Anstelle eines Vorwortes

„Ein Jude gegen die deutsche Selbstzerfleischung", Leitartikel aus der „Deutsche Wochenzeitung" Nr. 16 vom 21. April 1967.

„Wir berichteten bereits in unserer Vornummer von der sensationellen Zeugenaussage des jüdischen Schriftstellers J. G. Burg in dem Stanislau-Prozeß in Münster. Burg, der in seinem Werk „Schuld und Schicksal" für eine ehrliche Bewältigung der Vergangenheit und für eine Revision der gegenwärtigen Geschichtsauffassung eintritt, kämpft seit Jahren vergebens für eine Versöhnung der Juden und des deutschen Volkes. Wir haben J. G. Burg gebeten, uns seinen Eindruck von dem Prozeß zu vermitteln. Burg, der nicht nur Volljude ist, sondern auch der mosaischen Glaubensgemeinschaft angehört, wurde wegen seiner wahrheitsgetreuen Zeugenaussage bereits von manchen Seiten scharf angegriffen. Die bundesdeutsche Presse aber schwieg wie ein Mann über die Tatsache, daß ein Jude nicht nur die Wahrheit sucht, sondern auch den Mut hatte, die Wahrheit auszusagen. Nahezu eine Stunde lang beriet das Gericht über den Antrag des Staatsanwaltes, die Öffentlichkeit von dieser Zeugenaussage auszuschließen und die Journalisten aus dem Saal zu entfernen. Das Gericht entschloß sich aber schließlich, die Öffentlichkeit nicht auszusperren. Was nachstehend J. G. Burg berichtet, ist eine erschütternde Bestätigung dessen, was wir über die Praktiken der belastenden Zeugenaussagen in den sogenannten Kriegsverbrecherprozessen schon lange wußten. Hier wird die Wahrheit aus dem Munde eines mutigen Juden bestätigt. J. G. Burg schreibt:

,In vielen Großstädten der Bundesrepublik finden in ständiger Folge Kriegsverbrecherprozesse statt, auch in Münster (Westfalen). Im Schwurgerichtssaal des Landgerichts dieser Stadt geht zur Zeit ein Prozeß über die Bühne, nach dem Auschwitzprozeß der größte, mit internationalem Echo. Offiziell wird dieser Prozeß nach der Anklage gegen Krüger und andere genannt oder der Stanislauer. Den Angeklagten wird Mord an der jüdischen Bevölkerung der in Galizien liegenden Stadt Stanislau und deren Umgebung während des zweiten Weltkrieges vorgeworfen. Der Prozeß begann im April 1966. Ich erfuhr von ihm erstmals im August des vergangenen Jahres durch schweizerische und israelische Presseberichte. Damals schon wirbelte dieser Prozeß Staub auf, weil es Zusammenstöße zwischen Angeklagten und Zeugen gegeben hatte. Gegen einen Teil der Zeugen wurde der Vorwurf erhoben, wahrheitswid-

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rige Aussagen gemacht zu haben, anderen wurde vorgeworfen, daß sie selbst Kollaborateure der SS und der Gestapo gewesen wären. Diese Vorwürfe sollen Tränen und Ohnmachtsanfälle bei den betroffenen Zeugen hervorgerufen haben.

Dies nahm die internationale zionistische Presse zum Anlaß, sich mit dem Münster-Prozeß zu befassen. Unberufene schrieben, was besser in der Schreibmaschine geblieben wäre" allein es erhoben sich auch erfreulich objektive Stimmen. Eine Meinungsäußerung kam sogar aus Israel: Leider gebe es auch jüdische Zeugen, die durch ihr Verhalten andere, anständige jüdische Zeugen in Mißkredit brächten.

Manche drängen sich als Zeugen auf, um dadurch gratis in die Bundesrepublik und zurück fahren zu können. Sie erledigen in der Bundesrepublik bei dieser Gelegenheit Persönliches oder Geschäftliches auf Kosten des deutschen Steuerzahlers statt auf eigene Kosten, wie es ohne die erlangte Eigenschaft als Zeuge notwendig gewesen wäre.

Andere wiederum jammerten und verurteilten nicht nur das Verhalten der Angeklagten, sondern gingen sogar so weit, die Objektivität und Befähigung des Schwurgerichtsvorsitzenden zu bezweifeln. Es wurde auch gefordert, daß die Zionisten in der Bundesrepublik sich dem gesamten Problemkomplex intensiver widmen müßten" man solle sogenannte Betreuer oder Berater ernennen, welche die jeweiligen Zeugen aus dem Inland und Ausland vor „ungerechter" Behandlung zu schützen hätten.

Schließlich erhielt ich zu Beginn dieses Jahres eine Zeugenvorladung zu dem erwähnten Prozeß in Münster für Ende März.

Vor meiner Einvernahme trat man in der Wandelhalle des Gerichtsgebäudes auch an mich heran, erteilte mir Ratschläge und „Verhaltungsmaßregeln" und stellte mir anheim, mich, sollte etwas passieren, an diesen und jenen zu wenden, die mich unter ihre Fittiche nehmen würden.

Als ich dann zu meiner Vernehmung auf dem mir angebotenen Zeugenstuhl Platz genommen hatte, vermochte ich nichts von alledem festzustellen, was ich Monate zuvor in tendenziösen Berichten über diesen Prozeß gelesen hatte. Die Angeklagten benahmen sich ruhig wie alle anderen auch" der Vorsitzende erschien mir als erfahrener Richter, der sich nach Kräften um Objektivität bemühte, der souverän über allen Vorkommnissen stand, die Angeklagten belehrte, die Zeugen väterlich zurechtwies, zu weit gehende Anträge des Staatsanwaltes nicht genehmigte und mit einem Wort im besten Sinn den Begriff Richter verkörperte.

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Ich war Zeuge und Sachverständiger, und es ging in der Hauptsache um zwei Kardinalangelegenheiten: um das Zeugenproblem und um Statistik.

Die erste Angelegenheit konnte an Hand von Beweisen geklärt werden, die zweite natürlich nicht. In dieser Richtung wird man wohl kaum je zufriedenstellende Ergebnisse erzielen.

Wenn jüdische Zeugen vor deutschen Gerichten bewußt falsche Aussagen machen (die Falschaussage im guten Glauben sei hier selbstverständlich ausgeklammert), womöglich noch den traurigen Mut haben, sie zu beeiden, also einen Meineid zu leisten, dann ist solches Tun verwerflich. Sie begehen ja nicht nur ein Verbrechen gegen die Heiligkeit des Eides, sondern ein Vergehen gegen die Wahrheit überhaupt und bringen zudem Schande über ihr eigenes Volk.

Ein solcher Zeuge verstößt nachweisbar gegen die mosaischen Gesetzte und Vorschriften sowie gegen die talmudische Lehre wie auch gegen die Meinung der weltlichen Autoritäten unseres Volkes.

Es liegt mir fern, zu verallgemeinern aber; leider 'kamen solche beeidete Falschaussagen vor.


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