht vorzogen, direkt mit der SS zu tun zu haben: der Kapo, der übermäßig stahl, schlug auch mehr, um der SS zu gefallen, und eine einfache Zurechtweisung seitens eines SS-Mannes zog fast immer einen Hagel von Schlägen seitens des Kapos nach sich.

Das Drama begann an der Tür zum Revier:

"War der Kranke schließlich angelangt, so mußte er zuerst in einer langen Reihe im Freien bei jeder Witterung mit blankgewaschenen Schuhen anstehen. Da es einfach nicht möglich war, alle Kranken zu behandeln, und da sich außerdem immer wieder Häftlinge unter sie mischten, die nur das an sich begreifliche Bedürfnis hatten, sich von der Arbeit zu drücken, nahm ein robuster Häftlingspförtner die erste radikale Krankenauslese vor." (Seite 130, Kogon a. a. O.)

Der Kapo, der selber nur auf Grund seiner kommunistischen Überzeugung ausgewählt worden war, wählte zum Pförtner nicht etwa einen Mann, der in der Lage war, die Kranken von den Gesunden oder die Schwerkranken von den leichteren Fällen zu unterscheiden, sondern jemanden, der schwer gebaut war und kräftig schlagen konnte. Und dieser Kapo war vom November 1941 an der frühere kommunistische Reichstagsabgeordnete Ernst Busse!

An dieser Lage hat auch die SS ihre Schuld. Eugen Kogon sagt:

"Was hinter dem Stacheldraht wirklich vorging, blieb ihr (der SS) verborgen." (Seite 275 a. a. O.)

Und später:

"Im letzten Jahre gab es in einer Reihe von Konzentrationslagern eine so durchgebildete Selbstverwaltung, daß die SS in wichtige lagerinterne Angelegenheiten keinen Einblick mehr hatte. Müde geworden, war sie nun daran gewöhnt, daß die Dinge 'von selbst

21


liefen', und ließ im Großen gesehen die Selbstverwaltung der Häftlinge in vielem gewähren." (Seite 284 a. a. O.)

Meines Erachtens kann man sich dazu nicht klarer äußern, als ich es in meinem Buch getan habe:

"Hier sei es ausgesprochen: weil die Überlebenden der KZ-Häftlingsführung uns so schamlos um unsere Kleidung und unsere Verpflegung gebracht haben, so übel behandelt, brutalisiert und in so unbeschreiblicher Weise geprügelt haben, daß — nach den Statistiken — 82 % von uns gestorben sind, darum, sehen sie jetzt in den Gaskammern das einzige, ihnen von wundertätiger Hand gereichte Mittel, mit dem sie gleichzeitig diese vielen Leichen erklären und sich selbst reinwaschen können!"

Mit dieser Feststellung will ich weder die Schuld der SS noch die der Regierung verkleinern. Die größte Schuld allerdings trifft den Krieg: zwei Kriege haben in Deutschland KZ's hervorgebracht, ebenso wie der Krieg auch die KZ's in Algerien entstehen ließ. Der Krieg ist es, der stets alle Grausamkeiten mit sich bringt; das ist weder eine Frage der Regierung noch der Partei: der Krieg bedingt in allen Ländern eine Psychose und eine Nichtachtung andersdenkender Mitmenschen. Diese Tatsache will Eugen Kogon absolut nicht einsehen. Aber seine Weigerung geht auf politische Gründe zurück. Er sagt uns:

"... Es gab nur ein Ziel: die Erhaltung einer Kerntruppe von Gefangenen gegen die SS. Wie wäre es dem Ganzen und Tausenden von Einzelnen bei Einlieferungen, bei Abtransporten, bei Strafaktionen und — last not least — zuletzt noch vor der Befreiung ergangen, wenn der Lagerschutz nicht für eine tadellose Ordnungstarnwand gegenüber der SS gesorgt hätte?" (Kogon, S. 62 a. a. O.)

und weiter:

"Wir sind nicht alle Märtyrer geworden, sondern konnten am Leben bleiben, um später als Zeugen aufzutreten."

Als ob es vor der Geschichte von so großer Wichtigkeit gewesen wäre, daß gerade Kogon und seine Gruppe als Zeugen auftreten konnten und nicht die anderen — wie Michelin aus Clermont-Ferrand, wie François de Tessan, wie Dr. Seguin, wie Crémieux, Desnos usw. — denn diese "wir", die nicht "alle Märtyrer geworden" waren, setzten sich ja nur zusammen aus den Angehörigen der bevorrechteten Klasse, aus der Häftlingsführung und nicht etwa aus der Gesamtheit der "Politischen", die doch die überwältigende Mehrzahl bildeten. Der Gedanke scheint dem angeführ-

22


ten Verfasser nicht einmal gekommen zu sein, daß die Häftlingsführung fast die gesamten Internierten hätte retten können, wenn sie sich nur dazu hätte durchringen können, selber weniger zu essen und weniger zu schlagen — und daß es nur ein großes Glück gewesen wäre, wenn heute auch diese Gesamtheit der Internierten, der Nichtbevorrechteten als Zeugen hätte auftreten können.

Nach Kogons Ansicht war man gezwungen, die "Besten" zu retten, da man die Menge nicht hätte retten können. Aber aus dem Vorhergehenden haben wir gesehen, worin die Qualitäten jener Besten, die gerettet wurden, bestanden.

Und wenn die Absicht einer solchen Auswahl schon entsetzlich war, so war es das Mittel, mit dem die Häftlingsführungen diesen weder philosophisch noch praktisch vertretbaren Zweck zu erreichen suchten, in noch viel höherem Maße. Ich meine die Bildung jener berühmten Widerstandsausschüsse in den Lagern. Außerdem ist die Darstellung, die von ihnen gegeben wird, unleugbar falsch.

Sicher, es gab in allen Lagern Zusammenschlüsse von Häftlingen, und es wurden insgeheim Gruppen gebildet: in der Masse der Häftlinge auf Grund einer gleichen Gesinnung oder einfach, um sich gegenseitig zu helfen, das gemeinsame Schicksal besser zu ertragen — in der Häftlingsführung aber auf Grund gemeinsamer Interessen, um die Macht an sich zu reißen, um die eroberten Machtpositionen zu verteidigen oder um die Macht besser ausüben zu können.

Nach der Befreiung haben die Kommunisten die Welt glauben lassen — und David Rousset hat ihre Behauptungen bestätigt —, daß es ihre kommunistische Überzeugung gewesen wäre, die sie in den Lagern zusammenschweißte, und daß sie so gehandelt hätten, wie ihre Lehre es von ihnen verlangte. In Wahrheit war es der handgreifliche Vorteil, der sie zusammenschweißte, ob es sich dabei um Verpflegungsaufbesserungen oder um Existenzsicherung handelte. In den beiden Lagern, die ich kennengelernt habe, herrschte allgemein die Ansicht, daß jeder "Ausschuß", ob politisch oder nichtpolitisch, ob kommunistisch oder nichtkommunistisch, vor allem ein Zusammenschluß von Lebensmitteldieben war.

Es ist Tatsache, daß fast ausschließlich Kommunisten gerettet wurden, und das will Eugen Kogon nicht zugeben. In seiner Doktorarbeit "Hakenkreuz gegen Äskulapstab" (Croix gammée contre Caducée) berichtet der Franzose Dr. François Bayle über folgende eigenartige Aussage Kogons in Nürnberg: Ding-Schuler, der Lagerarzt in Buchenwald, hätte ihn gebeten, sich im Falle einer deutschen Niederlage um seine (Ding-Schulers) Frau und Kinder zu kümmern.

Wenn dieser Bitte die Zusage einer ähnlichen Gegenleistung gegenüberstand — was Kogon absolut nicht zugeben wollte —, so ließe sich die

23


Stellung dieses sonderbaren Häftlings aus einem Kollaborationsvertrag erklären, dessen Konzeption und dessen Absichten weit weniger edel waren, als er jetzt bereit war zuzugeben. Irgendwelche Betrachtungen über diese Hypothese müßten rein spekulativer Natur bleiben. Wir wollen uns darum an dieser Stelle auf die Feststellung beschränken, daß die Zusammenarbeit zwischen Kogon und dem SS-Arzt Ding-Schuler eingestandenermaßen eindeutig freundschaftlich und oft intim war. Es bestand auch eine Zusammenarbeit zwischen Kogon und der kommunistischen Partei (wie er selber auf Seite 163 der frz. Ausgabe seines Buches "Der SS-Staat" zugibt) und eine Zusammenarbeit der SS und der kommunistischen Partei ... Der Preis, den die Masse der Häftlinge dafür bezahlen mußte, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Alle Kommunisten und ihre Freunde gehörten der Lagerprominenz an — also Kogon auch — und wurden mit Hilfe der SS gerettet.

Nach dem Kriege hat Kogon das Spiel der Kommunisten zuerst weiter mitgespielt. Und heute spielt er das Spiel der Amerikaner, aber das ist zu spät: das Übel ist getan. Übrigens spielt er das Spiel der Amerikaner schlecht, weil er mit seinen Angaben über die KZ's der beste Helfer der Kommunisten bleibt. So sitzt er also zwischen zwei Stühlen ... wie im Lager! Ich will noch etwas über seine Methode sagen: Um seiner Zeugenaussage das Ansehen der Wahrheit zu verleihen, hat er wie folgt gearbeitet:

"Um gewisse Befürchtungen zu zerstreuen, der Bericht (so bezeichnet er sein Buch 'Der SS-Staat' P. R.) könnte sich zu einer Art Anklageschrift gegen führende Lagerinsassen gestalten, las ich ihn Anfang Mai 1945, soweit er damals bereits fertiggeschrieben war — es fehlten von insgesamt zwölf nur mehr die letzten zwei Kapitel — einer Gruppe von 15 Männern vor, die entweder der illegalen Lagerleitung 3) angehört hatten oder für bestimmte Häftlingsgruppen repräsentativ waren. Sie billigten den Inhalt als zutreffend und objektiv.

Die Teilnehmer der Vorlesung waren:

  1. Walter Bartel, Kommunist aus Berlin, Vorsitzender des Internationalen Lagerausschusses.
  2. Heinz Baumeister, Sozialdemokrat aus Dortmund, der jahrelang der Schreibstube in Buchenwald angehört hatte als zweiter Sekretär vom Block 50.


3) Wenn Eugen Kogon die Häftlingsführung bezeichnen will, nennt er sie manchmal die "illegale Lagerleitung", manchmal die "geheime Lagerleitung". In Wahrheit sind beide Bezeichnungen irreführend: nichts war weniger illegal, nichts weniger "geheim" als die Häftlingsführung.

24


  1. Ernst Busse, Kommunist aus Solingen, Kapo des Häftlingsreviers.
  2. Boris Banilenko, Führer der ukrainischen Jungkommunisten, Mitglied des Russischen Ausschusses.
  3. Hans Eiden, Kommunist aus Trier, Erster Lagerältester.
  4. Baptist Feilen, Kommunist aus Aachen, Kapo der Wäscherei.
  5. Franz Hackel, linksgerichteter Parteiloser aus Prag, einer unserer Freunde aus dem Lager, der keinen Posten innehatte.
  6. Stephan Heymann, Kommunist aus Mannheim, Mitglied des Lager-Nachrichtenbüros.
  7. Werner Hilpert, Zentrumsmitglied aus Leipzig, Mitglied des Internationalen Lagerausschusses.
  8. Otto Horn, Kommunist aus Wien, Mitglied des österreichischen Ausschusses.
  9. A. Kaltschin, russischer Kriegsgefangener, Mitglied des Russischen Ausschusses.
  10. Otto Kipp, Kommunist aus Dresden, stellvertretender Kapo des Häftlingsreviers.
  11. Ferdinand Römhild, Kommunist aus Frankfurt/Main, erster Sekretär des Häftlingsreviers.
  12. Ernst Thape, Sozialdemokrat, Leiter des Deutschen Ausschusses.
  13. Walter Wolff, Kommunist, Leiter des Lagernachrichtenbüros."

(Aufgeführt auf S. 20 und 21, Kogon, a. a. O.)

Diese gewissermaßen als Einleitung dienende Erklärung genügt für sich allein schon, um die ganze Zeugenaussage in ein verdächtiges Licht zu rücken: "Um gewisse Befürchtungen zu zerstreuen, der Bericht könnte sich zu einer Art Anklageschrift gegen führende Lagerinsassen gestalten ..."

Eugen Kogon hat es also vermieden, von irgendwelchen Dingen zu berichten, die die Häftlingsführung belasten könnten: kein Historiker würde eine solche Aussage je akzeptieren können. Im Gegenteil, es muß die Überzeugung entstehen, daß er durch seine Handlungsweise eine Dankesschuld getilgt hat gegenüber jenen Leuten, die ihm einen überaus ruhigen Posten im Lager besorgt haben — und daß er jetzt mit diesen Leuten gemeinsame Interessen gegenüber der öffentlichen Meinung zu verteidigen habe.

Obendrein mahnt die Zusammensetzung der Gruppe, die sich entschlossen hat, "das Zutreffen und die Objektivität" zu bescheinigen, auch noch zur Vorsicht. Alle sind Kommunisten oder Kommunistenfreunde (sogar diejenigen, die als Sozialdemokraten, Parteilose oder Zentrumsmitglieder bezeichnet werden) und, falls zufälligerweise einer eine

25


Ausnahme machte, so kann es sich dabei nur um jemanden handeln, der sich den Dank der Gruppe verdient hat. Schließlich ist die Liste eine Aufzählung der führenden Persönlichkeiten der Häftlingsführung in Buchenwald: Lagerältester, Kapos usw ...

Meines Erachtens sind die Titel, mit denen sie sich hier geschmückt sehen (Vorsitzende oder Mitglieder dieses oder jenes Ausschusses), entweder nicht ernst zu nehmen oder pure Phantasie: sie haben sich gegenseitig diese Bezeichnungen verliehen, entweder in dem Augenblick, als die Amerikaner das Lager befreiten oder sogar nachträglich. Und ich möchte mich nicht weiter mit der wirklichen Bedeutung dessen beschäftigen, was hier als "Ausschuß" bezeichnet wird. Ich habe diese Angelegenheit schon vorher zu Fall gebracht. Jedenfalls gebrauchen diese Leute die Bezeichnung, und es ist ihnen auch gelungen, diese von der Öffentlichkeit anerkennen zu lassen, wobei die Mitglieder der "Ausschüsse" wahrhaft noble Begründungen vorbrachten.

Ich meine, daß diese Leute recht viel Glück hatten, als sie in Eugen Kogon einen Mann fanden, dessen gewandte Feder sie in den Augen der Nachwelt von aller Verantwortung befreite.

*         *
*

Es ist nicht möglich, diesen Vortrag zu halten und zu Ende zu führen, ohne die Frage der Gaskammern zu behandeln. Die Gaskammern waren und sind noch immer das große Geheimnis des zweiten Weltkrieges! Gab es sie oder gab es sie nicht? Und wenn es sie gab, wieviel waren es, und wieviel Menschen sind auf diesem Wege ums Leben gebracht worden? Das sind die zwei wichtigsten Fragen.

Ich habe keine Gaskammern gesehen. Eugen Kogon hat auch keine gesehen. Trotzdem hat er geantwortet: es gab Gaskammern. Und er hat sie genau beschrieben und detaillierte Angaben gemacht, wobei er sich auf die Zeugenaussage

"eines jungen Juden aus Brno, Janda Weiß beruft, der 1944 dem Sonderkommando (des Krematoriums und der Gaskammern), angehört hat, von dem die folgenden Einzelheiten stammen, die übrigens von anderen Personen bestätigt werden." (Kogon, a. a. O. S. 155.)

Dieser Zeuge ist natürlich gestorben, und Eugen Kogon ist der einzige, der ihn getroffen hat. Mehrere andere Zeugen haben erklärt, daß

26


sie die Gaskammern gesehen hätten. Ihre Aussagen sind so voller Widersprüche, daß man nicht umhin kann zu sagen, daß sie lügen.

Es steht übrigens fest, daß kein lebender KZ-Internierter gesehen hat, daß mit diesem Mittel Menschenvernichtungen vorgenommen wurden. Das habe ich hundertmal festgestellt und habe die Unbesonnenen, die das Gegenteil behaupteten, in der Öffentlichkeit der Lüge überführen können. Ich könnte Ihnen viele Beispiele aufführen, will aber hier nur das berühmteste zitieren: Einer meiner Mithäftlinge, der Abbé Jean-Paul Renard, berichtet:

"Ich habe Tausende und Abertausende unter die Duschen gehen sehen, aus denen sich dann statt Wasser Erstickungsgase über sie ergossen ..."

In Wirklichkeit hat der Abbé Jean-Paul Renard nichts von alledem gesehen, da es ja weder in Buchenwald noch in Dora Gaskammern gegeben hat ... Als ich ihn Anfang 1947 darauf aufmerksam machte, antwortete er:

"Zugegeben, aber dies ist doch nur eine literarische Wendung, und da die Dinge doch irgendwo vorgekommen sind, ist es kaum von Bedeutung."

Ferner ist entscheidend, daß die gesamte Literatur über die KZ-Lager ebensowenig wie das Nürnberger Gericht in der Lage war, auch nur ein einziges schriftliches Dokument beizubringen, aus dem hervorging, daß in den deutschen KZ's auf Anordnung der Regierung Gaskammern mit der Absicht, sie zur Massenvernichtung von Häftlingen zu verwenden, eingerichtet worden seien. Trotzdem gibt es immer wieder Leute, die sagen, daß sie Zeuge gewesen seien. Aber sie wiederholen immer nur das, was in dem zuletzt veröffentlichten "Zeugenbericht" gesagt wird, nämlich in dem Buch: "Der Lagerkommandant von Auschwitz spricht":

"Im Sommer 1941 wurde ich plötzlich zum Reichsführer befohlen und erhielt von ihm den mündlichen Befehl, Gaskammern zu bauen." (Seite 226 der frz. Ausgabe.)

Aber auf Seite 227 sagt dasselbe Buch:

"Ich habe ihm einen detaillierten Entwurf eingereicht über die geplanten Anlagen, habe aber nie eine Antwort oder eine Entscheidung in diesem Zusammenhang erhalten".

"Die Gaskammern sind aber doch gebaut worden" —

sagt Hoess (oder man läßt es ihn sagen)

27


"weil Eichmann mir etwas später nebenbei mündlich (immer mündlich!) mitteilte, daß der Reichsführer einverstanden sei." (Seite 227 a. a. O.)

Wenn man diesem Zeugen glauben darf, so hätte Himmler also nie einen Befehl zur Errichtung von Gaskammern erteilt! Das wird jetzt von den Kommunisten selber gesagt, bzw. wird von ihnen als Tatsache akzeptiert, da sie es ja gewesen sind, die dieses Buch herausgegeben haben. (Die Dokumente zu diesem Buch stammen aus Polen.)

In dem Zusammenhang möchte ich noch eine andere Geschichte erzählen, die einen weiteren angeblichen Befehl Himmlers betrifft, über den die KZ-Literatur sehr ausführlich berichtet: den Befehl, alle Lager beim Herannahen der alliierten Truppen in die Luft zu sprengen und damit also die gesamten Häftlinge, einschließlich der Bewachungsmannschaften umzubringen.

Der leitende Arzt des Lagerkrankenreviers in Dora, Dr. Plaza, bestätigte sofort nach seiner Festnahme, daß dieser Befehl tatsächlich ergangen sei — und kam mit dem Leben davon. Vor dem Nürnberger Gericht warf man dies den Angeklagten vor, aber sie stritten alle die Richtigkeit ab. Und in der französischen Zeitung "Le Figaro Littéraire" vom 6. Januar 1951 konnte man folgendes lesen (der Aufsatz hatte die Überschrift: "Ein Jude verhandelt mit Himmler" und war unterzeichnet von Jaques Sabille):

"Dank dem Drucke, den Günther über Kersten auf Himmler ausübte, ist der kannibalische Befehl, die Lager beim Herannahen der alliierten Truppen mit ihren Bewachungsmannschaften in die Luft zu sprengen, nie befolgt worden."

Was also bedeutet, daß dieser Befehl, den angeblich alle Dienststellen erhalten haben sollen, und der mit ausführlichstem Kommentar versehen worden ist, in Wahrheit nie erteilt wurde.

In dem Buch, das Hoess zugeschrieben wird, ist auch die Beschreibung einer Vergasung enthalten. Sie wäre "mit einem Insektenvernichtungsmittel, dem Cyclon B", erfolgt. Also mit einem Insektenvernichtungsmittel, wie im Ernst gesagt wird! Und was ist denn dieses Cyclon B? Auf Seite 228 sagt das obengenannte Buch:

"Cyclon B liegt in Form von blauen Kieseln vor, die in Kästen geliefert werden, und aus denen sich unter der Einwirkung von Wasserdampfstrahlen ein Gas entwickelt."

Und auf Seite 236 heißt es:

"Die Entkleidungsräume und die Gaskammern konnten auch als Duschräume verwendet werden."

28


Wenn es aber stimmt, daß Himmler nie den Befehl gegeben hat, Gaskammern zu bauen — wie auf Seite 227 gesagt wird — dürfte es dann nicht eher so gewesen sein, daß die Duschräume als Gaskammern Verwendung gefunden hätten?

Es fällt auf, daß zum ersten Mal in der KZ-Literatur die Gaskammern offiziell so dargestellt werden, daß sie eine erstaunliche Ähnlichkeit mit Duschräumen aufweisen. Und es ist auch das erste Mal, daß das verwendete Gas sehr genau beschrieben wird, wobei es sich offenbar um ein Gas handelt, das nur verwendet werden kann, wenn die Gaskammern wie Duschräume ausgestattet sind. Es hat zwölf Jahre gedauert, bevor diese Einzelheiten zur Veröffentlichung gelangten. Weder Eugen Kogon nach David Rousset noch der ungarische Kommunist Miklos haben sie erwähnt. Vielleicht wird es nach weiteren zwölf Jahren endlich "Zeugenberichte" geben, die in jeder Hinsicht zusammenhängend sind. Dazu ist es nur erforderlich, daß die Russen sich endlich entschließen, in den "Werkstätten", wo von früh bis spät die Geschichte "korrigiert" wird, nur noch wirklich qualifizierte Geschichtsfälscher zu beschäftigen.

Man muß allerdings zugestehen, daß sie schon Fortschritte gemacht haben, vor allem, wenn man berücksichtigt, daß sie es fertiggebracht hatten, im Jahre 1947 im Ärzteprozeß das Dokument P. S. 1553 R. F. 350 vom Nürnberger Gericht als echt anerkennen zu lassen. Dieses Dokument wurde dem Gericht von dem Verwandten eines Zeugen vorgelegt, der selber die Klugheit besessen hatte, unmittelbar nach der Niederschrift Selbstmord zu begehen. Es wurde in der Nr. 2/1953 der "Vierteljahreshefte für Neuere Geschichte" und danach in der schwedischen Zeitung "Dagens Nyheter" (am 16. 7. 1953) veröffentlicht.

In diesem Dokument wird behauptet, daß die Juden in Gruppen von 750 bis 800 in Gaskammern umgebracht worden wären, die eine Bodenfläche von 25 qm und eine Höhe von 1,80 m gehabt hätten. Bei dem verwendeten Gas hätte es sich damals um die Auspuffgase eines Dieselmotores gehandelt!

Und der Zeuge fügte noch hinzu, daß die in den Kammern zusammengedrängten 750 bis 800 Menschen genau nach der Stoppuhr drei Stunden gebraucht hätten um zu sterben. Wirklich ein Bild, vor dem noch den Historikern der Zukunft grausen wird, wenn sie sich mit den sonderbaren "Dokumenten" befassen, die das Nürnberger Gericht ernstgenommen hat.

*         *
*

29


Ich möchte nun zwei kurze Dokumente aus dem Buch "Der Kommandant von Auschwitz spricht" kommentieren. Der erste Abschnitt lautet:

"Ende November 1940 wurde ich zum ersten Mal zum Reichsführer gerufen und erhielt den Auftrag, eine Erweiterung des gesamten Lagergebietes vorzunehmen. Es handelte sich um den Aufbau von Birkenau (Auschwitz 2), dem die Zusammenfassung aller Horowitzer Kommandos zur Errichtung eines Lagers für die I. G. Farben (Auschwitz 3) folgen sollte. Der Bau von Auschwitz 4 wurde durch die Niederlage Hitlers unterbrochen." (Seite 121.)

Meines Wissens ist dies das erste Mal, daß die KZ-Literatur erklärt, das im Kriege stehende Deutschland hätte geplant, auch ein Lager für die I. G. Farbenindustrie einzurichten, wie es das bereits für viele andere Industrien getan hatte. Also ein Lager, in dem die Benutzung von Gas unumgänglich war — und zwar zur Herstellung von Farben und einer gewissen Zahl von anderen chemischen Produkten — nicht etwa für die Vernichtung von KZ-Häftlingen!

Aber die Vergasung von KZ-Häftlingen — was ist damit?

Vielleicht hat es das gegeben — und wenn das der Fall gewesen sein sollte, so wird man zugeben müssen, daß es auf einen oder zwei Verrückte unter der SS und auf einen oder zwei Angehörige einer Häftlingsführung zurückgeht, die diesen Verrückten einen Gefallen tun wollten. Oder auch umgekehrt: auf einen oder zwei Leute aus der Häftlingsführung, die sich der erkauften oder auch nicht erkauften Mittäterschaft eines oder zwei besonders sadistischer SS-Angehöriger versichert hatten.

Heute — ich bemerkte dies schon — spricht man nur noch von jenen Gaskammermorden, die in Auschwitz in der jetzt russisch besetzten Zone stattgefunden haben sollen, und man legt dazu Unterlagen vor, die niemand nachprüfen kann. Es ist übrigens einwandfrei beweisbar, daß die Zeugenaussagen, die uns von dort zugesandt werden, sich gegenseitig widersprechen (Hoess widerspricht Miklos und Kogon) — ferner stecken sie voller Unwahrscheinlichkeiten und widersprechen sogar sich selbst von einer Seite zur anderen. Ein Beispiel: In "Der Lagerkommandant von Auschwitz spricht" heißt es:

"Der Reichsführer hat den Befehl gegeben, alle Juden zu vernichten." (Seite 225)

und

"Der Reichsführer wollte immer mehr Häftlinge, spezielle oder andere (d. h. Juden oder andere) für die Arbeit in der Rüstungsindustrie haben." (Seite 189.)

30


Es ist schwer zu verstehen, wieso Himmler einerseits "immer mehr Häftlinge, Juden oder andere" für die Rüstung verlangen konnte, wenn andererseits von ihm gesagt wird, er hätte immer mehr von ihnen durch Gas umbringen lassen wollen!

Man soll nur nicht denken, daß das Buch etwa zu schnell geschrieben worden wäre, und es sich also um Flüchtigkeitsfehler handelte. Zwölf Jahre hätten doch eigentlich reichen sollen!

Nun will ich natürlich nicht behaupten, daß ich die absolute Wahrheit gepachtet hätte. Wir suchen alle nur nach der Wahrheit, und das einzige, was ich tun konnte, war, Ihnen einen Weg zu zeigen, der zur Wahrheit führt und von einem anderen Weg zu beweisen, daß er nicht dahin führen kann.

*         *
*

Endlich will ich noch eine letzte Frage aufwerfen: Warum wurde nur Deutschland angeklagt, und warum fährt man fort, nur Deutschland immer wieder anzuklagen? Kurz nach der Einstellung der Feindseligkeiten erfuhr die Welt vom Bestehen der deutschen Konzentrationslager — gleichzeitig erfuhr auch das deutsche Volk davon. Die Menschheit reagierte mit einem einzigen Aufschrei: noch nie hätte es etwas Derartiges gegeben! Nur der teuflische deutsche Geist wäre imstande, solche Schrecken auszudenken. Es fiel damals niemandem auf, daß die lautesten Entrüstungsschreie von den Kommunisten kamen.

Meines Erachtens war das kommunistische Manöver leicht zu durchschauen: indem sie die Schrecken der deutschen Lager nachdrücklichst überall verkündeten, glaubten sie, die Aufmerksamkeit der Welt von den 20 Millionen Menschen ablenken zu können, die in kommunistischen Lagern schmachteten unter Lebensbedingungen, die — wie die jetzt veröffentlichten Erlebnisberichte einiger Davongekommener (vor allem der Margarete Buber-Neumann) eindeutig beweisen — noch schlimmer waren als die, welche wir in den deutschen Lagern erleiden mußten.

Die Kommunisten verfolgten aber mit der ununterbrochenen Reihe ihrer auf den Aussagen des David Rousset und des Eugen Kogon gestützten Greuelpublikationen noch ein weiteres Ziel. Ihrer Ansicht nach war nichts geeigneter, die Spaltung zwischen den Westmächten zu verewigen als das Leitmotiv aller kommunistischen Veröffentlichungen, das "Vergeßt es nie!" lautete. Denn sie wissen sehr wohl, daß es keine Einigkeit in der westlichen Welt geben kann, wenn Frankreich und Deutschland nicht zusammenstehen. Erst heute kommt man dahinter, daß die Kommunisten in diesem zweiten Punkt ihr Ziel erreicht haben

31


und beginnt zu begreifen, daß ihre Schilderung deutscher Konzentrationslager ihnen dabei sehr geholfen hat.

Die Kommunisten haben noch ein anderes Ziel erreicht: die westliche Welt hat ihre Seele und ihre Kultur verloren! Wenn die westliche Welt ihre Seele wiederfinden und den Weg gehen will, der zur Rettung führt, muß sie sich vor allem voll und ganz zur geschichtlichen Wahrheit bekennen. Ohne die geschichtliche Wahrheit gibt es keine westliche Seele, und ohne westliche Seele keine Verteidigung gegen den Kommunismus und keine Rettung. Es muß gesagt werden: diese westliche Welt kann nicht mehr leben in einer Wahrheit, die nur eine politische Wahrheit und daher wie jede politische Wahrheit voller Lügen ist.

Hierzu lassen Sie mich noch ein Wort sagen und damit schließen: Ich habe niemals verstanden und werde niemals verstehen, warum das deutsche Volk bisher noch nicht die Bildung eines Komitees unabhängiger Historiker gefordert hat, welches alle Angaben und Aussagen über diese Geschehnisse gründlichst auf ihren Tatsachengehalt hin untersuchen soll.

Wenn ich einen Rat zu geben hätte, so wäre es folgender: die politischen Parteien können ein solches Komitee nicht bilden, sie können sein Wirken höchstens fördern — wenn sie das wollen. Aber eine "Gesellschaft zur Pflege der historischen Wahrheit" könnte das. Sie müssen diese Gesellschaft ins Leben rufen, sonst wird man überall in der Welt so denken können, wie dies in einem Artikel zum Ausdruck kam, den ich der größten französischen Zeitung "Le Figaro" (9. 2. 1960) entnahm:

"Neulich war ich Zeuge, als der Rektor der Freien Universität Berlin in einem mit Studenten dicht gefüllten Hörsaal diesen jungen Menschen die Jahre der deutschen Schande wieder ins Gedächtnis rief. Er fand scharfe Worte, und der Ton seiner Stimme verriet, daß er meinte, was er sagte.

Ich betrachtete diese jungen Männer und Frauen, die schweigend seine Worte entgegennahmen — oder, um es genauer zu sagen: die diese Bürde entgegennahmen. Und ich empfand eine leise Trauer und eine gewisse Verlegenheit. Jene Vergangenheit lastet grausam auf dem Denken dieses Volkes, und ich glaube, daß es nicht richtig ist, daß Zwanzigjährige mit einem derart beschwerten Gewissen ins Leben treten müssen.

Ich hatte mich lange gefragt, was jenes gewisse Schweigen des intellektuellen Deutschland eigentlich bedeutet — jenes Schweigen, das uns heutzutage, da eine neue Generation die des Krieges ablöst, das Leben in Deutschland sich wieder normalisiert hat, und auf dem materiellen Gebiet die Ordnung wiederkehrte, noch ungewöhnlicher erscheint.

32


Wenige Schriftsteller und Dichter, noch weniger Essayisten, nicht ein einziger Dramatiker, dessen Werke über die Grenzen dringen, eine Musik, die man selten hört, eine Malerei, die wenig Eigenes zeigt ... Ich begann den Anfang einer Antwort auf meine Fragen zu erahnen beim Anblick dieser artigen Jugend, die mit überschlagenen Armen das ganze Jahr lang, in jeder Stunde für Gegenwartsgeschichte hören muß und in einem großen Teil der ausländischen Literatur lesen muß, daß ihre Vorgänger und ihre nächsten Verwandten Unwürdige waren, daß die Schande in dieser Generation kaum ein Ende findet und ihnen allen diesen jungen Menschen so nahe ist, daß auch sie noch vom Argwohn der Welt getroffen werden.

Und da glaube ich, jene Religion des "Wirtschaftswunders" besser zu verstehen, jenen Hang zum Komfort, der zu einer gewissen Amerikanisierung der deutschen Großstädte geführt hat.

Der Deutsche sagt sich, daß er, indem er den Eisschrank wählt, jedenfalls sicher sein kann, nicht eines Tages aufzuwachen als Verbrecher gegen die Menschlichkeit."

Ich stelle fest: diese Aussage kommt von einem anderen französischen Schriftsteller — aber ich denke wie er! Die Lage, die er schildert, kann lange anhalten. Ihre Zeitdauer wird bestimmt davon, ob Sie in Deutschland, vor allem die jüngere Generation, sich zu dem Entschluß durchringen, an der Feststellung der Historischen Wahrheit selbst zu arbeiten.

Zum ersten Mal mußte dieser Vortrag am 24. März 1960 vorgelesen werden, da ich kurz vor Beginn der Veranstaltung zu einer Vernehmung bestellt worden war. Herr Kogon war eingeladen. Und was geschah? Herr Kogon kam nicht. Der Vortrag konnte nur teilweise zur Verlesung kommen; er wurde kurz nach Beginn der Veranstaltung polizeilich verboten. So gab es zwischen Herrn Kogon und mir einen Briefwechsel, welcher im zweiten Teil wiedergegeben wird ...

33


Zurück zum Inhaltsverzeichnis
Zum nächsten Abschnitt
Zurück zum Archiv