Für Sie gelesen

in: Weekend Avisen, 18. Oktober l996, 42. Woche

Revisionismus ist manchmal gut, manchmal schlecht.
Das hängt offensichtlich davon ab, wer und was revidiert wird.

Völkermord ist nicht gleich Völkermord

Von Prof. Dr. phil. Bent Jensen

Es ist eine interessante Tatsache, daß das Interesse für den nationalsozialistischen Völkermord an Juden in den 40er Jahren die Aufmerksamkeit in Westeuropa und den USA so stark beansprucht, während es für den kommunistischen Völkermord an den Bauern in Rußland und der Ukraine (und Kasachstan) in den 30er Jahren fast kein Interesse gibt.

So hat Weekend Avisen in beinahe jeder Nummer einen Artikel oder eine Buchbesprechung über das erstgenannte Thema, aber im großen ganzen nie eine Abhandlung des letzteren.

Leiden und Tod der russischen und ukrainischen Bauern sind augenscheinlich uninteressant. Und doch fanden sie statt in Europa, nicht weit weg von der späteren Vernichtung von Juden.

Es gibt auch interessante Unterschiede bei der Sichtweise der Medien und der Politiker in Bezug auf die zwei Völkermorde, die in der gleichen Epoche stattfanden und mit nur einem halben Dutzend Jahre Zeitabstand. In Deutschland kann man zum Beispiel sehr streng bestraft werden, wenn man bestimmte Sachen über den deutsch-nationalsozialistischen Völkermord gesagt oder geschrieben hat, und Thomas Thura teilt in seinem Artikel vom 11. Oktober mit, daß der britische Historiker David Irving im letzten Jahr von einem deutschen Gericht zu einer Geldbuße von nicht weniger als 30.000 DM (= 120.000 dänische Kronen) verurteilt wurde, weil er fünf Jahre früher die Auffassung vertreten hatte, daß die Deutschen keine Gaskammern in Auschwitz benutzten.

Man stelle sich nur vor, daß man auch bestraft würde, wenn man politisch unkorrekte Meinungen über andere historische Fragen äußert. Da gäbe es dann viel zu tun. Es ist wirklich verblüffend - um es sehr milde auszudrücken - daß ein europäischer Staat zum Ausgang des 20. Jahrhunderts meint, daß historische Probleme von Gerichten abgehandelt werden sollen, und nicht von Historikern. Es ist ansonsten totalitären Staaten vorbehalten, die Bürger für Meinungen zu bestrafen, von denen man meint, daß sie gegen das Staatsinteresse verstoßen. Das deutsche Sondergesetz bezüglich dessen, was man in Bezug auf Auschwitz nicht sagen darf, ist ein Schandfleck und ein grober staatlicher Übergriff auf die Freiheit der Meinungsäußerung und der Forschung.

Was den umfassenderen Völkermord in der Sowjetunion angeht, verhält es sich beinahe umgekehrt. Ich bin persönlich von einem Historiker einer Art nationalsozialistischer Neigung beschuldigt worden, weil ich in den 80er Jahren darauf bestand, daß das Katyn-Massaker an polnischen Offizieren und Intellektuellen von sowjetischen Mördern begangen worden war und nicht von nationalsozialistischen. Im umgekehrten Fall gewann ein Historiker in Westeuropa und den USA große Anerkennung und akademisches Ansehen, weil er Stalins Verantwortlichkeit für Verbrechen bestritt, die, wie erwähnt wurde, sowohl in Bezug auf Ausmaß und Dauer umfassender waren als die von Hitler und NS-Deutschland.

Auf noch einem weiteren Gebiet gibt es einen eigentümlichen Unterschied in der Betrachtungsweise von Nationalsozialismus und Kommunismus. Thomas Thurah geht sehr hart mit dem Revisionisten David Irving ins Gericht, weil letzterer meint, daß es im Nationalsozialismus verschiedene Strömungen gab, eine gute und eine schlechte. Ich halte mich in dieser Frage nicht für so klug, wie es Thomas Thurah anscheinend ist, aber es sollte doch wohl erlaubt sein, wenigstens die Frage zu diskutieren.

Umgekehrt hat einer der anerkanntesten amerikanischen Revisionisten, Stephen Cohen, mit dem Spezialgebiet Sowjetunion der 20er und 30er Jahre bedeutende Anstrengungen entfaltet, um just zwischen einem guten und einem schlechten Bolschewismus zu unterscheiden, der gute personifiziert durch Nikolaj Bukharin und der schlechte durch Stalin. Andere Historiker haben Lenin und Stalin als Repräsentanten für den guten bzw. den bösen Sozialismus gebraucht.

Zum Schluß: Es ist bedauerlich zu erfahren, daß jüdische Gruppen in den USA einen renommierten Verlag dazu bringen können, eine geplante Herausgabe z.B. von Irvings Goebbels-Biographie aufzugeben, nur weil sie diesen Menschen nicht behagt. In den USA sind es nicht wie in Deutschland die Politiker und Gerichte, sondern einflußreiche private Gruppen, die bestimmen wollen, was die Bevölkerung lesen darf und was sie nicht lesen darf. Das ist ein grober privater Übergriff gegen die Meinungs- und Forschungsfreiheit.

Es gibt ja so vieles, was die eine oder andere "Gruppe" nicht lesen oder hören mag. Aber es ist natürlich völlig unannehmbar, daß starke Organisationen auf diese Weise anderen ihren Willen aufzwingen können. Das zeugt im übrigen auch von geringem Glauben an das freie Wort - oder, wie die alten Griechen sagten: es schadet einer Sache nicht, daß sie erörtert wird.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 1(2) (1997), S. 111f.
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