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Verlag Einschreiben Herrn | ||
| Hochschulstraße 1 | Wiesbaden, den 18. März 1960 | |
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Sehr geehrter Herr Professor, auf Anregung meines Verlages wird Herr Prof. Paul Rassinier, Autor des Buches "Die Lüge des Odysseus", eine Vortragsreihe in Westdeutschland durchführen und im Rahmen derselben am 25. März 1960, abends 20 Uhr, in dem Vortragshaus "Patriotische Säle" in Hamburg, Trostbrücke 6, sprechen. Es ist der ausdrückliche Wunsch des Vortragenden, Herrn Prof. Paul Rassinier, daß ich Ihnen seine Bitte übermittele, Ihrerseits Gelegenheit zu nehmen, mit ihm im Anschluß an seinen Vortrag und vor den Zuhörern in eine Aussprache einzutreten, die vielleicht Gelegenheit geben könnte, die schon in einem früheren Briefwechsel zwischen Ihnen und Herrn Rassinier 1) zum Ausdruck gelangten unterschiedlichen Auffassungen und Angaben zum gleichen Thema (zur Ausführung gelangt in | ||
1) Das war ein Irrtum von Herrn Priester. In meiner Antwort an Herrn Eugen Kogon ist dieser Irrtum erklärt. P. R.
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Ihrem Buch "Der SS-Staat" und im Buch von Prof. Rassinier "Die Lüge des Odysseus") näher zu erläutern, bzw. zu begründen und u. U. zu klären. Sollten Umstände bestehen, die es Ihnen unmöglich machen, diese Aussprache mit Herrn Prof. Rassinier in Hamburg zu führen, bin ich selbstverständlich dazu bereit, Ihnen unverzüglich die Angaben zu übermitteln, an welchen weiteren Orten Herr Prof. Rassinier in der Zeit vom 25. März bis 5. April 1960 referieren wird, so daß die Gelegenheit zur Auswahl des Ihnen günstig erscheinenden Tages für diese öffentliche Aussprache erleichtert werden könnte, und zeichne ich | |
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Professor Dr. Eugen Kogon Ordinarius für wissenschaftliche Politik an der Technischen Hochschule Darmstadt |
Falkenstein (Taunus), 28. März 1960 Reichenbachweg 21 Haus Bornwiese |
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Herrn Sehr geehrter Herr Rassinier, Am 26. März von einer Reise zurückgekehrt, fand ich in meinem Institut an der Technischen Hochschule Darmstadt einen eingeschriebenen Brief des Verlages Karl Heinz Priester, Wiesbaden, vor, datiert mit dem 18. März 1960, worin mir mitgeteilt wird, daß Sie am 25. März abends 20 Uhr in Hamburg einen Vortrag halten und den Wunsch geäußert haben, im Anschluß daran vor den Zuhörern in eine Aussprache einzutreten, "die vielleicht Gelegenheit geben könnte, die ... unterschiedlichen Auffassungen und Angaben zum gleichen Thema (zur Ausführung gelangt in Ihrem Buch 'Der SS-Staat' und im Buch von Prof. R. 'Die Lüge des Odysseus') näher zu erläutern bzw. zu begründen und u. U. zu klären". Diese Mitteilung an mich kam, wie Sie sehen, zu spät. Der Fall ist als Möglichkeit vom Verlag vorausgesehen worden; daher wurde mir im gleichen Schreiben eröffnet, man sei bereit, mir "unverzüglich die Angaben zu übermitteln, an welchen Orten Herr Prof. Rassinier in der Zeit vom 25. März bis zum 5. April 1960 referieren wird", um es eben doch noch zu einer "öffentlichen Aussprache" kommen zu lassen. Auch dies ist unmöglich, weil ich morgen eine seit langem für die Semestervorlesungsferien geplante vierzehntägige Auslandsreise antrete. Aber ich möchte Ihnen immerhin schreiben, so bedrängt ich in der Zeit auch bin; zu gut kenne ich ja die billige Methode, andere ins Unrecht zu setzen, weil sie auf Termine, die für sie willkürlich sind, nicht reagieren konnten oder wollten. Erlauben Sie mir, daß ich der Einfachheit halber meine Bemerkungen punktweise zusammenfasse. | |
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1. Der Verlag spricht in seinem Brief von einem "früheren Schriftwechsel", der zwischen Ihnen und mir bereits stattgefunden haben soll. Würden Sie, bitte, die Freundlichkeit haben, meinem Gedächtnis nachzuhelfen: ich wüßte nicht, wann ich mit Ihnen korrespondiert haben sollte. 2. Vom Inhalt Ihres Buches "Die Lüge des Odysseus" habe ich jedenfalls erst durch die deutsche Übersetzung Kenntnis erhalten. Das mich speziell betreffende Kapitel habe ich im November 1959, bei enormem Arbeitsandrang, überflogen und es einem Juristen zur Beurteilung gegeben, der es aber liegengelassen hat, bis ich das Exemplar Anfang März 1960 wieder abholte, weil ich gehört hatte, daß man den Text in einem Münchener Strafverfahren, das bevorstand und in dem ich als Nebenkläger zugelassen war, gegen mich auszuspielen beabsichtigte. Ich las hierauf das ganze Buch von A bis Z. 3. Ich habe es mit gewohnter "Genauigkeit und Kleinlichkeit" getan, die Sie etwas ironisch-tadelnd als eine meiner Qualitäten hervorheben (Seite 20 und Seite 163 der deutschen Übersetzung Ihres Buches). Dabei habe ich, was nicht ohne weiteres sondern nur nebenher und verschleiert berichtet wird, festgestellt, daß Sie
Und daraus leiten Sie die Berechtigung ab, gegen mich aufzutreten! Aufgrund Ihrer eigenen Erfahrung! (Ich habe auch alle Ihre Angaben, was "Dora" betrifft, zu Ihrer Person genauestens — nicht interpretiert, sondern analysiert (Seite 193), aber nichts gefunden, was Ihnen die Legitimation gäbe, mich und meine KL-Darstellung zu disqualifizieren.) 4. Die Darstellung, die Sie auf den Seiten 199 bis 235 Ihres Buches geben, kann ich nur in hohem Maße unverantwortlich und, was ich Ihnen eigentlich nicht zugetraut hätte, unehrlich nennen. Unverantwortlich, weil in einer Reihe von wichtigen Punkten nachweislich falsch oder entstellend, vor allem aber unehrlich, weil geradezu überquellend von persönlichen Insinuationen, die gleichwohl nicht als Tatsachen-Behauptungen vorgebracht werden. Der Charakter der "Vermutung aus den Umständen" ist es, der diesen Typus der Polemik zur gerichtlich nicht angreifbaren Gemeinheit stempelt. Welche Niedrigkeit allein in der Fußnote 27 auf Seite 234; oder im vorletzten Abschnitt der Seite 242 |
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— und dies, obgleich es auf Seite 199 im ersten Satz heißt: "Ich kenne Eugen Kogon nicht"! Ihr Verleger hier erweckt den Anschein, als ob Sie Hochschulprofessor wären. Ich jedenfalls bin es in einem ordentlichen Berufungsverfahren aufgrund meiner wissenschaftlichen Leistungen geworden. Sollte das auch bei Ihnen zutreffen, so bitte ich, mir bekanntzugeben, an welcher Hochschule Sie tätig sind, damit ich zwischen uns beiden ein akademisches Ehrenverfahren beantragen kann. (Ich stelle die Frage lediglich, weil ich Ihnen gerichtlich kaum beikommen kann, denn zum einen sind Sie Ausländer, zum anderen insinuieren Sie ja "nur" mit Hilfe von "Werturteilen", die zum Recht des Kritikers gehören. Ich an Ihrer Stelle würde mich verdammt schämen, solche Methoden anzuwenden und dann im Mantel der Objektivität als Wahrheitsapostel aufzutreten. Sie können über die Sache sagen, was Sie wollen, wissen oder meinen, aber doch nicht, wenn Sie ein anständiger Publizist bleiben wollen, über Personen ohne den Schimmer eines konkreten, individuellen Tatsachennachweises). 5. Ein Schöffengericht in München hat am 17. März 1960 den Journalisten Risse und den Politiker Meißner wegen übler Nachrede und Beleidigung, begangen unter anderm gegen mich, nach dreitägiger Verhandlung zu je sechs Monaten Gefängnis mit fünfjähriger Bewährung — und zu einigen weiteren Strafen — verurteilt. Gegenstand der Anklage war unter anderm die Behauptung:
Ich möchte Ihnen dieses Urteil immerhin zur Kenntnis bringen, obgleich ich kaum hoffen kann, daß noch irgendetwas auf Sie Eindruck macht, was Ihrer ausfälligen Selbstgerechtigkeit in die Quere kommt. (Meinen Sie ernstlich, es ließen sich nicht auch Ihnen entehrende Motive unterschieben — mit dem schäbigen Hinweis: Er schreibt doch selbst ...! Dann lesen Sie nach, was auf Seite 110 Ihres Buches 1. Hälfte oder zu Beginn der 2. Hälfte auf Seite 127 steht! Natürlich, selbstverständlich, klar, bei Ihnen war das ganz etwas anderes ... Herrn Kogon kennen Sie zwar nicht, aber beschmieren dürfen Sie ihn, damit Ihre Argumentation besser paßt.) |
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6. Ihrem deutschen Verleger wird mein Rechtsanwalt schreiben. Herr Priester ist glücklicherweise kein Ausländer, und bald wird er sich nicht mehr darauf berufen können, daß er etwa guten Glaubens gehandelt habe. Der Verlagsfußnoten zu Ihrem Buch tun ein Übriges. Das also wäre es. Ich weiß nicht, wo Sie noch überall in Deutschland und vor wem Ihr als Wahrheit und Wohltat und internationale Versöhnung etikettiertes Gift gegen mich verspritzen werden. Möge es Ihnen selbst niemals zum Unheil ausschlagen; jeder Tag, den Sie in Buchenwald und "Dora" zugebracht haben — wie immer —, war schon zuviel. gez. Eugen Kogon |
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Paul Rassinier 36, rue Bapst, 36 Asnières (Seine) |
Asnières, den 5. Mai 1960 |
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Herrn Sehr geehrter Herr! Um zu verhüten, daß meine unzureichenden Kenntnisse der deutschen Sprache zu Mißverständnissen führen könnten, die in einer so wichtigen Auseinandersetzung bedauerliche Folgen nach sich ziehen könnten, habe ich es vorgezogen, Ihr Schreiben vom 28. 3. erst wortwörtlich ins Französische übersetzen zu lassen, um Ihnen erst nach dem zu antworten. Aus diesem Grunde habe ich Ihren Brief sofort nach Erhalt (d. h. am 4. April dieses Jahres) Herrn Priester wieder zugehen lassen mit der Bitte, die Übersetzungsarbeit einem guten Übersetzer anzuvertrauen. Inzwischen erkrankte Herr Priester schwer und starb am 16. April, so plötzlich, daß er meinen Wunsch nicht mehr erfüllen konnte. Seine schwergetroffene Familie konnte sich erst nach einiger Zeit wieder um Dinge kümmern, die nicht direkt mit dem Verlust zusammenhingen, den Brief aus den Papieren heraussuchen und ihn übersetzen lassen. Hieraus ergab sich eine erste Verzögerung, zu der dann noch eine zweite kam: um von vornherein jegliche Meinungsverschiedenheit über den Inhalt und die Bedeutung meiner Antwort auszuschalten, habe ich es vorgezogen, diese Antwort in meiner eigenen Sprache zu denken und niederzuschreiben, sie dann, Ihrer Bequemlichkeit halber, ins Deutsche übertragen zu lassen und Ihnen sowohl Original wie Verdeutschung zu übersenden. Allein schon aus Anstandsgründen meine ich, Ihnen diese Erklärung geben zu müssen für die eingetretene Verzögerung, die Sie sonst vielleicht versucht sein könnten, in einem ganz anderen Sinne zu deuten. Ich gestatte mir weiter hinzuzufügen, daß ich, gleichfalls aus Anstandsgründen, darauf verzichte, den recht wenig akademischen Ton Ihrer Zeilen zu übernehmen. Sogar wenn ich es gewollt hätte, hätte mein Selbstrespekt es mir verboten. | |
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Nach diesem Wort vorab, folgen hier — neben einigen Betrachtungen allgemeinerer Art — jene zusätzlichen, berichtigenden oder auf Mutmaßungen beruhenden Präzisierungen, die Sie anscheinend von mir erwarten, oder jedenfalls jene Präzisierungen, die ich Ihnen schuldig bin. Es ist wohl nicht erforderlich, daß ich übermäßig lange verweile bei den Betrachtungen, die Sie Ihren Fragen und Bemerkungen voranschicken — diese Betrachtungen spiegeln nur den Geisteszustand eines Menschen wider, der sich für das Opfer eines sehr perfektionierten Machiavellismus hält oder halten möchte. Die Tatsachen sind aber wesentlich einfacher: daß Herr Priester Sie erst am 15. März zur Teilnahme an einer der zwischen dem 25. März und 8. April stattfindenden öffentlichen Debatten eingeladen hat, erfolgte lediglich darum, weil erst am 15. März eine Übereinstimmung erreicht worden war zwischen dem Verlag und den seine Bücher vertreibenden Buchhandlungen einerseits und den Inhabern oder Verwaltern der Räumlichkeiten, in denen ich meine Vorlesungen halten würde, andererseits. Es ist weder Herrn Priester noch mir verborgen geblieben, daß die Frist, die Ihnen blieb zwischen dem Tage, an dem Sie benachrichtigt und höflich eingeladen wurden, und den Tagen, an denen die Vorlesungen stattfanden, etwas kurz war. Aber es war eben die Frist, über die wir selber nur zu verfügen hatten; es lag nicht an uns, daß sie nicht länger war. Ich glaube daher, daß ausführlichere Erklärungen über diese Sachlage sich erübrigen, wie auch darüber, wie unerträglich uns beiden der Gedanke gewesen wäre, Sie öffentlich in Frage zu stellen, ohne alles in unserer Macht Stehende getan zu haben, damit diese Diskussion doch noch in Ihrer Gegenwart erfolgen konnte. Es muß selbstverständlich Ihnen überlassen bleiben, ob Sie weiterhin glauben wollen — oder ob Sie nicht mehr glauben —, daß wir aus Berechnung handelten und "jene billige wohlbekannte Methode, andere ins Unrecht zu setzen", angewandt haben. Aber dies ist in meinen Augen nur mehr eine Frage, die sich aus Ihren späteren Handlungen wird beantworten lassen — im Sinne Ihres guten Glaubens oder des Gegenteils. Zur Beantwortung Ihrer eigentlichen Fragen und Bemerkungen möge Folgendes dienen, in der von Ihnen gewählten Ordnung: 1. Daß Herr Priester Ihnen schrieb, daß zwischen Ihnen und mir schon vorher ein Briefwechsel stattgefunden habe, beruht nur auf einer Verwechslung, die, soviel ich mich erinnere, entstanden sein mag im Laufe einer Unterhaltung über Sie und viele andere Personen, die heutzutage ihr tägliches Brot dem Platz verdanken, den sie sich durch die Gunst der Umstände in der KZ-Literatur haben schaffen können. Einer von Ihnen hatte mir einen offensichtlich sehr verärgerten, aber als Racheübung gemeinten Brief geschrieben, um mir dann nicht einmal den Erhalt mei- |
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ner Antwort zu bestätigen. Die Tatsache, daß ich hinzufügte, daß Sie mir ebensowenig den Erhalt jenes Exemplares der französischen Ausgabe meines Buches bestätigt hatten, welches ich Ihnen 1949 gleich bei Erscheinen übersandt hatte, damit Sie etwaige Berichtigungen vornehmen konnten, ein Schweigen, welches zweifelsohne darauf zurückzuführen war, daß Sie nicht sehr erfreut waren über den Inhalt 2), mag zu diesem Mißverständnis seitens des Herrn Priester geführt haben. Vielleicht lag es auch daran, daß ich mich nicht ganz einwandfrei in der deutschen Sprache ausgedrückt habe. 2. In diesem Abschnitte teilen Sie mir mit, daß Sie gleich nach Erhalt des Exemplars der deutschen Fassung meines Buches, welches ich Ihnen — getreu meinen Grundsätzen — hatte übersenden lassen, es einem Juristen übergeben haben. Von allen Punkten, in denen unsere Auffassungen auseinandergehen, Monsieur, ist gerade hier der Abstand zwischen Ihnen und mir am größten; es ist gleichfalls der Punkt, der mich radikal trennt von denjenigen, die in Frankreich in der gleichen Weise reagierten. Ich würde Sie sicher etwas kränken, wenn ich Ihnen sagte, daß die anerkannten Denker unserer Zeit diese Reaktion vergleichen mit der des Kindes, das sich bei seinem Schulmeister beschwert — und daß sie eine solche Reaktion als primitiv bezeichnen. Ich möchte Ihnen darum lieber sagen, daß sie eine frappante Ähnlichkeit hat mit ihrer logischen Fortsetzung in der Welt der Erwachsenen, d. h. zum Beispiel mit der Reaktion des Papstes, der Galilei verurteilen ließ; daß diese Reaktion daher ein Attentat gegen die Freiheit der Forschung darstellt, daß sie die stärkste Waffe der Obskurantisten gegen die Wahrheitssucher ist; und daß sie nie die Reaktion eines gebildeten Menschen sein kann. Es wird Ihnen vielleicht nicht entgangen sein, daß, wenn auch ein Papst auf den Gedanken kommen konnte, eine wissenschaftliche Frage durch Juristen entscheiden zu lassen, inzwischen immerhin vier Jahrhunderte vergangen sind, und daß heutzutage kein wirklich gebildeter Mensch daran denken würde, den Juristen unserer Zeit ein geschichtliches Problem zur Entscheidung vorzulegen. Ich habe Ihr Buch, "Der SS-Staat", mit großer Aufmerksamkeit gelesen — die deutsche wie auch die französische Fassung. Damals hatte ich den Eindruck, daß, wenn es als Kompilation auch ein beträchtliches Stück Arbeit darstellte, es doch nur von ziemlich beschränkten analytischen und interpretativen Fähigkeiten zeugt. Seither wurde mir gesagt, daß Sie Ihre akademischen Würden diesem Buch verdanken, eine Behauptung, der ich damals keinen Glauben schenkte. Nach der Lektüre Ihres Briefes jedoch muß ich mich fragen, ob diese Behauptung nicht doch zutreffen könnte. Wie dem auch
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sei, ich darf Ihnen versichern, daß in Frankreich Ihr Buch wie auch das Ihres Gesinnungsgenossen David Rousset als politisches Pamphlet betrachtet worden wäre, und daß kein akademisches Gremium sich bereit erklärt hätte, es als These zu akzeptieren 3). Die Geisteshaltung, die ich Ihnen vorwerfe, weil Sie meines Erachtens mit Ihrer jetzigen sozialen Stellung ebensowenig vereinbar sein dürfte wie mit den elementarsten Grundsätzen jenes Humanismus, in dessen Namen Sie zu sprechen glauben, finde ich außerdem noch an zwei weiteren Stellen Ihres Briefes: einmal dort, wo Sie mir ankündigen, daß Sie gerichtliche Schritte gegen meinen Verleger unternehmen wollen (Punkt 6) und weiter an der Stelle, wo Sie mir selber drohen, daß Sie die Angelegenheit beim Ehrenrat der Universität, der ich unterstehen würde, anhängig machen möchten (Punkt 4). Es steht mir nicht zu, im voraus ein Urteil abzugeben über die Ergebnisse, die einem etwaigen gerichtlichen Vorgehen Ihrerseits gegen meinen Verleger beschieden sein dürften. Ich weiß nur, daß mein Buch in Frankreich von den Gerichten als eine Zeugenaussage von gleicher Wichtigkeit wie alle anderen zugelassen wurde, und daß die Kläger mit der gegen mich erhobenen Klage (Beleidigung und Verleumdung) abgewiesen wurden. Wenn der Jurist, den Sie konsultierten, die deutsche Ausgabe fünf Monate lang in der Schublade hat schlummern lassen, so geschah dies vielleicht deshalb, weil er meinte, daß die deutschen Gerichte vielleicht denselben Standpunkt einnehmen würden wie die französischen (mit Ausnahme eines einzigen Gerichtes, dessen Präsident ein ehemaliger Kollaborateur war — und dessen Rechtsspruch später aufgehoben wurde). |
3) Folgende Erklärung hat Eugen Kogon vor dem Nürnberger Gericht am 6. Januar 1947, im Ärzteprozeß, abgegeben:"Ich heiße Eugen Kogon, geboren am 2. Februar 1903 in München (Bayern) und besitze die österreichische Staatsangehörigkeit. Ich bin Schriftsteller von Beruf und bin seit April 1946 als Herausgeber einer kulturellen und politischen Monatsschrift, der "Frankfurter Hefte" tätig.
Ich besuchte die Volksschule in München und die höhere Schule der Benediktiner und Dominikaner. Ich habe Volkswirtschaft und Soziologie studiert an den Universitäten München, Florenz und Wien. Seit 1927 wohnte ich in Wien, wo ich damals eine katholische Wochenzeitschrift herausgab. Gleichzeitig war ich Berater des Zentralausschusses der Christlichen Union in Wien. Von 1934 an verwaltete ich das Vermögen des österreichisch-ungarischen Fürsten von Sachsen-Coburg-Gotha.
Ich wurde verhaftet am 12. März 1938, d. h. am Tage, an dem die Nationalsozialisten Österreich besetzten. Ich wurde zuerst in Wien im Gefängnis festgehalten, um im Herbst 1939 als politischer Häftling in das Lager Buchenwald eingeliefert zu werden, wo ich bis zur Befreiung blieb.
Ich bin zuerst zu Erdarbeiten herangezogen worden, wurde dann als Schmied und danach als Schneider beschäftigt; Anfang 1942 wurde ich Schreiber in der Pathologischen Abteilung und im Frühling 1943 Sekretär des Hauptsturmführers, später Sturmbannführers Dr. Ding ..." (Aus Dr. François Bayle: "Croix gammée contre Caducée" [ = Hakenkreuz gegen Äskulapstab]).
"Ich bin Schriftsteller von Beruf", sagt Herr Kogon. Diese Erklärung beweist, daß er damals noch nicht Professor war, es also erst seitdem geworden ist. Etwa weil er das Buch "Der SS-Staat" geschrieben hat?
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Und was die moralischen Sanktionen und Entschädigungen betrifft, die Sie vor einem akademischen Ehrengericht verlangen könnten, so kann ich ebenso wenig übersehen, was Sie durch einen solchen Schritt im Deutschland des Jahres 1960 erreichen könnten, wo sich unter den Richtern dieser Kollegien doch immer weniger befinden dürften von denen, deren große Zeit 1945 begann. Aber ich darf Ihnen versichern, daß die französische Universität ihren freiheitlichen Traditionen, geboren aus den Umständen, unter denen sie nach dem Fall Abélard, zur Zeit des Albertus Magnus, gegründet wurde, treu geblieben ist, und daß diese Traditionen nur in sehr seltenen Ausnahmen in den düsteren Abschnitten unserer Geschichte verletzt wurden. Daher hat sich die Universität auch 1949 nicht in die Debatte eingemischt, und meine Beschuldiger, wohl wissend, daß eine solche Einmischung nur zu ihrem Nachteil ausfallen würde, haben sich auch nicht mit einer Bitte um Stellungnahme an die Universität gewandt. Wie alle Bücher, die historische Themen behandeln, war auch das meinige Gegenstand einer Debatte im "Bulletin de la Société des Professeurs d'Histoire et de Géographie", einer Debatte, die zu keiner Zeit gegen die Formen des akademischen Meinungsaustausches verstieß, und die dann fortgesetzt wurde in den Zeitschriften, die seitens einer Reihe von Hochschulen für die ganze Lehrerschaft veröffentlicht werden. Damit Sie sich ein Bild machen können von der Meinung, die in diesen Kreisen über mein Buch besteht — und damit Sie die Aussichten abschätzen können, die Ihren etwaigen Schritten beschieden sein dürften, füge ich diesem Schreiben einen Ausschnitt aus der obengenannten Zeitschrift bei, in dem ein französischer Historiker, Maurice Dommanget, ein anerkannter Fachmann auf dem Gebiet der revolutionären Problematik, seine Ansichten zum Ausdruck bringt, die ziemlich genau dem allgemeinen Standpunkt entsprechen. Glauben Sie mir, für unsere Meinungsverschiedenheiten sind nur Historiker zuständig — weder die Justiz noch Verwaltungsinstanzen — und ich bin durchaus bereit, mit Ihnen als Gegner meiner Thesen und Vertreter entgegengesetzter Thesen sämtliche Angaben den in allen deutschen Universitätsstädten bestehenden "Instituten für Zeitgeschichte" 4) zu unterbreiten, falls Sie sich dazu entscheiden können, auch diese Form der Auseinandersetzung neben Ihren anderen Maßnahmen gegen meine Thesen anzuerkennen. Da ich mich nie aus freien Stücken auf politischem Gebiet bewegte habe, wäre diese Form der Diskussion übrigens auch die einzige, die mich interessiert.
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Aber welche auch meine persönlichen Wünsche und Interessen sein mögen, ich habe nicht das Recht zu vergessen, daß Sie mich gebeten haben, Ihnen alle erforderlichen Auskünfte zu geben, um es Ihnen zu ermöglichen, bei meiner vorgesetzten Behörde gegen mich vorzugehen. Ich werde Ihnen außerdem auch die Grenzen einer solchen Aktion angeben, um damit dieses Thema abzuschließen. Bis zum Tage meiner Verhaftung durch die Gestapo lehrte ich an den "Cours Complémentaires" (= Oberschule) 5) der Stadt Belfort, Universität Besançon (Département du Doubs). Da mein Gesundheitszustand es mir nach der Rückkehr aus dem KZ nicht erlaubte, meinen Beruf wieder auszuüben, wurde ich vorzeitig in den Ruhestand versetzt, mit Wirkung vom 1. Oktober 1950. Ich unterstehe also jetzt keiner akademischen Behörde mehr — und Sie dürfen mir glauben, daß ich diese Tatsache in dem jetzt gegebenen Zusammenhang noch mehr bedauere als in allen anderen! — sondern nur noch wie jeder französische Staatsangehörige in der Sie interessierenden Hinsicht dem Justizministerium. Sie können die Richtigkeit dieser Angaben überprüfen, indem Sie sich entweder an die "Inspection académique", rue de la Préfecture, Besançon, wenden — oder, um die gewünschte Auskunft schneller zu erhalten, an das "Ministère de l'Education Nationale", 107 rue de Grenelle, Paris (7e). 3. Weil ich Sie nicht kenne (nebenbei bemerkt: auf Französisch bedeutet dieser Ausdruck, wenn Sie ihn wieder in seinen ursprünglichen Zusammenhang stellen, daß ich Ihnen nie begegnet bin), weil ich Sie also nicht persönlich kenne, sprechen Sie mir das Recht ab, meine Meinung über Ihren Zeugenbericht abzugeben. Ich kann Ihnen sagen, daß ich ein solches Argument bisher noch niemals von anderer Seite gehört habe als von einem jener im öffentlichen Leben nur zu zahlreichen Politiker, die, da ihre Zuhörer an die Worte des Sprechers keine allzu strengen Maßstäbe anlegen, sich auch ihrerseits nicht verpflichtet fühlen, ihre Argumente mit besonderer Sorgfalt auszuwählen. Aber wir sind hier nicht in einer öffentlichen politischen Versammlung. Würde ich Ihnen sonst gestehen, daß ich Plato, Sokrates, Perikles, Alexander, Aristoteles, Descartes und so viele andere Philosophen, Verfasser von Memoiren, Soldaten und Staatsmänner ebensowenig persönlich kennengelernt habe und trotzdem in aller Bescheidenheit überzeugt bin, die mir bescheinigten Fähigkeiten in ausreichendem Maße zu besitzen, um über die Taten und die Schriften dieser Männer sprechen zu dürfen? Und daß ich meine, es mir mit noch größerem Recht erlauben zu können, von Ihrem Zeugenbericht zu sprechen als von den Spuren, die die Vorhergenannten in der Geschichte zurückließen, ist ein Anspruch, dessen Be- |
5) Vorbereitungskurse für das Lehrerseminar, Teil der Universität Besançon.
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rechtigung wohl nicht widersprochen werden kann, so kurz und so unvollständig meine persönlichen Erfahrungen in den Konzentrationslagern auch gewesen sein mögen (fast zwei Jahre!). Ich habe mich außerdem bei der Behandlung Ihrer Zeugenaussage in der Form wie in allen anderen Hinsichten strikt an die Gesetze der wissenschaftlichen Geschichtskritik gehalten, genau so, als ob ich vor Schülern oder Studenten über die Memoiren des Saint Simon sprach oder über die Aufzeichnungen der Schwester Pascals bezüglich ihres Bruders oder über irgendeinen anderen Erlebnisbericht oder irgendein anderes Dokument. Da es mir nun aber gelungen ist, die inneren Widersprüche und die unlogischen Stellen Ihrer Arbeit aufzudecken, und Sie sich dadurch ein wenig verletzt fühlen in Ihrer Eigenliebe, kommen Sie nun zu dem selbstherrlichen Schluß, daß es sich bei meiner Arbeit um Angriffe gegen Ihre Person handelt. Das geschieht fast immer, wenn man die Erlebnisberichte lebender Menschen behandelt. Aber ich habe — wie ich meinen Lesern auch von Anfang an gesagt habe — nie von Anderem gesprochen als von dem, was Sie selber gesagt oder geschrieben haben — ich habe nicht über Ihre Person gesprochen, und, damit man mir nicht vorwerfen könnte, ich hätte Ihre Worte verdreht, habe ich Sie immer sehr gerecht zitiert. Ein Zeuge, der nicht vertragen kann, daß man seine Aussagen diskutiert, und der alles ins Werk setzt um zu verhindern, daß eine Gegenüberstellung seiner Erklärungen mit denen seiner Zeitgenossen stattfindet, wird immer mit Skepsis betrachtet werden und verdient die Qualitäten nicht, die er für sich in Anspruch nimmt. Diese Regel gilt für mich genau so wie für Sie. Nichts kann Sie daher daran hindern, mein Buch in derselben Weise zu kritisieren, wie ich das Ihrige kritisiert habe; und wie auch die Form sein mag, in der, welche auch die Umstände, unter denen Sie es tun — ich werde Sie niemals vor Gericht zitieren. Allenfalls würde ich unsere Meinungsverschiedenheiten einem Gremium von Historikern vorlegen und zwar, um die Wahrheitsfindung zu erleichtern — nicht um Strafmaßnahmen auszulösen. Als Historiker bin ich mir der Hinfälligkeit aller Erlebnisberichte, einschließlich meines eigenen, sehr wohl bewußt und bin darum in meinem Buch so weit gegangen, daß ich den Leser auf meine eigenen Schwächen hingewiesen habe, um ihn vor mir selber zu warnen. Und nun sehen Sie, wie unlogisch Sie sind: Auch diese Tatsache werfen Sie mir vor! Diese Art der Diskussion bringt uns nicht weiter. Sehen Sie: vor zwei oder drei Jahren haben die polnischen Kommunisten sich auf Befehl beträchtliche Mühe gegeben, um in der ganzen Welt das Buch "Der Lagerkommandant von Auschwitz spricht ..." zu verbreiten, ein Buch, welches das, was Sie geschrieben haben über die Entstehung der Vergasungen und die Formen, in denen diese erfolgten, nahe- |
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zu vollständig ad absurdum führt — und sogar auch einige in Nürnberg gemachte Aussagen. Wenn Sie mein Buch noch einmal aufmerksam durchlesen, werden Sie feststellen, daß sich meine Ansichten über eine Reihe von Punkten, die ich 1949 einer näheren Betrachtung empfohlen hatte, bestätigt haben. Und da liegt wohl der ganze Unterschied zwischen Ihrer Methode und der meinigen. 4. Die moralischen Lehren, die Sie mir unter dieser Ziffer freundlicherweise erteilen, habe ich mit Interesse zur Kenntnis genommen; da sie aber nichts enthalten, was ich nicht in den vorhergehenden Zeilen schon beantwortet hätte, halte ich es nicht für notwendig, das Gesagte zu wiederholen. Da ich außerdem in meiner Jugend Moralprofessoren hatte, die allein schon den Vorrang einer gewählteren Ausdrucksweise besaßen, spüre ich überhaupt keine Lust, abzusteigen auf das Niveau jener Epitheta, mit denen Sie mich so freigebig bedenken. Schließlich möchte ich mich doch auch nicht der Gefahr aussetzen, nochmals von Ihnen beschuldigt zu werden, ich hätte "gemeine, unehrliche, niedrige" Angriffe "voller Insinuationen" gegen Ihre Person verübt, während ich das, was ich zu Anfang dieses Briefes gesagt habe, nämlich, daß mein Selbstrespekt mir eine solche Ausdrucksweise verbietet, nicht Lügen strafen möchte. 5. Bei einem kurzen Besuch der Stadt Mönchen-Gladbach, wo ich am 27. 3. sprach, begegnete ich einer armen Frau, deren Mann in der vorhergehenden Woche auf Grund einer Ihrer Veröffentlichungen verhaftet worden war. Und von Hamburg bis Wien hörte ich von einer großen Anzahl von Fällen, in denen gerichtliche Verfolgungen und Verwaltungsschikanen, die irgendwann zwischen Kriegsschluß und heute stattgefunden hatten, oder die noch immer andauern, Ihnen als Urheber zugeschrieben wurden. Mir haben Sie mitgeteilt, daß Sie Schritte gegen mich unternehmen wollen bei der Behörde, der ich unterstehen würde. Dann erzählen Sie mir von einem Prozeß, den Sie gegen den Journalisten Risse aus München geführt haben, und auf der letzten Seite Ihres Briefes, unter Punkt 6, daß Sie auch meinen Verleger vor Gericht zitieren wollen. Sie sind wahrlich die Vorsehung selber für die Gerichte, und ich beginne mich zu fragen, ob Sie nicht etwa wirklich meinen, Sie wären der Große Gerichtsherr und Großinquisitor, wie Ihr Ruf Sie nennt. Erlauben Sie mir, Sie daran zu erinnern, daß es einmal in Spanien einen Herrn gab, der sich in seinem Verhalten nicht wesentlich von Ihnen unterschied? Einen Herrn namens Torquemada? Und daß die Geschichte gemeinhin wenig Achtung hat vor Gerichtsherren und Inquisitoren? Ich weiß nur wenig von dem Streit zwischen Ihnen und dem Journalisten Risse. Wenn er behauptet hat, daß Sie der Freund und Genosse der Kommunisten gewesen seien, so glaube ich nicht, daß diese Behauptung weit von der Wahrheit entfernt ist; ich teile übrigens seine Ansicht, |
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und Sie bestätigen es selber in Ihrem Buch (Seite 163, von mir zitiert auf Seite 201 der deutschen Ausgabe meines Buches), indem Sie ausführen, daß Sie den Posten, den Sie in Buchenwald innehatten, der geschickten Politik der kommunistischen Häftlinge verdankten. Ich glaube, daß es sich ebensowenig bestreiten läßt, daß es sich hierbei um einen privilegierten Posten handelt, angesichts der Beschreibung, die Sie selber davon gegeben haben (Seiten 163, 218 und 270, von mir angeführt auf Seite 202). Übrigens haben Sie, auf Grund dieser Sachlage, profitiert von den materiellen Vorteilen, über die die Häftlingsführung verfügte, sowie von der Art Ihrer (ziemlich engen) Beziehungen zum SS-Arzt Dr. Ding-Schuler. Wenn der Journalist Risse unter "Vorteile zu Lasten anderer" die "materiellen Vorteile der Häftlingsführung" versteht, so hat er darin sicher nicht Unrecht, und man braucht nur nachzulesen, was Sie selber geschrieben haben (Seiten 107, 110, 111 und 112, von mir zitiert auf den Seiten 207 und 208), um den Beweis in der Hand zu haben, daß diese Vorteile vor der Verteilung von den Lebensmitteln der Masse der Häftlinge genommen wurden. Hiermit habe ich also alle Fragen und Bemerkungen beantwortet. Zu beantworten bleibt nur noch die Grundfrage — und diese Grundfrage (die es uns allein ermöglicht hätte, in einem Briefwechsel das ganze Niveau der Diskussion ein wenig anzuheben) wird in Ihrem Schreiben nicht einmal erwähnt. Übrigens habe ich mich in dieser Antwort richten müssen nach dem Inhalt Ihres Schreibens und konnte daher im Vorhergehenden auch nur einige Male, zu kurz, hinweisen auf dieses wesentliche Problem; wenn ich jetzt noch darauf eingehen würde, würde dieser Brief leicht zu lang werden. Ich möchte Ihnen daher nur noch sagen, daß die letzten logischen Schlußfolgerungen aus den Argumenten keinen Zweifel übrig lassen, daß man eines Tages der Ansicht sein dürfte, daß wir, Sie und ich, von demselben Ereignis berichtet haben und zwar: — Sie, indem Sie den Standpunkt der Lagerhierarchie wiedergaben, die später zur Hierarchie der Nachkriegsgesellschaft wurde; oder, anders gesagt, daß Ihre Aussage einer Politik diente — der Tagespolitik — und zwar so, als ob diese Aussage mit dieser Absicht verfaßt worden wäre; und ich, indem ich den Standpunkt der Masse wiedergab, der erfahrungsgemäß in jeder Gesellschaft der wesentlichste Entwicklungsfaktor ist auf dem Wege des Fortschritts — einen Standpunkt, der schließlich im Großen und Ganzen gesehen zwar nicht zum Standpunkt der Geschichte wird, denn die Geschichte hat keinen Standpunkt, aber zum Standpunkt aller späteren Generationen in dem Maße, in dem diese späteren Generationen sich äußern. Nach diesen zwei Überlegungen wird es noch keineswegs nötig sein, sich zu sehr von der Sprache der Historiker zu entfernen, um sich der |
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Sprache der Philosophen zu bedienen (wie es in jeder wissenschaftlichen Abhandlung geschieht, da der Spezialist immer mehr oder weniger gezwungen ist, im Augenblick, wo die Folgerungen formuliert werden, seinen Platz dem Philosophen abzutreten), wenn wir herausstellen, daß der Standpunkt der Hierarchien immer konservativ und reaktionär ist und, um sich die günstigsten Chancen zum Überleben zu sichern, eine Verschwörung des Schweigens organisieren muß gegen alle Dokumente, die seinen Thesen widersprechen. Aus diesem Grunde hat dieser Standpunkt der Hierarchien nichts gemeinsam mit der geschichtlichen Wahrheit: Er ist nur die Tageswahrheit, deren Annahme erzwungen wird durch gegebene Kräfteverhältnisse. Der Standpunkt der Masse hingegen steht der Zukunft immer aufgeschlossen gegenüber, insoweit er, von der Tageswahrheit bedrängt, immer neue Dokumente heranzieht. Und wenn er sich auch nicht immer im Sinne der Geschichte bewegt, die, wie Sie ebenso gut wissen wie ich, ihre Zickzackentwicklung weitgehend dem jeweiligen Verhältnis der Kräfte verdankt, so entwickelt sich dieser Standpunkt der Masse doch auf die historische Wahrheit zu. Aus diesem Grunde ist der Standpunkt der Masse immer revolutionär, denn die historische Wahrheit selber ist immer revolutionär. Soll ich Ihnen zum Beispiel sagen, daß Ihr Buch das Verhalten der Häftlingsführungen in allen Lagern gerechtfertigt hat, und daß es demzufolge, da sich diese Häftlingsführungen gemeinhin aus Kommunisten zusammensetzten, seit Kriegsende der kommunistischen Politik als Sprungbrett gedient hat, und nicht etwa als ein unwesentliches. Daß Ihr Buch, indem es das Verhalten der Häftlingsführung rechtfertigte, gleichzeitig alle jene auf dieser Stufe begangenen Scheußlichkeiten rechtfertigte, für die diese Häftlingsführungen in vielen Fällen die Verantwortung nicht auf andere Personen abwälzen können. Sollte ich hinzufügen, daß Sie geschwiegen haben über Dokumente, von denen ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit annehmen möchte, daß sie Ihnen bekannt waren, und von denen ich hier nur eins nennen möchte: das Tagebuch (1942—1945) des Ausschusses zur Rettung der ungarischen Juden von Herrn Dr. Rezsö Kastner, ein Werk, das dem Nürnberger Gericht dank der Zähigkeit und den beträchtlichen Anstrengungen des ungarischen Widerstandskämpfers Alois Steger (der noch immer verkannt und heute das Opfer der krassesten Undankbarkeit ist) vorgelegt wurde, das es dann praktisch außer Betracht ließ, obwohl es eine der echtesten und objektivsten Aussagen über das Verhalten des Nationalsozialismus sein dürfte? Sollte ich Ihnen sagen, daß Sie durch Taten oder Unterlassungen dazu beigetragen haben, die Auslegungen zweifelhafter Dokumente als echt anerkennen zu lassen, wie zum Beispiel die Wann- |
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seeprotokolle, die Befehle, alle Lager mit ihren Wachmannschaften beim Herannahen der Alliierten in die Luft zu sprengen, die lange offiziell anerkannte Version der schmerzlichen Massenertränkungen in der Ostsee, die Statistiken über die Vergasungen, die von miserablen Journalisten in der Presse veröffentlicht wurden, die Beschreibungen dieser Vergasungen und noch so vieles mehr? Wenn es mir also erlaubt ist, ein Urteil über die geschichtliche Bedeutung Ihres Buches abzugeben (ein solcher Versuch kann selbstverständlich immer nur einen subjektiven Charakter besitzen), so würde ich Folgendes sagen: in der offensichtlichen Absicht, zum Nutzen einer bestimmten Politik, eine Anklageschrift zu verfassen, haben Sie die ganze Verantwortung für die Taten der Vorgängerin dieser Politik, den Durchführern dieser Politik und den Gefängniswächtern angelastet. Nun bin ich der Ansicht, daß diese Verantwortung unzweifelbar bei jenem System liegt, das den Weltkrieg 1914—18 verschuldet hat, aus dem dann eine internationale Politik hervorging, die den Nationalsozialismus hat entstehen lassen. Dieser hat dann in Deutschland Konzentrationslager geschaffen, wie man sie zur gleichen Zeit und mit demselben Zweck, wie auch mit denselben Charakterzügen an vielen anderen Stellen der Welt fand — und wie man sie auch heute noch findet. Philosophisch betrachtet würde ich sagen: nachdem Sie die ganze Verantwortung dem ausführenden Organ und dem Gefängniswärter aufgebürdet haben, und weil Sie noch immer die Geisteshaltung der Konservativen einnehmen, die will, daß eine Verantwortung immer eine Bestrafung nach sich zieht, hat sich Ihr Fall dadurch noch erschwert, daß Sie konsequenterweise die Bestrafung der ausführenden Personen und der Gefängniswärter verlangt haben, d. h. also, daß Sie eine Anzahl willkürlich bestimmter Individuen haben büßen lassen für die Fehler des Ganzen; daß der wirklich Verantwortliche, das System, welches den Krieg und den Nazismus verschuldet hat, unbehelligt geblieben ist und jeden Augenblick wieder von Neuem anfangen kann. Und sehen Sie jetzt, wie sich der Ring schließt: auf der politischen — d. h. also auf der niedrigsten — Ebene befinden Sie sich unter den Urhebern dieser verabscheuungswürdigen und obendrein noch unwahren Idee, die in der ganzen Welt verbreitet worden ist und besagt: — daß Deutschland die Konzentrationslager erfunden hätte; — daß sich in diesen Konzentrationslagern Greuel ereignet hätten, wie es sie bisher nie gegeben hätte; — und daß das deutsche Volk verantwortlich wäre für alle diese Dinge, denn — pflegte man hinzuzufügen — welcher andere Volkscharakter als der deutsche wäre teuflisch genug, um sie zu erfinden? Sie sind hiermit also zu einem Ergebnis gelangt, welches Sie vielleicht |
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nicht erstrebten: zur Verwandlung des deutschen Volkes in ein Volk von 50 Millionen Angeklagten, die offensichtlich von der Menschheit geächtet werden sollten. Gegen diese Angeklagten haben sich sofort alle Chauvinismen erhoben, allen voran der französische. Das war genau das, was die Kommunisten verlangten, und was sie heute nach fünfzehn Jahren noch immer verlangen — und daher stammt die Bedeutung, die Ihrem Zeugenbericht in ihren Augen noch immer zukommt ... Ich habe hier weiter nichts mehr hinzuzufügen, es wäre denn die Feststellung, daß dies die Lage ist, in der wir uns jetzt befinden, und daß es sehr schwer ist, die Dinge wieder ins richtige Geleise zu bringen, nachdem der Zauberlehrling einmal den Mechanismus ausgelöst hat 6). Ich habe noch eine ganz kleine Tatsache für den Schluß aufgehoben. Sie wissen, daß meine Vorlesung in Hamburg verboten wurde. Nun hatten mir an demselben Tage sechs verschiedene Personen gesagt, daß Sie am 24. März um 16 Uhr in Hamburg gewesen seien (Bartels Hotel, Hoheluftchaussee) zusammen mit einem Herrn Hoffmann — am 24. März, also am Tage, bevor ich meine Vorlesung halten sollte ... Obwohl die Menschen, die mir diese Mitteilung machten, hinzufügten, daß Herr Präsident Buhl zu Ihren Freunden zählte — und vor allem, weil sie ihrer Meinung nach unabweisbare Zusammenhänge sehen wollten zwischen Ihrer Anwesenheit in Hamburg am 24. März und dem Verbot meiner Vorlesung am nächsten Tage, habe ich mich damals geweigert, ihren Gedankengängen zu folgen. Soll ich Ihnen sagen, daß ich mich heute, nachdem ich Ihren Brief gelesen habe und die Hartnäckigkeit festgestellt, mit der sich diese Zeilen gegen die Freiheit der Forschung und die Freiheit der Meinungsäußerung wenden, mich zu fragen beginne, ob nicht ein Körnchen Wahrheit in diesen Vermutungen stecken könnte? Es steht bei Ihnen, es zu bejahen oder zu verneinen: ich werde Ihnen aufs Wort glauben. Aber das ist noch nicht alles ... Am Tage, nach dem meine Vorlesung hätte stattfinden sollen, gab eine Zeitung ("Echo") die Gründe für das Verbot an: "Herr K. H. Priester wäre ein ehemaliger SS-Offizier" und daraus ginge hervor, daß meine Vorlesung "Nazizwecken dienen" sollte. Ich halte die politischen Ansichten der Menschen nicht für so überaus wichtig, da ich weiß, in wie hohem Maße sie von der Entwicklung der |
6) Da Herr Eugen Kogon selber die Ansicht verkündet hat, daß die Konzentrationslager das Produkt eines krankhaft gesteigerten Nationalismus wären, hört man jetzt schon viele Stimmen in Deutschland, die sagen, daß Kogon ja Österreicher sei und früher dort als Journalist einer Partei diente, die nie sehr deutschfreundlich war: daß daher sein Buch "Der SS-Staat" und alles, was er seitdem schrieb oder sagte, bzw. noch heute schreibt oder sagt, sehr wohl der Ausdruck eines revanchistischen österreichischen Nationalismus sein könnte.So ungerecht und abscheulich diese Deutung auch sein mag, so dürfen wir doch nicht vergessen, daß die Bibel lange sein Lieblingsbuch war und wohl auch heute noch ist. Und die Bibel sagt: "Wer das Schwert aufnimmt, wird durch das Schwert umkommen ..."
Wer also den überspitzten Nationalismus aufnimmt ...
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Umstände abhängig sind: wieviele ehemalige Priester sind Freidenker geworden, wieviele ehemalige Soldaten Pazifisten oder umgekehrt, wieviele Kommunisten Faschisten oder umgekehrt — das sind alles Fragen, mit denen man sich selten beschäftigt, wenn sie auch ihre Bedeutung haben. Wenn die politischen Ansichten der Menschen sich nicht änderten, gäbe es überhaupt keine Hoffnung mehr auf eine Höherentwicklung unserer gesellschaftlichen Struktur — und vor allem könnte man dann auch auf "Professoren der politischen Wissenschaften" verzichten, denn ihre Existenzberechtigung liegt ja gerade darin, daß eine Weiterentwicklung der Ansichten möglich ist. Und wenn man beweisen will, daß mein Buch "Nazizwecken dienen" soll und zum Beweise dessen anführt, Herr Priester sei ein ehemaliger SS-Offizier, so ist das nicht nur verfehlt, weil Herr Priester nie der SS angehört hat, sondern beweist offenbar, daß man nicht viele Beweise für die Behauptung über mein Buch besitzt, da ja der einzige, den man vorbringt, nicht zutrifft. Ich teile Ihnen dieses mit, weil ich die obige Anschuldigung in derselben Form schon einmal angetroffen habe und zwar in einer Veröffentlichung ("Hessische Jugend" Nr. 11, Nov. 59), die gratis verteilt wurde in allen hessischen Schulen, unter den Auspizien des Erziehungsministers — und weil ich, aber ich kann mich natürlich irren, glaube, daß auch Sie etwa dieser Ansicht sind. Ich bin Sozialist, Monsieur. Obwohl ich mich nie sehr eingehend in die politischen Streitigkeiten gemischt habe, so habe ich doch fast vierzig Jahre als Sozialist gelebt. Mein Sozialismus ist ein doktrinärer Sozialismus. Er basiert nicht auf dem Marxismus, sondern auf den Gedanken und Entdeckungen von Menschen wie die Engländer Robert Owen und Keir Hardie, dem Deutschen Bernstein, dem Schweizer James Guillaume, dem Franzosen Proudhon, dem Russen Kropotkin usw ... und ist im Einklang mit der Philosophie eines Tolstoi und eines Gandhi. Er entspricht offensichtlich nicht dem Sozialismus der Parteien: da er die Gewalt ablehnt, lehnt er auch den Krieg ab, also auch jenen überlebten Nationalismus, in dem die europäischen sozialistischen Parteien seit den dreißiger Jahren untergegangen sind, und schließlich lehnt er auch die romantische Auffassung von der Barrikadenrevolution ab. Ich will keineswegs verheimlichen, daß mein Sozialismus auch ein wenig beeinflußt ist von den geschichtlichen Begebenheiten, und daß er auch Einiges der modernen Wissenschaft verdankt: er braucht die historische Wahrheit und distanziert sich von allen jenen partiellen Aktionen, die den niedrigen Instinkten der Massen schmeicheln aus Absichten heraus, die niemals offen dargelegt werden können. Wenn mein Buch, in welchem Maße und in welcher Hinsicht auch einer Parteilichkeit beschuldigt werden kann, so nur darin, daß es sich dieser Doktrin, der Lehre der Unparteilichkeit, verschrieben hat. |
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Mit der Versicherung, daß ich mich im Vorhergehenden bemüht habe, Ihnen nichts zu sagen, was nicht innerhalb der von den guten Umgangsformen gezogenen Grenzen bliebe, bin ich, Monsieur, gez. Paul Rassinier Anlage: "Es sind Dokumente eines anderen Niveaus, deren sich Paul Rassinier in der zweiten Auflage eines Werkes bedient, das viel Aufregung verursacht hat und vielen Risiken ausgesetzt war: es betrifft das Leben in und die Literatur über die Konzentrationslager jenseits des Rheines. Rassinier war Widerständler der ersten Stunde, aber ein Widerständler nach eigener Art wie so viele, auf einer Ebene, die sich der — gewissermaßen offiziellen — Norm entzog. Nichtsdestoweniger war er einer der Gründer der Bewegung "Libé-Nord". Er wurde von der Gestapo verhaftet und erst nach Buchenwald, dann nach Dora gebracht. Er ist also ein echter Heimkehrer aus den Lagern Hitlers. Aber mehr noch, er ist ein Heimkehrer, der sich nichts vorzuwerfen hat, da er nie jenen Gruppen angehört hat, die in den Lagern die Verlängerung des Armes der Nazi-Autorität bildeten. Seine Absicht ist klar und sehr scharf umrissen. Er ist bestrebt, einen Rahmen erster Grundlagen zu schaffen, ein Anliegen, das heute vielleicht noch verfrüht erscheinen mag angesichts der vorliegenden Dokumentation und der "Störungen" von parteilicher Seite, das aber eines Tages den Wert eines Postulates haben kann. Wie er vorgeht? Indem er eine gewisse Anzahl Zeugenaussagen und Erzählungen der KZ-Literatur gewissenhaft durchleuchtet. Abgesehen von Texten, denen sozusagen geringere Bedeutung zukommt, erwähnt und diskutiert der Verfasser schwerwiegende Äußerungen von David Rousset, Eugen Kogon und Martin-Chauffier. Er hat diese Texte nicht etwa willkürlich ausgewählt, sondern aus seinem Bedürfnis nach intellektueller Redlichkeit heraus ganz einfach, weil sie von dem sprechen, was er weiß, was er gesehen und gehört hat. Es genügt zu sagen, daß Rassinier durch die Strenge der Maßstäbe, die er anlegt, einen sehr wertvollen Beitrag leistet zur Geschichte der Hitlerischen KZ-Welt." Maurice Dommanget |
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